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Wie verführt man seinen verlobten?

1. KAPITEL

Er war genauso atemberaubend attraktiv wie das erste Mal, als sie ihn gesehen hatte. Und erst diese Lippen …

Nachdem Margaret „Maggie“ Cole den Raum betreten hatte, konnte sie den Blick nicht von dem Mund ihres neuen Chefs abwenden, dem Finanzvorstand von Cameron Enterprises – der Firma, die aus Worth Industries hervorgegangen war. Maggie hatte gehört, dass er ursprünglich aus Neuseeland stammte. Flüchtig fragte sie sich, ob vielleicht der britische Kolonialhintergrund seines Geburtslandes für seine etwas förmliche Ausdrucksweise verantwortlich sein mochte. Du liebe Güte, jetzt starrte sie ja schon wieder auf seine Lippen! Und das war eigentlich auch nicht verwunderlich, hatte sie doch genau dieser Mund vor gerade einmal sechs Wochen mit einem leidenschaftlichen Kuss verwöhnt, der ihre Sinne vor Verlangen hatte entbrennen lassen.

Selbst jetzt erinnerte sie sich an das Gefühl, das seine Lippen auf ihren hervorgerufen hatten und wie ihr plötzlich so heiß geworden war, als stünde ihr Körper in Flammen. Diese Erfahrung hatte sie mit tiefem Glück und der Sehnsucht nach mehr erfüllt – mehr als jeder andere Kuss zuvor. Sie hatte sich nach mehr gesehnt – und tat es jetzt auch noch –, doch Männer wie William Tanner spielten in einer viel höheren Liga als Frauen wie sie. Das galt besonders für einen Mann, der vermutlich für einen einzigen Schnitt seines sorgfältig frisierten dunkelbraunen Haars mehr ausgab als Maggie in einem ganzen Jahr für Friseurbesuche. Dabei wirkte er keinesfalls eitel, sondern pflegte eine lässige Eleganz, die er sich einfach leisten konnte, weil Geld für ihn keine Rolle spielte. Das galt besonders für den maßgeschneiderten Anzug, der seine breiten Schultern äußerst vorteilhaft betonte. Die aufgeknöpfte Anzugjacke gab den Blick auf einen flachen Bauch und schlanke Hüften preis. Trotz ihrer hochhackigen Schuhe, mit deren Hilfe Maggie es auf stattliche eins zweiundsiebzig brachte, überragte William Tanner sie bestimmt noch um weitere zwölf Zentimeter.

Gedankenverloren nickte Maggie und murmelte ein paar zustimmende Worte, als Mr Tanner sie einlud, sich zu setzen. Ihr Instinkt riet ihr zur äußersten Vorsicht. Hatte er sie trotz des Kostüms erkannt, das sie auf dem Valentinstagsball getragen hatte? Sie jedenfalls hatte sofort gewusst, wer vor ihr stand. In jener Nacht hatte sie allerdings keine Ahnung gehabt, wer er war – bevor sie dieser Kuss in pure Verzückung versetzt hatte.

Als er an jenem Abend auf dem von der Firma ausgerichteten Ball erschienen war, hatte sie seine Anwesenheit sofort gespürt. Er war ohne Begleitung gekommen und einen Moment lang am Eingang stehen geblieben. Sein eng anliegendes dunkles Kostüm mit schwarzem Mantel hatte Maggies Blick wie magisch angezogen. Seine Verkleidung als Zorro hatte perfekt zu ihrer Kostümierung als spanische Lady gepasst. Kurz darauf war er auf sie aufmerksam geworden und hatte sie zum Tanzen aufgefordert. Sie hatten bis kurz vor Mitternacht getanzt und sich kurz nach Beginn des Countdown geküsst, an dessen Ende die Masken gelüftet werden sollten. Doch dann hatte jemand seinen Namen gerufen, und er hatte aufgeblickt. Als Maggie klar geworden war, wer er war, hatte sie fluchtartig den Ball verlassen. An jenem Abend hatte sie sich völlig untypisch benommen. Vorher hätte sie nie für möglich gehalten, sich bereits nach so kurzer Zeit derart stark zu einem Mann hingezogen zu fühlen.

Bei dem Gedanken daran wurde ihr jetzt wieder ganz heiß. Ihre Begeisterung erhielt allerdings einen Dämpfer, als sie entsetzt bemerkte, dass er etwas zu ihr gesagt hatte und jetzt offensichtlich eine Antwort von ihr erwartete.

Nervös räusperte sie sich und blickte verlegen auf einen imaginären Punkt hinter seinem Ohr. „Entschuldigen Sie bitte, könnten Sie das wiederholen?“

Er lächelte, woraufhin ihr noch ein bisschen wärmer wurde. Das war doch verrückt. Wie um alles auf der Welt sollte sie für diesen Mann arbeiten, wenn sie in seiner Gegenwart ihre fünf Sinne nicht beisammenhatte? Es würde keine zwei Sekunden dauern, und sie wäre wieder aus diesem Zimmer, wenn sie sich nicht zusammenriss. Man sagte ihm nach, ein knallharter Bursche zu sein. Damit würde sie umgehen können. Er war sicher nicht umsonst mit einunddreißig dort angelangt, wo er sich jetzt befand. Entschlossene Menschen wirkten allerdings keinesfalls einschüchternd auf sie, ganz im Gegenteil, Maggie bewunderte sie. Doch in diesem Fall ging die Bewunderung wohl ein bisschen zu weit.

„Sind Sie nervös?“, fragte er.

„Nein, eigentlich nicht. Eher etwas überrascht, dass ich eingeladen worden bin – nicht, dass ich mich darüber beklagen möchte.“

„Ich habe gerade erwähnt, dass Sie schon so lange bei Worth Industries arbeiten. Sie sind – warten Sie – achtundzwanzig und bereits seit acht Jahren hier?“

Sogar seine Stimme lenkte sie ab. Warm und weich und mit der Eigenschaft, ihre Haut vor Erregung prickeln zu lassen. Und erst sein Akzent! Er klang nach einer Mischung aus Manhattan und Neuseeland – und stellte verrückte Dinge mit ihr an.

„Ja. Meine ganze Familie hat für Worth gearbeitet, beziehungsweise tut es noch.“

„Ah, Ihr Bruder Jason, richtig?“

Sie nickte. „Und auch meine Eltern, als sie noch lebten. Sie waren im Werk angestellt.“

„Das nenne ich mal loyal.“

Maggie zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich, wenn Sie bedenken, dass Worth Industries – ich meine natürlich Cameron Enterprises – der größte Arbeitgeber in Vista del Mar ist.“

Die Beförderung zu Mr Tanners persönlicher Assistentin war ziemlich überraschend gekommen, versprach allerdings auch ein höheres Gehalt, das Maggie sehr gelegen kam. Zwar war die Position vorübergehend, da Tanner nur für eine kurze Zeit nach Vista del Mar beordert worden war, um die wirtschaftliche Rentabilität des Unternehmens zu analysieren. Maggie und ihr Bruder Jason waren zwei Jahre nach Beendigung seines Studiums allerdings immer noch damit beschäftigt, Jasons Studiengebühren zurückzuzahlen. Vielleicht konnten sie sich jetzt mit ihrer Gehaltserhöhung ein wenig Luxus gönnen – im vernünftigen Rahmen natürlich.

„Haben Sie nie daran gedacht, woanders zu arbeiten und mehr von der Welt zu sehen?“, wollte William Tanner wissen und lehnte sich an die Schreibtischkante.

Mehr von der Welt? Sie befürchtete, dass er lachen würde, wenn sie ihm die Wahrheit erzählte. Seit ihrer Kindheit hatte sie eine Weltkarte an ihrer Schlafzimmerwand hängen. Jeder Ort, den sie gern besuchen wollte, war mit einer runden roten Stecknadel markiert. Im Augenblick stillte sie ihr Fernweh mit Reisetagebüchern und DVDs, doch eines Tages würde sie sich ihren Traum erfüllen.

William Tanner wartete auf ihre Antwort. Wow, toll gemacht, dachte sie, jetzt habe ich meinen neuen Boss bestimmt mächtig beeindruckt. Wie oft in den letzten Minuten war sie mit den Gedanken nicht bei der Sache gewesen?

„Reisen zählt augenblicklich nicht zu meinen Prioritäten“, erklärte sie ernst und setzte sich aufrecht hin.

Wiederum schenkte er ihr ein umwerfend charmantes Lächeln. Mit ihm würde ich allerdings bis ans Ende der Welt reisen, gestand sie sich ein und lächelte verträumt.

„Wenn Sie für mich arbeiten, könnte es sein, dass Sie auch reisen müssen. Ist das ein Problem für Sie?“

„Nein, überhaupt nicht. Ich habe keine Familie.“ Das stimmte nur beinahe, denn Jason und sie lebten gemeinsam in ihrem Elternhaus. Die Zeit nach dem Tod ihrer Eltern war sehr schwer für ihn gewesen, und Maggie hatte es sich seitdem zur Gewohnheit gemacht, auf ihn aufzupassen.

„Wie schön.“ Er steckte die Hände in die Hosentaschen und ging zu dem Panoramafenster mit Blick auf das Firmengelände von Cameron Enterprises. „Warum sind Sie überrascht, dass man Ihnen diese Position angeboten hat?“

Maggie blinzelte hinter ihren Brillengläsern. Überrascht? Natürlich war sie das gewesen. Seit acht Jahren hatten ihre Vorgesetzten sie kaum wahrgenommen, und ihre bisherigen Bewerbungen auf eine andere Position waren erfolglos geblieben. „Tja …“ Sie dachte nach. „Ich schätze, ich habe einfach nicht mehr damit gerechnet, dass jemand mir etwas Neues zutraut. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich mich nicht für fähig halte – ganz im Gegenteil. Ich habe in verschiedenen Abteilungen bei Worth gearbeitet und bin überzeugt, dass meine Erfahrungen für jede Führungskraft hier im Hause überaus nützlich sind.“

Er lachte. „Sie brauchen mich nicht zu überzeugen, Margaret. Sie haben den Job bereits.“

Sie spürte, wie sie vor Verlegenheit rot wurde. Na toll! Sie zwang sich zur Ruhe und versuchte sich stattdessen auf die Tatsache zu konzentrieren, dass er sie Margaret genannt hatte. Seit ihrer frühesten Kindheit hatten alle stets Maggie zu ihr gesagt, und es hatte ihr nichts ausgemacht. Doch aus seinem Mund klang ihr richtiger Name nach etwas Besonderem, vor allem durch seinen aufregenden Akzent. Ja, als Assistentin der Geschäftsleitung von Cameron Enterprises werde ich von nun an Margaret heißen, dachte sie lächelnd. „Vielen Dank, das habe ich gewusst. Ich habe Sie nur wissen lassen wollen, dass Sie es nicht bereuen werden, sich für mich entschieden zu haben.“

„Oh, das werde ich ganz gewiss nicht“, erwiderte er.

Will betrachtete die Frau, die auf seine Veranlassung hin in sein Büro gekommen war. Beinahe konnte er nicht glauben, dass sich hinter diesem großen dunklen, altmodischen Brillengestell sowie dem nüchternen Outfit die verführerische Frau verbergen sollte, von der er seit dem Maskenball unentwegt geträumt hatte. Doch zweifellos war sie es, auch wenn sie das lange schwarze Haar so straff am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengefasst hatte, dass Will allein beim Hinsehen schon Kopfschmerzen bekam. Doch das zarte Kinn und die zierliche Nase ließen keinen Zweifel daran, dass es sich um seine spanische Lady handelte.

Freudige Erwartung stieg in ihm auf, denn schon so lange wartete er darauf, nochmals auf diesen Kuss zurückkommen zu können. Es war nicht sehr leicht gewesen, ihre Spur zurückzuverfolgen, aber er war für seine Beharrlichkeit bekannt. Diese Eigenschaft hatte ihm in den letzten Jahren gute Dienste geleistet und ihn selbst dann erfolgreich sein lassen, wenn andere längst aufgegeben hatten. Und ganz sicher würde er auch bei der reizenden Ms Cole Erfolg haben – das bezweifelte er keinen Augenblick.

Auf dem Ball hatte sie sich sang- und klanglos aus dem Staub gemacht, doch nicht ohne ihn zuvor mit einer Art Zauber zu belegen. Er war es nicht gewohnt, dass man ihn zurückwies – das war noch nie geschehen. Besonders dann nicht, wenn das Objekt seiner Begierde dasselbe Verlangen zu spüren schien wie er.

Hier war sie also. Er blinzelte, denn es war wirklich schwer zu glauben, dass es sich um ein und dieselbe Frau handelte. Unruhig rutschte sie auf dem Stuhl hin und her und wartete offensichtlich darauf, dass er etwas sagte.

„Erzählen mir Sie von Ihrer Zeit hier in der Firma. In Ihrer Akte steht, dass Sie anfangs in der Fabrikation gearbeitet haben, bevor Sie ins Büro gewechselt sind?“

„Ja“, bestätigte sie und spitzte nachdenklich die Lippen, bevor sie weitersprach. „Ich habe im Werk angefangen, aber durch die Schichtarbeit konnte ich vor und nach der Schule nicht für meinen Bruder da sein. Deswegen habe ich um eine Versetzung in die Verwaltung gebeten und alles von der Pike auf gelernt.“

„Um für Ihren Bruder da zu sein?“

Plötzlich sah sie traurig aus. „Ja, richtig. Unsere Eltern sind ums Leben gekommen, als ich achtzehn war. Die erste Zeit nach ihrem Tod haben wir von der kleinen Versicherungssumme gelebt, die mein Vater uns hinterlassen hat. Jason ist noch zur Schule gegangen, daher war es nur logisch, dass ich mir eine Arbeit gesucht habe. Worth Industries war als Einziger bereit, mich einzustellen.“

Das wusste er natürlich alles schon. „Das ist bestimmt nicht einfach für Sie gewesen.“

„Nein, das war es nicht.“

Wieder eine vorsichtige Antwort. Es sah ganz danach aus, als bevorzugte seine Ms Cole, mit verdeckten Karten zu spielen und sie – wie beim Pokerspiel – dicht vor die Brust zu halten. Und was für eine Brust sie hatte! Selbst der unvorteilhafte Schnitt ihrer Kleidung konnte nicht über diese sinnlichen Rundungen hinwegtäuschen. Für jemanden, der so offensichtlich darum bemüht zu sein schien, seine Vorzüge zu verbergen, war ihre Körperhaltung atemberaubend anmutig und hatte schon auf dem Ball seine Aufmerksamkeit erregt. Margaret Cole war zweifelsohne eine wunderschöne Frau.

Mühsam lenkte Will seine Gedanken wieder auf die Gegenwart.

„Wie ich sehe, sind Sie bereits seit fünf Jahren in der Finanzabteilung tätig.“

„Ich mag Zahlen“, sagte sie und lächelte schüchtern. „Sie sind so herrlich unkompliziert.“

Er erwiderte ihr Lächeln, denn er wusste, was sie meinte. Auch er empfand den Umgang mit Zahlen gleichermaßen als beruhigende und reizvolle Herausforderung – so wie die Frau vor ihm. „In Zukunft erwarten Sie andere Aufgaben als bisher.“

„Ich liebe Herausforderungen“, entgegnete Margaret.

„Schön. Fangen wir doch gleich mal mit etwas an, woran ich gerade arbeite.“ Er griff nach der einzigen Akte auf dem Schreibtisch. „Werfen Sie einen Blick darauf und sagen Sie mir, was Sie denken.“

Nachdem Margaret die Mappe entgegengenommen hatte, begann sie, den Bericht zu lesen und konzentriert die Stirn zu runzeln. Will beobachtete sie interessiert. Ob sie wohl alles in ihrem Leben mit so viel Konzentration anging? fragte er sich. Diese Vorstellung war sowohl faszinierend als auch verführerisch und ließ ihn nicht mehr los.

Sie schien tatsächlich über ein gutes Zahlenverständnis zu verfügen, denn schon nach zehn Minuten klappte sie die Mappe zu und sah ihm in die Augen. „Es sieht ganz danach aus, als wären die Zahlen manipuliert – und zwar über einen längeren Zeitraum.“

Ihr rasches Urteilsvermögen beeindruckte ihn. Unter dem unscheinbaren Äußeren verbarg sich nicht nur eine wunderschöne Frau, sondern auch ein glasklarer Verstand. Jetzt freute er sich umso mehr auf die Umsetzung seines Planes.

„Gut.“ Er nahm ihr die Akte wieder ab. „Wir sind bestimmt ein gutes Team. Was würden Sie empfehlen?“

„Also, vermutlich würde ich eine intensivere Überprüfung der Bücher vorschlagen, um den Zeitraum einzugrenzen. Dann würde ich herausfinden wollen, wer Zugang zu den Konten und den Geldmitteln hat.“

Will nickte. „Genau das haben wir in diesem Fall auch getan, und wir glauben, den Schuldigen gefunden zu haben. Heute Nachmittag muss er sich vor einem Untersuchungsausschuss verantworten.“

„Untersuchungsausschuss? Er wird nicht fristlos gefeuert?“

„Ob wir das tun, ist noch nicht entschieden. Das wiederum bringt mich zurück zu Ihnen.“

„Wieso?“, fragte sie verwirrt, und für einen kurzen Augenblick empfand Will beinahe ein wenig Mitleid mit ihr, weil er wusste, was sie nicht wusste. „Wie vertraut sind Sie mit den Arbeitsgewohnheiten Ihres Bruders?“

„Jason? Was? Warum?“ Allmählich schien sie zu begreifen und wurde blass. „Sie ermitteln gegen Jason?“

„Ja.“ Will erwiderte ihren Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. „Wie viel wissen Sie von der Sache?“

„Nichts! Nein! Er würde so etwas niemals tun! Er liebt seine Arbeit. Unmöglich, dass er das getan hat. Wirklich, ich …“

„Sie haben also nichts damit zu tun?“

Sie erstarrte. „Ich? Nein, natürlich nicht! Wie kommen Sie bloß darauf?“

„Es sind schon seltsamere Dinge geschehen, und Blut ist bekanntlich dicker als Wasser.“

Und er wusste, wovon er sprach, denn dieser Umstand hatte ihn und bald auch Margaret Cole überhaupt erst in diese Lage geraten lassen. Schuld daran war ausgerechnet der Eigensinn seines Vaters, der von Will verlangte, endlich sesshaft zu werden. Ansonsten würde sein Vater die Schaffarm in Neuseeland lieber einem Fremden verkaufen, anstatt sie seinem Sohn zu überschreiben, wie er es eigentlich schon letztes Jahr zu seinem dreißigsten Geburtstag hätte tun sollen. Alle seine Brüder hatten zu ihrem dreißigsten Geburtstag eine beträchtliche Geldsumme erhalten, doch Will hatte statt des Geldes lieber die Farm haben wollen. Zunächst hatte sein Vater zugestimmt, im Nachhinein jedoch seine Zustimmung an besondere Bedingungen geknüpft.

Es ging nicht darum, dass Will das Farmland wollte oder gar brauchte – aber die Farm war in seinen Augen ein Stück Tanner’sche Familiengeschichte, und er ertrug den Gedanken nicht, dass sie an einen x-beliebigen Investor verkauft werden würde. Deswegen verwendete Albert Tanner die Farm als Druckmittel, um seinen jüngsten Sohn in den Ehestand zu zwingen. Seine Eltern und seine Brüder maßen Liebe und Ehe die größte Bedeutung im Leben bei – was für Will nicht galt, weder jetzt noch in Zukunft.

„Das mag zwar stimmen, aber so ein Verhalten hätte ich nie gebilligt“, erklärte Margaret. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jason etwas damit zu tun hat. Das ist gar nicht seine Art. Außerdem hat er nur einen unbedeutenden Posten in der Abteilung für Rechnungswesen und hätte gar keine Möglichkeit, Geld zu hinterziehen.“

Ihre Loyalität für ihren Bruder war bewundernswert. Wills Recherchen hatten jedoch ergeben, dass Jason als Teenager kein unbeschriebenes Blatt gewesen war. Es war nicht auszuschließen, dass der ehemalige jugendliche Gelegenheitsdieb über die Jahre stärkere kriminelle Energien entwickelt hatte. Und trotzdem war Margaret davon überzeugt, dass ihr Bruder nichts mit der Hinterziehung zu tun hatte. Will hasste es, ihr die Illusionen zu nehmen, aber die Wahrheit stand in dem Bericht, und Zahlen logen nun einmal nicht. Er spielte seinen Vorteil aus.

„Aber Sie haben doch hohe Raten zu zahlen, oder etwa nicht?“

„Das geht Sie ja wohl gar nichts an! Was für eine absurde Anschuldigung! Ich würde niemals etwas Unehrliches tun.“ Sie schien so aufrichtig empört, dass er ihr am liebsten gesagt hätte, dass er ihr glaubte. Doch Mitgefühl hätte sein schönes Druckmittel zunichtegemacht.

„Ich bin sehr froh, dass Sie das sagen. Allerdings sprechen die Tatsachen dafür, dass Ihr Bruder in die Angelegenheit verstrickt ist. Doch es gäbe eine Möglichkeit, dass man ihn nicht deswegen bestraft.“

„Und die wäre?“

Will holte tief Luft, denn jetzt wurde die Sache heikel. „Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten, der den Job Ihres Bruders in dieser Firma sichert. Außerdem würde nie ein Wort über sein Fehlverhalten nach außen dringen oder in seinen Unterlagen dokumentiert werden – auch nicht dann, falls er sich bei einem anderen Unternehmen bewirbt.“

Als er die Hoffnung in ihrem Blick sah, empfand er kurz Bedauern darüber, sie auf diese Weise manipulieren zu müssen.

„Was müssen wir tun?“

„Eigentlich können weniger Sie beide etwas dafür tun, obwohl Ihr Bruder sich auf jeden Fall bessern muss, das steht außer Frage. Es geht mehr darum, was Sie tun können.“

„Ich? Ich verstehe nicht ganz …“

„Ihre Bewerbung auf diese Stelle kommt mir sehr gelegen. Auf der einen Seite kann ich jemanden mit Ihrem Verstand und Ihrer Erfahrung während meiner Zeit hier gut gebrauchen.“ Er machte eine kurze Pause. „Auf der anderen Seite brauche ich Sie, um meine Verlobte zu spielen.“

„Ihre was?“, stieß sie fassungslos hervor und sprang auf.

„Sie haben mich schon richtig verstanden.“

„Ihre Verlobte? Sind Sie verrückt? Das ist einfach lächerlich. Wir kennen uns ja noch nicht einmal.“

„Doch, das tun wir.“

Mit wenigen Schritten war er bei ihr und atmete ihren dezenten Blumenduft ein, der so unschuldig wirkte und im völligen Gegensatz zu der sinnlichen Person stand, die sich unter dem schmucklosen Äußeren verbarg. Will hob die Hand und strich ihr mit einem Finger über die verführerische Unterlippe. „Lassen Sie mich Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen.“ Mit diesen Worten presste er seine Lippen auf ihre. Sobald er sie berührte, wusste er, dass er richtig gehandelt hatte. Ein erregendes Gefühl des Verlangens durchströmte ihn, als sie den Mund auf sein beharrliches Drängen hin öffnete, und er ihr verführerisches Aroma mit allen Sinnen genoss. Er musste seine ganze Willenskraft aufbringen, um nicht den Knoten in ihrem Nacken zu lösen, um ihr seidiges Haar zwischen seinen Fingern zu spüren.

Schließlich gewann sein Verstand die Oberhand, und widerstrebend löste er seine Lippen von ihren – überrascht darüber, wie schwer es ihm fiel.

„Sehen Sie? Wir kennen uns also schon, und ich glaube, dass wir …“ Er machte, eine bedeutungsvolle Pause, „dass wir ziemlich überzeugend wirken können.“

Margaret zitterte am ganzen Körper und wich ein paar Schritte zurück. Zitterte sie vor Verlangen oder aus Furcht? Oder möglicherweise einer Mischung aus beidem – ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen?

„Nein“, beharrte sie kopfschüttelnd. „Nein, das tue ich ganz bestimmt nicht.“

„Dann lassen Sie mir keine andere Wahl.“

„Keine Wahl? Was meinen Sie damit?“

„Dass ich eine Empfehlung aussprechen muss, um offiziell gegen Ihren Bruder Anklage zu erheben.“

2. KAPITEL

„Das ist Erpressung!“, rief sie aufgebracht. Das konnte doch nicht sein Ernst sein, oder?

„Ich ziehe vor, es als Verhandlungsbasis zu bezeichnen“, entgegnete er so gelassen, als würde er so etwas jeden Tag machen.

Wer konnte das schon wissen? Vielleicht machte er es ja jeden Tag. Margaret wusste lediglich, dass ihre kleine geordnete Welt plötzlich aus den Angeln gehoben worden war. Seit Jahren schon hatte Jason sich nichts mehr zuschulden kommen lassen. Seine wilde Teenagerzeit lag endgültig hinter ihm. Er wäre doch sicherlich nicht so töricht und würde versuchen, sich am Firmenvermögen zu bereichern? „Sie sind verrückt. Das können Sie mir nicht antun – uns nicht antun!“

„Falls Sie mit uns sich und Ihren Bruder meinen sollten, seien Sie versichert, dass ich es kann und auch tue, Margaret. Unterschlagung macht sich in keinem Lebenslauf besonders gut. Klar, es handelt sich um relativ kleine Beträge, aber wer sagt, dass ihr Bruder nicht mehr gewagt hätte, wenn ich keine Wirtschaftsprüfung vorgenommen hätte?“

Entsetzt sah sie zu William und versuchte, das Gesagte zu verstehen. Gleichgültig, ob Jason schuldig war oder nicht, es stand zu bezweifeln, dass er unbeschadet aus dieser Sache wieder herauskommen würde. Als er das letzte Mal vor einem Richter gestanden hatte, hatte dieser ihm unmissverständlich klargemacht, dass er seine endgültig letzte Chance bekam. Und Jason hatte sie genutzt. Sie mochte sich noch nicht einmal ausmalen, was geschehen würde, falls Jason jemals wieder vor ein Gericht musste. Wenn ihr Chef die Wahrheit sagte, dann konnte Jason ebenso gut jetzt schon das Handwerk gelegt werden. Doch im Grunde ihres Herzens wollte sie Tanner kein Wort glauben. „Nein, das würde er nicht tun. Er hat es versprochen …“ Sie biss sich auf die Lippe, um Tanner nicht noch mehr Munition gegen ihren Bruder zu liefern.

„Margaret, bitte setzen Sie sich. Das ist bestimmt ein Schock für Sie. Sie haben sich immer sehr für Ihren Bruder eingesetzt, und ohne Sie wäre er nicht da, wo er heute ist.“

Die Anspielung ging nicht spurlos an ihr vorbei. Er hatte bereits angedeutet, sie könne an dem Betrug beteiligt sein. Obwohl sie unschuldig war, wusste sie, dass man einen schlechten Ruf nur schwer wieder loswurde. Bestimmt würde sie die längste Zeit hier gearbeitet haben, wenn auch nur der leiseste Verdacht auf sie fiel – besonders nicht jetzt, wo alle hinter vorgehaltener Hand von der Umstrukturierung des Unternehmens sprachen.

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