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Wie ein Falke im Sturm

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. I. Teil
    1. Dunkelheit
    2. 13. Februar 1152, Wangen
    3. 13. Februar 1152, Bamberg
    4. 27. Juli 1148, Damaskus
    5. Bamberg
    6. 15. Februar 1152, Wangen
    7. 22. Februar 1152, Köln
  8. II. Teil
    1. Dämmerung
    2. 25. Juli 1148, Damaskus
    3. 29. Februar 1152, Unterwegs nach Frankfurt
    4. 1. März 1152, unterwegs nach Frankfurt
    5. 26. Juli 1148, Damaskus
    6. 3. März 1152, Frankfurt
    7. 4. März 1152, Frankfurt
    8. 5. März 1152, Frankfurt
  9. III. Teil
    1. Licht
    2. 6. März 1152, auf dem Rhein
    3. 6. März 1152, Frankfurt
    4. 8. März 1152, Aachen
    5. 9. März 1152, Aachen
    6. 27. Juli 1148, Damaskus
    7. 10. März 1152, Aachen
  10. Nachwort
  11. Glossar
  12. Handelnde Figuren
  13. Dank

Über den Autor

Simon X. Rost, geb. 1972, arbeitet als Regisseur und Drehbuchautor sowohl für Lübbe Audio (Mitschnitt, Die Playmos) als auch für Theater, Film und Fernsehen. Simon X. Rost wohnt in Stuttgart.

Besuchen Sie auch die Internetseite des Autors:

www.simonxrost.de

Simon X. Rost

Wie ein Falke
im Sturm

Historischer Roman

Für meine Eltern

I. Teil

Dunkelheit

»Der Blitz raubt ihnen beinahe das Augenlicht. Sooft er ihnen Licht gibt, gehen sie darin voran, und wenn es dunkel um sie wird, so bleiben sie stehen. Und wenn Allah wollte, hätte Er ihnen gewiss Gehör und Augenlicht genommen. Wahrlich, Allah ist über alle Dinge mächtig.«

Koran, zweite Sure, Vers 20

I. Teil

Dunkelheit

»Der Blitz raubt ihnen beinahe das Augenlicht. Sooft er ihnen Licht gibt, gehen sie darin voran, und wenn es dunkel um sie wird, so bleiben sie stehen. Und wenn Allah wollte, hätte Er ihnen gewiss Gehör und Augenlicht genommen. Wahrlich, Allah ist über alle Dinge mächtig.«

Koran, zweite Sure, Vers 20

13. Februar 1152, Wangen

Das Lachen des hünenhaften Mannes mit der dunklen Haut dröhnte über den Marktplatz, und die Händler und Kaufleute wandten den Kopf, um den merkwürdigen Fremden besser sehen zu können. Sein ausgestreckter Finger deutete auf einen kleinwüchsigen Mann, der ihm gegenüber an einem der aufgereihten Schanktische saß. »Dem Zwerg ist Dummbeutel. Er versteht dem einfach nicht! Er hört dem nicht zu!«

Jasmo verschluckte sich an dem letzten Rest Bier aus seinem Krug. Erst hustete er, dann schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. »Selber Dummbeutel, Muselmann! Einer muss es ihm doch sagen, und wenn du nicht Manns genug bist, tu ich’s eben! Besorg uns lieber noch was von der wässrigen Plörre, die sie hier Bier nennen, bevor ich dich einen Kopf kürzer mache!«

Jasmo schob seinen leeren Krug über das grobe Holz. Der Hüne, der ihm gegenübersaß, lachte so laut auf, dass die umstehenden Besucher des Marktages noch neugieriger auf die beiden Streitenden starrten. Die Menschen traten näher, um nichts davon zu verpassen, was ein unterhaltsames Schauspiel an einem kalten Februartag zu werden versprach.

»Und wie willst du dem machen, Zwerg? Steigst du auf dem Tisch und stellst Stuhl obendrauf?«

»Ich heiße Jasmo, falls es dir entgangen sein sollte, Holzkopf, und ich bin schneller, als ein Heide wie du auf drei zählen kann, auf deine Schulter geklettert und hab dir eine Kerbe in den Hals gehauen!«

»Versuch dem doch, kleiner Mann, versuch dem! Wenn ich dir am Hals packe, kommst du mit Armen nicht bis zu mein Kopf, und Füße hängen in Luft!« Wieder lachte er schallend.

Jasmo war rot angelaufen, und die umstehenden Bauern, Handwerker, Wirte, vereinzelte Ritter und Mönche umringten sie jetzt, als wären die beiden eine bestellte Gauklertruppe. Fassungslos starrten sie auf den flachsblonden Kleinwüchsigen in der bunten Narrenkluft und auf den baumlangen Muselmanen, dessen dunkle Haut in der Wintersonne glänzte und an dessen fremdartigem Waffenrock ein reich verzierter Dolch und zwei Krummsäbel hingen.

Jasmo stieg tatsächlich auf den Tisch und presste seine kleine, spitze Nase an die dicke, wulstige des Sarazenen. »Ach ja? Ach ja? Langsam krieg ich richtig schlechte Laune, Hasan Ölauge, und ich warne dich: Wenn ich schlechte Laune habe, wirst du dir wünschen, deine Mutter hätte deinen fetten Arsch niemals auf diese Welt gepresst!«

Hasan presste die Kiefer aufeinander, und sein Hals schwoll an. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf, sodass er den Narren um mindestens drei Köpfe überragte, obwohl dieser auf dem Tisch stand. Die Gaffer um sie herum hielten den Atem an. Hasan spie seine nächsten Worte förmlich aus. »Pass auf, was du dem von meinem Mutter redest, Zwerg, sonst siehst du heute noch deinem Gott!«

»Ach ja? Dann nimm den ›Dummbeutel‹ zurück, aber schnell!«

»Niemals.«

»Sofort! Oder ich …«

»SCHLUSS JETZT

Der Schrei ließ alle auf dem Marktplatz zusammenfahren. Keiner hatte dem dritten Mann am Tisch des Hünen und des Zwerges bislang Beachtung geschenkt, weil er das Gesicht in den Händen vergraben hatte, als seine Tischnachbarn zu streiten anfingen. Doch jetzt ruhten aller Augen auf ihm.

Der Mann war noch jung, doch graue Schläfen ließen ahnen, dass er bereits einiges erlebt hatte. Vor allem die lederne Augenklappe über dem linken Auge und die Narbe, die sich von der Stirn bis zu seinem rechten Jochbein zog, legten nahe, dass er kein Grünschnabel mehr war. Er trug einen schwarzen Mantel über einem ebenso schwarzen Rock, und ein Kettenhemd spannte sich über seiner breiten Brust. Doch an seiner Seite hing kein Schwert, keine Axt, ja nicht einmal ein Dolch, was vor allem den umstehenden Rittern befremdlich vorkam.

Der Mann schüttelte entnervt den Kopf, wobei sein schulterlanges schwarzes Haar aus dem Gesicht fiel und seine scharf geschnittenen Züge zeigte. Er sah aus wie ein Prinz. Ein Prinz mit einer Augenklappe.

Der Ritter stand auf, legte jedem der beiden Streithähne eine Hand auf die Schulter und drückte sie zurück auf ihren Platz. »Ihr haltet jetzt den Mund! Beide! Verstanden?«

Sein eines Auge funkelte in eisigem Blau, und der Hüne und der Zwerg schluckten, als der Blick sie traf. Schweigend setzten sie sich hin, und die Schaulustigen zerstreuten sich langsam und traten in den schmatzenden Matsch zwischen den Marktständen.

Es herrschte Tauwetter, und die Eiszapfen an den Dächern tropften auf die aufgespannten Leinenbahnen über den Auslagen der Tuchhändler und Fleischer. Vogelhändler standen vor gestapelten Käfigen und boten Finken, Dompfaffen und Nester mit Eiern an. Mit ihrem Geschrei versuchten sie die Seiler nebenan zu übertönen, die lautstark Hanf und Flachs, Bindfäden und Zeltplanen anpriesen. Der Geruch von Zwiebeln, Knoblauch, gebratenem Schwein und gekochtem Fisch, gemischt mit dem Duft von Honigkuchen und Bier, hing in einer dichten Wolke über dem Platz.

»Weißt schon, hab’s nicht so gemeint …« Jasmos Murmeln war zwar für ihn selbst kaum zu hören, aber der Sarazene wusste die zerknirschte Miene des Narren zu deuten, und auch seine Züge entspannten sich.

»Ich bitte um dem Verzeihung. Ich vergesse dem Manieren.« Hasan neigte das Haupt zu einer kleinen Verbeugung, und der Zwerg tat es ihm nach.

Wieder trat Schweigen ein. Bis Jasmo aus tiefer Seele seufzte. »Und doch ist es eine Schande, Ditho, eine gottvergessene Schande, was du tust!«

»Und warum?«

»Weil du ein Ritter bist, zur Hölle!«

Einige Bauern und Handwerker merkten auf, als der kleine Mann von der Hölle sprach, und bekreuzigten sich.

Jasmo senkte die Stimme. »Du kannst nicht im Ernst ein Unfreier werden. Warum zum Henker solltest du das wollen?«

»Das habe ich dir schon gesagt. Weil ich ein Ministeriale werden will. Ich ziehe nicht mehr in den Kampf. Ich werde lesen und schreiben lernen und meine Dienste König Konrad anbieten. Er will nach Rom und Kaiser werden. Er wird lange weg sein und braucht Leute, die sein Reich verwalten.«

»Er braucht vor allem Krieger, und du bist ein Krieger, Ditho von Ravensburg! Dein Vater ist noch keine Woche unter der Erde, und er dreht sich schon jetzt im Grabe um, wenn er dich reden hört!«

»Red keinen Unsinn, Jasmo. Ich habe einen Boten mit einem Brief an einen alten Freund geschickt, der sich für mich beim König verwenden soll.«

Jasmos Augen weiteten sich in Entsetzen. »Das hast du nicht!«

Hasan schmatzte ärgerlich. »Dem Zwerg ist Dummbeutel. Hört nicht zu, was du dem sagen, Ditho.«

Augenblicklich schwoll Jasmos Schlagader wieder an, und sein ohnehin gerötetes Gesicht nahm die Farbe eines gekochten Flusskrebses an. »Du wagst es, Heide? Du willst es wirklich wissen, oder?«

Jasmo sprang auf die Bank, und Hasan richtete sich wieder auf, als Dithos Hände blitzschnell nach vorne schossen und beide an den Ohren packten, worauf der Sarazene und der Narr schmerzhaft das Gesicht verzogen. Ditho sprach sehr leise, ohne die Ohren seiner Tischnachbarn loszulassen. »Ruhig, Männer. Ganz ruhig. Jasmo: Der Herr dir gegenüber heißt Hasan ibn Saud al Umara, aber ich denke, er wird sich mit Hasan begnügen. Und Hasan: Der Mann zu meiner Rechten heißt Jasmo. Nicht mehr und nicht weniger. Einfach Jasmo, und ich kenne und schätze ihn als Freund, seit wir als Kinder zusammen in der Burg meines Vaters gespielt haben. Ich bin mir sicher, ihr werdet beide bald genauso gute Freunde werden, und ich rate euch, es von ganzem Herzen zu versuchen. Sonst setzt’s was, verstanden?«

Als der Zwerg und der Hüne etwas murmelten, das Ditho mit viel gutem Willen als Zustimmung deuten konnte, ließ er sie los.

Hasan versenkte sich verschämt in seinen Humpen Milch, und Jasmo stand grunzend auf, um sich ein neues Bier zu holen.

Der Mann mit der Augenklappe ließ den Blick über die zahlreichen Marktstände schweifen, die man in Wangen aufgebaut hatte. Um das Kloster der Mönche aus dem fernen Sankt Gallen herum war im Laufe der Jahre ein Marktflecken mit Kaufmannshäusern und Handwerkerhütten entstanden. Über dem Ort thronte eine wehrhafte Schutzvogtei, von der aus man mit dem Bau einer Mauer begonnen hatte, die das Dorf schon bald umfassen würde. Viel hatte sich verändert in Wangen, seit er vor fünf Jahren zum letzten Mal hier gewesen war. Nicht einmal mehr den Turm der Neuravensburg konnte man jenseits der Hügel im Südwesten sehen, weil neue Häuser den Blick darauf verstellten.

Die Burg, auf der er seine Kindheit verbracht hatte, verfiel seit Jahren. Ditho war zutiefst erschrocken, als er sie nach seiner langen Abwesenheit zum ersten Mal wiedergesehen hatte. Das Dach war undicht, Steine brachen aus der Mauer des Palas, und die Deckenbalken im Rittersaal waren morsch. Nach der Beerdigung seines Vaters hatte er die Burg abgeschritten, hatte sich die Schäden angesehen und beschlossen, sie wieder aufzubauen, soweit seine Mittel es erlaubten. Deswegen war er mit seinen Freunden nach Wangen auf den Markt geritten und hatte mit Handwerkern gesprochen. Wangen, weil es sehr viel näher lag als Ravensburg, die Stadt seiner Vorfahren. Doch Wangen war nicht ungefährlich.

Wangen gehörte den anderen.

Ditho erinnerte sich, wie sein Vater ihn als Knaben zum ersten Mal mitgenommen hatte, als der mit dem staufischen Vogt der Stadt wegen der Flurgrenzen gestritten hatte. »Verhandeln« hatte sein Vater es genannt. Die Flurgrenzen zwischen Welfen und Staufern waren stets ein willkommener Anlass gewesen, den Händel, den die beiden Fürstengeschlechter im ganzen Reich blutig austrugen, auch noch in den letzten Winkel zu tragen. Dass Wangen und Ravensburg die letzten Winkel der Welt waren, daran hatte Ditho nie gezweifelt. Er wollte schon weg aus dieser Gegend, als er gerade einmal gehen konnte.

»Was ist hinter dem Hügel, Vater?«, hatte er gefragt, als er mit acht Jahren zum ersten Mal mit seinem Vater auf die staufische Besitzung zugeritten war.

Sein Vater hatte den Kopf schräg gelegt, überlegt und dann ausgespuckt. »Da sind Staufer. Dann kommt der See.«

»Und hinter dem See?«

»Kommen die Berge. Und dann Italien.«

»Und dahinter?«

»Das Meer.«

»Und was kommt hinter dem Meer?«

»Hinter dem Meer kommt das Heilige Land, und jetzt halt den Mund, Herrgott noch mal!«

Das Heilige Land. Ditho hatte es gesehen. Und mit einem Auge dafür bezahlt. Er wischte den Gedanken beiseite, als er sah, wie Jasmo zurückkam. Der übellaunige Hofnarr seines Vaters war zusammen mit der baufälligen Burg, mit Magda, der betagten Köchin, und mit Walther, dem stämmigen Schmied, seine einzige Erbschaft gewesen.

»Er ist da. Wir sollten verschwinden, bevor es Ärger gibt.« Jasmo war sichtlich aufgeregt. Er wies mit dem Kinn in Richtung der Marktstände.

Ein feister Ritter schritt in Begleitung einiger bewaffneter Büttel über den Platz und machte dabei einen weiten Bogen um die großen Haufen Schweinekot, die allenthalben herumlagen. Über einem roten Rock, der von einer kostbaren goldenen Tassel zusammengehalten wurde, trug er ein Kettenhemd, und ein Schwert baumelte an seinem Gürtel. Er war kahlgeschoren, und sein massiger Kopf schien direkt in den muskulösen Körper überzugehen. Der Ritter führte die kleine Truppe an, ging von Stand zu Stand und griff in die Auslagen der Händler, bediente sich nach Belieben an Geräuchertem und Pasteten, während er einem ihn begleitenden hohlwangigen Mönch etwas in dessen Wachstafel diktierte.

Die junge Marktfrau, bei der er stehen geblieben war, sah ihm mit versteinerter Miene zu, als der Ritter, ohne zu zahlen, nach ihren Waren griff. Er sagte etwas zu ihr, und sie lief rot an, genauso wie der Mönch. Die Büttel lachten.

Dithos Auge verengte sich zu einem schmalen Schlitz. »Wir gehen. Wir können das Baumaterial auch ein anderes Mal besorgen.«

Hasan war den Blicken seiner Begleiter gefolgt. »Wer ist dem Ritter?«

»Gernot von Wangen, er ist der staufische Schutzvogt hier. Dithos Vater lag mit ihm in Fehde, seit ich denken kann. Er ist streitsüchtig, unberechenbar und ein Hundsfott sondergleichen. Gehen wir.« Im Gegensatz zu seiner heißblütigen Streitlust von eben war Jasmo nun die Ruhe selbst.

Hasan entging dennoch nicht, dass der kleine Hofnarr Angst hatte. »Und dem Vater ist von Armbrustpfeil von Feigling aus Gebüsch angeschossen worden. Hat diesem Mann geschossen?« Hasan nickte fragend zu Gernot von Wangen, schloss die Faust über dem Knauf seines Schwertes und erhob sich.

Ditho legte seine Hand über die von Hasan und drückte das Schwert zurück in die Scheide. »Wir wissen es nicht. Niemand weiß es. Wir gehen jetzt zu den Pferden. Ich will keinen Ärger. Die Zeit ist noch nicht reif dafür.«

Hasan schmatzte, dann nahm er die Hand vom Schwertknauf und nickte schweren Herzens. Die drei Männer wandten sich zum Gehen, nachdem Ditho einige Münzen auf den Tisch hatte fallen lassen. Sie drückten sich durch die Bankreihen vor der Marktschänke, wo zahlreiche Viehhändler ein gutes Geschäft mit lautstarkem Gezeche feierten.

Ditho sah aus den Augenwinkeln, wie der Vogt die junge Marktfrau gepackt hatte und sie an sich drückte. Er hatte seine fleischigen Lippen dicht an ihre Wange gepresst, als würde er ihr etwas ins Ohr flüstern, während er gleichzeitig an ihrer Haut zu riechen schien. Die junge Frau versuchte sich von Gernot loszureißen, aber dessen Griff war eisern.

Ditho blieb stehen.

»Was machst du, um Himmels willen? Lass uns gehen, Ditho!«

Ditho antwortete nicht. Er starrte weiter auf den Vogt, der seine Hand inzwischen auf das Mieder der Marktfrau gelegt hatte. Ein Bauer war zu ihr getreten, offensichtlich ihr Mann. Der schmächtige Rotschopf im rissigen Leinenhemd trat forsch auf den Vogt zu, doch er wurde von den Bütteln gepackt und zu Boden geworfen. Die Frau brach in Tränen aus, und der Vogt schnaubte höhnisch.

»Ditho! Wir gehen! Das ist nicht unsere Sache!« Jasmo griff nach Dithos Mantel und wollte ihn weiterziehen.

Ditho nickte, blieb aber dennoch stehen. Er verschränkte die Arme vor der Brust. Hasan stellte sich neben Ditho, verschränkte ebenfalls die Arme und blickte in die gleiche Richtung. Jasmo seufzte, dann stellte er sich vor den riesigen Sarazenen und seinen jungen Herrn und verschränkte gleichfalls die Arme vor der Brust.

Die Kaufleute an den Schanktischen verstummten, als sie die drei schweigenden Männer in der seltsamen Pose wahrnahmen. Alle blickten zum Vogt, zu Ditho, Hasan und Jasmo und wieder zum Vogt.

Gernot von Wangen lachte laut, während die junge Frau seine breite Brust mit hilflosen Schlägen traktierte. Als Gernot die Blicke der Menge auf sich spürte, drehte er sich hastig um. »Was glotzt ihr so?«, schrie er.

Die Menschen auf dem Markt wichen seinem Blick aus, und die Kaufleute an den Tischen beugten sich über ihre Bierkrüge.

Gernot entdeckte das seltsame Dreiergespann mit den verschränkten Armen. Er ließ die Marktfrau los und schritt langsam, die Daumen in den Gürtel gehakt, auf die drei Männer zu. Die Büttel und der Mönch folgten ihm, während die Marktfrau zu ihrem am Boden liegenden Mann rannte und ihm aufhalf. Gernot blieb drei Schritte vor Ditho stehen und stemmte die Hände in die Hüften. Er wiegte den Kopf und starrte in das eine Auge seines Gegenübers. »Ditho? Ditho von Ravensburg?«

Ditho schwieg.

In Gernots Gesicht erschien ein breites Grinsen, das seine kleinen, stumpfen Zähne entblößte. »Gott, siehst du heruntergekommen aus! Sieh dich nur an! Kaum zu glauben, dass du mal ein ganz ansehnlicher Knabe warst. Was hat dich hierher verschlagen? Wir haben schon alle gehofft, du wärst im Heiligen Land verreckt!«

Gernot stieß ein meckerndes Lachen aus, doch Ditho blieb ganz ruhig. »Tut mir leid, wenn ich Euch enttäuschen muss, Vogt, aber ich lebe noch. Ich habe meinen Vater zu Grabe getragen. Irgendein Feigling hat ihn aus dem Hinterhalt erschossen, wie Ihr bestimmt wisst.«

»Jaja, dein Vater …« Gernot senkte den Blick zu Boden und nickte. Das höhnische Grinsen verschwand nicht aus seinem Gesicht.

»Sind wir mal ehrlich, Ditho. Dein Vater war ein Streithammel, niemand konnte ihn leiden, und am Ende hat er dafür bezahlt. Bis zuletzt hat er behauptet, der Wald zwischen der Argen und dem Schuppenberg gehöre ihm und nicht mir.« Gernot blickte auf. »Er war ein Lügner, Ditho, aber sein Tod hat ihm wenigstens erspart, seinen Sohn als einäugigen Bettler zurückkehren zu sehen, mit nichts als einem hässlichen Zwerg und einem ebenso hässlichen Heiden als trauriger Gefolgschaft.«

In einer flüssigen Bewegung zog Hasan seine beiden Schwerter und trat drohend einen Schritt vor. »Wen nennst du dem hässlich, Franke?«

Die Menge auf dem Marktplatz stöhnte auf, die Büttel wichen erschrocken zurück, doch Gernot blieb reglos stehen.

Ditho griff rasch nach Hasans Arm und hielt ihn zurück. »Das ist mein Streit«, sagte er leise auf Arabisch, »nicht deiner, mein Freund.«

Hasans Kiefer mahlten aufeinander, aber er blieb stehen. »Sag mir wann, und ich bringe ihn mit Freuden um.«

Ditho nickte, auch Hasan hatte in seiner Sprache geantwortet.

Die Umstehenden steckten die Köpfe zusammen, flüsterten und bekreuzigten sich. Gernot grinste noch immer. »Was hat der Heide gesagt, Ditho? Schämt er sich, weil du kein Schwert hast und kneifen willst?«

Auf Dithos Gesicht erschien nun ebenfalls ein Lächeln. »Mein Vater war kein Lügner, Vogt«, sagte er fest. »Der Wald zwischen der Argen und dem Schuppenberg gehört uns und wird immer uns gehören. Und ich habe kein Schwert dabei, denn ich bin nicht hergekommen, um mich mit Euch zu schlagen. Ich habe genug Männer getötet, und es waren weit bessere darunter, als Ihr einer seid, glaubt mir.« Er wandte sich an Hasan und Jasmo. »Wir gehen.«

Jasmo nickte eifrig und drückte sich durch die Menge hinüber zu dem Brunnen, wo Hasan und Ditho ihre Pferde und er selber sein Pony festgemacht hatten, als Ditho noch einmal die Stimme erhob.

»Und wenn Ihr es genau wissen wollt, Vogt: Hasan hat aus dem Koran zitiert, dem heiligen Buch der Sarazenen. Dort sagt der Prophet in der einunddreißigsten Sure: ›Schreite gemessenen Schrittes und dämpfe deine Stimme, denn wahrlich, die widerwärtigste der Stimmen ist die Stimme des Esels‹, was für einen Dorftrottel wie Euch übersetzt so viel bedeutet wie: ›Was kümmert es die Eiche, wenn sich eine staufische Sau an ihr reibt!‹ Gott zum Gruße, die Herren.«

Ditho und Hasan wandten sich um und begaben sich durch die Menge zu ihren Pferden.

Gernot war aschfahl geworden. Seine Lippen bebten, als er sein Schwert zog. Er nahm die blitzende Klinge im Rennen hoch, hob sie weit über seinen Kopf und ließ sie auf den Nacken des Einäugigen niedersausen.

***

Ditho sah Jasmos weit aufgerissene Augen und sprang zur Seite, einen Lidschlag bevor das Schwert ihm den Kopf von den Schultern getrennt hätte. Er spürte den Luftzug der vorbeisausenden Klinge.

Gernot wurde von der Wucht des eigenen Schlages mitgerissen, und die Spitze des Schwertes fuhr tief in den matschigen Boden. Die Menge stob auseinander und bildete einen Kreis um den Vogt und Ditho.

Hasan zog seine Schwerter, doch Ditho warf ihm nur einen kurzen Blick zu. »Mein Streit, nicht deiner«, zischte er auf Arabisch. Dann sah er, wie sich die Büttel um Gernot von Wangen aufbauten. »Sorg dafür, dass seine Männer sich nicht einmischen.«

Auf Hasans Gesicht erschien ein Lächeln der Vorfreude, während sich auf Jasmos Zügen Bestürzung breitmachte. »Er hat kein Schwert, Sarazene! Das wird eine Hinrichtung! Mach etwas, du musst ihm helfen!«, kreischte er und drückte sich neben den Hünen, während er gleichzeitig nach einem kurzen Dolch an seinem Gürtel nestelte.

»Muss ich nicht helfen, Zwerg. Ditho will dem nicht.«

Verständnislos starrte Jasmo zu Hasan hinauf und dann zu seinem Herrn.

Gernot umkreiste Ditho, während Ditho regungslos im Matsch des von der johlenden Menge gebildeten Kampfringes stand. Der Vogt atmete schwer, als er das Schwert wieder erhob. Ditho schien völlig unbeeindruckt. »Ich will nicht mit Euch kämpfen, Vogt. Geht nach Hause, bevor Ihr nicht mehr gehen könnt.«

Gernot schnaubte und spie aus. »Du hast einmal Glück gehabt, Ravensburger, du wirst es nicht noch einmal haben. Auf meinem Grund und Boden beleidigt mich niemand ungestraft. Vor allem kein welfischer Feigling!« Er schlug zu, diesmal von der Seite, er zielte auf Dithos Arm.

Ditho blieb stehen, wo er war, doch er bog den Oberkörper blitzschnell zurück, sodass Gernots Klinge haarscharf über ihn hinwegzuckte. Der Körper des Vogts folgte wieder dem Schwung der schweren Klinge, und diesmal setzte Ditho nach. Er trat dem Vogt mit voller Wucht den Absatz seines Stiefels in die Wade.

Ein gellender Schrei tönte über den Marktplatz, Gernot ging in die Knie, sein Gesicht vor Schmerz verzerrt. Der Menge entfuhr ein Laut des Staunens. Gernot stützte sich auf sein Schwert und zog sich langsam daran hoch.

»Beim Schweiße Goliaths!« Jasmos Augen weiteten sich ungläubig. Ditho hatte keinen Schlag hinterhergeschickt, obwohl er die Zeit dazu gehabt hätte. Er stand einfach ruhig da, als würde er auf den anderen warten.

Die Büttel hoben die Pike, wollten sich schützend vor ihren Herrn stellen, doch Hasan trat einen Schritt vor. »Mann gegen Mann.« Hasan bleckte die strahlend weißen Zähne. »Nicht vier Mann gegen ein Mann!«

Dann dröhnte ein Schrei über den Marktplatz. Gernot warf sich mit blinder Wut auf Ditho, stieß die Klinge vor, um den Gegner in den Bauch zu treffen.

Ditho drehte sich in einem eleganten Schwung um die eigene Achse, und das Schwert fuhr ins Leere. Der Mann mit der Augenklappe packte pfeilschnell das Handgelenk des Vogts, drückte es hinunter und stieß gleichzeitig mit dem Knie von unten dagegen. Es knackte vernehmlich, und der Vogt schrie auf. Ditho hielt ihn weiter an dem gebrochenen Handgelenk fest, rammte ihm das Knie in die Seite, senkte das Bein und ließ es wieder hochschnellen, um dem Kopf seines Gegners mit dem Stiefel einen heftigen Tritt zu verpassen. Die drei Schläge hatten keinen Atemzug lang gedauert. Der Vogt schwankte. Die Menge hielt den Atem an.

Jasmo schüttelte den Kopf und blickte hilfesuchend zu Hasan. »Was macht er da? Wo zur Hölle hat er das gelernt?«

»Pankration«, der Sarazene grinste, »dem Ditho braucht kein Schwert für dummen Franken.«

»Pankar-was?« Jasmo starrte noch immer ungläubig auf den wie betäubt an Dithos ausgestrecktem Arm taumelnden Vogt.

»Pankration. Ditho hat dem in Byzanz gelernt. Alte Kampfkunst von Griechen. Haben die schon bei Olympischen Wettkampf gemacht.«

»Was für ein Wettkampf?«

Hasan stöhnte. Franken waren im Allgemeinen schon barbarisch ungebildet, wenn nicht schlicht strohdumm, aber dieser Zwerg schien besonders wenig von der Welt zu wissen, in der er lebte. Er hob das Kinn in Richtung der beiden Kämpfenden. »Vergiss dem, Jasmo, und guckst du zu.«

Der Vogt schwitzte. In seinen Augen mischten sich Verwirrung und blanker Zorn. Er hatte eine Platzwunde am Kopf, dort, wo Dithos Stiefel ihn getroffen hatte. Dennoch war Gernot nicht am Ende. Blitzartig ließ er seine gesunde Linke nach vorn schnellen.

Ditho duckte sich unter dem Schlag weg und warf sich zugleich mit der Schulter gegen die Hüfte des anderen. Er hielt das Handgelenk des Vogtes umklammert, dann richtete er sich auf und hob den Vogt mit der Schulter von den Beinen. Der massige Körper schlug mit dem Kopf voraus in den Schlamm. Gernot stöhnte auf, schloss die Augen und blieb reglos liegen. Winzige Schneeflocken flogen vom Wind getragen durch die Luft und legten sich auf seine erschlafften Züge. Erschrocken schrie die Menge auf, dann wurde es still.

Ditho ging in die Hocke und kniete neben Gernot nieder. Er fasste ihm an den Hals und tastete nach dem Puls, wie man es ihn vor Jahren in Akkon gelehrt hatte. Dann nickte er und wandte sich an die verschreckten Büttel. »Er lebt. Aber er hätte nach Hause gehen sollen, als er es noch konnte.«

***

Ditho wandte sich in Richtung der einsetzenden Dunkelheit über den bewaldeten Hügeln, hinter denen sich der große See erstreckte. Die Handflächen zum Himmel geöffnet, verneigte er sich, richtete sich wieder auf, kniete nieder, führte die Stirn zum Boden und richtete sich wieder auf. »Bismillahi-r-Rahmani-r-Raheem Laa ilaaha il-Allahul-haleemul-Kareem. Laa ilaaha il-Allahul-’aliyul-’adheem …«

Die Worte schwebten über die schneebedeckten Baumwipfel, die sich endlos bis zum Horizont ausbreiteten, während in seinem Rücken die Sonne hinter den Zinnen der Burg unterging. »Al-’afwa«, flüsterte er immer wieder, »vergib mir.«

Vor dem Gebet hatte er die Augenklappe abgelegt, das gesunde Auge geschlossen und mit dem anderen direkt in die Abendsonne geblickt.

Und er hatte gesehen.

Trüb und nicht so gut wie zuvor, aber Ditho hatte das Licht immer noch deutlich wahrgenommen und auch den dunklen Fleck davor, die Neuravensburg. Es wurde nicht besser, es würde nie wieder werden wie zuvor.

Als er nach seiner Verwundung in Damaskus von Hasans Leuten gepflegt worden war und der Heiler in Akkon ihm nach Wochen der Dunkelheit den Verband abgenommen hatte, glaubte Ditho, es würde alles wieder so werden wie früher. Nicht nur das Dunkel in seinem linken Auge, auch das in seinem Herzen. Er hoffte, die Erinnerung an das, was in Damaskus geschehen war, würde zurückkehren. Doch obgleich das Auge wiederhergestellt schien, blieb ein Teil seines Herzens in tiefer Dunkelheit.

Etwas war da, etwas Unaussprechliches, das er nicht sagen, von dem er nicht erzählen konnte, nicht einmal sich selbst. Und die Finsternis im Herzen hatte einen Weg gefunden, zu ihm zurückzukehren.

Das verheilte Auge ließ ihn wieder im Stich.

Ganz langsam.

Vor ein paar Wochen hatte er die ersten Schlieren bemerkt und noch geglaubt, sie wegblinzeln zu können. Als er Kopfschmerzen bekam und sein Blick immer öfter verschwamm, hatte er die Augenklappe wieder angelegt, die er eigentlich nur noch als Erinnerungsstück in seiner Satteltasche mit sich führte. Hasan hatte davon gehört. Auch andere Veteranen mit einer verheilten Augenverletzung litten darunter. Man nannte es Star.

Ditho ließ seinen Freund in dem Glauben, es handele sich um eine normale Krankheit und nicht um das Ergebnis der Finsternis in seinem Herzen oder um eine Strafe Gottes. »Al-’afwa«, flüsterte Ditho wieder, dann legte er die Augenklappe an und verknotete die ledernen Schnüre hinter dem Kopf.

Vergib mir.

»Er wird dir nie vergeben, wenn du ihn zwar anbetest, aber den Namen des Propheten dabei nicht rühmst, geschweige denn aussprichst!«

Ditho wandte sich um und lächelte. Hasan hatte ihn auf Arabisch angesprochen, wie er es immer tat, wenn sie unter sich waren. Sein Freund hatte sein Gebet ebenfalls beendet und saß nun auf einem großen Felsen hinter ihm. Er hielt eines seiner Schwerter ins Licht der untergehenden Sonne und ließ einen prüfenden Blick über die Klinge gleiten.

Hasan war der Sohn eines Stammesfürsten, eines Sheikhs, der mit seinen Kriegern dem Heer Nur ad-Dins gefolgt war, um Damaskus vor dem Ansturm der Kreuzfahrer zu retten. Es war jedoch nie zu einer Schlacht zwischen Nur ad-Din und den Kreuzrittern gekommen. Das Kreuzfahrerheer hatte zwar eine Bresche in die Stadtmauer geschlagen, war aber am verzweifelten Widerstand der Damaszener unter der Führung ihres Statthalters Unur gescheitert. Die christlichen Könige waren unverrichteter Dinge abgezogen, bevor Nur ad-Dins Entsatzheer in Damaskus eintraf.

Hasan hatte Ditho im verwaisten Heerlager der Kreuzfahrer gefunden, zurückgelassen von den eigenen Leuten, weil sie glaubten, er sei tot. Hasan hatte sich Dithos angenommen, ihn pflegen lassen und ihm nach seiner Gesundung das Arabische beigebracht. Im Gegenzug hatte er Dithos Sprache gelernt. Die Männer waren Freunde geworden, und als für Ditho die Zeit gekommen war, in die Heimat zurückzukehren, hatte Hasan sich ihm angeschlossen. Er wollte mehr lernen über die Menschen, die sein Land mit Hass und Krieg im Namen ihres Gottes überzogen hatten.

Ditho setzte sich neben den Hünen auf den kalten Fels. Ein Schwarm Krähen flog krächzend vorüber und verlor sich in der einsetzenden Dunkelheit zwischen den sanft wogenden Baumkronen. Ihre Pferde standen stumm und dampfend neben einem kahlen Strauch, an dem sie angeleint waren, und kauten auf welken Blättern, die noch vereinzelt an den Ästen hingen. »Warum sollte ich in meinem Gebet von Muhammad reden?«, fragte er in tadellosem Arabisch. »Ich dachte, das sei Schirk, der Anbetung von Allah dem Einzigen noch jemanden beizugesellen?«

Hasan schüttelte ungehalten den Kopf. »Da sieht man einmal, wie wenig du erst weißt, Dhimmi. Ihr Christen sagt, ihr glaubt an nur einen Gott, und doch verehrt ihr dazu Îsâ und Maryam und Ruuh-ul-Qudus wie gleichwertige Götter, obwohl sie nur Schöpfungen des Einzigen sind!«

»Und der Prophet? Ist der keine Schöpfung?«

Hasan seufzte. Sein Atem kam als Dampfwolke aus dem Mund. »Doch. Aber durch Muhammad hat Allah direkt zu uns gesprochen, verstehst du? Nicht wie bei anderen Propheten, nicht wie bei Îsâ, der mit Gleichnissen und Geschichten von Gott erzählt hat. Sondern mit seiner Stimme! Der Koran ist das gesprochene Wort Allahs! Deswegen hat Muhammad eine Sonderstellung!«

»Also muss ich ihn doch anbeten? Und nicht Allah allein?«

Hasan wurde wütend, als Ditho grinste. »Du treibst deinen Spott mit mir. Du nimmst es nicht ernst! Das ist eine Sünde!«

»Oh doch, mein Freund. Ich nehme es sehr ernst. So ernst, dass ich in zwei Sprachen zu Allah bete. In deiner und in meiner.«

Hasan rieb sich über die Nasenwurzel, als verursachten Dithos Aussagen genau dort einen brennenden Schmerz. »Ich habe dir doch gerade erklärt, dass der Koran das gesprochene Wort Allahs ist! Man kann seine Verse nicht in einer anderen Sprache sagen, ohne den Sinn zu verfälschen. Und die ganze Schönheit von Allahs Worten ist dahin, wenn du sie in eure stumpfe, glanzlose Sprache zu übertragen versuchst!«

Dithos Belustigung hielt an. Er liebte den kehligen und doch melodiösen Klang des Arabischen, aber es schöner als Deutsch oder Latein oder irgendeine andere Sprache zu empfinden fiel ihm schwer. Er legte dem Sarazenen eine Hand auf die Schulter und lächelte. »Ich glaube, du unterschätzt Allah, wenn du denkst, er würde nur eine einzige Sprache verstehen, Hasan. Ich glaube, der Schöpfer der Welt spricht alle Sprachen.«

Hasan seufzte und wandte sich ab. Ditho war mutig, schlau, ein geschickter Kämpfer und ein heller Kopf dazu. Aber die Feinheiten des Islam würden die Ahl al-kitah, die »Leute des Buchs«, wie man Christen und Juden nannte, die wie die Muslime ebenfalls im Besitz eines Teils der göttlichen Offenbarung waren, nie verstehen. Selbst wenn sie beten konnten wie ein Muslim. Aber Allah hatte ihn an die Seite Dithos gestellt, und er würde nicht weichen, bis er seine Pflicht erfüllt hatte. »Du hättest ihn töten sollen«, sagte er unvermittelt.

»Wen? Gernot?« Ditho blickte forschend in das Gesicht seines Freundes. »›Du sollst nicht töten!‹ Steht so in der Bibel und im Koran auch, wenn ich nicht irre. Und ich will nicht töten.«

»Manchmal muss es sein. Um ihn wäre es nicht schade gewesen. Du wolltest nicht töten? Jetzt hast du einen Todfeind. Er wird nichts unversucht lassen, diese Demütigung von sich abzuwaschen.«

»Ein Feind meiner Familie war Gernot schon, als ich noch ein Kind war, Hasan. Ich habe nichts daran geändert, und es ist auch nicht meine Schuld.«

Hasan nickte und rieb sich die kalten Finger. Dieses Land war grausam. Bei seiner Ankunft hatte ihn der Schnee fasziniert; wie ein Kind war er durch das weiße Pulver gerannt und hatte sich hineinfallen lassen. Jetzt empfand er nur noch Mitleid für die Menschen, die in dieser fühllosen Kälte leben mussten. Kein Wunder, dachte er, dass sie so sind, wie sie sind. »Dennoch. Hüte dich vor seiner Rache. Sie wird kommen. Du hättest ihn töten sollen oder zumindest zulassen, dass ich ihn töte.«

Ditho nahm Hasans Schwert, das dieser neben sich gelegt hatte, und ließ den Daumen prüfend über die Klinge gleiten. »Jasmo hätte mir nie verziehen, wenn ich dir den Vortritt gelassen hätte, meinst du nicht?« Ditho grinste und reichte Hasan das Schwert.

Doch Hasan nahm es nicht entgegen. Seine Augen verengten sich.

»Was ist los, Hasan?«

Hasan hob den Arm und deutete mit dem Finger auf etwas hinter Dithos Rücken. »Behalte das Schwert«, murmelte er, »du wirst es brauchen.«

Ditho wandte sich um. Erst hörte er ein Knistern, dann sah er den Rauch. Aus dem Dach des Palas schlugen Flammen in das Rotblau des dämmernden Himmels. Die Neuravensburg brannte.

***

Die Pferde preschten über den engen Pfad durch das Unterholz. Ihre Hufe ließen Schnee, Erde und Blätter zur Seite stieben, während die Reiter ihre Zügel auf die verschwitzten Flanken der Tiere klatschten. Dichte Rauchwolken waberten zwischen den verschneiten Bäumen wie zäher Nebel.

Hasan hatte Mühe, mit Ditho mitzuhalten. Die ausladenden Äste der großen Bäume hingen tief, die Männer mussten sich über den Rücken ihrer Pferde ducken, um sich den Kopf nicht anzuschlagen. Es ging bergauf, dann teilten sich die Bäume und gaben den Blick frei auf eine verschneite Ebene, auf der die Neuravensburg thronte.

Ditho griff in die Zügel, und das Pferd bäumte sich wiehernd auf. Das Dach des Palas stand lichterloh in Flammen, schwarze Rauchschwaden krochen aus den schmalen Fenstern die zerklüftete Burgmauer hinab. Jemand schrie. Die Hitze des Feuers war bis auf das verschneite Feld vor der Burg zu spüren. Als Hasan zu ihm aufschloss, gab Ditho seinem schwarzen Hengst wieder die Sporen. Die Hufe trommelten über die Zugbrücke; im Tor unter der wuchtigen Schildmauer standen zwei Soldaten mit Lanzen und versperrten den Weg. Staufer, Männer von Gernot.

»Halt! Stehen bleiben!«, schrie der eine ihn an und reckte das kantige Kinn vor. Ditho preschte an den mächtigen schwarzen Gliedern der Zugketten vorbei und ritt beide Söldner nieder. Er zog den Kopf ein, um von den Spitzen des Fallgitters nicht aufgespießt zu werden, und riss die Zügel seines Pferdes herum.

Der Burghof glich einer apokalyptischen Vision. Brennende Dachbalken und Fensterläden stürzten zusammen mit Ziegeln krachend auf das Pflaster vor dem Palas. Pferde, Kühe und Hühner rannten in wilder Angst über den Hof, während die Luft von Schreien, von dickem Qualm und Myriaden von Funken erfüllt war, die wie teuflische Glühwürmchen auf die Dächer der Ställe und der Schmiede schwebten.

Die Söldner, gut ein Dutzend schwerbewaffnete Männer, traten Türen ein, hielten Fackeln an das Stroh und schleppten Truhen und Teppiche die Treppe vom Palas herunter. Sie hatten Magda, die Köchin, und Walther gepackt und in den Hof geschleppt. Gefesselt knieten sie vor ihren Bewachern, die ihnen ein Schwert in den Nacken drückten. Jasmo lag reglos im Schmutz.

»Jasmo!« Ditho schrie auf und sprang vom Pferd. Hasan kam hinter ihm durch das Tor gesprengt und zügelte seinen laut wiehernden Gaul. Grimmig schritt Ditho auf seine gefesselte Dienerschaft zu, als zwei der Söldner sich ihm in den Weg stellten und das Schwert erhoben.

»Ergib dich! Leg das Schwert weg!«

Ditho beschleunigte seinen Schritt, ließ sich mit einer Rolle vorwärts fallen und trat dem Linken der beiden die Beine weg. Der Soldat schrie auf, klappte nach vorn und schlug mit dem Gesicht auf das Pflaster. Bevor der andere sich noch umgedreht hatte, war Ditho wieder auf den Beinen und ließ seine Faust gegen dessen Kehlkopf krachen. Der Mann kippte leblos nach hinten.

Hasan packte einen Eimer und schleuderte ihn einem Söldner, der mit gezücktem Schwert von den Stufen zum Palas auf ihn zustürmte, ins Gesicht. Der Staufer wurde von der Wucht des Aufpralls von den Füßen gerissen und ging zu Boden. Ditho wandte sich blitzschnell um, und die Bewacher von Magda und Walther warfen sich ängstliche Blicke zu.

»Bleib stehen, oder sie sind tot. Alle!«

Ditho erstarrte. Gernot war zu den Gefesselten getreten. Er zog ein Bein nach, seine rechte Hand steckte in einer Holzschiene, die mit grobem Hanf am Arm befestigt war. Über dem geschwollenen Auge prangte ein tiefroter Bluterguss. Der Vogt atmete schwer, und seine kleinen, dunklen Augen funkelten Ditho hasserfüllt an. »Wirf das Schwert weg! Sofort!«

Gernot packte Jasmo am blonden Schopf und riss ihm den Kopf nach hinten, während er seine Klinge an den Hals des Hofnarren presste.

Immerhin: Jasmo lebte. Blut lief ihm über die Stirn, er öffnete benommen die Augen und stöhnte. Ditho blickte sich um. Hasan war von vier Staufern eingekreist. Sie hielten ihn mit ihren Piken auf Abstand.

Der Mann mit der Augenklappe ließ das Schwert sinken. »Was willst du, Gernot?«

Gernot legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Funken tanzten über seinem kahlgeschorenen Schädel, aber er schien es nicht wahrzunehmen. Er sog die rauchgeschwängerte Luft tief in die Lungen. Als Gernot die Augen öffnete, glaubte Ditho etwas von dem Blutdurst und dem Wahn darin zu erkennen, den er im Heiligen Land so oft vor dem Sturmritt in die Schlacht gesehen hatte. »Ich will dich, Ditho. Nur dich, dann lass ich die anderen gehen.«

Ditho blickte in die vor Furcht geweiteten Augen Jasmos. Sie waren in der Unterzahl, selbst zwei so erfahrene Kämpfer wie er und Hasan konnten es nicht mit zwölf Mann aufnehmen. Ditho ließ das Schwert fallen, und scheppernd ging die kunstvoll geschmiedete Waffe zu Boden.

Gernots Grinsen wurde eine Spur breiter. »Gut. Das war schlau von dir, Ditho.« Gernot nahm das Schwert von Jasmos Hals und ließ den Hofnarren los, sodass der zu Boden sank. Dann trat er vor, langsam und hinkend. Zwei Fuß breit vor dem Mann mit der Augenklappe blieb er stehen.

Ditho wusste, was kommen würde, er spürte es an der Körperspannung des anderen, sah es an den Sehnen an dessen Hals, an der Haltung der Schultern, bevor sein Gegner überhaupt zu einem Schlag ansetzte. Man hatte ihm beigebracht, auf diese Zeichen zu achten. Das konnte man lernen.

Was man nie lernte, war, den Schmerz nicht zu spüren.

Gernot hieb den Knauf seines Schwertes mit Wucht gegen Dithos Schläfe. Ditho sackte zu Boden, und die Dunkelheit umfing ihn wie der vertraute Freund einer fernen, fast vergessenen Vergangenheit.

13. Februar 1152, Bamberg

Wie ein langsam krabbelnder Käfer schoben sich ihre Finger nach vorn. Sie streckte den Arm so weit, dass es in der Schulter schmerzte, aber es reichte noch nicht. Das kleine, bunt schimmernde Ding aus Holz war noch gut eine Handbreit von ihren Fingerspitzen entfernt. Adela atmete erschöpft aus, entspannte den Arm und zog die Hand zurück.

»Noch mal! Du schaffst es! Gleich hast du ihn!« Neben ihr auf dem Fußboden erschien das Gesicht eines hellhaarigen sechsjährigen Jungen. Er hatte sich neben sie gelegt und verfolgte ihre Bemühungen mit inbrünstigem Eifer.

Von irgendwoher drang Lautenspiel an ihr Ohr.

»Da! Er ist weiter da drüben!« Seine blauen Augen strahlten.

Adela lächelte ihn zuversichtlich an, dann schob sie ihre reich bestickten Flügelärmel zurück, legte ihre Wange an die kalten, staubigen Steinfliesen und streckte sich wieder zu ganzer Länge. Gleich! Sie war fast dran, sie spürte es schon an den Fingerspitzen, als sie im Flur Schritte hörte.

»Himmel, Adela! Ist dir etwas … was in drei Gottes Namen machst du da?«

Es war seine Stimme, und sie war voller Tadel. Adela wusste, dass sie eine groteske Figur abgeben musste, hingestreckt vor einem Schrank auf dem Boden eines langen Flures von Castrum Babenberg, der königlichen Pfalz von Bamberg.

»Steh sofort auf, Adela! Was denkst du dir nur?«

Der Junge neben ihr blickte sie mit großen Augen an. Sie sah seine Furcht, sie könnte ihn im Stich lassen.

Kurz zuvor hatte sie ihren Mann und sein Gefolge im angrenzenden Vorraum zum großen Saal verlassen, weil aus einem der Flure das Schluchzen eines Kindes an ihr Ohr gedrungen war. Der Dreikäsehoch stand mit verheulten Augen vor einem wuchtigen Schrank. In seiner Linken hing schlaff ein Stock mit angeknoteter Schnur. Adela hatte ihm über das Haar gestrichen und versprochen, ihm zu helfen. Sie hatte noch immer vor, dieses Versprechen zu halten. Friedrichs Stiefel tauchten neben ihr auf, und sie konnte sich seine in die Seiten gestemmten Fäuste dazu lebhaft vorstellen. Doch Adela spannte sich noch ein wenig mehr und griff zu. Sie zog den bunten Holzkreisel unter dem Schrank hervor und lächelte den Jungen an, als sie ihm das Spielzeug zurückgab. »Hier. Und pass das nächste Mal besser auf, ja?«

Der Junge strahlte über das ganze Gesicht. Seine Hände schlossen sich fest um den Kreisel. »Mmhm, mach ich. Hab Dank!« Der Knabe drehte sich um und rannte den Flur hinunter. Als er hinter einer Biegung des Ganges verschwunden war, zog Friedrich sie unsanft hoch. Inzwischen waren der Truchsess der Pfalz und ein Diener zu ihm getreten. Bestürzt über die am Boden liegende Herzogin waren sie hinzugeeilt, und der Truchsess hatte sich bekreuzigt. Die Männer wandten sich jäh ab, als sie Friedrichs schlechte Laune bemerkten.

Friedrich zog Adela grob hinter sich her, zurück in den Vorraum, in dem sie eben noch gestanden hatten. »Kaum lässt man dich aus den Augen, stellst du die nächste Eselei an! Du bist und bleibst ein Bauernweib!«

»Da du mich wie ein Bauer behandelst, passen wir ja gut zusammen!«, presste sie gedämpft hervor, als sie die kleine Halle mit den Säulen erreichten, und bereute es im gleichen Augenblick.

Friedrich riss sie herum, gleichgültig gegenüber dem halben Dutzend Männern seines Gefolges, die vor den kostbar bestickten Teppichen mit Jagdmotiven an der Wand aufgereiht standen und sie ungeduldig erwarteten. »Ich warne dich, Adela! Benimm dich, wenn wir gleich vor dem König stehen, sonst vergesse ich mich!«

Adela biss sich auf die Zunge und strich mit den Händen über ihr Kleid, um den Staub wegzuwischen und die Falten zu glätten. Ihre vollen Lippen waren schmal geworden, die sonst so anmutigen und weichen Züge voller Anspannung. Würde er sie später bestrafen? Nur Wiltrud wusste um die blauen Flecken und die Blutergüsse auf ihrer Haut, dort, wo die Kleider den Körper verdeckten. Sie schluckte ihre Angst hinunter, und sie schmeckte bitter auf der Zunge. »Es tut mir leid. Ich werde mich benehmen. Du kannst dich auf mich verlassen.«

Seine durchdringenden hellblauen Augen blickten auf sie herab, lauernd, ob da eine Spur von Spott oder Lüge in ihrer Stimme war. Friedrich überragte sie um Haupteslänge, kurze rotblonde Locken bedeckten seinen Kopf mit den edlen Zügen und der herrischen Nase. Ein Bart in der gleichen leuchtend hellen Farbe hatte ihm bereits in jungen Jahren diesen italienischen Necknamen eingebracht, den er so hasste: Barbarossa. Rotbart.

Wiltrud lief hastig herbei, ihre blonden Zöpfe wippten auf dem Rücken auf und ab. Offensichtlich war sie ebenfalls auf der Suche nach ihrer Herrin gewesen. Aus den Augenwinkeln warf sie einen Blick auf den Herzog und trat vorsichtig hinter Adela. Man nahm wieder Aufstellung, um in den Saal zu treten. Die Zofe versuchte, das kostbare blaue Kleid ihrer Herrin und deren lange Haare, die über den Samt fielen wie schwarzes Wasser, wieder in Ordnung zu bringen, bevor die breiten Flügeltüren von den Lakaien geöffnet wurden und man sie einließ.

»Antworte kurz und nur wenn man dich direkt anspricht«, zischte Friedrich und schob Adelas Arm unter den seinen.

Adela schwieg, ihre Augen füllten sich mit Tränen des Zorns, und sie hasste sich dafür, weil er es sehen konnte.

Eine Fanfare erklang aus dem Saal, und die reich mit Schnitzereien und schweren Metallbeschlägen verzierten Türen schwangen auf. Die Musik der Spielleute aus dem Saal erfüllte den Vorraum. Ein schmales Lächeln lag um Friedrichs Mund, und er brachte seine Lippen nah an ihr Ohr, eine Geste, die für die Umstehenden nach einem zärtlichen Kuss und nach der tiefen Zuneigung eines glücklichen Ehemannes aussehen musste. »Dieser Bengel im Flur war Konrads Sohn. Ich weiß ja, dass du vernarrt in Kinder bist. Wenn du nicht so eine vertrocknete Ziege wärst, hättest du schon längst eines …«

Der Geruch der auf dem Boden verstreuten Binsen und milchiges Licht aus den Fenstern des Rittersaales drangen zu ihnen. Vor die Öffnungen in der Wand war Pergament gespannt worden, um wenigstens einen Teil der Wärme aus dem Feuer des großen Kamins im Saal zu halten. Der Februar in Bamberg war kalt, und die trübe Nachmittagssonne tat wenig, um dem abzuhelfen. Adela schluckte, als Friedrich in den vollbesetzten Saal voranschritt, die Lippen an ihrer Wange.

»Und jetzt hör auf zu flennen«, flüsterte er, »und lächle, wie man es von der glücklichen Frau an meiner Seite erwartet.« Er setzte ein Lächeln auf und zog sie mit sich in den Saal.

Adelas Herz fühlte sich an wie ein Eisblock, doch sie zog die Mundwinkel nach oben und entblößte ihre strahlend weißen Zähne, als der Truchsess ihre Namen verkündete und die Gäste König Konrads sie mit gefälligem Applaus bedachten. Adela lächelte, wie man es von der glücklichen Frau an seiner Seite erwartete.

***

»Gefällt es Euch und Friedrich in Bamberg, Herzogin?«

Adela merkte auf, als König Konrad sie ansprach, und wandte den Blick langsam von ihrem Gemahl ab. Barbarossa stand in einer Ecke des weitläufigen Saales und nestelte an der silbernen Tassel herum, die den wallenden fliederfarbenen Umhang einer üppigen blonden Hofdame zusammenhielt. Er beugte sich vor und flüsterte der Blonden etwas zu, worauf diese lachend ihr Haar zurückwarf. Ihr Gelächter mischte sich mit dem angeregten Geplauder im Saal und mit der Musik der Lautenspieler.

Adela saß neben König Konrad an der langen Tafel, Barbarossas leerer, mit Blattgold verzierter Faltsessel auf ihrer anderen Seite. Von Beginn des Festmahls an hatte der König sich angeregt mit ihr unterhalten.

Konrad III. zählte bald sechzig Jahre, und man sah den müden Augen unter dem stumpf schimmernden Goldreif auf der Stirn an, wie sehr die verzehrenden Kämpfe mit den Welfen und mit der Kirche den Stauferkönig im Lauf der Jahrzehnte aufgerieben hatten. Seine Augenbrauen waren dicht, doch sein graues Haar wurde dünner, und der kurz gestutzte Bart verbarg tiefe Falten um die Mundwinkel. Konrad nippte an seinem Kelch mit dem gepfefferten Wein, während er noch auf Adelas Antwort wartete. Seine braunen Augen gingen dabei zu der Ecke, in der Friedrich mit der Blonden stand.

Der König mochte einem alt erscheinen, dachte Adela, aber ihm entging nichts. Sie lächelte und besann sich auf seine Frage. »Mein Gemahl genießt die Schönheiten Eurer Pfalz sehr …«, sagte sie und tunkte ein Stück Brot in köstliche braune Soße, die ein Diener soeben abgestellt hatte. Nach Neunaugen und Eberbraten hatte man Schwan, Pfau und Taube serviert.

Konrad zupfte sich ein Stück Fleisch von der gebratenen Taube auf seinem Zinnteller und schmunzelte über die Doppeldeutigkeit, während Adela fortfuhr. »Und ich staune über die prächtigen Bauten, den Dom und die Pfalz. Die sieben Hügel der Stadt haben fast etwas von Rom. Eine schöne Stadt, um von hier zur Kaiserkrönung aufzubrechen.«

»Wohl gesprochen, Herzogin. Lasst uns hoffen, dass der Herr unser Gott es ebenso sieht.«

»Dessen bin ich mir sicher, Majestät.«

Konrad nickte. Die Frau seines Neffen schien zwar nicht belustigt über die Eskapaden ihres Gemahls zu sein, aber sie ertrug sie. Was sollte sie auch sonst tun? Der König ließ seinen Blick durch den holzvertäfelten Saal mit dem großen Kamin schweifen und musterte die Männer seines Gefolges. Conradus Colbo, sein Mundschenk, bediente Graf Ulrich von Lenzburg, der ihn im Zwist mit den italienischen Städten beriet. Der Graf plauderte mit Enno, Friedrichs Stallmeister, und mit Gisbert von Papenheim, den sein Neffe als Leibgardisten einsetzte. Anselm von Wittlingen, der dürre Hofkaplan, tauschte sich mit Arnold von Selenhofen, seinem Kanzler, aus. Die Männer saßen auf langen Bänken zwischen Herzögen, Grafen, Bischöfen und niederem Adel des Landes.

Konrad hatte die Fürsten nach Bamberg gerufen, um mit ihnen über den Zug nach Rom zu verhandeln. Für den Weg über die Alpen brauchte er eine ansehnliche Streitmacht. Die lombardischen Städte würden wie immer Schwierigkeiten machen, und seine eigene Hausmacht war nach den Bürgerkriegen und den endlosen Scharmützeln im Reich zu klein, als dass er unbeschadet, geschweige denn kraftvoll nach Rom marschieren und mit breiter Brust aus der Hand des Papstes die Kaiserkrone empfangen könnte.

Zähe Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhl waren diesem Zug vorausgegangen, und zähe Verhandlungen mit den deutschen Fürsten standen ihm noch bevor. Wenn er die Ritter seiner Vasallen haben wollte, musste er ihnen etwas dafür geben, selbst wenn sie ihm einen Eid geleistet hatten. Eide waren brüchig und mussten ständig mit kleinen Gefälligkeiten geflickt werden. Jedem würde er etwas in die Hand drücken müssen. Ein paar Münzen hier, ein kleines Lehen da, und dort noch eine Vergünstigung oder ein Privileg. Es war wie auf dem Schweinemarkt, nur nicht so lustig. Aber das Feld war bestellt, und für seine Nachfolge hatte Konrad auch gesorgt, falls ihm in Italien etwas zustoßen sollte: Sein sechsjähriger Sohn Friedrich, der den ganzen Tag durch die Flure der Pfalz rannte und seinen Kreisel vor sich hertrieb, würde ihm auf den Thron folgen, falls er selbst nicht zurückkehren würde. Konrads Frau und sein ältester Sohn waren vor Jahren gestorben, und so war Konrad allein – allein bis auf seinen Sohn und seinen Neffen, den Herzog von Schwaben, den er fast liebte wie einen Sohn.

Der König zupfte das letzte Fleisch von der gebratenen Taube, als er einen Stich in der Brust fühlte. Was war das? Trauer um die geliebten Menschen, die er verloren hatte? Angst vor dem Zug nach Rom? Was es auch war, er konnte sich nicht darum kümmern. Für Friedrich, den Älteren, und für den kleinen Friedrich. Nur für diese beiden nahm er den Zug nach Rom auf sich. Er hatte ein Leben lang gekämpft, und er war müde. Auf die Kaiserwürde und vor allem auf die beschwerliche Reise konnte er gut verzichten. Aber er wollte der Dynastie der Staufer die Macht erhalten, und das ging nur, wenn dem schwindsüchtigen Titel eines deutschen Königs der des römischen Kaisers hinzugefügt wurde.

Wieder dieser Schmerz. Zur Hölle, was war das? Konrad griff sich an die Brust, das Gesicht verzerrt.

»Ist Euch nicht gut, mein Herr?« Adela sah, wie dem König Schweiß auf die Stirn trat, seine Wangen wurden fahl.

»Nein, nein … Es ist …« Konrads Augen verdrehten sich, die Pupillen verschwanden unter den Lidern. Adela schrie auf, als der König zu ihr hinsank. Sie fing seinen massigen Körper in ihrem Schoß auf.

Die Musik brach ab, einige Hofdamen ließen Laute des Entsetzens hören, die Männer sprangen auf. Barbarossa ließ die Blonde stehen und stürmte auf Konrad und Adela zu, drängte den Truchsess und hilflos herumstehende Diener beiseite und richtete den reglosen König aus Adelas Armen in seinem Thron wieder auf. »Was ist mit ihm?«

»Ich … Ich weiß es nicht, eben haben wir noch gesprochen, dann wurde er blass und …«

Konrad schlug die Augen auf. Er blinzelte. Sein Atem ging schwer. »Was … wo …?« Er hustete, und gelber Speichel rann ihm aus dem Mundwinkel. Der König blickte in Barbarossas Augen und sah die tiefe Besorgnis darin. Er blinzelte erneut. »Haben wir getanzt, Friedrich? Oder warum hältst du mich in den Armen?«

Ein Aufstöhnen der Erleichterung ging durch die Menge im Saal. Der Herzog von Schwaben lächelte. »Ihr wart ohnmächtig, mein König. Ich hoffe, Adela hat Euch nichts zugeflüstert, was Euch die Sinne geraubt hat?«

Der König lächelte schwach und richtete sich auf, während Adela rot anlief. Konrad legte für einen Moment seine Hand auf die ihre. »Sorgt Euch nicht, Friedrich, Eure Gemahlin trifft keine Schuld. Möglicherweise könnten die sechs Becher Rotwein vor dem Essen eine Rolle spielen, aber ich bin mir da nicht sicher!«

Im Saal wurde gelacht, Adela blickte verwirrt auf den einen halbvollen Kelch, der vor Konrad auf der Tafel stand, und an dem der König den ganzen Abend nur genippt hatte.

Konrad erhob sich schwankend und griff nach Friedrichs Schulter. Er hielt sich fest, aber dann klopfte er dem Schwabenherzog auf die Schulter, damit es aussah wie eine freundschaftliche Geste. »Ich denke, ich lege mich ein wenig hin. Aber gnade Euch Gott, wenn ihr nicht weiterfeiert! Macht Musik! Tanzt und esst!«

Jubel erklang, die Lautenspieler griffen in die Saiten, und man wandte sich wieder dem Essen und dem Wein zu, während Friedrich sich anschickte, den König aus dem Saal zu begleiten.

»Ich bleibe noch ein wenig bei ihm«, flüsterte der Herzog Adela im Gehen zu, »warte nicht auf mich.«

Adela bemerkte den Blick, den er der blonden Hofdame im fliederfarbenen Kleid zuwarf, als er mit dem König durch die Flügeltür schritt und das inzwischen wieder lautstarke Gelage im Saal verließ. Die Blonde nickte unmerklich, leerte ihren Becher, wartete einen kurzen Augenblick und folgte Barbarossa und dem König dann auf den Flur.

Adela wusste, was das bedeutete. Sie wusste, dass sie handeln musste. Friedrich wartete auf einen Sohn. Er würde nicht mehr lange warten, und er würde es so aussehen lassen können, als sei es ihre Schuld. Adela griff zu ihrem Fürspan und zog den Tasselmantel am Kragen enger. Sie stand auf, um Wiltrud zu suchen. Ihre Zofe kannte vielleicht Leute in der Bamberger Pfalz, die weiterhelfen konnten.

***

Als die Herzogin durch die Flügeltür schritt, folgte ihr ein Augenpaar im Saal, das sie seit ihrer Unterredung mit dem König beobachtet hatte.

Kalte Augen. Sie hatten gesehen, wie der silberne Teller mit der gebratenen Taube vor dem König abgestellt wurde. Sie hatten aufmerksam beobachtet, wie Konrad das Fleisch von den Knochen der Taube gepult hatte und es in den Mund schob.

Die Augen hatten gewartet, hatten einen beunruhigten Glanz bekommen, als die Reaktion so lange ausblieb. Doch als das Gesicht des Königs sich endlich vor Schmerzen verzerrte, war der Hauch eines Lächelns in den kalten Augen erschienen wie Sonnenstrahlen, die einen zugefrorenen Teich schimmern ließen.

Wie die der anderen im Saal hatten sich die kalten Augen zunächst entsetzt geweitet, und wie die der anderen hatten sie sich für einen Moment der Erleichterung geschlossen, als der König aus der Ohnmacht erwacht war und wieder Späße mit dem Schwabenherzog trieb.

Doch das Entsetzen und die Erleichterung in diesen Augen waren nur gespielt, wohl berechnet und fein dosiert. Der Mann wollte nicht auffallen, und er fiel nicht auf. Auch nicht, als er aufstand und scheinbar angetrunken seinen noblen Tischnachbarn mitteilte, er müsse kurz nach draußen gehen, um wenigstens einen Teil des fettigen Mahles mitsamt dem Wein in seinem Magen über die Mauern der Pfalz zu schicken, damit er weitermachen könne.

Man lachte und hatte sein Versprechen, bald an die Tafel zurückzukehren, schon in dem Augenblick vergessen, als er den Saal verließ.

Er würde nicht zurückkehren.

Er hatte Wichtigeres vor.

***

Friedrich roch nach der anderen.

Ein penetranter Duft nach Rosenblättern, aber dazu süßlich, wie mit Karamell vermischt. Adela hatte den Geruch bemerkt, kaum dass er die Tür zu ihrer Kemenate im oberen Stock der Pfalz wieder geschlossen hatte.

Friedrich hatte versucht, möglichst leise einzutreten. Wollte er sie nicht wecken? Das war gut und auch schlecht. Gut, weil die andere ihm genug gegeben hatte. Schlecht, weil es nichts an ihrer schwierigen Lage änderte. Es war eine unlösbare Zwickmühle. Sie ertrug ihn und seine Grausamkeit nicht, aber ihr Schicksal und das ihrer Familie lagen in seiner Hand.

Der Herzog stand keuchend mit dem Rücken zur Tür, offensichtlich hatte er sich total verausgabt. Adela bekam Mitleid mit der fülligen blonden Hofdame. Sie hatte nicht gewusst, worauf sie sich einließ, als sie mit dem Herzog von Schwaben anbändelte. Adela selbst hatte nicht geahnt, was ihr bevorstand, als man sie vor fünf Jahren hastig mit dem jungen Erben des Herzogtums vermählt hatte. Sie hatte nach der ersten Nacht mit ihm den ganzen folgenden Tag geweint, und der Hof hatte es für Abschiedsschmerz gehalten, weil Friedrich noch am selben Abend mit seinem König nach Jerusalem aufgebrochen war. Aber es waren keine Tränen der Liebe gewesen.

Furcht und Scham hatten sie weinen lassen.

Und Schmerz.

Zu Beginn ihrer ersten Nacht war er sehr zärtlich gewesen, und mit klopfendem Herzen hatte Adela ihn machen lassen und seine Berührungen und Küsse erwidert, obwohl sie ihn kaum kannte. Das war ganz normal, wie die alten Frauen bei Hofe ihr zuvor versichert hatten. Niemand kannte seinen Gemahl wirklich vor der ersten Nacht. Also hatte sie ihn empfangen und trotz des kleinen Schmerzes auch Freude dabei empfunden.

Aber das hatte ihm nicht gereicht.

»Du hast bekommen, was du brauchst«, hatte er ihr ins Ohr geflüstert, als sie danach verschwitzt in den Laken lagen, »jetzt bin ich dran.« Er hatte sie gepackt, grob auf den Bauch geworfen und ihr die Arme hinter dem Rücken festgehalten. Sie hatte geschrien, aber er hatte ihren Kopf in das Kissen gedrückt und ihre Schreie so erstickt.

»Es wird dir gefallen«, hatte er gesagt.

Dann kam der Schmerz.

Als er am nächsten Tag vom Hof ritt, hatte sie ihre Tränen weggewischt und drei Jahre insgeheim gehofft, er würde nie wiederkehren. Zu Anfang hatte sie gedacht, das alles sei ganz normal. Er sei wie jeder andere Mann. Aber sie hatte mit den alten Frauen bei Hofe gesprochen, heimlich und in Umschreibungen, versteht sich. Und sie hatte erfahren, dass er nicht war wie die anderen, sondern grob, gemein und rücksichtslos.

Friedrich hatte noch vor seinem Aufbruch ins Heilige Land einen Erben zeugen wollen, und er war voller Enttäuschung, als er vom Kreuzzug heimkehrte und sah, dass da kein dreijähriger Knabe im Hof der Burg auf ihn wartete und mit Stöcken und Steinen Ritter spielte. Die Enttäuschung hatte angehalten, aber Friedrich war niemand, der schnell aufgab.

Adela empfand jedes Mal unaussprechlichen Ekel, wenn er auf ihr lag. Und sie hatte begonnen, sich zu wehren. Zunächst war er überrascht gewesen und hatte von ihr abgelassen, doch dann hatte ihr Widerstand ihn herausgefordert. Friedrich liebte Herausforderungen.

Sie hatte es dadurch nur schlimmer gemacht. Ihr Bitten und Betteln hatte ihn aufgestachelt. Und manchmal konnte sie tagelang nicht gehen. Der heiß ersehnte Erbe ließ dennoch auf sich warten.

Als ihre regelmäßige Blutung ein paar Tage ausblieb, atmete sie auf und sandte ein Dankgebet zum Himmel. Doch die frohe Botschaft, dass der Herrgott ihr gemeinsames Beten um ein Kind erhört hatte, stimmte ihn nicht milder. Friedrich kam zu ihr, um sie zu »belohnen«.

Sie wusste sich nicht anders zu helfen, sie hatte an das Kind gedacht, das in ihr wuchs, und ihm das Gesicht zerkratzt. Als er aufschrie und die Hände zu den Augen führte, hatte sie ihm das Knie zwischen die Beine gerammt und war weggelaufen. Zusammengekauert hatte sie neben dem erloschenen Herdfeuer in der Küche ihrer eigenen Burg übernachtet.

Friedrich war außer sich gewesen. Aber er hatte von ihr abgelassen, sich ihr nicht mehr genähert. Adela war ein paar Tage voll des Glückes gewesen, begann sich als Mutter zu fühlen und frei von einer Last und von Friedrichs erdrückender Gewalt. Ein paar Tage.

Aber dann blieb das Kind aus.

Es kam nicht.

Es wollte nicht kommen.

Oder sie wollte nicht, dass es kam, obwohl es sie vor ihm beschützt hätte. Wenn sie das Kind hätte, würde er sie endlich in Ruhe lassen und sich Konkubinen nehmen. Aber wenn das Kind nicht käme, wäre ihre Lage umso schwieriger. Seitdem war eine weitere Furcht hinzugekommen.

Was, wenn sie keine Kinder bekommen konnte?

Was, wenn tatsächlich sie schuld daran war?

Vertrocknete Ziege.

Friedrich stand noch immer keuchend an der Tür. Der Mond schickte einen schmalen Streifen fahles Licht durch die Ritzen des Fensterladens, und ein Luftzug brachte die Glut im Kamin zum Lodern. Im rötlichen Schimmer sah sie, dass er schwitzte; er wirkte verwirrt und – ein Ausdruck, den sie auf seinem Gesicht noch nie gesehen hatte – ängstlich.

War es ein guter Moment? Weil er schon erschöpft war? Adela wusste, dass sie das Kind brauchte, aber sie konnte ihren Ekel nicht überwinden, obwohl sie nur die Leinendecke über dem Bett zurückschlagen müsste.

»Du bist wach?« Er hatte sie gehört, oder er hatte gespürt, dass sie nicht schlief.

»Ja. Es ist kalt.«

»Kalt? Du bist kalt. Ich schwitze.«

Adela ignorierte den Vorwurf. »Wie geht es ihm?«

»Konrad?« Friedrich sah sie mit glasigen Augen an. Er wirkte wie trunken, und Adela konnte sich keinen Reim darauf machen, wer oder was Barbarossa in diesen Zustand versetzt hatte. Er trank selten, und man merkte es ihm kaum an, selbst wenn er zu viel hatte. »Konrad«, sagte er leise, fast unhörbar und stierte in die Glut, als gäbe es außer ihm und dem sterbenden Feuer nichts in diesem Raum. »Es geht ihm besser. Viel besser. Morgen ist er wieder der Alte.«

Dann löste er sich vom Kamin, trat ans Bett und nahm sich von ihr mit aller Härte, wovon er glaubte, dass es ihm zustand.

27. Juli 1148, Damaskus

Ich stolpere die Stufen aus dem Keller hinauf, und die lodernde Sonne brennt in meinem Auge wie Säure. In dem einen Auge, auf dem ich noch etwas sehe, wenn ich blinzle. Das andere Auge wage ich nicht zu berühren, der Schmerz ist überall in meinem Kopf und in meinem Körper. Eine dickflüssige Masse rinnt an meiner linken Wange hinunter, und ich bete, dass es nicht das Auge ist. Blut und Schweiß verkleben mir die Lider, ich mache einen Schritt vorwärts, aber dann wirft der Schmerz mich zu Boden. Der Länge nach stürze ich auf die staubige Erde, verliere mein Schwert, schreie auf. Aber es ist egal.

Alle schreien, niemand schenkt mir Beachtung.

Ziegen rennen durch den Staub, irgendwo hinter mir schlägt ein Felsbrocken aus einem unserer Katapulte in das mit Stroh gedeckte Dach eines Hauses ein und reißt Balken und Mauern krachend mit sich. Zerborstene Ziegel regnen auf mich herab. Wieder Schreie. Diesmal Kampfgebrüll. Ein Trupp Damaszener stürmt vorbei, sie haben ihr Schwert über den Kopf erhoben. Die Bewohner dieser von Gott und allen Engeln verfluchten Stadt rennen in entgegengesetzter Richtung, alte Männer, Frauen, Kinder. Sie versuchen, so schnell wie möglich von der Bresche in der Außenmauer in die Stadt hereinzukommen; sie trampeln alles nieder, was ihnen im Weg ist.

Ich komme auf die Knie, mein Kettenhemd schleift im Staub. Mit der Rechten greife ich nach dem Schwert, die Linke hält immer noch das hölzerne Kästchen umklammert.

Das Kästchen!

Es muss zum Herzog, es ist für ihn und den König bestimmt, und ich werde es ihnen bringen, denn das ist meine Aufgabe.

Die Damaszener werfen sich unseren Rittern entgegen, großen, stämmigen Kerlen in eisernem Panzer, gegen die die Muselmanen schwach und klein wirken. Aber die Kerle sind verflucht schnell. Und sie fürchten den Tod nicht. Keiner von ihnen fürchtet den Tod, weil sie glauben, dass das Leben im Jenseits ungeahnte Freuden für sie bereithält. Sie stürmen den Hügel aus den zertrümmerten Steinen der Stadtmauer hinauf und schlagen und stechen auf alles ein, was sich ihnen entgegenstellt.

Ich ziehe mich an einer Hauswand hoch. Das Brennen in meinem Kopf, dort, wo der Schwerthieb mich getroffen hatte, ist zu einem Höllenfeuer geworden. Die Schreie um mich herum in dieser fremden Sprache, in diesem teuflischen, kehligen Krächzen rauben mir die Sinne, genau wie die sengende Hitze und der stechende Gestank von Rauch, Ziegendreck und verbranntem Fleisch. Aber ich muss nach draußen, ich muss durch die Bresche!

In immer neuen Wellen werfen sich die Verteidiger der Stadt gegen die Schwerter und Lanzen der Unsrigen. Verschwommen erkenne ich die roten Kreuze der Templer zwischen deutschen Adlern, den Fahnen der Fürsten des Heiligen Landes und den Wappen der Franzosen, alles getränkt vom Blut der eigenen und der fremden Kämpfer. Gliedmaßen fallen ab, Leiber sinken zu Boden, der helle Sandstein der Stadtmauer ist rot gesprenkelt.

Ich schleppe mich auf die Bresche zu, hinter mir höre ich eine hohe Stimme in der Sprache, die ich nicht verstehe, dann tritt mich etwas, und ich bekomme Schläge auf den Rücken. Ein Junge, vielleicht sechs Jahre alt, schwarze Augen, seine Haare sehen vom Staub so aus, als wären sie mit Mehl überzogen. In seinem Gesicht steht der blanke Hass. Als ich mich umwende, hebt er den Blick, und der Hass in seinen Augen weicht einer tiefen, namenlosen Furcht.

Er sieht etwas Entsetzliches.

Er sieht mich.

Der Junge wendet sich schreiend ab und rennt davon.

Ich atme tief durch, dann straffe ich mich für meinen letzten Kampf. Die Bresche ist der einzige Weg aus dieser Hölle, die Damaskus heißt. Neben mir beugt sich eine Frau über einen am Boden liegenden Haufen aus Kleiderfetzen und Blut, ich erkenne eine Kinderhand. Die Mutter hebt wehklagend die Arme zum Himmel, aber auch sie verstummt, als sie mich sieht.

Ich erklimme den Hügel zu der Bresche.

Ich hebe mein Schwert, es geht ganz leicht, die ersten Damaszener sehen mich nicht, ich komme von hinten, was unwürdig und feige ist, aber das ist mir gleich. Ich fälle etliche von Unurs Männern mit je einem einzigen Streich, ziele und treffe die ungeschützte Stelle im Nacken. Die anderen merken es nicht; der Lärm der Schreie und das metallische Klirren der Klingen sind ohrenbetäubend. Die Reihen vor mir lichten sich, ich bin schon fast oben an der Bresche angelangt, doch dann dreht sich einer von ihnen um und hebt die Axt. Ich bin schneller, ich steche zu, und er sackt zu Boden. Sein Schrei hallt über die Bresche. Die Sarazenen haben mich entdeckt. Schwerter und Äxte werden zum Himmel gereckt.

Ich umklammere das Kästchen noch fester, spüre, wie mir die Kräfte schwinden. Die Schwerthiebe prasseln auf mich hernieder. Mit Mühe pariere ich einzelne Schläge, andere kann ich nicht abwehren, sie schneiden mir in den Rücken und in den Oberschenkel. Blut quillt hervor, und die kleinen Ringe des Kettenhemdes sind wie in dickflüssiges Rot getaucht. Ich kann sie riechen, ich rieche ihren Schweiß, und ich rieche auch den nahenden Tod.

Doch auch auf der anderen Seite hat man mich gesehen.

Die Männer, die unter dem Kreuz marschieren, brechen in Jubel aus, als sie mich mitten in den Reihen der fremden Teufel entdecken, und verdoppeln ihre Anstrengung. Ich wehre einen weiteren Schlag ab, doch die Axt meines Feindes rutscht von meiner Parierstange ab und bohrt sich in meine Hüfte.

Ich sacke auf die Knie, falle auf den Rücken und weiß, dass ich versagt habe und dass ich nun den Preis dafür bezahle.

Der Damaszener hebt die Axt, seine dunkel glimmenden Augen sind beseelt von der Gewissheit, einen weiteren Franken zu seinem grausamen Gott zu schicken. Es ist vorbei. Die Erkenntnis, dass ich mein Leben verwirkt habe, trifft mich härter noch als der Axthieb zuvor.

Noch einmal die sanften grünen Hügel der Heimat sehen.

Noch einmal von der Burg aus den Blick über das Tal schweifen lassen.

Verzeih mir, Mutter, denn ich habe eine unaussprechliche Sünde begangen. Verzeih mir, Vater, denn ich habe Schande über unseren Namen gebracht.

Betet für mich.

Die Axt des Damaszeners verharrt einen Moment in der Luft über seinem Kopf, er wird sie gleich nach unten schwingen, um mir den Schädel zu spalten, als auf einmal die Welt in ihrem Lauf angehalten wird.

Die Axt bleibt wie erstarrt in der Luft. Sie bewegt sich nicht. Der Damaszener bewegt sich nicht. Auf dem grünen Leinenüberwurf über seinem Kettenhemd breitet sich ein dunkelroter Kreis aus. Der Sarazene hat die Augen weit aufgerissen, er röchelt, sein krauser Kinnbart zittert. Das Schwert wird aus seinem Rücken gezogen, und der Krieger sackt ganz langsam zusammen.

Er fällt auf mich, sein im Tode erstarrtes Gesicht nur eine Handbreit von meinem entfernt. Hinter ihm erscheint, grimmig lächelnd, ein Ritter. Einer von uns. Ein Mann ohne Helm, mit langen blonden Haaren, dessen Gesicht von zahlreichen Wunden entstellt ist. Er kniet sich neben mich. Ein lebender Toter kniet sich neben einen toten Lebenden.

Er nähert sein hageres Gesicht meinem Ohr. »Danke dem mächtigen Gott des Himmels und der Erde, mein Sohn«, flüstert er, »du bist gerettet.«

Das Letzte, was ich durch das eine Auge sehe, bevor auch dieses von bleierner Dunkelheit umfangen wird, ist ein Falke, der sich hoch über die Mauerzinnen der bis in Ewigkeit von Gott und allen Engeln verfluchten Stadt Damaskus aufschwingt. Sein edler, feingliedriger Körper wird von der warmen Luft getragen, vollkommen mühelos schwebt er zum Himmel, wird zu einem kleinen schwarzen Punkt vor dem wolkenlosen Blau über mir.

Ich weiß, dass der Falke meine Seele ist, die zu ihrem Schöpfer aufsteigt, und schließe die Augen in der Gewissheit, dass ich sterben werde und dass ich ein furchtbares Verbrechen begangen habe. Dann spüre ich plötzlich schmerzhaft eiskaltes Wasser in meinem Gesicht.

***

»Wach auf, welf’scher Bastard!«

Das Wasser war ein Schock und riss ihn aus ohnmächtigem Schlaf. Es klatschte Ditho über Kopf und Oberkörper. Mit einem Schnauben sog er die Luft ein und setzte sich kerzengerade auf der Pritsche auf. Sein Kopf schmerzte, es war dunkel, und es roch nach Urin. Wo war er? Er sah zwei hässliche, eng beieinanderstehende schwarze Augen, die ihn durch die Gitterstäbe anfunkelten.

»Du bist im Kerker, in meinem Kerker, wo wir gemeinhin nur Säufer und Randalierer zu Gast haben. So wie den da!«

Ditho schüttelte sich. Hatte er gesprochen, ohne es zu bemerken? Sein Blick ging zur Seite, wo ein bärtiger, knochendürrer Mann in einem grellgelben Umhang im Stroh am Boden der Zelle schlief. Seine fleckige Kutte war mit einer breiigen Masse verschmiert, und der Geruch von Branntwein schlug ihm entgegen.

»Aber jetzt haben wir richtig hohen Besuch hier, was, Ditho? Einen Ritter! Einen Veteranen der Kreuzzüge! Einen einäugigen welf’schen Lügner, der endlich bekommen hat, was ihm zusteht!«

Ditho blickte zu den vergitterten Fenstern in der vier Fuß dicken Außenmauer der staufischen Feste, durch den vereinzelte Schneeflocken hereinwehten. Er trat vor die Öffnung. Unter ihm lag der Markt von Wangen, und weit dahinter am Horizont entdeckte er eine hohe Rauchsäule, die über dem Wald aufstieg und sich im milchigen Weiß des Himmels verlor.

Die Neuravensburg. Das Feuer. Jasmo. Gernots Schlag gegen seinen Kopf. Ditho betastete die offene Wunde an seiner Stirn und zuckte zurück. Seine Wange und die Kopfhaut spannten von angetrocknetem Blut. Das Wasser auf der Haut ließ ihn frösteln, bald würde sein Überwurf steif gefroren sein. Ditho wandte sich zum Gitter. »Was hast du mit meinen Leuten gemacht, Gernot?«

»Deinen Leuten? Den Heiden und den armseligen Zwerg nennst du deine Leute?« Gernots meckerndes Lachen dröhnte durch den Kerker. »Na, was wohl? Ich hab sie an den Zinnen deiner Burg aufgeknüpft!«

Ditho sprang auf und wollte einen Satz machen zum Gitter, wollte seine Fäuste durch die schmalen Zwischenräume der Eisenstäbe hämmern, hinter denen Gernots Augen funkelten. Doch die Kette um sein Fußgelenk riss ihn von den Beinen. Er schlug der Länge nach auf den nackten Boden.

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