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Wie verführt man einen Viscount?

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1. Kapitel

September 1807

In der Privatloge des Duke of Arlesford im Theatre Royal, Covent Garden, konnten weder Viscount Stanley noch seine Freunde aufhören, auf die gegenüberliegende Seite des Zuschauerraumes zu starren. Dem Stück hingegen widmeten sie nicht die geringste Aufmerksamkeit.

„Ich wusste nicht, dass du deine Loge vermietet hast, Stanley“, sagte Arlesford leichthin, doch die unausgesprochene Frage hinter diesen Worten blieb Marcus nicht verborgen.

Marcus’ ganze Aufmerksamkeit war auf seine Loge gerichtet. Soeben war dort eine Frau ohne Begleitung erschienen. Für ihren Auftritt hätte sie keinen besseren Moment wählen können. Seine Neugier war auf jeden Fall geweckt. Da sie erst kurz vor Aufführungsbeginn gekommen war, hatte er nur einen flüchtigen Blick auf ihre bezaubernde Erscheinung und ihre goldbraunen, kunstvoll hochgesteckten Locken werfen können. Sie trug ein cremefarbenes Seidenkleid mit scharlachroten Rändern, das sich um ihren perfekten Körper schmiegte. Die Lichter gingen aus, doch das hell schimmernde Kleid hob sich von der Dunkelheit ab und setzte sie auf überaus verführerische Art und Weise in Szene.

Die Schauspieler betraten die Bühne, und ein Murmeln ging durch das Publikum, aber Marcus wusste, dass nicht der Beginn der Aufführung das Interesse der Theaterbesucher geweckt hatte.

Die Frau ließ sich Zeit, um Platz zu nehmen. Ihre Bewegungen waren ohne jede Eile und strahlten eine beinahe sinnliche Gemächlichkeit aus, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre, dass sie es sich in seiner Loge gemütlich machte. Fast hätte man meinen können, dass sie auf ihn warten würde. Dabei blieb es niemandem verborgen, dass sie – abgesehen von ihrem Hausmädchen – ganz alleine gekommen war.

Sebastian Hunter, der rechts neben ihm saß, grinste und flüsterte: „Kein Wunder, dass du diesen kleinen Augenschmaus nur für dich haben wolltest, du altes Schlitzohr.“ Marcus wusste, dass Sebastian nur das ausgesprochen hatte, was wahrscheinlich gerade jedem Mann im Theater durch den Kopf ging.

„Ein bisschen … indiskret, Stanley“, mahnte Arlesford in gedämpften Ton, sodass nur Marcus ihn hören konnte. „Southampton liegt nicht gerade am anderen Ende der Welt.“

Southampton, wo Ellen seit vier Monaten auf vermeintlichem Besuch bei ihren Eltern war. Es war die einzige Anspielung, die sich die Leute über seine Ehefrau gestatteten. Ansonsten sprach nie jemand von seiner Frau oder seiner Ehe. Keiner wagte es.

Obwohl Marcus sich bemühte keine Gefühlsregung zu zeigen, ließ er die Frau nicht aus den Augen. Wer auch immer sie war – sie musste doch wissen, dass sie gerade für einen Skandal sorgte. Indem sie sich so provokativ, ja geradezu unverhohlen, in seiner Loge niederließ, würde jedermann sie für seine Geliebte halten. Dabei war seine Ehe gerade einmal sechs Monate alt. Ihm kam der Gedanke, dass vielleicht Amanda sie geschickt hatte, um ihn in Schwierigkeiten zu bringen. Während er die Frau beobachtete, ließ sie den Blick von den Schauspielern auf der Bühne zu ihm wandern. Über den Zuschauerraum hinweg sahen sie sich an. Sie hielt seinem Blick ein bisschen zu lange stand, so als wolle sie ihn herausfordern oder sich über ihn lustig machen. Marcus’ Herz setzte vor Schreck einen Schlag aus. Plötzlich wusste er, wer sie war.

„Zum Teufel noch mal!“, flüsterte er atemlos. Er starrte sie immer noch an, konnte es kaum fassen und erkannte, was er von Anfang an hätte erkennen müssen. „Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, meine Herren.“ Er stand auf. Bewegung kam in die umliegenden Logen, da die Leute die Hälse reckten, um zu sehen, was vor sich ging. Weiter unten im Parkett schauten etliche blasse Gesichter zu ihm auf. Grimmig warf er noch einmal einen Blick zu seiner Theaterloge hinüber und nickte der Frau leicht zu. „Ich sollte wohl meiner Gattin Gesellschaft leisten.“

Allen Anwesenden in der Loge des Duke of Arlesford blieb der Mund offen stehen. Ungläubig schauten sie ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Marcus wartete gar nicht erst ab, dass sie sich wieder wie gebannt seiner Frau zuwenden würden.

Ellen Henshall, Viscountess Stanley, holte tief Luft und versuchte, ihren rasenden Herzschlag und das nervöse Kribbeln in ihrem Bauch unter Kontrolle zu bekommen. In wenigen Augenblicken würde Marcus vor ihr stehen, und diese ganze Fassade – ihr Aussehen und die Gelassenheit, die sie sich so mühevoll erarbeitet hatte – müsste seinem prüfenden Blick aus der Nähe standhalten. Für einen Augenblick war sie von Zweifeln geplagt, aber dann besann sie sich darauf, warum sie das alles tat. Bei der Erinnerung an die ersten beiden Monate ihrer Ehe kam auch die Entschlossenheit zurück, und sie spürte eine innere Kraft, die ihre Angst bezwang.

„Ellen.“ Als sie seine volle, kühle Stimme hörte, lief ihr ein Schauer über den Rücken. „Du hast mir nicht gesagt, dass du nach London kommen würdest.“

Um dir Gelegenheit zu geben, deine Termine umzulegen, damit du so wenig Zeit wie möglich mit mir verbringen müsstest? Früher hätte sie so etwas aus Schüchternheit nicht gesagt. Jetzt sprach sie ihre Gedanken nicht aus, weil sie damit entgegen ihrer Absicht gehandelt hätte.

„Ich wollte dich überraschen, Marcus.“

Du wirst noch dein blaues Wunder erleben!

Sie schürzte die Lippen und sah ihn mit jenem feurigen Ausdruck in den Augen an, den Kitty ihr beigebracht hatte. Genau drei Sekunden lang hielt sie seinem Blick stand, bevor sie wieder wegschaute.

„Das ist dir durchaus gelungen.“ Er betrachtete sie auf eine Art und Weise, wie er es noch nie getan hatte.

Diesmal war ihr Lächeln beinahe aufrichtig. Vom Erfolg angespornt, schenkte sie ihm einen Augenaufschlag, bevor sie ihre Aufmerksamkeit vorgeblich wieder auf die Bühne richtete – als ob das in Marcus’ Gegenwart möglich wäre. Er nahm neben ihr Platz, doch sie warf ihm nicht einmal einen Seitenblick zu. Zwischen ihnen entstand eine Stille, wie sie noch nie zwischen ihnen geherrscht hatte. Diese Stille war weder angespannt noch unangenehm. Ellen zupfte vor Nervosität weder an ihren Handschuhen, noch versuchte sie ihn in belangloses Geschwätz zu verwickeln, das er ohnehin nicht beachten würde. Diesmal hielt sie das Schweigen aus und tat so, als wäre sie sich seiner Anwesenheit gar nicht bewusst – ungeachtet der Tatsache, dass seine Nähe ein Prickeln in ihr auslöste und sich ihre ihm zugewandte Seite ihres Körpers ganz warm anfühlte. Die ganze Zeit über hielt sie den Blick fest auf die Bühne gerichtet.

„Wie geht es deinen Eltern?“

„Es geht ihnen sehr gut.“ Wie sie aufgeatmet hatten, als ihre Tochter zu ihrem Mann heimgekehrt war! Wenn sie gewusst hätten, welche Pläne Ellen in den vergangenen Monaten geschmiedet hatte, wären sie wohl alles andere als erleichtert gewesen.

„Und wie war Southampton?“

„Überaus lehrreich.“ Mehr als er sich vorstellen konnte – in vielerlei Hinsicht …

Er war weder abgelenkt noch kühl und ignorierte sie auch nicht. Außerdem war nichts von jener unterschwelligen Feindseligkeit ihr gegenüber zu spüren. Sie fühlte, wie er sie unverhohlen anstarrte. Ihr allein galt seine ganze Aufmerksamkeit. Zum ersten Mal stieg ein Gefühl der Macht in ihr auf und das war Balsam für ihr geschundenes Herz.

„Du wirkst so … anders. Beinahe hätte ich dich gar nicht erkannt.“

Sie hätte sich selbst fast nicht wiedererkannt, als sie in den Spiegel geschaut hatte. Man hatte ihr das Haar mit Bier gewaschen, damit es glänzte, und ihr anschließend Locken gedreht. Stundenlang war sie frisiert und angezogen worden. Ihre Sommersprossen waren mit einem feinen Reispuder überdeckt, und auf ihre Lippen hatte man einen Hauch von Karminrot und Glanz aufgetragen. Das Korsett und die Kleider betonten ihre Figur wie nie zuvor. Ihre Haltung und ihre Art, sich zu bewegen, sollten sie unwiderstehlich machen. Ellen war eine ...

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