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Wie vernascht man einen Millionär?

1. KAPITEL

„So was sieht man auch nicht alle Tage.“

„Was meinst du?“ Lucas King trat aus der Haustür auf die Veranda und gab seinem jüngeren Bruder ein Bier. Einen Augenblick lang ließ er den Blick über den Pazifik schweifen. Die untergehende Sonne tauchte das Wasser in rotgoldenes Licht. Er setzte sich auf den nächstbesten Stuhl und nippte an seinem Bier.

Sean lächelte und wies mit dem Zeigefinger nach links. „Das da. Guck mal, was für ein merkwürdiges Gefährt vor dem Haus deiner Nachbarin steht.“

Lucas blickte auf den Ocean Boulevard und schüttelte erstaunt den Kopf. Vor dem Nachbarhaus stand ein dunkelblauer Minivan. So weit noch nichts Besonderes. Aber auf dem Dach des Fahrzeugs war eine riesige Bratpfanne montiert.

„Was ist das denn, um Himmels willen?“

„Steht seitlich auf dem Schild“, sagte Sean lachend.

„‚Kochkurse bei Ihnen zu Hause‘“, las Lucas halblaut vor und kratzte sich am Kopf. „Die knallgelbe Schrift hat wohl nicht gereicht? Es musste auch noch die riesige Nachbildung einer Bratpfanne sein?“

Lachend nahm Sean einen Schluck Bier. „Werbung ist eben alles. Obwohl … windschnittiger wird die Karre dadurch nicht.“

„Sieht total lächerlich aus“, kommentierte Lucas. Wer wohl so wenig Stolz besaß, dass er freiwillig mit so einem Monstrum durch die Gegend fuhr? „Überhaupt – ‚Kochkurse bei Ihnen zu Hause‘. Was ist das für eine Geschäftsidee? Wer macht so was bloß?“

Als sich die Tür des Minivans öffnete und die Fahrerin ausstieg, schnalzte Sean anerkennend mit der Zunge. „Da hast du die Antwort. Also, von der Lady würde ich mir auch gern was beibringen lassen. Muss nicht unbedingt Kochen sein.“

Lucas verdrehte die Augen. Typisch Sean. Immer bereit für die nächste Frau in seinem Leben. Wahrscheinlich müsste er sich nur fünf Minuten mit der Pfannenfrau unterhalten, um sich mit ihr fürs nächste Wochenende zu verabreden. Na ja, es sei Sean gegönnt, dachte Lucas. Eine Frau nach der anderen – wenn es ihm so gefällt …? Ich habe lieber ein bisschen mehr Ruhe und Beständigkeit in meinem Leben.

Er hörte kaum zu, während Sean weiterredete. Stattdessen blickte er hinaus aufs Meer. Ja, deswegen wohnte er so gern hier. Jeden Abend nach der Arbeit konnte er sich auf die Veranda setzen, ein Bierchen trinken, auf die unendlichen Weiten des Ozeans blicken und dabei wunderbar abschalten. Normalerweise war er dabei allein. Ohne seinen quasselnden Bruder.

Hier fiel die große Verantwortung, die er für die Baufirma King Construction trug, von ihm ab. Hier behelligte ihn niemand wegen der nächsten Konferenz oder irgendwelcher fehlender Baugenehmigungen. Keine Kunden, die besänftigt werden mussten, kein Stress, kein Druck.

Nicht dass er seine Arbeit nicht mochte. Im Gegenteil, er mochte sie sogar sehr. Zusammen mit seinen Brüdern Rafe und Sean hatte er aus King Construction die größte Baufirma an der Westküste gemacht. Trotzdem genoss er es, abends nach Hause zu kommen und einfach abzuschalten.

„Ich hatte schon immer eine Schwäche für Blondinen“, merkte Sean an. „Schadet auch nichts, wenn sie hochgewachsen sind.“

„Blondinen, Rothaarige, Brünette“, schimpfte Lucas. „Dein Problem ist: Du hast für alle eine Schwäche.“

„Ach ja?“, gab sein Bruder zurück. „Und weißt du, was dein Problem ist? Du bist zu wählerisch. Wann hast du denn das letzte Mal eine Frau angerufen? Ich meine abgesehen von unseren Kundinnen.“ Sean lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

„Das geht dich gar nichts an“, murmelte Lucas.

„Siehst du, muss schon sehr lange her sein. Kein Wunder, dass du in letzter Zeit so gereizt bist. Wirklich unausstehlich.“ Sean nahm einen Schluck Bier. „Du musst einfach mal wieder ein bisschen Zeit mit einem weiblichen Wesen verbringen. Schau dir doch nur mal diese Blondine näher an. Dann kommst du schon wieder auf den Geschmack.“

Lucas wusste, dass sein Bruder keine Ruhe geben würde, also fügte er sich ins Unvermeidliche und nahm die junge Frau ins Visier. „Auch das noch“, murmelte er.

„Hä?“ Verständnislos sah Sean ihn an.

„Ich glaub’s einfach nicht“, sagte Lucas, mehr zu sich selbst als zu seinem Bruder. Er erhob sich, ohne die große, gut gebaute Blondine aus den Augen zu lassen. Sie hatte ihr langes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, ihre Haut war hell. Aus der Entfernung konnte er zwar ihre Augen nicht sehen, aber er wusste, dass sie blau waren. Außerdem war die junge Frau immer gut gelaunt, auch das wusste er.

Zwei Jahre hatte er sie nicht gesehen, und ihr Anblick ließ ihn nicht kalt. Jetzt öffnete sie die Schiebetür des Minivans und beugte sich vor, um etwas herauszuholen.

Ausgiebig musterte er ihr Hinterteil, das in einer knallengen schwarzen Jeans steckte. Er war wie elektrisiert.

„Was ist denn?“, fragte Sean und erhob sich ebenfalls. „Kennst du sie etwa?“

„Ja, von früher“, gab Lucas zu. Allerdings hatte er sie nicht so gut gekannt, wie er es sich damals gewünscht hätte. Man baggerte schließlich nicht die Schwester eines Freundes an. Das gehörte sich nicht.

„Das trifft sich ja prima. Dann kannst du mich dieser blonden Prachtfrau ja vorstellen und …“

Lucas sah ihn böse an.

Abwehrend hielt Sean in die Hände in die Höhe. „Schon gut, schon gut, vergessen wir das. Aber du kannst mir wenigstens verraten, wer sie ist.“

„Rose Clancy.“

Sean zog die Augenbrauen hoch und blickte zu der Blondine hinüber, die immer noch in ihrem Wagen nach etwas suchte. „Das ist Dave Clancys kleine Schwester?“

„Ganz genau.“

„Die, von der er immer in den höchsten Tönen geschwärmt hat? Wie rein und unschuldig sie wäre? Sozusagen eine kleine Heilige?“

„Genau die.“ Lucas konnte sich noch gut daran erinnern, wie oft sein ehemaliger Freund Dave mit seiner kleinen Schwester angegeben hatte.

Die Familie Clancy besaß ebenfalls eine Baufirma. Auf eine Art waren sie also Konkurrenten, zumindest in dem Sinne, dass sie in derselben Branche tätig waren. Einen wirklichen Konkurrenzkampf gab es zwischen ihnen aber nicht, fand Lucas. King Construction war die größte und seiner Ansicht nach auch beste Baufirma an der Westküste, und Clancy musste sich mit dem zweiten Platz begnügen.

Dave und er hatten sich auf einem Handelskammertreffen kennengelernt und waren sich von Anfang an sympathisch gewesen. Schnell waren sie Freunde geworden und hatten ihre berufliche Konkurrenz eher sportlich-gelassen gesehen. Keiner hatte dem anderen seine Kunden missgönnt. Doch dann, vor zwei Jahren, war Lucas dahintergekommen, wer Dave Clancy wirklich war: ein Lügner und ein Dieb.

„Hat sich Rose nicht letztes Jahr scheiden lassen? Weil sich ihr Mann als totaler Mistkerl entpuppt hat?“

„Stimmt. Von der Scheidung habe ich auch gehört. Besonders lange war Rose ja nicht verheiratet.“

Gerade lange genug, um zu erkennen, dass ihr Mann ein notorischer Fremdgeher war. Komisch eigentlich, dass ihr großer Bruder, der doch immer so gut auf sie aufpasste, sie nicht vor dieser katastrophalen Ehe bewahrt hatte.

Wieder blickte Dave zum Minivan hinüber. Anscheinend hatte Rose alles gefunden, was sie gesucht hatte, denn sie schloss die Schiebetür und ging zum Haus. In der ganzen Zeit hatte sie sich kein einziges Mal umgesehen, deshalb hatte sie ihre beiden Beobachter nicht bemerkt.

„Was hast du vor?“, fragte Sean.

„Ich habe überhaupt nichts vor“, gab Lucas zurück. Das stimmte natürlich nicht. Ungeahnte Möglichkeiten taten sich auf.

„Das kannst du unserer Großmutter erzählen. Ich kenne dich doch, irgendwas führst du im Schilde.“

„Wie war das noch, bist du heute Abend nicht verabredet?“, fragte Lucas unvermittelt.

„Ja, schon, aber …“

„Dann solltest du dich langsam auf den Weg machen.“

„Im Klartext: Du willst mir nicht erzählen, was du vorhast.“

Lucas lächelte verschmitzt. „Kluges Kind.“

Kopfschüttelnd stellte Sean seine halb volle Bierflasche ab und ging die Verandatreppe hinunter. Auf dem Weg sah er sich noch einmal nach seinem Bruder um. „Aber vergiss nicht: Dave war derjenige, der uns betrogen hat. Nicht seine Schwester. Die hatte damit rein gar nichts zu tun.“

Lucas hielt seinem prüfenden Blick stand. In seinen Augen war nichts von seinen Gefühlen abzulesen. „Habe ich irgendwas von Dave gesagt?“

„Nein“, gab Sean zu. „Aber ich weiß doch, wie du tickst.“

„Ach, tatsächlich?“

„Allerdings.“ Skeptisch musterte Sean seinen Bruder. „Eins gilt für alle Kings: Wir lassen uns nicht gern über den Tisch ziehen. Aber du betrachtest jeden Betrugsversuch als persönliche Beleidigung.“

„Ist doch auch so.“ Lucas wandte den Blick von seinem Bruder ab und schaute zum Minivan hinüber. Wie lächerlich er aussah! Eine Riesen-Bratpfanne auf dem Dach! Alberner ging es nicht.

Ja, Dave Clancy war ein Freund gewesen. Lucas hatte ihm vertraut – etwas, das er nicht von vielen Menschen sagen konnte. Dass dieser sogenannte Freund sein Vertrauen missbraucht hatte – das hatte ihm sehr wehgetan. Natürlich war er immer noch wütend. Und das war sein gutes Recht.

„Dave hat nicht nur mich, sondern uns alle betrogen“, half Lucas Seans Gedächtnis auf die Sprünge. „Er hat einen unserer Angestellten bestochen, damit der ihm unsere Kalkulationen verrät. Und mit diesem Wissen hat er uns bei den Ausschreibungen für mehrere Großprojekte unterboten. Soll ich das etwa nicht persönlich nehmen?“

„Wirklich beweisen konnten wir das aber nie.“

„Ach nein? Du erinnerst dich doch, dass Lane Thomas bei uns gekündigt hat und in Daves Firma gewechselt ist. Genau zu diesem Zeitpunkt hörte das Unterbieten auf. Jetzt erzähl mir nicht, dass du das für einen Zufall hältst.“

„Na schön“, erwiderte Sean achselzuckend. „Ich meinte ja nur, dass du deinen Ärger auf Dave nicht an Rose auslassen sollst.“

„Wer sagt denn, dass ich das vorhabe?“

„Du planst also keinen Rachefeldzug?“

„Tschüss, Sean. Wir sehen uns morgen auf der Arbeit.“

„Das geht nicht gut aus“, kommentierte Sean und ging zu seinem Auto.

„Stimmt, für die Clancys geht es nicht gut aus“, murmelte Lucas vor sich hin, nachdem sein Bruder davongefahren war. „So viel steht schon mal fest.“

Rose winkte der Frau, die im Türrahmen stand, noch einmal zu. Ihr Lächeln erlosch erst, als die Haustür hinter ihr zufiel. Inzwischen war es dunkel geworden, doch die Straßenlaternen des Ocean Boulevard spendeten genug Licht. Begierig sog sie die kühle Abendluft ein. Erst mal den ekelhaften Geruch von angebrannten Zwiebeln aus der Nase bekommen!

Kathy Robertson hatte sich in den Kopf gesetzt, eine gute Köchin zu werden, obwohl sie weder Ahnung noch Talent hatte. Es würde schwierig werden. Andererseits war es natürlich gut für Roses Geschäft, denn eine Langzeitkundin versprach stetige Einnahmen. Lächelnd verstaute sie ihre Utensilien im Minivan und schob die Tür zu. Als sie plötzlich hinter sich eine Männerstimme hörte, zuckte sie zusammen.

„Ist schon eine ganze Weile her, was?“

Blitzschnell drehte sie sich um und erblickte den Mann, den sie seit zwei Jahren nicht gesehen hatte. Seit er und ihr großer Bruder im Streit auseinandergegangen waren. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Lucas …?“

Schweigend stand er da und sah sie an.

„Du hast mir einen Riesenschreck eingejagt.“

„Tut mir leid“, sagte er, aber in seiner Stimme klang kein wirkliches Bedauern mit. „Ich wollte dir keine Angst machen. Aber ich möchte gern mit dir reden, bevor du abfährst.“

„Wo kommst du denn so plötzlich her?“

„Ich wohne direkt nebenan“, antwortete er und wies auf sein zweistöckiges Haus.

„Oh, das wusste ich nicht.“ Hätte sie es gewusst, hätte sie den Auftrag von Kathy Robertson sicher nicht angenommen.

Vor ein paar Jahren hatte sie oft von diesem Mann geträumt. Zu mehr war es nicht gekommen, weil ihr Bruder Dave ihn so gut wie möglich von ihr ferngehalten hatte. Trotzdem war es ihr nicht gelungen, Lucas zu vergessen. Jetzt stand er vor ihr, und sie hatte das Gefühl, sie würde in Zukunft wieder öfter an ihn denken müssen.

Dabei hatte er damals offenbar nichts von ihr gewollt. Wenn er wirklich Interesse an ihr gehabt hätte, hätte er das auch gegen den Willen ihres Bruders durchgesetzt – aber das war nicht passiert. Warum sollte sich das heute geändert haben? Außerdem hatte sie in den letzten Jahren genug mitgemacht. Schlechte Erfahrungen. Sie war nicht mehr die naive, schwärmerische junge Frau von damals.

Aber warum schlägt dann mein Herz so schnell? fragte sie sich. Warum kriege ich feuchte Hände?

Sie war so in Gedanken versunken, dass sie ihm gar nicht zugehört hatte. „Entschuldigung, was hast du gerade gesagt?“

Er vergrub die Hände in den Hosentaschen. „Ich habe gesagt, ich freue mich, dass du Kathy das Kochen beibringen willst. Die Familie hat mich vor einiger Zeit mal zum Essen eingeladen. Ein Hochgenuss war das nicht gerade.“

„Ja, sie muss noch viel lernen“, kommentierte Rose. „Aber sie ist fest entschlossen. Das ist gut für uns alle.“

Lucas wies auf die riesige Bratpfanne, die auf dem Minivan thronte. „Interessante Art, Werbung zu machen.“

Sein Tonfall verriet ihr, dass ihm die Riesenpfanne nicht gefiel. Ihr aber schon. Eine Freundin, die Künstlerin war, hatte sie für sie gefertigt. „Ich finde es originell.“

„Originell ist das richtige Wort.“

Ihr Kampfgeist war geweckt. Sie hatte ihre Geschäftsidee schon vor ihrem großen Bruder verteidigen müssen. Auf noch so eine Diskussion mit Daves ehemaligem Freund würde sie sich auf keinen Fall einlassen. Überhaupt, Dave und Lucas sprachen doch nicht mal mehr miteinander. Warum wollte dann Lucas mit ihr reden?

Nervös wischte sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und fragte: „Lucas, wolltest du was Bestimmtes von mir?“

Schweigend musterte er sie. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Aber das hat nichts zu bedeuten, sagte sie sich.

„Ja“, antwortete er schließlich, „ich hätte da ein Anliegen. Du gibst Leuten bei ihnen zu Hause Kochunterricht, stimmt’s?“

„Ja …“

„Dann möchte ich dich gern engagieren.“

Damit hatte sie nicht gerechnet. Was hatte das zu bedeuten? Lucas King war schwerreich, er konnte ein Dutzend Spitzenköche anheuern. Wenn er es nicht wollte, brauchte er nie einen Fuß in seine Küche zu setzen.

„Warum?“

Er zog die Hände aus den Taschen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ist doch klar. Ich möchte gern kochen lernen.“

„So weit kann ich dir folgen.“ Sie konnte einfach nicht glauben, dass er es ernst meinte. „Aber ich verstehe nicht, warum du dafür mich engagieren willst.“

„Weil ich keine Lust habe, irgendwohin zu fahren und zusammen mit anderen Leuten einen Kurs zu besuchen. Für mich ist es praktischer, wenn du zu mir ins Haus kommst.“

„Hm.“ Falls die Sache einen Haken hatte, falls etwas anderes dahintersteckte, konnte sie es nicht erkennen. Vielleicht meinte er es ja wirklich ernst. Vielleicht wollte er wirklich kochen lernen, und es war ein glücklicher Zufall gewesen, dass er ihren Wagen mit der Aufschrift gesehen hatte.

Aber – nein, die Sache musste einen anderen Hintergrund haben. Lucas und ihr Bruder sprachen seit zwei Jahren nicht mehr miteinander. Warum, wusste sie nicht. Natürlich hatte sie Dave gefragt, was schiefgelaufen war, aber ihr Bruder hatte eisern geschwiegen.

Sein einziger Kommentar war gewesen, dass Lucas King aus ihrem Leben verschwunden war – und sie es auch dabei belassen sollte.

Sicher sah Lucas die Sache genauso. Aber warum wollte er sie dann engagieren?

„Was kosten deine Dienste denn?“, fragte Lucas und riss sie damit aus ihren Gedanken.

Als sie ihm die Summe nannte, nickte er. „Gut. Ich zahle dir das Doppelte.“

„Was? Warum das denn?“

„Damit du dich ganz mir widmen kannst. Du sollst jeden Abend kommen. Und mir alles zeigen, alles beibringen.“

Ihr wurde ganz heiß. Jeden Abend? Ihm „alles zeigen, alles beibringen“? Irgendwie hatte das einen sexuellen Unterton, oder bildete sie sich das nur ein?

„Aber ich habe doch auch andere Kunden“, gab sie zurück, obwohl ihr Geschäft gerade erst angelaufen war. Neben Kathy Robertson gab es nur drei andere Klientinnen, und zu denen ging sie nur einmal im Monat.

„Ich zahle dir das Dreifache“, konterte er. Seine Miene war unergründlich.

Rose holte tief Luft. Das wäre eine Menge Geld und würde ihr über die Startschwierigkeiten hinweghelfen.

Genau genommen brauchte sie sich gar nicht abzuschuften. Schließlich war sie eine Clancy, und wenn sie Geldprobleme hatte, würde es genügen, sich an Dave zu wenden.

Aber genau das wollte sie nicht. Schließlich hatte sie ihren Stolz. Ihre gesamten Ersparnisse hatte sie ins Geschäft gesteckt, und jetzt hieß es: schwimmen oder untergehen. Lucas’ Angebot würde ihr helfen, über Wasser zu bleiben.

„Klingt wie ein Angebot, das man nicht ablehnen kann“, gab sie zu.

„Das höre ich gern.“

Dennoch schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß nicht recht, Lucas. Wenn Dave das erfährt …“

„Also lässt du immer noch zu, dass dein großer Bruder dein Leben bestimmt?“

„Dave hat noch nie mein Leben bestimmt“, gab sie empört zurück.

„Ich glaube, er hat das anders gesehen.“

„Die Dinge ändern sich.“

„Wenn das so ist, kannst du mein Angebot ja unbesorgt annehmen.“

Er will mich manipulieren, dachte Rose. Und das gefällt mir überhaupt nicht. Andererseits hat er nicht ganz unrecht. Wenn ich ablehne, dann tatsächlich aus Rücksicht auf Dave. Und der hat mich lange genug gegängelt.

Nein, die Dinge hatten sich tatsächlich geändert. Und sie sich auch. Sie war erwachsen geworden. Was hatte sie nicht alles verkraften müssen: den Tod ihres Vaters, das Scheitern ihrer Ehe, die ständige Besserwisserei ihres Bruders. Das hatte sie stark gemacht. Nein, mit Lucas King würde sie schon fertig werden. Und auch mit der tiefen Zuneigung zu ihm, die immer noch in ihr schlummerte.

„Also gut“, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen. „Das Dreifache. Wir sind im Geschäft.“

Als er ihr zum Einverständnis die Hand schüttelte, durchrieselte es sie warm. Lächelnd blickte er sie an und sagte: „Wunderbar, dann legen wir gleich morgen los. Wie wär’s um sechs? Ist das okay?“

Ihre Hand prickelte immer noch, als er sie schon längst losgelassen hatte. „Ja“, murmelte sie. „Das passt mir gut.“

„Dann bis morgen.“ Lucas wandte sich um und ging zu seinem Haus.

Nachdenklich blickte Rose ihm nach. Vergeblich versuchte sie, sich zur Ruhe zu zwingen. Ihr Herz pochte wie wild.

Als er im Haus verschwunden war, schüttelte sie den Kopf und murmelte: „Mann, ich glaube, ich stecke ganz schön in Schwierigkeiten.“

2. KAPITEL

„Echte Männer essen keine Champignons“, kommentierte Lucas am nächsten Abend, während er sie mit dem Messer bearbeitete. „Die sind ja nicht mal richtiges Gemüse.“

Rose musste lachen, und Lucas genoss den Klang ihrer Stimme. Ihr Lachen hatte er schon damals sehr gemocht. Es zauberte ein Lächeln auf seine Lippen und führte ihn in Versuchung, sie in den Arm zu nehmen, sie zu küssen und …

„Natürlich sind sie kein Gemüse, du ahnungsloses Geschöpf“, dozierte sie. „Sie gehören zur Familie der Pilze. Man unterscheidet zwischen Zucht- und Wildpilzen, und die Champignons …“

„Und so was soll ich essen? Warum eigentlich?“

Insgeheim wartete er auf ihr Lachen, und es kam prompt. In seinen Ohren klang es wie Musik.

Die erste Lektion des Kochkurses lief viel besser als erwartet. Natürlich waren sie beide am Anfang etwas befangen gewesen, aber das hatte sich schnell gelegt, als sie seine Küche inspiziert hatte. Sie ist die erste Frau in meinem Leben, die sich von einem teuren Küchenherd beeindrucken lässt, dachte er schmunzelnd.

Als er das Haus vor fünf Jahren gekauft hatte, hatte er alle Räume – auch die Küche – von einem Topdesigner gestalten lassen. Ultramodern und nur vom Feinsten. Von so einer Küche konnte jeder Hobbykoch nur träumen.

Doch er hatte es höchstens mal geschafft, sich dort ein paar Eier mit Schinken zu brutzeln.

Jetzt würde er sie öfter benutzen, genauer gesagt: täglich, und zwar zusammen mit Rose. Er würde ihr Lachen genießen und sie dabei beobachten, wie sie sich mit fast tänzerischer Eleganz zwischen Kühlschrank und Herd bewegte. Noch immer war sie von seinen teuren Töpfen und Pfannen schwer begeistert, und noch mehr von den exklusiven Elektrogeräten.

„Champignons sind für viele Gerichte geeignet“, erklärte sie; schließlich war es ihre Aufgabe, ihm das Kochen beizubringen. „Sie geben den Speisen das gewisse Etwas.“

„Na, ich weiß nicht.“ Er verzog den Mund. Denk dran, du machst das hier nicht zum Spaß, ermahnte er sich. Es ist nicht Sinn der Sache, das Kochen zu genießen – oder ihre Anwesenheit. Es geht darum, es einem ehemaligen Freund heimzuzahlen, der dich hintergangen hat. Rose ist nicht dein Date.

Nein, Rose war nur Mittel zum Zweck.

Verbissen schnitt er die Champignons klein, während Rose die Lebensmittel auspackte, die sie mitgebracht hatte.

„Für die erste Unterrichtsstunde habe ich lieber alles eingekauft“, erklärte sie. „Weil wir sie so kurzfristig ausgemacht haben, bin ich davon ausgegangen, dass du nicht alles im Hause hast.“

„Wie recht du hattest“, kommentierte er, während er sich weiter mit den Champignons abmühte.

„Eigentlich eine Schande“, seufzte sie. „Du hast eine fantastische Küche – und keine Lebensmittelvorräte.“ Kopfschüttelnd sah sie sich um. „Ich erstelle dir eine Liste von Sachen, die du immer im Haus haben solltest. Die kannst du dann besorgen. Wenn dein Kühlschrank und deine Speisekammer gut gefüllt sind, kannst du dir jederzeit schnell was zaubern.“

Als er sie ansah, knisterte es förmlich zwischen ihnen. Er versuchte, die erotische Spannung zu ignorieren, und wandte ein: „Aber solange ich noch nicht richtig kochen kann, nützen mir die Vorräte doch nichts.“

„Und wie, bitteschön, soll ich dir das Kochen beibringen, wenn du keine Lebensmittel im Haus hast?“

„Da hast du auch wieder recht. Gut mach die Liste fertig. Ich sage dann meiner Sekretärin, sie soll alles besorgen.“

„Du sagst es deiner Sekretärin.“

Er zog die Stirn in Falten. „Ja, warum? Was ist daran verkehrt?“

„Ach, eigentlich gar nichts. Aber es ist mal wieder typisch.“

„Typisch für wen oder was?“

„Für Männer wie dich. Und Dave.“

„Wie bitte?“ Plötzlich wurde er ganz ernst. „Eins wollen wir mal festhalten: Mit deinem Bruder habe ich nichts gemein.“

Verärgert sah sie ihn an. „Hör mal. Ich weiß, dass Dave und du nicht mehr miteinander sprechen …“

„Genau so ist es“, unterbrach er sie. Sie sollte bloß nicht versuchen, die zerbrochene Freundschaft zu kitten. Das war aussichtslos.

Trotzdem war es gut, dass sie ihren Bruder ins Spiel gebracht hatte. Er durfte nicht die Tatsache aus den Augen verlieren, dass Rose die Schwester seines Feindes war. Eines Mannes, dem er einst vertraut hatte, was er dann bitter bereut hatte. Und es gab nur einen Grund für Roses Anwesenheit: Lucas wollte sie benutzen, um sich an seinem Feind zu rächen.

Wie hieß es doch so schön: Rache ist süß.

Eine peinliche Stille entstand. Schließlich murmelte Rose: „Ich wollte damit nur sagen, dass Männer wie du immer alles ihren Sekretärinnen aufbürden – selbst Aufgaben, die eigentlich gar nicht zu ihrem Job gehören.“

„Zum Job meiner Sekretärin gehört alles, was ich ihr auftrage.“

„Sogar Lebensmittel einkaufen?“

„Sicher. Warum denn nicht?“

„Du bekommst doch kein Gespür für die Qualität der Waren, wenn du sie losschickst, statt es selber zu machen.“

Als ob ihn das interessierte! Wenn ihm wirklich etwas an Lebensmittelvorräten läge, hätte er sich längst welche besorgt. Aber wozu? In Long Beach gab es unzählige Restaurants, in denen man einfach, bequem und gut essen gehen konnte. Wozu also der Aufwand?

Rose sah ihn prüfend an. Dann schüttelte sie den Kopf. „Vielleicht sollte ich lieber deiner Sekretärin Kochunterricht erteilen.“

„Schon gut, schon gut“, lenkte er ein. „Ich kaufe die Sachen selber ein. Mach mir eine Liste, und bis morgen Abend habe ich alles besorgt.“

„Wir könnten es ja auch morgen gemeinsam machen“, schlug sie vor. „Das ist dann sozusagen Teil des Unterrichts. Ich zeige dir, wie man die Waren prüft und das Richtige auswählt.“

Lucas nickte ergeben.

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