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Wie angelt man sich seinen Boss?

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1. KAPITEL

Drei Millionen Dollar. Die süßen, dummen Irren auf Amy McCarthys Arbeit vertrauten ihr tatsächlich drei Millionen Dollar an? Egal, wie oft das passierte, Amy war immer noch erstaunt, dass sie die Leute davon überzeugt hatte, sie wüsste, was sie tat. Ahnten sie denn nicht, dass sie eine Fünfjährige in den Kleidern einer Sechsundzwanzigjährigen war? Wenn sie es täten, hätten sie vermutlich heute Abend nicht die Flasche Champagner geöffnet, um auf ihren Erfolg anzustoßen.

Vermutlich hätten sie ihr auch nicht gesagt, wie stolz sie auf sie waren, weil sie den größten Auftrag in der Geschichte der Firma an Land gezogen hatte. Vermutlich hätten sie getan, was sie hätten tun sollen, und den Kunden an Maree oder Thomas oder einen der anderen Senior-Consultants der PR-Agentur übergeben. An die Erwachsenen. Die praktischen, verlässlichen Erwachsenen, die wussten, was zum Teufel sie taten. Aber nicht sie. Die es schon als Gewinn verbuchte, wenn sie es schaffte, passende Socken für den Besuch im Fitnessstudio zu finden.

Amys Grinsen war schon beinahe manisch, als sie die schwere Tür zum Saints öffnete, die hippe Bar mit angeschlossenem Restaurant, wo sie sich mit den anderen traf. Ehrlich. Sie hatte überhaupt keine Ahnung, was sie mit diesem neuen Kunden anstellen sollte. Es handelte sich um die größte Luxushotelkette der gesamten Asien-Pazifik-Region.

Sie wusste nichts über Hotels! Sie war einfach nur seit ihrer Kindheit gut darin, Leute zu allem Möglichen zu überreden. Sie hatte sogar überlegt, ihr Verkaufstalent zu nutzen, als sie an dem „Miss Northern Suburbs“ – Wettbewerb an der Highschool mitgemacht hatte. Aber stattdessen hatte sie sich für Zauberei entschieden. Was vermutlich der Grund war, warum sie verloren hatte. Entweder das oder die Tatsache, dass sie das unbeholfenste Mädchen im Wettbewerb gewesen war, das am wenigsten Sinn für Mode hatte.

Amy erinnerte sich an das lange, fließende Zigeunerkleid, das sie für den „formellen Teil“ des Wettbewerbs ausgesucht hatte. Sie hatte es geliebt, weil sie sich darin so hübsch, weiblich und frei gefühlt hatte. Aber die Jury hatte sie einen Hippie genannt, und offensichtlich gewannen Hippies keine Schönheitswettbewerbe. Also hatte sie verloren. Aber ihre Mutter hatte sie in die Arme geschlossen und ihr gesagt, dass sie viel klüger war als diese dummen Richter, und ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie das schönste Mädchen des ganzen Wettbewerbs war.

Ihre Eltern waren zwei weitere süße, dumme Menschen in ihrem Leben. Sie hielten sie für so viel klüger, cleverer und besser, als sie wirklich war.

Vielleicht ist das der Grund, dachte Amy, dass ich dazu neige, falsche Entscheidungen zu treffen. Zu viele Leute sagten ihr, dass sie alles schaffen könnte. Vielleicht müsste sie sich mit realistischeren Menschen umgeben. Mit geerdeten, praktischen Leuten, die nicht auf das Unmögliche hofften, sondern mit beiden Beinen fest auf der Erde standen.

Menschen wie Willa. Amy erblickte ihre beste Freundin, sobald sie die unterste Stufe der Treppe erreicht hatte, die in die dunkle Bar führte, die in den letzten Monaten zu ihrem Treffpunkt geworden war. Willas strahlendes Lächeln fing das Licht ein und Amy musste ebenfalls lächeln. Die lustige, clevere, verrückte Willa.

Amy konnte es kaum erwarten, ihrer Freundin von den letzten unglaublichen Vorfällen zu erzählen. Natürlich würde sie übertreiben und es noch unglaublicher darstellen, als es tatsächlich war. Sie wusste, das würde Willa zum Lachen bringen, und sie liebte es, wenn Willa lachte. Denn dann musste Amy auch lachen, und es gab nichts, was sie lieber tat. Na gut, vielleicht ausgehen. Und arbeiten. Und so beschäftigt sein wie nur möglich. Denn beschäftigt zu sein bedeutete, sich gut zu fühlen. Und sich gut zu fühlen bedeutete, nicht an die Dinge zu denken, die sie traurig machten.

Ein vertrautes Gefühl regte sich in Amys Magen. Es schoss durch ihren Körper wie eine Feuerwerksrakete, rauschte durch ihr Gehirn und landete direkt in ihren Augen. Sie blieb stehen und schluckte. Dann schüttelte sie den Kopf. Woher kam das denn auf einmal? Sie hatte keine Zeit für Traurigkeit. Keine Zeit, an Dinge zu denken, die sie unglücklich machten. Keine Zeit, an all die Leute zu denken, die sie verletzt hatte oder von denen sie verletzt worden war. Sie wollte Spaß haben. Sie wollte lachen. Sie musste mit Willa sprechen. Sofort.

Mit einem etwas erzwungenen Schwung in ihren Schritten ging sie zu dem Tisch, an dem Willa und ihr Freund Rob saßen sowie ihre anderen Freunde: Scott, Kate, Chantal, Brodie und Jess. Amy war die Letzte, die kam. Das war sie in letzter Zeit oft. Die Arbeit wurde immer verrückter, je mehr Kunden sie annahm, aber es gefiel ihr. Schön beschäftigt bleiben.

Im Näherkommen zählte Amy ihre Freunde durch. Es sollten sieben sein. Aber es waren acht. Da war noch ein unbekannter Mann, der ihr den Rücken zuwandte. Einen Moment lang fragte Amy sich, wer der Neue war. Ihre Gruppe war ziemlich eng und es kamen nur selten Fremde dazu. Und wenn doch mal jemand Neues eingeführt wurde, dann normalerweise über sie.

Amys Blick glitt zu Jess, die den Neuen mit einem seltsamen, verträumten Blick anschaute. Aha! Das war es. Jess hatte den Mann eingeladen. Aber das ergab keinen Sinn, weil Amy heute Morgen noch mit ihr gesprochen und Jess nichts von einem Mann erwähnt hatte.

Sie hatte allerdings keine Zeit, sich über Jess und ihren Mann zu wundern. Sie hatte einen fetten Vertrag gewonnen. Es gab Geschichten zu erzählen und Cocktails zu bestellen.

Amy hängte ihre Louis-Vuitton-Tasche, die sie sich von ihrem letzten Bonusscheck gegönnt hatte, über die Lehne des Stuhls, auf dem der fremde Mann saß, und sagte mit ihrer besten PR-Stimme: „Ladies und Gentlemen, machen Sie sich bereit für einen großen Applaus, denn ich muss Sie informieren, dass Sie heute reichlich Alkohol mit Bird Marketings neuem Superstar konsumieren werden.“

Alle schauten auf und lächelten sie ermutigend an. Amy konzentrierte sich auf Willa und musste sich zurückhalten, nicht etwas Unmögliches zu sagen, um sie zum Lachen zu bringen. Willa hatte ein seltsames Lächeln im Gesicht. Ein Lächeln, das nicht ganz ein Lächeln war. Außerdem senkte sie kurz den Blick, bevor sie wieder aufschaute. Was machte sie da?

„Und, viel wichtiger, ich habe die verantwortlichen Deppen davon überzeugt, dass mir die volle Kontrolle über ihren neuesten und wichtigsten Klienten sowie dessen drei Millionen Dollar zu überlassen die beste Idee ist, die sie je hatten.“ Amy lachte.

Scott stand auf und umarmte sie. Jess quiekte freudig auf und rief ihr einen Glückwunsch zu, und Brodie sagte laut, dass ihre Chefs irre sein mussten.

Willa hingegen rührte sich seltsamerweise nicht. Sie lächelte angespannt. Ehrlich gesagt hatte Amy mehr erwartet. Ein Lachen, einen Witz, eine Runde Cocktails. Aber Willa saß ganz still da mit diesem seltsamen Lächeln und ihre Augen huschten hektisch auf und ab.

„Amy …“, setzte sie schließlich an und stand auf.

Ihre Augen schauten immer noch wild in alle Richtungen und endlich erkannte Amy, wo sie hinsah. Zu dem Fremden. Der, wie sie jetzt spürte, sie anschaute. Also erwiderte Amy den Blick. Dann schaute sie zu Willa. Die erstarrt war. So wie Amy. Ihr Gehirn setzte einen Moment aus. Jede Zelle in ihrem Körper gefror zu Eis. Aus ihren Lungen kam keine Luft und sie war ziemlich sicher, dass ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen.

„Ames …“

Amy zwang sich zu atmen. Sie spürte die Wärme der Hand ihrer besten Freundin auf ihrem Arm und war dafür sehr dankbar. Denn im Moment war sie nicht sicher, ob sie nicht gleich ohnmächtig würde. Ihre Knie gaben ein wenig nach, als sie Willas Blick auffing.

Zwischen den beiden Freundinnen entspann sich eine Unterhaltung ohne Worte. Ein telepathisches Gespräch, das zwischen ihnen üblich war.

Ist er das?

Beruhige dich.

Nein. Sag mir, dass das nicht sein kann.

Ganz ruhig. Alles wird gut.

Ich bin darauf nicht vorbereitet. Was habe ich gesagt? Habe ich eine Idiotin aus mir gemacht?

Sieh ihn einfach nur an.

Und das tat Amy. Sie schaute zu ihm hinunter. Aber in dem Moment stand er auf. Eins achtzig. Groß. Ein Fels. Stark und dunkel. Amy zwang sich zu schlucken und ließ ihren Blick dann über seine Brust und seine breiten Schultern zu seinem Gesicht gleiten. Ein Gesicht, von dem sie geglaubt hatte, es vergessen zu haben. Ein Gesicht, das sie niemals vergessen könnte. Er war es. Er war hier. In Fleisch und Blut.

Luke.

Sie versuchte zu sprechen, doch es kam nichts heraus. Sie probierte es erneut. Sie wusste genau, was sie sagen wollte. Sie hatte es geübt. Seitdem sie vor Monaten wieder Kontakt mit ihrer alten Freundin Willa aufgenommen hatte, war sie wieder und wieder durchgegangen, was sie sagen würde, wenn sie Luke träfe. Willas Bruder, ihren ehemaligen Boss und den Mann, in den sie so verliebt gewesen war wie in keinen anderen. Und der außerdem einer der beiden Menschen war, die ihr tiefstes, dunkelstes Geheimnis kannten. Aber all die Worte waren weg.

„Hallo Amy. Es ist lange her.“

Ja, das ist es. Hallo Luke. Schön, dich zu sehen. Wie geht es dir? Es gab vieles, was Amy in diesem Moment hätte sagen können. Sie grub ihre Nägel in Willas Arm und zerrte ihre Freundin zu sich.

„Ich … ich hole mir einen Drink.“ Dann drehte sie sich um und floh, wobei sie ihre arme Freundin mit sich zog.

„Amy, bevor du durchdrehst …“

Bevor ich durchdrehe? Bevor ich durchdrehe? Willa – ich bin bereits durchgedreht! Warum hast du mir nicht erzählt, dass Luke kommt? Du hättest mich warnen müssen!“

„Er ist heute erst gelandet und hat mir eine SMS geschrieben. Ich habe ihm gesagt, er könne vorbeikommen, aber ich dachte nicht, dass er das tun würde.“

„Oh Gott. Was habe ich gesagt? Ich kann mich nicht mehr erinnern.“

Wie immer, wenn Luke anwesend war. Denn dann wurde Amy ein wenig dumm. Der logische, kluge Teil ihres Gehirns löste sich auf, wenn sie ihn sah. Was verrückt war. Es war wie lange her? Sieben Jahre? Nein. Acht. Acht Jahre, seitdem sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Acht Jahre seit jener Nacht. Das schwindelige Gefühl war wieder da.

Amy verzog ihr Gesicht zu einem Lächeln.

„Okay … es ist okay. Mir geht es gut. Ich war nur geschockt, weißt du? Ich wollte ihn sehen. Ich freue mich, ihn zu sehen. Holen wir uns einen Drink … Was trinkst du? Ach, holen wir gleich eine ganze Runde! Wir haben etwas zu feiern, weißt du noch?“

Willas Augen waren ganz weich und ihre Miene so einfach zu deuten.

„Sieh mich nicht so an, Willa. Mir geht es gut“, sagte Amy mit fester Stimme und dem für sie typischen Lächeln, bevor sie sich an den bärtigen Barkeeper wandte.

„Dave, Darling. Du siehst heute besonders heiß aus! Süße Frisur. Echt scharf.“ Sie ließ ihre Zähne aufblitzen und blinzelte ihm zu. Das war das Lächeln, das sie einsetzte, wenn sie wollte, dass die Leute es erwiderten.

Sie wollte, dass heute Abend alle lächelten. Sie wollte, dass alle glücklich waren und sich miteinander unterhielten. Sie musste ihren Herzschlag normalisieren, damit sie sich umdrehen und Luke gegenübertreten konnte. Sie war nicht mal sicher, was sie so aufregte. Luke war ein alter Freund – mehr nicht. Klar, sie war einst in ihn verknallt gewesen. Aber das war Jahre her. Sie war damals erst achtzehn gewesen. Ein Teenager.

Jetzt war sie eine Frau. Mit wesentlich mehr Selbstbewusstsein und ausreichend Erfahrung. Sie hatte sich verändert. Und er sich bestimmt auch. Vermutlich erinnerte er sich kaum an sie. Oder an das, was passiert war. Da war wieder dieses Gefühl. Jedes Mal, wenn sie glaubte, es wäre endlich verschwunden, tauchte ein Abend wie dieser auf. Ein Abend, an dem es zurückkehrte und in den Ecken lauerte und in ihr anklopfte wie ein aufdringlicher Staubsaugervertreter.

„Geh weg!“, flüsterte sie sich zu.

„Das ist nicht gerade die herzliche Begrüßung, die ich erwartet hatte.“

Amy fühlte ihn, bevor sie ihn sah. Seine warme, dunkle Präsenz hinter sich. Die leicht raue und sehr tiefe Stimme in ihrem Ohr. Mit achtzehn hatte die sie kichernd dahinschmelzen lassen. Aber heute schmolz sie nicht. Und sie kicherte auch nicht. Sie hatte gerade einen Drei-Millionen-Dollar-Kunden für ihre PR-Agentur gewonnen, um Himmels willen. Sie war stark, mächtig und hatte über alles die Kontrolle. Starke, mächtige Frauen schmolzen nicht dahin.

Aber Amy hielt sich trotzdem an der Bar fest – nur für den Fall.

„Ich habe nicht mir dir geredet.“ Ihre Stimme klang atemlos und viel zu hoch. Verdammt. Amy senkte sie zu ihrer besten PR-Stimme: „Wie geht es dir, Luke? Das ist ja Ewigkeiten her.“

„Acht Jahre.“

Luke rührte sich nicht. Das hatte Amy an ihm immer so geliebt. Wie ruhig und verlässlich er war. Groß. Mutig. Alles, was sie nicht war.

Wenn sie sich an ihre Monate als Rezeptionistin im Weeping Reef Resort erinnerte, sah sie im besten Fall ein unzuverlässiges Mädchen vor sich. Im schlimmsten ein Mädchen, das egoistisch, egozentrisch und eine verwöhnte Göre war. Kein Wunder, dass Luke nicht lächelte. Sie war immer die Ärger machende Freundin seiner kleinen Schwester gewesen. Nie hatte er in ihr etwas anderes gesehen. Und für sie war er Willas nervtötend kontrollierender großer Bruder gewesen. Ihr heißer großer Bruder.

Und im Moment, so aus der Nähe, erkannte Amy, dass sich das nicht geändert hatte. Im Gegenteil – er war noch heißer, wenn das überhaupt möglich war. Er war immer schon groß gewesen, aber jetzt war er athletischer und kräftiger geworden. Sein Kiefer war breiter, genau wie die Schultern. Seine Stimme war noch tiefer. Sein Haar war immer noch dick und dunkel, aber wesentlich kürzer geschnitten als früher, als widerspenstige Locken ihm sorglos in die Stirn gefallen waren.

Fort waren auch die Badeshorts und das Polohemd mit dem Logo des Resorts, das er immer getragen hatte. Luke stand in einem teuer aussehenden Anzug komplett mit Krawatte vor ihr. Auch wenn er darin ein wenig zu beherrscht und korrekt aussah, stand er ihm. Und er passte definitiv zu seiner grimmigen Miene.

Amy hob den Blick und sah ihn an. Seine Augen hatten immer noch den gleichen Grünton. Sie waren wie diese alten Stimmungsringe, die sie im Souvenirladen verkauft hatten. Wenn er glücklich war, wurden sie heller, so wie das Meer vor den Whitsundays. Und wenn er wütend oder traurig war, verwandelten sie sich in ein stürmisches dunkles Grün. Sie erinnerte sich an dieses Grün. Luke schien ihretwegen ständig sauer gewesen zu sein. Aber das wirklich tiefe Grün hatte sie nur einmal gesehen. Dieses eine Mal …

Amy legte sich eine Hand auf den Magen, weil sie nicht wollte, dass sich das komische Gefühl erneut darin ausbreitete. Sie wollte nicht, dass es in ihren Augen zu sehen war. Und sie wollte nicht weinen. Sie würde deswegen niemals weinen. Nicht mehr.

„Acht Jahre. Wow. Und immer noch schaust du uns über die Schulter und verdirbst uns jeden Spaß.“ Amy lächelte und hoffte, dass er ihre Worte so auffasste, wie sie gemeint waren – als kleine Neckerei.

„Und so, wie es aussieht, habt ihr beide euch auch nicht viel verändert. Ihr kichert immer noch über Jungs und trinkt zu viele Cocktails.“

Etwas, das vage an ein Lächeln erinnerte, umspielte seinen einen Mundwinkel, und er schob sein Sakko zurück, um die Hände in die Hosentaschen zu stecken. Er verstand sie. Das hatte er schon immer getan.

„Du wünschst dir doch nur, dass wir über dich kichern würden.“ Amy lächelte wieder. Sie konnte nicht anders.

Sie hatte es immer gemocht, Luke aufzuziehen. Sie hatte ihn so lange gepiesackt, bis sein grimmiger Gesichtsausdruck einem Lächeln wich. Dieses Spiel hatte sie genossen, als sie achtzehn gewesen war und ihr ganzes Leben noch vor sich hatte. Jetzt, mit sechsundzwanzig, sollte sie vorsichtiger sein. Aber mit Luke zu flirten fühlte sich immer noch so gut an.

„Ich bin mir sicher, dass ihr das tut.“

Er beugte sich vor und sein Duft stieg Amy in die Nase. Der gleiche frische Meeresduft, an den sie sich so gut erinnerte. Seine Lippen strichen leicht über ihre Wange. Als hätte er Angst, ihr zu nahe zu kommen.

Wofür Amy ihm dankbar war. Es war wichtig, Distanz zu halten. Vor allem bei Luke. Ohne Zweifel hatte sie sich darauf gefreut, ihn wiederzusehen. Seitdem sie ihre Freundschaft mit Willa wiederbelebt hatte, dachte sie oft daran. Sie hatte Willa sogar ein paarmal nach ihm gefragt. Natürlich ganz subtil, ohne ihre Freundin wissen zu lassen, was sie empfand.

Wobei sie sich dessen selber nicht sicher war. Luke war jemand aus ihrer Vergangenheit. Und selbst damals war es nichts gewesen … nur eine Schwärmerei. Und sie hatte ihm auch nichts bedeutet, sie war nur die dumme kleine Freundin seiner Schwester gewesen. Eine Idiotin, die gerettet werden musste.

Amy presste die Hand fester auf ihren Magen und drehte sich zur Bar um, wo Dave gerade ihre Drinks zubereitete. Sie lächelte, flirtete, richtete ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den Barkeeper, der tatsächlich errötete. Sofort beruhigte sich ihr Magen. Ihr Herz schlug wieder normal. Sie würde nicht an jene Nacht denken. Sie war nicht sicher, warum sie es überhaupt tat – sie hatte doch schon vor Jahren gelernt, sie zu verdrängen.

Vielleicht lag es daran, dass Luke hier war. Und noch genauso roch. Sie erinnerte sich daran, seinen Duft eingeatmet zu haben, als er sie zum Jeep trug und ins Krankenhaus brachte. Sie erinnerte sich daran, sich schamlos an ihn geklammert zu haben, als er sie auf die Rückbank bettete.

„Lass mich nicht allein.“

„Das tue ich nicht. Ich bin hier. Aber ich muss fahren.“

„Nein!“ Tränen waren auf ihre vom Weinen noch feuchten Wangen gefallen. „Bitte. Halt mich einfach nur fest.“

Sie war irrational gewesen, das hatte sie die ganze Zeit über gewusst. Aber sie hatte nicht anders gekonnt. In diesen drei Minuten war das Gefühl seiner Arme um sie das Einzige gewesen, was sie davon abgehalten hat, zusammenzubrechen. Und sie war überzeugt gewesen, nicht mehr atmen zu können, wenn er sie losließe.

Er hatte seine Hand ausgestreckt und ihr das Haar aus der Stirn gestrichen. Mit einem Finger war er dann den Riss in ihrer Lippe nachgefahren. Sie hatte nicht gezuckt. Seine Berührung hatte den Schmerz beruhigt. Sie hatte sich an seine Hand geklammert.

„Niemand wird dir mehr wehtun, Amy. Das verspreche ich dir.“

„Aber …“

„Amy … sieh mich an.“

In dem Moment hatte sie das beinahe gewalttätige Grün seiner Augen zum ersten Mal gesehen.

„Ich verspreche es dir.“

Und sie hatte ihm geglaubt. Sie hatte in seine Augen geschaut und in seine Seele und ihren Beschützer gesehen. Da hatte sie ihn losgelassen und geschwiegen, bis sie das Krankenhaus des Resorts erreicht hatten.

2. KAPITEL

„Ich glaube, du hast den Barkeeper jetzt verlegen genug gemacht, Lollipop.“

Ein unkontrollierbares Grinsen breitete sich in Amys Gesicht aus, als sie sich wieder zu der Stimme hinter sich umdrehte.

„Nenn mich nicht so.“

„Was ist denn, Lollipop?“ Er ließ dieses langsame, träge Lächeln aufblitzen, das so typisch für ihn war. „Hast du deinen Humor verloren?“

„Nein …“ Amy grinste wieder. „Aber ich habe meine Toleranz für deine Hänseleien verloren. Und falls es dir nicht aufgefallen ist …“ Sie stemmte eine Hand in die Hüfte. „Ich bin nicht mehr so dünn, wie ich es mal war.“

Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Luke versuchte, die Hitze zu unterdrücken, die sich in ihm aufbaute. Amy war nicht mehr der dünne Teenager von vor acht Jahren. Sie hatte sich verändert. Sie hatte eine fantastische Figur bekommen. Sein Blick glitt zu ihrer Brust. Einfach wundervoll. Obwohl er sie schon immer hübsch gefunden hatte, war sie für ihn nie mehr als ein Mädchen gewesen. Doch jetzt war sie kein Mädchen mehr. Sie war eine Frau. Und was für eine.

Aber sie war auch immer noch die Freundin seiner kleinen Schwester. Das Mädchen, das nur Unsinn im Kopf hatte. Das Flirten zu einer Kunstform erhoben hatte. Und das hatte sich nicht geändert. Der Barkeeper war immer noch rot und warf Amy verstohlene Blicke zu.

„Einige Dinge haben sich verändert, aber nicht alle.“

Er nickte in Richtung des Barkeepers und beugte sich dann vor, sodass seine Lippen sich ganz nah an ihrem Ohr befanden. „Du sorgst immer noch dafür, dass Männer dumme Dinge tun.“

Sobald die Worte seinen Mund verlassen hatten, bereute er sie. Er sah, wie sie sich verspannte, spürte, dass sie sich von ihm zurückzog. Ihre Wangen brannten. Aber das hatte er nicht gemeint.

„Amy, ich …“

Sie lächelte. Breit. Künstlich. „Ist schon okay.“ Sie nahm die Drinks, klemmte sich ihr Portemonnaie unter den Arm und ging. Und er fühlte sich wie der unsensibelste Mann des Landes.

Ihm war klar, dass sie keine Schuld an dem trug, was vor all den Jahren passiert war. Sie war noch ein Kind gewesen. Klar, sie hatte sich dumm, naiv, sogar leichtsinnig verhalten. Aber wer tat das in dem Alter nicht? Sie hatte das, was ihr passiert war, nicht verdient. Und er hatte dafür gesorgt, dass der Loser, der sie angegriffen hatte, verstand, wie falsch er gehandelt hatte.

Luke sah ihr nach, wie sie zu dem Tisch mit den Menschen ging, die er seit so vielen Jahren nicht gesehen hatte. Menschen, die ihm einst näher gestanden hatten als seine Familie. Menschen, bei denen er sich normal gefühlt hatte. Bei denen er das erste Mal im Leben sicher war, dazuzugehören. So hatte er sich seitdem nie wieder gefühlt.

Die Erinnerungen an jenen Sommer im Weeping Reef hatten ihm durch manch schwere Zeit in seinem Leben geholfen. Waren es wirklich nur so wenige Monate gewesen, die sie alle zusammen auf der Insel gewohnt hatten? Es war ihm länger vorgekommen. An diesem Ort hatte er sich jung gefühlt. Er hatte Spaß gehabt. War er selbst gewesen. Aber das war vorbei. Jetzt bestand seine Realität aus Arbeit und Verantwortung und Geld und noch mehr Arbeit.

Und er mochte sein Leben. Er wollte nicht zurückgehen. Er war seitdem so erwachsen geworden, hatte so viel gelernt. Er war jetzt anders. Stärker.

Aber als er Amy wütend und traurig weggehen sah, fühlte er sich nicht stark. Er fühlte sich wieder wie vierundzwanzig. Unzulänglich. Nicht in der Lage, zu entscheiden, was er als Nächstes tun sollte. Mit vierundzwanzig hätte er das ignoriert. Hätte er sie ignoriert. Er hätte sich einfach zu den anderen gesetzt und geschwiegen und so getan, als wäre nichts vorgefallen.

Doch er war nicht mehr vierundzwanzig. Nächsten Monat würde er zweiunddreißig. Und im Laufe der Jahre hatte er gelernt, dass die einzige Art, ein Problem zu lösen, war, sich ihm zu stellen. Denn sonst würde es nur immer größer und schwerer zu lösen. Wegzulaufen war etwas für Schafe, und er war kein Schaf mehr.

Seine Füße flogen förmlich über den Boden und er hatte seinen Arm auf ihre Schulter gelegt, bevor sie sich noch hingesetzt hatte. „Amy, es tut mir leid. Ich habe das nicht so gemeint.“

Ihr Blick schoss zu ihm hinauf. Die gleichen hübschen braunen Augen, an die er sich noch so gut erinnerte, aber jetzt mit ein paar feinen Linien darum herum. Vom Lachen. Oder vielleicht vom Weinen. Vermutlich von beidem. Wenn ihr Leben nur ansatzweise so verlaufen war wie seines, hatte es in den letzten acht Jahren reichlich von beidem gegeben.

In ihren Augen sah er keine Tränen, aber etwas anderes. Eine wütende Entschlossenheit, die er noch nie zuvor gesehen hatte.

„Es ist egal, Luke. Das ist schon lange her.“

Sie wandte sich ab, aber sie konnte ihm nichts vormachen. Er wusste, dass sie immer noch daran dachte, was damals passiert war. Genau wie er.

Besonders während des letzten Jahres hatte er konstant daran gedacht. Seit Koko. Seitdem er beinahe selber Vater einer Tochter geworden wäre. Er hatte an all die Dinge gedacht, die schieflaufen konnten. All die Schwierigkeiten, in die ein Mädchen geraten konnte. Er hatte sich gewappnet. ...

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