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Wie der Himmel auf Erden

1. Kapitel

 

"Ich habe schlechte Neuigkeiten für dich. Mach dich besser auf etwas gefasst." Ganz gegen seine Gewohnheit sprach sein Bruder leise und mitfühlend, beinahe besorgt.

Dante schloss die Finger noch fester um das Handy. "Auf was?" Das Herz schlug ihm bis zum Hals, seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich.

"Tut mir Leid, aber ich habe Beweise, dass deine Frau fremdgeht." Guido schwieg, doch Dante war zu schockiert, um sprechen zu können. "Ich bin jetzt hier in deinem Haus. Sie ist oben. Betrunken, bewusstlos und … na ja, ich sag's nur ungern … sie ist nackt. Es gibt eindeutige Beweise dafür, dass sie einen Liebhaber hier hatte …"

Sein Bruder sprach weiter, doch Dante hörte nichts mehr. Im ersten Moment war er vor Entsetzen wie gelähmt, dann stieg Wut in ihm auf, sein südländisches Blut geriet in Wallung.

Es stimmte also. Seit ihrer Heirat vor vier Jahren hatte er versucht, Miranda seinem Bruder gegenüber in Schutz zu nehmen. Beharrlich hatte er ihm klarzumachen versucht, dass sie ihn, Dante, nicht wegen seines Bankkontos geheiratet habe, ihn trotz ihrer kühlen, zurückhaltenden Art liebe. Jetzt stellte sich heraus, dass er sich in ihr getäuscht hatte. Er hatte sich von ihrer Schönheit, ihrer Sittsamkeit blenden lassen.

Sittsamkeit? Dante lachte zynisch auf. Selbst da hatte er sich wohl etwas vorgemacht. Mirandas Zurückhaltung war auf erstaunliche Art verschwunden, sobald sie sich geliebt hatten. Hitze durchflutete ihn, und er musste sich grimmig eingestehen, dass er noch nie so viel Lust empfunden hatte. Im Bett war sie sensationell.

Er atmete scharf ein, und ein Gedanke durchzuckte ihn wie ein Messerstich: Möglicherweise hatte sie viel Übung in der Kunst gehabt, einem Mann Vergnügen zu bereiten.

"Wo ist Carlo?" fragte er rau und hoffte, dass sein Sohn sicher bei seinem Kindermädchen in England war.

"Hier im Haus", erwiderte Guido zu Dantes Entsetzen. "Er brüllt wie am Spieß, und ich kann ihn nicht beruhigen."

Dante fühlte sich elend und stieß wüste Verwünschungen aus. Ohnmächtige Wut erfüllte ihn, und obwohl er sonst so gefasst und beherrscht war, stürmten wilde Rachepläne auf ihn ein. Entsetzt über sich selbst, schüttelte er sich und versuchte, seiner verletzten Männlichkeit Herr zu werden.

Schwer atmend brachte er endlich hervor: "Ich bin in einem Taxi ganz in der Nähe. Spätestens in zehn Minuten bin ich da."

"Zehn!" rief Guido fassungslos. "Aber … das ist doch nicht möglich! Du solltest doch erst in zwei Stunden in Gatwick sein!"

"Ich habe einen früheren Flug genommen … Santo cielo! Was, verdammt noch mal, spielt das jetzt noch für eine Rolle!" schrie er außer sich.

Wegen irgendetwas schien Guido in Panik zu geraten, doch Dante hatte andere Sorgen. Vom Zorn überwältigt, schaltete er das Handy aus und befahl dem Taxifahrer, wie der Teufel zu fahren.

 

Vor ihr schwankte alles, ihr Kopf schmerzte bei der geringsten Bewegung. Jemand schüttelte sie, und sie versuchte, den Angreifer abzuwehren, doch die Arme wollten ihr nicht gehorchen.

Verzweifelt stöhnte sie auf. Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre er in siedendes Wasser getaucht worden, und wollte platzen. Doch wenigstens hatte das entsetzliche Schreien aufgehört. Es hatte geklungen, als ob ein Kind …

"Miranda! Miranda!" drängte eine Stimme sich brutal in ihr Bewusstsein. Jemand packte sie grob am Arm. Sie musste krank sein … Grippe.

"Hi-l-fe", brachte sie mühsam hervor, die Zunge wollte ihr nicht gehorchen.

Unvermittelt wurde sie hochgehoben. Da merkte sie entsetzt, dass sie nichts tun konnte, ihre Glieder waren wie gelähmt. Sie wurde auf kalte, harte Fliesen geschleudert, die sich wie der Boden einer Dusche anfühlten.

"Mach die Augen auf!" forderte eine Stimme wütend.

Sie schaffte es nicht. Ihre Lider ließen sich nicht bewegen. Meine Güte, was war nur mit ihr? Ihr Magen rebellierte, sie musste sich übergeben.

Jemand schrie auf sie ein – verbitterte, hasserfüllte Worte, die sie nicht begriff.

"Aaah!"

Erstickt rang sie nach Atem, als ein scharfer, eiskalter Wasserstrahl ihr Gesicht traf. Er quälte sie erbarmungslos, bis sie es endlich fertig brachte, die Augen ein wenig zu öffnen.

"Dante!" Sie erkannte ihn und schluchzte erleichtert auf. Jetzt würde alles gut werden. Sein Gesicht befand sich dicht über ihr, in ihrem fiebernden Zustand kam es ihr bedrohlich und seltsam verzerrt vor. Angstvoll klammerte sie sich an den Duschrand. "Krank", hauchte sie matt.

"Schön wär's! Du bist betrunken, du Hure!" schleuderte Dante ihr angewidert entgegen und ging davon.

Entsetzt über seine Reaktion, kauerte sie sich in die Dusche. Dies musste ein Albtraum sein. Sie war im Fieberwahn und träumte. Gleich würde sie aufwachen und sich besser fühlen …

 

Dante presste die Lippen zusammen und ging ins Elternschlafzimmer, um es zu durchsuchen. Zerwühlte Laken. Zwei Flaschen Champagner, zwei Gläser. Mirandas Kleidung wahllos im Zimmer verstreut. Er schluckte. Auf dem Fußboden lag ein Männerslip. Und der gehörte nicht ihm.

Das war der endgültige Beweis. Mit bebender Hand nahm Dante das Glas Cognac, das Guido ihm reichte.

"Ich habe dich schon lange zu warnen versucht", sagte sein Bruder sanft.

"Ja, das hast du."

Seine eigene Stimme erschreckte ihn, er konnte nur flüstern. Der Schock über Mirandas Untreue hatte ihm alle Kraft, seinen Stolz und das Selbstvertrauen geraubt. Was für ein Narr er doch gewesen war!

In einem Zug trank er den Cognac aus und kehrte zu seinem Sohn zurück, der immer noch geschrien hatte, als er angekommen war. Natürlich war er erst zu dem Kleinen gegangen. Es hatte mehrere Minuten gedauert, ehe Carlo sich beruhigt hatte. Schließlich war er völlig erschöpft eingeschlafen. Erst da hatte Dante nach Miranda gesehen. Sie war nicht mehr wichtig, bedeutete ihm nichts mehr.

Mörderischer Zorn packte ihn bei der Vorstellung, dass sie ihr Kind sich selbst überlassen hatte, während sie sich im Nebenzimmer mit ihrem Liebhaber vergnügte. So etwas würde nie wieder vorkommen.

Benommen begann Dante zu packen. Guido erbot sich, ein Auge auf Miranda zu halten, bis sie sich wieder erholt hatte. Vor Schmerz wie betäubt, nahm Dante seinen schlafenden Sohn auf den Arm und verschwand endgültig aus Mirandas Leben.

2. Kapitel

 

"Wieder nichts!" berichtete Miranda niedergeschlagen.

Obwohl ihre Finger bebten, schaffte sie es, den Schlüssel ins Schloss des Knightsbridge-Hauses zu schieben und den Alarm auszuschalten. Wie lange müsste sie noch so tun, als wäre alles normal? Sie konnte nicht mehr klar denken, nur ein Vorhaben beherrschte sie.

Trotz ihrer verzweifelten Bemühungen war es ihr in den letzten beiden Wochen nicht gelungen, ihren Sohn oder ihren hinterhältigen Ehemann aufzuspüren, der den Kleinen entführt hatte. Am liebsten hätte sie sich in einen dunklen Raum verkrochen, um den Tränen freien Lauf zu lassen, doch erst musste sie etwas Wichtiges erledigen.

Miranda bugsierte ihren Koffer in die Diele, ließ die Reisetasche fallen und ging müde zum Telefon.

"Schluss mit dem Herumreisen!" erklärte sie ihrer Schwester und nahm den Hörer auf. "Ich schalte die Polizei ein."

"Nein!" Entsetzt sah Lizzie sie an, dann bemerkte sie erst Mirandas befremdete Reaktion und fuhr vorsichtig fort: "Na ja … ich meine, wir wollen doch nicht, dass die Öffentlichkeit davon erfährt. Bedenk nur, was passiert, wenn wir Dante als Kindesentführer anprangern … wo die Severinis doch so peinlich auf ihren guten Ruf bedacht sind."

Lizzie wollte Dante weiter in Schutz nehmen, doch Miranda unterbrach sie scharf: "Der Ruf der Severinis ist mir egal!"

Sie verstand einfach nicht, dass ihre Schwester diese Familie schonen wollte. Keiner dieser arroganten Adligen besaß auch nur einen Funken Ehrgefühl. Und ihr gut aussehender Ehemann … Ohnmächtige Wut erfüllte sie beim Gedanken an das, was er ihr angetan hatte.

Sie blickte benommen auf den Hörer, aus dem das Freizeichen ertönte. Wie verliebt war sie damals in Dante Severini gewesen, den zärtlichen, sinnlichen Mann, der sie umworben und innerhalb eines Monats geheiratet hatte. Jetzt hatte er sich als berechnendes Ungeheuer entpuppt, sie grausam behandelt und ihren Sohn entführt.

Miranda legte den Hörer wieder auf und versuchte, sich zu fangen. Bloß nicht in Selbstmitleid versinken!

"Ich muss die Behörden einschalten", erklärte sie. "Zwei Wochen bin ich herumgereist, um Dante aufzuspüren. Ich habe genug von den Lakaien der Severinis, die sich in Schweigen hüllen, sobald sein Name fällt."

"Das ist Firmenpolitik …", begann Lizzie.

"Schließlich bin ich seine Frau", fuhr Miranda empört fort. "Ich habe ihnen meinen Pass gezeigt!"

"Dante hat sie vor einer Betrügerin gewarnt."

"Eine bodenlose Unverschämtheit, mich so zu behandeln!" rief Miranda. "Noch nie bin ich so gedemütigt worden! Sie haben mich von Sicherheitsleuten raussetzen lassen …"

Beim Gedanken an die erschreckende Mauer des Schweigens, auf die sie bei Dantes Beauftragten in verschiedenen europäischen Hauptstädten gestoßen war, warf sie zornig den Kopf zurück.

"Ich will meinen Sohn wiederhaben!" beharrte sie kämpferisch. "Er braucht mich doch."

Rasch wandte Miranda sich ab, damit ihre Schwester nicht sehen konnte, dass ihr die Tränen kamen. Carlo war ein Teil von ihr, und seit er ihr entrissen worden war, blutete ihr Herz.

Doch ihr kleiner Sohn würde noch mehr leiden. Er konnte ja nicht verstehen, warum sie nicht mehr bei ihm war, ihn nicht mehr ins Bett brachte, mit ihm spielte …

"Meine Güte", flüsterte sie verzweifelt.

Aber mit Tränen kam sie nicht weiter. Jetzt galt es, besonnen und wachsam zu handeln. Auf keinen Fall durfte sie sich den Ängsten hingeben, die sie nachts keinen Schlaf finden ließen.

 

Das Klingeln des Telefons riss Miranda aus ihren schmerzlichen Gedanken. Bebend nahm sie den Hörer auf und meldete sich.

"Miranda Severini."

Ein knackendes Geräusch ertönte, dann folgte Schweigen. Sie atmete tief ein und versuchte es erneut.

"Miranda Severini. Wer ist dort?" fragte sie kühl.

"Dante."

Dante! Sie war so schockiert, seine Stimme zu hören, dass sie schwankte und sich an der Marmorplatte der Konsole festhalten musste.

Endlich ein Lebenszeichen von ihm! Ihr Herz pochte hoffnungsvoll, doch sie würde Dante nicht die Genugtuung geben, um ihr Kind zu betteln. Denn dann würde sie in Tränen ausbrechen, und das verbot ihr der Stolz. Irgendwie schaffte sie es, zu schweigen und abzuwarten, was er von ihr wollte.

"Miranda! Dica! Sag doch etwas!"

Die Worte gingen ihr durch und durch. Dante hatte ihren Namen immer weich in drei Silben ausgesprochen: Mi-rahn-dah … Entsetzt wurde ihr bewusst, dass sie die Zeit zurückersehnte, in der sie sich geliebt hatten und so glücklich gewesen waren.

Sie rief sich zur Ordnung und dachte an Guidos Enthüllung. An jenem schicksalhaften Tag hatte sie schreckliches Fieber gehabt, ihr Schwager hatte ihr Tabletten und Kaffee eingeflößt und Decken gebracht, damit sie sich auf dem Sofa ausruhen konnte.

Sie hatte mitbekommen, dass Dante mit Carlo weggefahren war, aber irgendwie nicht begriffen, warum. Alles hatte sie nur seltsam verschwommen wahrgenommen. Aus Mitgefühl hatte Guido sie schließlich eingeweiht.

Dante habe sie nur seines Erbes wegen geheiratet, hatte ihr Schwager ihr anvertraut. Angeblich hatte Dante mit ihr nur einen Sohn haben wollen, um die Gunst seines kinderlosen Onkels zu erlangen. Sobald der Onkel gestorben war und Dante der Erbschaft sicher sein konnte, hatte er Carlo entführt, weil er zu feige war, sich mit ihr auseinander zu setzen.

Einiges von dem, was an jenem Tag geschehen war, konnte sie sich selbst jetzt nicht erklären. Ihr Bett war völlig zerwühlt gewesen, und was bedeuteten die leeren Champagnerflaschen im Abfallbehälter und die beiden Gläser im falschen Schrank?

"Miranda!"

"Du wolltest mir etwas sagen?" drängte sie, als wäre Dante ein Freund, der sich für eine unhöfliche Bemerkung entschuldigen müsste, und nicht der Mann, der ihr Vertrauen und ihre Liebe brutal zerstört hatte.

Liebe! Ihre Lippen bebten. Jetzt war er ihr Feind. Ein herzloses Ungeheuer, das ihr über E-Mail mitgeteilt hatte, sie würde ihn und Carlo nie wiedersehen. Sie habe keinen Penny zu erwarten, solle sich ihr Geld auf der Straße verdienen! Wie kam Dante nur auf so etwas? Sie sei betrunken gewesen, hatte er ihr vorgehalten. Arbeitete er auf die Scheidung hin?

Immer noch schwieg er. Sie konnte ihn atmen hören. Offenbar wollte er sie absichtlich auf die Folter spannen. Dabei wusste er genau, dass sie vor Angst halb verrückt war.

Miranda erhaschte einen Blick auf sich im Spiegel – eine gepflegte aschblonde Frau, der man nicht ansah, dass sie gerade von nervenaufreibenden Besuchen bei Dantes Firmenniederlassungen in Frankreich, Spanien und Mailand zurückgekehrt war. Das zu einer Nackenrolle gewundene Haar saß makellos, die schlichte Eleganz ihres cremefarbenen Seidenkostüms verriet einen exklusiven Modeschöpfer.

Nur die Augen wirkten trotz des Make-ups müde, ihre sonst so frische Haut war unnatürlich bleich.

Doch Dante durfte auf keinen Fall merken, wie es in ihr aussah, wie tief er sie verletzt hatte.

"Dante", sagte sie gelangweilt. "Ich muss einen Anruf erledigen. Also sag schon, was du willst."

Er atmete scharf ein. "Entschuldige, wenn ich dich zur falschen Zeit anrufe", erwiderte er sarkastisch. "Ich weiß ja, dass mein Sohn dir gleichgültig ist, dass es dir lästig ist, auf ihn aufzupassen. Aber du könntest dich wenigstens erkundigen, wie es ihm geht, und sei es nur aus Höflichkeit."

Verzweifelt versuchte Miranda, seinen Zynismus nicht an sich heranzulassen. Natürlich galt ihr ganzes Denken und Sehnen ihrem Sohn! Am liebsten hätte sie Dante angefleht, ihr zu sagen, wohin er ihr Kind gebracht habe, ob Carlo sie vermisse.

Doch das verbot sie sich. Wenn sie Dante anflehte, würde er triumphieren, und diese Genugtuung durfte sie ihm nicht geben.

Ehe sie ihn vor vier Jahren geheiratet hatte, war sie in England seine Sekretärin gewesen. Selbst damals hatte sie gewusst, dass er seine Ziele trotz seiner charmanten, lockeren Art beharrlich und rücksichtslos verfolgte.

Damals hatte sie nicht geahnt, dass er schnell eine Frau brauchte, um ein großes Erbe antreten zu können. Und sie war im richtigen Moment greifbar gewesen. Ihr wurde jetzt noch heiß, wenn sie daran dachte, wie überglücklich sie seinen Antrag angenommen hatte.

Nachdem sein Onkel kürzlich gestorben war, konnte Dante sich jetzt kaufen, was immer er wollte, auch das Sorgerecht für ihren Sohn, falls es zu gerichtlichen Auseinandersetzungen kommen sollte. Bei dem Gedanken begann sie zu beben.

Von seinem Penthouse in Mailand aus hatte Dantes unverheirateter Onkel das Seidenimperium der Severinis regiert. Die Seidenwerke der Familie in Norditalien belieferten die größten Modehäuser der Welt. Sie hatte nicht geahnt, dass Dante im Hintergrund nur darauf gewartet hatte, die Leitung zu übernehmen. Er hatte sie nie in seine Pläne eingeweiht. Warum auch? In seiner Zukunft hatte sie sowieso keine Rolle gespielt.

Die jetzige Situation war ein Albtraum. Ihr Mann wollte, dass sein Sohn einmal das Erbe übernahm. Somit hatte sie Carlo verloren, wenn sie ihre Trumpfkarte nicht ausspielte und Dante drohte, die Severinis öffentlich bloßzustellen.

Nachdem sie vergeblich versucht hatte, ihren Sohn aufzuspüren, war sie nun entschlossen, ihren Mann als rücksichtslosen, selbstsüchtigen Kindesentführer anzuprangern, der sich um die Gefühle anderer nicht scherte und, besessen von Ehrgeiz und Stolz, einen Dreijährigen seiner liebenden Mutter entrissen hatte.

Ihr wurde elend zumute bei dem Gedanken, dass Dante sie gefühllos für seine Zwecke eingespannt und ihr den Sohn danach brutal weggenommen hatte.

Verzweifelt sah sie den kleinen Carlo mit den dunklen Augen vor sich, der ihr ganzes Glück gewesen war, sein süßes Lächeln, das sie seit seinem Verschwinden verfolgte. Fast wäre sie daran zerbrochen. Jetzt war sie am Ende ihrer Kräfte und wusste nicht mehr weiter.

"Dante", unterbrach sie seine zynische Tirade, "rufst du deshalb an? Um deinem Hass Luft zu machen und mir die Schuld an allem zu geben? Dann lege ich auf …"

"Nein!"

Das hastige "Nein!" machte ihr Hoffnung. Er wollte etwas von ihr. War er bereit, ihr Carlo zu überlassen? Wollte er ihr das Kind zurückgeben, um mit einer anderen Frau Nachkommen zu haben, nachdem er das Vermögen seines Onkels endlich geerbt hatte?

Jedenfalls hatte sie richtig gepokert. Er hatte offenbar nicht erwartet, dass sie auf seinen Anruf gleichgültig reagieren würde.

Ihr Herz pochte heftig, doch sie versuchte, normal zu atmen. "Nun?" fragte sie nur.

"Che Dio mi aiuti! Was bist du doch für eine kaltherzige, gefühllose Person!" erwiderte er verächtlich.

Fast hätte sie laut aufgeschluchzt. Er hatte sie in eine Eiskönigin verwandelt. Nur so hatte sie sich im vergangenen Jahr gegen seine wachsende Gleichgültigkeit wehren können.

Mühsam beherrscht sagte sie: "Ich nehme an, du kommst irgendwann zur Sache."

Sie sah, dass Lizzie sie mit unbewegter Miene beobachtete, und es rührte sie, dass ihre Schwester so mitfühlend Anteil an ihrem Leid nahm.

Dante räusperte sich. "Du musst nach Italien kommen. Unbedingt." Es schien ihm schwerzufallen, die Worte auszusprechen. "Der Flugschein ist per Eilboten an dich unterwegs. Du fliegst morgen. Mein Chauffeur holt dich ab. Ich bin auf dem Landsitz meines verstorbenen Onkels."

Danke! Ach, danke! hätte Miranda am liebsten überglücklich geschrien. Dante gab nach! Was musste es ihn gekostet haben, seinen Stolz zu überwinden! Nein! warnte sie eine innere Stimme. Das passte nicht zu ihm!

Vielleicht fiel es Carlo schwer, sich in der fremden Umgebung einzugewöhnen …

Was immer Dante umgestimmt haben mochte, jetzt zählte nur, dass sie ihren Sohn wiederbekommen würde. Bald würden sie wieder vereint sein. Sie war selig vor Erleichterung. Morgen würde sie Carlo in den Armen halten!

Und plötzlich konnte sie nicht mehr. Ohne Dante geantwortet zu haben, legte sie den Hörer auf. Dann brach sie vor Erleichterung in Tränen aus und stürmte aus dem Raum.

Fassungslos sah Lizzie ihr nach. Sie hatte ihre Schwester noch nie weinen sehen. Nicht einmal vor sieben Jahren, als ihre Mutter gestorben war. Damals war sie zwölf, Miranda achtzehn gewesen. Da ihr Vater auch nicht mehr lebte, hatte Miranda ihr seitdem die Eltern ersetzt und sie beide mit ihrem Verdienst durchgebracht.

Dante war der erste Mann, der ihr etwas bedeutet hatte, sie hatte sich sofort in ihn verliebt. Aber er war ja auch wirklich ein toller Typ, musste Lizzie sich eingestehen – noch umwerfender als sein gut aussehender jüngerer Bruder Guido, der die Londoner Niederlassung der Firma leitete.

Schuldbewusst biss Lizzie sich auf die Lippe. Nicht auszudenken, was Miranda sagen würde, wenn sie wüsste, dass sie mit dem Draufgänger Guido ausging. Aber hatte sie nicht auch ein Recht auf ein schönes Leben? Die Severinis waren reich, und sie wollte dazugehören. Es machte ihr Angst, dass sie Miranda einfach ausgestoßen hatten.

Schaudernd dachte Lizzie an die Armut ihrer Kindertage. Seit Mirandas Heirat hatte sie sich daran gewöhnt, hier in dem eleganten Londoner Haus in Knightsbridge zu wohnen und mit Dantes Kreditkarten einzukaufen.

Nachdem Miranda jedoch möglicherweise das Glück verspielt hatte, zu den verwöhnten Reichen zu gehören, musste sie, Lizzie, selbst aktiv werden. Falls Dante ihre Schwester nicht wieder aufnahm, würde sie sich selbst einen Severini angeln, um sich das Luxusleben zu sichern, an das sie sich gewöhnt hatte.

 

"Donnerwetter, Miranda!" rief Lizzie aufgeregt. "Sieh mal diese Prachtvilla!"

Inzwischen bereute Miranda bereits, dass sie sich von ihrer Schwester hatte breitschlagen lassen, sie mitzunehmen. Während des ganzen Fluges hatte Lizzie sie gedrängt, sich mit Dante zu versöhnen. Jetzt nervten sie die neidvollen Bemerkungen ihrer Schwester über die prachtvolle Villa am Comer See.

Miranda fing den ironischen Blick des Chauffeurs im Rückspiegel auf und sah peinlich berührt fort. Der Wagen hielt vor einem eindrucksvollen Doppeltor, und unwillkürlich spannte sie sich an. Sie mussten am Ziel sein.

Ihr Magen verkrampfte sich, und sie vergaß Lizzies Bewunderung für Prunk und Reichtum. Gleich würde sie Carlo in den Armen halten. Vor Aufregung konnte sie kaum atmen.

"Das ist das ganz große Geld", schwärmte Lizzie. "Könntest du nicht versuchen, dich wieder mit Dante zu versöhnen? Ach bitte! Bedenk doch, was dir sonst entgeht!"

Ungeduldig runzelte Miranda die Stirn. "Ich hab dir doch gesagt, dass ich nur hier bin, um Carlo dem Mann abzunehmen, den ich naiv genug war zu heiraten. Und wenn's sein muss, werde ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um mein Kind zurück nach England zu holen …"

"Du bist hoffnungslos! Na gut, dann kassier wenigstens eine dicke Abfindung für die Scheidung", riet Lizzie ihr enttäuscht. "Hol so viel Geld heraus, wie's irgend geht."

Die mächtigen schmiedeeisernen Torflügel glitten elektronisch gesteuert auf, und die Limousine rollte hindurch. Erwartungsvoll lächelnd sah Miranda bereits den kleinen Carlo vor sich, den sie nun gleich an sich drücken würde.

Sie bemerkte den harten Ausdruck in den Augen des Chauffeurs und fragte sich, was Dante seinen Angestellten über sie gesagt haben mochte.

"Ist das hier wirklich Dante Severinis Villa?" fragte sie atemlos.

Der Mann zögerte kurz, ehe er widerstrebend nickte. "Si."

Kein höfliches "Si, Signora." Die beleidigende Art des Fahrers störte sie, doch letztlich sollte es ihr gleichgültig sein, welche Lügen Dante über sie verbreitet hatte. In einer Stunde würde sie bereits auf dem Rückweg nach Hause sein.

Während der Wagen langsam die lange Auffahrt entlangrollte, wuchs Mirandas Spannung. Das war also der Besitz, den Dante zusammen mit dem Vermögen seines Onkels unbedingt hatte erben wollen!

Jetzt verstand sie, warum. Die Villa lag an einem atemberaubenden Ort Norditaliens direkt am Comer See. Ihre Gartenanlagen waren teils englisch, teils italienisch gestaltet, und Rhododendron, Azaleen und Wasserulmen wetteiferten in überraschend harmonischer Nachbarschaft mit Palmen, Bananenpflanzen und Statuen auf eleganten Terrassen.

Und ich hatte von der Existenz dieses Besitzes keine Ahnung!

"Ich werd verrückt!" rief Lizzie verzückt, als die Villa in Sicht kam. "Mein Schwager muss mindestens Milliardär geworden sein! Das schlägt alles!"

"Lizzie!" mahnte Miranda, die den abschätzigen Blick des Fahrers aufgefangen hatte.

"Es stimmt doch aber", verteidigte ihre Schwester sich. "Vergiss die Scheidung, Miranda. Du siehst fantastisch aus … das ist die Chance deines Lebens. Spiel die Karten richtig aus, teil das Bett wieder mit ihm, und du lebst in Saus und Braus."

Doch Miranda hörte ihr kaum noch zu. Interessiert betrachtete sie die palastartige Villa, einen viergeschossigen, zart ockerfarbenen Bau aus dem achtzehnten Jahrhundert, der eines Fürsten würdig gewesen wäre. Oder eines sehr ehrgeizigen Mannes.

Wie aus einem Märchenbuch, dachte sie. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Strahlend hell erhob die Villa sich inmitten blühender Gartenanlagen und musste einen einzigartigen Blick über den leuchtend blauen See bieten.

Trotz ihrer Pracht wirkte sie anheimelnd und einladend, als hätten jahrhundertelange Liebe und Pflege ihr eine eigene, sanfte Persönlichkeit verliehen.

Selbst Lizzie verstummte ehrfürchtig, als der Wagen vor der breiten steinernen Aufgangstreppe hielt.

Jetzt verstand Miranda, warum Dante so verzweifelt auf dieses Erbe hingearbeitet hatte. Das war der Preis, den er auf keinen Fall hatte verlieren wollen, selbst wenn er deswegen eine Frau täuschen musste, die ihn von Herzen liebte. Warum das arme Ding also nicht heiraten und es für kurze Zeit glücklich machen, ehe er sich seiner entledigte?

 

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