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Wie verführt man einen Star?

PROLOG

„Ich sollte Sie vermutlich warnen, Miss McKinley. Im Augenblick benimmt sich mein Bruder wie ein arroganter Flegel.“

Muss in der Familie liegen, dachte Stephanie bei sich, während sie Lucan St. Claire ruhig betrachtete.

Er saß hinter einem großen Schreibtisch im Londoner Büro der St. Claire Corporation. Groß, dunkelhaarig und auf eine aristokratische Weise auch attraktiv, jedoch von einer inneren Zurückhaltung, die an Gefühlskälte grenzte. Er war nicht unhöflich im eigentlichen Sinne, verkörperte jedoch förmlich den Inbegriff von Arroganz.

Vielleicht hatte aber auch die Tatsache, dass er an ihr als Frau nicht das geringste Interesse zeigte, etwas mit ihrem vernichtendem Urteil über seinen Charakter zu tun. Aber hey, ein Mädchen durfte doch wohl noch davon träumen, von einem megareichen, bildschönen, exotischen Mann begehrt zu werden? Allerdings lagen die Gründe für sein Desinteresse auf der Hand: Lucan St. Claire verfügte über mehr Geld als so mancher Kleinstaat und verabredete sich laut Presse ausschließlich mit langbeinigen Blondinen. Da hatte sie mit ihrer mäßigen Körpergröße und den feuerroten Haaren eher weniger Chancen, von ihm beachtet zu werden. Zudem war sie lediglich eine selbstständige Physiotherapeutin, die seinen jüngeren Bruder bei dessen Genesung unterstützen sollte.

Gelassen begegnete sie Lucans düsterem Blick. „Die meisten Menschen verändern unter Schmerzen ihr Verhalten und werden zunehmend … aggressiver, Mr St. Claire.“

Seine wohlgeformten Lippen verzogen sich zu einem humorlosen Lächeln. „Sie werden feststellen, dass Jordan ziemlich aggressiv ist.“

In Gedanken ging sie die Informationen durch, die sie bereits über ihren neuen Patienten gesammelt hatte. Jordan St. Claire war vierunddreißig Jahre alt und der Jüngste von drei Brüdern. Vor sechs Monaten hatte er einen schweren Unfall gehabt und sich dabei fast jeden einzelnen Knochen auf der rechten Seite seines Körpers gebrochen. Selbst nach diversen Operationen waren seine Bewegungen noch sehr eingeschränkt, und so hatte er sich in ein englisches Landhaus zurückgezogen, zweifellos, um dort in totaler Isolation seine Wunden zu lecken.

Soweit fand Stephanie an seinem Verhalten nichts Ungewöhnliches oder Bemerkenswertes. „All das habe ich schon bei anderen Patienten erlebt, Mr St. Claire“, sagte sie zuversichtlich.

Lucan St. Claire stützte seine Ellenbogen auf der ledernen Schreibunterlage ab und sah Stephanie über seine gespreizten Fingerspitzen hinweg an. „Was ich versuche, Ihnen zu erklären … Jordan ist nicht gerade voller Enthusiasmus, wenn Sie verstehen, was ich meine? Ihm missfällt der Gedanke, wieder mit einer neuen Physiotherapeutin zusammenarbeiten zu müssen.“

Das klang für ihre Ohren nicht gerade charmant, und Stephanie straffte unbewusst die Schultern. Sie war stolz auf den Erfolg ihrer Privatpraxis, die sie vor drei Jahren eröffnet hatte. Und was ihre bevorstehende Aufgabe anging, hatte sie die medizinische Akte von Jordan St. Claire gelesen. Offenbar hatten die Chirurgen bereits alles in ihrer Macht Stehende für ihn getan, und nun lag der Rest beim Patienten selbst. Allerdings fragte Stephanie sich insgeheim, wie sein Bruder an das vertrauliche Krankenblatt gekommen war.

Ihre Augen wurden etwas schmaler. „Worauf wollen Sie eigentlich hinaus, Mr St. Claire?“, fragte sie direkt.

Seine scheinbare Gleichgültigkeit verwandelte sich in eindeutige Anerkennung. „Ich sehe, Sie werden Ihrem beruflichen Renommee, klare Worte zu sprechen, durchaus gerecht. Erfreulich.“

Stephanie war sich ihres kompromisslosen Auftretens und ihrer professionellen Erscheinung bewusst. Die langen roten Haare hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten, und auf den dunklen Wimpern, die ihre leuchtend grünen Augen umrahmten, trug sie nur wenig Mascara. Alles an ihr wirkte absichtlich so, als wäre sie nicht im Geringsten emotional involviert.

Aber was ihr berufliches Renommee anging …

Zum Glück hatte Lucan St. Claire nicht angedeutet, irgendetwas von Rosalind Newmans Anschuldigungen gehört zu haben. Die Dame warf Stephanie vor, ihre Aufgabe als Physiotherapeutin für deren Mann Richard dazu genutzt zu haben, eine heiße Affäre mit ihm zu beginnen. Aber wäre Lucan dieser Vorwurf zu Ohren gekommen, hätte er sie ganz sicher gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch gebeten.

„Ich habe nie einen Sinn darin gesehen, nicht absolut ehrlich zu handeln.“ Sie zuckte die Achseln. „Ganz besonders im Hinblick auf meine Patienten.“

Lucan nickte zustimmend. „Etwas anderes würde Jordan auch nicht akzeptieren.“ Dann lehnte er sich auf seinem schwarzen Ledersessel zurück und seufzte. „Er hat keine Ahnung, dass ich Ihnen diesen Job geben will“, gestand er leise.

Das hatte Stephanie sich schon gedacht. Natürlich machte es ihre Aufgabe nicht gerade leichter, wenn der Patient ihr gegenüber eine feindselige Haltung einnahm, noch bevor sie mit der gemeinsamen Arbeit begonnen hatte. Andererseits waren ihr schon früher schwierige Patienten begegnet. Im Grunde war keiner von ihnen leicht im Umgang. Doch immerhin basierte ein großer Teil von Stephanies beruflichem Erfolg auf ihrer allgemein bekannten Fähigkeit, selbst mit unkooperativen Patienten gut zurechtzukommen.

„Soll das bedeuten, Sie wollen ihn mit mir überraschen?“, erkundigte sie sich trocken.

Er schnitt eine Grimasse. „Wenn Sie es so nennen möchten? So oder so wird er Sie wohl eher zum Teufel schicken, als Sie in seine Nähe zu lassen.“

Nachdenklich schob Stephanie die Lippen vor. „Falls Sie mir den Auftrag erteilen, müssen wir eben dafür sorgen, dass es ihm unmöglich ist, mich hinauszuwerfen. Sie sagten, das Haus in Gloucestershire gehört Ihnen persönlich?“

Aufmerksam sah er sie an. „Es befindet sich auf einem größeren Anwesen, das im Besitz dieses Unternehmens ist, ja.“

„Als Vorsitzender der Firma haben Sie wohl ein Recht darauf, zu bestimmen, wer sich dort aufhält und wer nicht.“

In seinen Augen blitzte nun doch so etwas wie Humor auf. „Sie hätten also kein Problem damit, einfach dorthin zu fahren und sich den Konsequenzen zu stellen?“

„Wenn mir mein Patient keine andere Wahl lässt, dann nein“, versicherte sie ihm schlicht.

„Ich glaube, in Ihnen hat Jordan einen ebenbürtigen Gegner gefunden.“

„Als Gegner würde ich mich nicht bezeichnen, wenn Sie mich tatsächlich mit Ihrem Bruder arbeiten lassen.“ Innerlich jubelte Stephanie, weil sie den Job so gut wie in der Tasche hatte.

„Arbeit werden Sie sicherlich viel mit ihm haben“, entgegnete Lucan kryptisch. „Jordan hasst Therapeuten und ihr ewiges Geschubse und Gezerre, wie er es nennt.“

„Ich schubse und zerre grundsätzlich nicht, Mr St. Claire“, widersprach Stephanie kühl, freute sich im Stillen aber über die Herausforderung, einen widerspenstigen Patienten zu zähmen und ihm zu helfen. „Ich könnte gleich nächste Woche beginnen, wenn Ihnen das passt?“

Lucan brauchte nicht zu wissen, wie froh sie war, London möglichst schnell hinter sich lassen zu können. Weg von Rosalind Newman und ihren haltlosen Verdächtigungen, die sich für Stephanie als ausgesprochen rufschädigend herausstellen könnten. In ein paar Wochen war wenigstens etwas Gras über die ganze Sache gewachsen.

„Das passt sogar hervorragend“, stimmte er sichtlich erfreut zu.

Stephanie konnte seine Erleichterung gut nachvollziehen. Schließlich wusste sie aus Erfahrung, wie viele bewegungseingeschränkte Menschen mit ihrem Schicksal haderten und keine Geduld dafür aufbrachten, ihre Rehabilitation in die eigenen Hände zu nehmen. Und diese Haltung belastete oft auch die Familie und das persönliche Umfeld der Betroffenen. Und selbst wenn Lucan St. Claire für seine Arroganz und Kälte berühmt-berüchtigt war, so liebte er seinen kleinen Bruder offensichtlich sehr.

„Ich brauche einen Schlüssel zum Haus und eine Wegbeschreibung“, verkündete Stephanie pragmatisch. „Alles Weitere können Sie dann getrost mir überlassen.“

Jordan hatte keine Ahnung, wer oder was da auf ihn zukam!

1. KAPITEL

„Wer, zur Hölle, sind Sie? Und was haben Sie in meiner Küche verloren?“

Stephanie war schon vor gut einer Stunde am Tor von Mulberry Hall angekommen, hatte mehrfach geschellt und dann an die Haustür geklopft.

Nachdem sich aber nichts rührte, musste sie davon ausgehen, Jordan St. Claire wäre entweder nicht da oder weigerte sich schlicht, ihr zu öffnen. Deshalb blieb ihr keine andere Wahl, als sich mit ihrem Schlüssel selbst Einlass zu verschaffen.

Neugierig hatte sie die Räume im Erdgeschoss erkunden wollen, war jedoch nicht weiter als bis in die geräumige Küche gekommen. Das dreckige Geschirr und die allgemeine Unordnung stellten einen brutalen Angriff auf ihr angeborenes Bedürfnis nach Sauberkeit und Übersicht dar. Sie bezweifelte stark, dass Jordan seit seiner Ankunft vor einem Monat auch nur eine Tasse abgespült hatte.

„Das hier soll eine Küche sein?“ Geschäftig sammelte sie weiter schmutziges Geschirr ein, das über fast alle Oberflächen im Raum verteilt war, und ließ es nach und nach in die Spüle mit heißem, schaumigem Wasser gleiten. „Es sieht eher wie ein Labor für bakterielle Kulturen aus.“ Jetzt drehte sie sich um, zog die Augenbrauen hoch und betrachtete den ungekämmten, missmutigen Fremden, der in der Tür stand.

Doch als sie ihn plötzlich erkannte, musste sie sich sofort Halt suchend gegen die Spüle lehnen. Trotz der zu langen, zerzausten Haare und dem unrasierten Kinn war ihr dieses fein gezeichnete Gesicht höchst vertraut. Auch das schwarze T-Shirt und die tiefsitzende Jeans konnten nicht von seiner wahren Identität ablenken.

Konzentriert besann Stephanie sich auf ihre sonst so pragmatische, innere Ruhe und setzte eine möglichst gleichgültige Miene auf. Vor ihr stand niemand anderer als der weltberühmte Schauspieler Jordan Simpson!

Wahrscheinlich hatte er sich absichtlich Haare und Bart wachsen lassen, aber diese hinreißenden braungoldenen Augen hätte sie überall wiedererkannt. Die Kritiker waren sich in ihren Beiträgen nie einig, ob sie die Farbe dieser Augen als geschmolzenes Gold oder eher als Zimtbraun beschreiben sollten. Aber dass sie hinreißend waren, daran bestand für niemanden ein Zweifel.

Stephanie war ein großer Fan dieses englischen Schauspielers, der vor gut zehn Jahren Hollywood im Sturm erobert hatte. Sie hatte praktisch jeden einzelnen seiner Filme gesehen, manche mehrfach, und mittlerweile waren es schon an die zwanzig. Zwei von ihnen hatten durch seine beeindruckende Performance einen Oscar einheimsen können, und Stephanie musste zugeben, dass sie nicht gerade selten ziemlich eindeutige Fantasien in Bezug auf dieses einmalige männliche Exemplar gehegt hatte …

Daher wusste sie auch, dass Jordan Simpson vor einem halben Jahr bei Dreharbeiten vom Dach eines Gebäudes gestürzt war. Die Zeitungen waren voll von Spekulationen gewesen, ob er einen ernsthaften, bleibenden Schaden davontragen würde. Ob er eventuell nie wieder laufen könnte, nie wieder vor einer Kamera stehen würde.

Kein Zweifel, dachte Stephanie. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, und Hitze stieg ihr in die Wangen. Er stützte sich zwar schwer auf einen Spazierstock, aber dennoch war der Mann vor ihr tatsächlich dieser atemberaubend schöne Schauspieler, von dem sie schon seit Jahren regelrecht besessen war.

Ein Detail, das Lucan St. Claire vergangene Woche in Bezug auf seinen Bruder verschwiegen hat, dachte Stephanie genervt. Sie wäre lieber vorgewarnt gewesen.

„Wie witzig“, antwortete Jordan auf ihre Bemerkung über seine Küche. Schwerfällig nahm er den schwarzen Holzstock, auf den er täglich angewiesen war, wenn er nicht auf die Nase fallen wollte, in die andere Hand. „Das erklärt immer noch nicht, was Sie hier zu suchen haben. Wer sind Sie, und wie sind Sie hier reingekommen?“

Jordan war gerade erst aus einem tiefen Erschöpfungsschlaf aufgewacht. Man hatte ihm ein Bett ins Esszimmer gestellt, weil er die Treppen nicht allein hinaufgehen konnte. Die Geräusche aus der Küche hatten ihn geweckt, und zuerst war seine Befürchtung gewesen, jemand wäre ins Haus eingebrochen. Allerdings würde kein Dieb einfach den Abwasch in die Hand nehmen.

„Ich habe einen Schlüssel“, erwiderte die Rothaarige achselzuckend.

Er kniff die Augen zusammen. „Und wer genau hat Ihnen einen Schlüssel zu diesem Haus gegeben?“

„Ihr Bruder Lucan.“

Nun rutschten auch die Brauen etwas enger zusammen und verliehen seinem Gesicht einen finsteren Ausdruck. „Falls mein aufdringlicher Bruder Sie als Haushälterin engagiert hat, sollten Sie wissen, dass ich keine brauche.“

„Diese Beweise belegen das Gegenteil“, konterte die rothaarige Frau und wandte ihm wieder den Rücken zu, um sich über das schmutzige Geschirr herzumachen.

Das bot Jordan genug Gelegenheit, sich ihren prallen Po in der engen Jeans anzusehen. Darüber trug sie ein ziemlich kurzes weißes Shirt, was auch noch einige Zentimeter über dem Hosenbund endete. Jetzt erinnerte sich Jordan daran, wie eng es über den vollen Brüsten und dem flachen Bauch spannte …

Na, großartig! Das einzige Körperteil, das nicht infolge seines schweren Unfalls schmerzte, regte sich plötzlich und begann zu pulsieren, was ein höchst unangenehmes Ziehen verursachte.

Zum ersten Mal seit einem halben Jahr verspürte Jordan wieder so etwas wie sexuelles Interesse an einer Frau. Aber angesichts seines bemitleidenswerten Zustands war ihm dieses Verlangen im Moment alles andere als willkommen. „Das meiste von diesem Kram kann man auch in den Geschirrspüler räumen“, brummte er und starrte auf die dampfenden Schaumkronen in der Spüle.

„Das hätte man tun können, gleich nachdem man es benutzt hat“, korrigierte sie ihn, ohne sich umzudrehen. „Jetzt muss man es zuerst einweichen.“

„Wollen Sie damit andeuten, ich wäre ein Chaot?“

„Oh, das war keine Andeutung“, stellte sie klar.

„Es mag ja Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein, aber ich bin leicht gehandicapt“, verteidigte Jordan sich gereizt. Er hatte ohnehin zurzeit wenig Appetit, aber wenn doch, dann bereitete ihm das Kochen schon genug Mühe und Schmerzen. Nach dem Essen fühlte er sich einfach nicht in der Lage, auch noch die Küche aufzuräumen.

Der Rotschopf drehte sich ganz langsam zu ihm um, und die grünen Augen weiteten sich. „Wow.“ Andächtig schüttelte sie den Kopf. „Ich muss schon zugeben, ich hätte nicht gedacht, dass Sie die Krüppel-Karte gleich zu Beginn ausspielen.“

Fassungslos sog Jordan den Atem ein und gab ein zischendes Geräusch von sich. „Was haben Sie da gerade gesagt?“

Ruhig begegnete sie dem funkelnden Blick aus seinen goldenen Augen. Dann ließ sie sein gesamtes Erscheinungsbild auf sich wirken: die bleichen Hohlwangen mit Grauschleier und die steife Haltung seines Körpers, der von Schmerz und Krankheit gezeichnet war.

Normalerweise verhielt sie sich in ihrem Beruf hochgradig professionell, aber angesichts von Jordans attraktivem Äußeren und seinen sinnlichen Gesichtszügen fiel es ihr ausgesprochen schwer, innerlich Abstand zu wahren. Um ehrlich zu sein, hatte sie sich gerade erst bewusst ein paar Minuten lang abgewandt, um ihre Fassung wiederzuerlangen.

Bei Männern behielt Stephanie für gewöhnlich einen kühlen Kopf, trotzdem hatte sie ihre widerwillige Schwester ein ums andere Mal gezwungen, sich mit ihr im Kino den neuesten Film von Jordan Simpson anzusehen. Stephanie liebte diese Momente im dunklen Saal, wenn sie sich ihm auf der Leinwand ganz nah fühlte, und später kaufte sie sich dann die entsprechende DVD, um ganz privat weiter für ihn zu schwärmen. Ihre Schwester Joey würde vor Lachen zusammenbrechen, wenn sie wüsste, wer Stephanies aktueller Patient war!

Allerdings war im Augenblick wenig von dem attraktiven Hollywoodverführer übrig – bis auf diese faszinierenden Augen.

„Tut mir leid. Ich dachte, so betrachten Sie sich heutzutage. Als Krüppel“, erklärte sie ruhig.

Die goldenen Augen nahmen einen dunkleren Ton an. „Vergessen wir, wer Sie sind und was Sie hier machen. Verschwinden Sie einfach aus meinem Haus!“

„Ich glaube nicht.“

„Ach, glauben Sie nicht?“

Ungerührt lächelte sie über seine offensichtliche Wut hinweg. „Dies ist das Haus Ihres Bruders und nicht Ihres. Und die Tatsache, dass er mir einen Schlüssel gegeben hat, zeigt doch in aller Deutlichkeit, dass er kein Problem mit meiner Anwesenheit hier hat.“

Ich habe aber ein Problem damit.“

Ihr Lächeln blieb. „Wie ungünstig für Sie, weil Sie ja leider nicht selbst die Rechnungen zahlen.“

„Ich brauche keine verdammte Haushälterin!“

„Wie gesagt, das wage ich zu bezweifeln“, entgegnete sie ungerührt, während sie sich sorgfältig die Hände mit einem Geschirrtuch abtrocknete, das eigentlich dringend mal in die Wäsche gehörte. „Stephanie McKinley.“ Sie streckte ihm ihre trockene Hand entgegen. „Und ich bin keine Haushälterin.“

Jordan ignorierte diese höfliche Geste und kämpfte sichtlich um seine Beherrschung. Er schätzte diese impertinente Frau auf Mitte, Ende zwanzig. Sie hatte unglaublich lange, dunkle Wimpern, tiefgrüne Augen und die kleinen Sommersprossen, die oft die Nasenspitzen rothaariger Menschen zierten. Ihre Lippen waren voll, besonders die Unterlippe, und das energische kleine Kinn zeugte von einem starken Durchsetzungsvermögen. Einen Vorgeschmack ihrer spitzen Zunge hatte er ja schon bekommen. Und sie verbarg unter diesen engen Klamotten eine sexy Figur!

Aber niemand, nicht einmal seine beiden Brüder, hatten es in den letzten Wochen gewagt, ihm gegenüber einen solchen Ton anzuschlagen, wie Stephanie McKinley es gerade tat.

„Woher kennen Sie Lucan eigentlich?“, wollte Jordan plötzlich wissen.

„Tu ich gar nicht.“ Wieder hob die Frau gleichgültig beide Schultern. „Jedenfalls nicht so, wie Sie offenbar denken“, fügte sie spöttisch hinzu.

Jordan war mittlerweile länger als gewöhnlich auf den Beinen, und seine Hüfte begann allmählich zu schmerzen. Unerträglich zu schmerzen! Und das gab seiner ohnehin schlechten Laune den Rest. „Ist es Lucans Vorstellung von Humor, eine Frau dafür zu bezahlen, mit mir ins Bett zu steigen?“

Seine unverhohlene Beleidigung konnte Stephanie nicht aus der Ruhe bringen. Aber sie fragte sich tatsächlich, ob der Mann, dem sie vergangene Woche begegnet war, überhaupt einen Sinn für Humor besaß. „Sehe ich aus wie eine Frau, die für Geld mit Männern ins Bett geht?“

„Woher, zur Hölle, soll ich das wissen?“

„Das soll wohl heißen, Sie müssen normalerweise keine Frauen für Liebesdienste bezahlen?“ Damit hatte sie auch nicht gerechnet. Jordan Simpson musste bestimmt eher unzählige willige Frauen von seinem Schlafzimmer fernhalten.

„Normalerweise nicht, nein“, brummte er.

Ihr fiel auf, wie plump Jordan versuchte, sie durch diese Unterhaltung in Verlegenheit zu bringen. Leider gelang ihm das auch zum Teil, was unter diesen Umständen nicht gerade förderlich war.

Sie hob die Augenbrauen. „Eines kann ich Ihnen versichern. Ich habe kein Interesse an Sex mit einem Mann, der so in seinem Selbstmitleid versinkt, dass er sich nicht nur vor seiner Familie, sondern auch vor der gesamten restlichen Welt abschottet.“

Sein schönes Gesicht schien schlagartig mehr Falten zu bekommen. „Was verstehen Sie schon davon? Ihnen schaut auch nicht alle Welt mitleidig hinterher, wenn Sie sich mal vor die Tür wagen. Und jeder Schritt nur möglich ist, wenn man an einem Gehstock vor sich hinstolpert, damit man sich nicht gänzlich zum Vollidioten macht und auf seinem eigenen Hintern landet.“

Stephanie zögerte kurz, bevor sie antwortete. „Diese Erfahrung habe ich schon lange nicht gemacht, das stimmt.“

Misstrauisch verengten sich die schönen, goldenen Augen. „Was soll das heißen?“

„Das bedeutet, ich hatte im Alter von zehn Jahren einen Autounfall und war danach für zwei Jahre an einen Rollstuhl gefesselt. Diese ganze Zeit über konnte ich überhaupt nicht mehr laufen, nicht einmal an einem Gehstock vor mich hinstolpern. Sie dagegen haben Gefühl in beiden Beinen, weshalb Sie auch von mir diese mitleidigen Blicke nicht ernten werden, die Ihnen vom Rest der Menschheit so verhasst sind.“

Unter normalen Umständen sprach Stephanie mit ihren Patienten nicht über ihre eigene Zeit im Rollstuhl. Meistens gab es schlichtweg keinen Grund dazu, und sie hätte es auch heute nicht getan, wenn Jordans Ton nicht einen bestimmten Nerv bei ihr getroffen hätte.

„Sie hatten das Glück, wieder aufstehen und gehen zu können. Und deshalb soll nun jeder in dieser Situation dasselbe tun?“, fragte er.

„Sie hatten Pech und sind jetzt nicht mehr so robust und gesund wie früher“, konterte sie. „Leben Sie damit oder kämpfen Sie dagegen an, aber verkriechen Sie sich nicht hier draußen in Ihrem Selbstmitleid!“ Ihr Atem ging etwas schneller, weil nun doch ein paar persönliche Emotionen ins Spiel kamen.

Allmählich begann Jordan zu verstehen. „Wenn Sie keine Prostituierte sind, was dann? Eine weitere Ärztin? Oder findet mein arroganter Bruder, dass ich einen Psychiater brauche?“ Angewidert verzog er den Mund.

Stephanie runzelte die Stirn. „Nach Einsicht in Ihre Krankenakte hatte ich eigentlich den Eindruck gewonnen, Ihr Kopf wäre beim Sturz verschont geblieben.“

„Stimmt“, stieß er hervor.

Sie zog eine geschwungene Augenbraue hoch. „Glauben Sie denn, Sie brauchen einen Psychologen?“

„Dieses Spielchen werde ich nicht mit Ihnen spielen, Miss McKinley.“

„Ich halte dies auch nicht für ein Spiel, Mr Simpson.“

„Sie wissen bereits, wer ich bin?“

Irritiert sah sie ihn an. „Sicher weiß ich, wer Sie sind. Jedermann kennt Sie. Und natürlich fühlen Sie sich momentan nicht so vital wie früher, so weltmännisch und souverän, aber dennoch sind Sie die gleiche Person wie immer.“

War er das noch? Diese Frage stellte sich Jordan in letzter Zeit immer häufiger. Bis vor sechs Monaten hatte er sein Leben in vollen Zügen genossen. Im sonnigen Kalifornien und mit der Arbeit, die ihm gefiel. Weltmännisch und souverän – jedenfalls genug, um mit jeder Frau ins Bett gehen zu können, die seine Aufmerksamkeit erregte. Seit dem Unfall war alles anders. Er selbst hatte sich verändert.

„In diesem Fall bräuchte ich ja lediglich jemanden, der mir eine Hauptrolle besorgt. Allerdings kann ich nur einen Behinderten spielen. Könnten Sie mir da vielleicht weiterhelfen?“, fragte er mit schneidendem Sarkasmus in der Stimme. Seine Frustration veranlasste ihn, die rechte Körperhälfte mehr zu belasten als üblich, und er zuckte vor Schmerz zusammen.

„Nicht einfach so“, antwortete der Rotschopf gelassen. „Und Sie müssten gar nicht nach einer solchen Rolle verlangen, wenn Sie Ihre Energie darauf verwenden würden, die geschädigten Muskeln und Knochen wieder vernünftig in Gebrauch zu nehmen.“

„Verdammt noch mal!“, brauste Jordan auf und verdrehte die Augen zum Himmel. Seine Qualen machten ihn ungeduldig und reizbar. „Sie sind eine von diesen sadistischen Physiotherapeuten, oder? Und Sie kommen, um an mir herumzuzupfen und zu massieren, bis ich es vor Schmerzen gar nicht mehr aushalte.“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Wochenlang hatte ein Therapeut nach dem anderen – meistens Frauen – an seinem Bein und seiner Hüfte herumgedoktert, nachdem die Chirurgen mit ihrer Arbeit fertig gewesen waren. Doch bisher brachte keine Behandlung einen nennenswerten Erfolg, höchstens zusätzliche Qualen.

„Die Tatsache, dass Ihr Bein so wehtut, kann einen sehr positiven Hintergrund haben“, erklärte Stephanie nüchtern.

„Das werde ich mir merken, wenn ich um zwei Uhr morgens nicht schlafen kann und nicht mehr weiß, wie ich mich noch schmerzfrei bewegen soll.“

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