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Wie verführt man einen Engel?

Heidi Rice

Wie verführt man einen Engel?

1. KAPITEL

„Ich sage dir, lass die Finger davon! Was ist, wenn er dich erwischt und die Polizei benachrichtigt?“

„Niemand wird mich erwischen.“ Daisy musterte skeptisch die übertrieben hohe Gartenmauer des Nachbarn und wandte sich dann wieder an ihre Freundin. „In dem Outfit bin ich so gut wie unsichtbar.“

In den Baggy Pants, dem Polohemd und den Schnürstiefeln kam sie sich vor wie Prinzessin Lillifee im Tarnanzug. Nichts davon stammte aus ihrem Kleiderschrank, sie hatte die Sachen ausgeliehen, von ihrer Freundin Jacie und deren vierzehnjährigem Sohn Benny, die so wie sie selbst in dem Apartmenthaus nebenan wohnten. Die Hose war zu weit, das Top zu eng und die Doc Martens zwei Größen zu klein, aber zumindest war alles in Schwarz – die ideale Farbe, wenn man im Dunkeln nicht entdeckt werden möchte.

Normalerweise war Daisy nicht zu übersehen. Was sie und ihre unkonventionelle Mutter Lily Dean gemeinsam hatten, waren eigenwillige Kleidung und ein untrügliches Gespür für Mode. Daisy wusste, was in war und zog sich entsprechend an, da sie keinen Grund dafür sah, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Nur heute fand sie es angebrachter, nicht aufzufallen, denn sie war auf geheimer Mission. Genauer gesagt, auf der Suche nach dem davongelaufenen Kater ihrer Vermieterin.

„Hör mit der Panikmache auf, Jane, und gib mir lieber die Mütze.“ Während Daisy die widerspenstigen Locken unter die gestrickte Kappe stopfte, schätzte sie ein letztes Mal die Höhe der Mauer ab. „Allein schaffe ich das nicht, du musst mir helfen.“

„Na wunderbar! Jetzt soll ich auch noch zur Komplizin werden“, murrte ihre Freundin.

„Sei nicht albern! Was wir vorhaben, ist kein Verbrechen.“

„Natürlich ist es ein Verbrechen. Im Strafgesetzbuch nennt man so was unbefugtes Betreten fremder Besitztümer.“

„In dem Fall stehen uns mildernde Umstände zu.“ Vor Daisys geistigem Auge erschien das unglückliche Gesicht der Hausbesitzerin. „Mrs. Valdermeyers Cäsar ist seit über zwei Wochen verschwunden, und unser neuer Nachbar hat sich bis jetzt nicht die Mühe gemacht, in seinem Garten nach ihm Ausschau zu halten.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Das arme Tier ist wahrscheinlich schon halb verhungert – wir müssen es retten.“

„Vielleicht hat er – ich meine der Nachbar – nach ihm gesucht und nichts gefunden.“

„Das bezweifle ich. Wegen einer Katze verliert der bestimmt keinen Schlaf, diesen Typ Mann kenne ich.“

„Wie kannst du das wissen? Du sagst selbst, du bist ihm noch nie begegnet.“

„Nur, weil er uns geflissentlich aus dem Weg geht.“

Vor drei Monaten hatte er die baufällige Stadtvilla nebenan gekauft und in Rekordzeit komplett renovieren lassen. Jetzt wohnte er bereits zwei Wochen in seinem Palast und hatte es trotz ihrer Bemühungen nicht für nötig befunden, bei seinen neuen Nachbarn vorbeizuschauen, um wenigstens guten Tag zu sagen. Die Notiz von Cäsars Verschwinden, die sie ihm unter die Haustür geschoben hatte, war unbeantwortet geblieben, zweifellos war ihm das Schicksal von Mrs. Valdermeyers Liebling völlig egal. Und für die selbst gebackenen Brownies, ihr kleiner Willkommensgruß, hatte er sich auch nicht bedankt. Eine Frechheit! Ganz offensichtlich hatte er Geld wie Heu, obendrein sah er fabelhaft aus, und darauf bildete er sich garantiert eine Menge ein.

Verächtlich zuckte Daisy die Schultern. „Du brauchst ihn dir nur anzuschauen, um zu sehen, dass er ein überheblicher, eingebildeter Kerl ist.“

Sie musste es wissen, schließlich hatte sie ihn ein paar Mal dabei beobachtet, wenn er morgens in seinem schwarzen Sportwagen davonbrauste. Groß, athletisch gebaut, mit dichtem schwarzem Haar und einem ausgesprochen markanten Gesicht. Kein Wunder, dass er arrogant war – bei so viel maskuliner Perfektion musste der Hormonhaushalt jeder normalen Frau aus dem Gleichgewicht geraten. Und das wusste er auch.

Zum Glück war sie, Daisy Dean, gegen Männer wie ihn immun. Gary, ihr letzter Freund, war auch so einer gewesen, und drei Monate lang hatte er mit seinen Designer-Anzügen, dem verführerischen Lächeln und den geschickten Händen ihren Hormonhaushalt durcheinandergebracht. Als sie mit ihm Schluss machte, war ihr Stolz ziemlich lädiert und ihr Herz angeknackst. Danach hatte sie sich geschworen, nie mehr auf diesen Typ Mann hereinzufallen. Für Playboys hatte sie keine Verwendung, sie wünschte sich einen Lebensgefährten, auf den man sich verlassen konnte. Jemanden, der sie nicht nur liebte und achtete, sondern auch ihre Träume und Hoffnungen für die Zukunft teilte.

Janes Stimme brachte sie in die Gegenwart zurück. „Warum hast du ihn nicht einfach angesprochen und dich erkundigt, ob er den dämlichen Kater gesehen hat?“

Bei der simplen Frage lief Daisy ein Prickeln über die Haut. „Versucht hab ich’s. Aber wenn er morgens ins Auto steigt, rast er immer gleich los, als wäre der Teufel hinter ihm her. Ich bin schnell, aber nicht olympiaverdächtig.“ Was sie sagte, stimmte nur halb, denn dass er sie ein ganz klein wenig aus der Fassung brachte, behielt sie lieber für sich.

„Also gut.“ Ergeben beugte Jane sich hinab und flocht die Hände zum Steigbügel. „Aber beschwer dich nicht, wenn du im Knast landest.“

„Red keinen Unsinn.“ Daisy setzte einen Fuß auf Janes Handflächen. „Wahrscheinlich ist er unterwegs, sein Wagen steht nicht vor der Tür. Und ich werde superdiskret sein, er wird gar nicht merken, dass jemand da ist oder war.“

„Du und diskret? Dass ich nicht lache!“

Daisy ignorierte die spöttische Bemerkung und reckte die Arme zum Mauerrand hoch. Das hautenge Polohemd rutschte hinauf und die Baggy Pants weiter hinab, sodass ein Streifen Haut und der Saum ihres roten Seidenslips zum Vorschein kamen.

„Verdammt!“

„Was ist?“, flüsterte Jane.

„Mein Bauch. Man sieht ihn.“

„Na und?“

„Verstehst du nicht? Meine Tarnung ist im Eimer.“ Sie krauste die Stirn und trommelte mit dem Finger auf die Unterlippe. „Ich hab’s! Der BH stört, ich zieh ihn besser aus.“

„Aber warum denn?“

„Wenn ich die Arme hebe, bleibt das Hemd am Spitzenbesatz hängen.“ Flink öffnete sie den Verschluss im Rücken, zupfte einen Träger aus dem linken Ärmel, den anderen aus dem rechten, und reichte Jane den BH. „Hier.“

„Warum bist du bloß so versessen auf Reizwäsche?“ Kritisch schlenkerte die Freundin das hübsche Dessous hin und her.

„Warum nicht? Du bist nur neidisch, weil du kaum Busen hast. Und jetzt das Ganze noch einmal.“ Mit Janes Hilfe zog Daisy sich hoch und schwang sich rittlings auf den Mauerrand. „So, das wäre geschafft.“ Prüfend warf sie einen Blick auf das benachbarte Grundstück.

Hinter der Baumkrone einer alten Kastanie erspähte sie das altehrwürdige Stadthaus. Mondlicht spiegelte sich in den dunklen Fensterscheiben, der Garten lag in tiefem Schatten. Alles war still. Sie atmete auf – niemand war zu sehen! Genüsslich sog sie den Duft der zahlreichen blühenden Ziersträucher und die milde Abendluft ein.

„Ich kann es nicht fassen, dass du dich auf so etwas einlässt“, wisperte Jane von unten.

„Du weißt, wie sehr Mrs. Valdermeyer an ihrem Kater hängt. Ich muss ihn finden, das bin ich ihr schuldig.“

Vor acht Jahren, als ihre Mutter wieder einmal einem Mann fürs Leben begegnet war und ihm in eine andere Stadt folgen wollte, hatte Daisy beschlossen, dieses Mal nicht mitzugehen. Und so war sie mit knapp sechzehn in London geblieben. Allein und verängstigt. Nach einigem Suchen hatte sie das Apartment gefunden, in dem sie heute noch wohnte. Dank Mrs. Valdermeyer wurde es gleichzeitig ein Zuhause, wie sie es zuvor nie gekannt hatte. Und das würde sie ihr niemals vergessen.

„Übrigens bin ich nicht die Einzige, die ihr zu Dank verpflichtet ist“, fügte sie flüsternd hinzu. „Ihr Haus ist ein Heim für uns alle. Wie oft hätte sie es schon verkaufen und viel Geld dafür bekommen können. Aber das hat sie nicht, weil sie uns nicht vor die Tür setzen will. Wir sind ihre Familie.“ Eine eigene Familie stand auf Daisys Wunschliste für die Zukunft an erster Stelle.

Ich glaube nicht, dass es Mrs. Valdermeyer recht wäre, wenn du ihretwegen verhaftet wirst“, antwortete Jane.

Daisy schaute in den dunklen Garten hinunter – ein wenig mulmig war ihr schon.

„Denk an die Narbe, die der Typ im Gesicht hat“, flüsterte die Freundin beschwörend. „Er sieht nicht aus wie jemand, der Spaß versteht.“

Tapfer schluckte Daisy den Anflug von Bangigkeit hinunter. „Tu mir einen Gefallen, Jane. Falls ich in einer Stunde nicht zurück bin, ruf bei der Polizei an.“

„Wozu? Damit sie dich einsperren?“

„Vergiss es!“ Connor Brody klemmte das Mobiltelefon zwischen Schulter und Ohr, während er das feuchte Badetuch abstreifte. „Ich denke nicht daran, eine Verlobte aus dem Ärmel zu zaubern, nur um Mr. Eldridge Melrose bei Laune zu halten.“

„Nach der Party ist er total ausgerastet“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Sie gehörte Daniel Ellis, seinem Manager in New York. „Ich übertreibe nicht, Connor. Er behauptet, du bist hinter seiner Frau her und droht damit, aus dem Geschäft auszusteigen.“

Connor zerrte die Jogginghose über die Hüften und verfluchte aufs Neue die heftigen Kopfschmerzen, die ihn seit Stunden plagten. Zum Teufel mit Mitzi Melrose! Er hoffte, ihr nie wieder im Leben zu begegnen.

„Umgekehrt wird ein Schuh daraus! Sie war es, die beim Dinner die ganze Zeit mit mir gefüßelt hat.“ Normalerweise hatte er nichts dagegen, wenn eine Frau die Initiative ergriff, aber die aufdringliche Mitzi mit ihrem Silikonbusen war absolut nicht sein Fall. Außerdem ging er Ehefrauen prinzipiell aus dem Weg, was er ihr auch so diskret wie möglich zu verstehen gab. Aber Mitzi stellte sich dumm, und jetzt hatten sie den Salat! Nach monatelangen Vorbereitungen und Verhandlungen stand ihretwegen ein Millionenprojekt auf der Kippe.

„An deiner Stelle würde ich mir das gut überlegen“, fuhr Ellis beschwörend fort. „Willst du, dass der Mann einen Rückzieher macht?“

Connor ging durch das dunkle Wohnzimmer zum Fenster und schaute in den weitläufigen Garten hinunter. In seinem Kopf dröhnte es, als wären dort Presslufthämmer am Werk. Er griff nach dem Whisky, den er sich vor der Dusche eingeschenkt hatte, und trank einen Schluck. „Geschäft hin oder her, ich spiele nicht den Verlobten, nur damit Melrose wegen dieser Nymphomanin keinen Schlaf verliert!“

Während er das rauchige Scotch-Aroma inhalierte, erinnerte er sich voll Abscheu an den schalen Biergeruch, mit dem er groß geworden war. Schnell verdrängte er die unwillkommene Erinnerung. Seither waren viele Jahre vergangen, in denen er einen langen Weg zurückgelegt hatte, mit zahllosen Hürden und der einen oder anderen krummen Tour. Jetzt war er am Ziel und würde seinen Ruf als seriöser Unternehmer nicht mehr aufs Spiel setzen, schon gar nicht wegen einer Frau wie Mitzi Melrose. Mit einem Zug leerte er das Glas – der Alkohol schien ihm gutzutun.

Daniel Ellis gab nicht auf.

„Verdammt, Connor, mach jetzt aus einer Mücke keinen Elefanten! In deinem Adressbuch gibt es doch mit Sicherheit genügend Damen, die sich darum reißen würden, zwei Wochen mit dir in New York zu verbringen, um die Rolle einer Verlobten zu übernehmen.“

„Das Risiko gehe ich nicht ein.“ Er hustete. „Du schenkst einer Frau einen Diamantring, und sofort kommt sie auf falsche Gedanken, egal, was du ihr erzählst.“ Rachel, seine letzte Freundin, war der lebende Beweis. Hoch und heilig hatte sie ihm versichert, dass sie nichts weiter als eine Affäre und guten Sex im Sinn habe, bis sie auf einmal von ganz anderen Dingen anfing und Hochzeitsglocken läuten hörte. Als er daraufhin die Bremse zog, bekam sie einen hysterischen Anfall, und das Ganze endete mit einer Katastrophe, wie er sie nicht noch mal erleben wollte.

„Ich kann einfach nicht glauben, dass du dir wegen einer solchen Lappalie den Deal mit Melrose entgehen lassen willst!“

Jetzt reichte es! Connors Schädel war am Zerspringen, er hatte Halsschmerzen und keine Lust, noch länger über längst Entschiedenes zu diskutieren. „Besser, du findest dich damit ab.“ Er stellte das Glas auf den Tisch und zuckte bei dem leisen Geräusch schmerzhaft zusammen. „Wir sehen uns in ein paar Wochen in New York. Wenn Eldridge sich unbedingt ins eigene Fleisch schneiden will, dann werde ich ihn nicht davon abhalten.“ Ein neuer Hustenanfall schüttelte ihn.

„Das klingt aber nicht gut. Bist du in Ordnung?“

„Es geht so.“ Anscheinend hatte er sich gestern im Flieger zwischen New York und London etwas eingefangen. Und nun auch noch die blöde Geschichte mit Mitzi! Wirklich, ein Unglück kam selten allein.

„Warum ruhst du dich nicht ein paar Tage aus?“, erkundigte sich Dan besorgt. „Die letzten Monate waren einfach zu anstrengend, selbst für Mr. Superman Brody.“

Connor drückte die heiße Stirn an die kühle Fensterscheibe. „Was ich brauche, sind zehn Stunden Schlaf, dann bin ich wieder okay.“

„Du musst es wissen. Etwas Entspannen könnte dir nicht schaden, wenn du mich fragst. Bist du nicht vor Kurzem umgezogen? An deiner Stelle würde ich mir ein paar schöne Tage in dem neuen Palast machen.“

„Ich werd’s mir überlegen“, log Connor. „Bis bald.“ Er drückte den Aus-Knopf seines Handys und sah sich in dem riesigen Wohnzimmer um.

Einer Laune folgend hatte er die heruntergekommene Villa auf einer Auktion ersteigert und danach ein kleines Vermögen verwendet, um sie restaurieren zu lassen. All das, weil er auf die sonderbare Idee verfallen war, er müsse mit zweiunddreißig eine feste Bleibe sein Eigen nennen. Aber schon beim Einzug bereute er den übereilten Entschluss. Das Haus war geräumig, hell und mit allem erdenklichen Luxus ausgestattet, trotzdem kam es ihm wie ein Gefängnis vor.

Es war ein Gefühl, das er aus seiner Kindheit nur zu gut in Erinnerung hatte. Arm oder reich, die Art Zuhause, von dem die meisten Menschen träumen, war nichts für ihn. Er brauchte keine Wurzeln, wollte nichts Dauerhaftes. Brody Construction genügte ihm.

Er trat wieder ans Fenster und fragte sich, was Sigmund Freud daraus abgeleitet hätte. Nun, für sein Problem – wenn es denn überhaupt eins war – gab es eine einfache Lösung: Er würde das Haus verkaufen, zweifellos mit einem erfreulichen Gewinn. Gleich morgen früh wollte er den Makler anrufen, je eher, desto besser. Wozu gab es schließlich Hotels oder Apartments zur Miete?

Connor warf das Mobiltelefon auf die Couch und verzog dabei schmerzhaft das Gesicht. So elend hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Nicht, seitdem Dads Gürtel blutige Striemen auf seinem Rücken hinterlassen hatte …

Er presste die Augen zusammen. Nicht daran denken! Das ist vorbei.

Als er die Augen wieder öffnete, bemerkte er, dass sich unten im Garten etwas bewegte. Er blinzelte und sah genauer hin. Nein, er hatte sich nicht getäuscht – jemand kroch auf allen vieren zwischen Blumenbeeten und Sträuchern umher. Ein Tier konnte es nicht sein, dafür war der Schatten zu groß. Ein Eindringling also, natürlich ganz in Schwarz.

Die Handfläche an die Fensterscheibe gepresst neigte er sich vor. Das Hämmern in seinen Schläfen wurde noch stärker, als er sich bemühte, Einzelheiten auszumachen. Eine Gestalt richtete sich halb auf, wobei in der Taillengegend ein schmaler Streifen Haut sichtbar wurde. Im nächsten Moment verschwand sie unter einem der Zierbüsche.

„Was zum Teufel …“ Konnte dieser Tag noch schlimmer werden?

Eine mörderische Wut packte ihn, und Connor vergaß allen Schmerz. Schnell durchquerte er den Raum und lief die Treppe hinab. Der Kerl, der dort unten herumschlich, konnte sich auf einiges gefasst machen.

Niemand nahm es ungestraft mit Connor Brody auf!

Was er als Kind in den Armutsvierteln von Dublin gelernt hatte, würde er niemals vergessen. Sein Lebensstil mochte sich geändert haben, aber aufs Kämpfen – fair oder unfair – verstand er sich immer noch.

2. KAPITEL

„Cäsar? Miez, miez! Ich bin’s, Daisy! Na komm schon …“

Schweiß lief ihr über den Rücken, und die Wollmütze juckte wie verrückt. Sie schob eine Hand darunter und fuhr sich kurz über ihr Haar, bevor sie die lästige Kopfbedeckung zurück in die Stirn zog.

Daisy spähte unter den dicht belaubten Ästen umher – nichts. Warum hatte sie nicht daran gedacht, eine Taschenlampe mitzubringen? Sie schnaubte verdrossen, dann gab sie auf. Die Sucherei war zwecklos. Alles, was sie ihr eingebracht hatte, waren Kratzer und ein zerschundenes Knie.

Auf dem Bauch liegend kroch sie rückwärts unter dem Busch hervor, darauf bedacht, die Blumenbeete nicht zu beschädigen.

Lautes Bellen zerriss die Stille. Daisys Herzschlag setzte aus. Sie presste die Hand auf den Mund, um einen Aufschrei zu unterdrücken.

Als das Bellen zum Gejaule wurde, atmete sie auf – diesen Kläffer kannte sie! Es war Edgar, Mr. Masons Zwergschnauzer. So ein Racker! Seinetwegen hätte sie fast einen Herzanfall erlitten.

Das Jaulen verstummte, und Daisy stand vorsichtig auf. Wo immer der Kater sich herumtrieb, in diesem Garten jedenfalls nicht. Ihre Mission war beendet, sie konnte nach Hause gehen.

Im nächsten Moment blieb sie wie angewurzelt stehen – hinter sich vernahm sie ganz deutlich Schritte. Sie warf einen Blick über die Schulter und sah die Umrisse einer hochgewachsenen Gestalt. Ein Mann! Himmel, doch nicht etwa der Nachbar!

Ein starker Arm legte sich ihr um die Taille und presste sie unerbittlich an eine nackte Brust. „Hab ich dich erwischt!“, brummte eine tiefe Stimme.

Daisy holte tief Luft, um loszuschreien, doch im gleichen Moment legte ihr der Angreifer eine Hand über den Mund. „Vergiss es, Kleiner, deine Kumpel können dir auch nicht helfen.“ Seine Finger dufteten nach Sandelholzseife, und er sprach mit einem irischen Akzent.

Sie versuchte, sich dem Klammergriff zu entwinden, aber der Mann hob sie hoch und presste sie nur noch härter an sich. Daisy wurde schwindlig, sie bekam kaum noch Luft. Unbeholfen trat sie nach ihm. Er ließ los, und sie fiel auf den Bauch. Als er sie unsanft auf die Beine stellte, rutschten die Baggy Pants tiefer hinab.

„Na so was! Unterwäsche aus Satin!“

Daisy wurde rot. Hastig zog sie die Hose hoch.

„Wer zum Teufel sind Sie?“, fuhr er sie an.

Alles, was Daisy im Gegenlicht ausmachen konnte, waren eine breitschultrige Silhouette und dichtes dunkles Haar. Sie zitterte am ganzen Körper, sowohl aus Verlegenheit als auch vor Zorn. Bevor sie wusste, wie ihr geschah, lehnte er sich vor, riss ihr die Mütze vom Kopf und befreite die tizianrote Mähne.

„Ein Mädchen!“

Wütend strich Daisy das Haar aus der Stirn. „Ich bin eine erwachsene Frau, Sie Grobian!“

„Eine Einbrecherin.“ Er kam einen Schritt näher, und unwillkürlich wich sie zurück, die viel zu weite Hose mit beiden Händen festhaltend. Der Kerl war zwei Köpfe größer und stark wie ein Bär, in einem Zweikampf hätte sie nicht die geringste Chance.

Sie wirbelte herum, doch es war schon zu spät. Ihr Angreifer packte sie beim Arm und hielt sie fest.

„Nicht so eilig, meine Liebe. Erst habe ich ein paar Fragen.“

„Lassen Sie mich los!“

Ohne zu antworten, schob er sie vor sich ins Hausinnere. Der penetrante Geruch frischer Farbe stieg ihr in die Nase, und als er das Licht anstellte, blinzelte sie geblendet. Sie standen in einer geräumigen, mit allen Schikanen ausgestatteten Küche. Er zerrte sie zu der Sitzecke am anderen Ende und drückte sie auf einen weich gepolsterten Lehnstuhl. Als sie aufsprang, stützte er sich mit beiden Händen auf die Armlehnen – sie war gefangen.

Sein herber männlicher Duft und die Hitze, die von seinem nackten Oberkörper ausging, schlugen ihr entgegen. Das schwarze Haar war feucht, als habe er vor Kurzem geduscht. Ein paar Wassertropfen lösten sich und fielen auf ihr enges Polohemd. Sie spürte die kühle Nässe auf ihren Brüsten und wich zurück.

Sein Blick glitt über die Stelle, wo sich die Brustwarzen deutlich abzeichneten. Daisy wurde es glühend heiß – warum hatte sie bloß den BH ausgezogen?

„Rühren Sie sich nicht vom Fleck, oder ich versohle Ihnen den Hintern. Verdient hätten Sie es weiß Gott.“

Furchtsam sah sie in das markante Gesicht, das ihrem viel zu nahe war. Das Herz schlug ihr bis zum Halse – einem schöneren Mann war sie in ihrem ganzen Leben noch nicht begegnet. Er hatte kohlschwarze markante Brauen und darunter tiefblaue Augen, mit den längsten Wimpern, die sie jemals bei einem Mann gesehen hatte. Eine lange weiße Narbe zog sich über die gebräunte Wange, das kantige Kinn wies einen dunklen Bartschatten auf – der Typ sah aus wie ein Pirat.

„Wa…was fällt Ihnen ein?“, stammelte sie.

„Führen Sie mich nicht in Versuchung!“

Sie schluckte. Halt die Klappe, Dummkopf!, wisperte eine innere Stimme. Bring ihn nicht noch mehr in Rage!

Er richtete sich auf und strich sich das Haar aus der Stirn. „Und hören Sie endlich mit dem Zittern auf! Ich vergreife mich nicht an einer Frau.“

Sein Ton war so verächtlich, dass sie den Vorsatz zu schweigen vergaß und ihn wütend anfuhr: „Sie haben mich eben zu Tode erschreckt, Sie Flegel! Reicht Ihnen das nicht?“

„Was erwarten Sie, wenn Sie unerlaubt in meinem Garten umherschleichen? Einen roten Teppich?“ Er wandte sich ab und ging mit eigenartig schlingerndem Schritt zum Spülbecken, wo er sich mit dem Rücken zu ihr aufstützte. Scharf zog Daisy den Atem ein.

An seinen Schultern hoben sich mehrere vernarbte Striemen blass von der gebräunten Haut ab. Sie schluckte krampfhaft. Wer war dieser Mann? Offenbar nicht der vom Glück begünstigte Playboy, für den sie ihn gehalten hatte.

Narben wie diese konnten nur das Ergebnis brutaler Schläge sein. Sie dachte an die erlittenen Schmerzen, und das Herz tat ihr weh, obwohl er ihr Mitgefühl eigentlich nicht verdiente.

Er füllte ein Glas mit Wasser vom Hahn und drehte sich um. Ans Spülbecken gelehnt kreuzte er die Beine und sah stumm vor sich hin. Dann hob er das Glas und leerte es in einem Zug.

Sie schluckte. Ihre eigene Kehle war wie ausgedörrt, aber lieber verdurstete sie, bevor sie ihn um etwas zu trinken bat.

Als er das Glas etwas zu heftig abstellte, zuckte sie zusammen. Er hustete, dann strich er sich mit der Hand über die Stirn, ließ den Kopf sinken und stöhnte.

Daisy ließ ihn nicht aus den Augen. So wie er da stand, das Kinn auf der Brust und mit hängenden Schultern, wirkte er weniger bedrohlich. Ob er sie vergessen hatte?

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