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Wie ein Prinz aus dem Märchen

Melissa McClone

Wie ein Prinz aus dem Märchen

1. KAPITEL

Im Vorübergehen grüßte Kronprinz Nikolas von Veronia den persönlichen Assistenten seines Vaters und die beiden Palastwachen, dann betrat er das Büro des Königs. Sein Terminkalender war zum Bersten gefüllt. Die bevorstehende Außenhandelskonferenz wuchs sich immer mehr zu einem Albtraum aus, und Prinzessin Juliana von Aliano wartete schon lange auf eine Einladung zum Essen. Dennoch kam es nicht infrage, eine Vorladung des Regenten zu ignorieren, selbst wenn sie seine Pläne für den Rest des Tages durchkreuzte oder sein dringlichstes Projekt, die Modernisierung des provinziellen Landes, darunter litt.

Als er eintrat, saß der König hinter seinem riesigen Schreibtisch aus Mahagoni und las konzentriert in einem umfangreichen Aktenordner. Sein ehemals dunkles Haar schimmerte weiß wie die schneebedeckten Gipfel der Berge Veronias, und tiefe Falten durchzogen sein Gesicht. Mit der Lesebrille auf der Nase wirkte er mehr wie ein Professor als der kampferprobte Heerführer und Herrscher, der den größten Teil seines Lebens damit verbracht hatte, sein Land gegen alle Widerstände zu vereinen.

Um ihn nicht zu stören, blieb Nikolas schweigend vor dem Schreibtisch stehen.

Durch ein geöffnetes Fenster wehte süßer Blumenduft aus den königlichen Gärten ins Zimmer, und er kam Nikolas wie ein Friedensbote vor. Erst vor fünf Jahren hatte es einen Friedensvertrag zwischen den sich bekämpfenden Parteien gegeben. Zwar kam es gelegentlich noch zu Spannungen zwischen den ehemaligen Gegnern, doch der Friede hielt, und Nikolas arbeitete beständig daran, ihn zu sichern.

Als sein Vater ihm nach einer geraumen Weile immer noch keine Aufmerksamkeit schenkte, räusperte er sich nachdrücklich und sagte: „Du hast nach mir gesandt?“

Die Kämpfe hatten den Monarchen vorzeitig altern lassen, Trauer hatte ein Übriges getan, doch jetzt erhellte ein strahlendes Lächeln seine Züge. „Ich habe gute Nachrichten für dich.“

„Das ist eine angenehme Abwechslung, nachdem ich mich den ganzen Vormittag mit den widersprüchlichen Forderungen der Handelsdelegationen herumplagen musste.“

„Wir haben deine Brautschatulle aufgespürt!“

Mit allem hatte Nikolas gerechnet, nur nicht damit! Einem alten veronianischen Brauch zufolge musste jeder Prinz seine über Generationen weitervererbte Schatulle am Tag seiner Hochzeit an seine Braut überreichen.

Sein Exemplar war jedoch vor über zwanzig Jahren verschollen, als im Land Unruhen ausgebrochen waren.

„Bist du sicher, dass es sich tatsächlich um meine Schatulle handelt?“

„So sicher ich sein kann, ehe ich sie in Händen halte.“

„Wo befindet sie sich?“

„In den USA. Genauer gesagt in Charlotte im Bundesstaat North Carolina.“

„Wie ist sie da bloß hingekommen?“, wunderte sich Nikolas, doch letztendlich war es ihm gleichgültig, solange er sie nur zurückerhielt.

„Wie wurde sie gefunden?“, erkundigte er sich neugierig.

„Über ein Antiquitätenforum im Internet. Der derzeitige Besitzer suchte darüber nach dem passenden Schlüssel. Er übersandte mir ein Foto, das meinen Verdacht bestätigte.“

„Ist es nicht eine Ironie des Schickals, dass moderne Technik unseren uralten Brauch rettet?“ Und sie brachte mehr zuwege als ein Heer von Privatermittlern, das jahrelang vergebens nach der Schatulle gefahndet hatte.

„Gelegentlich ist sie von Nutzen. Unser Volk hängt jedoch an seinen Traditionen. Das darfst du nicht vergessen, wenn du eines Tages regierst.“

„Du weißt, dass ich stets im Sinn Veronias handle.“ Pflichtbewusstsein lag Nikolas im Blut, denn bereits seit achthundert Jahren herrschte seine Familie über das Land. „Aber wir müssen mit der Zeit gehen, wenn wir im einundzwanzigsten Jahrhundert bestehen wollen!“

„Dennoch hast du einer arrangierten Ehe zugestimmt.“

Gleichmütig zuckte Nikolas die Schultern. Er betrachtete seine bevorstehende Hochzeit als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Julianas stattliche Mitgift und die weitreichenden Beziehungen ihres Heimatlandes würden Veronia zugute kommen. Zudem würde eine königliche Hochzeit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregen und den gerade erst im Entstehen begriffenen Tourismus fördern.

„Ich hänge nicht an den alten Bräuchen, doch ich werde alles tun, was unserem Land nützt.“

„Genau wie ich.“ Sein Vater schloss den Ordner auf dem Schreibtisch. „Befindet sich der Schlüssel zu der Schatulle noch in deinem Besitz?“

„Natürlich.“ Seit ihm vor über zwanzig Jahren befohlen worden war, ihn nie abzulegen, hatte Nikolas ihn ständig an einer Kette um den Hals getragen. Jetzt holte er ihn unter seinem Hemd hervor. „Kann ich die Kette jetzt endlich ablegen?“

„Nein. Du musst sie nach North Carolina mitnehmen.“

„Jovan kann an meiner Stelle fliegen. Ich bin derzeit unabkömmlich, mein Terminkalender ist randvoll, und Prinzessin Juliana weilt zu Besuch.“

„Die Schatulle ist dein Eigentum, du wirst sie persönlich nach Hause holen. Alle Arrangements sind bereits getroffen. Dein Assistent hat inzwischen den Reiseplan und alle nötigen Informationen erhalten.“

Nikolas presste kurz die Lippen fest aufeinander. Widerstand war zwecklos, das Wort des Königs galt, egal wie er darüber dachte. „Gut. Allerdings habe ich sie noch nie gesehen.“

„Doch, das hast du. Vermutlich ist es dir entfallen, weil du damals noch ein Kind warst.“

Die einzigen Erinnerungen an seine Kindheit bezogen sich auf die Kämpfe. Umso entschlossener arbeitete er heute daran, den Frieden zu wahren. Und nun, da nichts mehr seiner Heirat im Weg stand, würde eine seiner nächsten Aufgaben darin bestehen, einen Erben zu zeugen.

„Soll ich Juliana vor meiner Abreise um ihre Hand bitten oder erst nach meiner Rückkehr?“

Bedauernd runzelte der König die Stirn. „Du wirst ihr keinen Antrag machen!“

„Wie bitte?“ Unwillkürlich hatte Nikolas die Stimme erhoben, senkte sie jedoch sogleich wieder, als ihm einfiel, dass das Fenster offen stand und sich im Vorzimmer Leute aufhielten. „Wir verhandeln seit Monaten mit dem Ältestenrat von Aliano über diese Heirat! Sogar die Separatisten befürworten sie. Das einzige Problem war bisher die fehlende Brautschatulle. Wenn wir jetzt die Hochzeit unnötig verzögern, senden wir das falsche Signal aus!“

„Kein Heiratsantrag!“

Schock und Frustration hielten sich bei Nikolas die Waage. Die Suche nach der geeigneten Braut hatte über ein Jahr gedauert, und er wollte nicht wieder von vorn beginnen. „Du hast selbst gesagt, dass Juliana eine ausgezeichnete Ehefrau und künftige Königin abgeben wird!“

„Das stimmt. Dennoch …“ Sein Vater nahm die Brille ab und rieb sich mit dem Handrücken über die Augen. „Bist du in sie verliebt?“

Liebe? Dass sein traditionsbewusster Vater dieses Thema ansprach, überraschte Nikolas. Die arrangierte Ehe seiner Eltern vor Augen, hatte er niemals erwartet, aus Liebe heiraten zu dürfen. Ein Kronprinz musste in erster Linie seinem Land dienen.

„Wir verstehen uns sehr gut. Ich schätze ihre Schönheit und Intelligenz. Das Interesse der Weltöffentlichkeit an unserer Hochzeit wird dem Tourismus zugutekommen. Zudem verschafft mir der Bund mit Aliano das für den Wiederaufbau benötigte Kapital und wertvolle Kontakte zu anderen Ländern.“

„Du hast alles gründlich bedacht!“

„Das hast du mir so beigebracht, Vater.“

„Und Juliana? Wie steht es um ihre Gefühle?“

„Sie mag mich ebenfalls. Und sie weiß, was von ihr erwartet wird.“

„Ist sie in dich verliebt? Du bist alt genug zu wissen, was eine Frau für dich empfindet.“

Nikolas dachte kurz an ihren letzten gemeinsamen Ausflug zurück. Sie hatten die Sicherheitsbeamten am Strand zurückgelassen und waren aufs Meer hinausgefahren. Auf dem Boot hatte er sie zum ersten Mal geküsst. Es war … angenehm gewesen, doch sie schien mehr am Segeln interessiert als an einem weiteren Kuss. „Nein, sie ist mit Sicherheit nicht in mich verliebt.“

„Gut.“

„Was soll das heißen? Gibt es Probleme mit Aliano?“

„Nein.“ Sein Vater seufzte tief, und Nikolas schwante Böses. „Allerdings ist eine andere Komplikation eingetreten.“

Aus dem Kofferradio in Rowdy’s One Stop Garage in Charlotte, North Carolina, dröhnte ein Countrysong, es roch nach Motoröl, Benzin und Schmierfett. Isabel Poussard, von allen Izzy genannt, beugte sich tief über den Motorblock eines Chevrolet 350 und versuchte zum wiederholten Mal, einen festsitzenden Bolzen zu lösen. Aufgeben oder um Hilfe bitten, kam für sie nicht infrage. Als einzige Frau unter männlichen Kollegen lag ihr sehr daran, ihre Ebenbürtigkeit stets aufs Neue zu beweisen. Noch einmal setzte sie den Schraubenschlüssel an. „Komm schon! Dreh dich endlich!“ Eine Haarsträhne löste sich aus ihrem Pferdeschwanz, fiel ihr über die Augen und verdeckte ihr die Sicht.

Gern hätte sie sich von einem Friseur einen frechen Kurzhaarschnitt verpassen lassen, scheute jedoch die Ausgabe. Sich das Haar selbst zu schneiden wagte sie nicht, und Onkel Frank, der das früher übernommen hatte, lebte nicht mehr. Seine Bemühungen hatten sie immer wie einen Jungen aussehen lassen, doch das war ihr egal gewesen. Bis heute hing kein einziges Kleid in ihrem Schrank.

Entschlossen schob sie sich die Strähne hinters Ohr und befasste sich wieder mit dem widerspenstigen Bolzen. Ihre schweißfeuchten Hände rutschten von dem Schraubenschlüssel ab, und sie machte ihrer Frustration Luft: „Wie soll ich jemals als Rennwagenmechanikerin arbeiten, wenn ich nicht einmal diesen dämlichen Bolzen lösen kann!“

Sehnsüchtig dachte sie an das Daytona 500, ein alljährlich in Florida stattfindendes spektakuläres Autorennen: die begeisterten Zuschauer, den glühend heißen Asphalt, den Geruch nach verbranntem Gummi und das Dröhnen der Motoren.

Onkel Frank, der sie aufgezogen und sein Leben lang für sie gesorgt hatte, hatte auch seine Liebe zu Autos und sein großes Wissen darüber mit ihr geteilt. Sein Ziel, in einem Rennstallteam zu arbeiten, hatte er nicht verwirklichen können und entsprechende Angebote ausgeschlagen, um sich nicht von seiner Nichte trennen zu müssen. Dann hatte ein Aneurysma seinem Leben vorzeitig ein Ende gesetzt. Nun sah Isabel es als ihre Aufgabe an, seinen Traum zu realisieren.

Sie sparte eisern auf die Anmeldegebühren für eine Schule für Rennwagenmechaniker. Später wollte sie ganz vorn mitmischen, bei den großen Rennen des amerikanischen Motorsportverbandes oder in der Formel 1. Ihr ehrgeiziges Ziel war es, eines Tages eine Boxencrew als Chefmechanikerin zu leiten. Sie wollte etwas aus ihrem Leben machen – etwas ganz Großes!

Ein weiterer Versuch mit dem Schraubenschlüssel brachte endlich den gewünschten Erfolg. Langsam löste sich der Bolzen.

„Hey Izzy!“, übertönte Boyd, ihr bester Freund und Sohn ihres Arbeitgebers, die laute Musik aus dem Radio. „Draußen ist jemand, der mit dir reden will.“

Das war nichts Außergewöhnliches. Ihr Gespür für alte wie auch die neuesten Motoren hatte sich herumgesprochen und brachte der Werkstatt täglich neue Kundschaft ein. Obendrein war sie bekannt für ihr profundes Verständnis für die elektronischen Aspekte beim Autobau und ihren diagnostischen Instinkt. Aus diesen Gründen hatte ihr Rowdy, der Inhaber der Werkstatt, erst vor Kurzem eine Gehaltserhöhung gewährt. Wenn es so weitergeht, werde ich mich schon in wenigen Monaten in der Schule anmelden können, dachte sie zufrieden. Sie legte Schraubenschlüssel und Bolzen auf ihrer Werkzeugkiste ab und trat aus der Werkstatt hinaus ins Freie.

Dort empfing sie strahlender Sonnenschein, und sie sog gierig die frische, klare Luft ein. Der Frühling war ihre liebste Jahreszeit, im Sommer herrschte meist drückend schwüle Hitze.

Vor dem Gebäude parkte eine große schwarze Limousine. Durch die dunkel getönten Fensterscheiben konnte sie die Insassen nicht erkennen, doch uniformierte Polizisten neben dem Fahrzeug legten den Schluss nahe, dass es sich um wichtige Persönlichkeiten handeln musste.

Nervös wischte sie die Hände an ihrem Overall ab. Einer der Polizisten musterte sie kritisch, als wollte er abschätzen, wie gefährlich sie war. Ein Glück, dass sie den schweren Schraubenschlüssel in der Werkstatt gelassen hatte!

In diesem Moment ging die Fahrertür auf, der Chauffeur entstieg dem Auto, ging darum herum und öffnete den hinteren Wagenschlag. Ein gut aussehender, seriös wirkender Mann in Designeranzug und mit auf Hochglanz polierten schwarzen Schuhen stieg aus und fragte: „Sind Sie Isabel Poussard?

Wieso kennt er meinen Namen? fragte sie sich argwöhnisch. Onkel Frank hatte ihr beigebracht, Vorsicht im Umgang mit Fremden walten zu lassen. Sie richtete sich zu ihrer vollen Höhe auf, hob das Kinn angriffslustig und bedachte den Fremden mit einem hochmütigen Blick, mit dem sie schon aufdringliche Verehrer in die Flucht geschlagen hatte. „Wer will das wissen?“

Mehr amüsiert über ihr Auftreten als davon beeindruckt, stellte der Mann sich ihr vor: „Mein Name ist Jovan Novak. Ich bin persönlicher Assistent seiner Königlichen Hoheit Kronprinz Nikolas von Veronia.“ Er sprach mit leichtem Akzent.

„Von dem Prinzen habe ich noch nie gehört.“ Doch der Name des Landes erschien ihr seltsam vertraut. Sie dachte kurz nach, dann fiel es ihr ein: „Veronia wird gelegentlich in den Nachrichten erwähnt.“

In diesem Moment fragte Boyd von der Werkstatt her: „Izzy, brauchst du Hilfe?“

Sie wandte sich zu ihm um. Er stand an der Tür, ein Bär von einem Mann, einen Hammer in der Hand, und starrte neugierig zu ihr herüber. Sein Anblick ließ sie schmunzeln. Seit jeher behandelte er sie wie eine kleine Schwester, was ihr gut gefiel, da sie keine Familie besaß. Gelegentlich hatte er jedoch auch schon den einen oder anderen ihrer Bewunderer abgeschreckt, wenn sie sich direkt von der Arbeit zu einer Verabredung abholen ließ – was aus diesem Grund kaum noch vorkam.

„Nein, danke. Ich gebe dir Bescheid, falls es so weit kommt.“

Damit wandte sie sich wieder ihrem Gesprächspartner zu. Der Mann wirkte sportlich, dennoch glaubte sie, auch ohne Hilfe mit ihm fertig zu werden. Nicht umsonst hatte Onkel Frank sie als Kind zum Selbstverteidigungsunterricht geschickt, immer noch trainierte sie regelmäßig im Fitnessstudio Kraft und Ausdauer, was für ihren Beruf unerlässlich war.

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ Jovan lächelte freundlich und reichte ihr die Hand, die sie unwillkürlich ergriff und kurz schüttelte, ehe sie sie wieder losließ.

Meistens beschränkten sich ihre Kunden auf ein kurzes Gespräch über ihr Auto. Ließ sich gelegentlich ein Mann auf eine persönliche Unterhaltung ein, folgte fast immer eine private Einladung.

„Benötigt Ihr Wagen eine Reparatur, oder haben Sie andere Wünsche? Ich stecke gerade mitten in der Arbeit“, fragte sie wenig kundenfreundlich, da ihr etwas aufgefallen war, das ihr Unbehagen bereitete: Er kannte nicht nur ihren vollständigen Namen, sondern war obendrein viel zu gut gelaunt für jemand, der Ärger mit seinem Auto hatte.

„Einen Moment bitte“, antwortete er gelassen, kehrte ihr den Rücken zu und beugte sich in den Wagen.

Langsam wurde Isabel ungeduldig. Die Zeit drängte. Sobald der Chevrolet repariert war, musste sie sich um einen Dodge Minivan kümmern, auf den eine erschöpfte Mutter von vier Kindern bereits sehnsüchtig wartete.

Schließlich tauchte er wieder aus dem Wagen auf, gefolgt von einem Mann in dunklem Anzug, der gut einen Meter achtzig groß war. Das braune Haar reichte ihm fast bis auf die Schultern, lange dunkle Wimpern betonten ausdrucksvolle blaugrüne Augen. Eine Narbe auf der rechten Wange verlieh seinem markanten Gesicht einen Hauch von Verwegenheit.

Überrascht rang Isabel nach Luft, denn er sah ausgesprochen interessant und attraktiv aus. Unwillkürlich straffte sie die Schultern und hob den Kopf, dennoch reichte sie ihm höchstens bis zum Kinn.

Er entstammte einer ihr fremden Welt, das bewiesen die Limousine, die teure Kleidung, der Privatsekretär und die Polizeieskorte, und geheimnisvolle reiche Männer waren ihr suspekt. Sie wollte lieber nichts mit ihm zu tun haben!

Dennoch gestattete sie sich einen zweiten Blick. Er könnte für das Cover eines Männermagazins posieren, dachte sie bewundernd, denn er bewegte sich geschmeidig und anmutig wie ein Athlet. Gleichzeitig verfügte er über eine überwältigende Ausstrahlung, die alle anderen in den Hintergrund treten ließ. Er faszinierte sie wie niemand zuvor.

Ich werde nicht mehr so viele Überstunden machen und wieder öfter ausgehen und Spaß haben, nahm sie sich fest vor. Dann würde sie beim Anblick des nächsten Prachtkerls, der ihren Weg kreuzte, nicht gleich wieder in Tagträume verfallen!

„Sie also sind Isabel Poussard.“ In seiner warmen, tiefen Stimme klang neben einem britischen Akzent noch ein anderer Tonfall mit, den sie nicht identifizieren konnte.

Um Worte verlegen nickte sie nur.

Abschätzend betrachtete er sie von oben bis unten. Ob sie ihm gefiel, konnte sie seinem Mienenspiel nicht entnehmen.

Mir ist ganz egal, was er von mir hält, dachte sie trotzig. Ein Mann wie er würde sich ohnehin niemals für ein Mädchen wie sie interessieren. Dennoch, er sah einfach zum Anbeißen aus!

Schließlich erlangte sie die Herrschaft über ihre Stimme wieder. Sie hob angriffslustig das Kinn und sagte: „Sie kennen meinen Namen, doch ich weiß nicht, wer Sie sind.“

„Prinz Nikolas von Veronia.“

„Ein echter Prinz?“

„Ja.“

Das würde die Polizeieskorte und den persönlichen Assistenten erklären. Oder handelte es sich bei dem hohen Besuch vielleicht um einen Streich, den Boyd ausgeheckt und inszeniert hatte, um sie den Rest ihres Lebens damit aufzuziehen? Zuzutrauen wäre es ihm!

Vorsichtig sah Isabel sich nach einer versteckten Kamera um. „Wir sind hier doch nicht bei ‚Verstehen Sie Spaß?‘“

Jovan schmunzelte, Nikolas jedoch blieb ernst. „Nein.“

Dass die Polizei bei einer solchen Posse mitspielte, erschien ihr ohnehin unwahrscheinlich. Nicht weniger undenkbar war allerdings, dass ein ausländischer Adliger sie in Rowdy’s Garage aufsuchte.

„Muss ich Sie mit Königliche Hoheit anreden?“

„Nikolas genügt.“

„Also Nikolas, was kann ich für Sie tun?“

Jovan wollte das Wort ergreifen, doch Nikolas gebot ihm mit erhobener Hand zu schweigen.

Die Geste beeindruckte Isabel, und sie überlegte, ob vor ihr tatsächlich ein leibhaftiger Prinz stand – oder lediglich ein Mann, der gern selbst redete.

„In einem Forum im Internet haben Sie nach dem Schlüssel zu einer Schatulle gesucht, die mein Eigentum ist.“

„Sie irren sich, ich habe sie von meiner Mutter geerbt. Leider fehlte der passende Schlüssel.“

„Dem Foto nach zu schließen, das Sie uns zugesandt haben, handelt es sich in der Tat um meine Kassette!“

Also haben Rowdy und Boyd doch recht gehabt! Die beiden hatten sie gewarnt, dass sie skurrile Antworten auf ihre Anzeige erhalten könnte. Letztlich hatte sie nur eine einzige E-Mail bekommen. Der Absender hatte ihre Schatulle so exakt beschrieben, dass sie ihm bereitwillig ein Foto zukommen ließ.

„Dann sind Sie also SKMKD!“

„Das ist mein Vater: Seine Königliche Majestät König Dimitri.“

Als ob ein König daran dächte, einer Fremden eine E-Mail zu schreiben wegen einer alten Kiste, so schön diese auch war! Für sie besaß sie lediglich Erinnerungswert, möglicherweise handelte es sich jedoch um eine kostbare Antiquität. „Gut, dann habe ich also mit Ihrem … Vater korrespondiert. Dennoch gehört die Schatulle mir.“

„Weil ich sie Ihnen gegeben habe.“

Was für eine dreiste Behauptung! Die Kassette war das einzige Andenken an ihre Mutter, die schon viele Jahre tot war. Nach Onkel Franks Tod hatte sie mit der Suche nach dem Schlüssel begonnen. Isabel hatte die Kassette öffnen wollen, weil sie hoffte, darin Informationen über ihre Familie, ihre eigene Vergangenheit, zu entdecken, die über das Wenige hinausgingen, was ihr Onkel ihr berichten konnte.

Wütend und enttäuscht, ihrem Ziel nicht näher gekommen zu sein, straffte sie die Schultern. „Von Veronia habe ich zwar schon gehört, war jedoch noch nie dort, und ich weiß genau, dass ich Sie noch nie getroffen habe! Zudem befindet sich die Schatulle in meinem Besitz, so lange ich denken kann.“

„Seit dreiundzwanzig Jahren, um genau zu sein. Sie waren noch ein Baby, als ich sie Ihnen gab.“

Da er nur wenig älter sein konnte als sie, wäre er damals selbst noch ein Kind gewesen.

„Ja, ich weiß, das hört sich verrückt an“, fuhr der Prinz fort, dem ihr skeptischer Blick nicht entgangen war.

„Allerdings!“

„Aber ich bin nicht durchgedreht.“ Er sah zu seinem Assistenten. „Oder, Jovan?“

„Bestimmt nicht“, bestätigte dieser, schien sich dabei jedoch prächtig zu amüsieren.

„Sie werden dafür bezahlt, einer Meinung mit Ihrem Chef zu sein“, wandte Isabel ein.

„Fällt es Ihnen leichter mir zu glauben, wenn ich Ihnen verrate, dass ich Rechtsanwalt bin?“

„Nein.“ Betrachteten gut aussehende, exzentrische Adelige es vielleicht als angenehmen Zeitvertreib, harmlose Menschen zu belästigen? „Können Sie sich eigentlich ausweisen?“

Beide Männer sahen sie überrascht an, und im selben Augenblick dämmerte es Isabel, dass die Polizei weder Zeit noch Steuergelder verschwenden würde, um einen Irren zu beschützen, der sich als Prinz ausgab. Natürlich waren seine Angaben gründlich überprüft worden. „Angenommen Ihre Behauptungen sind wahr …“

„Das sind sie“, warf Nikolas ein.

Wie sie es hasste, unterbrochen zu werden! Sie schöpfte tief Atem, um ihre aufkeimende Ungeduld zu bezwingen. „Wieso sollten Sie diese Kassette einem Baby geben? Dahinter muss doch eine Absicht stecken!“

„Es ist ein alter Brauch in meinem Land, eine Tradition. Jeder Prinz von Veronia überreicht seiner Braut bei der Hochzeit eine Brautschatulle.“

„Das erklärt immer noch nicht, wieso Sie sie mir gegeben haben.“

„Weil ich Ihr Ehemann bin.“

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