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Wie einst in jenem Sommer …

1. KAPITEL

Standhaft hatte Carrie sich bisher gegen das Rendezvous mit einem Unbekannten gewehrt. Seit dem zweiten Urlaubstag lag ihre Freundin Jo ihr in den Ohren, sie müsse unbedingt Theos älteren Bruder kennenlernen.

„Er ist unglaublich attraktiv“, schwärmte Jo. „Wenn ich mich nicht in Theo verliebt hätte, wäre ich selbst an Andreas interessiert. Er sieht nicht nur gut aus und ist sexy, er ist auch ein richtig netter Mann.“

„Ach Jo, ich bin aber ganz froh, mal für mich zu sein und richtig entspannen zu können. In den letzten Monaten habe ich ja nur fürs Examen gebüffelt. Ich möchte einfach in der Sonne liegen und …“

„Ich weiß, Carrie. Aber du musst ihn einfach kennenlernen. Er ist ein richtiger griechischer Adonis. Tu mir doch den Gefallen. Wir könnten uns zu viert zum Abendessen treffen. Den Aperitif nehmen wir in der romantischen kleinen Taverne am Strand. Und wenn du dich mit Andreas gut verstehst, bleibst du zum Abendessen. Wenn nicht, verabschiedest du dich eben unter einem Vorwand. Aber er wird dir ganz bestimmt gefallen!“

Am vierten Tag waren Carrie die Argumente ausgegangen. Daher saß sie jetzt allein in der Taverne und wartete auf die anderen. Jo und ihr neuer Freund hatten sich verspätet, und dieser ominöse Andreas hatte sich auch noch nicht blicken lassen. Wahrscheinlich hielt er auch nicht viel von einem Blind Date.

Worauf habe ich mich da nur eingelassen?, dachte Carrie, der die Angelegenheit sehr unangenehm war.

Wenigstens befand sie sich an einem idyllischen Ort. Die Sonne ging gerade wie ein roter Ball unter und verlieh dem Meer einen rötlichen Schimmer. Wieder neigte sich ein heißer Tag auf der kleinen griechischen Insel Pyrena dem Ende zu.

Carrie genoss die laue Abendluft, die nach Jasmin und Meer duftete, und entspannte sich. Mit etwas Glück würde Theos Bruder gar nicht auftauchen, und sie könnte sich schnell verabschieden, damit Jo und Theo einen romantischen Abend verbringen konnten. Schließlich lagen nur noch zehn Tage vor ihnen, bevor Jo und Carrie den Heimflug nach London antreten würden. So verliebt hatte sie Jo noch nie erlebt, und auch Theo hatte es offensichtlich schwer erwischt. Man hatte den Eindruck, die beiden wären schon immer zusammen gewesen.

Ob das die wahre Liebe ist?, überlegte Carrie.

Als die Dunkelheit hereinbrach, zündete ein Kellner Kerzen auf den umliegenden Tischen an. Bisher war nur ein weiterer Tisch am anderen Ende der Taverne besetzt. Bei einem Blick auf ihre Armbanduhr stellte Carrie fest, dass Jo bereits zehn Minuten Verspätung hatte. Noch zehn Minuten, dann verschwinde ich, dachte sie. Viel lieber hätte sie ihr Buch weitergelesen. Sie hatte gar keine Lust, jemanden kennenzulernen.

„Erwarten Sie jemanden?“ Carrie sah auf und spürte, wie ein Prickeln ihren Körper durchlief.

Wenn das Andreas war, dann hatte Jo nicht übertrieben! Er war einfach hinreißend – wahrscheinlich der bestaussehende Mann, dem Carrie je begegnet war.

Er war groß und durchtrainiert und trug einen teuer wirkenden dunklen Anzug mit einer angeborenen Lässigkeit, die wohl nur Südeuropäer ausstrahlten. Der offene Kragen seines blauen Hemdes gab den Blick auf einen kräftigen Hals frei. Das dichte dunkle Haar war kurz geschnitten und betonte das ausdrucksvolle Gesicht mit dem markanten Kinn. Am beeindruckendsten aber waren die dunklen Augen, mit denen er sie intensiv und fast arrogant musterte.

Carrie riss sich zusammen, als ihr bewusst wurde, dass sie seine Frage noch nicht beantwortet hatte. „Ja, ich bin hier mit Freunden verabredet.“

„Dann müssen Sie Carrie sein.“

Bejahend nickte sie. Bildete sie sich das ein, oder knisterte es tatsächlich zwischen ihnen? Gebannt schauten sie einander an, bis er den Blick abwandte und ihn ungeniert über das lange blonde Haar, das herzförmige Gesicht und die kurvige Figur im hellblauen Sommerkleid gleiten ließ.

Ihr wurde heiß unter dem sexy Blick.

„Andreas Stillanos.“ Er schüttelte ihre Hand. Diese leichte Berührung erregte sie noch mehr. Sehr zu ihrem Erstaunen fand sie einfach alles an ihm attraktiv.

Das ist verrückt, dachte sie. Noch nie hatte ein Mann so eine starke Anziehungskraft auf sie ausgeübt. Natürlich sah er gut aus, aber sie kannte ihn doch gar nicht. Wieso entfesselte er so heiße Gefühle in ihr?

Carrie konnte sich das nicht erklären, ahnte jedoch, dass ein Urinstinkt in ihr geweckt war. Und das erschreckte sie fast zu Tode. Von Natur aus ein vernunftbetonter, mit beiden Beinen auf der Erde stehender Mensch, konnte und wollte sie ihre heftigen Gefühle nicht wahrhaben.

Schweigend beobachtete sie, wie Andreas ihr gegenüber am Tisch Platz nahm. Einen Moment lang lauschten sie beide dem Zischen der Gischt über den Kiesstrand neben sich, was gut zu ihrer aufgewühlten Stimmung passte.

„Jo und Theo sind noch nicht da“, sagte Carrie.

„Das sehe ich.“ Er lächelte amüsiert.

Sie versuchte sich zu konzentrieren, damit ihr keine weiteren überflüssigen Bemerkungen entschlüpften, fand das aber schwierig, weil Andreas ihr tief in die Augen schaute.

Ein Kellner kam an den Tisch, und Andreas sprach Griechisch mit ihm. Diese tiefe erotische Stimme schlug Carrie noch mehr in seinen Bann.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken bestellen, Carrie?“, fragte er dann in perfektem Englisch.

„Danke, ich habe noch.“ Sie zeigte auf ein noch fast volles Glas Wein.

„Wahrscheinlich hat die Verspätung etwas mit Theos Tauchschule zu tun“, vermutete Carrie. Sie musste sich unbedingt von ihren verstörenden Gefühlen ablenken, die Andreas in ihr auslöste. „Ich glaube, er wollte einigen Kunden vor ihrer Abreise nach England noch einen Tauchgang ermöglichen.“

Andreas musterte sie. „ Ich denke, es steckt was anderes dahinter. Wahrscheinlich sollen wir Gelegenheit haben, uns ungestört zu unterhalten“, bemerkte er leicht ironisch.

„Ach, Sie meinen, das ist eine abgekartete Sache?“, fragte sie pikiert. „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Das wäre ihr schrecklich peinlich gewesen.

„Wirklich nicht?“ Er betrachtete sie forschend. Ihre Verlegenheit war ihm nicht entgangen.

Carrie wandte sich ein wenig ab, um zu verbergen, dass sie tief errötet war. „Jo hat mich vorhin angerufen, um sich für die Verspätung zu entschuldigen. Es war ihr sehr unangenehm, weil sie sonst immer pünktlich ist.“

„Sie fühlten sich nicht verpflichtet, mich kennenzulernen, oder?“ Neckend zog er eine Augenbraue hoch. „Seit Tagen schwärmt Theo mir nämlich von Ihnen vor.“

„Ach? Dann haben Sie sich also nur auf dieses Treffen eingelassen, um endlich Ihre Ruhe zu haben?“ Am liebsten wäre sie vor Scham im Boden versunken. „Schon gut, Jo hat die gleiche Masche bei mir abgezogen. Offensichtlich hat sie ein schlechtes Gewissen, weil sie ständig mit Theo zusammen ist und mich alleinlässt. Keine Ahnung, wie oft ich ihr in den letzten Tagen gesagt habe, dass mir das sogar ganz recht ist.“

„Sie haben sich ineinander verliebt und möchten, dass alle Welt ihnen nacheifert“, bemerkte Andreas trocken.

Der Kellner servierte, was Andreas bestellt hatte. Carrie freute sich über diese Störung. Es war Andreas anzumerken, wie wenig er von diesem Blind Date hielt. Das wurde auch von der Tatsache unterstrichen, dass er Kaffee geordert hatte – ein Getränk, das man kaum als Aperitif werten konnte. Vermutlich würde er sich gleich verabschieden.

Ihre Blicke begegneten sich. „Leider habe ich morgen in aller Frühe eine geschäftliche Besprechung in Athen. Ich kann also nicht lange bleiben“, sagte er entschuldigend.

„Das trifft sich gut. Ich muss auch gleich wieder los. Kurz bevor Sie hier auftauchten, habe ich nämlich beschlossen, Jo und Theo ihrem Glück zu überlassen und ihnen Gelegenheit zu einem romantischen Abend zu zweit zu geben.“

„Gute Idee.“ Andreas betrachtete sie und sagte dann mit leicht ironischem Tonfall: „Aber ich bin sicher, dass sie gerade schon ihre Zeit nutzen.“

Was soll das denn heißen?, überlegte sie verstimmt. Meint er vielleicht, im Gegensatz zu uns?

„Gefällt es Ihnen auf Pyrena?“, fragte Andreas und lehnte sich zurück. Jetzt bemühte er sich um höflichen Small Talk. Das war unerträglich! Carrie ließ sich jedoch nichts anmerken und rang sich ein Lächeln ab. „Ja, sehr gut so gar. Es ist eine wunderschöne Insel.“

„Waren Sie schon am Korallenriff?“

„Nein. Theo und Jo haben mich gestern eingeladen mitzukommen, aber ich tauche nicht.“

„Sie könnten schnorcheln.“

„Ich bin keine gute Schwimmerin und traue mir das nicht zu.“

„Auch nicht, wenn ein erfahrener Schwimmer bei Ihnen ist?

Sie sollten sich das nicht entgehen lassen, es ist wunderschön da draußen.“ Sein Handy klingelte. „Entschuldigung, Carrie“, sagte er höflich und nahm den Anruf entgegen.

Offensichtlich geschäftlich, dachte sie, als sie seine ernste Miene bemerkte.

Er ist viel zu attraktiv, befand Carrie, die ihn nun unauffällig betrachtete. Und eine echte Gefahr. Wie es wohl wäre, diese sinnlichen Lippen auf ihren zu spüren? Die schönen Hände auf ihrem Körper?

Er beendete den Anruf und widmete sich wieder ganz ihr. „Tut mir leid, aber das Gespräch war wichtig.“

„Kein Problem.“ Sie wandte den Blick ab und trank einen Schluck Wein. Wie kam sie eigentlich dazu, sich vorzustellen, wie er sie küsste? Der Mann interessierte sich nicht einmal für sie! „Übrigens können Sie gern gehen. Ich will Sie nicht aufhalten. Ich werde Sie bei Jo und Theo entschuldigen und mich dann auch verabschieden.“

„Nicht nötig. Sie kommen gerade.“

Als Carrie seinem Blick folgte, sah sie Theo und Jo aus einem schwarzen Sportwagen klettern. Theo wartete auf Jo und nahm ihre Hand, bevor sie die Straße überquerten.

Jo sah ihn so verliebt an, dass es Carrie warm ums Herz wurde.

„Die beiden scheinen wie füreinander geschaffen“, sagte sie andächtig.

„Ja, ich glaube es ist etwas Ernstes.“

Er hat recht, dachte Carrie.

Was soll nur werden, wenn Jos Urlaub vorbei ist?, überlegte sie. Jo verdient es, endlich glücklich zu sein, nach allem, was sie durchgemacht hat. Carrie konnte das beurteilen, weil sie beide bei derselben Pflegefamilie aufgewachsen waren. Nach außen spielte Jo die starke unnachgiebige Frau, in Wirklichkeit hatte sie ein Herz aus Gold.

Wie hübsch sie aussieht, dachte Carrie. Ihre Freundin trug ein figurbetontes schwarzes Kleid, ihre langen blonden Locken umspielten das strahlende Gesicht.

„Bitte entschuldigt die Verspätung“, sagte Jo zerknirscht und betrachtete Carrie und Andreas forschend.

„Es war ganz allein meine Schuld“, behauptete Theo und küsste Carrie zur Begrüßung auf beide Wangen. „Schön, dich zu sehen, Carrie! Tut mir wirklich leid, dass wir so spät dran sind, aber wir wussten, ihr würdet euch gut verstehen.“

Carrie wünschte, Andreas hätte sie nicht ausgerechnet in diesem Moment angeschaut. Offensichtlich amüsierte er sich sehr, was sie sichtlich irritierte.

„Keine Sorge“, sagte er lässig. „Carrie und ich haben uns gefreut, einander kennenzulernen.

„Das ist ja wunderbar!“ Jo strahlte und zwinkerte Carrie vielsagend zu.

Die ließ sich nichts anmerken, wunderte sich jedoch, wie blind Jo sein musste. Sonst hätte sie bemerkt, wie ungern Andreas ihrer Einladung nachgekommen war.

„Dann ist also alles in Ordnung?“, fragte Jo leise, als sie sich zu Carrie setzte.

„Klar.“ Sie beobachtete die Begrüßung der Brüder. Die beiden sahen einander sehr ähnlich, allerdings hatte Andreas markantere Gesichtszüge.

Theo und Andreas waren nicht nur Brüder, sondern auch gute Freunde. Sie unterhielten sich kurz über ein neues Gerät, dass Theo für seine Tauchschule anschaffen wollte.

„Am liebsten würden sie sich Tag und Nacht übers Geschäft unterhalten“, sagte Jo lächelnd.

„Ich lasse mich eben gern beraten“, erklärte Theo gutmütig, als er Jos Bemerkung aufschnappte. „Besonders von einem Bruder, der ein untrügliches Gespür für ein gutes Geschäft hat. Keine Ahnung, was ich ohne ihn anfangen würde.“

„Du machst das sehr gut, Theo. Deine Schule läuft doch bestens“, lobte Andreas ihn.

„Ja, mit deiner Hilfe.“ Suchend sah Theo sich nach dem Kellner um. „Sollen wir uns die Speisekarten bringen lassen? Ich habe einen Bärenhunger.“

„Leider muss ich gleich gehen.“ Andreas warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich muss nach Athen. Der Termin morgen in aller Frühe ließ sich nicht verschieben.“

„Das ist aber schade. Kannst du nicht noch etwas länger bleiben?“ Jo konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen.

„Ich fürchte, nein.“ Andreas sah Carrie an. „Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Carrie.“

Das ist nur eine Floskel, dachte sie. „Hat mich auch gefreut“, antwortete sie und lächelte höflich.

Einen Moment lang trafen sich ihre Blicke.

Andreas bemerkte ein rebellisches Glitzern in ihren Augen. Offensichtlich hatte sie sich ebenso unwohl gefühlt wie er.

Wie wunderschön sie ist, dachte er. Theo hatte nicht übertrieben. Sie erschien ihm ungewöhnlich zerbrechlich und reserviert. Die meisten jungen Frauen hätten offen mit ihm geflirtet, doch sie hatte nicht einmal versucht, sein Interesse für sie zu wecken. In ihrem ganzen Auftreten lag ein gewisser Stolz. Und ihr Lächeln war einfach umwerfend.

Leider hatte er momentan keine Zeit für einen Flirt, weil er sich inmitten schwieriger Verhandlungen befand, die ihm volle Konzentration abverlangten. Außerdem war die Situation mit Vorsicht zu genießen. Theo war schwer verliebt in Carries beste Freundin, wohingegen er selbst sich niemals auf eine Beziehung einlassen würde. Daher war es am besten, von vornherein die Finger von Carrie zu lassen.

„Macht euch einen schönen Abend“, sagte er und stand auf.

„Verflixt!“ Wütend sah Jo ihm nach. „Tut mir schrecklich leid,

Carrie. Ich dachte wirklich, ihr würdet euch gut verstehen.“

„Das haben wir ja. Mach dir keine unnötigen Gedanken.“

„Andreas steckt augenblicklich in schwierigen Verhandlungen. Es geht um eine Firmenübernahme“, erklärte Theo. „Er hat gerade seinen Verlag verkauft und möchte nun Anteile an einem Zeitungsverlag erwerben. Es steht einiges auf dem Spiel. Wenn der Termin morgen schon so früh ist, muss er die Abendfähre nach Athen nehmen und in seiner Wohnung dort übernachten.“

„Schon gut, Theo. So genau wollte ich das gar nicht wissen“, behauptete Carrie. Es war ihr unangenehm, dass die beiden sich so über das geplatzte Date aufregten. „Andreas und ich haben uns gut unterhalten. Ich habe mich in seiner Gesellschaft sehr wohlgefühlt. Und wir waren uns einig, dass ihr Zeit für euch braucht. Darum möchte ich mich jetzt auch gern verabschieden. Ich will heute mal früh ins Bett.“

„Das kommt überhaupt nicht infrage!“ Jo sah sie streng an. „Du isst mit uns zu Abend. Wir bestehen darauf!“

„Aber ich würde viel lieber …“

„Ich an deiner Stelle würde nachgeben“, riet Theo breit lächelnd. „Vorher wird sie nämlich nicht lockerlassen.“

2. KAPITEL

Carrie hatte es sich mit einem Buch auf einem Liegestuhl am Pool gemütlich gemacht und trank einen Schluck Wasser. So lässt sich das Leben aushalten, dachte sie, als sie das Glas wieder abstellte. Langsam kam die Sonne herum. Es wäre wohl besser, die Liege wieder in den Schatten zu rücken.

London erschien ihr unendlich weit entfernt von dieser idyllischen Ruhe in der gepflegten Apartmentanlage.

Jo hatte sich gerade verabschiedet, weil sie rechtzeitig zu Theos Kaffeepause in der Tauchschule sein wollte. Carrie war ganz froh, wieder allein zu sein. Das Blind Date mit Andreas war ihr noch immer ausgesprochen unangenehm. So unwohl wie während der halben Stunde hatte sie sich wohl noch nie gefühlt.

Allerdings sah er tatsächlich unglaublich gut aus. Diese dunklen Augen, mit denen er sie so intensiv angeschaut hatte … Es war verrückt, aber sie hatte sich tatsächlich danach gesehnt, ihn zu küssen. Da musste sie zweiundzwanzig Jahre alt werden, um so ein wildes Verlangen nach einem Mann zu empfinden.

Keiner der Männer, die sich bisher für sie interessiert hatten, die sie geküsst und mit ihr geflirtet hatten, hatte so eine Reaktion bei ihr hervorgerufen. Sie hatte sich sogar schon gefragt, ob sie überhaupt zu leidenschaftlichen Gefühlen fähig war. Eigentlich analysierte sie ja jede Beziehung und war ein eher vernunftbetonter Mensch.

Jo behauptete, sie wäre Männern gegenüber einfach zu misstrauisch, und insgeheim musste Carrie ihr recht geben. Vermutlich lag es daran, dass ihr Vater sie im Stich gelassen hatte, als sie noch klein war.

Und dann plötzlich genügte ein Blick von Andreas, und sie fühlte sich lebendig wie nie und ausgesprochen erregt!

Das liegt wohl an der Sonne und der Ferienstimmung, dachte sie und widmete sich wieder ihrer Lektüre. Andreas interessierte sich nicht für sie und sie sich auch nicht für ihn. Basta!

Ihr Handy klingelte. Wahrscheinlich Jo, die sie überreden wollte, auch zur Tauchschule zu kommen.

„Hallo, Jo! Nun mach doch nicht so einen Wirbel! Es macht mir großen Spaß, am Pool zu faulenzen“, sagte sie betont fröhlich.

„Das freut mich.“ Beim Klang der amüsierten Männerstimme wäre ihr vor Schreck fast das Handy runtergefallen. Natürlich hatte sie diese tiefe sinnliche Stimme sofort erkannt. Wie seltsam, dass er ausgerechnet in dem Moment anrief, als sie gerade an ihn gedacht hatte. Welche dunkle Macht hatte hier ihre Finger im Spiel?

Verzweifelt bemühte Carrie sich um Fassung und setzte sich auf. Dabei fiel das Buch zu Boden. „Woher haben Sie meine Handynummer, Andreas?“, fragte sie verwirrt.

„Zweimal dürfen Sie raten“, antwortete er amüsiert. „Aber ich gebe Ihnen einen Tipp: Ich war gerade bei Theo, er wollte meine Meinung zu dem Gerät hören, das er sich anschaffen will.“

„Und Sie haben sich breitschlagen lassen, mich anzurufen. Ich weiß ja, wie sehr Sie an Ihrem Bruder hängen, aber das geht nun wirklich zu weit.“

„He, nun mal langsam“, bat er energisch. „Theo hat Sie nicht einmal erwähnt. Ich habe ihn um die Nummer gebeten.“

Im ersten Moment glaubte Carrie, sich verhört zu haben. „Wozu?“

„Weil ich heute Nachmittag etwas Zeit habe und Sie fragen möchte, ob Sie Lust haben, mich zum Korallenriff zu begleiten.“

Obwohl die Einladung sehr verlockend war, lehnte Carrie ab. Sie musste vernünftig sein. „Danke, das ist sehr nett, aber ich bin beschäftigt.“

„Ach? Hatten Sie nicht gerade gesagt, dass Sie faulenzen?“, fragte er amüsiert.

„Ja, ich bin mit Nichtstun beschäftigt, und das gefällt mir richtig gut.“

„Es würde Ihnen bestimmt noch besser gefallen, etwas mit mir zu unternehmen.“

Diese zweideutige Bemerkung setzte ihr Blut in Wallung.

„Ich hole Sie in ungefähr zehn Minuten ab.“

„Wie bitte? Ich dachte, Sie sind heute in Athen.“

„Ja, aber nach der Besprechung am frühen Morgen bin ich mit der nächsten Fähre zurückgekommen. Ich befinde mich in unmittelbarer Nähe Ihrer Anlage. Ich sagte doch gerade, dass ich Theo besucht habe.“

„Ach ja, natürlich. Aber ich brauche etwas mehr Zeit, Andreas.“

„Okay, dann warte ich. Beeilen Sie sich bitte.“

Damit war das Gespräch beendet. Verärgert stellte Carrie das Handy wieder aus. Was fiel ihm eigentlich ein, sie so zu überrumpeln und ihre Zusage vorauszusetzen? Bildete er sich etwa ein, sie hätte männliche Gesellschaft so nötig? Na, der kann was erleben, dachte sie wütend. Es kam überhaupt nicht infrage, dass sie seine Einladung annahm. Sollte er doch hier auftauchen. Sie jedenfalls würde sich keinen Zentimeter von der Liege bewegen.

Entschlossen hob sie das Buch auf, zog sich den Sonnenhut tiefer in die Stirn und versuchte sich der Lektüre zu widmen.

Doch sie konnte sich nicht konzentrieren, weil sie ununterbrochen an Andreas denken musste. Wieso meldete er sich aus heiterem Himmel? Sie hatte nicht damit gerechnet, je wieder von ihm zu hören.

Sollte sie ihren Stolz vergessen und mit ihm ausgehen? Vielleicht könnte sie dabei herausfinden, was es mit den Gefühlen auf sich hatte, die er gestern Abend in ihr entfesselt hatte.

Wütend auf sich selbst, weil sie schwach zu werden drohte, starrte sie auf die aufgeschlagene Seite. Bei dem Treffen hatte Andreas ihr deutlich zu verstehen gegeben, dass er nichts von ihr wollte. Woher der plötzliche Sinneswandel? Wahrscheinlich wollte er damit seinen Bruder besänftigen, denn Theo hatte sich ja auch aufgeregt, als Andreas sich so schnell verabschiedet hatte.

Carrie sah auf, als sie hörte, wie in der Nähe ein Wagen anhielt. Kurz darauf schlenderte Andreas heran. Er sah umwerfend aus. Auch in einem weißen Leinenhemd und einer hellbeigefarbenen Hose machte er eine ausgezeichnete Figur und wirkte weltmännisch und stilvoll. Vielleicht lag es auch gar nicht an der Kleidung, sondern an seinem selbstsicheren Auftreten.

Jetzt wünschte Carrie sich, sie wäre schnell in ihr Apartment gelaufen, um sich umzuziehen. Nun war es zu spät, denn Andreas hatte sie bereits entdeckt.

„Ach, hier sind Sie.“ Quer über den Rasen kam er auf sie zu – verfolgt von interessierten Frauenblicken.

Sie tat, als wäre sie völlig in ihr Buch vertieft und blickte nur lässig auf, als er neben dem Liegestuhl stehen blieb. Warum sollte sie ihm zeigen, dass auch sie kaum den Blick von ihm abwenden konnte?

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie nur einen winzigen Bikini trug. Verlegen setzte sie sich auf und zog die Knie hoch, um sich vor Andreas’ Blick zu schützen. Das funktionierte jedoch nicht, denn er ließ ihn bewundernd über ihre langen Beine gleiten.

„Ich weiß gar nicht, was Sie hier wollen, Andreas“, sagte sie leise.

„Wieso nicht?“ Er lächelte so sexy, dass ihr Herz sofort schneller pochte. Dann zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich neben Carrie. „Ich hatte Ihnen doch gerade telefonisch mitgeteilt, dass ich Sie abhole.“

„Und ich dachte, wir hätten die Angelegenheit gestern Abend geklärt. Theo und Jo meinen es sicher gut, aber wir sollten uns nicht verpflichtet fühlen, uns zu treffen, um ihnen eine Freude zu machen.“

„So sehen Sie das, Carrie?“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Ich kann Ihnen versichern, dass ich nie etwas gegen meinen Willen tue.“

„Immerhin sind Sie gestern Abend aufgetaucht“, gab sie zu bedenken.

„Ja. Ich war neugierig.“ Andreas lächelte. „Sie haben recht: Ich halte sehr viel von meinem Bruder. Aber ich würde mich niemals auf eine Verabredung einlassen, um ihm eine Freude zu machen. Das ist nun wirklich nicht mein Stil.“

„Mir geht es ähnlich mit Jo. Also lassen wir die Sache auf sich beruhen.“ Stolz hob sie das Kinn.

„Gut, das wäre geklärt. Dann können wir ja jetzt Freunde werden, oder?“

Bei seinem charmant-frechen Blick schmolz sie förmlich dahin. Kann eine Frau mit so einem unwiderstehlichen Mann nur befreundet sein?, fragte Carrie sich.

„Ich kann sowieso keine feste Beziehung gebrauchen“, fügte er hinzu. „Jedenfalls nicht jetzt.“

„Ich auch nicht“, behauptete sie. „Ich mache hier Urlaub, um mich von der anstrengenden Paukerei fürs Examen zu erholen. In neun Tagen trete ich dann meinen Job bei einer Londoner Bank an.“

„Dann können Sie vorher ja noch etwas Spaß vertragen.“

Die Frage, an welche Art von Spaß er dachte, kam ihr plötzlich zu gefährlich vor.

„Sie haben also einen freien Nachmittag und wissen nichts mit sich anzufangen“, schloss sie haarscharf.

Andreas lachte herzlich. „Vielleicht.“

„Na ja, dann werde ich mal sehen, ob ich Zeit für Sie habe. Ich bin nämlich wirklich ziemlich beschäftigt.“

Ihm gefiel das vergnügte Glitzern in ihren blauen Augen.

„Das sehe ich.“ Er warf einen Blick auf das Buch in ihrer Hand und nahm es ihr ab. Dann drehte er es um und gab es ihr zurück.

Sie hatte es die ganze Zeit verkehrt herum gehalten! Wie peinlich!

„Es war mir gerade aus der Hand gefallen.“

Er nickte verständnisvoll. „Muss ja sehr spannend sein.“

„Das ist es, aber vielleicht könnte ich es für einige Stunden aus der Hand legen. Allerdings bin ich nicht sicher, ob ich am Riff schnorcheln möchte. Wie ich gestern ja bereits erwähnt habe, bin ich keine gute Schwimmerin.“

„Okay, dann schlage ich vor, wir segeln dorthin, ich mache mir ein Bild von Ihren Schwimmkünsten, und dann sehen wir weiter. Einverstanden?“

„Klingt gut.“

„Prima. Und wenn Sie wirklich nicht ins Wasser wollen, können Sie ja aufs Boot aufpassen, während ich tauche.“

„Aha. Ich soll wohl nach Haien Ausschau halten.“

„Nein, mit sofortiger Wirkung ernenne ich Sie zur Managerin der Schiffsbar.“

„Das war schon immer mein Traumjob.“ Carrie lachte. „Geben Sie mir eine Minute, damit ich mich schnell umziehen kann.“

„Sie brauchen sich nicht umzuziehen.“ Sie trug einen sexy roten Bikini, der ihre Traumfigur perfekt zur Geltung brachte: hohe, wohlgeformte Brüste, Wespentaille und schmale Hüften. „Schlüpfen Sie in Shorts und T-Shirt, dann geht’s los.“

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