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Wie verkuppelt man eine Familie?

1. KAPITEL

Tucker MacKinnon nahm die scharfen Kurven vom Whisper Mountain hinunter ins Tal in halsbrecherischem Tempo. Es war ein typischer Junimorgen in South Carolina; die Sonne brannte heiß vom Himmel herab und die Luftfeuchtigkeit war unangenehm hoch.

Tuckers Laune war ebenso miserabel.

Jeder in der Familie MacKinnon konnte bezeugen, dass er kein aufbrausender Mensch war, sondern vollkommen entspannt. Gelassen nahm er es mit Klapperschlangen und Schwarzbären auf. Und er hatte es sich sogar zum Beruf gemacht, mit Leuten umzugehen, mit denen nicht gut Kirschen essen war – verhaltensgestörte Kinder, unleidliche Erwachsene und rivalisierende Kollegen von kleineren Betrieben. Derartige Herausforderungen bereiteten Tucker regelrecht Vergnügen.

Doch die gegenwärtige Situation fand er alles andere als spaßig.

Er erreichte die Grundschule und spürte ein nervöses Flattern im Magen. Nur mit Mühe fand er eine Parklücke, denn es war der letzte Schultag vor den Sommerferien und es herrschte Hochbetrieb vor der Schule. Autos hupten, Eltern plauderten angeregt miteinander, Kinder strömten schreiend aus dem Gebäude – endlich hatten sie lange Zeit schulfrei. Mit Ausnahme einiger weniger Schüler, die beim Ausgang verweilten, denn diese Kinder waren beiseite genommen worden. Sie bekamen ihre Zeugnisse erst, wenn ein Elternteil mit der Klassenlehrerin gesprochen hatte.

Tuckers zehnjähriger Sohn Will lungerte ebenfalls vor der Tür herum. Er hatte den Körperbau seines Vaters geerbt, was bedeutete, dass er schlaksig und hochgewachsen wie eine Bohnenstange war. Er war das größte Kind in der Grundschule.

Sobald Will den vertrauten silbergrauen Truck entdeckte, lief er hinüber auf den Parkplatz. Sein Gesicht war blass unter der Sonnenbräune. Bekümmert sprudelte es aus ihm hervor: „Ich hab nichts angestellt, Dad, ehrlich! Egal, was Mrs Riddle behauptet, ich war’s nicht. Ich kann’s nicht gewesen sein. Ich weiß nicht mal, was überhaupt los ist.“

„Hey, hallo erstmal.“ Tucker legte seinem Sohn einen Arm um den Hals. „Hörst du bitte auf, dir Sorgen zu machen!? Was immer es ist, wir klären das.“

„Ich grüble schon die ganze Zeit darüber nach, was ich falsch gemacht hab. Okay, manchmal kann ich ihre Fragen nicht beantworten, aber sie ruft mich auch nie auf, wenn ich mich melde. Immer bloß dann, wenn ich’s nicht tue. Wie kann sie dann sauer sein?“

Tucker hatte keine Ahnung, warum die berüchtigte Mrs Riddle das Zeugnis von Will zurückhielt, aber er hoffte um ihretwillen, dass es einen verdammt guten Grund dafür gab.

Er betrat die kühle und etwas düstere Halle der Schule und spürte erneut ein Flattern im Magen. Die Familie MacKinnon hatte zwar großartige Akademiker hervorgebracht, aber er zählte nicht dazu. Ihm hatte es in der Schule nie gefallen. Nun, mit einunddreißig Jahren, gab es nur zwei Dinge, die ihm wirklich wichtig waren: sein Sohn Will und seine Arbeit auf Whisper Mountain.

„Warte hier in der Halle auf mich. Da ist es kühler als draußen und du kannst mich besser hören, wenn ich dich rufe.“

„Okay.“

Tucker ging den langen Korridor entlang zum letzten Klassenzimmer. Es war das einzige, vor dem noch Eltern warteten. Alle anderen Lehrer hatten das Gebäude ebenso schnell verlassen wie die Kinder.

Sofort erkannte Tucker die Frau, die vor ihm an der Reihe war, auch wenn er sie nur von hinten sah. Es war Petes Mutter.

Eine verkorkste Ehe hätte Tucker eigentlich ein für alle Mal davon kurieren sollen, sich unbegründete Hoffnungen auf eine Beziehung zu machen. Doch diese Erfahrung hielt ihn nicht davon ab, ihren Anblick zu bewundern. Petes Mutter besaß honigbraunes Haar, das sich von sonnengebleichten Strähnen durchzogen um ihre Schultern lockte. Er hatte sie schon oft in ihrer Arbeitskluft gesehen: dunkelgrüne Shorts und ein gelbes Polohemd mit dem Logo Plain Vanilla auf der Brusttasche. So hieß ihr Geschäft, das frische Kräuter und Gewürze anbot und am Fuß des Whisper Mountain lag. Seiner Meinung nach hätte der Laden aufgrund seiner schlechten Lage zum Scheitern verurteilt sein müssen. Wer wollte schon wegen ein paar läppischer Gewürze so weit fahren?

Doch jeder in der Umgebung kannte den Laden, kaufte dort ein und lobte ihn in höchsten Tönen.

Tucker selbst konnte Estragon nicht von Paprika unterscheiden, aber das hieß noch lange nicht, dass er scharfe Sachen nicht zu schätzen wusste. Ihre Shorts zum Beispiel – knalleng umspannten sie ihren wohlgerundeten Po und enthüllten unvergleichlich wohlgeformte Schenkel. Durch das Arbeiten im Freien war ihre Haut goldbraun getönt und ihr Körper straff und schlank.

Allerdings war sie sehr klein. Er bezweifelte, dass sie über eins sechzig hinauskam. Und doch faszinierte sie ihn jedes Mal, wenn er sie sah. Er fand sie interessant, weil sie natürlich, erdverbunden und bescheiden wirkte – und äußerst sinnlich.

Eine Frau stürmte mit geröteten Wangen aus dem Klassenzimmer.

Petes Mutter holte tief Luft und eilte hinein.

Sie hieß Garnet Cattrell. Schon am ersten Schultag im vergangenen September hatte sie seine Aufmerksamkeit erregt, aber sie beachtete ihn nie. Wenn er sie grüßte, antwortete sie zwar mit einem Lächeln. Doch kaum wollte er ein Gespräch mit ihr beginnen, fand sie einen Grund, um sich entfernen zu können.

Sie war dabei nicht unfreundlich. Es schien eher so, als ob sie ihn übersah wie die nächstbeste Straßenlaterne, lästige Werbung im Briefkasten oder den frechen kleinen Bruder – in jedem Fall wie etwas, das leicht zu ignorieren war.

Natürlich hielt Tucker sich zurück. Er war keineswegs erpicht darauf, sich weitere Fehler mit dem weiblichen Geschlecht zu leisten. Womöglich gefielen Garnet über eins neunzig große Männer mit blauen Augen einfach nicht. Vielleicht hatte sie etwas gegen Schuhgröße sechsundvierzig. Möglicherweise war ihr auch seine Stimme zu tief oder sie störte sich an seinen schwieligen Händen.

Wie auch immer. Wenn sogar ihr Kind ein Problem mit Mrs Riddle hatte, schien der Weltuntergang kurz bevorzustehen.

Tucker lehnte sich an die kühle Wand. Er hatte nicht vor zu lauschen, aber die Tür zum Klassenzimmer stand offen. Mrs Riddles Stimme klang schrill und durchdringend, Garnets dagegen ruhig und sanft.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie Probleme mit meinem Petie haben. Soweit ich weiß, hat er lauter Einser.“

„Natürlich. Er ist zweifellos ein sehr kluger Junge und ich werde ihn vermissen. Aber der Übergang zur weiterführenden Schule ist für manche Kinder nicht einfach. Sie sollten den Sommer über einige Dinge ausprobieren, um ihm dabei zu helfen, sich leichter einfügen zu können.“

„Gibt es einen bestimmten Grund, der Sie zu der Annahme führt, dass er sich in der weiterführenden Schule nicht gut zurechtfinden könnte?“

Zum ersten Mal hörte Tucker einen angespannten Unterton in Garnets Stimme.

„Ich denke, dass er im schulischen Sinne hervorragend zurechtkommen wird, aber möglicherweise nicht, was die soziale Kompetenz angeht. Pete ist so der Typ Akademiker und nicht gerade sportlich. Er gibt sich nie mit männlichen Gleichaltrigen ab.“

„Aber er kommt doch gut mit anderen Kindern zurecht. Er ist nur nicht besonders gesellig.“

„Er ist frühreif“, erklärte Mrs Riddle, „und von Natur aus eher ruhig veranlagt. Das verstehe ich alles. Aber ich vermute auch, dass es nicht leicht für Sie ist, ihn von einem Buch oder vom Computer wegzulocken.“

„Das stimmt. Aber das heißt nicht, dass ich ihn nicht ermunterte …“

„Mrs Cattrell, ich will Sie nicht kritisieren. Und es liegt bei Ihnen, ob Sie meinen Rat annehmen oder nicht. Ich empfehle Ihnen dringend, irgendeine sportliche Aktivität im Freien zu finden, die Pete zusagt. Geben Sie ihm die Gelegenheit, eine Fähigkeit außerhalb des intellektuellen Bereichs zu entwickeln. Das Ziel liegt darin, seinen Horizont zu erweitern und ihm mehr Selbstvertrauen zu geben. In der weiterführenden Schule können die Kinder gnadenlos sein. Sie wollen doch sicher nicht, dass Pete ausgegrenzt wird, oder!?“

Die Unterredung ging einige Minuten weiter. Als Garnet schließlich aus dem Klassenzimmer kam, wollte Tucker sie ansprechen, aber sie ging an ihm vorbei, als würde sie weder ihn noch irgendetwas anderes wahrnehmen. Sie sah aus wie ein begossener Pudel – betroffen, verletzt und besorgt.

Und dann kam er an die Reihe, um sein Fett abzubekommen.

Mrs Riddle verschanzte sich hinter einem uralt aussehenden Schreibtisch. Sie musste das zerkratzte Ding mitgebracht haben, da das Schulgebäude keine zehn Jahre alt war. Die Lehrerin hatte stahlgraue Haare und blaugraue Augen wie Flintstein. Niemand legte sich gerne mit ihr an.

Ohne Vorrede verkündete sie in steifem Ton: „Mr MacKinnon, ausnahmsweise hat Ihr Will ein anständiges Schuljahr absolviert: alle Hausaufgaben pünktlich erledigt, für Klassenarbeiten gelernt, sich aus Scherereien rausgehalten. Und trotzdem wollen wir nicht so weit gehen und ihn einen Heiligen nennen. Aber er ist ein guter Junge und ein guter Sportler. Die älteren Kinder mögen ihn. Ich hatte ihn gern in meiner Klasse. Wenn ich Hilfe brauchte, konnte ich immer darauf zählen, dass er sich freiwillig anbietet.“

„Nun, klingt alles gut und schön.“ Tucker verstand immer weniger, warum er herzitiert worden war.

„Aber kommen wir zum Knackpunkt. Will wird ab dem nächsten Jahr die Mittelschule besuchen und er ist physisch wesentlich reifer als die meisten Jungen in seinem Alter. Falls er sich jetzt noch nicht bereits für Mädchen interessiert, wird er es bald tun.“

Tucker wartete noch immer auf einen Gesichtspunkt, der ihm neu war.

„Lassen Sie mich ganz offen sein. Ich kenne Ihre Situation nicht und was Wills Mutter angeht, aber ich glaube, dass er dringend eine weibliche Hand braucht.“

„Warum?“

„Weil er geradezu Angst vor dem weiblichen Geschlecht entwickelt hat. Wenn ihn ein Mädchen anspricht, wird er puterrot. Er stolpert dann über seine eigenen Füße. Am Anfang des Schuljahres war noch alles in Ordnung. Aber ich glaube, inzwischen hat ein Hormonschub stattgefunden.“

„Wahrscheinlich, aber …“

„Sie haben beruflich hauptsächlich mit Männern und Jungen zu tun und weniger mit Frauen, oder?“

„Stimmt, aber das war nicht so von mir geplant“, verteidigte sich Tucker. „Meine Abenteuerprojekte scheinen Männern einfach mehr zuzusagen. Es ist allerdings nicht so, als ob nie Frauen dabei wären.“

„Gibt es in seinem Umfeld Frauen, zu denen er eine richtige Beziehung aufbauen kann?“

„Ich denke schon.“ Er zögerte. „Vielleicht auch nicht.“

„Das dachte ich mir. Deshalb schlage ich Ihnen vor, den Sommer über Aktivitäten zu arrangieren, bei denen er mehr Umgang mit Frauen hat. Eine Betätigung, an der beide Geschlechter teilnehmen. Irgendetwas, das ihm letztlich die Nervosität nimmt.“

„Ist er Ihnen gegenüber denn auch so?“

Mrs Riddle seufzte und hob den Blick zur Decke. „Mr MacKinnon, komme ich Ihnen wie eine Frau vor, die einen Jugendlichen zum Stottern bringt?“

Er wusste keine Antwort darauf. Die Wahrheit einzugestehen, erschien unangebracht. Sie herrschte mit eiserner Hand und die Kinder jubelten, wenn sie von ihr erlöst wurden. Und doch gaben alle zu, dass sie bei ihr mehr lernten als bei den tollen Lehrern.

Tucker bekam das Zeugnis ausgehändigt und verließ das Klassenzimmer. Er fühlte sich gereizt und frustriert, weil er nicht wusste, wie er mit dieser Sache umgehen sollte. Sicher, Will war wirklich schüchtern und tollpatschig im Umgang mit Mädchen – bei ihrem letzten Besuch in der Imbissbude war er über einen Stuhl gestolpert, als er ein Mädchen mit Rattenschwänzen angestarrt hatte. Aber er war zehn Jahre alt. Macht nicht jeder Junge zu Beginn der Pubertät so eine Phase durch?

Trotzdem steckte ein Körnchen Wahrheit in den Hinweisen, denn Will kam wirklich selten in Kontakt mit Frauen, was an ihrer Lebensweise und ihrem abgeschiedenen Wohnort auf dem Berg lag. Bisher hatte das nichts ausgemacht und Will war ein glückliches Kind gewesen.

Doch es leuchtete Tucker durchaus ein, dass sich ein männerorientiertes Umfeld negativ auswirken konnte, zumal die einzige relevante Frau in seinem Leben, nämlich seine Mutter, kein geeignetes Rollenvorbild war.

Während Pete den Waschraum aufsuchte, lehnte Garnet mit geschlossenen Augen an der Wand und ging im Geist immer wieder das Gespräch mit Mrs Riddle durch. Der Kloß in ihrer Kehle wollte einfach nicht verschwinden.

Sie hatte sich schon von jeher für ein Weichei gehalten, ein sanftes friedliebendes Wesen. Auseinandersetzungen bereiteten ihr deshalb Albträume.

Ging es allerdings um ihren Sohn, konnte sie sich innerhalb von zwei Sekunden von einem sanften Lamm in eine fauchende Löwenmutter verwandeln. Selbst die geringste Kritik an Pete ertrug sie nicht, denn er war nicht nur das Beste in ihrem Leben, sondern sie hielt Pete auch für das beste Kind auf der ganzen Welt.

Mrs Riddle kann von Glück sagen, dass sie nicht auf ihm herumgehackt hat, sondern nur auf mir.

Normalerweise prallte Kritik an Garnet ab, denn viele Leute nörgelten an ihr herum, vor allem vonseiten der eigenen Familie. Manch einer behauptete, von ihr zutiefst enttäuscht worden zu sein, aber noch niemand hatte angedeutet, dass sie eine schlechte Mutter sein könnte. Zumindest bis heute.

Dass es ihr offensichtlich nicht gelang, Pete das männliche Rollenvorbild zu vermitteln, das er als Junge brauchte, tat weh. Nicht nur, weil die Lehrerin es gesagt hatte, sondern weil sie sich selbst seit langer Zeit deswegen sorgte.

Geistesabwesend öffnete Garnet die Augen und entdeckte eine eingerissene Nagelhaut am rechten Zeigefinger. Verflixt! Sie liebte es, in der Erde zu wühlen und mit Kräutern und Gewürzen, Blumen und Pflanzen jeglicher Art zu arbeiten. Und doch trug sie immer Handschuhe dabei, weil sie es nicht ausstehen konnte, wenn ihre Nägel nicht schön aussahen. Sie musste den Schaden sofort beseitigen, denn mit einer ausgefransten Nagelhaut konnte sie gar nicht richtig denken.

Sie biss gerade den abstehenden Hautfetzen ab, als sie mit der Wucht eines Sattelschleppers gerammt wurde. Zischend entwich die Luft aus ihren Lungen und ihr Kopf stieß an die Wand aus Zement. Gleichzeitig kollidierte der Sattelschlepper mit ihrem Fuß – ihrem verletzlichen nackten Fuß in den grünen Trekkingsandalen.

„Oh, verdammt! Es tut mir leid, ehrlich. Ich habe nicht aufgepasst. Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“

Selbst wenn sie bewusstlos gewesen wäre, hätte sie den volltönenden schmeichelnden Bariton erkannt: Tucker MacKinnon.

Oh, es ist einfach nicht fair. Von einem richtigen Sattelschlepper getroffen zu werden, hätte sie verkraftet. Ein Güterzug – kein Problem, ebenso wie ein Bulldozer. Alles oder jeder andere, nur nicht Tucker.

Offensichtlich versuchte er zu helfen, indem er ihre Schultern packte und dann die Hände an ihren Armen hinuntergleiten ließ. Sein Blick forschte nach Verletzungen, die sie zweifellos aufwies, denn aus ihrem Hinterkopf quoll etwas Warmes und Feuchtes, ebenso aus ihrem rechten Fuß.

Keine der Wunden war lebensbedrohlich. Es handelte sich lediglich um aufgeplatzte Prellungen – Tucker war eben groß und sie war eben klein.

„Es geht mir gut“, behauptete sie, obwohl sie vermutete, dass ihr rechter Fuß zigmal gebrochen war.

„Das kann nicht sein. Lassen Sie mich mal sehen!“

Seine Augen waren plötzlich so nahe, dass sie jede Nuance des metallischen Blaus unterscheiden konnte.

„Sie bluten am Hinterkopf und kriegen bestimmt eine dicke Beule. Verdammt! Ich habe niemanden mehr im Gebäude erwartet und war in Gedanken ganz woanders. Deshalb habe ich nicht aufgepasst. Hören Sie …“

Nachdem er ihren Kopf abgetastet hatte, umfasste er wieder ihre Schultern. Er suchte noch immer nach Verletzungen und sie war noch immer schwer getroffen, aber hauptsächlich vor Verlegenheit. Erst recht war ihr die Angelegenheit peinlich, als er sich vor sie hinhockte.

„Ein Stück Nagel vom großen Zeh ist abgebrochen. Ich hoffe nur, dass ich Ihnen nicht auch einen Knochen gebrochen habe – oder zwei.“

Sie hielt es für gut möglich, aber wen kümmerte das schon, wenn der einstige und im ganzen Landkreis bekannte Footballstar ihr zu Füßen kniete? „Nein, bestimmt nicht.“

„Wie wäre es, wenn Sie sich in die Halle setzen? Ich laufe schnell ins Sekretariat. Die müssen da Verbandszeug haben.“ Erneut drehte er ihren Kopf, doch diesmal suchte er nicht nach Verletzungen. Er suchte ihren Blick. „Garnet, es tut mir furchtbar leid!“

„Schon gut, ehrlich. Machen Sie sich keine Gedanken. Ich habe Verbandszeug zu Hause.“

Schon von der ersten Begegnung an hatte er sie nervös gemacht. Es war nicht seine Schuld, es lag an ihr. Sie fühlte sich irgendwie linkisch in seiner Gegenwart. Seine Aufmerksamkeit wegen einer Verletzung derart auf sich zu ziehen, machte es nur noch schlimmer.

„Unsinn! Sie wollen doch nicht Ihr Auto vollbluten. Außerdem sollten wir Eis auf Ihren Kopf legen. Halten Sie einfach durch. Ich bin gleich wieder da.“

Tucker war kaum drei Schritte gegangen, als Pete aus dem Waschraum kam und nach einem Blick zu Garnet stirnrunzelnd fragte: „Mr MacKinnon, haben Sie meiner Mom wehgetan?“

„Nein, Pete. Nun, ja, ich meine, ich habe es getan, aber nicht absichtlich!“

„Petie, mir geht es gut“, versicherte Garnet.

Obwohl Pete eher zierlich gebaut war, baute er sich wie ein Beschützer auf. Er schob sich die runde Brille hoch und verlangte zu wissen: „Was ist zwischen Ihnen und meiner Mom passiert?“

Der aufkeimende Tumult war anscheinend weit zu hören, denn plötzlich tauchte Will aus der Halle auf. „Hey, Dad, was ist los? Mrs Cattrell, wieso bluten Sie denn?“

„Dein Dad hat meiner Mom wehgetan!“, teilte Pete ihm mit.

„Unmöglich!“

„Doch, guck sie doch an! Sie blutet.“

„So was würde mein Dad nie tun!“

„Jungs!?“ Tucker musste seine Stimme erheben, um sich Gehör verschaffen zu können. „Hört mal her. Ihr beide geht jetzt ins Sekretariat und holt einen Verbandskasten und einen Eisbeutel.“

Beide murmelten okay und liefen den Korridor hinunter.

Garnet versuchte erneut zu beteuern, dass es ihr gut ging und dass sie einfach nur nach Hause wollte, aber es war aussichtslos.

Tucker hockte sich wieder vor sie hin. „Ich weiß ja, dass Sie es überleben werden. Trotzdem ist es ratsam, die betroffenen Stellen zu desinfizieren und zu verbinden.“

„Aber ich hasse es …“

In sanfterem Ton unterbrach er sie: „Ich habe aus Versehen mit angehört, was Mrs Riddle über Pete gesagt hat. Wahrscheinlich ist es ein schlechter Augenblick, um das Thema anzuschneiden, aber ich denke, wir können beide davon profitieren, wenn wir miteinander reden.“

„Worüber denn?“

„Über meinen Will und über Ihren Pete. Ich könnte mich heute Abend gegen neunzehn Uhr für eine Stunde loseisen. Sind Sie dann frei?“

Frei ist ein relativer Begriff, dachte sie. Wie Janis Joplin singt: Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, nichts mehr zu verlieren zu haben.

Garnet wusste verdammt gut, dass sie eine Menge zu verlieren hatte, wenn sie Zeit mit Tucker verbrachte. Angefangen bei ihrer Würde, die sie allerdings zum Großteil durch ihren erbärmlichen Zustand bereits eingebüßt hatte. Dann ihrem Stolz, der noch intakt war, und den hütete sie auch seit Jahren wie ihren Augapfel.

„Ich möchte nur über die Jungs reden“, versicherte er. „Eine halbe Stunde? Bei Ihnen?“

Es sprach nichts dagegen, sich die Meinung eines gestandenen Mannes über Mrs Riddles Kommentare anzuhören. „Also gut.“

Er lächelte sie an, was ihre Vernunft auf die Knie zwang.

Und dann kamen die Jungen aus dem Sekretariat zurück. Sie trugen eine Schüssel mit Wasser, das größtenteils auf den Fußboden schwappte, einen Eisbeutel und einen großen Verbandskasten. Der Rektor und die Schulsekretärin folgten ihnen auf dem Fuße.

Garnet schloss die Augen und wäre am liebsten im Boden versunken. Wie viel schlimmer kann ein blöder Tag eigentlich noch werden?

2. KAPITEL

Der Tag wurde sogar noch viel, viel schlimmer, doch das war zunächst nicht vorauszusehen.

Erst einmal hob sich Garnets Stimmung während der Heimfahrt. Nach der dritten Abzweigung tauchte der erste Wegweiser für Plain Vanilla auf. Eine Viertelmeile später ging der Asphalt in Kies über und der heiße Sonnenschein wich dem kühlen Schatten eines duftenden Pinienwaldes. Nach einer Wegbiegung kam ihr ganzer Stolz in Sicht.

Sobald der alte Van zum Stillstand kam, kletterte Pete hastig hinaus. Seit er sein Zeugnis gesehen hatte – lauter Einser bis auf eine Drei in Sport –, verlor er kein Wort mehr über die Probleme mit seiner Klassenlehrerin. Schule, Stundenpläne und sämtliche Mrs Riddles waren vergessen. Schließlich brachten ihm die guten Zensuren die Erlaubnis ein, das neueste Computerspiel herunterzuladen.

Garnet stieg in gemäßigterem Tempo aus. Ihr rechter Fuß schmerzte und in ihrem Kopf pochte es. Trotzdem gönnte sie sich einen Moment, um den Anblick zu genießen. Vor sechs Jahren hatte sie das Grundstück in einem total verwilderten Zustand gekauft. Dass sich daraus etwas machen ließ, hatten alle außer ihr heftig bezweifelt. Besonders ihre Angehörigen, für die sie sich immer wieder als herbe Enttäuschung erwies.

Der Name Plain Vanilla war mit Bedacht gewählt. Zum einen, weil sie die Vanilleschote mit besonderer Leidenschaft züchtete. Zum anderen, weil Plain etwas ganz Normales ohne jeglichen Schnickschnack bezeichnete – eine Nullachtfünfzehn-Ausführung, wofür Garnet sich selbst insgeheim hielt.

Dementsprechend wies das Anwesen keinerlei Überflüssiges auf. Das Hauptgebäude war mit einfachen Holzschindeln verkleidet. Ein breiter Überstand überdachte eine traditionelle Veranda im Landhausstil. Sofern kein starker Sturm drohte, standen die doppelten Fliegentüren einladend offen. Töpfe mit Kräutern und Blumen sorgten für Farbtupfer.

Auf dem Parkplatz wuchs ein wenig Unkraut, allerdings roch es nach den wundervollen Düften, die dem Shop entströmten: Basilikum und Schnittlauch, Lavendel und Vanille. Die Gerüche blieben in diesem engen Tal hängen, ganz genau wie die Hitze.

Das Wohnhaus war von dieser Stelle aus nicht einzusehen. Zur Rechten erstreckte sich offenes Gelände – mit einem Sammelsurium an Hochbeeten und klimatisierten Gewächshäusern, in denen Garnet ihre eigenen Kräuter und Gewürzpflanzen züchtete. Vor zwei Jahren hatte sie automatische Jalousien angebracht, um die Pflanzen vor zu viel Sonne zu schützen.

Abgesehen von dieser kostspieligen Anschaffung hatte sie alles selbst gemacht, weil nie genug Geld für Fachleute da war. Immerhin beschäftigte sie zwei Angestellte, weil sie nicht rund um die Uhr arbeiten und gleichzeitig für Pete da sein konnte.

Aus dem Shop ertönten plötzlich aufgeregte Stimmen. Zwei Frauen stürmten die Verandastufen schneller hinunter, als Garnet in Deckung gehen konnte. Offensichtlich hatte Pete ihre Verletzung herausposaunt.

Mary Lou war Mitte fünfzig und zäh wie Leder, was man ihr auch ansah. Fünf Jahre war es her, seit sie an der Hintertür aufgetaucht war und unumwunden erklärt hatte, dass sie sich nach dem Tod ihres Mannes furchtbar langweilte und unbedingt Arbeit brauchte – ohne Gehalt, nur um der Beschäftigung willen.

Garnet hatte sie eingestellt – natürlich gegen Bezahlung – und es nie bereut. Falls sich je ein Dieb blicken ließe, würde Mary Lou ihn vermutlich zu Tode erschrecken, und sie drückte sich nie vor einer Aufgabe.

„Garnet! Pete hat gesagt, dass du verletzt bist! Wer hat dir das angetan? Sag es mir auf der Stelle!“

„Es ist nichts weiter, bloß ein paar Prellungen.“

Mary Lou runzelte die Stirn, doch dann wandte sie sich ihren eigenen Rückschlägen des Tages zu. „Dieser Vormittag war einfach chaotisch. Zuerst hat der Postbote vergessen, mir Briefmarken dazulassen, und dabei wollte ich Rechnungen verschicken. Dann hat Georgia Cunningham für fünfzig Dollar eingekauft, zwei Zwanziger auf den Ladentisch gelegt und die Biege gemacht. Einfach so! Ich wollte schon die Polizei rufen. Dann habe ich doch lieber auf dich gewartet. Ich persönlich finde ja, dass sie die Nacht im Gefängnis verbringen sollte. Sie hat uns um zehn Dollar betrogen! Ich …“

Sally, die ihr auf dem Fuß gefolgt war, unterbrach: „Pete hat gesagt, dass dich ein Mann umgerannt hat!?“

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