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Wie kommt Wien ins Blut?

Marcus McLaren ist ein in Europa lebender Pianist aus Neuseeland. Geboren 1969 in Wellington, wurde Wien seine neue Heimat, nachdem er 1991 den National Concerto Competition gewonnen hatte. Er ist Absolvent der Universität Otago (Dunedin, Neuseeland), des Joseph Haydn Konservatoriums (Eisenstadt, Österreich) und der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien. Außerdem wurden ihm britische Diplome in Klavier und Pädagogik von der Royal Schools of Music‚ dem Trinity College of London und dem Royal College of Music verliehen.

Rege Konzerttätigkeiten führten McLaren durch Neuseeland und Österreich, in die Schweiz, nach Italien, Deutschland, Dänemark, Lettland, Russland, Ukraine, Japan und in die USA. Er konzertierte als Solist mit namhaften Orchestern, u.a. dem Wiener Kammerorchester, dem Symphonieorchester Voronezh und der Fort Wayne Philharmonic. Am Pacific Music Festival in Japan nahm er als Kammermusikpartner und Liedbegleiter teil und korrepetierte für die Meisterklasse von Christa Ludwig.

Seine Konzerte sind von Rundfunkanstalten ausgestrahlt worden. Seine Diskographie umfasst Solo-Literatur, zum Beispiel Klavierwerke von Joseph Haydn oder Domenico Scarlatti, und CD-Einspielungen als Liedbegleiter. Seit 2000 wohnt er in Ulm.

Marcus McLaren

Wie kommt Wien ins Blut?

Ein Neuseeländer studiert Musik in Österreich

Man kann einen Menschen aus Wien herausnehmen, aber nicht Wien aus einem Menschen

–Curtis L. Brown

Umschlag: Gebäude des Musikvereins Wien.

Photo von Peter Lykke Refsgaard.

Bildnachweis Mittelteil: Anna Bercini, Erika Schröter,

Maria Benda, Hermann Buchner, Carol Dodge,

Karlmann Philipp, Carolyn Peterson,

mit vielem Dank für die bereitgestellten Photographien.

Übersetzung aus dem Englischen: Marcus McLaren.

Mit bestem Dank an Erika Schröter und Heinz Wegner

für die Durchsicht der Übersetzung.

Verantwortlich:

Marcus McLaren

Lange Lemppen 13

89075 Ulm

Deutschland

www.mmclaren.de

Inhalt

Vorwort

Das Musikleben in Wien

Musikstudium

Photographien

Die Walzerstadt

Schubertiade

Unterrichtspraxis

Der Hauspianist

Wohnen in Wien

Umblättern für Swjatoslaw Richter

Lesenswerte Bücher

Hörempfehlungen

Vorwort

In der Meinung, dass Tatsachen mitunter merkwürdiger – und interessanter – als die Phantasie sein können, habe ich versucht, die wesentlichsten Beschreibungen und Anekdoten meiner Erfahrungen in Österreich zusammenzufassen. Es wurde nicht angestrebt, diese Episoden in chronologischer Reihenfolge darzustellen, weil zwischen ihnen kein Zeitzusammenhang besteht, überspannen sie doch sieben Jahre.

Wien ist ein herrlicher Wohnort. Das beliebteste Wiener Lied, Wien, du Stadt meiner Träume, ist in der Tat eine Huldigung an die Stadt. Um in die Herzen der Bürger etwas hineinzuschauen, zitiere ich Ihnen, meinen Lesern, die erste Strophe und den Refrain:

Mein Herz und mein Sinn schwärmt stets nur für Wien,

Für Wien, wie es weint, wie es lacht,

Da kenn ich mich aus, da bin ich halt z’haus,

Bei Tag und noch mehr bei der Nacht.

Und keiner bleibt kalt, ob jung oder alt,

Der Wien, wie es wirklich ist, kennt,

Müßt ich einmal fort von dem schönen Ort,

Da nähm’ meine Sehnsucht kein End’.

Dann hörtich aus weiter Ferne ein Lied,

Das klingt und singt, das lockt und zieht.

Wien, Wien, nur du allein,

Sollst stets die Stadt meiner Träume sein,

Dort wo die alten Häuser steh’n,

Dort, wo die lieblichen Mädchen geh’n.

Wien, Wien, nur du allein,

Sollst stets die Stadt meiner Träume sein,

Dort, wo ich glücklich und selig bin,

Ist Wien, ist Wien, mein Wien!

Das Lied wurde von Rudolf Sieczynski komponiert, einem Musiker, der, wie sein Name verrät, ausländischer Herkunft ist – wie übrigens viele Österreicher es sind. Es ist nämlich eine Eigenschaft dieser Bevölkerung, dass sie einen großen Anteil polnisches, tschechisches, slowakisches, ungarisches und slowenisches Blut aufweist. Kein anderes Werk dieses Komponisten überlebte, aber dieses, sein erstes Opus, wurde so weltberühmt, dass es für immer ein Teil österreichischer Musikgeschichte bleiben wird.

Nun lade ich Sie, sehr geehrte Leser, auf eine nostalgische Reise zu einigen der kuriosesten Orte und zu den interessantesten Persönlichkeiten, die ich kennen gelernt habe, ein. Können Sie nicht selbst nach Wien kommen, so dürfen Sie zumindest den Traum genießen.

Das Musikleben Wiens

Wien hat zur Zeit meines Aufenthalts eine Gesamtbevölkerung von 1,5 Millionen Bürgern; viele von ihnen sind begeisterte Fans klassischer Musik. Die Stadt, die nicht nur von Yehudi Menuhin als »Musikhauptstadt der Welt« hoch gelobt wurde, ist außerordentlich musikinteressiert. Daher dürfte es niemanden überraschen, dass die Musikhochschule eine der größten ihrer Art in Europa ist.

Der Musikliebhaber, der das Glück hat, sich in dieser eleganten Stadt zu befinden, hat es schwer, aus dem umfangreichen Konzertangebot eine Veranstaltung auszuwählen. Nehmen wir zum Beispiel die Zahl der Orchester, die in Wien ihren Sitz haben: Im Veranstaltungsprogramm für den Monat Oktober eines Jahres werden Konzerte von nicht weniger als 30 Wiener Orchestern aufgelistet, von denen einige sogar jeden Tag im Monat spielen. Ein Stadtführer führt sage und schreibe 47 klassische Orchester der Hauptstadt auf, neben etlichen kleineren Kapellen und Ensembles. Diese schließen aber andere österreichische und internationale Orchester nicht ein, die hier auf Gasttournee spielen. Wie wählt man also überhaupt etwas aus? Welches Kriterium legt der Konzertbesucher fest?

Das hängt vom persönlichen Geschmack und der Kartenverfügbarkeit ab. Will man einfach die besten Musiker hören, ist es empfehlenswert, die Wiener Philharmoniker zu erleben, zweifellos eines der besten Orchester der Welt. Viele weltberühmte Dirigenten, darunter Otto Klemperer, haben dieses Orchester über alle anderen gelobt. Der bedeutende Dirigent Wilhelm Furtwängler hat es einmal relativiert: »Das beste Orchester der Welt sind die Berliner Philharmoniker, das schönste die Wiener Philharmoniker«.1 Ich bin der Meinung, ihr edler Ton stammt sowohl aus der Wiener Tradition der Spieltechnik als auch aus der Tatsache, dass alle Streichinstrumente vom selben Hersteller verarbeitet werden. Der Gesamtklang ist wunderschön homogen.

So wunderbar es sein mag, das Orchester ist wegen seiner Geschäftsbedingung, nur männliche Mitglieder aufzunehmen, schon oft ins moralische Kreuzfeuer geraten. Als Antwort auf diese Kritik wäre es sinnvoll, diesen Klangkörper unter die Lupe zu nehmen. Seit der Gründung 1842 verwaltet er sich selbst. Er wählt seine Musiker, unter Verzicht auf das Engagement von Musikerinnen, aus dem größeren Orchester der Wiener Staatsoper, das nur im Opernhaus spielt und auch weibliche Mitglieder hat. Obwohl von zeitgenössischen Moralisten im Zwielicht betrachtet, beweist sich diese Gesellschaft als ein hochgeschätzter »Bruderbund«, ethisch auch nicht anders als andere Männerund Frauenvereine. Es gibt sogar das »Erste Österreichische Frauenorchester«, das sich mit Stolz behauptet. Um es auf den Punkt zu bringen, als privater Verein können sie selbst die Entscheidung treffen, welche Mitglieder sie aufnehmen. Unter dem Druck politischer und besonders feministischer Gruppen aus den USA, entschlossen sich die Wiener Philharmoniker dennoch endlich, Bewerbungen von Frauen zu berücksichtigen, um ihren internationalen Ruf als bestes Orchester Österreichs nicht zu gefährden. Die Harfenistin Anna Lelkes, die im Opernhaus und zeitweise als Gast im Konzert spielt, wurde 1997 als festes Mitglied ins Orchester aufgenommen. Eine feinsinnige Flötistin behauptete mir gegenüber einmal, sie höre tatsächlich den Mangel an Frauen im Orchester. Ich antwortete darauf, ich rieche ihn.

Wer nicht gerade ins Ensemble berufen wird, kann wenigstens seine Früchte genießen. Es ist jedoch keine Leichtigkeit, zu einer Eintrittskarte für ein Live-Erlebnis zu gelangen. Nur eine Handvoll Konzerte werden im Jahr veranstaltet, da die Musiker in erster Linie als Wiener Staatsopernorchester fast jeden Abend der Saison von September bis Juni tätig sind, und dazu kommen Tourneen.2 Die Konzerte werden aus diesem Grund meist auf Samstag nachmittags oder Sonntag vormittags festgelegt. Ein Abonnement für alle zehn Konzerte, die ausnahmslos ausgebucht sind, ist ein viel gesuchter Luxus – nicht wegen des Preises, der recht akzeptabel ist, sondern wegen der Warteliste von 20 Jahren. Realistisch gesehen ist die beste Methode, ein solches Konzert zu besuchen, ein Sonderabonnement für die Generalproben zu beantragen, auf eine zurückgegebene Restkarte zu hoffen, oder ein Anrecht zum Stehplatz zu erwerben. Letzteres, bei Jung und Alt beliebt, beansprucht einen ziemlich unkonventionellen Prozess.

Zuerst muss man eine Zählkarte an einem bestimmten Samstag des Jahres ziehen und am folgenden Morgen um sechs Uhr persönlich erscheinen. Dann wartet man in der Schlange bis die Kasse (oder Kassa, wie die Österreicher sagen) um neun Uhr geöffnet wird und, wenn die Zählnummer kleiner ist als die insgesamt 500 vorhandenen Tickets, kauft man ein Abonnement. Die Stehplätze im hinteren Teil des Goldenen Saals im Musikvereinsgebäude sind unwahrscheinlich günstig – billiger als ein Kinobesuch. Ironischerweise steht im Foyer auf einem Schild: »Die Wiener Philharmoniker nehmen Abstand von jeglicher Art von Wartelisten für den Erwerb von Eintrittskarten«. Offiziell wird das Schlangestehen nämlich von einem Interessenverband koordiniert.

Das Musikvereinsgebäude ist ein hervorragender Ort für Musikaufführungen. Während sich der Brahmssaal für Kammermusik und Recitals eignet, ist der Große Saal ideal für symphonische Konzerte und Choraufführungen und besitzt zudem eine ausgezeichnete Orgel. Die Akustik ist weltberühmt und die optische Präsentation ein Augenschmaus. Der Hauptsaal bietet 1742 Besuchern Platz, er ist mit klassizistischen rosa Marmorsäulen und vergoldeten ionischen Kapitellen und Karyatiden geschmückt. Die Sitze und Balkons sind mit rotem Samt bespannt, dazu kommen verzierte goldene Adler und Lyren, Statuen aus weißem Marmor, Deckenfresken, Fensterarkaden und kunstvolle Kandelaber. Die Kombination von klanglichem Ambiente, visueller Pracht und musikalischer Auszeichnung, die praktisch jeden Tag zu erleben ist, sucht in allen Erdteilen ihresgleichen.

Der großzügige Stehbereich bietet maximal 250 Personen Platz. Weil der Boden gerade ist, sollte man aber frühzeitig kommen, um sich die Sicht bis auf die Bühne zu sichern. Aus diesem Grund wird die erste Reihe meist von kleinen Besuchern eingenommen, wo sie sich auch an ein Geländer anlehnen dürfen. Andere beliebte Plätze sind an der hinteren Wand, gegen die man sich im Stehen oder Sitzen, ohne etwas sehen zu können, lehnen kann, und die Seitenflügel, die kühler sind und oft mehr Platz anbieten zum Ausstrecken, was einige junge Leute auf dem Boden tun. Ältere dagegen benutzen einen Mini-Klappstuhl, den sie hineinschmuggeln. Auf einem solchen Stuhl zu sitzen – wie auch auf dem Boden – ist strengstens verboten. Ein Sprichwort, das mein Professor einmal zitierte, erklärt, warum es trotzdem gemacht wird: »In England ist verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. In Deutschland ist erlaubt, was nicht verboten ist. Aber in Österreich ist erlaubt, was verboten ist.« Manch ein Wagehals wartet vor dem Konzert am hinteren Eingang zum Parterre. Dann, in letzter Minute, bevor die Musik beginnt, springt er, gutes Benehmen beiseite lassend, auf einen freien Sitzplatz. Die übrigen Zuschauer stehen eng beieinander und die Hitze nimmt zu.

Viele Jahrzehnte lang hatte das historische Musikvereinsgebäude keine effektive Klimaanlage. Der Saal wurde oft so unerträglich heiß und stickig, dass es immer wieder vorkam, dass Zuhörer während des Konzertes in Ohnmacht fielen, entweder schon auf dem Stehplatz oder beim Versuch, noch lebend die Tür zu erreichen. Uniformierte Mitarbeiter des Roten Kreuzes standen stets dienstbereit, um Bewusstlose wegzutragen. Die Verwaltung bewilligte schließlich die Kosten für die Installation einer Belüftungsmaschine, die aber leider wenig Einfluss auf die Temperatur hatte. Klimaanlagen sind in Österreich eine Seltenheit. Im Sommer wären sie sicher hilfreich, aber öffentliche Gebäude, die in dieser Zeit wenig benutzt werden, (wie Konzertsäle oder Theater, die gewöhnlich für zwei oder drei Monate schließen,) werden diesbezüglich nicht modernisiert.

In diesem Saal machte ich einmal, während Alfred Brendels meisterhafter Darbietung von Beethovens Klaviersonaten, eine seltsame Beobachtung. Die Aufführung selber war wahrhaft großartig, eine Sternstunde. Wenn Brendel Beethoven spielt, habe ich das Gefühl, das sei die einzig wahre Interpretation dieser Kompositionen. In der ersten Hälfte, als ich alles vom Stehplatz aus genoss, fing eine junge Dame neben mir plötzlich an, ihre Beine unruhig zu strecken. Natürlich bewegt sich das Publikum kontinuierlich, da der menschliche Körper nicht so lange still bleiben kann, vor allem in aufrechter Position. Die Bewegungen dieser Frau waren aber etwas seltsam. Weil ich mich nicht ablenken lassen wollte, konzentrierte ich mich auf die Bühne, konnte aber nichts dagegen tun, dass mein Blick doch wieder zurück zu dieser Zuhörerin schweifte. Sie schien um die 20 Jahre alt zu sein, war elegant in Schwarz gekleidet und lauschte aufmerksam der Musik. Etwas aber war ihr unbequem. Mein Blick wanderte bis zur Taille und weiter. Sie trug einen kurzen aber dezenten schwarzen Rock. Nichts Unpassendes daran. Noch tiefer waren ihre schönen Beine in zarten Strümpfen sichtbar. Nicht ungewöhnlich, dachte ich. Was also fehlte? Mein Auge schaute dann ganz zum Boden und fand dort das Unheimliche. Mich schockte nicht die Tatsache, dass die Dame gerade dabei war, ihre Schuhe mit hohem Absatz auszuziehen – was im Stehparterre ganz verständlich, wenn auch ungewöhnlich und sicher gegen die Hausordnung war – sondern das, was dadurch entblößt wurde. Die Strumpfhose reichte selbstverständlich über die Fersen bis hin zu den Zehen, da war nichts zu tadeln. Die wohlgeformten Füße präsentierten sich durch das transparente Kleidungsstück, obwohl es im Stoff offensichtlich keine Löcher gab. Was meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, waren die Zehen selber. Sie waren ziemlich breit aber sonst gut gebaut, in normaler Reihenfolge – abgesehen von der Zahl. Es waren nur vier Zehen – an jedem Fuß jeweils nur vier.

Alfred Brendel hatte gerade den Schlussakkord der Sonate gehämmert3 und mein Kopf zuckte plötzlich zurück in Richtung Bühne, wie vom Tagestraum erwacht, um ihn beim Verbeugen anzusehen. Das Publikum applaudierte begeistert. Eine Person mit vier Zehen? Ich guckte noch einmal da hinunter. Eins, zwei, drei … vier. Ich schaute ihr Gesicht an. Ein attraktives, intelligentes Gesicht. »Das muss wohl ein Exempel der nächsten Stufe der Menschheit sein!« sagte ich mir und dachte über die Theorie der Evolution und die Überflüssigkeit der fünften Zehe nach.

Wenn das ein wunderliches außermusikalisches Erlebnis war, dann fand der ungewöhnlichste Musikauftritt im selben Saal statt. Alles begann relativ normal, die Wiener Philharmoniker spielten fröhlich und munter ein Klavierkonzert von Joseph Haydn. Statt des üblichen Bösendorfer- oder Steinwayflügels stand ein modernes Fortepiano auf der Bühne, das der Solist eigens mitgebracht hatte und das speziell für große Säle entworfen worden war. Der Pianist war ein gepflegter Engländer (sein Name fällt mir gerade nicht ein) und bekannt für seine Interpretationen klassischer Werke. Es war aber nicht nur sein Talent, Kompositionen der großen Meister aufzuführen, das sich an diesem ...

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