Logo weiterlesen.de
Wie gut, dass es dich gibt!

Susan Mallery

Wie gut, dass es dich gibt!

1. KAPITEL

Crissy Phillips war der festen Überzeugung, dass Schokolade gegen Liebeskummer half und körperliche Betätigung bei allen anderen Problemen. Sie glaubte auch daran, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient hatte. Jeder, nur nicht sie selbst. Das war wohl auch der Grund dafür, dass sie seit geschlagenen fünfzehn Minuten vor diesem kleinen Restaurant stand und sich nicht hineintraute. Durch diese Tür zu gehen würde bedeuten, sich endlich selbst zu vergeben, und dazu war Crissy noch nicht bereit.

Sie kannte jedes einzelne Argument. Sie war damals zu jung gewesen. Sie hatte die zum damaligen Zeitpunkt bestmögliche Entscheidung getroffen. Wenn sich ihre Freundin in der gleichen Situation wiederfände, würde ihr Crissy aus tiefstem Herzen den Rat geben, es hinter sich zu bringen und einfach mit ihrem Leben weiterzumachen.

Warum schien es nur so, als wären die Probleme anderer so viel leichter zu lösen als die eigenen? Und warum in aller Welt stand sie hier auf dem Parkplatz eines Restaurants und diskutierte mit sich selbst?

Sie ging einen Schritt Richtung Eingang und blieb erneut stehen.

Bring es hinter dich, ermutigte sie sich. Tu es! Tu es! Tu es! Da ihr kleines Mantra nicht funktionierte, warf sie den Kopf in den Nacken und spürte dabei, wie ihre frisch geschnittenen Haare ihren Nacken berührten. Die rot-goldenen Strähnchen und ihr topmodischer Haarschnitt hatten sie mal eben mehr als zweihundert Dollar gekostet. Aber sie musste zugeben, es stand ihr richtig gut.

Sie wollte doch der Welt ihr neues, ihr besseres Ich zeigen.

Oh, wie sie es hasste, unentschlossen und unsicher zu sein! Immerhin war sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Jemand, der Dinge ins Rollen brachte. Entscheidungen zu treffen fiel ihr leicht, und in ihrem erfolgreichen Leben war sie bisher lediglich an einer Sache gescheitert: stricken zu lernen.

Das hier war nur ein Treffen. So etwas konnte doch nicht so schwierig sein. Sie sollte sich wirklich …

Die Tür zum Restaurant schwang auf, und ein großer, gut aussehender Mann trat auf sie zu. Er hatte rotbraune Haare, ihrer eigenen Haarfarbe überraschend ähnlich. Seine Augen erinnerten an dunkles Moos nach einem kühlen Sommerregen und waren umrahmt von dichten Wimpern.

„Hi“, sagte er mit einem Lächeln. „Sind Sie die, auf die ich gewartet habe?“

Ein filmreifer Spruch, dachte sie und grinste frech zurück. „Sie haben vergessen, ‚mein ganzes Leben‘ hinzuzufügen. Sonst hat der Spruch nicht die gleiche Wirkung.“

Sein Lächeln wurde breiter, und er schaute auf die Uhr. „Na ja, ich habe ja nicht mein ganzes Leben gewartet, sondern nur die letzten zehn Minuten. Sind Sie Crissy?“

Sie hatte den Teufel also nicht erst suchen müssen. Er hatte sie gefunden. Obwohl man Josh Daniels nur schwerlich als Teufel bezeichnen konnte. Er war ein sehr netter Mann, der auf den Vorschlag seines Bruders hin seine Hilfe angeboten hatte. Das Wort „Mittelsmann“ war ab und an gefallen. Allerdings musste Crissy jedes Mal lachen, wenn sie dieses Wort in den Mund nahm. Es hörte sich doch sehr formell an.

„Hallo Josh“, sagte sie. „Schön, Sie endlich kennenzulernen.“

Er schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen das glauben kann. Sie haben die letzten zehn Minuten hier draußen gestanden und sich ganz offensichtlich überlegt, ob Sie überhaupt reinkommen. Sind Sie meinetwegen über den Parkplatz getänzelt?“

„Ich bin nicht getänzelt“, gab sie steif zurück. Sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, dass er sie beobachtet hatte und vermutlich ihre Zweifel ahnte. „Ich habe nur …“

„Nachgedacht?“, schlug er vor.

„Genau“, erwiderte sie. Das war zwar untertrieben, aber entsprach ansatzweise der Wahrheit.

„Und jetzt haben Sie genug nachgedacht?“, erkundigte er sich.

War sie bereit hineinzugehen und dieses Treffen hinter sich zu bringen? Jetzt oder nie. „Na klar. Gehen wir“, antwortete Crissy.

Er hielt ihr die Tür auf. „Ich habe uns einen tollen Tisch besorgt, mit wunderbarem Blick auf den Parkplatz. Kommen Sie. Es wird schon nicht so schlimm werden.“

Da sie es schließlich gewesen war, die dieses Treffen arrangiert hatte, hatte sie gar keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Er steuerte zielstrebig auf einen Tisch im hinteren Teil des Restaurants zu, von wo man tatsächlich direkt auf den Parkplatz sehen konnte. Sie setzten sich.

„Dann haben Sie also mein Selbstgespräch verfolgt. Eigentlich ist es gut zu wissen, dass ich einen richtig schlechten ersten Eindruck hinterlassen habe. Immerhin kann es dann nur noch besser werden.“

„Wenn das wirklich Ihre größte Schwäche war, dann sind Sie ja um einiges besser dran als so manch anderer.“ Er lehnte sich zurück und schaute sie an. „Okay, wir wissen beide, dass die Situation ungewöhnlich ist und vielleicht auch etwas unangenehm. Gehen wir es also langsam an. Reden wir erst mal ein bisschen über Gott und die Welt. Was halten Sie davon?“

„Das hört sich gut an“, gab sie zu. „Ich weiß Ihre Hilfe wirklich zu schätzen. Es ist sehr nett, dass Sie sich die Zeit nehmen.“

„Ich bin auch nett. Dazu sehr intelligent, unheimlich talentiert … Aber reden wir nicht über mich.“

Sie lachte. „Wie erfrischend, einem Mann zu begegnen, der sich seiner Stärken bewusst ist.“

Die Bedienung erschien mit zwei Speisekarten. Doch Crissy und Josh bestellten beide nur einen Kaffee. Als sie wieder allein waren, sagte Crissy: „Danke, dass Sie diesem Treffen zugestimmt haben. Pete und Abbey waren immer so offen und hilfsbereit. Aber irgendwie hat es sich bis jetzt nicht richtig angefühlt …“ Sie hielt inne und presste die Lippen zusammen.

Nein. Sie würde die Wahrheit sagen, auch wenn die nicht schön war und sie dabei nicht gut wegkam. „Noch bis vor Kurzem war Brandon eigentlich eher eine blasse Erinnerung für mich als tatsächlich das Kind, das ich damals zur Adoption freigegeben habe. Wenn mir Abbey einen Brief geschickt oder angerufen hat, wusste ich nie, was ich antworten oder sagen sollte. Es war einfacher, auf Distanz zu bleiben.“

Die Bedienung kam mit zwei Tassen Kaffee zurück. Als sie wieder gegangen war, sagte Crissy: „Ich bin nicht hier, um irgendjemandem Schwierigkeiten zu machen. Ich dachte nur, es wäre schön, wenn ich ihn mal sehen könnte.“

Insgeheim fragte sie sich, ob Josh sie gleich damit aufziehen würde, dass ihr dreißigster Geburtstag vor der Tür stand und so langsam ihre biologische Uhr zu ticken begann. Vielleicht würde er aber auch völlig ablehnend reagieren. Doch nichts von beidem geschah. Stattdessen schaute er sie aus seinen tiefgrünen Augen nachdenklich an.

„Was denken Sie?“, fragte sie, als er immer noch schwieg.

„Ich denke, dass Sie sehr viel Zeit damit verbracht haben, sich wegen der Adoption Vorwürfe zu machen. Wie alt waren Sie damals? Siebzehn?“

Sie war siebzehn gewesen, als sie schwanger wurde, und achtzehn bei der Geburt. „Ich war schon fertig mit der Schule“, entgegnete sie. Wollte sie ihm damit etwas erklären oder ihn dazu bringen, sie anzuschnauzen? Sie war sich nicht sicher. Aber er hatte recht. Sie machte sich oft Vorwürfe. Ihrer Meinung nach hatte sie den einfachsten Weg gewählt. Anstatt das Kind zu behalten, hatte sie sich für ihr eigenes Leben entschieden, das sie schon so genau geplant hatte. Egal, aus welchem Blickwinkel man die Fakten betrachtete, sie war nicht stolz auf das, was sie getan hatte.

Josh sah sie weiter aufmerksam an. „Abbey kann keine Kinder bekommen. Das hat sie Ihnen gesagt, oder?“

Crissy nickte. „Schon bei unserem ersten Treffen. Sie hat mir erzählt, dass sie in einen Autounfall verwickelt war und aufgrund der Verletzungen von damals keine Kinder mehr bekommen kann. Sie und Pete haben sich wohl gleich nach ihrer Heirat mit dem Thema Adoption auseinandergesetzt. Meine Eltern kannten ihren Anwalt, und an ihrem ersten Hochzeitstag haben wir uns getroffen, um über Brandon zu sprechen.“

Sie erinnerte sich nicht mehr an die Einzelheiten dieses Treffens, außer dass Pete und Abbey unglaublich nett und verständnisvoll gewesen waren. Sie hatte sich sofort wohlgefühlt und gewusst, dass die beiden genau die Richtigen für ihr Kind waren. Doch egal, wie viele Einladungen sie erhielt, sie hatte nie darauf reagiert. Sie konnte und durfte es sich nicht erlauben, ein Teil dieser kleinen Familie zu werden – das war ihre Strafe.

„Und jetzt sage ich Ihnen mal meine Meinung“, erklärte Josh. „Pete und Abbey wollten schon immer eine ganze Horde Kinder haben. Und Sie haben ihnen das erste geschenkt. Warum sollte ich das also nicht total cool finden?“

Sie brachte es fertig zu lächeln, obwohl ihre Gefühle sie zu überwältigen drohten. „Total cool?“

Er grinste. „Na ja, Sie können sich gern ein anderes Wort dafür aussuchen.“

„Nein, das passt schon.“

Nervös griff sie nach der Serviette. „Okay, ich habe auch eine Frage. Warum sind die beiden so freundlich zu mir? Es ist fast dreizehn Jahre her. Nach all dieser Zeit möchte ich endlich Brandon kennenlernen. Haben sie denn keine Angst, dass ich irgendetwas Schreckliches tun könnte? Zum Beispiel ihn zurückfordern? Oder versuchen, die wichtigste Person in seinem Leben zu werden?“

„Ist es denn das, was Sie wollen?“

„Nein. Aber das können Pete und Abbey doch nicht wissen.“

Er nippte an seinem Kaffee. „Doch, das wissen sie.“

Weil sie einfach zu nett sind, dachte Crissy und dachte an ihr erstes Treffen mit dem Paar zurück. Sie hatte wirklich nichts gegen freundliche Menschen, aber unter den gegebenen Umständen war sie nicht sicher, ob sie dem Frieden trauen konnte.

„Ich möchte Brandon treffen.“

Zum ersten Mal in ihrem Leben sprach sie die Worte tatsächlich aus. Sie hatte genau diesen Satz auch per E-Mail an Abbey geschickt, ihn aber bis jetzt noch nie laut gesagt. „Ich möchte ihn kennenlernen, aber ohne ihm zu nahe zu kommen. Ganz zwanglos.“

„Das lässt sich einrichten“

„Aber ich möchte ihm nicht sagen, wer ich bin.“ Das tat sie Brandon zuliebe. Er wusste zwar, dass er adoptiert worden war und irgendwo auf der Welt eine leibliche Mutter hatte, aber wissen und kennen waren zwei komplett verschiedene Dinge.

„Abbey hat mir erzählt, wie Sie darüber denken und wieso. Wir sind alle einverstanden.“ Er beugte sich vor. „Pete und Abbey haben immer gehofft, dass Sie Brandon eines Tages kennenlernen möchten, Crissy. Es ist wirklich völlig in Ordnung.“

„Ich habe dieses unbestimmte Gefühl, dass ich vielleicht bestraft werde“, sagte sie laut, was sie dachte.

„Weil Sie das Kind wiedersehen möchten, das Sie zur Adoption freigegeben haben?“

„Vielleicht verdiene ich keine zweite Chance.“

Josh sah sie an. „Ich habe den Eindruck, der einzige Mensch, der Sie verurteilen und bestrafen will, sind Sie selbst. Vielleicht ist es auch einfach an der Zeit, endlich loszulassen.“

Das war ein vernünftiger Rat. Sie sollte ihn annehmen.

„Erzählen Sie mir etwas über sich“, bat sie. „Ich weiß, dass Sie Petes Bruder sind, aber was machen Sie sonst?“

„Ich bin Arzt. Genauer gesagt Spezialist für krebskranke Kinder. Ich kümmere mich um die schwierigen Fälle – die, die sonst keiner übernehmen will. Ich bin den ganzen Tag auf der Suche nach Wundern.“

„Das muss sehr schwierig sein“, sagte sie.

Er zuckte mit den Schultern. „Die Erfolgsraten sind nicht so hoch, wie wir es gern hätten, aber ich bin fest entschlossen, diesen Kindern und ihren Eltern Hoffnung zu geben. Manchmal ist Hoffnung alles, was ihnen bleibt.“

Sein Gesichtsausdruck und seine Stimme waren voller Mitgefühl. Das war wohl der Grund, warum er sie für die Adoption nicht verurteilte. In seiner Welt gab es Schlimmeres als eine Adoption, vor allem wenn man dadurch Kind und Eltern glücklich machen konnte.

Crissy entsprach überhaupt nicht der Vorstellung, die Josh sich von ihr gemacht hatte. Ihm war zwar bewusst gewesen, dass sie fast dreißig sein musste, aber irgendwie hatte er geglaubt, heute Abend einen verängstigten Teenager anzutreffen. Doch da Brandon sich vom Baby zum fröhlichen und sportlichen Zwölfjährigen entwickelt hatte, lag die Schlussfolgerung nahe, dass seine leibliche Mutter sich wohl auch etwas verändert hatte.

Josh kannte Crissys Lebenslauf zumindest ungefähr. Sie kam aus gutem Hause und hatte einen höheren Schulabschluss. Sie war nicht verheiratet und überwies jedes Jahr an Brandons Geburtstag Geld für seine Ausbildung. Wenn Josh an Crissy dachte, dann immer nur als „die leibliche Mutter“. Bis heute war ihm irgendwie nicht in den Sinn gekommen, dass es da jemanden gab, der vielleicht Brandons Augen hatte und sein Lächeln.

„Er sieht Ihnen ähnlich“, stellte Josh fest.

„Ist das gut oder schlecht?“

„Gut.“

Sie lächelte, und er sah dabei nicht nur seinen Neffen vor sich, sondern auch Crissy. Sie war hübsch, mit ihren kurzen, glänzenden Haaren und den großen Augen. Ihm gefiel ihre Art, sich zu bewegen. Sie war sinnlich und … Sinnlich? Seit wann fielen ihm denn solche Sachen auf?

„Abbey hat gesagt, dass er sehr sportlich ist“, meinte Crissy. „Sein Vater hat in der Schule American Football gespielt und war ziemlich gut in Leichtathletik. Ich habe auch alle möglichen Sportarten ausprobiert und sogar ein Softball-Stipendium an der Universität bekommen. Ich nehme an, Sie kennen Softball. Es ist mit Baseball zu vergleichen. Ich dachte damals, ich wäre hart im Nehmen.“

Er grinste. „Das waren Sie bestimmt.“

„Schüchtert Sie das jetzt ein?“

„Ich zittere schon vor Angst.“

„Das nehme ich Ihnen nicht ab, aber danke, dass Sie zumindest so tun.“ Crissy erwiderte sein Lächeln.

„Abbey hat erwähnt, dass Sie selbstständig sind.“

„Ich betreibe Fitnessstudios für Frauen. Mittlerweile sind es sechs Stück. Alle hier in der Gegend.“

„Sehr beeindruckend.“ Das erklärte auch ihren tollen Körper, der ihm bereits aufgefallen war, als sie hereinkam. Sie war nicht sehr groß, aber sie wirkte sehr sportlich, mit Kurven an genau den richtigen Stellen. Er musterte ihren Pullover und hatte auf einmal das Bedürfnis, sie in enger Sportbekleidung zu sehen.

Was hatte das nur zu bedeuten? War er nach vier Jahren Tiefschlaf auf einmal wieder aufgewacht? Pete versuchte seit zwei Jahren, ihn zu überreden, sich wieder zu verabreden, rauszugehen, Spaß zu haben. Aber Josh hatte sich bis jetzt hinter seiner Arbeit verschanzt. Der Gedanke, sich wieder auf einen anderen Menschen einzulassen, lag immer noch in weiter Ferne. Aber etwas ganz Zwangloses, ganz ohne Verpflichtungen, war vielleicht möglich.

„Sind Sie bereit für den nächsten Schritt mit Brandon?“, fragte er Crissy.

Sie zuckte zusammen. „Nein, bin ich nicht. Aber ich glaube, ich muss einfach ins kalte Wasser springen und hoffen, dass es die richtige Entscheidung ist.“

„Pete und Abbey haben gerade erfahren, dass die Adoption von ihrem dritten Kind, Hope, endlich gewährt wurde. Sie möchten die gute Nachricht mit einer Adoptionsparty feiern. Mit vielen Freunden und der Familie. Sie könnten doch einfach vorbeikommen und sich unter die Leute mischen.“

Crissy schluckte. „Das hört sich doch gut an. Wann ist die Party?“

„Am Samstag um drei.“

Sie legte die Hand auf ihr Herz. „Ich glaube, mir bleibt gerade die Luft weg. Ist es üblich, auf eine Adoptionsparty Geschenke mitzubringen?“

„Das ist nicht nötig.“

„Und wenn ich es aber möchte?“

„Abbey hat sich bei einem Kindergeschäft registrieren lassen. Das heißt, sie hat dort alle Produkte angegeben, die sie noch für ihr Baby gebrauchen könnte. Suchen Sie einfach was aus.“ Er nannte ihr den Namen des Geschäfts.

Crissy bekam plötzlich einen ganz wehmütigen Gesichtsausdruck. „Ich liebe Babysachen. Die sind einfach so süß. Wahrscheinlich können Sie das gar nicht nachvollziehen.“

„Na ja, so was ist eigentlich nicht mein Ding.“

„Und was ist Ihr Ding? Was tun Sie gern?“

Das war eine interessante Frage. Vor vier Jahren hätte er eine ganze Liste aufschreiben können. Er und Stacey, seine verstorbene Frau, waren immer gern an der frischen Luft gewesen, sofern ihre Gesundheit es zugelassen hatte. Außerdem hatte sie es geliebt, zu kochen und im Garten zu buddeln.

„Ich arbeite ziemlich viel“, sagte er schließlich. „Und Sie?“

„Ich auch“, antwortete sie. „Eine eigene Firma zu haben, ist immer eine große Herausforderung, aber mir gefällt es. Ich gehe oft in den Bergen wandern und im Winter Ski fahren. Abgesehen davon stricke ich gerne, allerdings habe ich kein Talent dafür.“

Josh lächelte. Er mochte Crissy, und er wusste, dass genau das Abbeys erste Frage sein würde. Ob er sie mochte.

Crissy holte tief Luft. „Okay. Dann komme ich also zu der Party. Sind Sie sich wirklich sicher, dass das in Ordnung ist?“

Er beugte sich über den Tisch und legte seine Hand auf ihre. Eigentlich wollte er ihr nur Mut zusprechen, und er war nicht darauf vorbereitet, dass die Berührung ihn wie ein Stromstoß traf.

„Es wird alles gut“, versprach er und versuchte dabei, das intensive Gefühl, das sich plötzlich in seinem ganzen Körper ausbreitete, zu ignorieren. Schnell zog er seine Hand zurück.

„Aber das können Sie doch gar nicht wissen.“

Er grinste nur. „Tief durchatmen.“

„Das wird nicht helfen.“ Sie nahm ihre Handtasche und stand auf. Er erhob sich ebenfalls und legte fünf Dollar auf den Tisch.

„Ich werde da sein“, versprach sie. „Punkt drei. Vielleicht eher zehn nach drei, damit ich nicht die Erste bin.“

Er nahm eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche und gab sie ihr. „Meine Handynummer“, sagte er. „Rufen Sie mich an, wenn Sie noch fünf Minuten entfernt sind. Ich komme dann raus und warte auf Sie. So müssen Sie nicht allein hineingehen.“

Ihre Augen strahlten. Sie war ihm so dankbar. „Das wäre wunderbar. Vielen Dank, Josh. Sie haben mir sehr geholfen.“

Einen langen Moment sahen sie sich in die Augen, dann wandte sie sich ab und ging Richtung Tür. Er schaute ihr nach und bemerkte anerkennend ihren Hüftschwung und die Art, wie ihr glänzendes Haar sie umschmeichelte.

Auf einmal war das Leben richtig schön.

„Und? Magst du sie?“, wollte Abbey wissen, als Josh zur Tür hereinkam. „Ich finde sie toll, aber was sagst du?“

Josh beugte sich zu seiner Schwägerin hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich mag sie.“

„Wirklich?“

„Ehrenwort.“

„Gut.“ Abbey strahlte Pete an. „Er mag sie.“

„Ich hab’s gehört.“

Abbey hatte ihre langen blonden Haare locker hochgesteckt. Die herausstehenden Enden hüpften munter herum, als sie sich umdrehte und in die Küche eilte. Sie gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen.

„Einige meiner Freunde raten mir ab, es zu einem Treffen zwischen Crissy und Brandon kommen zu lassen. Sie meinen, Crissy könnte Schwierigkeiten machen.“ Abbey öffnete den Backofen und nahm zwei frisch gebackene Brote heraus. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen.

„Sie sucht Kontakt“, erwiderte er.

„Das habe ich ihnen auch gesagt. Wir haben all die Jahre versucht, sie in unsere kleine Familie zu integrieren, aber sie wollte nie.“ Abbey stellte die heißen Bleche zum Kühlen ab und drehte sich um. „Sie hat zwar Familie, aber nicht hier in der Nähe. Ich habe mich immer gefragt, ob sie nicht einsam ist.“

Pete seufzte und legte den Arm um seine Frau. „Du kannst nicht die ganze Welt retten. Crissy ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Wir sollten uns da nicht einmischen.“

„Ich mische mich ja auch gar nicht ein. Ich meine nur, sie könnte uns vielleicht brauchen.“

Pete warf Josh einen Blick zu und verdrehte die Augen. „Immer mit der Ruhe. Crissy geht es gut.“

„Sie kommt also zur Party?“, fragte Abbey aufgeregt.

„Zumindest hat sie das gesagt“, entgegnete Josh. „Sie möchte Brandon sehen.“

Abbey lächelte. „Das freut mich. Wir werden eine richtige Großfamilie sein. Sie wird ihn treffen, wird lockerer werden, und dann erfährt er endlich, wer seine leibliche Mutter ist.“

Eigentlich liebte Crissy ihre Wochenenden. Aber dieses Mal kam der Samstag einfach viel zu schnell. Sie hatte schon den ganzen Morgen vor dem Spiegel verbracht und überlegt, was man zu einer „Adoptionsparty“ anziehen sollte. Sie wollte zwar einen guten Eindruck machen, aber nicht auffallen. Lässig, aber nicht zu lässig. Hübsch, aber nicht sexy.

Jedes Mal, wenn sie daran dachte, Brandon bald zu sehen, zog sich ihr Magen zusammen. Letztendlich entschied sie sich für Jeans, einen schönen, eng anliegenden Pulli und eine Lederjacke. Die hochhackigen Stiefel machten sie etwas größer. Alles in allem brauchte sie länger, um sich schick zu machen, als je zuvor für irgendein Date.

Nachdem sie noch einmal die Ohrringe gewechselt hatte, ging sie ins Wohnzimmer, streichelte zum Abschied ihre Katze King Edward und verließ das Haus.

Wenig später suchte sie vor einem großen Haus in einem hübschen Vorort von Riverside ein Parkplatz. Aber Crissy musste das Auto ein ganzes Stück weiter weg stehen lassen, da es keine freien Plätze mehr gab. Josh hatte nicht übertrieben, es war wirklich eine große Party. Es würde leicht sein, sich in der Menge zu verstecken.

Sie hatte Joshs Angebot, ihn anzurufen, angenommen. Als sie auf das Haus zuging, trat er auch schon auf die Veranda hinaus und kam ihr entgegen. Sie hatte ihn gar nicht so groß in Erinnerung. Und auch nicht so gut aussehend.

„Nervös?“, fragte er.

„Ich bin wie gelähmt. Ich glaube, mir wird gleich schlecht.“

Sie sahen sich lange an. Dann schob er die Hände in die Hosentaschen und lächelte. „Es ist alles in Ordnung. Tief durchatmen. Sie kriegen das hin.“

„Ich hab so ein Gefühl, als stünde mein Leben auf dem Spiel.“

„Nicht Ihr Leben. Es ist doch nur …“

Bevor er weitersprechen konnte, wurde die Haustür aufgerissen, und ein zwölfjähriger Junge rannte hinaus auf die Veranda.

„Onkel Josh, komm schon! Wir spielen gleich Football, und ich will, dass du in meiner Mannschaft bist.“

Crissy blieb schlagartig die Luft weg. Sie starrte das vertraute Gesicht an, das sie nur von Bildern kannte. Sie hatte ihn nur einmal gesehen, vor fast genau dreizehn Jahren, an einem Donnerstagmorgen. Die Krankenschwester wollte ihr das winzige, in Tücher gewickelte Etwas in den Arm legen. Crissy erinnerte sich genau, wie sie abgelehnt und auf eine weinende, aber freudestrahlende Abbey gezeigt hatte. „Das ist seine Mutter“, hatte sie gesagt und es auch so gemeint.

Glaubte sie das tatsächlich immer noch?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Wie gut, dass es dich gibt! - 3. Teil der Miniserie "Positively Pregnant"" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen