Logo weiterlesen.de
Wie verführe ich diesen Mann?

image

1. KAPITEL

Miriam Thornbury war dabei, einen neuen Internet-Filter für die Computer der Stadtbibliothek zu testen, als sie auf die Eintragung hotwetbabes.com stieß. Sie triumphierte innerlich, da sie wieder einmal ein durchlässiges Filtersystem entdeckt hatte – ein Punkt mehr für die Antizensur-Kampagne –, aber ihre Siegesfreude war nur von kurzer Dauer. Denn im nächsten Moment sah sie, was für Inhalte die Website anpries.

Und ihre erste Reaktion war, dass eine Zensur vielleicht doch von Nutzen sein könnte. Du liebe Güte! dachte sie dann. Wohin soll das führen, wenn Bibliothekare anfangen, für eine Sache wie Zensur einzutreten? Wie konnte sie bloß auf einen solchen Gedanken kommen?

Natürlich kannte Miriam Bibliothekare, die eine Zensur unterstützten. Na ja, „kennen“ stimmte nicht ganz, jedenfalls kannte sie keine dieser Personen persönlich. Schließlich gab es in Marigold, Indiana, nur zwei Vollzeit-Bibliothekare, nämlich sie selbst und Douglas Amberson, den Leiter der Stadtbibliothek. Und Douglas war genau wie sie ein vehementer Gegner der Zensur.

Aber es sollte ja tatsächlich Bibliothekare geben, die eine Zensur befürworteten. Bibliothekare, die zu wissen glaubten, was für ihre armen orientierungslosen Leser das Beste war, und es sich daher zur Aufgabe machten, ihnen die Orientierung zu erleichtern, indem sie im ausufernden Angebot von Büchern und anderen Medien eine Vorauswahl trafen.

Viel schlimmer aber war, dass Miriam Bürgermeister kannte, die diese Einstellung vertraten. Bürgermeister von Städten wie zum Beispiel Marigold, Indiana. Und so kam es auch, dass sie an diesem sonnigen Nachmittag im Juli in ihrem Büro in der Bücherei saß und nach einem Internet-Filter suchte, der Websites wie die von hotwetbabes.com aussiebte.

Es war eine Aufgabe, die Miriam mit gemischten Gefühlen übernommen hatte. Obwohl sie einige Websites keineswegs billigte, hatte sie erhebliche Probleme mit Anweisungen von Leuten, die sich den Massen derart überlegen fühlten, dass sie sich anmaßten, diesen Massen ihren Lesestoff zu diktieren und vermeintlich „Ungeeignetes“ auszusortieren. Leute wie zum Beispiel Isabel Trent, die Bürgermeisterin von Marigold.

Miriam blickte nochmals zum Bildschirm und zog eine Grimasse. Hotwetbabes.com konnte selbst den liberalsten Menschen daran zweifeln lassen, ob absolute Freiheit im Web immer von Vorteil war. All diese halb nackten, glänzenden weiblichen Körper da im Internet, für jedermann zugänglich. Das konnte doch unmöglich etwas Gutes sein, oder? Zumal diese halb nackten glänzenden Frauenkörper mit der Wirklichkeit überhaupt nichts zu tun hatten. So sahen wirkliche Frauen nicht aus, nicht einmal wenn sie nass waren.

Unwillkürlich blickte Miriam an ihrem Körper hinab, der weder nackt noch nass, sondern unter ihrer Bibliothekarinnen-Uniform versteckt war – der sorgsam gebügelten weißen Bluse und dem engen beigefarbenen Rock. Dann sah sie wieder zum Bildschirm. Nicht nur, dass ihre Vorderpartie im Vergleich zu diesen Frauen ein trauriger Anblick war, auch der Rest von ihr wies Mängel auf.

Während die Frauen auf der Website wild wehende Haarmähnen in schimmerndem Gold, Kupfer und Schwarz hatten – sie wehten sogar in nassem Zustand! –, war ihr langweiliges blondes Haar, dessen Farbe ihre Mutter immer als „fades Aschblond“ bezeichnet hatte, im Nacken von einer schlichten Spange zusammengehalten, und es bauschte sich kein bisschen. Und statt schwarz umrandeter Augen mit sorgfältig getuschten langen Wimpern und einer exotischen Farbe hatte Miriam graue und vollkommen ungeschminkte Augen.

Nein, diese Frauen sind entschieden nicht das, was man „normal“ nennt, dachte sie und seufzte. Ebenso wenig konnte man diese Frauen als „realistisch“ bezeichnen. Sie wünschte, jemand würde ein gewisses Maß an Realismus im Internet durchsetzen.

Das hatte mit Zensur nichts zu tun, oder? Realismus und Exaktheit waren gut und äußerst wichtig. Die Welt brauchte unbestreitbar mehr Genauigkeit. Und nach Miriams Meinung war es höchste Zeit, dass das Internet präziser wurde.

Sie positionierte die Maus, um das Programm mit einem entschlossenen Klick zu schließen – diesen Filter würde die Stadtbibliothek von Marigold ganz bestimmt nicht verwenden, wenn derartige Websites ihren Weg hindurchfanden. Doch ihre Hand und folglich die Maus mussten das Ziel verfehlt haben. Sie klickte nämlich rein zufällig auf ein Feld mit dem Hinweis: Besuchen Sie unsere Bruder-Website! Hotwedbods.com! Und ehe sie ihren Fehler korrigieren konnte – zum Kuckuck mit diesen schnellen neuen Modems! –, öffnete sich eine neue Seite. Sie blickte hin und …

Große Güte!

Noch mehr halb nackte, glänzende Körper bevölkerten den Bildschirm. Nur waren es diesmal keine weiblichen Gestalten. Und dieses Mal waren sie nicht von der Taille aufwärts nackt, sondern abwärts.

Unglaublich!

„Ah. Hier sind Sie, Miss Thornbury.“

Oh nein, auch das noch! dachte Miriam. Das Einzige, was ihre Verlegenheit noch hätte steigern können, wäre das Auftauchen einer zweiten Person gewesen, die sie dabei ertappte, wie sie heiße, nasse Körper im Internet betrachtete. Noch viel schlimmer jedoch war, dass diese Person niemand anders war als Professor Rory Monahan, einer von Marigolds angesehensten und ehrbarsten Bürgern.

Und auch einer von Marigolds attraktivsten Männern.

Und einer von Marigolds begehrtesten Junggesellen.

Nicht dass Miriam auf der Suche nach einem Mann zum Heiraten gewesen wäre. Das nicht. Aber schließlich war sie auch nur ein Mensch. Und sie mochte nun mal attraktive Typen. Tatsache war, dass sie Professor Monahan mochte. Aber jeder in Marigold – selbst ein Neuling wie Miriam – wusste, dass Professor Monahan viel zu sehr in seiner akademischen Arbeit aufging, um je an etwas anderem Interesse zu zeigen.

Das war wirklich zu schade. Miriam hätte nämlich sehr gern sein Interesse erregt. Allerdings nicht, während sie auf Fotos von halb nackten Männern starrte. Das konnte nur zu Problemen führen.

Schuldbewusst schoss sie von ihrem Stuhl hoch und stellte sich vor den Computer, als Professor Monahan ihr Büro betrat. Er sah noch niedlicher aus als sonst, stellte sie fest, und noch heiratstauglicher mit den runden metallgefassten Brillengläsern, die seine hellblauen Augen betonten, und mit seinem zerzausten schwarzen Haar. Sie stellte sich vor, wie er sich bei der konzentrierten Lektüre eines historischen Werks mit den Fingern durch die dichten Strähnen gefahren war. Er trug eine dunkelbraune Hose, ein cremefarbenes Oberhemd, dessen aufgekrempelte Ärmel überraschend muskulöse Unterarme enthüllten – zweifellos das Ergebnis des ständigen Herumschleppens dicker Wälzer –, und eine total unmoderne und nicht besonders hübsche Krawatte.

Alles in allem sah er hinreißend zerzaust aus. Er war die Art Mann, die eine Frau wie Miriam abends mit zu sich nach Hause nehmen wollte, um … um …

Um ihm Essen zu machen, dachte sie ärgerlich. Denn genau das wünschte sie zu tun – jedes Mal, wenn sie Rory Monahan sah. Sie wollte ihn mit nach Hause nehmen und für ihn kochen – kochen, um Himmels willen! Und ihm zum Nachtisch einen hausgemachten Obstkuchen offerieren. Und sie war noch nicht einmal eine gute Köchin. Im Backen war sie noch schlechter. Trotzdem konnte sie von dem Gedanken nicht ablassen. Wenn sie Rory mit ihren fragwürdigen kulinarischen Kreationen eingelullt hätte, wollte sie bei einer Tasse Kaffee mit ihm plaudern, dann mit ihm einen Spaziergang durch die Nachbarschaft machen – natürlich Hand in Hand –, und anschließend würden sie zusammen Popcorn machen und sich dann ein Leihvideo ansehen. Am besten eine romantische alte Kriminalkomödie wie „Der dünne Mann“.

Das waren Miriams Fantasien. Was sie mit Professor Monahan tun wollte, war so nett und so harmlos, dass es ihr eine höllische Angst machte. Das Letzte, was sie in ihrem Leben brauchte, war noch mehr Nettigkeit, noch mehr Ruhe, noch mehr Harmlosigkeit. Sie war bereits die verlässlichste und langweiligste Frau der Welt. Falls sie sich mit einem Mann einließ – was sie keineswegs beabsichtigte –, dann sollte sie sich wenigstens jemanden aussuchen, der gefährlich war und aufregend und verwegen. Jemanden, der möglicherweise aufregende neue Seiten in ihr freilegte. Denn allmählich beunruhigte es sie, dass sie zu keiner einzigen gefährlichen, aufregenden und verwegenen Handlung fähig war.

Schlimmer noch, ihr hartnäckiger Wunsch, mit Professor Monahan lauter nette, harmlose Dinge zu tun, das schmeckte verdächtig nach Häuslichkeit, nach Bindung, nach Mutterschaft. Nicht dass sie etwas gegen Kinder hatte. Im Gegenteil. Sie hatte durchaus vor, zu heiraten, häuslich zu werden und Kinder zu bekommen. Und eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, würde sie das auch. Das hoffte sie jedenfalls.

Aber mit Rory Monahan würde sie keine gemeinsame Zukunft haben – leider. Weil Rory Monahan schlicht und einfach schon verheiratet war. Verheiratet mit seiner Arbeit als Geschichtsprofessor am örtlichen College und mit seinen Studien und Forschungen und seinem Drang nach Wissen. Was Frauen betraf, hatte er eine beklagenswert kurze Aufmerksamkeitsspanne. In den sechs Monaten, die Miriam nun schon in Marigold lebte, hatte sie ihn noch nie in weiblicher Begleitung gesehen. Für Verabredungen mit Frauen hatte der Professor offensichtlich keine Zeit.

Und sie? Hatte sie ein Date gehabt, seit sie in Marigold wohnte? Nein, kein einziges. Und was war bei ihr der Grund? Jedenfalls keine zu kurze Aufmerksamkeitsspanne. Auch kein Mangel an Gelegenheiten – sie war ein paarmal eingeladen worden. Und hatte abgelehnt, weil sie an den betreffenden Männern nicht interessiert war. Und sie war nicht an ihnen interessiert gewesen, weil … Sie blickte zu Professor Monahan und unterdrückte einen sehnsuchtsvollen Seufzer. Na ja, deshalb. Und es war ein absolut guter Grund.

„Miss Thornbury“, sagte Professor Monahan und kam einen Schritt näher.

Sie erinnerte sich gerade noch rechtzeitig an den Computer hinter ihr und trat einen kleinen Schritt nach rechts, um Monahans veränderten Blickwinkel auszugleichen. „Ja, Professor Monahan? Kann ich etwas für Sie tun?“, fragte sie und hoffte, dass sie unschuldig klang. Denn die Gedanken, die plötzlich durch ihren Kopf paradierten, waren alles andere als unschuldig. Sie waren mehr von der heißen, nicht jugendfreien Variante.

„Ich bin ein bisschen in Druck“, erklärte er, „und ich vermute, dass nur Sie mir helfen können.“

Das klingt vielversprechend, dachte Miriam und lächelte. „Ja?“

Er nickte. „Ich habe überall nach Band fünfzehn von ‚Stegmans Führer durch den Peloponnesischen Krieg‘ gesucht, aber ich kann ihn nirgends finden. Und wenn es einen Menschen gibt, der diese Bibliothek in- und auswendig kennt …“ Er zögerte und zog konsterniert seine dunklen Augenbrauen zusammen – ein hinreißender Anblick, wie Miriam fand. „Nun, ich denke, das würde wohl Mr Amberson sein“, fuhr er fort, „aber er ist momentan nicht hier, und ich weiß, dass Sie auch mit dem System vertraut sind, und deshalb dachte ich mir, dass Sie mir vielleicht helfen könnten.“

Sicher könnte ich das, dachte sie. Es war schließlich ihr Job. Ganz davon zu schweigen, dass dies eine Gelegenheit war, mehr in Professor Monahans Nähe zu kommen. Sie würde feststellen können, ob er genauso wundervoll duftete wie sonst, nach dieser betörenden Mischung von Seife und Rasierwasser. Aber das hätte bedeutet, dass sie sich von ihrem Platz bewegen müsste und Rory Monahan das sah, was sie soeben betrachtet hatte – nämlich heiße, nasse Männerkörper. Und das würde überhaupt nicht gut sein.

Also tat Miriam das Einzige, was sie tun konnte. Sie zeigte hektisch zur Tür und rief aufgeregt: „Oh, schauen Sie mal! Ist das nicht der Künstler, der früher als ‚Prince‘ bekannt war?“

Als Professor Monahan herumfuhr, drehte sie sich hastig zum Computer und machte einen Mausklick. Plötzlich war auf dem Bildschirm nichts anderes mehr sichtbar als die Namenliste der großen Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts, die sie am Morgen heruntergeladen hatte.

Als Miriam sich wieder umdrehte, sah sie, dass Professor Monahan seinen Hals noch immer aus der Tür reckte. „Ich sehe keinen Künstler“, sagte er, „geschweige denn einen Prinzen.“ Mit einem irritierten Ausdruck wandte er sich wieder zu Miriam. „Offen gesagt fällt mir kein Prinz ein, der zugleich auch ein Künstler ist.“ Seine Miene erhellte sich. „Während der Renaissance hingegen gab es zahllose Aristokraten, die sich auch als Künstler einen Namen …“

„Professor Monahan?“, unterbrach sie ihn vorsichtig. Sie hatte schon mehrmals erlebt, wie seine wissenschaftlichen Exkurse sich in die Länge dehnen konnten, und diesen musste sie leider sofort abwürgen, sonst würde sie ihr Arbeitspensum für diesen Tag nie schaffen.

„Ja, Miss Thornbury?“

„Band fünfzehn von ‚Stegmans Führer durch den Peloponnesischen Krieg‘ – das war’s doch, was Sie wollten, nicht?“

Einen Moment lang wirkte er wieder irritiert, als könnte er sich nicht ganz erinnern, wer und wo er war. Dann plötzlich klärte sich seine Miene, und er lächelte. „Oh ja. Genau danach habe ich gesucht. Wieso haben Sie das gewusst?“

Sie lächelte zurück. „Sie haben es mir eben gesagt.“

„Ah. Verstehe. Natürlich.“ Er errötete wegen seiner Darbietung professorenhafter Zerstreutheit, und Miriams Herz machte einen kleinen Sprung. Dieser Mann war einfach hinreißend.

„Wissen Sie, wo das Buch steht?“

„Ja. Es scheint tatsächlich wahr zu sein, dass große Köpfe gleich denken. Das Schicksal hat es so gefügt, dass ich in meiner Lunchpause in dem Band gelesen habe.“ Wieder drehte sie sich um und wuchtete den dicken ledergebundenen Band von ihrem Schreibtisch. Dann ging sie mit dem Buch unterm Arm auf den Professor zu. „Ich lerne immer gern etwas Neues“, sagte sie und lächelte. „Besonders das fünfte Kapitel fand ich hochinteressant.“

Professor Monahan lächelte schüchtern und rückte seine Brille zurecht. „Nicht wahr? Ich habe es drei- oder viermal gelesen. Es ist außerordentlich. Vielen Dank, Miss Thornbury.“ Er streckte die Hand aus, um ihr das Buch abzunehmen.

Irgendwie – Miriam wusste wirklich nicht, wie es passierte – verhedderten sich dabei ihre Finger, und während sie beide versuchten, das Buch zu halten, ging es zu Boden. Mit einem lauten Knall landete der Band auf dem Rücken, und sie bückten sich gleichzeitig, um ihn aufzuheben. Als sie danach griffen – und Miriam wusste wirklich nicht, wie es passierte –, kollidierten ihre Finger wieder. Und ehe sie wusste, wie es geschah, war ihre Hand vollkommen mit seiner verflochten, und wilde Erregung erfasste sie. Wenn sie so heftig auf ein simples Händehalten reagierte, was würde erst mit ihr passieren, wenn sie sich intimer berührten?

Und dann konnte sie nichts anderes tun als erröten. Denn als sie aufblickte, erschienen ihr Professor Monahans hellblaue Augen irgendwie wärmer, und seine Wangen waren mit einem rosigen Hauch überzogen, was auf Verlegenheit beruhen mochte, aber auch durchaus etwas völlig anderes bedeuten konnte. So wie er sie ansah, war seine Reaktion auf ihre leichte Berührung alles andere als harmlos.

Gütiger Himmel!

Miriam ließ sofort das Buch und Professor Monahans Hand los und stand hastig auf. Sie schob eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr und tat alles, was sie konnte, um seinen Blick zu meiden. Allerdings wurde ihr schnell klar, dass solch eine Anstrengung unnötig war. Denn kaum war sie auf die Füße gekommen, als Professor Monahan schnurstracks ihr Büro verließ und um den Bedienungstresen herummarschierte. Ein hastig gemurmeltes „Einen guten Tag, Miss Thornbury. Und vielen Dank“ folgte, und weg war er.

Miriam stand da und fühlte sich seltsam benommen und desorientiert, so als ob jemand sie gerade eben – wie wurde das noch in historischen Liebesromanen ausgedrückt? Sie grub in ihrem Gedächtnis – schließlich konnte man nicht nur von geistig anspruchsvoller Nahrung wie „Stegmans Führer durch den Peloponnesischen Krieg“ leben, oder? Ach ja, jetzt fiel ihr dieser Ausdruck wieder ein. Sie fühlte sich, als ob jemand über sie hergefallen wäre, weil die Leidenschaft ihn übermannt hatte. Es war ein sonderbares Gefühl. Aber eigentlich nicht ganz unangenehm.

Nein, überhaupt nicht unangenehm.

Sie lächelte und hätte wetten können, dass es ein frivoles Lächeln war. Denn sie kam sich in diesem Augenblick sehr frivol vor. Apropos frivol …

Ihr fiel ein, dass sie auf ihrem Computer-Bildschirm unbedingt noch ein Fenster schließen musste. Also trat sie wieder an ihren Schreibtisch, und kaum hatte sie die Website auf dem Monitor, wurde sie wieder bei ihrem Bemühen gestört, die aufregenden, nassen, halb nackten Männer loszuwerden.

„Miriam, ich würde Sie gern einen Augenblick sprechen“, verkündete eine Frauenstimme, und Miriam wusste sofort, wer eben durch die Tür getreten war. Es war niemand anders als Isabel Trent, die Bürgermeisterin von Marigold.

Miriam wirbelte herum und nahm dieselbe Position ein wie vorher, als sie sich bemühte, Professor Monahans empfindsamen Geist zu schonen. Sie wusste, Miss Trents empfindsamer Geist würde Amok laufen, wenn sie entdeckte, was die Bibliothekarin der Stadt gerade inspizierte – obwohl Isabel Trent ja in gewisser Weise selbst für ihren Fund verantwortlich war.

„Guten Tag, Miss Trent. Worum geht es denn?“, fragte Miriam unschuldig.

„Es ist von äußerster Wichtigkeit“, erklärte die Bürgermeisterin.

Natürlich, für Isabel Trent ist alles von äußerster Wichtigkeit, dachte Miriam und seufzte innerlich. Dennoch setzte sie denselben überaus ernsten Ausdruck auf wie das Oberhaupt der Stadt. „Ich bin ganz Ohr.“

Miss Trent trug ebenfalls eine Art Arbeitsuniform, wie Miriam schon vor einiger Zeit bemerkt hatte. Sie bestand aus bis obenhin zugeknöpften, ultrakonservativen Kostümen und hochgeschlossenen, adretten Blusen. Das Modell dieses Tages war dunkelblau – fast dasselbe Blau wie ihre Augen –, aber ebenso streng zugeknöpft wie all die anderen. Ihr Frisur passte dazu – ihr goldblondes Haar war straff zurückgebürstet und im Nacken zu einem Chignon zusammengesteckt. Eine große Brille mit Schildpattfassung erweckte den Eindruck, als wollte die Bürgermeisterin sich vor etwas verstecken. Vor der Welt zum Beispiel.

Ehrlich, dachte Miriam und berührte ihren Pferdeschwanz, sie sieht noch biederer aus als ich. Und das wollte schon etwas heißen.

„Es geht um all die Metropolitan – Hefte im Zeitschriftenraum“, begann die Bürgermeisterin.

Miriam nickte. „Es sind ältere Nummern, aber sie werden noch viel gelesen. Ich entschuldige mich für die Unordnung. Natürlich werde ich dafür sorgen, dass jemand die Hefte sofort ordnet.“

Miss Trent reckte sich zu ihrer vollen Größe von ein Meter achtundsechzig. „Nein. Sie werden dafür sorgen, dass jemand diese Magazine sofort aus dem Zeitschriftenraum entfernt.“

Miriams aschblonde Augenbrauen hoben sich zu ihren aschblonden Ponyfransen. „Wie bitte?“

„Ich habe gesagt – weg damit! Keine Metropolitan – Hefte mehr. Kündigen Sie das Abonnement der Bibliothek!“

„Aber warum? Metropolitan ist eine der beliebtesten Zeitschriften in unserer Bibliothek.“

„Nun ja, es ist auch eine der inakzeptabelsten Zeitschriften der Bibliothek.“

„Inakzeptabel? Inwiefern?“

„Erzählen Sie mir nicht, dass Sie diese Titelzeilen auf den Covers noch nicht bemerkt haben“, erwiderte Miss Trent in schneidendem Ton.

„Nein, hab ich nicht“, antwortete Miriam ehrlich. „Ich selbst lese Metropolitan nicht.“ Sie setzte ein halbherziges Lächeln auf. „Ich bin nicht gerade ein Metro-Girl, fürchte ich.“

„Nun, das will ich stark hoffen“, sagte Miss Trent spitz. „Dieses Magazin schreibt über nichts als Sex, Sex, Sex.“

Was erklärt, warum ich es nie lese, dachte Miriam, und warum ich kein Metro-Girl bin. Sex, Sex, Sex war nicht gerade ein Hauptbestandteil ihres Lebens. Oder überhaupt ein Teil ihres Lebens. Jedenfalls nicht ihres realen Lebens. Was ihr Fantasie-Leben anbetraf, na ja …

Da waren die gelegentlichen Tagträume von Professor Rory Monahan und ihr – sie beide in der Präsenzbibliothek, seinem bevorzugten Arbeitsplatz. Die Tische in diesem separaten Leseraum der Bibliothek spielten in ihren Fantasien eine bedeutende Rolle. Weil nämlich sie und der Professor auf einem dieser Tische …

Herrje, sie tat es schon wieder. Vielmehr malte sie es sich schon wieder aus. Es wirklich zu tun, das tauchte nirgendwo in ihren Plänen auf. Ein Jammer, aber warum etwas planen, was nie geschehen würde?

„Und von den Inhalten ganz abgesehen …“, hörte sie Miss Trent sagen, die offenbar gerade eine endlose Tirade gegen die Massenmedien abschloss, „… diese Frauen auf den Titelseiten von Metropolitan sind ganz einfach …“ Statt ihre Gefühle mit einem passenden Ausdruck zu illustrieren, machte die Bürgermeisterin ein säuerliches Gesicht. „Nun, es genügt wohl die Feststellung“, fuhr sie fort, „dass Metropolitan ein gänzlich unpassendes Lesematerial für unsere Bibliothek ist. So wie einige andere Magazine, die ich in der Zeitschriftenabteilung nicht mehr zu sehen wünsche.“

Isabel Trent ging auf Miriam zu und reichte ihr eine handgeschriebene Liste. Miriam brachte vor Verblüffung kein Wort he­raus. Aber noch erstaunter war sie, als sie einen Blick auf die Liste warf und sah, welche Zeitschriften Miss Trent außer Metropolitan auf den Index gesetzt hatte. Was maßte diese Bürgermeisterin sich an, all diese Publikationen für „unpassend“ zu erklären und zu verlangen, dass sie aus der Bibliothek entfernt wurden?

Miss Trent, die Miriams Schweigen offenbar als Zustimmung deutete, ging rasch zum nächsten Punkt ihrer Tagesordnung über. „Es gibt da einige Romane in der Abteilung für Unterhaltungsliteratur, die ich ebenfalls entfernt haben möchte. ‚Die lodernde Ekstase der Liebe‘ zum Beispiel …“ Ihre Stimme verebbte, doch ihr frostiger Ton hätte glatt eine neue Eiszeit einleiten können.

„Aber ‚Die lodernde Ekstase der Liebe‘ …“

„Erzählen Sie mir nicht, dass dieser Roman bei den Benutzern der Bibliothek beliebt sei“, schnitt die Bürgermeisterin Miriam das Wort ab.

„Also … nein“, räumte Miriam widerstrebend ein. Nicht unbedingt der Mehrheit der Leser, fügte sie stumm hinzu. Aber sie selbst hatte die Lektüre sehr genossen. Sogar mehrere Male.

„Ich will, dass dieses Buch vom Regal verschwindet“, ordnete Miss Trent an. „Zusammen mit diesen anderen.“ Sie beförderte noch eine Liste zutage, die Miriam automatisch entgegennahm – sprachlos vor Empörung über diese dreiste Zensur-Attacke.

„Und ich möchte auch die Abteilung mit der britischen Literatur gründlich inspizieren“, fuhr Miss Trent fort. „Dies hier habe ich rein zufällig gefunden.“ Mit zwei Fingern hielt sie einen schmalen Band hoch, als wäre er hochgiftig. „Ich bin schockiert, dass wir etwas mit einem solchen Titel in unserer Bücherei haben. ‚The Rape of the Lock‘. ‚Die … Vergewaltigung der Locke‘. Sagen Sie selbst, Miriam, halten Sie das für passend?“

Einen Moment lang brachte Miriam als Antwort auf Miss Trents Frage nichts als kleine, prustende und nicht sehr höfliche Atemstöße heraus. Doch sie erholte sich schnell von ihrem Heiterkeitsanfall und erklärte: „‚The Rape of the Lock‘ ist ein virtuoses Stück Literatur, Miss Trent – unbestreitbar die Krönung von Alexander Popes Werken.“

Die Bürgermeisterin starrte sie entgeistert an. „Ein Mann namens Pope hat diesen Schund geschrieben? Nicht zu glauben! Jemand mit dem Namen ‚Papst‘ produziert so einen Schmutz?“

Nun starrte Miriam die andere Frau an. „Schund? Schmutz? Dieses Versepos ist ein literarisches Kleinod! Und, wenn ich das hinzufügen darf, es wurde im Jahr 1714 veröffentlicht. Das Wort ‚rape‘ hatte damals noch die ursprüngliche Bedeutung ‚Raub‘ oder ‚Entführung‘.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Wie verführe ich diesen Mann?" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen