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Inhalt

Einführung

Der Tiger und die Therapie

Was ist Trauma?

Die Vergangenheit verändern?

Die Entstehung eines Traumas

Häufige Folgen einer Traumatisierung

Ziele traumatherapeutischer Arbeit

Traumatherapie mit Geschichten

Der Weg der Heilung

1 Traumaprävention

Selber atmen

Geheimnisvolle Fremde

Benennen können

Igelstachelumstülphülle

Aufs Pferd klettern

Knolle im Eimer

Mülltonnen rausbringen

Der Bühnenregisseur

Ich komme später nach

Equilibrium, das Spiel mit dem Dreieck

Uhrvertrauen

STOPP

Die Sandbienenburg

Tetris spielen

Ridiculus

2 Die Starre lösen

Barbarossa

Glückliches Leben

Besser als sterben ist träumen

Stabil und flexibel

Ötzi aus dem Gletscher

Wie eine Träne

Wurmhotel

Mit Zuversicht in die Buckelpiste

Die grüne Karte

Von der Hexe verfolgt

Die Sicht nach vorne

Drei Brüder

Drei Drittel Ehemänner

Bärenstark

3 Geduld und Zuversicht im Überwinden

Die zertretene Schnecke

Dombau

Alles verloren

Unzufriedene Maus

Der Barfußpfad

Zigarettenautomat

Minensuche

Erdbeben

Die Fernseher von nebenan

Entrümpeln

Eiterpickel

Kaminofen

Das Gift wegbringen

Der Rucksack

Wenn ein Stein ins Wasser fällt …

Die Fernseh-aus-App

4 Ein neuer Blick auf scheinbar schlechte Reaktionen

Mächtige Begegnung

Abnorme Wintertage

Glühwürmchenhöhle

Das Ende

Der Postillon

Die Vereinbarung

Mein Ressourcenshop

Transportsystem

Geklappt und gekippt

Viele Gesichter

Des Menschen Wolf

Ich bin schuld

Die Nilkrokodilmutter

Eis am Stiel

Krise und Chance

Vom Aussterben der Drachentöter

5 Zugehörigkeit erleben lassen

Ausbrecher

Der Mann am Meer

Das Chaos hilft

Die unsichtbare Seidenstraße

Heilung durch Trauer

Von Bienen und Blumen

Dem positiven Unterschied entgegen

Nektar des Lebens

Das Monster im Schrank

Die Flucht

Bis wir sterben

Ich vertraue dir

6 Beziehungen entlasten

Nur eine Amsel

Liebe Seele

Der verfluchte Esel

Quadrate und Striche

Der Urschrei

Zauberkreide

Unordnung

Familienbande

Das Karussell

Leere Wohnung

Verkehrsregelung

Elefanten in der Teeplantage

Der Esel hat’s gemerkt

Der Vulkan

7 Traumatische Reaktionen nachkonditionieren

Nur Verlust

Die Staumauer

Fräulein Lila

Nebelspaziergang

Paternoster

Ziegelsteine rücken

Nimm meine Stimme mit

Der Schlüssel

Schneewittchen

Das Grasbüschel

Brassica napus

Befreiung aus dem Internat

Seron

Seine Stimme

Schatzsuche

Giftspeiende Ringhalskobra

8 Aussöhnung, Güte, Selbstversöhnung

Seelenwäsche

Heilsame Begrenzung

Die große Finsternis

Ehrenrunde

Elternhaus

Hütchenspieler

Unterlegscheiben

Wilde Hunde

Der Wolf und das Schaf

Kalte Füße

Entenküken

Der Baum lebt weiter

Das Kalben des Gletschers

Das Brot auf dem Stuhl

Meine Medaille zeigen

Wie der Tiger lieben lernte

Getrennte Freunde

Anhang

Stichwortverzeichnis

Alphabetisches Verzeichnis der Geschichten

Literatur

Einführung

Der Tiger und die Therapie

Eine Klientin mit schweren Phobien und Panikattacken kommt 1969 zu dem Biophysiker und Psychologen Peter A. Levine in Therapie. Er versucht, ihr zunächst mit verschiedenen Entspannungsübungen zu helfen, was ihren Zustand aber noch verschlimmert. Wenn Entspannung schadet, was ist dann mit Anspannung? Levine fordert die Frau auf, vor einem imaginären Tiger davonzulaufen. Nun beginnen ihre Beine zittrig auf der Stelle zu laufen, und ihr ganzer Körper wird von heftigem Zucken und Schütteln erfasst. Plötzlich erinnert sie sich, wie sie als Kind bei einer Mandeloperation mit Äther betäubt wurde und zu ersticken glaubte. In der Folge verlor sie ihre natürliche Lebendigkeit und entwickelte eine resignative Haltung. Levine wird klar, dass sich ihre Symptome aus diesem Erlebnis heraus entwickelt haben. Die Klientin erlebt die Sitzung als Durchbruch. Sie fühlt sich wieder lebendig und verliert ihre Ängste, die sie so lange begleitet haben.

Peter Levine wird zu einem Pionier der Traumatherapie. Als Symbol für „Somatic Experiencing“, wie er seine Methode nennt, wählt er einen Tigerkopf. Der Tiger steht für ihn „für die bei einem Trauma unterdrückte Lebenskraft, die sich durch heilsame Impulse wieder ihren Weg zurück bahnen kann“ (www.somatic-experiencing.de/die-geschichte-von-se; 22.10.2020).

Zwei Jahre später: In einer Klinik in Arizona liegt eine Frau mit Krebs und leidet unter starken Schmerzen. Da alle Schmerzmittel nichts helfen, entscheidet ein Arzt, sie zu dem Hypnotherapeuten Milton Erickson zu fahren, um zu sehen, ob seine Arbeit hier etwas ausrichten könne. „Söhnchen, glaubst du wirklich, dass deine hypnotischen Sprüche meinen Körper umkrempeln können, wo doch nicht mal starke Medikamente eine Wirkung auf ihn haben?“, fragt sie, als sie Erickson in seinem Rollstuhl vor sich sieht. Er sagt, dass er an den Bewegungen ihrer Pupillen und ihrer Gesichtsmuskeln sehe, dass sie große Schmerzen habe. „Nun sagen Sie mir, gnädige Frau, wenn Sie einen schlanken, hungrigen Tiger nebenan erblicken würden, der langsam hier ins Zimmer kommt, Sie hungrig beäugt und sich die Schnauze leckt – wieviel Schmerzen würden Sie spüren?“ Unter diesen Umständen hätte sie keine, erklärt sie und ist überrascht, dass sie, während sie sich das vorstellt, tatsächlich keine Schmerzen spürt. Erickson arbeitet eine Weile mit ihr. „Herr Doktor, darf ich den Tiger mitnehmen?“, fragt sie am Ende. „Sicher, Madam.“

Die Schwestern in der Klinik sagen, seit sie bei diesem Schraubendreher-Doktor war, habe sie wirklich keine Schmerzen mehr. Sie sei nur ein bisschen neben der Spur: Jetzt beugt sie sich über die Bettkante und redet mit einem Tiger unter ihrem Bett (Zeig 1985, 220 f.; Nemetschek 2011, 86).

Dreißig Jahre später: Yann Martel veröffentlicht seinen Roman „Schiffbruch mit Tiger“. Er erzählt die Geschichte des Sohnes eines Zoobesitzers, der bei der Auflösung eines Zoos seine Tiere verschiffen muss. Als das Schiff untergeht, können sich nur der Junge, eine Hyäne, ein Orang-Utan, ein verletztes Zebra und ein bengalischer Tiger auf einem Rettungsboot in Sicherheit bringen. Übrig bleiben, nach einigen Todesfällen, der Junge und der Tiger. Unter Gefahr für Leib und Leben muss der Junge ständig den Tiger im Auge behalten. Am Ende erfährt der Leser die allegorische Bedeutung der Tiere. Wäre die Geschichte aus der Perspektive eines Nachrichtensprechers erzählt worden, hätte sie nicht die Kraft, das Ungeheuerliche des Traumas in Worte zu fassen.

Auf den ersten Blick stellt der Tiger die eigentliche Bedrohung des Jungen dar, dann aber transformiert der Tiger – oder der Junge – diese Bedrohung in einen Traum, der Überleben und Heilung ermöglicht (Martel 2003).

Was ist Trauma?

Traumatisch nennen wir Erlebnisse, bei denen wir uns einer überwältigenden Bedrohung unseres Lebens oder unserer körperlichen und seelischen Unversehrtheit hilflos ausgeliefert sehen – wenn dieses Erleben dauerhaften Schaden bei uns hinterlässt.

Zuweilen werden Menschen nicht deshalb traumatisiert, weil ihnen dieses Unglück widerfährt, sondern, weil sie erleben, wie andere, mit denen sie sich identifizieren, einem Geschehen von vernichtender Kraft ausgeliefert sind.

Wenn Menschen eine Situation nicht so erleben, dass sie sie erleiden, sondern, dass sie sie gestalten, werden sie nicht traumatisiert. Das heißt, dass Menschen, die als Katastrophenhelfer lenkend in das Geschehen eingreifen, vergleichsweise weniger gefährdet sind, traumatisiert zu werden, als diejenigen, die das Geschehen als Zeugen passiv beobachten. Es bedeutet auch, dass Menschen, die Verbrechen verüben, wenn sie dies aktiv und willentlich tun und im Verlauf des Geschehens nicht in eine passiv erleidende Position geraten, nicht traumatisiert werden.

Der französische Neuropsychiater Boris Cyrulnik berichtet, dass bei Soldaten, deren Camp durch Raketen beschossen wird und die sich auf ein Sirenensignal hin innerhalb von 30 Sekunden in Sicherheit bringen müssen, eine enorme Traumatisierungsrate zu finden sei, obwohl es hier fast keine Toten und Verletzten gebe. Die Häufigkeit von Traumatisierungen sei deutlich höher als bei Einsätzen mit Feindkontakt – weil die Soldaten sich nicht als „Herr des Geschehens“, sondern als Dinge erleben, auf die Raketen abgefeuert werden (youtu.be/rd13inJYbQk, Min. 28:24 ff.; 22.10.2020).

Zu unterscheiden ist in jedem Fall zwischen einer Situation mit traumatischem Potenzial und der Verarbeitung dieser Situation. Sind mehrere Menschen derselben Belastungssituation ausgesetzt, zeigt sich, dass nicht alle in demselben Maß traumatische Symptome entwickeln. Oftmals gibt es bei einigen gar keine Zeichen einer Traumafolgestörung, bei anderen treten für Stunden, Tage oder Wochen Symptome einer schwerwiegenden Belastung auf, wieder andere leiden ihr Leben lang oder bis zu einer Therapie, durch deren Hilfe die Symptome aufgelöst werden.

Je früher ein Mensch solche existenzbedrohenden Erfahrungen macht, desto höher ist die Tendenz, dass spätere Belastungserlebnisse – insbesondere solche, die Parallelen zu früheren Belastungen aufweisen – traumatisch verarbeitet werden, das heißt, chronische körperliche und psychische Schäden bei einem Menschen hinterlassen.

Es ist auffällig, dass Menschen, die ein solches Belastungserlebnis alleine zu verkraften haben, weil offenbar niemand da ist, der als Gesprächspartner geeignet erscheint, Belastungsereignisse weit weniger gut verarbeiten als diejenigen, die die Möglichkeit haben und nutzen, mit anderen zu teilen, was ihnen widerfahren ist und wie es ihnen geht.

Das ist vielleicht einer der Gründe, warum Vernachlässigung und Gewalt durch Familienmitglieder und nahe Bezugspersonen meist schlechter verarbeitet werden als jene Belastungen, die von ferner stehenden Personen ausgingen: Die Personen, die das traumatische Potenzial der Situation abschwächen oder auflösen könnten, sind entweder selbst die handelnden Personen des traumatischen Geschehens oder mit den handelnden Personen enger assoziiert als mit der erleidenden Person.

Boris Cyrulnik erzählt von einem Versuch, den, wie er berichtet, seine Kollegen Patrick Clairvoy und Michel Delage von der Universität Toulon wissenschaftlich ausgewertet haben: Soldaten, die einen gefährlichen Einsatz unternehmen mussten, wurden gebeten, vorher einen Brief an ihre Lieben zuhause zu schreiben, ihn dann in einen Umschlag zu stecken und ihn nach dem Einsatz wieder anzusehen, um zu überlegen, ob sie ihn abschicken oder was sie sonst damit machen möchten. Bei denen, die solch einen Brief geschrieben haben, habe man später fast nie Anzeichen einer Traumafolgestörung gefunden, und zwar unabhängig davon, wie schwer der Einsatz war, was sie zu Gesicht bekamen oder wer dabei gestorben ist. Bei anderen, die bei den gleichen Einsätzen waren, habe man Traumafolgestörungen in der sonst bekannten Häufigkeit vorgefunden. Bei Soldaten, die sich wie beschrieben vorbereitet hatten, sei die Rate der Traumatisierungen sogar geringer gewesen als bei denjenigen, die im Lager zurückblieben, Fantasiebilder von den blutigen Kämpfen ihrer Kameraden entwickelten und nichts tun konnten, um ihnen zu helfen.

Der beschriebene Effekt sei darauf zurückzuführen, dass die Soldaten sich beim Schreiben eines solchen Briefes innerlich auf eine nahe menschliche Beziehung ausgerichtet hatten, die ihnen vertraut war und auf eine Situation, in der sie ihr Leben meisterten. Die im Lager zurückgebliebenen Soldaten hingegen seien auf ein Geschehen ausgerichtet gewesen, das sie nicht meistern konnten (youtu.be/rd13inJYbQk, min.28:20 ff.; 22.10.2020). Die geschilderten Beobachtungen sind uns plausibel, wenngleich wir nicht verifizieren können, ob der Versuch tatsächlich genauso stattgefunden hat.

Für die Art der Verarbeitung ist es entscheidend, ob Menschen, die ein belastendes Ereignis zu verkraften haben, sich als Teil einer Gemeinschaft erleben, in der sie so, wie sie sind, willkommen sind.

Wenn wir uns vorstellen, dass ein Säugling vom Wickeltisch fällt, sich den Schädel bricht, jedoch gerettet wird und später keine dauerhaften körperlichen Schäden davonträgt, können wir aus diesen Informationen noch keine Prognose wagen, ob das Kind durch dieses Erlebnis eine Traumafolgestörung entwickelt. Nehmen wir aber an, dass dies zwei Säuglingen geschieht: Der eine wächst in einer Familie auf, in der er nicht sonderlich willkommen ist, oft alleine gelassen wird, wenig Ansprache erfährt und eher grob angefasst wird, der zweite wächst als Schatz seiner Familie in Wärme und Geborgenheit heran – dann können wir mit recht großer Wahrscheinlichkeit vorhersagen, dass der erste Traumafolgen entwickelt, der zweite hingegen nicht.

Man kann es sich so vorstellen, dass tief im Gehirn (in der Amygdala) eine Instanz ist, die sich mit zwei Fragen beschäftigt: „Bin ich sicher?“ und „Bin ich zugehörig?“. Wird eine der Fragen – die vielleicht ein- und dieselbe sind – mit „Nein!“ beantwortet, wird ein Alarm ausgelöst. Die Fähigkeit, diesen Alarm auszulösen, schleift sich ein: Je länger oder häufiger das Alarmsignal ertönt, desto leichter wird es anschließend ausgelöst. Das gilt zum einen generell, im Besonderen aber für Situationen, die der Ausgangssituation gleichen. Die frühen Lebenserfahrungen eines Kindes bilden sozusagen den Rahmen für seine Interpretation von allem, was folgt. Das heißt: Je früher ein Kind solche Erfahrungen macht, desto eher wird es auf Folgeereignisse traumatisch reagieren. Und je mehr Erlebnisse das Kind auf diesem Weg sammelt, die es traumatisch verarbeitet, desto höher ist sein Risiko, als Erwachsener traumatisch auf Belastungen zu reagieren.

Entscheidend ist, ob ein Mensch sich einer Gefahr hilflos ausgeliefert sieht und welche Vorerfahrungen er mit dieser Art von Erleben hat. In eine Formel gefasst ist das traumatische Potenzial einer Situation für einen Menschen das Produkt aus der Intensität der akut erlebten Bedrohung und dem Grad des chronisch erlebten Unwillkommenseins oder Ausgeschlossenseins. Vieles deutet darauf hin, dass der zweite genannte Faktor entscheidender ist, dass also die Schwere eines Einzelerlebnisses für die Wahrscheinlichkeit einer traumatischen Verarbeitung weniger bedeutsam ist als die Erfahrung, einsam und unbeschützt zu sein.

Neben der Intensität eines bedrohlichen Erlebnisses und der Chronizität der Isolationserfahrung gibt es einen dritten Faktor: Je früher (und je häufiger in frühen Lebensphasen) ein Mensch Erfahrungen von Bedrohung und Ausgeschlossensein macht, desto wahrscheinlicher werden spätere Erlebnisse traumatisch verarbeitet.

Bei Kindern, die die ersten Lebenswochen in einem Brutkasten verbringen, finden wir häufig bis ins Erwachsenenalter ausgeprägte Schwierigkeiten mit Verlustangst, Todesangst, Bindungsangst und alarmierter Einsamkeit sowie eine Neigung zur Depressivität. Ähnliches lässt sich bei Menschen beobachten, die zu Beginn ihres Lebens unwillkommen waren, die abgetrieben werden sollten oder deren Mutter während der Schwangerschaft dauerhaft Angst, Depression oder schwere Trauer erlebte. Wiewohl uns die Möglichkeit der Traumatisierung eines Menschen als Fötus durchaus plausibel erscheint, können wir nicht sagen, ab welchem Stadium dieses Risiko bestehen kann.

Um das Ganze ins Positive zu wenden: Je mehr Wärme, Willkommen, Sicherheit ein Mensch bekommt und je mehr insbesondere der Beginn seines Lebens davon geprägt ist, desto resistenter wird er gegen potenziell traumatisierende Ereignisse sein, um es fachlich auszudrücken: desto resilienter ist er. Wer sich als willkommen, angenommen und zugehörig erlebt, während er eine Gefahr durchlebt, erleidet keine Traumafolgen. In diesem Zusammenhang ist zu beobachten, dass Belastungsereignisse, die eine ganze Gemeinschaft treffen, die sich im Leiden solidarisiert, wie es im Umgang mit Naturkatstrophen geschehen kann, von den Betroffenen in der Regel besser verarbeitet werden, als solche Ereignisse, die nur einen Einzelnen betreffen oder solche, die zu einer Entsolidarisierung der Gemeinschaft beitragen.

Die Vergangenheit verändern?

Unser Bild der Welt, in der wir leben, baut sich zwar in einer chronologischen Reihenfolge auf, sodass die früheren Lebenserfahrungen als Grundlage dienen, um die späteren einzuordnen; für das Gehirn aber, welches diese Erfahrungen sammelt und sortiert, bildet Chronologie eine untergeordnete Rolle. Das Gehirn bildet Assoziationsbrücken zwischen gleichzeitigen, gleichartigen und unmittelbar aufeinander folgenden Eindrücken – sofern die erinnerten Abläufe von einem hohen Grad an Kontinuität geprägt sind, wenn also das, was aufeinander folgt, zusammenzupassen scheint.

Dass das Gehirn seine Tätigkeit in assoziativen Verknüpfungen organisiert und Chronologie hier nur eine Randfunktion darstellt, ist für die therapeutische Arbeit von Interesse.

In unserer Kultur haben wir gelernt, man könne die Vergangenheit nicht ändern und die Zukunft im Grunde auch nicht. Allerdings könne man die Gegenwart so gestalten, dass eine gute Zukunft wahrscheinlicher werde. Geprägt ist diese Vorstellung von einem linearen Geschichtsverständnis und einer Physik, die Zeiten misst und zueinander ins Verhältnis setzt.

Biologisch betrachtet, besteht die Vergangenheit aus Erinnerung, die Zukunft aus Erwartung (oft als Hoffnung oder Befürchtung) und die Gegenwart aus unserer Wahrnehmung und deren Deutung. Wenn wir uns vorstellen, dass diese Inhalte in unserem Gehirn gespeichert und sortiert werden, ist es gut vorstellbar, dass es einen Unterschied macht, ob stärkende, möglichkeitserweiternde Impulse oder schwächende, möglichkeitsverengende Inhalte priorisiert werden.

Die Entstehung eines Traumas

Stellen Sie sich vor, Sie betreten eine Bank. Während Sie darauf warten, bedient zu werden, rennen zwei vermummte Gestalten in den Schalterraum. Einer stößt Sie an die Wand, hält eine Pistole an Ihre Schläfe und schreit: „Geben Sie das Geld raus, Tausender gebündelt, jetzt sofort, oder ich schieße!“ Die Angestellte erklärt, dass der Tresor ein Zeitschloss hat und sie größere Geldmengen nur verzögert entnehmen kann. Der Mann drückt die Mündung der Waffe fester an Ihren Kopf und schreit: „Ich gebe Ihnen zwei Minuten, und dann knallt’s!“ Die Angestellte erklärt, dass das Zeitschloss fünfzehn Minuten braucht. Der Mann schreit: „Wird’s jetzt? Ich schieße!“

Was passiert in Ihnen in einer solchen Situation? Wahrscheinlich werden Sie erstarren. Ihre Muskeln ziehen sich zusammen und damit auch ein Großteil Ihrer Blutgefäße. Das heißt, die Durchblutung wird schwächer, was das Herz mit schnellerem und stärkerem Klopfen zu kompensieren sucht. Die Sauerstoffversorgung Ihres Körpers wird schlechter, vielleicht wird Ihnen schwarz vor Augen und Sie haben das Gefühl, in Ohnmacht zu fallen. Sie spüren, wie der Hals sich zuzieht und Ihr Magen schmerzt. Ihnen wird übel. Zuerst denken Sie ganz schnell ganz viel, dann immer verschwommener und immer weniger, dann gar nichts mehr. Anfangs haben Sie Angst, später fühlen Sie sich leer, abgeschaltet, wie eine Maschine. Sie haben kein Körpergefühl, kein Raumgefühl, kein Zeitgefühl. Was Sie sehen und hören, wirkt fragmentarisch, wie ein Puzzlespiel, das auseinanderfällt.

Wenn die Bankräuber geflohen sind, entspannen sich die Muskeln etwas. Es kann sein, dass Ihr Herzschlag und Atem rasen, um den Körper wieder besser mit Sauerstoff zu versorgen. Immer noch spüren Sie nichts. Sie fühlen sich wie im Nebel. Auf die Ansprache anderer reagieren Sie vielleicht gar nicht, vielleicht auch mit seltsamer Gelassenheit oder extremer Emotionalität, mit einem Weinkrampf, einer Panikattacke oder einem Wutausbruch.

Häufige Folgen einer Traumatisierung

Wochen später könnte das Bild so aussehen: Wenn Sie versuchen, eine Bank zu betreten, schnürt sich Ihr Hals zu, Sie leiden unter Atemnot und können nichts mehr denken. Der betreffenden Bankfiliale können Sie sich nicht mehr nähern, weil Panik in Ihnen aufsteigt. Die Tapete in der Bankfiliale war gelb. Wenn Sie gelbe Innenwände sehen, bekommen Sie Schweißausbrüche. Wenn Sie Männer hören, die denselben Akzent haben wie die beiden in der Bank, rast Ihr Herz. Wenn Sie einen Bankräuberwitz hören, brechen Sie in Tränen aus.

Es scheint, als habe Ihr Gehirn im Nebel der Überlastung während des Überfalls versucht zu lernen: „Was muss ich künftig meiden, wenn ich das hier überlebe?“ Da die Situation existenziell sehr bedeutsam war, hat Ihr Gehirn versucht, seinen Job gründlich zu tun und intensiv zu reagieren. Da die Leistungskapazität Ihres Gehirns niedrig war, hat es sehr undifferenziert gelernt, beispielsweise: „Alles, was so ist, wie jetzt, bedeutet akute Gefahr und ist unbedingt zu meiden!“

Nehmen wir an, einige Wochen später sind Sie mit vielen anderen Menschen in einem Einkaufszentrum. Die gelbe Wandfarbe dort missfällt Ihnen, aber Sie sind tapfer und gehen weiter. Plötzlich geraten neben Ihnen zwei Männer in einen heftigen Streit und schreien sich wüst an. Sie stehen erstarrt da. Erst lange, nachdem die Männer weg sind, können Sie einen halbwegs klaren Gedanken fassen.

Von da an meiden Sie auch Einkaufszentren und Menschenansammlungen. Um Männer, deren Haarfarbe und Barttracht Sie an die beiden Streithähne erinnert, machen Sie einen Bogen …

Wenn sich ausgeprägte Stressreaktionen wie Angst, Aggression und Vermeidung ausweiten, können die familiären und anderen Beziehungen der betroffenen Person schwer in Mitleidenschaft gezogen werden, und womöglich ist sie auf fremde Hilfe angewiesen – etwa, wenn es schwierig wird, das Haus zu verlassen, ein Auto zu benutzen oder mit fremden Menschen zu sprechen.

Was traumaerfahrene Menschen in die Therapie führt

In die Therapie kommen traumatisierte Menschen oft dann, wenn die Vermeidung von Auslösereizen als Strategie nicht mehr ausreicht, um ein einigermaßen funktionierendes Leben zu gewährleisten.

Viele Menschen, die an Traumafolgestörungen leiden, haben die ursprünglich auslösende Situation bzw. deren Zusammenhang mit den entstandenen Symptomen vergessen. Der Zusammenhang wird oft erst dann aufgeklärt, wenn im Rahmen einer Therapie gefragt wird: „Seit wann haben Sie dieses Symptom, und was war damals noch, in dieser Zeit?“

In der paartherapeutischen Arbeit fällt auf, dass oft nur die belastenden, potenziell traumatisierenden Vorerfahrungen der Partner aus der Zeit, bevor sie sich kannten, bearbeitet werden müssen, damit das Paar sich als fähig erlebt, seine Probleme allein, ohne Therapie lösen zu können. Teil der Therapie kann es sein, die Partner dafür zu sensibilisieren, dass der Grund, warum sie auf bestimmte Verhaltensweisen so stark reagieren, in Erlebnissen aus ihrer Herkunftsfamilie liegt. Dabei wird der jeweils andere Partner von Vorwürfen und Selbstvorwürfen entlastet und erhält die Möglichkeit, Empathie für das Leid seines Partners zu zeigen.

Bei Menschen, die mit körperlichen Symptomen in die Therapie kommen, fällt auf, dass die Frage „Seit wann haben Sie das, und was war damals noch?“ mit hoher Regelmäßigkeit zu traumatischen Erlebnissen führt. Sehr oft erweist es sich, dass die Symptome abklingen, sobald das Trauma in hilfreicher Weise bearbeitet werden konnte. Sehr häufig werden die Verbesserungen körperlicher Symptome schon während der Therapiestunde deutlich.

Herausforderungen und Chancen für die Therapie

Eine Schwierigkeit für die therapeutische Arbeit mit Traumata besteht darin, dass Menschen, die sich an eine frühere Zeit erinnern, etwa, indem sie darüber erzählen, beim Erinnern psychologisch und physiologisch in denselben Zustand kommen, in dem sie damals waren. Das Reden über Trauma reaktiviert die Erinnerung mitsamt dem damals durchlebten Leiden und – was die Therapiearbeit noch mehr erschwert – mitsamt der damaligen Dissoziation. Dazu gehören meistens Symptome von Starre und Betäubung. Während der ursprünglichen Traumatisierung dienten dissoziative Phänomene wie Emotionslosigkeit, Gedankenleere, Amnesie und körperliche Betäubung dazu, die Belastung zu reduzieren. Beim Erinnern kehren diese Phänomene wieder, weil Erinnerung eine Simulation der Wahrnehmungen und Körperreaktionen früher erlebter Ereignisse und Zustände ist. Wir können nichts erinnern, ohne das zur Zeit des Geschehens Wahrgenommene nochmals zu erleben. Erinnerung ist die Reproduktion eines Netzes von Wahrnehmungen und Körperreaktionen aus früherer Zeit. (Paradoxerweise kann es auch geschehen, dass die beginnende Erinnerung an die Auslöseereignisse Amnesie, also die Unfähigkeit, sich zu erinnern, erzeugt.)

Das heißt, durchs Erinnern kommt der Klient in einen Zustand, der dem Erlernen differenzierter neuer Reaktionen maximal abträglich ist. Die Starre während einer traumatischen Situation und während der bewussten oder unwillkürlichen Erinnerung äußert sich auf vielen Ebenen, etwa als

Erstarrung der Muskulatur (Unbeweglichkeit, Verspannungen),

Verengung der Blutgefäße (Durchblutungsstörungen, Bluthochdruck, hohe Herzfrequenz, Migräne, Sehstörungen, Hörsturz, Ohnmacht, Schlaflosigkeit, Panikattacken),

Verengung der Atemwege (flacher, schneller Atem, Asthma),

Verminderung des Körpergefühls (Taubheitserleben),

Verringerung des emotionalen Erlebens (Depersonalisation, Depression),

Reduktion kognitiver Fähigkeiten (Denken, Erinnern, Planen),

Verringerung des Zeit- und Raumgefühls,

Verringerung der Wahrnehmung von Licht und Farben.

Bei vielen Menschen werden solche Zustände nicht nur temporär aktiviert, sondern haben eine chronische Komponente. Depression kann weitgehend als chronische Form von Belastungsstörungen angesehen werden. Zu diesem Schluss kann man kommen, wenn man depressiv lebende Menschen immer wieder fragt, seit wann sie eine eingetrübte Grundstimmung haben und welche Erfahrungen mit Geborgenheit und Zugehörigkeit sie damals beziehungsweise in den ersten Jahren ihres Lebens gemacht haben.

Wenn wir Klienten also in der Therapie ihre traumatischen Geschichten nochmals erzählen lassen, kommen sie beim Erzählen in denselben belastenden, erstarrten, für differenziertes Lernen höchst ungeeigneten Zustand. Das ist nicht nur leidvoll, sondern auch wenig verheißungsvoll für ein gutes therapeutisches Ergebnis. Was aber können wir stattdessen tun?

Ziele traumatherapeutischer Arbeit

Lassen Sie uns zunächst vergegenwärtigen, was das Ziel einer Traumatherapie sein sollte. Ziel einer Traumatherapie ist es aus unserer Sicht, dass die Erinnerung an das belastende Erlebnis (den Banküberfall) wie auch einzelne Erlebnisinhalte, die darauf verweisen (gelbe Wandfarbe, Streit, Männer mit einer bestimmten Haarfarbe und Barttracht) keine Stressreaktionen mehr erzeugen.

Stresssymptome, die aufgehoben werden sollen, können emotionale Reaktionen sein (Angst, Wut), ein Vermeidungsverhalten (belebte Plätze meiden), automatisierte Verhaltensweisen (sich ducken, wegrennen, angreifen), Formen von Erstarrung und Betäubung (Muskelverspannung, Verlust des Körpergefühls, Emotionslosigkeit, Depression), das Überdecken belastender Emotionen (Manie, Psychose, Hyperaktivität, Sucht) oder Körperreaktionen mit Krankheitswert (Allergie, Asthma, Epilepsie, Tinnitus).

Aufgelöst ist ein Trauma, wenn die betroffene Person sich ohne die bisherigen Stressreaktionen an das Ausgangsereignis erinnern und sich allen bisher damit assoziierten Auslösereizen aussetzen kann; wenn also …

weder eine phobische oder aggressive Vermeidung der betreffenden Reize,

noch ein Erleben von Selbstentfremdung in der Begegnung mit ihnen,

noch ein besonderes Leiden unter solchen Reizen

mehr notwendig ist und stattdessen ein relativ gelassener Umgang mit ihnen möglich wird.

Eine solche Zielsetzung klingt aus Sicht vieler traumaerfahrener Menschen und wohl auch mancher Therapeuten ambitioniert und womöglich hoch gesteckt. Dahinter steht oft die Idee, ein langes schweres Leiden bedürfe auch einer langen, aufwändigen und womöglich schmerzintensiven Therapie. Zwar bewirkt diese Überzeugung zu einem gewissen Grad genau das, was sie behauptet, gelingt es aber, Zweifel am Zweifel zu säen und Plausibilität für eine kurze, wirksame Therapie herzustellen, werden die genannten Ergebnisse durchaus sehr häufig erreicht. Relativ lange Leidenswege finden nach unserer Erfahrung mit der Hilfe narrativer hypnosystemischer Strategien zuweilen relativ schnell zu einem guten Ende.

Strategien traumatherapeutischer Arbeit

Therapeutisch gesehen gibt es verschiedene Strategien, um zu verhindern, dass Klienten während der Therapie, indem sie sich auf traumatische Erinnerungen fokussieren, die dazu passenden traumatischen Reaktionen reaktivieren. Eine Kombination dieser Strategien scheint besonders günstig zu sein:

1. Dissoziation von Belastungserleben vom Ich-Erleben: Die traumatisch assoziierten Erinnerungen, Körperreaktionen und Emotionen werden vom Ich-Erleben, Ist-Erleben, Hier-Erleben und Jetzt-Erleben getrennt.

2. Fragmentierung von Belastungserleben: Die traumatisch assoziierten Erinnerungen, Körperreaktionen und Emotionen werden auf verschiedene Weisen in sich selbst aufgespalten, indem sie etwa in Teilaspekte unterteilt werden, die, jeder für sich genommen, weniger belastend erlebt werden. Belastende Aspekte des Erlebens (etwa Körpersymptome) können von hilfreichen (Werte, gute Intentionen des Organismus) unterschieden werden, Sichtbares von Hörbarem und Fühlbarem, ein Täter vom anderen, verschiedene Anlässe voneinander, usw.

3. Assoziation von Ressourcenerleben: Hilfreiche Aspekte des Erlebens (Ressourcen) werden mit dem Ich-Erleben, Ist-Erleben, Hier-Erleben und Jetzt-Erleben assoziiert (identifiziert) und in sich selbst gestärkt, indem diese möglichst wahrnehmbar, emotional intensiv, plausibel und relevant erlebbar gemacht werden.

4. Verknüpfung von Ressourcenerleben mit Belastungserleben: Das Ressourcenerleben (siehe 2.) wird so mit dem bisherigen Belastungserleben (siehe 1.) verbunden, dass das hilfreiche Erleben im Bereich des bisher belasteten Erlebens erfahren wird – sodass die Starre, Betäubung und anderen assoziierten Symptome sich lösen, ohne dass die emotionalen Belastungen dahinter (Angst, Wut, Ekel, Trauer, Einsamkeit) überhandnehmen.

5. Transformation von Belastungserleben in Ressourcenerleben: Das Belastungserleben (Starre, starke Emotionen oder Körperreaktionen) wird in allmählichen Übergängen filmisch (etwa in Form von Geschichten) oder körperlich (etwa in Form von Körperübungen) in Lösungserleben (Beweglichkeit, regulierte und regulierbare Emotionen und Körperreaktionen) verwandelt.

Aus den weiter oben genannten Gründen ist es generell eher riskant, mit den traumatischen Erinnerungen selbst zu ...

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