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Wie verführt man einen Prinzen?

1. KAPITEL

Durchatmen und weitermachen! Danni St. Claire hatte den Spruch irgendwo gelesen und fand ihn passend. Sie spreizte ihre behandschuhten Finger, bevor sie sie wieder um das Lenkrad legte.

Ihre Passagiere hinter der Glasscheibe – vor allem einer davon – würden sie kaum bemerken. Das taten die wenigsten. Vor allem, wenn sie ihren Job gut machte. In diesem Fall bedeutete das, Adam Marconi, den Thronerben des europäischen Fürstentums San Philippe, und seine mondäne Begleiterin zu ihrem Bestimmungsort zu bringen.

Ohne irgendwelche Zwischenfälle.

Der wichtigste Teil des Jobs war allerdings, Adam nicht merken zu lassen, dass sie ihn fuhr. Das sollte sie hinbekommen. Vor allem, wenn sie ihren Mund hielt – womit sie gelegentlich Probleme hatte. Entweder sprach sie, wenn sie schweigen sollte, oder sie sagte die falschen Sachen. Aber heute Abend würde sie den Mund halten. Das konnte doch nicht so schwer sein. Sie hatte auch gar keinen Grund, etwas zu sagen. Jemand anders würde die Wagentür für Adam öffnen und schließen. Sie musste nur den Wagen lenken. Wenn möglich, ohne dass jemand auf sie aufmerksam wurde. Sie würde heute Abend unsichtbar sein. Ein Schatten. An der nächsten Kreuzung zog sie die Chauffeursmütze ihres Vaters ein bisschen tiefer in die Stirn.

Der Palast hatte von einem „speziellen Auftrag“ gesprochen. Das war er nicht nur für den Palast, sondern auch für ihren Vater. Der wollte nämlich nicht, dass Wrightson heute Abend fuhr, denn er betrachtete ihn als Konkurrenten um seine Position als erster Chauffeur. Danni wusste das aus der Zeit, bevor sie aufs College gegangen war, der Zeit, als sie noch offiziell für den Palast gearbeitet hatte. Seitdem hatte sie Adam nicht wiedergesehen.

Außerdem hatte sie nicht gewusst, dass ausgerechnet Adam ihr Fahrgast sein sollte, als sie den Auftrag angenommen hatte. Sie hatte gedacht, sie solle Adams Begleiterin, eine schöne, elegante Fulbright-Studentin, abholen und zum Restaurant kutschieren. Aber dann hatte sich herausgestellt, dass sie beide nach Hause fahren sollte. Inzwischen war also klar, warum der Auftrag „speziell“ war.

Ihr Magen grummelte. Fürs Abendbrot hatte die Zeit nicht gereicht. Und ihr Vater fand es unnötig, etwas Essbares im Handschuhfach zu deponieren. Der kleine Kühlschrank im Fahrgastraum enthielt alle nur möglichen Köstlichkeiten, aber sie konnte wohl schlecht fragen, ob einer der beiden dort hinten ihr etwas davon kurz rüberreichen könnte. Das wäre äußerst unpassend. Irgendwie musste sie mit der Rolle Pfefferminzbonbons durch die nächsten Stunden kommen.

An der nächsten Ampel warf sie einen Blick in den Rückspiegel und verdrehte die Augen. Für den Fall, dass der Palast davon ausgegangen war, dass irgendetwas „Spezielles“ auf dem Rücksitz passieren würde, konnte sie Entwarnung geben. Adam und seine Begleiterin unterhielten sich. Beide blickten dabei so ernst drein, als würden sie gerade die Probleme der Welt lösen. Möglicherweise versuchten sie sogar genau das. Möglicherweise war das so üblich, wenn Prinzen und Studentinnen sich verabredeten. Und möglicherweise sollte Danni dankbar dafür sein, dass es Menschen gab, die sich über etwas anderes als den Inhalt des Kühlschranks Gedanken machten.

Dennoch: Sie hatte angenommen, dass die beiden sich besser kennenlernen wollten, statt irgendwelche Probleme zu besprechen. Sie seufzte. Was wusste sie schon über das Hofprotokoll? In Adams Welt liefen die Dinge anders. Das war schon immer so gewesen. Schon als Teenager hatte er den Eindruck erweckt, als laste die ganze Welt auf seinen Schultern. Er hatte seine Pflichten immer sehr ernst genommen. Zu ernst fand sie.

Sie wusste, dass Adam eine passende Ehefrau suchte. Eine potenzielle Kandidatin saß gerade auf dem Rücksitz.

Mit seinen einunddreißig Jahren musste er – jedenfalls, wenn man den Medien glauben konnte – die Erwartungen seines Vaters und seines Landes erfüllen und das Richtige tun. Das Richtige bedeutete in seinem Fall zu heiraten, ein ruhiges Leben zu führen und Erben zu zeugen. Männliche Erben vorzugsweise, um die Linie der Marconis fortzuführen und die Erbfolge sicherzustellen.

Danni fand allerdings, dass der Prinz eher eine Dosis Aufregung gebrauchen könnte. Sie war schon immer davon überzeugt gewesen, dass Adam sich lieber auf die Möglichkeiten des Lebens konzentrieren sollte statt auf das, was andere von ihm erwarteten. Solange er nur das Naheliegende tat, kam auch niemand auf die Idee, dass mehr in ihm steckte.

Die Richtige zu finden hieß für Adam, sich zu verabreden. Zu romantischen Abendessen wie dem heutigen in diesem exklusiven Restaurant, von dem sie ihn abgeholt hatte.

Statt über Adam nachzudenken, sollte sie sich vielleicht lieber etwas von dieser Studentin abschauen. Sie könnte von ihr lernen, wie richtige Frauen sich bei einer Verabredung verhielten. Sie sah in den Rückspiegel. Aufrecht zu sitzen war offenbar wichtig, die manikürten Hände züchtig im Schoß zu falten ebenfalls, ein artiges Lächeln und irgendetwas, das wie ein höfliches Lachen wirkte. Hier und da die dunklen Wimpern flattern zu lassen und den Kopf zu neigen, um den schlanken Hals gekonnt in Szene zu setzen.

Wollte sie das wirklich lernen? An Danni flatterte rein gar nichts, und bei dem Leben, das sie führte – sie arbeitete für die Automobilindustrie, Abteilung Autorennen –, war eine Maniküre nur eine Verschwendung von Zeit und Geld.

Natürlich gefiel es Danni nicht, dass ihre männlichen Kollegen sie wie einen Jungen behandelten, aber sie wusste auch, dass sie sich nicht in einen Barbie-Klon verwandeln durfte. Im Übrigen hatte sogar Barbie mehr Charakter als die Frau auf dem Rücksitz. Gab es nicht auch eine Rennfahrer-Barbie und eine Beifahrer-Barbie? Allerdings hatte Danni noch nie von einer Sprechen-Sie-aus-was-Ihnen-gerade-durch-den-Kopf-geht-Barbie gehört. Energisch rief sie sich zur Ordnung. Sie übertrug ihre Unsicherheit und ihre Unzulänglichkeiten auf eine Frau, die sie nicht einmal kannte.

Sie schaute nach hinten und nahm sich vor, freundlicher über das Paar auf dem Rücksitz zu urteilen. Nein! Sie sah wohl nicht richtig! Doch! Ein zweiter Blick überzeugte Danni davon, dass Adam wirklich und wahrhaftig seinen Laptop eingeschaltet hatte und dass er und seine Begleiterin auf irgendetwas zeigten, das auf dem Bildschirm zu sehen war.

„Eine tolle Art, eine Frau rumzukriegen, Adam!“, murmelte Danni.

Er konnte das definitiv nicht gehört haben. Die Trennscheibe war schalldicht, und die Lautsprecher waren ausgeschaltet. Dennoch blickte Adam kurz auf, und für den Bruchteil einer Sekunde glitt sein Blick über ihr Gesicht im Rückspiegel. Danni biss sich auf die Lippe. Das war knapp! Gott sei Dank gab es keinen Hinweis darauf, dass Adam sie erkannt hatte. Seine Augen glitten über sie hinweg, als sei sie unsichtbar oder ebenso interessant wie ihre Nackenstütze. Sehr gut. Hoffentlich blieb das auch so.

Denn sie sollte Adam gar nicht fahren. Er hatte es sogar untersagt. Es gab kein offizielles Verbot, aber er hatte zu verstehen gegeben, dass er nicht wollte, dass sie ihn chauffierte. In Hofkreisen galt so ein Hinweis so viel wie ein Verbot. Etwas Offizielles war da gar nicht nötig.

Dabei konnte kein vernünftiger Mensch Danni für die Sache mit dem Kaffee verantwortlich machen. Keiner hätte das Schlagloch rechtzeitig gesehen … Sie seufzte. Eigentlich brauchte sie keinen Nebenjob, denn sie gehörte zum Team, das den Grand Prix in San Philippe betreute.

Aber ihr Vater brauchte den Job. Wenn schon nicht wegen des Geldes, dann wenigstens für sein Selbstwertgefühl und sein Lebensziel. Er hatte nicht mehr lange bis zur Rente und fürchtete neuerdings, vorzeitig ersetzt zu werden. Seine Arbeit, die Arbeit, die schon sein Vater und sein Großvater getan hatten, gab seinem Leben einen Sinn.

Danni vermied den Blick in den Rückspiegel. Sie tröstete sich damit, dass ihr inoffizielles Fahrverbot bereits fünf Jahre zurücklag. Adam, der Besseres zu tun hatte, als über sie nachzudenken, hatte das Ganze wahrscheinlich längst vergessen – und sie gleich mit. In den vergangenen Jahren war er für sie ein Fremder geworden. Also fuhr sie, ohne irgendwelche Abkürzungen zu nehmen, zum ersten Hotel von San Philippe und hielt vor dem Eingang.

„Warten Sie bitte.“ Adams tiefe, befehlsgewohnte Stimme erklang durch die Lautsprecher.

Ein Hoteldiener öffnete die Wagentür. Adam und die umwerfend elegante Ms Fulbright-Studentin mit den endlos langen Beinen stiegen aus. Clara. So hieß sie.

„Warten sie bitte“, konnte alles zwischen dreißig Sekunden, einer halben Stunde und der ganzen Nacht bedeuten. Sie kannte das von anderen Fahrten. Er brachte eine Dame nach einem Date nach Hause. Danni hatte keine Ahnung, ob die beiden sich zum ersten oder zweiten oder x-ten Mal getroffen hatten. Vielleicht würde Clara ihn mit hineinbitten. Vielleicht würde sie seine Krawatte lösen, ihm das Jackett von den breiten Schultern streifen und ihn in ihr Zimmer ziehen, ihre Lippen auf seinen, mit ihren Fingern durch sein dunkles Haar und über seine perfekt geformte Brust fahren … Moment mal! Danni zog innerlich die Handbremse. Sie war selbst fassungslos, wie rasch ihre Gedanken bei einem halb nackten Adam gelandet waren.

Sie war auf dem fürstlichen Grund und Boden aufgewachsen. Daher hatte sie hin und wieder mit Adam gespielt, ebenso wie alle anderen Kinder, die auf dem Palastareal lebten. Der Altersunterschied von fünf Jahren hatte keine Rolle gespielt. Es hatte eine Zeit gegeben, da war Adam fast so etwas wie ein Freund gewesen. Auf jeden Fall ein Verbündeter und Beschützer. Daher fiel es ihr schwer, ihn nur als Mitglied der Fürstenfamilie zu sehen. Andererseits würde er eines Tages das Fürstentum regieren. Sie wusste, dass es sich nicht gehörte, sich den Thronfolger ohne Hemd vorzustellen. Außerdem ahnte sie, dass sie ihm in Gedanken mehr als nur das Hemd ausziehen würde, wenn sie jetzt nicht sofort mit dem Fantasieren aufhörte.

Zwar hatte sie keinerlei Knistern zwischen dem Paar gespürt, aber was wusste sie schon? Vielleicht tickten wohlerzogene, kultivierte Leute einfach anders. Vielleicht konnten sie ihre brodelnde Leidenschaft füreinander mühelos verstecken.

Sie rutschte ein Stück tiefer in ihren Sitz, drehte die Stereoanlage auf und zog die Mütze über die Augen, um die Hotellichter auszuschließen. Wer Mitglieder der fürstlichen Familie herumkutschierte, genoss ein Vorrecht: Niemand würde ihr sagen, sie solle weiterfahren.

Als sie das Geräusch der Wagentür hörte, richtete sie sich auf. „Ach, du heilige …“ Minuten. Er war nur einige Minuten lang im Hotel gewesen. Sie drückte den Off-Knopf der Stereoanlage. Der Ton erstarb, als Adam auf den Rücksitz glitt.

Vollkommen gefasst. Alle Jackenknöpfe geschlossen, jedes Haar an seinem Platz. Keine Spur von Lippenstift. Kein gerötetes Gesicht. Jeder Zentimeter von Adam sah so seriös aus wie immer. Nichts Weiches in seinen Zügen. Selbst der kleine Höcker auf der Nase, der sein makelloses Aussehen eigentlich beeinträchtigen sollte, machte ihn noch attraktiver.

Hatten sie sich überhaupt geküsst?

Danni schüttelte den Kopf und lenkte den Wagen vom Hotel weg. Sie sollte nicht darüber nachdenken. Es ging sie nichts an.

Zu jedem anderen Passagier hätte sie jetzt etwas wie „Hatten sie einen angenehmen Abend, Sir?“ gesagt. Im Grunde war ein Chauffeur ein Butler auf Rädern. Aber Adam war kein gewöhnlicher Passagier. Außerdem hatte er sich zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Offenbar war ihm nicht nach Small Talk zumute. Hoffentlich blieb das so! In fünfzehn Minuten würden sie den Palast erreichen, dann hätte sie ihren Auftrag ohne Zwischenfälle erledigt. Morgen würde ihr Vater wieder da sein. Niemand würde etwas bemerken. Puh!

Eine Viertelstunde später öffneten sich die inneren Palasttore geräuschlos vor der Limousine. Kurz darauf bremste sie den Wagen sanft vor dem Eingang zu Adams Wohnflügel ab. Die Räder knirschten leise über den Kies. Sie hatte dieses behutsame Abstoppen des Wagens lange geübt. Inzwischen war sie perfekt darin. Die hintere Wagentür stand exakt parallel zur Eingangstür. Danni war mächtig stolz, dass sie das konnte.

Ihr zufriedenes Lächeln erstarb auf ihrem Gesicht, als keiner der Diener, die für das Öffnen des Wagenschlags zuständig waren, erschien. Sie erinnerte sich daran, dass ihr Vater sich neulich über die laxen Sitten in Adams Privatgemächern empört hatte. Danni fand das normalerweise weniger schlimm. Außer jetzt gerade. Adam schlief offenbar und konnte sich kaum selbst die Türe öffnen.

Es gab daher nur eine Möglichkeit. Sie stieg aus, ging um den Wagen herum, schaute sich um und öffnete Adams Tür. Dann trat sie zurück und drehte den Kopf zur Seite. Sie hoffte, dass er von alleine aufwachen würde. Als er nach einigen Sekunden noch nicht ausgestiegen war, beugte sie sich vor, um in das Wageninnere zu schauen.

Ihr Herz machte einen Sprung. Adams Augen waren geschlossen. Er sah weder ernst noch unerreichbar aus, sondern sanft und verletzlich. Seine Wimpern waren so dicht und dunkel, dass es unfair war. Er roch göttlich. Sie beugte sich weiter vor, um diesen Duft einzuatmen.

„Adam?“, fragte sie leise. Gerade jetzt hätte sie ihn lieber mit „Sir“ oder „Eure Hoheit“ angesprochen. Ein bisschen Distanz würde ihr ausgesprochen gut tun. Ein kleines „Sir“ würde sie vielleicht daran hindern, sich zu freizügige Gedanken über den Thronfolger dort auf dem Rücksitz zu machen. Und ihren Drang, den kleinen Höcker auf seiner Nase zu berühren, stoppen. Leider hatte Adam immer darauf bestanden, dass seine Angestellten, vor allem diejenigen, die mit ihm aufgewachsen waren, ihn beim Vornamen nannten.

Er wollte ein moderner Prinz sein. Sie dachte allerdings manchmal, dass er sich vor ein oder zwei Jahrhunderten wohler in seiner Haut gefühlt hätte.

„Adam?“ Sie versuchte, ein bisschen lauter zu sprechen, aber aus ihrer Kehle kam nur ein heiseres Flüstern. Danni schluckte. Sie musste ihn nur wecken und sich dann aus dem Wagen zurückziehen. Stattdessen beugte sie sich noch näher zu ihm, während sie versuchte, ihre Stimme in den Griff zu bekommen. Es war nur Adam. Sie kannte ihn fast ihr ganzes Leben lang, auch wenn sie sich seit fünf Jahren nicht gesehen hatten und ein gewisser, na gut, ein beträchtlicher Klassenunterschied sie trennte.

Er öffnete die Augen, und einen Moment lang hielt sein Blick ihren fest. Nicht der Hauch von Müdigkeit lag darin. Dannis Mund wurde plötzlich trocken. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte er. Seine Stimme war leise und weich wie Seide. Allerdings lag ein Hauch von Spott darin, so als wüsste er, dass sie ihn angestarrt hatte.

Verwirrt durch die Intimität, die sie aus seinem Blick herauslas, und die plötzliche Wärme, die ihren Körper durchströmte, antwortete sie: „Ja, Sie könnten mir behilflich sein, indem Sie aufwachen und aus meinem Wagen steigen.“

„Ihr Wagen, Danielle?“ Er hob eine Augenbraue.

„Nein, selbstverständlich Ihr Wagen. Aber ich bin diejenige, die ihn noch in die Garage fahren muss“, blaffte sie zurück. Keine Frage, es war es nicht in Ordnung, den Prinzen anzublaffen, ganz egal, wie aufgewühlt sie war. Definitiv unangemessen. Aber ihre knappe Antwort schien ihm zu gefallen. Jedenfalls verzog sich sein Mund zu einem Lächeln. Leider erstarb es rasch.

Danni schluckte. Sie musste auf der Stelle zurückrudern. „Wir haben den Palast erreicht. Ich bin sicher, Sie hatten einen angenehmen Abend.“ Sie sprach in einem geschäftsmäßigen Ton, während sie wieder ihre Position außerhalb des Wagens einnahm. Halte dich an die Vorschriften! Mehr musste sie nicht tun.

Adam stieg aus. Er überragte Danni deutlich. „Sehr angenehm. Vielen Dank!“

„Wirklich?“, entgegnete sie. Das war schon wieder gegen die Vorschriften. Was war bloß aus ihrem Entschluss von vorhin geworden, ein Schatten zu sein?

Sein Blick veränderte sich. Er schaute nicht mehr entspannt, sondern fragend und sogar ein wenig anklagend. „Bezweifeln Sie das, Danielle?“ Die Temperatur schien um einige Grade zu sinken.

Ehrlich gesagt, ja. Aber das durfte sie nicht laut aussprechen. Andererseits wollte sie auch nicht lügen. Sie suchte nach einer diplomatischen Formulierung: „Niemand kann das besser beurteilen als Sie selbst.“

„Das ist richtig.“

Sie wollte einfach, dass er vom Wagen wegging und den Palast betrat. Geh und rette dein Land und die Welt! Ich werde die Tür schließen, wegfahren und mir irgendwo etwas zu essen holen. Wenn du jetzt gehst, ist heute nichts Besonderes geschehen. Keine Folgen für mich und für meinen Vater.

Aber Adam rührte sich nicht vom Fleck. Er stand ganz ruhig da. Das Knurren ihres Magens unterbrach die Stille.

„Sie haben noch nichts gegessen?“

„Mir geht’s gut. Danke.“

Wieder schwieg er. Wenn er doch bloß weggehen würde!

Er stand da und musterte sie. „Ich wusste nicht, dass Sie wieder für uns fahren. Ich dachte, Sie seien in den Staaten.“

„War ich auch. Ich bin vor Kurzem zurückgekehrt.“ Vor dreieinhalb Jahren, um genauer zu sein. „Der heutige Abend ist eine Ausnahme. Ich wohne bei meinem Vater, und er hatte etwas Dringendes zu erledigen.“ Danni hielt den Atem an. Erinnerte er sich an das Verbot?

Er nickte. „Alles in Ordnung mit ihm?“

„Absolut. Ein kranker Freund. Morgen ist er wieder da.“

„Gut.“ Adam wandte sich ab, um in den Palast zu gehen. Als Danni gerade dachte, es sei vorbei, drehte er sich noch einmal um. „Was haben Sie gesagt?“

„Morgen ist er wieder da.“

„Nicht das. Vorhin. Als Sie gefahren sind.“

Alle möglichen unpassenden Formulierungen gingen ihr durch den Kopf. Nein. Nein. Nein. Er konnte sie unmöglich gehört haben.

„Ich kann mich nicht erinnern.“ Soviel zu ihrem Anspruch, immer die Wahrheit zu sagen.

„Als ich den Laptop herausgeholt habe, um Clara die Ausbreitung der Lava auf Ducal zu zeigen.“

Sie verdrehte die Augen; sie konnte nichts dagegen machen. Das war einfach zu viel. „Stimmt genau“, sagte sie. „‚Eine tolle Art, eine Frau herumzukriegen, Adam‘ habe ich gesagt. Nicht zu glauben! Die Ausbreitung der Lava!“

Er musterte sie kühl.

Sie hatte die unsichtbare Grenze, die sie trennte, längst überschritten. Sie konnte ihm nur noch zeigen, dass sie recht hatte. „Komm schon, Adam! Du warst doch nicht immer so ein Langweiler!“ Sie hatte ihn schon als Jungen gekannt. Später hatte sie hier und da wenigstens einen Moment lang diesen Adam gesehen, einen, der vergessen hatte, welche Rolle er spielen sollte, und sich so verhielt, wie er eigentlich war.

Seine dunklen Brauen schossen nach oben. Aber es war zu spät. Danni war nicht mehr aufzuhalten.

„Welche Frau möchte sich bei einer Verabredung schon über Lava und Felsformationen unterhalten?“

„Nun, Clara ist eine Fulbright-Studentin. Ihr Hauptfach ist Geologie. Es hat sie interessiert.“

„Ja, vielleicht. Aber sie könnte ebenso gut ein Buch darüber lesen. Das Thema ist sicher toll, wenn ihr gemeinsame Vortragsabende plant, aber romantisch ist es wohl kaum. Von Poesie und Magie keine Spur! Du hast sie nicht einmal angesehen, sondern auf den Bildschirm gestarrt. Hast du sie im Hotel eigentlich überhaupt geküsst?“

„Ich bin mir zwar sicher, dass dich das nichts angeht. Aber bitte: Ja, ich habe sie geküsst.“

Sie war fest entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen. „Ein Kuss. Aha.“

„Und du bist neuerdings eine Expertin in Sachen Küssen und Romantik? Was würdest du vorschlagen? Über die Besonderheiten eines Bentleys zu debattieren?“

Danni trat einen Schritt zurück, als könne sie das vor der Kränkung schützen. Sie mochte Autos. Sie konnte es nicht ändern. Sie wollte es auch nicht ändern, auch wenn Adam – der im Übrigen Autos ebenfalls mochte – das für unweiblich hielt. „Richtig. Ich bin keine Expertin, wenn es um Romantik geht. Aber ich bin eine Frau.“

„Bist du sicher?“

Dieses Mal versuchte sie gar nicht erst, ihre Bestürzung zu verbergen. Sie trat einen weiteren Schritt zurück. Ihr Herz klopfte schnell, als wolle es ihr aus der Brust springen. Sie schloss den Mund, der sich vor Schreck unwillkürlich geöffnet hatte.

Ihre Uniform – eine dunkle Jacke und eine Hose aus gleichem Stoff – war für Männer entworfen und für sie – die einzige Frau unter den Fahrern – abgeändert worden. Sie war gut geschnitten, weiblich war sie allerdings nicht. Sie sollte auch nicht weiblich wirken. Natürlich war ihre Uniform nicht mit Claras hellrosa Kleid zu vergleichen, das eine Menge Haut gezeigt und ihre üppigen Kurven umspielt hatte. Danni war schon immer eher burschikos gewesen. Sie mochte praktische, bequeme Kleidung. Aber sie hatte Gefühle und Stolz. Beides hatte Adam gerade verletzt. Was er über sie dachte, sollte sie eigentlich nicht kümmern. Aber es kümmerte sie.

Adam sah plötzlich betroffen aus, betroffen und voller Reue. Er streckte die Hand nach ihr aus – und zog sie wieder zurück. „Danni. So habe ich es nicht gemeint. Ich wollte damit sagen, dass ich dich immer noch als Kind betrachte. Ich bin regelrecht erstaunt darüber, dass du einen Führerschein hast.“

Sie kämpfte gegen die Kränkung an und straffte die Schultern. „Ich habe meinen Führerschein vor über zehn Jahren gemacht. Und du bist nicht viel älter als ich.“

„Ich weiß. Aber manchmal kommt es mir so vor.“

„Stimmt.“ Es war schon immer so gewesen. Adam hatte schon immer älter gewirkt. Fern. Unerreichbar.

Er seufzte und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, sagte er: „Ich bin sicher, du bist eine großartige Frau. Dennoch berechtigt es dich nicht, mir zu sagen, wie ich mich verhalten soll. Ich hatte ausreichend Verabredungen.“

„Das glaube ich sofort“, sagte sie leise. In der letzten Zeit hatte es eine Menge Frauen in seinem Leben gegeben. Alle waren schön, intelligent und weltgewandt gewesen. Sie brachten alles mit, was eine künftige Prinzessin mitbringen sollte. Trotzdem verabredete er sich selten ein zweites Mal mit ihnen. Soweit sie wusste, niemals ein drittes Mal. Es war nicht so, dass sie Adams Suche nach einer passenden Frau bewusst verfolgte. Es reichte, jeden Tag die Zeitung aufzuschlagen. Es reichte sogar, mit ein paar Zeitungsseiten den Kamin in den Räumen ihres Vaters anzuzünden, um über die Frauen in Adams Leben informiert zu sein. Aber er hatte recht – das Ganze ging sie nichts an. Zu einer anderen Zeit hätten ihre Bemerkungen sie geradewegs aufs Schafott geführt.

Danni war dankbar, dass die Todesstrafe in San Philippe vor vielen Jahrzehnten abgeschafft worden war. Adam machte nämlich ein Gesicht, als würde er jetzt gerne davon Gebrauch machen. Einen Moment lang glaubte sie, sie habe ihn aus seiner geradezu legendären Ruhe gebracht. Als sie Kinder gewesen waren, war es ein beliebtes Spiel gewesen, den stets gefassten Adam fassungslos zu machen. Aber Danni fühlte keine Befriedigung deswegen; sie war viel zu sehr damit beschäftigt, ihre verletzten Gefühle zu verbergen.

Adam richtete sich auf. Er wirkte jetzt reserviert und Lichtjahre entfernt. „Ich entschuldige mich, Danielle. Für alles. Vielen Dank für Ihre Dienste heute Abend. Ich werde Sie künftig nicht mehr benötigen.“

Rausgeschmissen. Er hatte sie schon wieder rausgeschmissen.

Am Sonntagabend, als Danni mit ihrem Vater vor dem Kamin Gemüsesuppe aß, war sie gedanklich immer noch mit den Ereignissen vom Samstag beschäftigt. Minestrone und ein Film waren eine sonntägliche Familientradition.

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