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Wie im goldenen Käfig

1. KAPITEL

Zeke Buchanan stand vom Frühstückstisch auf. “Hast du daran gedacht, dass die Mortons um sieben kommen, Marianne?”

Seine Frau sah nicht auf, sondern hielt den Blick auf ihre Kaffeetasse gesenkt. “Ja, natürlich.” Nicht einmal jetzt, als er ihr die Hände auf die schmalen Schultern legte, hob sie den Kopf.

“Gut.” Er zögerte, dann küsste er sie auf die Stirn. “Ich werde vermutlich erst kurz vor sieben zu Hause sein. Vormittags fliege ich nach Stoke, um mir ein altes Fabrikgrundstück anzusehen. Aber ich müsste nachmittags wieder im Büro sein, falls du mich brauchst.”

Falls ich dich brauche, dachte sie verbittert. Natürlich brauche ich dich, aber dieser Gedanke ist dir ja ganz fremd. Marianne nickte, ohne ihn anzusehen, um ihre Gefühle vor ihm zu verbergen.

“Tschüss, Marianne”, verabschiedete er sich mit kalter Stimme.

“Tschüss, Zeke”, antwortete sie ebenso kühl.

Dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Marianne saß mindestens eine Minute lang ganz still da und hielt die Tränen zurück, die ihr heute allzu locker saßen. Schließlich erhob sie sich und ging zum großen Südfenster, das beinahe die ganze Wand einnahm.

Der Blick war atemberaubend. Halb London lag ihr zu Füßen. Das Penthouse auf einem Etagenhaus mit Luxuswohnungen war vor über zwei Jahren, also bevor sie Zeke kennengelernt hatte, für ihn persönlich gestaltet worden. Die Inneneinrichtung war der letzte Schrei, vom Wohnzimmer, das ganz in Blau und Gold gehalten war, bis zum Schlafzimmer mit dem dazugehörigen dekadenten Bad in Schwarz und Silber mit lauter Spiegelwänden. Marianne hasste es. Sie verabscheute die ganze Wohnung.

Seit sie vor etwa zwölf Monaten herausgefunden hatte, dass Liliane de Giraud, eine ehemalige Freundin von Zeke, die Einrichtung des Penthouse für ihn entworfen hatte, ekelte sie das gewagte Junggesellendomizil sogar an. Liliane war eine sehr erfolgreiche Rothaarige mit eisblauen Augen und heiß begehrte Innenarchitektin aller, die Rang und Namen hatten.

Marianne lehnte sich an den Fensterrahmen. Wie oft hatte sie Zeke gebeten, sich nach einer anderen Wohnung umzusehen. Immer hatte er sie mit einem ‘Jetzt nicht, morgen, Schatz’ abgespeist. Hör damit auf, befahl sie sich jetzt, hob das Kinn und straffte resolut die Schultern. Sie und Zeke gingen gerade durch eine Krise, aber hatte sie nicht sogar den Tod ihrer Mutter vor vier Jahren erfolgreich überwunden? Da würde sie auch mit ihrer ersten Ehekrise fertigwerden. Aber sie sehnte sich so sehr danach, mit ihrer Mutter oder einem anderen verständnisvollen Menschen zu sprechen. Manchmal hatte sie das Gefühl, sie könnte in diesem Elfenbeinturm, den Zeke ihr errichtet hatte und in dem sie von aller Welt abgeschnitten war, verrückt werden.

Beinahe wie bestellt klingelte in diesem Moment das Telefon. Marianne ließ es läuten, bis sich der Anrufbeantworter einschaltete. Meistens rief nur Zeke oder einer seiner Freunde oder Geschäftsfreunde an, und sie hatte keine Lust, mit einem von ihnen zu sprechen.

“Hallo, Marianne. Ich habe lange nichts von dir gehört. Hier spricht Pat, Patricia, falls du es noch nicht erraten hast. Ich bin gerade für einige Tage in der Stadt und dachte, ich rufe mal …”

Marianne nahm ab und sagte atemlos: “Pat? Oh Pat. Wie herrlich, deine Stimme zu hören!”

“Ja? Du hättest jederzeit zum Hörer greifen und mich erreichen können, Annie”, antwortete Pat und lachte, um ihren Worten die Spitze zu nehmen.

Marianne schluckte. Ihre Freundin Pat war schon immer sehr direkt gewesen. Deshalb waren sie und Zeke auch nie miteinander warm geworden. Und so, wie die Dinge zwischen ihr selbst und Zeke standen, hatte sie das Gefühl gehabt, ihren Mann zu hintergehen, wenn sie ihre Probleme mit anderen besprach. Aber das war nun vorbei. Nach allem, was gestern Abend geschehen war, brauchte sie deswegen keine Skrupel mehr zu hegen.

“Bist du in der Nähe?”, fragte sie. “Können wir uns zum Essen treffen?”

“Ja, gern. Soll ich zu dir nach Hause kommen?”

“Nein, lass uns ausgehen. Auf meine Rechnung. Ein paar Blocks weiter ist ein tolles kleines französisches Lokal, Rochelle’s in der St. Martin Street. Passt es dir, wenn wir uns um zwölf dort treffen?”

“Fantastisch. Bis dann. Ach, und Annie …?”

“Ja?”

“Geht’s dir gut? Ist alles okay?”

Marianne atmete tief durch und sagte dann leise: “Nein, ganz im Gegenteil, Pat.”

“Das habe ich mir gedacht. Bis um zwölf also.” Sie legte auf.

Typisch Pat. Marianne legte den Hörer aus der Hand und fragte sich, warum sie Pat nicht schon längst einmal angerufen hatte. Sie merkte erst jetzt, wie sehr ihr der gesunde Menschenverstand und die direkte Art ihrer Freundin gefehlt hatten, und konnte es kaum erwarten, sie wiederzusehen.

Sie warf einen Blick auf ihre kleine goldene Armbanduhr, die Zeke ihr wenige Monate nach der Hochzeit zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Acht Uhr. Vier Stunden bis zum Essen. Sie beschloss, ein langes, heißes Bad zu nehmen.

Kaum saß sie im warmen Wasser und begann sich zu entspannen, da erlaubte sie sich zum ersten Mal seit Monaten, sich daran zu erinnern, wie es gewesen war, als sie Pat die großartige Nachricht mitgeteilt hatte. Damals, kurz nachdem sie Zeke getroffen hatte.

“Und das alles soll hier, in diesem Nest, geschehen sein? In den acht Wochen, die ich in Kanada gewesen bin?”, hatte Pat missmutig gefragt. “Aber es passiert doch nie was in Bridgeton, Annie.”

“Was soll ich dazu sagen?” Annie musste über die betrübte Miene ihrer Freundin lachen. “Er kam, er sah, er siegte. So einer ist Zeke.”

“Und reich ist er auch noch? Außerdem sieht er gut aus? Bitte, bitte sag, dass er einen Bruder hat, Annie.”

“Oh Pat.” Annie lachte. Dass Zeke Buchanan, der millionenschwere Bauunternehmer, sich in sie verliebt hatte, war wirklich märchenhaft. Und es war alles so schnell passiert. Sie betrachtete den Diamantring an ihrem linken Mittelfinger und spürte noch einmal die Begeisterung, die sie empfunden hatte, als Zeke ihr den Ring eine Woche zuvor an den Finger gesteckt hatte.

Es war eine Romanze wie aus dem Bilderbuch. Alle redeten darüber. Alle im Dorf staunten, dass sie, Marianne, diesen dicken Fisch aus der Hauptstadt an Land gezogen hatte. Aber genau das hatte sie getan. Er liebte sie, und sie liebte ihn, mehr als das Leben selbst.

Pat war von der Geschichte fasziniert. “Ich möchte alles darüber hören”, drängte sie Marianne. “Jede Einzelheit von dem Moment an, als du ihn das erste Mal gesehen hast, bis er dir diesen Superring geschenkt hat. Lass nichts aus. So was! Da habe ich gedacht, ich würde mich in Kanada gut amüsieren, und die ganze Zeit sind die wirklich wichtigen Dinge hier zu Hause passiert. Ich kann’s einfach nicht glauben. Das wird mich lehren, nicht mehr wochenlang in den Bergen zelten zu gehen! Die einzigen Lebewesen, denen ich begegnet bin, waren ein Elch und ein Bär von hinten.”

“Und hast du dich gut amüsiert?”

“Ich dachte, ja. Aber mit dir verglichen … So, jetzt mach schon, heraus mit der Sprache, Annie.”

“Zeke war gekommen, um sich Farnons Farm anzusehen. Du weißt schon, das Stück Land am Dorfrand, das als Bauland für Einzelhäuser, eine Schule und so weiter ausgewiesen ist. Er fuhr die Hauptstraße entlang … in seinem Ferrari”, fügte sie hinzu und lächelte ihre Freundin dabei übermütig an. Pat stöhnte vor Neid. “Genau in dem Moment, als ich aus dem Laden kam.”

“Und dann?”

“Er hat neben mir gehalten, sich vorgestellt, und dann haben wir uns eine Weile unterhalten. Am Ende hat er mich für den gleichen Abend zum Essen eingeladen.” Marianne hatte die Hände im Schoß gefaltet und sagte ganz sachlich: “Von da an haben wir uns immer wieder verabredet.”

Sie war in eine andere Dimension versetzt worden. In ein Leben, in dem ihr alle Tätigkeiten, selbst die gewöhnlichsten, alltäglichen Dinge, aufregend erschienen, nur weil Zeke sie liebte.

“Du Glückliche.” Pat stöhnte. “Aber ich muss sagen, wenn jemand eine Glückssträhne verdient hat, dann du, Annie. Nicht viele Mädchen mit deinem Aussehen und deinen Abschlussnoten hätten die Chance, zu studieren und auf eigenen Füßen zu stehen, an den Nagel gehängt, um ihrem Vater den Haushalt zu führen. Ganz zu schweigen davon, dass du in seiner Praxis auch noch das Mädchen für alles spielst.”

“So schwer ist das gar nicht. Ich liebe meine Arbeit.”

“Na!” Pats empörter Ausruf hatte alles gesagt.

Sie und Marianne waren seit dem Kindergarten dicke Freundinnen und später in eine Klasse gegangen und hatten daher alle wichtigen Ereignisse ihrer Kindheit und Schulzeit gemeinsam durchlebt. Daher wusste Pat besser als jeder andere, wie schwer Marianne, die nach dem Schulabschluss hatte studieren wollen, der plötzliche Tod ihrer Mutter zwei Jahre zuvor getroffen hatte. Josh Kirby, ihr Vater, war am Boden zerstört gewesen, und Marianne hatte außer mit ihrer eigenen Trauer auch noch damit fertigwerden müssen, dass ihr sonst so gelassener Vater den Verlust seiner Frau kaum verkraftet hatte.

Ihre Mutter war in der kleinen, aber gut gehenden Landpraxis ihres Mannes Sekretärin, Arzthelferin und Mädchen für alles gewesen, und Marianne hatte sehr schnell erkannt, was nach ihrem Tod ihre Aufgabe war. Sie hatte die Träume vom Studium auf Eis gelegt und war unauffällig und kompetent in die Rolle ihrer Mutter als Haushälterin und Praxishelferin geschlüpft, um ihrem Vater das Leben so weit wie möglich zu erleichtern.

Sie hatte diese Entscheidung nie bereut, auch wenn es manchmal hart gewesen war, wenn Pat und andere Schulfreunde ihr Postkarten von Reisen in den Semesterferien geschickt oder vom spannenden Studentenleben erzählt hatten. Aber dass ihr Vater sich im Laufe von zwei Jahren allmählich von dem Schock erholt hatte und wieder ein normales Leben führen konnte, war ihr Lohn genug gewesen. Und dann war Zeke gekommen.

“Ich hoffe, er weiß, welch ein Glück er hat, dein Zeke”, sagte Pat gerade. “Jemand wie du besitzt Seltenheitswert. Und ich spreche nicht nur von deinem guten Aussehen. Du hast ein gutes Herz, und genau darauf kommt es eigentlich an, Annie.”

“Könnte es sein, dass du ein klitzekleines bisschen voreingenommen bist?”

“Hm.”

“Wirst du meine Brautjungfer, Pat?”

“Klar. Habt ihr schon ein Datum festgesetzt?”

Marianne zögerte einen Moment, denn sie war sich nicht sicher, wie Pat auf die Nachricht reagieren würde. “Ja. Den zweiten Samstag im Oktober.”

“Nächstes Jahr im Oktober, oder?”

“Nein, dieses Jahr.”

“Wie bitte? Das ist doch schon in …”

“In sechs Wochen. Ja, ich weiß.” Marianne rang sich ein Lächeln ab, denn jeder, der von dem Termin erfuhr, hatte reagiert, als würde sie etwas Unmoralisches planen und nicht ihre Hochzeit mit dem Mann, den sie liebte. “Zeke möchte nicht warten, und ich möchte es auch nicht. Er kann es sich leisten, extra dafür zu bezahlen, dass er überall so kurzfristig noch einen Termin bekommt. Für den Empfang hat er Räume in einem wunderbaren Londoner Hotel gemietet und dazu Autos und Blumen und alles Drum und Dran. Die Dorfkirche ist auch frei, sodass …”

“Was ist mit deinem Kleid? Und mit meinem?”

“Kein Problem. Zeke ist mit mehreren Designern auf Du und Du. Einer davon …” Sie nannte einen Namen, bei dem Pat große Augen machte. “… hat gerade eine Kollektion mit Brautkleidern für eine Show in Paris fertiggestellt. Eins davon bekomme ich. Oh Pat, du solltest es sehen, es ist so toll. Er hat sich einverstanden erklärt, dein Kleid auch zu entwerfen. Du siehst, es ist alles geklärt.”

“Und du bist sicher, absolut sicher, dass du genau das willst?”, fragte Pat.

“Ja, ganz sicher.”

“Weil … Es kommt mir schon ein bisschen überstürzt vor. Eile mit Weile, gut Ding braucht Zeit und so weiter”, fügte Pat fast entschuldigend hinzu.

“Mach dir keine Sorgen. Ich bin mir noch nie im Leben einer Sache so sicher gewesen. Ich werde Zeke heiraten.”

Bei der Erinnerung an diese Äußerung setzte sich Marianne so unvermittelt in der Badewanne auf, dass der Badeschaum über den Wannenrand schwappte und auf den knöcheltief mit Teppich ausgelegten Fußboden lief. Damals hatte sie nicht daran gezweifelt, dass sie in einer Ehe mit Zeke zufrieden und glücklich bis an ihr Lebensende sein würde, und ihm ohne Zögern von dem Gespräch und Pats vorsichtiger Mahnung zu etwas weniger Eile erzählt. Zeke war täglich mit seinem Ferrari die gut sechzig Kilometer von London bis zu ihrem Dorf in der Nähe von Tunbridge Wells gependelt, sodass sie ihn jeden Abend gesehen hatte.

Obwohl sie manchmal Angst gehabt hatte, dass ihm etwas passieren könnte, hatte sie nicht versucht, ihn von den Fahrten abzubringen, denn sie hatte es gebraucht, dass er jeden Abend kam. Sie hatte sich nach seinen Umarmungen und seinen Küssen gesehnt. Er war wie eine Droge für sie gewesen, eine sinnliche und ungemein berauschende Droge. So wirkte er jetzt noch auf sie. Nur dass sie inzwischen begriffen hatte, dass man für das, wonach man sich am meisten sehnte, manchmal einen unglaublich hohen Preis zahlen musste.

An Zekes Reaktion, als sie ihm damals von Pats Warnung erzählt hatte, hätte sie erkennen müssen, dass ihr Traum vom Eheparadies ein bisschen zu rosig ausgefallen war.

“Ach, hat unsere Brautjungfer versucht, uns auseinanderzubringen?”, hatte er gefragt und Marianne zugelächelt. “Ich werde mal ein Wörtchen mit Pat reden.” Seine Stimme hatte amüsiert geklungen.

Aber sie hatte den leisen Beiklang von Irritation wahrgenommen und deshalb beschwichtigend gesagt: “Sie hat sich nichts dabei gedacht, Zeke. Seit dem Tod meiner Mutter fühlt sie sich ein bisschen für mich verantwortlich und versucht, mich zu schützen.”

“Das ist unnötig”, antwortete er. “Ich bin ja bei dir. Mehr Schutz brauchst du nicht.”

Ich brauche gar keinen Schutz, dachte sie, ich bin sehr gut imstande, selbst auf mich aufzupassen. Die Worte lagen ihr auf der Zunge, aber sie behielt sie für sich.

Im Nachhinein betrachtet, war das ein Fehler gewesen. Aber sie hatte sich den lauen, schönen Sommerabend nicht dadurch verderben wollen, dass sie die unangenehme Unterhaltung fortsetzte. Es war der erste Missklang zwischen ihr und Zeke gewesen.

“Sobald sie dich kennenlernt, wird Pat das genauso sehen wie du”, hatte sie gesagt, und damit war das Thema beendet gewesen.

Vielleicht hätte sie ihm nichts von ihrer Unterhaltung mit Pat erzählen sollen, aber sie war so sicher gewesen, dass er ebenso wie sie selbst über die Vorstellung, ihre Liebe könnte einmal an Stärke verlieren, nur lachen würde. Aber Männer waren eben anders, vor allem so starke und entschlossene Männer wie Zeke.

Sie hatte gewusst, dass er hart und zäh war wie nur irgendeiner. Das musste er ja sein, bei seiner Herkunft. Er war erst wenige Monate alt gewesen, als ihn seine alleinstehende Mutter verlassen hatte. Seine frühe Kindheit verbrachte er bei verschiedenen Pflegefamilien. Zwei Versuche, ihn zu adoptieren, scheiterten. Aber er war sehr intelligent und hatte eine ausgeprägte Willenskraft. Mit achtzehn beendete er die Schule mit einem hervorragenden Notendurchschnitt, ging zur Universität und jobbte nebenbei abends und am Wochenende für seinen Lebensunterhalt. Drei Jahre später schloss er sein Studium mit Auszeichnung ab. Danach arbeitete er zwei Jahre lang Tag und Nacht und sparte so viel Geld, dass er damit seine erste eigene Firma gründen konnte.

Das war der Beginn einer ungewöhnlich steilen Karriere gewesen, und jetzt, mit fünfunddreißig, war er einer der reichsten und mächtigsten Männer seiner Branche. Kluge Investitionen, gewiefte Geschäftsabschlüsse und rücksichtslose Geschäftsübernahmen sowie der Ruf, dass es besser war, sich nicht mit ihm anzulegen, hatten ihn ganz nach oben gebracht. Und wenn Marianne nicht den wahren Zeke kennengelernt hätte, den zärtlichen, glühenden Liebhaber und den faszinierenden Intellektuellen, dann hätte sie Angst vor ihm gehabt.

Aber als sie ihn an jenem sonnigen Julinachmittag das erste Mal getroffen hatte, hatte sie nur gewusst, dass der erstaunlichste, attraktivste Mann, der ihr je begegnet war, sie zum Abendessen ausführen wollte. Ganz im Gegensatz zu ihrer sonst so zurückhaltenden, sanften Art hatte sie sofort Ja gesagt. Und damit hatte es begonnen.

Das Läuten des Telefons unterbrach ihre Erinnerungen. Aus reiner Gewohnheit wickelte sie sich schnell in ein Badelaken und ging hinüber ins Frühstückszimmer, wo der Anrufbeantworter stand.

“Marianne?”, sagte Zeke ungeduldig und leicht irritiert. “Nimm schon ab.”

Sie streckte bereits die Hand aus, als sie plötzlich innehielt. Warum tat sie eigentlich immer, was er verlangte? Sie war doch längst erwachsen und musste das Gespräch nicht annehmen, wenn sie nicht wollte. Aber ihr zitterten die Knie, und sie spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte.

“Marianne?” Seine tiefe Stimme klang angespannt. Vermutlich starrte er ärgerlich den Telefonhörer an, als könnte er etwas dafür, dass sie nicht abnahm. “Verdammt, ich habe keine Zeit. Bist du im Bad oder so? Pass auf, ich wollte nur sichergehen, dass du daran gedacht hast, die Pastete bei Harrods zu bestellen, die Gerald Morton so gern isst. Ich wollte dich gestern Abend daran erinnern, aber bei all der Aufregung habe ich es vergessen …” Er verstummte kurz. “Na egal. Ruf an, und beauftrage sie, eine Pastete zu liefern, falls du es noch nicht getan hast.”

Klick. Der Anrufbeantworter spulte zurück. Zeke hatte aufgelegt. Ohne ein Wort des Dankes, ein Tschüss oder wenigstens einen Gruß.

“Ich pfeife auf Gerald Mortons Pastete”, sagte Marianne leise. Dann wiederholte sie den Satz etwas lauter mit zittriger Stimme. “Verdammt sei die blöde Pastete!” Ihre Ehe zerbrach, und Zeke machte sich Sorgen um seine Dinnerparty.

Zielstrebig ging sie ins Wohnzimmer, wo über einem reich verzierten Kamin ein Hochzeitsfoto im Großformat hing. Sie ignorierte die bezaubernde junge Braut und betrachtete stattdessen ihren Ehemann. Er war groß, ein dunkler Typ und trug das Haar sehr kurz und hatte ein markantes Kinn.

Aber was sie vor zwei Jahren als Erstes bezaubert hatte, waren seine Augen gewesen. Sie waren grau und erinnerten an Rauch. Wenn sie ihm in den ersten Tagen ihrer Beziehung in die Augen gesehen hatte, war es ihr völlig egal gewesen, dass sie und Zeke aus ganz verschiedenen Welten stammten. Er kam aus eher ärmlichen Verhältnissen ohne Stabilität und Liebe und hatte es zu viel Geld gebracht. Sie dagegen war in einer intakten Mittelstandsfamilie herangewachsen, in der nicht viel passierte, wo aber Liebe und die Familie hohe Werte darstellten.

Sie war erst zwanzig und sexuell unerfahren, als sie Zeke kennenlernte. Er hatte seit dem sechzehnten Lebensjahr Beziehungen zu Frauen gehabt und war damals ein welterfahrener Mann von fünfunddreißig. Am Tag nach ihrer ersten Verabredung küsste er sie das erste Mal. Als er sie im Schatten der Rotbuche hinter dem Gartentor vor ihrem Elternhaus in die Arme nahm, wurde ihr bewusst, warum die ungeschickten Annäherungsversuche ihrer früheren Freunde sie eher irritiert und abgestoßen hatten.

Der würzige Duft von Zekes Aftershave, sein kräftiger, muskulöser Körper und seine Sinnlichkeit ließen sie erbeben. Als der Kuss endete, pochte ihr Herz wie wild, und sie fühlte sich so lebendig wie nie zuvor.

“Du bist jemand Besonderes, Marianne.” Während Zeke das sagte, zog er sie noch fester an sich. “Jemand ganz Besonderes.”

Ihr fehlten die Worte, sie konnte sich kaum auf den Beinen halten, und als er sie dann noch einmal küsste, diesmal voller Verlangen, reagierte sie rückhaltlos darauf und erwiderte seinen Kuss leidenschaftlich.

Am Ende der ersten Woche hatte sie gewusst, dass sie ihn liebte und nicht ohne ihn leben konnte, und die Intensität ihrer Liebe war ebenso erschreckend wie aufregend gewesen.

Das Badelaken glitt ihr von den Schultern. Sie zog es hoch und wickelte sich wieder fest darin ein, ohne den Blick vom Hochzeitsfoto zu lassen.

Als sie Zeke geheiratet hatte, hatte sie sich ihm ganz und gar, mit Körper, Geist und Seele, hingegeben und nichts zurückgehalten. Du Dummkopf, Marianne, schimpfte sie insgeheim. Dummkopf, Dummkopf, Dummkopf.

Pat wartete bereits auf sie, als Marianne die elegant eingerichteten, ruhigen Räume von Rochelle’s betrat, und sie war froh, dass sie einen Tisch für zwei Personen auf ihren Namen hatte reservieren lassen. Eigentlich auf Zekes Namen, dachte sie bitter. Sein Name öffnete in London viele Türen.

“Annie!”, rief Pat, sprang auf und winkte begeistert, als wäre das Restaurant voll besetzt statt praktisch leer. In einer weiteren halben Stunde würde sich das schlagartig ändern, und um eins war sicher jeder Tisch belegt. Aber im Moment war es herrlich ruhig.

“Oh Pat, es tut so gut, dich zu sehen.” Marianne umarmte ihre Freundin.

“Mir geht’s genauso.” Pat lächelte, und dann tauchte auch schon ein Ober auf. “Trinkst du noch dasselbe wie früher, Marianne? Trockenen Martini?”

“Lieber ein Glas Wein.” Sie fügte nicht hinzu, dass Zeke ihr alles über gute Weine beigebracht hatte, bis sie es mit dem besten Weinkellner aufnehmen konnte. “Du trinkst am liebsten Rotwein, oder?”

Pat nickte. “Die Dinge ändern sich nicht so schnell.”

Wenn das nur wahr wäre, dachte Marianne. Sie wählte eine ausgezeichnete Sorte Wein, von dem sie wusste, dass er rund und vollmundig war und ein exquisites Bouquet hatte. Sobald der Ober verschwunden war, sagte sie leise: “Du siehst fantastisch aus, Pat.”

“Du auch.” Pats hübsches, pfiffiges Gesicht hatte ungewohnt weiche Züge, als sie jetzt Mariannes schlanke Figur betrachtete und ihr wunderschönes herzförmiges Gesicht. Sie hatte große kornblumenblaue Augen, eine gerade Nase und volle Lippen, das Ganze umrahmt von dichtem, silberblondem Haar, das ihr in seidigen Wellen bis halb über den Rücken fiel.

“Nimm’s mir nicht übel, aber du bist zu dünn geworden. Wie ich dich kenne, heißt das, dass du dir Sorgen machst oder unglücklich bist. Du hast dir noch nie Kummerspeck angefuttert wie ich, stimmt’s?”

Marianne schüttelte den Kopf. Nach all den Speichelleckern, die sich um Zeke scharten und ihm nach dem Munde redeten, empfand sie die Offenheit ihrer Freundin als erfrischend.

“Was ist denn los?”, fragte Pat sanft.

Der Ober kam mit dem Wein und einer exklusiven Speisekarte, aber sobald sie wieder allein waren, sagte Marianne ohne weitere Einleitung: “Es ist alles so verfahren, Pat. Ich, Zeke, einfach alles. Ich hatte es mir so anders vorgestellt. Natürlich habe ich gewusst, dass die Arbeit ein wichtiger Teil seines Lebens ist. Das ist auch okay. Es stört mich wirklich nicht. Aber er scheint nicht zu begreifen, dass ich etwas zu tun brauche. Ich bin nicht damit zufrieden, ihm den Haushalt zu führen und mich mit den Frauen seiner Geschäftsfreunde zum Essen zu treffen. Nachmittags dann etwas Shopping und abends Partys organisieren. Dafür bin ich nicht der richtige Typ.”

“Ich auch nicht.” Pat schüttelte sich.

“Zeke erwartet, dass ich alle Kompromisse mache. Ich habe mich vollständig seinem Leben anpassen müssen, und er hat nicht den kleinsten Versuch gemacht, auf mich einzugehen. Er will nicht, dass ich arbeite. Sein Argument ist, dass ich es nicht nötig habe. Als ich versucht habe, ehrenamtlich am Krankenhaus hier in der Nähe zu arbeiten, hat er es mir so schwer gemacht, dass ich aufgeben musste. Das Apartment ist für mich wie ein Gefängnis. Ich hasse die Wohnung. Dabei hat er mir vor der Hochzeit versprochen, dass wir von dort wegziehen würden, sobald wir etwas Passendes für eine Familie gefunden hätten.”

“Eine Familie?”, fragte Pat vorsichtig.

Marianne sah sie unglücklich an. “Im ersten Jahr war es nicht so wichtig, doch dann habe ich angefangen, mir Sorgen zu machen.

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