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Wie verführt man seinen Boss?

Emily McKay

Wie verführt man seinen Boss?

1. KAPITEL

„Was soll das heißen, sie ist meine Tochter?“

Derek Messina starrte seinen Bruder Dex ungläubig an, der ein schlafendes Baby in den Armen hielt, das Derek bewusst keines Blickes würdigte.

Das Mädchen konnte doch unmöglich sein Kind sein …

Gut, es stimmte, dass er sie vor sechzehn Tagen mitten in der Nacht auf seiner Türschwelle gefunden hatte. An ihren Strampelanzug hatte jemand einen Zettel mit einer zweideutigen Nachricht befestigt. Aber da sein Bruder bei ihm wohnte, hatte Derek einfach angenommen, dass es sich dabei um ein Problem von Dex handelte.

Deshalb hatte Derek seelenruhig eine Geschäftsreise nach New York und Antwerpen angetreten, nachdem sie die Vaterschaftstests in Auftrag gegeben hatten.

„Sie kann nicht meine Tochter sein“, wiederholte er mit fester Stimme, konnte die Zweifel und die Verwirrung jedoch nicht ganz verbergen.

Dex sah ihn an und lächelte amüsiert. „Sie ist dein Kind.“

Hörte er da etwa eine Spur Bedauern heraus? „Falls das ein Witz sein soll, dann ist es nicht lustig.“

„Glaubst du, ich würde über so etwas Witze machen?“ Dex presste verärgert die Lippen aufeinander. „Nein, sag nichts. Das Ergebnis des Vaterschaftstests liegt da drüben.“

Das mulmige Gefühl wurde stärker, als Derek zum Küchentisch ging, wo ein Stapel Papiere lag. Er konnte sich aber nicht überwinden, sie anzusehen. Wenn sein Bruder doch nicht log … Wenn er ehrlich war, wusste Derek, dass Dex die Wahrheit sagte. Als sie noch klein gewesen waren, hatte er ihm oft Streiche gespielt, doch das war lange her.

Nein, wenn Dex sagte, dass das Baby seine Tochter war, dann stimmte es.

Mist. Der Zeitpunkt konnte nicht ungünstiger sein. Gut, als ob es den richtigen Moment dafür gäbe! Quasi über Nacht Vater eines fünf Monate alten Kindes zu werden …

Schließlich nahm Derek die Papiere in die Hand und las. Dort stand schwarz auf weiß, dass er mit der kleinen Isabella Alwin verwandt war. Die Wahrscheinlichkeit einer Vaterschaft betrug fast hundert Prozent! Wie Dex gesagt hatte.

Derek sah auf. „Wann hast du es erfahren?“

„Vor fünf Tagen.“

„Und warum hast du mich nicht angerufen?“

Dex hielt seinem Blick stand. „Warum hätte ich das tun sollen? Du hättest deine Geschäftsreise sowieso nicht abgebrochen.“

Das stimmte. Aber er hätte einiges anders gemacht. „Du weißt genau, wie wichtig diese Reise war“, entgegnete Derek.

„Klar. Messina Diamonds hat endlich eine Diamantenschleiferei in Antwerpen eröffnet. Wir sind jetzt keine einfache Minenarbeiter-Familie mehr. Jetzt spielen wir in der obersten Liga.“ Dex klang verbittert. „Das ist natürlich viel wichtiger als dein Kind.“

Der Zynismus seines Bruders erschreckte Derek. Er betrachtete seinen Bruder vom anderen Ende des Raums aus. Wie fürsorglich er das schlafende Baby im Arm hielt, wie sanft er seinen Kopf stützte und es wiegte! Hätte Derek es nicht besser gewusst, hätte er geschworen, dass Dex sein Leben lang nichts anderes getan hatte.

Die friedliche Szene zu betrachten traf ihn. Dex war sonst noch weniger Familienmensch als er. Zwei Wochen auf ein schreiendes Kind aufzupassen konnte daran nichts geändert haben. Darauf hätte Derek viel Geld gesetzt … wenn er je Wetten eingegangen wäre.

Schließlich zwang Derek sich, das Baby anzusehen. Es hatte flaumiges, kupferrotes Haar und schmiegte die Wange an Dex’ Brust. Die ungewöhnlich langen Wimpern hoben sich von seiner rosigen Haut ab, das kleine Mädchen hatte den Mund leicht geöffnet. Fast hätte man sie für eine Puppe halten können, wäre da nicht der kleine Speichelfleck auf Dex’ Hemd gewesen.

Schließlich wandte Derek beiden den Rücken zu und ging zum Barschrank im Wohnzimmer. Er goss Brandy in zwei Gläser und reichte Dex eins, der ihm nachgegangen war. Es wirkte ganz natürlich, wie er jetzt dastand und im Arm das Baby hielt, in der einen Hand das Brandyglas.

Derek musste sich zwingen, langsam zu trinken und nicht in einem Zug alles auszutrinken. Er stellte das Glas ab, steckte die Hände tief in die Taschen und musterte das Baby. „Sie sieht mir nicht ähnlich.“

Dex kniff die Augen zusammen. „Zum Glück! Sie wäre sonst ein sehr hässliches Kind.“ Er betrachtete das Baby einen Moment lang und fügte hinzu: „Sie hat Vaters Augen. Und deine, nehme ich an.“

Die Augen seines Vaters? Das war wie ein Schlag in die Magengrube.

Auch wenn das nicht ihre Schuld war. Nichts von all dem hier war ihre Schuld. Es war einfach der falsche Zeitpunkt. Und Pech. Und vielleicht war er einfach zu optimistisch gewesen. Als er nach Antwerpen aufgebrochen war, hatte Derek gewusst, dass sie möglicherweise seine Tochter war. Aber er hatte es nicht glauben wollen. Das war seine Schuld – und seine allein.

Er seufzte. „Dann sollte ich wohl eine Flasche Champagner öffnen oder so. Um auf das zweite neue Familienmitglied der Messinas anzustoßen.“

Dex zog die Augenbrauen hoch. „Das zweite?“

„Ja“, brummte er. „Nach Antwerpen bin ich in New York gewesen und habe Kitty überredet mitzukommen.“

„Kitty.“

Es überraschte Derek nicht, dass Dex nicht gerade begeistert klang. Er hatte Kitty noch nie gemocht. Doch das war Derek gleichgültig, schon seit drei Jahren, als er begonnen hatte, mit ihr auszugehen. „Du willst mir also nicht gratulieren?“

Dex hob sein Glas und prostete ihm zu. „Meinen Glückwunsch. Du durftest zwei Wochen mit der herzlosesten Frau des Landes verbringen.“

Derek ging nicht darauf ein. „Wir hatten eine sehr schöne Zeit.“

„Hoffentlich wolltest du sie nicht mit unserer neuen Filiale in Antwerpen beeindrucken. Sie hat wahrscheinlich ihre halbe Kindheit in Diamantenschleifereien verbracht.“

„Das hoffe ich.“ Kitty war die Erbin von Biedermann Jewelry. Ihrer Familie gehörte die größte Schmuckherstellerkette des Landes. „Das ist einer der Gründe, weshalb ich sie gebeten habe, meine Frau zu werden.“

Beinah hätte sich Dex an seinem Brandy verschluckt. „Was? Erzähl mir bloß nicht, sie hat Ja gesagt.“

„Natürlich hat sie das.“ Derek verspürte keinen Triumph beim Anblick der entsetzten Miene seines Bruders. „Ich hätte sie ja nicht gefragt, wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre. Außerdem ist sie klug genug, um die geschäftlichen Vorteile zu sehen, die unsere Heirat für die Familien mit sich bringt.“

Dex sah auf das schlafende Baby in seinen Armen. „Was wird sie wohl sagen, wenn sie von Isabella erfährt?“

„Ich habe keine Ahnung.“ Derek zuckte die Schultern.

Doch das stimmte nicht ganz. Kitty war schön und intelligent. Außerdem hatte sie den Geschäftssinn eines Raubtiers. Das alles zusammen machte sie zur perfekten Frau für ihn. Allerdings würde sie niemals das Kind einer anderen großziehen.

„Diesmal kündige ich endgültig.“ Raina Huffman sah ihr Spiegelbild herausfordernd an und stützte sich auf das Marmorwaschbecken in der Damentoilette im 20. Stock. Trotz ihres entschlossenen Gesichtsausdrucks war sie noch nicht ganz überzeugt.

Aber es war an der Zeit. Schon längst überfällig.

Plötzlich sagte jemand hinter ihr: „Du wirst nicht kündigen.“

Raina fuhr herum und sah ihre Freundin Trinity, die die Hände in die Hüften stemmte. Auf ihrem elfenhaften Gesicht lag ein belustigter Ausdruck. Raina runzelte die Stirn. „Doch, das werde ich.“

„Nein. Du wirst nie kündigen. Du redest immer davon, aber du machst es nie.“

Wortlos ging Trinity in eine der Kabinen, während Raina ihr finster hinterherstarrte. „Diesmal meine ich es ernst.“ Sie drehte sich um und begann, an den Fingern abzuzählen: „Erstens habe ich es satt, sein Mädchen für alles zu sein.“

„Du bist seine Assistentin. Das ist dein Job“, entgegnete Trinity sanft.

„Ha! Wenn er mich sonntags um ein Uhr nachts anruft, damit ich eine persönliche Erledigung für ihn mache, dann ist das zweitens nicht mein Job. Das ist die reine Schikane.“

Die Toilettenspülung rauschte, Sekunden später stand Trinity neben Raina und wusch sich die Hände. „Vielleicht ist er eine Nervensäge.“ Sie sah Raina über den Spiegel in die Augen. „Vielleicht ist er auch der fieseste Chef, den es in ganz Dallas gibt. In Ordnung, vielleicht sieht sogar Meryl Streep in Der Teufel trägt Prada lammfromm neben ihm aus. Aber du wirst niemals kündigen, weil er Unsummen für dein Gehalt ausgibt. Und du brauchst das Geld.“

Raina unterdrückte den Wunsch, ihren Boss zu verteidigen. Viele Leute, auch Trinity, redeten über ihn, als wäre er ein böser Diktator. Doch Raina wusste es besser. Gut, er war ein skrupelloser Geschäftsmann und ein strenger Chef, aber als seine persönliche Assistentin kannte sie Seiten an ihm, die er sonst niemandem zeigte. Und obwohl er großzügig und loyal war, legte er großen Wert auf seine Privatsphäre. Deshalb konzentrierte sich Raina lieber auf etwas, das Trinity verstehen würde.

„Die Bezahlung ist gut.“ Sie seufzte beim Gedanken an das Geld, das sie während der letzten neun Jahre verdient hatte. Das meiste davon hatte sie auf das Konto ihrer Mutter überwiesen, damit sie für Rainas Geschwister sorgen konnte. „Aber Kendrick macht im Mai Abitur. Und Cassidy hat ein Zweijahres-Stipendium bekommen. Sie können für sich selbst sorgen.“

„Trotzdem musst du dich noch um deine Mutter kümmern.“

„Ja, das Haus ist allerdings abbezahlt.“ Dank ihres hohen Gehalts. „Und die Versicherungsgelder decken ihren Lebensunterhalt.“ Raina lächelte. „Ich brauche kein Geld mehr. Ich kann kündigen und mir eine normale Arbeit suchen. Mit normalen Bürozeiten. Mit einem normalen Chef.“

Trinity zog die Augenbrauen hoch. „Mit einem Chef, der dich nicht in den Wahnsinn treibt.“

Ja. In den Wahnsinn. Oder so ähnlich. Das Wort Wahnsinn traf es genauso gut wie jedes andere. Derek machte sie fertig, er verärgerte sie. Er brachte sie dazu, sich die Haare zu raufen, und dazu, von ihm zu träumen.

Die Wahrheit war, dass sie seit neun Jahren seine Assistentin und seit acht Jahren in ihn verliebt war. Eine lange Zeit, um sich nach jemandem zu verzehren, für den sie zwar ein unverzichtbares Rädchen im Getriebe seiner Firma war, aber der sie nicht als Frau wahrnahm.

Daran wollte Raina jetzt lieber nicht denken. Geschweige denn, ihren Kolleginnen davon erzählen. Sie fürchtete, wenn sie noch länger hier blieb, würde sie sich vielleicht verplappern. Deshalb nahm sie ihren Lippenpflegestift aus der Handtasche und beugte sich zum Spiegel.

Neben ihr kicherte Trinity. „Du wirst niemals kündigen.“

Raina hielt inne und fragte: „Was?“

„Du benutzt Lippenbalsam.“ Trinity musterte Raina von Kopf bis Fuß. „Nein, wenn man nach neun Jahren einen so nervenaufreibenden, kräftezehrenden Job wie deinen kündigt, dann trägt man nicht bloß flache Schuhe und Lippenbalsam. Dann braucht man Zehn-Zentimeter-Absätze und knallroten Lippenstift. Dann tritt man seinem Chef in den Hintern.“

Raina lächelte ihre Freundin an. „Wenn du einen Job kündigst, trittst du deinem Chef vielleicht in den Hintern. Aber ich habe diese Gebäude noch nie betreten, ohne vollkommen professionell auszusehen. Warum sollte ich da heute eine Ausnahme machen? Und noch mal: Ich kündige definitiv.“

„Wenn du wirklich vorhättest zu kündigen, würdest du zugeben, dass Derek ein herzloser Tyrann ist.“

Raina zwang sich zu lachen, während sie sagte: „Er ist kein schlechter Mensch.“

„Ich wusste, dass du das sagen würdest. Und deswegen bleibe ich dabei: Du bist noch nicht so weit zu kündigen.“

„Ich habe meine schriftliche Kündigung vor fünf Minuten ausgedruckt“, erklärte Raina. „In zwanzig Minuten bin ich keine Angestellte von Messina Diamonds mehr. Gut, in zwanzig Minuten und zwei Wochen.“

Trinity zuckte die Schultern. „Wenn du es sagst.“ Lächelnd drehte sie sich um und ging zur Tür.

„Willst du mir nicht viel Glück wünschen?“

„Das würde ich, wenn ich überzeugt wäre, dass du es ernst meinst“, rief Trinity über die Schulter und trat auf den Flur.

Raina starrte ihrer Freundin hinterher.

Trinity hatte recht. Nicht, was Rainas Entschluss zu kündigen betraf, aber damit, dass ihr Job nervenaufreibend und kräftezehrend war. In den neun Jahren bei Messina hatte Raina mehr Überstunden gemacht als andere Leute in ihrem ganzen Leben.

Immer wenn Derek etwas brauchte, rief er zuerst sie an. Egal, ob es zwei Uhr morgens war oder ein sonniger Samstag. Er war nicht ungerecht, er verlangte von ihr nicht mehr als von sich. Allerdings war das sehr viel.

Sie hatte die unregelmäßigen Arbeitszeiten nur aus zwei Gründen geduldet: Erstens, weil sie das Geld brauchte. Zweitens, weil sie Derek verfallen war.

Nun war es an der Zeit, das Band zu kappen. Jetzt, da sie das Geld nicht mehr brauchte, konnte Raina kündigen, neu anfangen und ihr Leben so führen, wie sie es wollte. Schluss mit diesen kindischen Tagträumen davon, dass er eines Tages aufwachte, merkte, dass sie eine Frau war, und sie auf eine romantische Reise in die Karibik entführte.

Mal ehrlich: Wenn das realistisch wäre, dann wäre es schon vor Jahren passiert.

Auf dem Weg zu Dereks Büro ging Raina am Drucker vorbei. Im Gehen überflog sie ihr Kündigungsschreiben und überzeugte sich davon, dass es genauso kurz und bündig war, wie sie es in Erinnerung hatte. Es war schließlich nicht nötig, dass sie sich mit unnötigen Gefühlsäußerungen erniedrigte.

Sie klopfte kurz an, bevor sie eintrat. In seinem Büro roch es wie immer nach Holz und dem Zitronenaroma von Dereks Eau de Cologne. Er stand mit dem Rücken zu ihr am Fenster und blickte starr auf die Innenstadt von Dallas hinunter. Der feine Wollstoff seines italienischen Designeranzugs spannte sich über seinen Rücken. Deutlich waren seine breiten Schultern zu sehen.

„Mr. Messina, kann ich Sie kurz sprechen?“

„Gott sei Dank sind Sie hier, Raina.“ Derek drehte sich um. „Wir haben heute viel zu tun.“

Diese Worte zu hören versetzte ihr einen Stich. Fast jeden Tag hatte er sie in den letzten neun Jahren so begrüßt.

Im nächsten Moment erkannte Raina, dass er ein schlafendes Baby im Arm hielt. Sofort war ihr Kummer vergessen, und sie war nur noch verwirrt. „Was machen Sie mit dem Baby?“

Dereks Gesichtsausdruck veränderte sich, sekundenlang sah er genauso erstaunt aus wie sie. „Das ist meine Tochter.“

Raina machte eine Faust und zerknüllte dabei unwillkürlich das druckfrische Kündigungsschreiben. „Ihre Tochter? Unmöglich.“

„Normalerweise würde ich Ihnen recht geben. Aber das Ergebnis des Vaterschaftstests ist eindeutig.“ Derek verzog das Gesicht.

Jemand, der ihn nicht so gut kannte wie Raina, hätte geglaubt, er würde lächeln. Aber sie wusste es besser. Derek lächelte nie. Und sie fühlte sich, als ob das Gebäude von einem Erdbeben erschüttert worden wäre. Wie es ihm ging, darüber konnte sie nur spekulieren. „Ist das Isabella?“

„Ja.“

Sie trat unsicher vor und ließ sich in den Sessel gegenüber von Dereks Schreibtisch sinken. „Ich verstehe das nicht. Ich dachte, sie wäre Dex’ Tochter. Die Mutter – Jewel oder Lucy oder wie auch immer sie sich genannt hat – hat es mir selbst gesagt.“

„Sie hat gelogen.“ Als ob sie merkte, dass die Erwachsenen über sie sprachen, begann Isabella, sich nervös in Dereks Armen zu winden. Er setzte sich auf seinen Stuhl. „Jewel und Lucy sind Zwillinge.“

„Und wer von beiden ist Isabellas Mutter?“

„Jewel.“

Raina ließ sich tief in den Sessel sinken und versuchte, zu verstehen, was Derek ihr sagte. „Das heißt, die Frau, die ich letzte Woche getroffen habe, an der Dex so interessiert gewesen ist, war …“

„Lucy, Isabellas Tante. Nachdem Jewel Isabella auf meiner Türschwelle abgelegt hatte, beschloss Lucy, ihre Nichte zurückzuholen. Sie hat sich als ihre Zwillingsschwester Jewel ausgegeben, weil sie dachte, dass Dex ihr Isabella dann zurückgeben würde.“

„Aber Dex ist nicht der Vater.“

„Nein.“

„Aber Sie sind es?“

„Offensichtlich.“

„Das heißt, Sie und Dex haben mit derselben Frau geschlafen.“

Derek antwortete nicht, sondern nickte nur kurz.

„Das ist verrückt.“

„Nicht so verrückt wie die Tatsache, dass Dex Lucy gebeten hat, ihn zu heiraten.“

Raina legte den Kopf schräg und betrachtete Derek. Wenn er das verrückt fand, hatte er Lucy und Dex noch nie zusammen gesehen. Raina hatte sie auch nur einmal getroffen, aber niemand hätte übersehen können, wie verliebt sie waren. Damals war es ihr ganz normal vorgekommen, denn sie hatten ja schon ein gemeinsames Kind. Aber wenn Isabellas Vater nicht Dex war, sondern Derek …

„Dann haben Sie mit Jewel geschlafen?“ Ihr Magen verkrampfte sich. Jewel hatte vor einem Jahr kurz für Messina Diamonds gearbeitet. Die ganze Zeit hatte sie versucht, mit Derek zu flirten, und ihm schöne Augen gemacht. Damals war Raina allerdings nicht einmal in den Sinn gekommen, dass Derek der Versuchung erliegen könnte.

Jahrelang hatte sie eng mit Derek zusammengearbeitet und sich dabei in seine Stärke und Aufrichtigkeit verliebt. In seinen Willen, das Richtige für seine Familie und seine Firma zu tun.

In der ganzen Zeit hatte er sich nie anmerken lassen, dass er sie als Frau sah. Nie hatte er ihre Beine betrachtet, nie seine Hand auf ihre gelegt oder ihr in die Augen gesehen und dabei mehr als berufliche Anerkennung gezeigt.

Sie hatte sich immer eingeredet, es läge nur daran, dass sie seine Angestellte war. Und sich mit dem Gedanken getröstet, dass er ein Ehrenmann war. Dass er niemals mit einer Frau schlafen würde, die für ihn arbeitete.

Jetzt kam es ihr wie ein Betrug vor, dass er mit Jewel geschlafen hatte. Er war also doch nicht so ehrbar, wie Raina geglaubt hatte. Nein, er war schlicht und einfach nie an ihr als Frau interessiert gewesen.

2. KAPITEL

Derek beobachtete Raina von seinem Stuhl aus. Sie sah fast genauso schockiert aus, wie er sich fühlte.

Es war sein Baby. Das winzige, schlafende Kind, das er ungeschickt in den Armen hielt, war das Ergebnis seiner Dummheit. Sein Fehler.

Eine finstere Entschlossenheit überkam ihn. Er würde dafür sorgen, dass es funktionierte. Und Raina würde ihm dabei helfen. Sie hatten schon schwierigere Situationen zusammen durchgestanden.

„Als Erstens müssen all meine Termine für die nächsten beiden Wochen abgesagt werden.“

Raina starrte ihn an. „Ich soll Ihre Termine absagen? Wieso das denn?“

Ihr verwirrter Gesichtsausdruck ließ ihn kalt. „Ich muss lernen, Vater zu sein.“

„Davon abgesehen, dass man nie und nimmer in zwei Wochen lernt, Vater zu sein, haben Sie einige Termine, die wir auf keinen Fall verschieben können.“

„Alles, was wir nicht verschieben können, müssen Sie oder Dex übernehmen. Und was das Vater-Sein betrifft: Dex hat es in zwei Wochen gelernt. Also kann ich es auch.“

„Das ist lächerlich. Dex kann nicht …“

„Als ich nach New York geflogen bin, hatte Dex überhaupt keine Erfahrung mit Kindern und erst recht kein Interesse an ihnen. Als ich zurückgekommen bin, waren sie ein Herz und eine Seele.“ Er sah das Kind an, wie um zu prüfen, ob sie auch schon ein Herz und eine Seele waren. Aber im Moment verspürte Derek nur Panik.

Raina zuckte die Schultern. „Das kann man wohl kaum vergleichen“, sagte sie schwach. „Und ja, er sah tatsächlich hingerissen aus, als er noch geglaubt hat, sie wäre seine Tochter, aber …“

„Er ist immer noch …“ Derek suchte nach dem richtigen Wort, aber er fand kein besseres. „… hingerissen. Ich musste mit ihm streiten, damit ich sie heute mit zur Arbeit nehmen durfte.“

Er wusste zwar nicht, warum ihn das so ärgerte – die Art, wie Dex versuchte, Isabella vor Dereks vermeintlicher Unfähigkeit zu schützen. Es ärgerte Derek einfach.

Raina runzelte die Stirn. „Und wieso haben Sie sie mit zur Arbeit genommen? Ich dachte, Dex hätte ein Kindermädchen eingestellt?“

„Das hat er auch. Ich habe ihr die nächsten zwei Wochen freigegeben.“

„Wieso um alles in der Welt?“

„Dex hatte am Anfang auch kein Kindermädchen. Deshalb haben sie sich wahrscheinlich so schnell aneinander gewöhnt.“

„Dex hatte Jewel – oder besser gesagt Lucy. Sie hat ihm geholfen.“

„Und ich habe Sie.“

Sie kniff die Augen zusammen und sprang abrupt auf. Das zerknüllte Schreiben knisterte, als Raina die Faust noch fester ballte. „Oh nein, nein, nein. Ich werde mich nicht um Ihr Baby kümmern.“

„Ich habe nicht …“

Sie unterbrach ihn – das machte sie fast nie. „Wissen Sie, in den letzten Jahren habe ich viele verrückte Dinge für Sie gemacht.“ Sie ging um den Tisch herum, bis sie vor ihm stand. „Ich habe am Wochenende gearbeitet. Ich habe auf meinen Urlaub verzichtet. Ich war am Feiertag im Büro. Ich bin in letzter Minute auf Geschäftsreisen gegangen, bei denen ich in miesen Hotels übernachtet und noch mieseres Essen bekommen habe. Aber das geht zu weit.“

Nach Rainas Ausbruch fehlten Derek die Worte. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, wäre er überzeugt gewesen, sie hasste ihre Arbeit. Bevor er Raina danach fragen konnte, drehte sie sich jedoch auf dem Absatz um und begann, auf und ab zu gehen.

„Ich werde Ihnen nicht dabei helfen, sich um dieses Baby zu kümmern. Ich möchte nichts mit ihm zu tun haben. Mir ist egal, ob es Ihre Tochter ist.“ Sie warf einen Blick auf Isabella. Sofort wurde Rainas Gesichtsausdruck weicher, doch sie sah schnell weg und konzentrierte sich wieder auf Derek. „Mir ist egal, wie niedlich sie ist.“

Fasziniert sah er sie an. Er hatte sie noch nie so gesehen. Während all der Jahre, die sie nun schon für ihn arbeitete – es mussten etwa acht sein –, war sie immer die Professionalität in Person gewesen. Immer dezent gekleidet, beherrscht und bedacht. Kein einziges Mal hatte Raina die Stimme erhoben. Nie hatte sie ihn angefunkelt, geschweige denn auch nur einen Funken mangelnden Respekts gezeigt.

Seltsam, dass ihm noch nie aufgefallen war, wie lang ihre Beine waren. Jetzt, da sie wütend im Raum auf und ab ging, musste Derek ihre schöne Figur bewundern. Genau wie ihre zarten Wangen, die rosiger wirkten, wenn Raina sich aufregte.

Während er sie beobachtete, spürte Derek etwas in sich aufsteigen, das sich gefährlich nach Verlangen anfühlte. Rasch unterdrückte er es. Die Situation war so schon schwierig genug. „Raina, ich habe Sie noch nie darum gebeten, etwas zu tun, das Sie nicht tun wollten.“

Sie drehte sich zu ihm um. „Das ich nicht tun wollte?“, fragte sie und lachte bitter auf. „Darum würden Sie mich nicht bitten? Woher wollen Sie überhaupt wissen, was ich will und was nicht?“

Diesmal fiel ihm keine Antwort ein, während Raina einfach dastand und wartete. Der Moment kam ihm vor wie eine Ewigkeit. Allmählich dämmerte ihm, dass die Situation außer Kontrolle geraten war.

Schließlich schüttelte sie den Kopf, verließ das Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

Er zuckte zusammen, als hätte ihn jemand geboxt. In den leeren Raum hinein fragte Derek: „Was zum Teufel sollte das?“

Und wo zum Teufel war seine ruhige, beherrschte Assistentin geblieben?

Das Baby wand sich in seinen Armen. Das war die einzige Antwort, die Derek bekam.

Isabella war von dem Türenknallen aufgewacht und trat gegen seine Brust. Mit ihrer ganzen Kraft stemmte Isabella sich gegen seine Oberarme und versuchte, sich zu befreien. Als Derek sie nicht losließ, stieß sie einen langgezogenen Klagelaut aus.

Er wusste genau, wie sie sich fühlte.

Raina blieb erst stehen, als sie bei ihrem Auto angekommen war. Sie stieg ein, schlug die Tür hinter sich zu und hämmerte mit der Faust aufs Lenkrad. Als sie die Hupe erwischte und das Tuten durch das Parkhaus hallte, erschrak Raina. Mehrere Leute blieben stehen und drehten sich zu ihr um.

Seufzend ließ sie die Stirn auf das Lenkrad sinken. Dadurch wurde sie zumindest ein bisschen von ihrem Ärger los. Außerdem konnten die Leute ihr jetzt wenigstens nicht ins Gesicht sehen – was ihr gegenüber Kollegen unangenehm gewesen wäre.

Gegenüber Ex-Kollegen, besser gesagt.

Sie sah auf das zerknüllte Blatt Papier, das sie immer noch in der Hand hielt. In Ordnung, zukünftige Ex-Kollegen.

Warum war sie während ihres peinlichen und erniedrigenden Gefühlsausbruchs nicht wenigstens so geistesgegenwärtig gewesen, ihm die Kündigung auf den Tisch zu legen? Oder sie ihm vor die Füße zu werfen, bevor sie zur Tür hinausgestürmt war?

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