Logo weiterlesen.de
Wie ein schottischer Sturm

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
  32. 28
  33. 29
  34. 30
  35. 31
  36. 32
  37. 33
  38. 34
  39. 35
  40. 36
  41. Epilog

Über die Autorin

Caroline Roth wurde 1967 geboren und lebt in der Schweiz. Sie studierte Betriebswirtschaft und arbeitet heute als Finanzchefin bei einer Gruppe von Rehabilitationskliniken. IN DEN ARMEN DES WINDES war ihr erster Roman bei Bastei Lübbe, eine leidenschaftliche Liebesgeschichte in der Karibik des 18. Jahrhunderts. Auch ihr zweiter Roman WIE EIN SCHOTTISCHER STURM spielt in dieser Zeit, aber diesmal verschlägt es sie an die Küste der Normandie.

1

Kincaid McLanes Blick wanderte über die weißen Kreidefelsen der Côte d’Albâtre. Gespenstisch erstrahlten sie im fahlen Mondlicht. Der Anblick der Steilklippen erinnerte ihn an jene in Dover, und er fragte sich, welche Naturgewalten diese beiden, einst vereinten Küsten auseinandergerissen und den Ärmelkanal zwischen sie geschoben haben mochten. Öfter als ihm lieb war, hatte er selbst die unbändige Gewalt der See am eigenen Leib erfahren. Hatte miterlebt, wie schwerere Schiffe als dieser Dreimaster gegen Klippen geschleudert wurden, wo sie zerschellten, als wären sie nichts weiter als Nussschalen. Doch gegen die Gewalt, welche die Felsen zerrissen und den Ärmelkanal geschaffen hatten, waren seine Erlebnisse wohl die reinsten Spaziergänge gewesen.

Zum wiederholten Male in dieser Nacht zog er das Fernrohr auseinander und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Felsen und den schmalen Sandstrand an ihrem Fuß. Niemand war zu sehen. Weder oben auf den Klippen noch unten am Strand. Er ließ den Blick über die Küste streifen und richtete das Fernrohr dann auf den Horizont, wo die schwarze See in den dunklen Nachthimmel überging. Nachdem er das Meer ringsum abgesucht hatte, schob er das Fernrohr wieder zusammen.

Außer einem leisen Plätschern der Wellen gegen den Schiffsrumpf und dann und wann einem Glucksen war nichts zu hören. Kein Laut. Jedermann an Bord wartete angespannt auf das Zeichen. Ob das Treffen stattfinden konnte. Oder ob sie sich schnellstens aus dem Staub machen mussten. Deswegen waren auch noch nicht alle Segel gerefft, und sie kreuzten immer noch langsam vor der Küste. So konnten sie im Notfall schneller fliehen.

»Bereit?« Sein jüngerer Bruder hatte sich so leise genähert, dass Kincaid ihn erst bemerkte, als Dean neben ihm seine Arme auf die Reling legte.

»Aye«, antwortete er.

Dean nickte. Mehr gab es nicht zu sagen. Ihr Auftrag war klar. Dean würde das Schiff übernehmen, während Kincaid in Frankreich blieb, um eine angeschlagene Fayence-Manufaktur zu kaufen. Auch wenn er nach wie vor der Meinung war, dass andere Geschäfte lohnenswerter wären. Vor allem solche der illegalen Sorte, wie sie sie überhaupt erst nach Frankreich gebracht hatten. Doch die Familie hatte entschieden. Und die McLanes hielten zusammen, selbst wenn sie nicht immer derselben Meinung waren.

Plötzlich blinkte an Land zweimal ein Licht auf.

Ohne ein Wort zu sagen, nur mit einer Handbewegung, gab Dean der Mannschaft ein Zeichen. Dann ging alles sehr schnell. Die Matrosen, welche zuvor beinahe bewegungslos auf ihren Positionen verharrt hatten, wurden unvermittelt lebendig. Sie enterten in die Masten und zogen die Segel zusammen. Bis auf ein leises Rascheln hier und da blieb die Stille der Nacht ungebrochen.

Auf dem schmalen Sandstrand unter den hellen Klippen erschienen wie aus dem Nichts zwei Ruderboote und wurden rasch ins Wasser getragen. Sie mussten zuvor im Schatten unter einem Überhang, den die Flut mit ihrer unermüdlichen Wucht aus dem Fels geschlagen hatte, verborgen gewesen sein.

Das Schiff verlor an Fahrt, bis es schließlich ganz zum Stillstand kam. Wie ein Geisterschiff schwebte es bewegungslos in der ruhigen See, in der sich das Mondlicht spiegelte. An Deck wurden die Ladeluken geöffnet. Lautlos glitten Haken über Rollenblöcke von den Rahen in die offenen Schlünder und tauchten mit Ballen und Fässern behängt wieder auf. Schmuggelware.

Die Ruderboote mit ihren Mittelsmännern näherten sich dem Schiff. Erst als sie nur noch wenige Meter entfernt waren, war das leise Plätschern der Riemen zu hören, die eingetaucht und wieder emporgehoben wurden. Der Mann am Heck des einen Bootes hob zum Gruß die Hand. Kincaid und Dean grüßten auf die gleiche, wortlose Weise zurück. Die Boote drehten neben der Bordwand bei und wurden mit Seilen, welche ihnen vom Schiff aus zugeworfen wurden, vertäut. Dann schwenkten die Matrosen die Rahen mit dem Frachtgut über die Boote und ließen ihre Last hinab.

Mit einem schadenfrohen Grinsen klopfte Dean seinem Bruder auf die Schulter. »Viel Glück. Aber das wirst du bei deinem Charme und deinem Verhandlungsgeschick ja nicht brauchen.«

»Fayencen. Ausgerechnet! Hätte sie sich nicht auf was anderes stürzen können?«, murrte Kincaid.

Deans Grinsen wurde breiter. »Das hat Grandma sich wohl nur dir zuliebe ausgedacht. Um dich mit etwas Ungefährlichem zu beschäftigen.«

»Hm«, brummte Kincaid. Er hasste es, wenn Großmutter meinte, sich in sein Leben einmischen zu müssen. Eine Fayence-Manufaktur zu kaufen war etwas für einen langweiligen Kaufmann. Aber doch nicht für ihn!

»Du hast lange genug das Kommando über das Schiff gehabt, jetzt bin ich an der Reihe«, stellte Dean gut gelaunt fest. »Außerdem muss jemand ein Auge auf unsere Geschäfte in Frankreich werfen. Wir sollten das nicht zu lange unseren Kontaktleuten überlassen, sonst kommen sie noch auf dumme Gedanken.«

»Trotzdem. Hätte es nicht wenigstens eine anständige Brennerei sein können? Oder eine Tabakmanufaktur?«

»Brennerei?« Dean lachte leise. »Wer will denn in Schottland schon französischen Schnaps trinken? Den kannst du höchstens den Kindern ausschenken. Du hättest ein Weingut vorschlagen können.«

Kincaid schnaubte. »Wein ist was für Frauen. Genau wie diese Fayencen. Ich bleibe bei meinem Whisky.«

»Klar doch«, frotzelte Dean. »Der typische schottische Hinterwäldler.«

»Pass auf, was du sagst. Du bist genau so einer.«

»Nicht ganz. Ich liebe einen guten Bordeaux. Und mit den Fayencen hat Grandma den richtigen Riecher. Du hättest mal sehen sollen, wie die Frauen uns die letzte Ladung aus den Händen gerissen haben. Französische Keramik steht in Edinburgh hoch im Kurs, vor allem in jenen Kreisen, welche sich das teure Delfter Porzellan nicht leisten können.«

Kincaid antwortete nicht, sondern gab vor, das Umladen der Waren zu beobachten.

»Nein, Grandma hat schon recht«, meinte Dean leise. »Du bist in letzter Zeit zu viele Risiken eingegangen. Und wenn du nicht auf See bist, schlägst du dir die Nächte in den Spelunken am Hafen um die Ohren. Seit Ellie nicht mehr da ist –«

»Lass verdammt noch mal Ellie aus dem Spiel!«, fuhr ihm Kincaid aufgebracht über den Mund. Diese schmerzhafte Erinnerung wollte er nicht wieder hochkommen lassen. Lange genug hatte sie ihn in ihren Klauen gehabt. Und sein Lebenswandel war seine Sache. Da hatte sich die Familie nicht einzumischen. »In diesen Spelunken spielt sich unser Geschäft ab. Nachts. Da treffe ich meine Mittelsmänner. Nicht in den feinen Büros am helllichten Tag. Also hör auf, an mir herumzumäkeln als wärst du unsere Mutter.«

»Ständig Kopf und Kragen zu riskieren ist auch in unserem Geschäft nicht nötig. Wenn du auffliegst, ist das nicht allein deine Sache. Du ziehst uns mit. Und im Gegensatz zu dir ist mir mein Leben etwas wert.«

Es war zu spät. Die Erinnerungen und der Schmerz waren bereits wieder da. Warum hatte ihm das Schicksal seine Ellie so schnell entreißen müssen? Wie hatte es zulassen können, dass dieses unsägliche Fieber sie dahingerafft hatte, nachdem es sie endlich hatte zusammenkommen lassen? Ihr Vater, ein Engländer, der in London ein Handelsgeschäft führte, war alles andere als begeistert gewesen, als sich sein einziges Kind ausgerechnet in einen Schotten verliebt hatte. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis er endlich einer Heirat zugestimmt hatte. Und dann war ihr Glück so schnell wieder zerbrochen.

Doch darüber wollte er jetzt nicht mehr nachdenken. Es brachte nichts. Es zog ihn nur wieder in einen tiefen, schwarzen Abgrund. Und dort war er lange genug gewesen.

Also schob er den Schmerz und die Erinnerungen entschieden beiseite. »Wenn du Kapitän sein willst, dann konzentrier dich gefälligst auf deine Aufgabe!« Kincaid deutete auf eine der Rahen. »Da drüben wird gleich das Zugseil aus der Rolle springen!«

»Verflucht!« Dean eilte los und konnte im letzten Moment einen der Ballen lösen, der sich an der Ladeluke verfangen hatte. Nachdem der letzte, in wasserdichtes Ölzeug verpackte Ballen gelöscht worden war, gab er das Zeichen zum Schließen der Luke. Der Frachtraum war vollständig geleert worden, und eins der zwei Boote ruderte bereits Richtung Land, ein langes Seil hinter sich herziehend, an welches paarweise Fässer gebunden waren. Diese einfache Technik, die Kincaid sich ausgedacht hatte, ermöglichte es, mit nur einem Ruderboot eine viel größere Anzahl an Whisky-Fässern an Land zu schaffen, als wenn diese in das Boot selbst geladen würden. Außerdem ging das Entladen des Schiffes viel schneller vonstatten, ein wesentlicher Vorteil, wenn man Schmuggler war und auf der Hut vor Zöllnern sein musste.

»Bei der nächsten Überfahrt holst du mich in Le Havre wieder ab«, befahl Kincaid seinem Bruder.

»Glaubst du wirklich, dass ihr euch so rasch handelseinig werdet? Nicht, dass ich an deinem Charme zweifeln würde, aber …«

»Als alleinstehende Frau wird die Inhaberin froh sein, die Manufaktur verkaufen zu können. Das ist doch nur eine Belastung für sie. Mit dem Geld aus dem Verkauf kann sie gut leben und sich auf ihre Teekränzchen und Abendgesellschaften konzentrieren. Was will eine Frau mehr?«

Dean zuckte mit den Schultern. »Na dann.«

»Mast- und Schottbruch.« Kincaid schwang sein Bein über die Bordwand und kletterte die Strickleiter hinunter in das zweite Ruderboot. Kaum war er unten, wurden die Taue gelöst, und die Männer ruderten zum Strand zurück, ebenso lautlos, wie sie gekommen waren.

2

Sind die von allen guten Geistern verlassen? Das können die doch nicht machen!«

Der Aufschrei aus dem Büro seiner Chefin ließ Henri aufhorchen. Nicht wegen des gänzlich undamenhaften Ausbruchs. Das war er von Dominique gewohnt. Wenn es um Kraftausdrücke ging, konnte sie jedem Kutscher Konkurrenz machen. Er seufzte. Ihr Vater hätte sie als Mädchen nicht so oft in die Manufaktur mitbringen sollen, wo sie mit den Kindern der Arbeiter spielte und ihre Zeit auf der Straße verbrachte anstatt unter der Aufsicht einer strengen Gouvernante.

Auch wenn sie mittlerweile gelernt hatte, sich wie eine wohlerzogene Dame von Stand zu benehmen, und das üblicherweise auch tat, kehrte sie, wenn sie unter sich waren, hin und wieder zu ihrem alten Ich zurück, vor allem wenn sie sich über etwas aufregte.

Nein, es war also nicht das undamenhafte Betragen, das Henri aufhorchen ließ, sondern das Erschrecken, das in ihrer Stimme erkennbar war. Er stellte den Federhalter ins Tintenfass, erhob sich und eilte, soweit es seine alten, gichtgeplagten Knochen erlaubten, hinüber ins angrenzende Büro.

Als hätte sie ihn schon erwartet, stand Dominique Devilliers hinter ihrem Schreibtisch und hielt ein Blatt Papier hoch. Sie berührte es nur mit Zeigefinger und Daumen, als würde sie es äußerst widerwillig anfassen.

»Was ist los?«, fragte Henri atemlos.

»Das ist los!« Mit vor Zorn funkelnden Augen wedelte sie mit dem Blatt herum. »Zuerst fällt diesen dummen Beamten nichts Besseres ein, als die Einfuhr von Zinn aus England zu verbieten. Dann verlangen sie, dass man gegen eine hohe Gebühr eine Sondergenehmigung beantragt. Und jetzt lehnen sie diese auch noch mit fadenscheinigen Gründen ab!«

Henri holte tief Luft. »Das ist nicht gut. Gar nicht gut.«

»Nein! Wem sagst du das!« Sie warf ihm den Brief hin, ließ sich auf ihren Stuhl fallen und stützte das Gesicht in die Hände. »Als ob wir nicht schon genug Probleme hätten.«

Den Kopf zwischen den vornübergebeugten Schultern eingezogen, gab seine sonst so kämpferische Dominique ein Bild von solcher Verzweiflung ab, dass Henri versucht war, den Arm um sie zu legen und sie zu trösten. Doch er wusste, dass sie das nicht schätzen würde. Wenn sie etwas hasste, dann Mitleid.

»Wo sollen wir denn jetzt Zinn zu vernünftigen Preisen herkriegen?«, fragte Dominique aufgelöst. »Das französische ist viel teurer als das englische, und die Qualität ist lausig! Das wird uns ruinieren!«

Henri überflog die krakelige Handschrift auf dem Brief, die in komplizierten Behördenformulierungen mitteilte, dass aus diesen und jenen Gründen dem Antrag für eine Sondergenehmigung nicht entsprochen werden könne. Er presste die Lippen zusammen. Sie litten bereits genug unter der Konkurrenz der Fayence- und Porzellanmanufakturen im benachbarten Rouen. Das Zinn war ein unverzichtbarer Rohstoff bei der Herstellung der Fayencen, und seine Qualität entscheidend für das Gelingen der verschiedenen Brennvorgänge.

»Das machen die nur, um die unrentablen französischen Minen zu schützen!«, empörte sich Dominique. »Ich will nicht wissen, wer hier wieder wen geschmiert hat!«

Henri dachte eine Weile nach und meinte dann vorsichtig: »Vielleicht sollten wir Gustave um Hilfe bitten.«

»Gustave?« Wie eine Furie schoss Dominique hoch. »Der ist der Letzte, den ich um Hilfe bitten werde! Vorher gehe ich auf der Rue Notre-Dame betteln!«

Henri verkniff sich ein Lächeln. Auch wenn nun er derjenige war, den sie wütend anblitzte, hatte wenigstens ihr Kampfgeist wieder die Oberhand gewonnen über die Verzweiflung. Cousin Gustave war ihr ein Dorn im Auge, seit er versucht hatte, ihr das Erbe ihres Vaters, die Manufaktur, streitig zu machen.

»Nein. Denen werde ich einen gesalzenen Brief schreiben und verlangen, dass sie ihre Entscheidung ändern! Die können uns nicht einfach ruinieren, bloß um die Interessen der Minenbetreiber zu schützen«, entschied Dominique und setzte sich wieder. »Und wenn nötig, finde ich heraus, wer dafür geschmiert werden muss!«

Henri nickte und zog sich wieder zurück. Seine Aufgabe hier war getan.

Nachdem Henri gegangen war, atmete Dominique einmal tief durch. »Hört das denn nie auf?«, murmelte sie und schloss die Augen. Seit sie die Leitung der Manufaktur übernommen hatte, war jeder Tag ein Kampf. Jacques hatte gründliche Arbeit geleistet und den Betrieb an den Rand des Ruins geführt. Auch wenn sie mittlerweile wieder besser dastanden, den Durchbruch hatten sie noch nicht geschafft.

In einem plötzlichen Frösteln legte Dominique die Arme um sich, stand auf und ging zum Fenster. Gedankenverloren starrte sie auf die Straße hinunter und über die Dächer von Le Havre.

Immer noch schmerzte der Gedanke an Jacques de Villiers. Ein Adliger, der der Ehre und Würde seines alten Geschlechts so gar nicht entsprochen hatte. Den sie voller Vertrauen geliebt und der sie skrupellos enttäuscht hatte. Noch immer konnte sie nicht begreifen, wie sie sich derart in ihm hatte täuschen können. Galant war er gewesen und liebenswürdig. Er hatte ihr den Hof gemacht und sie umworben, als wäre sie eine Prinzessin.

Dominique schnaubte. Sie hätte es besser wissen müssen. Eine Fabrikantentochter wurde nie eine Adlige. Da nützte auch die gute Erziehung in dem vornehmen Mädcheninternat, in das ihr Vater sie auf Drängen ihrer Mutter für ein paar Jahre geschickt hatte, nichts. Und auch nicht die Heirat mit Jacques. Seine Gesellschaftskreise hatten sie zwar höflich aufgenommen, aber sie war immer eine Außenseiterin geblieben.

Seinen Namen hatte sie nach seinem Tod weiterführen müssen. Aber das adlige de Villiers zu ihrem eigenen Devilliers zu machen und die Manufaktur umzubenennen, die seit ihrer Heirat Jacques’ Namen getragen hatte, hatte ihr etwas über die Enttäuschung und den Schmerz hinweggeholfen. Und über die Wut auf sich selbst.

Es musste an seinen Augen gelegen haben! Sie hatten sie immer so ehrlich und seelenvoll angeblickt. Doch er hatte nicht nur ihr schöne Augen gemacht, sondern auch anderen Frauen, wie sie nach seinem Tod erfahren hatte. Und wie er gestorben war … das war vielleicht das Schlimmste gewesen. Sie hätte ihn erwürgen können, wäre er nicht schon tot gewesen.

Nach seinem Dahinscheiden hatten sie sich wie die Geier auf sie gestürzt, um sich an der naiven, kleinen Witwe zu ergötzen. Allen voran der liebe Cousin Gustave, der ihr auch noch die Manufaktur hatte wegnehmen wollen! Aber sie würde kämpfen, bis sie tot umfiele. Vorher würde sie nicht aufgeben. Niemals!

Sie wandte sich vom Fenster ab. Ihr Blick fiel auf die Vitrine mit den ausgestellten Fayencen: kunstvoll modellierte Figürchen, aufwändig bemalte Teller und feine Tässchen, verschiedenste Suppenschüsseln und Saucieren, Schalen und Krüge, Vasen in allen möglichen Formen und Gehäuse für Standuhren. Während die meisten auf den Märkten erhältlichen Fayencen einen weißen Grundton mit kobaltblauer Bemalung aufwiesen, hatte sich die Manufaktur Devilliers auf die seltenere violette, gelbe und grüne Bemalung spezialisiert und verzierte kostbare Gegenstände und Gedecke sogar mit teuren Lackfarben und Goldrändern. Die Mischung der Farben und die richtigen Temperaturen beim Brennen waren das Erfolgsrezept ihres Vaters gewesen, das er an seine Tochter weitergegeben hatte. Sein Rezeptbuch war ihr bestgehütetstes Geheimnis und ihr ganzer Schatz.

Sie seufzte wehmütig und wandte sich von der Vitrine ab, um sich den neusten Zeichnungen zu widmen, die ihr die Malerinnen als Vorschläge für das neue Service gebracht hatten. Um sich von den Chinoiserien, dem nach chinesischem Vorbild bemalten Porzellan, abzuheben, setzten sie ganz auf den neusten Renner: die griechische Antike. Da war Europa zu sehen, die von dem Stier entführt wurde, nackte Nymphen um einen lüsternen Satyr tanzend, ein Blitze schleudernder Zeus, die schöne Aphrodite dem Bad entsteigend und Athene in ihrer Kriegerinnenrüstung.

Am letzten Bild, dem der weisen Göttin Athene, blieb Dominiques Blick hängen.

Auch sie musste weiterkämpfen. Sie war es ihrem Vater schuldig und all den Arbeitern in ihrem Betrieb, die an sie glaubten und nicht zur Konkurrenz nach Rouen übergelaufen waren, als gleich mehrere Betriebe versucht hatten, sie ihr abzuwerben. Und nicht zuletzt für Henri, der sein ganzes Leben in den Dienst der Manufaktur gestellt hatte und der ihr treuester und ergebenster Freund war. Sie war es ihnen allen – und nicht zuletzt sich selbst – schuldig.

Hufgeklapper riss sie aus ihren Gedanken. Die heutige Auslieferung! Sie raffte die Röcke und eilte die Treppe in den Hof hinunter. Die beiden vor einem Transportwagen angeschirrten Pferde scharrten bereits ungeduldig mit den Hufen.

»Wartet!«, rief sie den beiden Männern zu, die gerade den Deckel auf eine lange Holzkiste nageln wollten. »Seid ihr auch sicher, dass alles drin ist?«

Bei ihrem Anblick riss sich der eine, ein Hüne von einem Mann, rasch den Hut vom Haupt und stammelte mit gesenktem Kopf: »Madame! Monsieur Henri hat die Verpackung selbst überwacht. Es muss alles da sein!« Es klang beinahe, als hätte er ein schlechtes Gewissen, die Ladung nicht selbst noch einmal überprüft zu haben.

»Dann ist ja gut. Danke dir, Maurice«, sagte Dominique freundlich und trat vor die Kiste. Bis an den Rand war sie gefüllt mit kleinen Schachteln, sorgsam ausgepolstert mit Sägespänen und Lumpen. Mit einem Nicken bedeutete Dominique den Männern, die Kiste zu schließen. Sie nagelten den Deckel darauf und hoben sie behutsam auf den Wagen, wo bereits drei weitere Kisten standen.

»Seid vorsichtig, und haltet die Pferde gut unter Kontrolle«, mahnte sie.

»Natürlich, Madame«, antwortete Maurice ehrfürchtig. Dann setzte er sich neben den anderen Mann auf den Bock, griff nach den Zügeln und schnalzte.

Dominique blieb im Hof stehen und sah dem Wagen nach, bis er um die Hausecke verschwand. »Kommt gut auf die Antillen«, murmelte sie.

»Wird schon klappen«, meinte Henri, der unbemerkt an sie herangetreten war.

Dominique sah ihn eindringlich an. »Es muss. Daran hängt unsere Existenz. Die Waren müssen dem Händler und seinen Käufern in der Karibik einfach gefallen.«

»Das werden sie, bestimmt. Alle haben sich so viel Mühe gegeben. Und wir konnten jede Bestellung auf seiner Liste herstellen.«

Dominique stieß hörbar die Luft aus. »Dein Wort in Gottes Ohr.«

3

Kincaid lehnte an einer Hauswand, ein Bein lässig angewinkelt, die Hände in den Taschen seines alten Mantels vergraben, und beobachtete unter seinem Schlapphut hervor das langgezogene Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite. In den einfachen Kleidern, die er bevorzugte, und den bequemen, aber vollkommen zerschrammten Stiefeln wirkte er wie ein einfacher Mann, der vielleicht auf einen Freund wartete oder auf der Straße Zuflucht vor einem keifenden Eheweib suchte. Niemand beachtete ihn.

Das dreigeschossige Fachwerkhaus gegenüber hatte schon bessere Zeiten gesehen. Zwar waren die Gefache mit Steinen ausgemauert und nicht mit Lehm und Stroh gefüllt, aber der abbröckelnde Putz und auch die von den Fensterrahmen abblätternde Farbe ließen darauf schließen, dass der Besitzer in den letzten Jahren kein Geld mehr für Instandsetzungsmaßnahmen übrig gehabt hatte.

Die blau-goldenen Lettern von Devilliers Fayencen, die in der Mitte der Fassade über einem breiten Eingangsportal prangten, glänzten allerdings wie frisch gemalt. Im Schaufenster neben dem Eingang war die Ware der Manufaktur ausgestellt. Trotz der ansprechenden Gestaltung hatte Kincaid nur mäßiges Interesse für die Auslage aufbringen können. Im Gegensatz zu den Passantinnen, welche regelmäßig stehen blieben und die Fayencen bewundernd betrachteten. Rechter Hand des Eingangsportales führte ein Torbogen in einen Innenhof. Mehr gab das Äußere des Gebäudes nicht preis.

Etwas enttäuscht beschloss Kincaid schließlich, zum Hafen zurückzukehren. Er hatte gehofft, sich mit seiner Erkundung ein besseres Bild über die Manufaktur machen zu können und einige aufschlussreiche Informationen zu gewinnen, die ihm bei seinen Verhandlungen helfen würden.

Just in dem Moment, als er gehen wollte, nahm er aus dem Augenwinkel in einem der oberen Fenster eine Bewegung wahr. Er blickte hoch und sah eine Gestalt am Fenster stehen. Es schien sich um eine Frau zu handeln. Er kniff die Augen zusammen, um sie besser erkennen zu können. Sie hatte dunkles, hochgestecktes Haar und trug ein blaues Kleid, welches mit großen, goldenen Knöpfen bis zum Hals hochgeschlossen war. Ihrem Aussehen nach handelte es sich nicht um eine Arbeiterin oder eine Magd, sondern um eine wohlhabende Frau. Da der Verkaufsraum im Parterre hinter dem Schaufenster zu sehen war, konnte es keine Kundin sein. Es musste also die Besitzerin selbst sein, denn was für eine andere Frau sollte sich sonst in einer Manufaktur aufhalten? Vielleicht lebte sie sogar in einer Wohnung in dem Gebäude? Andere Manufakturbesitzer ließen sich ansonsten nur selten in ihren Fabriken blicken.

Kincaid frohlockte. Wenn dem tatsächlich so war, konnte er sie bestimmt zu einem Verkauf bewegen. Die Aussicht, in eine hübsche Wohnung in einer vornehmeren Gegend umziehen zu können, würde doch sicher jede Frau überzeugen. Er hätte sie gerne noch länger beobachtet, aber sie trat vom Fenster weg.

Noch einige Minuten blieb er auf seinem Posten, in der Hoffnung, sie noch einmal zu sehen. Eine Weile lang geschah nichts. Dann hallte plötzlich Hufgeklapper in der engen Gasse wider, und kurz darauf fuhr ein schwer beladener Wagen aus dem Torbogen. Der Anzahl der Kisten auf der Ladefläche nach zu schließen, musste es sich um eine größere Lieferung handeln. Überrascht runzelte Kincaid die Stirn. Seinen Informationen zufolge lief die Manufaktur nicht gut. Wen belieferten sie dann mit einer derart großen Menge an Fayencen?

Er beschloss, dem Wagen zu folgen. Vielleicht konnte er herausfinden, um wen es sich bei dem Großabnehmer handelte.

Der Wagen rollte durch die Straßen von Le Havre. Zuerst an weiteren Fachwerkhäusern entlang, in welchen vornehmlich Handwerksbetriebe untergebracht waren, dann wurde die Gegend vornehmer. Die Häuser waren aus Stein gebaut und stellten aufwändig gestaltete Fassaden zur Schau. Der Wagen bog in eine Straße mit teuren Geschäften ein, und Kincaid erwartete, dass er vor einem von ihnen halten würde, doch die Pferde trabten weiter. Die vornehmen Bürgerhäuser wurden wieder von Fachwerkhäusern abgelöst, die Schenken, Fischläden, Seilereien und Segeltuchmachereien beherbergten. Sie näherten sich dem Hafen.

Das Treiben auf der Straße wurde emsiger, und der Wagen kam nur noch langsam voran. Schließlich rollte er auf einen breiten Quai, an welchem mehrere Zwei- und Dreimaster hintereinander vertäut waren. Frachtgut stapelte sich vor den Schiffen. Schwer beladene Hafenarbeiter trugen Waren hin und her. Dazwischen spazierten einige Offiziere aus der nahen Zitadelle, und da und dort waren Schaulustige zu sehen, die staunend die Schiffe aus aller Welt bewunderten. Mehrere Quais führten um das große Hafenbecken der Handelsschiffe und der Fischer, die Kincaid wie seine Hosentasche kannte. Die Schiffe der McLanes liefen Le Havre regelmäßig an, und für einen Kapitän war es immer empfehlenswert, sich im Hafen auszukennen. Er kannte das Hafenbecken für die Händler, aber auch die Umgebung dahinter, wo in einem anderen Becken die Schiffe der französischen Marine lagen, und die weitherum bekannten Schiffswerften von Le Havre.

Vor einem Dreimaster hielt der Wagen an. Langsam ging Kincaid näher. Er stellte einen Fuß auf einen Poller, stützte die Arme auf sein Knie und tat so, als würde er das Treiben im Hafen verfolgen.

Die beiden Männer waren inzwischen vom Wagen gestiegen und hatten Matrosen des Dreimasters herbeigerufen. Gemeinsam trugen sie die Kisten über einen schmalen Holzsteg an Bord. Als die ganze Fracht verladen war, kehrten die beiden auf den Wagen zurück und fuhren in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren.

Kincaid spazierte den Quai entlang zu dem Dreimaster. Victoire war sein Name. Einige Schaulustige hatten sich davor versammelt und verfolgten das Geschehen an Bord. Kincaid gesellte sich zu ihnen. Ein mit einem Stoffballen beladener Matrose kam den Steg hinunter, ging an ihnen vorbei und türmte diesen auf einen Berg von anderen Ballen.

Als er zurückkam, sprach Kincaid ihn an: »Ein schönes Schiff! Aber viel Platz hat man da als Matrose wohl nicht.« Er legte einen ehrfürchtigen und neugierigen Ton in seine Stimme wie die Landratten, die ihm schon ähnliche Fragen zu seinem eigenen Schiff gestellt hatten.

Der Matrose sah ihn entnervt an und schien sich zu überlegen, ob er diesem Landei überhaupt eine Antwort geben sollte. »Es reicht für unsereiner.«

»Bis England oder Spanien ist es ja auch nicht weit.«

»England oder Spanien?« Der Matrose rümpfte die Nase. »Mit einem solchen Schiff überquert man den Atlantik! Für kurze Reisen reicht auch ein kleineres Schiff.«

»Seid Ihr damit etwa schon mal nach Amerika gesegelt?«

»Natürlich! Das ist unsere Hauptroute.«

»Oh!« Kincaid gab sich beeindruckt. »Da würde ich auch gerne mal hin. Wo seid Ihr dort denn schon überall gewesen?«

»Vor allem in der Karibik.«

»Und wohin geht’s als Nächstes?«

»Auf die Antillen.«

Kincaid machte ein fragendes Gesicht.

»Guadeloupe und Martinique«, erklärte der Matrose.

»Na dann, gute Überfahrt.« Kincaid hatte erfahren, was er wissen wollte.

Sich einen Weg durch das überall gestapelte Frachtgut, die Schaulustigen und die Hafenarbeiter bahnend, verließ er den Quai und steuerte auf eines der besseren Gasthäuser am Hafen zu. Hier war er mit einem Freund verabredet, und er war schon spät dran.

Als er eintrat, waren zwar die meisten Tische besetzt, doch das Gesicht, nachdem er Ausschau hielt, war nirgends zu entdecken. Er setzte sich an die Bar und bestellte einen Cidre.

Nicht lange darauf betrat der Mann, auf den er gewartet hatte, das Gasthaus. Kincaid winkte ihm zu. »Rémy! Alter Knabe!«

»Na, du hast gut reden! Bist nicht viel jünger, mein Lieber! Salut!« Rémy Bellami war ein aufwändig gekleideter, schlanker Mann, der neben Kincaids großer, kräftiger Statur geradezu feingliedrig wirkte.

»Zumindest habe ich noch keine grauen Haare«, bemerkte Kincaid.

Rémy lachte. »Das kommt noch. Wart’s ab.«

Die beiden umarmten sich und klopften sich auf die Schultern.

»Vor allem bei dem, was du vorhast«, fügte Rémy hinzu.

»Was meinst du damit?«

»Na, die Übernahme der Devilliers-Manufaktur.« Rémy gab dem Barmann einen Wink und bestellte ein Glas Weißwein.

»Wieso sollte ich da graue Haare bekommen?«

Rémy lächelte ihn süffisant an. »Wegen der Eisprinzessin.«

»Der Eisprinzessin?« Fragend hob Kincaid die Brauen.

»Das ist Dominique Devilliers’ Spitzname.«

Obwohl Kincaid sich denken konnte, was hinter einer solchen, von einem Mann über eine Frau getroffenen Aussage steckte, fragte er trotzdem: »Warum?«

»Na, weil sie kalt wie Eis ist. Eher bringst du den Nordpol zum Schmelzen als diese Dame.«

»Sie ist also keine Witwe, die ihren Stand für die eine oder andere Affäre ausnutzt?«

»Im Gegenteil. Seit Dominique Devilliers Witwe ist, ist sie noch viel abweisender geworden.«

Kincaids Lächeln wurde etwas verkrampft. »Na ja. Ich muss sie ja nicht verführen, sondern nur überzeugen, mir ihre Manufaktur zu verkaufen.«

»Bei dem Versuch werde ich mit Vergnügen zusehen«, gluckste Rémy. »Du wirst dir die Zähne an dieser Frau ausbeißen. Das wollte ich schon lange mal erleben.«

Kincaid ersparte sich eine Antwort, indem er seinen Cidre leertrank und einen neuen bestellte.

Rémy stieß ihm in die Seite. »Und um die Manufaktur wird sie kämpfen wie eine Löwin. Du solltest dir besser gleich einen Whisky bestellen.«

Kincaid zuckte mit den Schultern. »Ihre Geschäfte laufen schlecht, habe ich gehört.«

»Das hindert sie nicht daran. Außerdem, so wie du aussiehst«, Rémy trat einen Schritt zurück und musterte Kincaid in seinen alten, abgetragenen Sachen abschätzig, »wird sie dich kaum für einen würdigen Nachfolger halten.«

»Deswegen wollte ich mich auch vor der Soiree mit dir treffen. Ich muss neu eingekleidet werden.«

»Allerdings! Ich werde mit dir zu meinem Schneider an der Rue de Paris gehen. Ist nicht ganz billig, aber die Investition ist nötig, wenn du willst, dass deine Herzdame sich auch nur im Geringsten für dich erwärmt.«

»Sie ist nicht meine Herzdame! Ich will nur diese verdammte Manufaktur von ihr.«

Rémy schmunzelte vielsagend und trank seinen Wein mit einem großen Schluck aus. »Lass uns gehen. Wir haben nicht mehr viel Zeit bis zur Soiree. Und zu einem Barbier musst du vorher auch noch.«

»Das hatte ich befürchtet.« Unwillig rieb Kincaid über seine Bartstoppeln. Er hasste es, sich herauszuputzen, und noch viel mehr hasste er es, sich täglich rasieren zu müssen. Das war unter vielen anderen einer der Gründe gewesen, weshalb er sich so lange gesträubt hatte, Dean das Kommando über das Schiff zu übergeben und sich stattdessen als Kaufmann zu betätigen. Aber auch diese letzte Ausflucht hatte Grandma – wie erwartet – nicht gelten lassen.

»Pah! Diese abgewetzten Stiefel und dein alter Mantel taugen höchstens noch fürs Feuer!«, hatte sie geantwortet.

Dabei hatten diese Kleidungsstücke ihn schon auf so manchem Abenteuer begleitet. Und sie verhalfen ihm zu einer Unscheinbarkeit, die bei seinen zwielichtigen Geschäften Gold wert war.

Aber da er sich nun in denselben Kreisen wie der stets herausgeputzte und nach der neusten Mode gekleidete Rémy bewegen wollte, blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als sich in Kleidungsfragen in die Hände des anderen Mannes zu begeben. Denn Rémy war nicht nur ein loyaler Freund, seit Kincaid ihm vor zehn Jahren in einer Kneipenschlägerei den Hals gerettet hatte, er war auch sein wichtigster Verbindungsmann in die bessere Gesellschaft Le Havres. Es war vor allem ihm zu verdanken, dass die geschäftlichen Unternehmungen der McLanes in dieser Stadt bestens liefen. Der Advokat beriet Kincaid in allen rechtlichen Dingen und stellte ihn anderen Kaufleuten, Reedern, Besitzern von Manufakturen und sonstigen, für seine Geschäfte wichtigen Personen vor.

Die beiden verließen das Gasthaus und gingen zur Rue de Paris, dem vornehmsten Boulevard in Le Havre. Vor einem exquisit und dementsprechend teuer aussehenden Herrenausstatter blieb Rémy stehen. Kincaid hob seinen Geldbeutel in der Tasche an und hoffte, dass er dafür ausreichen würde.

Rémy deutete eine Verbeugung an. »Nach dir, mein Lieber.«

Den Kopf schüttelnd über das vornehme Betragen seines Freundes betrat Kincaid das Geschäft. Kaum war er drin, kam auch schon ein Verkäufer auf ihn zu. »Ich muss neu eingekleidet werden«, erklärte er dem Mann knapp.

Der Verkäufer taxierte ihn von seinem aus der Form gefallenen Schlapphut bis zu den Stiefeln und hob indigniert eine Augenbraue. »Da seid Ihr offenbar im falschen Geschäft gelandet.«

»Warum, verkauft Ihr etwa keine Männerkleidung?«, knurrte Kincaid.

»Mein Freund ist ein einflussreicher Händler aus London«, beeilte sich Rémy zu erklären, »der diese Kleidung nur zur Tarnung trägt. Damit er im Hafen bei seinen Erkundungen nicht auffällt.«

»Monsieur Bellami!«, rief der Verkäufer, nachdem er hinter Kincaid seinen Stammkunden erblickt hatte. »Der Herr gehört zu Euch?«

»So ist es. Er muss komplett neu ausstaffiert werden. Wir sind heute Abend bei der Marquise de Gray eingeladen.«

Sofort verschwand die abweisende Haltung des Verkäufers. »Wenn das so ist. Bitte folgt mir, Monsieur.« Beflissen eilte er in den hinteren Bereich des Geschäftes, wo Paravents aufgestellt waren, hinter denen die Kunden sich umkleiden konnten. »Ich bringe Euch gleich eine Auswahl unserer neusten Gehröcke, Hosen und Westen.«

Gemeinsam mit dem Verkäufer suchte Rémy ein grelles Ensemble in Lila heraus. Kincaid begann zu protestieren, ließ sich jedoch überzeugen, dass er die Kleidung erst einmal anprobieren musste, um sie beurteilen zu können. Voller Unbehagen streifte er die Montur samt alberner Schnallenschuhe hinter dem Paravent über.

Dann trat er zu den beiden anderen Männern und vor den Spiegel. Für einen Moment fehlten ihm die Worte. Doch nur für einen Moment: »Das ist ja wohl nicht Euer Ernst! Ich will nicht zum Theater, sondern zu einer Abendgesellschaft!«

Der Ton des Verkäufers war indigniert. »Bei der Marquise de Gray! Sie legt Wert auf angemessene Kleidung und entsprechendes Benehmen.«

»Rémy! Sieh mich doch nur an …!«, rief Kincaid entrüstet.

Doch sein Freund musterte ihn mit anerkennendem Nicken. »Der Rock ist wirklich wunderbar, sehr aufwändig gearbeitet. Und er sitzt trotz deiner breiten Schultern perfekt. Die lilafarbene Weste aus changierender Seide passt ausgezeichnet dazu.«

»Ich sehe aus wie ein aufgeblasener Pfau!« Kincaid brüllte beinahe.

»Perfekt siehst du aus. Das ist der letzte Pariser Schrei. Damit wirst du alle in den Schatten stellen«, meinte Rémy. Seine Stimme hörte sich fast ein wenig neidisch an.

»Das ist nicht dein Ernst!«

»Doch. Schließlich willst du Eindruck schinden und nicht wie ein ungehobelter schottischer Highlander daherkommen. Das hier ist Frankreich. Wir legen Wert auf ausgewählte Kleidung.« An den Verkäufer gewandt, entschied Rémy: »Das nehmen wir.«

Kincaid stieß einen frustrierten Seufzer aus. »Aber nicht diese engen Kniehosen! Ich trage bestimmt keine weißen Strümpfe und Schnallenschuhe dazu!«

»Doch genau diese. Sie passen ausgezeichnet. Und du wirst ja wohl nicht deine alten Stiefel dazu anziehen wollen.«

»Bei Eurem Anblick werden die Damen der Gesellschaft dahinschmelzen wie der Schnee in der Frühlingssonne«, meinte der Verkäufer mit einem verträumten Ausdruck im Gesicht, der Kincaid auf den Gedanken brachte, dass er möglicherweise nicht nur die Aufmerksamkeit der Damen, sondern ebenso die gewisser Herren auf sich ziehen würde. Auch das noch!

Aber nach dem Verkäufer zu urteilen, hatten diese Kleider anscheinend wirklich die gewünschte Wirkung. Sein Auftrag war es, eine unterkühlte Französin dazu zu bringen, seinen Wünschen nachzukommen. Und wenn dieser Aufzug ihm dabei half, sollte er ihn dann ablehnen, nur weil er sich albern darin vorkam? Rémy und dieser Verkäufer waren Franzosen, und als solche verstanden sie besser, was französische Frauen mochten.

»Na gut«, brummte er schließlich widerwillig. Auch wenn er selbst nicht verstand, was Frauen an aufgeblasenen Pfauen anzog. Aber das musste er ja auch nicht.

4

Wie aufregend!« Dominiques beste Freundin Amélie wedelte sich mit dem Fächer hektisch Luft zu, während sie das Eintreffen der restlichen Gäste zur Soiree der Marquise de Gray beobachteten. »Sieh nur, dort ist sogar der Marquis de la Tour!«

»Ich dachte, der sei an den Hof berufen worden«, meinte Dominique abschätzig.

»Eben! Trotzdem beehrt er uns mit seiner Anwesenheit!«

Dominique lag die Antwort auf der Zunge, dass man in Paris wohl bemerkt hatte, dass der Marquis nicht viel mehr Talente besaß, als die Leute mit seinem Charme zu verführen, und ihn daher zurück in die Provinz geschickt hatte. Doch sie verbiss sich die Bemerkung. Sie wollte Amélies Freude nicht trüben. Ihre Freundin gehörte als Mitglied eines verarmten Adelsgeschlechts wie Dominique zum Rand der feinen Gesellschaft. Für das jüngste von vier Mädchen war keine Mitgift mehr übrig geblieben. So lebte sie bei einem älteren Bruder, der sie versorgte. Als mittellose Frau, die über das heiratsfähige Alter hinaus war, würde sie vermutlich keinen Ehemann mehr finden, sosehr sie sich das auch wünschte. Trotzdem genoss sie diese Veranstaltungen aus vollem Herzen.

Ganz im Gegensatz zu Dominique, die solche Gesellschaftsanlässe mehr als lästige geschäftliche Verpflichtung denn als Vergnügen empfand. Sie besuchte sie, um ihre Beziehungen mit denjenigen einflussreichen Personen zu pflegen, welche in Le Havre und seiner Umgebung den Ton angaben und genügend Vermögen hatten, um sich ihre teuren Fayencen leisten zu können. Amélie kannte sie seit Schultagen, und wann immer sie gemeinsam eingeladen wurden, fanden sie sich zusammen. Mit der Freundin an ihrer Seite musste Dominique diese Anlässe nicht allein durchstehen, und ihr gegenüber musste sie sich auch nicht verstellen.

»Und da sind sogar der Comte de Beaumont und die Comtesse!«, wisperte Amélie begeistert hinter ihrem Fächer. »Ist sie nicht wunderschön?«

»Ja, das ist sie. Aber das wird ihr auch nicht helfen.« Dominique beobachtete, wie der an ihrer Seite stehende Comte bereits seine Blicke durch den Salon schweifen ließ, während seine Gattin noch die Marquise begrüßte. Er blieb an der rassigen, italienischen Sopranistin hängen, welche die Gesellschaft mit ihrem Gesang unterhalten sollte. Wie Dominique bemerkte, war der Comte nicht der einzige Mann im Raum, der sich für diese sinnliche Frau interessierte, deren üppigen Rundungen in ihrem tief ausgeschnittenen, lachsfarbenen Kleid bestens zur Geltung kamen. Aber als einer der wohlhabendsten anwesenden Männer würde er wohl das Rennen machen.

»Armes Ding.« Sie hatte Mitleid mit der jungen Frau, die erst vor wenigen Monaten ihr Debüt gegeben hatte und dabei vom Comte verführt worden war. Obwohl sie noch nicht lange verheiratet waren, hatte er das Interesse an ihr bereits verloren und verbrachte seine Nächte wieder in den Betten seiner wechselnden Geliebten. Was vermutlich jeder außer seiner jungen Gattin wusste. Le Havre war zwar eine bedeutende Handelsstadt, aber keine Großstadt wie Paris. Klatsch und Tratsch machten hier schnell die Runde.

»Die Marquise hat mir bei der Begrüßung erzählt, dass Monsieur Bellami einen Gast mitbringen wird. Einen schottischen Kapitän!«, wechselte Amélie das Thema.

Dominique ließ von ihrer Beobachtung des Salons ab und wandte ihre Aufmerksamkeit der Freundin zu. »Ach ja?«

»Oder Kaufmann. Ich verstand nicht so recht, was er eigentlich ist. Aber ich bin gespannt, wie er ist. Ich wollte schon immer mal einen richtigen Schotten kennenlernen!«

Unweigerlich musste Dominique lächeln. Amélie hatte in den Unterrichtsstunden im Internat, als sie die schottischen Befreiungskriege durchgenommen hatten, ein Faible für die heldenhaften Highlander entwickelt. Weil sie es mutig mit der englischen Übermacht aufgenommen und für ihre Freiheit gekämpft hatten.

»Vielleicht wird der Abend ja noch ganz interessant.«

Amélies Augen leuchteten. »Bestimmt!«

Dominique hätte es nie zugegeben, aber nun war auch sie neugierig. Selbst wenn sie diese Aufregung sogleich als mädchenhaft abtat. Sie hatte genügend Männer kennengelernt. Ein Schotte würde sich kaum von den anderen unterscheiden.

»Sieh mal, da drüben ist Monsieur Bellami! Lass uns hinübergehen, damit er uns vorstellen kann!«

Dominique drehte sich in die Richtung, in welche Amélie deutete, und entdeckte Bellami. Neben ihm stand ein Mann, der gut einen Kopf größer war und damit aus der Menge der Gäste herausragte. Er stand mit dem Rücken zu ihnen gewandt, sodass sie nur sein kurzes braunes Haar und seine breiten Schultern erkennen konnte. Sie wollte gerade widersprechen, dass es etwas aufdringlich wirken würde, von sich aus deren Nähe zu suchen, da hatte Amélie sie schon mitgezogen.

Der schottische Gentleman lachte gerade über etwas, das sein Begleiter zu ihm sagte. Seine wohlklingende, sonore Stimme und das ungekünstelte, echte Lachen, das tief aus seinem Brustkorb kam, sandten einen warmen Schauer durch Dominiques Körper. Ihr Widerstand schmolz dahin, und sie verschluckte die Worte, die ihr bereits auf der Zunge gelegen hatten. Sie hatte ohnehin Amélies Geschick unterschätzt. Anstatt Monsieur Bellami direkt zu begrüßen, gesellte sie sich zu einer Gruppe von Bekannten, die neben den beiden standen.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis Bellami auf sie aufmerksam wurde. »Meine liebe Mademoiselle Courtois! Wie entzückend, Euch zu sehen!« Er machte eine Verbeugung vor Amélie. »Und die liebe Madame Devilliers!« Eine weitere Verbeugung vor Dominique folgte. »Darf ich Euch meinen Gast aus Schottland vorstellen? Kincaid McLane, ein Reeder, der auch in London eine Niederlassung hat und mit dem ich Geschäfte tätige.«

Immer noch vor Heiterkeit sprühende, grüne Augen wandten sich Dominique zu. Im ersten Augenblick fühlte sie sich wie vom Blitz getroffen. Doch einen Wimpernschlag später, nachdem sie den Mann im Ganzen erfasst hatte, erlosch dieser Funke so schnell und so endgültig, als wäre er in ein Becken Wasser gefallen.

»Madame Devilliers, es freut mich außerordentlich, die Bekanntschaft einer so schönen Frau zu machen.« Während sein Blick über sie glitt, nahm McLane ihre Hand und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken. »Mein Freund Bellami hat mir von der Schönheit der Frauen in Le Havre vorgeschwärmt, und nun, da ich Euch sehe, muss ich ihm zugestehen, wie recht er hat.« Bei diesen Worten sah er tief in Dominiques Augen.

Sie entzog ihm die Hand und trat einen Schritt zurück. Was für ein aufgeblasener, eitler Pfau! Seiner beeindruckenden Statur und der sonoren Stimme nach hatte sie einen … nun ja, einen richtigen Mann erwartet. Zwar war er groß und kräftig gebaut, hatte wunderbar breite Schultern, und in den engen Hosen zeichnete sich das Spiel seiner muskulösen Oberschenkel ab – doch wie war er gekleidet! Als würde ihn nichts mehr interessieren als die neuste modische Extravaganz. Die sorgfältig arrangierte Halsbinde musste seinen Diener den halben Nachmittag gekostet haben. Und dann die Farben seiner Kleidung! Violett und Lila! Zwar waren sie in dieser Saison Mode, was einige Röcke und Westen der anwesenden Männer widerspiegelten, aber das waren Männer, die ihre Zeit mit Müßiggang verbrachten. Die einen Großteil des Tages damit verschwendeten, ihr Äußeres zu pflegen. Salonhelden eben, so wie Jacques einer gewesen war.

Und dann diese aufgesetzte Galanterie! Sie wusste, dass sie keine Schönheit war. In diesem Raum gab es etliche Frauen, die sie bei Weitem in den Schatten stellten. Aber dieser Schotte versuchte tatsächlich, sie mit so unverfroren geheuchelten Komplimenten zu umgarnen! Glaubte er tatsächlich, sie sei so dumm, dass sie darauf hereinfiele? Wie konnte er es wagen, sie so zu beleidigen! Dieser Möchtegerncasanova!

Als Dominique nichts erwiderte, stahl sich ein Runzeln auf seine Stirn. Doch das verschwand, als er sich mit einer Verbeugung Amélie zuwandte. »Ich bin entzückt, Eure Bekanntschaft zu machen, Madame Courtois.«

Mit einem koketten Augenaufschlag bot Amélie ihm ihre Hand.

Dominique beobachtete, wie seine Lippen auch einen Kuss auf ihren Handrücken hauchten. Als McLane sich wieder aufrichtete, Dominique ansah und den Mund öffnete, wohl um ein weiteres seiner schmalzigen Komplimente loszuwerden, kam sie ihm zuvor. »Ihr entschuldigt mich. Da drüben wartet eine ältere Dame auf mich, der ich versprochen hatte, etwas zu trinken zu holen.« Sie warf ihm noch einen letzten Blick zu, in den sie so viel Verachtung legte, wie sie konnte – damit er ja nicht auf die Idee käme, sie zurückhalten oder ihr nacheilen zu wollen –, und schritt dann, mit einem kleinen Umweg über das Buffet, zu den Sesseln an der Wand, wohin sich die älteren Frauen zurückgezogen hatten. Dominique bot das Glas einer guten Kundin an, die es etwas überrascht, aber durchaus dankbar entgegennahm. Doch bevor sich ein Gespräch entwickeln konnte, kam Amélie ihr nach und zog sie mit einer gemurmelten Entschuldigung zur Seite. Sie kam sofort zur Sache. »Wie konntest du den armen Mann nur derart abkanzeln!«

Dominique zog ungläubig die Augenbrauen hoch. »Armer Mann?«, fauchte sie. »Der soll seinen Honig einer anderen um den Bart schmieren. Aber nicht mir!«

Amélie sah sie verständnislos an. »Er versuchte doch nur, höflich zu sein.«

»Höflich? Das nennst du höflich? Noch platter hätten seine Avancen nicht sein können. Ich nenne das nicht höflich, sondern beleidigend! Glaubt der tatsächlich, ich falle auf so eine Heuchelei herein?«

»Trotzdem hättest du etwas netter sein können«, sagte Amélie seufzend. »Wenn schon nicht deinetwegen, dann wenigstens meinetwegen. Mir hat er nämlich gefallen. Und er hätte uns bestimmt mit einigen interessanten Geschichten aus London unterhalten können.«

»Was kann an einem so eitlen Pfau schon interessant sein?«

Amélie verzog den Mund. »Ich habe keine Lust, den ganzen Abend wieder nur bei den alten Matronen herumzusitzen.«

Entschieden stemmte Dominique die Fäuste in die Hüfte. »Dann wirst du dir wohl eine andere Gesellschaft suchen müssen, denn ich bin eine alte Matrone.«

»Nein, das bist du nicht! Du machst dich nur dazu.« Vorwurfsvoll blickte Amélie auf das einfache, blaugraue Kleid, das Dominique trug. Es war bis zum Halsansatz hochgeschlossen und stellte nicht das geringste bisschen Dekolleté zur Schau, ganz zu schweigen von einem üppigen, wie es bei den meisten anderen Frauen der Fall war.

Dominique seufzte. Ihre Kleider gefielen ihr auch nicht sonderlich, aber sie erfüllten einen Zweck. »Du weißt doch, dass ich auf meinen Ruf achten muss.«

Als alleinstehende Frau, die sich im Geschäftsleben, welches die Domäne der Männer war, behaupten wollte, konnte sie es sich nicht leisten, dass ihr Ruf auch nur im Mindesten angekratzt wurde. Die Händler, Lieferanten und Kaufleute würden sofort das Vertrauen in sie verlieren. Aber noch wichtiger war ihr Ansehen bei deren Ehefrauen: Würde sie auch nur den geringsten Anschein erwecken, bei ihren geschäftlichen Treffen etwas anderes zu vertreten als die Interessen ihrer Manufaktur, wäre sehr schnell der Teufel los. Eine eifersüchtige Frau konnte den Ruf einer anderen schneller zerstören, als jeder Mann es tun konnte.

Deshalb achtete sie darauf, sich so zurückhaltend wie möglich zu geben und Kleider zu tragen, die auf einen Mann auch nicht den geringsten Reiz ausübten.

»Das muss ich auch«, hielt Amélie dagegen. »Aber deswegen kann man sich trotzdem hübsch anziehen und sich unterhalten.«

»Ja, aber nicht mit so einem wie diesem McLane. Der hat doch offensichtlich nur eine Absicht. Sonst würde er nicht so unverfrorene Galanterien von sich geben.«

Verstimmt presste Amélie die Lippen zusammen, sagte aber nichts mehr.

Dominique hoffte, dass ihr Streit damit beendet war. »Komm, lass uns deinen Bruder suchen. Vielleicht finden wir bei ihm angenehmere Gesellschaft.« Versöhnlich streckte Dominique ihr die Hand entgegen.

Zögernd ergriff Amélie sie. »Na gut.«

»Was war denn das eben?« Konsterniert sah Kincaid seinen Freund an, nachdem Dominique Devilliers mit hochgerecktem Kinn davongerauscht war. »Habe ich was Falsches gesagt?«

Rémy zuckte nur mit den Schultern. »Ich habe dich gewarnt. Aber du wolltest ja nicht hören.«

»Ich habe doch nur versucht, nett zu sein.«

»Na ja …«, sagte Rémy gedehnt. »Da hast du vielleicht etwas übertrieben.«

Kincaid runzelte die Stirn. »Wieso? Welche Frau mag denn keine Komplimente?«

»Dominique Devilliers«, antwortete Rémy lachend.

Kincaid fluchte. »Ich habe nur versucht, so galant wie ihr Franzosen zu sein und nicht wie ein hinterwäldlerischer Schotte zu wirken.« Er rieb sich über sein glatt rasiertes Kinn, während er Dominique nachschaute, die mit ihrer Freundin in der Nähe einiger älterer Frauen stand, deren Gesellschaft sie offenkundig der seinen vorzog. So eine kalte Abfuhr hatte er noch nie erhalten.

Dabei hatte er bei ihrem Anblick noch geglaubt, ein leichtes Spiel zu haben. Das schmucklose, graublaue Kleid und die zu einem strengen Chignon hochgesteckten Haare ließen sie neben den anderen Frauen im Saal fast verblassen, obwohl sie keineswegs unattraktiv war. Aber da sie sicher häufig übersehen wurde, müsste sie sich doch über seine Aufmerksamkeit freuen. Nun, offensichtlich nicht.

Aufmunternd klopfte Rémy ihm auf die Schulter. »Nimm’s nicht so schwer, alter Knabe. Du bist nicht der Erste, dem es so ergeht.«

Kincaid schüttelte den Kopf, immer noch verwirrt. »Warum ist sie so abweisend?«

»Das liegt vermutlich an ihrem verstorbenen Mann. Der hat sie nach Strich und Faden betrogen, und nachdem er sein eigenes Vermögen durchgebracht hatte, trieb er beinahe die Manufaktur ihres Vaters in den Ruin. Seitdem hat sie sich zurückgezogen. Schade eigentlich. Bevor sie sich diesen Eispanzer zulegte, war sie eine humorvolle, lebenslustige Frau.«

Kincaids Blick folgte ihr, als sie und ihre Freundin durch den Salon schritten und sich zu einer Gruppe plaudernder Männer gesellten. Diese begrüßten sie mit freundlicher Zurückhaltung. Wahrscheinlich hatten die sich auch schon die Finger an ihr verbrannt, mutmaßte er. Oder vielmehr erfroren.

Als er länger hinschaute, bemerkte er, dass Madame Devilliers neben ihrer kichernden, flirtenden Freundin deutlich reifer und erfahrener wirkte. Eine Frau, die genau wusste, was sie wollte. Sie hielt sich kerzengerade, das Kinn hocherhoben, und so, wie die Männer sich verhielten, schienen sie sie zu respektieren und als ebenbürtig zu akzeptieren. Die Farbe ihres Kleides erinnerte Kincaid plötzlich nicht mehr an Tauben, sondern an die Eisschollen, die im Winter in dem seinem Elternhaus nahegelegenen Fluss dahintrieben. Eisblau. Genau wie ihre Augen. Er fragte sich, wie sie wohl aussehen würde, wenn sie ihr Haar aus diesem strengen Knoten löste. »Langsam verstehe ich, warum ihr sie Eisprinzessin nennt.«

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Rémy ihn an. »Jetzt reihe dich bloß nicht in die lange Schlange schmachtender Anbeter ein. Bei ihr hatte noch nie einer eine Chance.«

Kincaid riss seinen Blick von ihr los. »Ich bin nicht wegen irgendwelcher Liebschaften hier, sondern um eine Manufaktur zu kaufen.«

»Vielleicht solltest du dich dann nach einer anderen umsehen.«

Kincaid wippte auf den Fußballen vor und zurück. Schließlich verschränkte er die Arme vor der Brust und warf noch einmal einen Blick zu der Frau in dem eisblauen Kleid hinüber. »Nein. Jetzt erst recht nicht.«

5

Am nächsten Abend saß Dominique mit einem Buch im Salon und überlegte gerade, ob sie nicht zu Bett gehen sollte, müde wie sie war, da klopfte es leise. Im nächsten Moment erschien Jean, der ehemalige Kammerdiener ihres Vaters, mit gerümpfter Nase in der Tür. »Madame, da ist ein Mann, der partout mit Euch sprechen will. Ich habe ihm gesagt, dass Ihr um diese Uhrzeit keinen Besuch mehr empfangt, aber er will einfach nicht gehen.«

»Wer ist es denn?« Dominique sah auf die Standuhr mit dem kunstvoll bemalten Fayence-Gehäuse, die auf dem Kaminsims stand und die das Meisterstück ihres Vaters gewesen war. Halb neun. Wahrlich etwas spät am Abend für einen unangemeldeten Besuch.

»Er will mir seinen Namen nicht nennen.«

»Dann schick ihn wieder weg.«

Jean rang die Hände. »Das habe ich schon versucht. Aber er sagt, er bleibt so lange vor dem Haus sitzen, bis Ihr ihn empfangt.«

Ärgerlich legte Dominique ihr Buch beiseite. »Na gut, dann führ ihn herein.« Wenn er sich tatsächlich draußen auf ihrer Treppe niederließ, würden ihn alle Nachbarn sehen. Und dann ging der Klatsch los.

Der Mann, den Jean hereinführte, war etwa in ihrem Alter, trug eine braune Jacke aus grobem Stoff und ausgebeulte, beige Hosen. In einer Hand hielt er einen Hut. Mit der anderen fuhr er sich durch sein zerzaustes, dunkelbraunes Haar und versuchte, es zu glätten, was ihm aber nicht wirklich gelang.

Dominique wollte ihn eben wegen der Dreistigkeit, mit der er diesen Besuch erzwungen hatte, maßregeln, als sie ihn erkannte. »André!« Mit großen Augen starrte sie ihn an.

Der Besucher deutete mit dem Kopf eine Verbeugung an. »Madame Devilliers.« Zögernd kam der Name aus seinem Mund.

Dominique wandte sich an den Kammerdiener. »Du kannst uns allein lassen. Ich kenne den Herrn.« Sie wollte nicht, dass Jean sich als Anstandsdame zu ihnen gesellte. Er war in seinen Ansichten so unnachgiebig, wie er alt war. Zu diesen Ansichten gehörte allerdings auch, seiner Dienstherrin nicht zu widersprechen.

Jean warf also einen abschätzenden Blick auf den späten Besucher, doch nachdem Dominique dem nichts mehr hinzufügte, sondern ihn sehr entschieden ansah, zog er sich zurück.

Sobald sie allein waren, rief Dominique: »André! Wie lange ist das her? Ich hätte dich beinahe nicht wiedererkannt!«

Die Unsicherheit im Gesicht ihres alten Freundes wich einem vorsichtigen Lächeln. »Ziemlich lange.«

»Das kannst du laut sagen! Lass dich anschauen.« Sie trat einen Schritt zurück. »Gut siehst du aus.«

»Das sollte ich eigentlich zu dir sagen. Oder muss ich dich jetzt mit ›Ihr‹ und ›Madame Devilliers‹ ansprechen?«

Ihre Wiedersehensfreude verlor etwas von ihrer Spontanität. Dominique warf einen Blick zur Tür. Dann lächelte sie wieder und winkte ab. »Ach was. Wir sind unter uns. Ich käme mir ziemlich blöd vor, wenn du mich so nennen würdest. Setz dich doch.«

Zweifelnd sah André auf den brokatbezogenen Stuhl mit den zierlichen Beinen. Erst als Dominique sich gesetzt hatte, ließ auch er sich vorsichtig nieder.

»Warum wolltest du Jean deinen Namen nicht nennen?«

Betreten zuckte er mit den Schultern. »Ich war mir nicht sicher, ob du mich dann empfangen würdest. Dein Gatte hat dir bestimmt nichts Schmeichelhaftes über mich erzählt.«

»Oh, der.« Dominiques fröhliche Miene erstarb. André war in der Manufaktur als Brennmeister in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Bis ihn Jacques entlassen hatte. »Er meinte, du hättest Waren gestohlen.«

»Das stimmt nicht! Keine einzige Scherbe habe ich je mitgehen lassen! Er hat mir das angehängt.«

»Warum hätte er das tun sollen?«, fragte Dominique ernst.

»Weil ich dahintergekommen war, dass er an Zinn sparte. Deswegen wurden die Rohlinge so brüchig.«

Dominique atmete zischend aus. Solange ihr Vater den Betrieb geleitet hatte, war die Qualität ihrer Fayencen immer gerühmt worden, und seine Waren wurden deswegen derjenigen der Konkurrenz vorgezogen. Als Dominique nach Jacques’ skandalumwitterten Tod die Leitung übernommen hatte, musste sie feststellen, dass sie viele alte Kunden verloren hatten. Erst nach einer Weile hatte sie herausgefunden, woran das lag. »Du hast davon gewusst? Warum hast du nichts gesagt?«

»Das habe ich ja! Aber ich habe mich an deinen Mann gewendet. Er wollte nichts davon wissen. Stattdessen warf er mir vor, es sei meine Schuld. Ich würde nicht gut genug auf die Brenntemperatur achten.«

»Du?«, fragte Dominique überrascht. Ihr Vater hatte André immer für seine Fähigkeiten und seine Zuverlässigkeit gelobt. Einen besseren Brennmeister als André gäbe es nicht, hatte er immer wieder betont.

»Ja. Ich habe mich gewehrt, und das hat ihm nicht gepasst. Deshalb hat er mich kurzerhand auf die Straße gesetzt.«

»Warum bist du nicht zu mir gekommen?«

André sah sie an, ohne eine Antwort zu geben.

Dominique verzog den Mund. »Tut mir leid.« Sie hätte ihm damals nicht geglaubt. Als sie von Jacques hörte, dass er André beim Stehlen erwischt hatte, war sie bitter enttäuscht gewesen, dass ihr Kindheitsfreund so etwas getan hatte. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, an Jacques’ Worten zu zweifeln. Damit hatte sie erst nach seinem Tod begonnen. Als sie plötzlich herausgefunden hatte, dass vieles nicht so gewesen war, wie er vorgegeben hatte. Als sie herausgefunden hatte, wie er gestorben war …

Der Schmerz über seinen Verrat bemächtigte sich wieder ihrer Brust und machte ihr das Atmen schwer. Unweigerlich beugte sie sich vor und zog die Schultern zusammen. Wann würde das endlich aufhören? Würde sie jemals vergessen können, was der Mann, den sie so geliebt hatte, ihr angetan hatte?

»Es tut mir leid«, sagte André leise. »Ich hätte nicht einfach gehen sollen. Ich hätte es dir sagen müssen.«

Dominique schloss für einen Augenblick die Augen. Sie wusste, dass André damit nicht nur auf die brüchigen Rohlinge anspielte. Dann öffnete sie sie wieder und schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, meine Ehe war nicht deine Angelegenheit. Das war ganz allein meine. Und ich hätte dir wahrscheinlich sowieso nicht geglaubt.«

»Aber wir waren einmal Freunde.«

Die Erinnerung, wie sie zusammen Verstecken gespielt und die Passanten auf der Straße mit einem ›verlorenen‹ Geldbeutel an der Nase herumgeführt hatten, zauberte wieder ein Lächeln auf ihr Gesicht. »Das stimmt.« Die Kinder der Manufakturarbeiter waren eine wilde Bande gewesen, und André der schlimmste von allen. Mit ihm war sie durch die Stadt gestreift und hatte jeden Winkel ausgekundschaftet. Am Hafen hatten sie vor den Schiffen gestanden und sich ausgemalt, wie sie als blinde Passagiere die Welt entdecken würden. Und sie hatten sich einen Spaß daraus gemacht, auf die alte Stadtmauer zu klettern und ins weite Land zu schauen, bis die Wachen sie entdeckt hatten und ihnen nachgejagt waren. Natürlich kannten sie jeden Unterschlupf, den es entlang des alten Gemäuers gab, sodass sie den Wachen immer entwischt waren. In ihren Verstecken hatten sie sich dann ins Fäustchen gelacht, wie sie die armen Trottel austricksen konnten.

Es war die herrlichste Zeit ihres Lebens gewesen. »Bis ich aufs Internat musste. Danach … war es anders.« In jenen Jahren wurde das wilde Mädchen in eine Dame verwandelt und bei ihrer Rückkehr in die entsprechenden Gesellschaftsschichten eingeführt. In diesem Leben hatten ihre ehemaligen Spielkameraden keinen Platz mehr gehabt.

»Ja.« Verlegen drehte André den Hut in den Händen. »Ich sollte auch nicht hier sein. Aber ich wollte nicht in die Manufaktur kommen. Henri hätte mich wahrscheinlich nicht vorgelassen.«

Plötzlich sah sie sich mit Andrés Augen im Salon um. Die altmodischen, aber feinen Möbel, die gemusterten Teppiche, die Gemälde an der Wand – aus diesen Dingen sprach ihre Stellung in der Gesellschaft, die einen tiefen Graben zwischen ihr und ihrem Freund aus Kindheitstagen riss. »Warum bist du gekommen?«

»Ich wollte dich fragen, … ob ich wieder für dich arbeiten könnte.«

Dominique runzelte die Stirn. »Bist du nicht nach Rouen gegangen, nachdem …«

»Ja, zu Guillibaud.«

Diese Manufaktur gehörte zu Dominiques erbittertsten Konkurrenten. Wäre André nicht ein alter Freund gewesen, hätte sie angenommen, dass Guillibaud ihn geschickt hätte, um ihre Betriebsgeheimnisse auszuspionieren. »Warum willst du dort weg?«

»G

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Wie ein schottischer Sturm" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen