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Wie angelt man sich einen Earl?

1. KAPITEL

Zu beschließen, sich einen reichen Mann zu angeln, um dem drohenden Ruin zu entgehen, war eine Sache. Diesen verwegenen Plan in die Tat umzusetzen, etwas ganz anderes.

Zweifelnd sah sich Angel Tilson im beindruckend prunkvollen Ballsaal um. Was war ihr Problem? Hier im Palast von Santina schwamm sie in einem wahren Meer von Reichtum und Titeln. Sie konnte ihn förmlich riechen, den exklusiven Duft von Geld, Erfolg und Vornehmheit. Das malerische Inselkönigreich drohte unter dem Ansturm von Scheichen, Maharadschas, Prinzen und anderen Vertretern des europäischen Hochadels zu bersten. Ihre jahrhundertealten Titel trugen diese Menschen ebenso lässig wie die schillernde Abendgarderobe und den kostbaren Schmuck.

Eigentlich müsste Angel von dem überreichen Angebot begeistert sein.

Sie war aus London zur Verlobungsfeier ihrer Stiefschwester mit dem Kronprinzen gekommen. Natürlich gönnte sie Allegra und Alessandro ihr Liebesglück von Herzen. Die Blitzromanze zwischen den beiden hatte sie zwar überrascht, aber auch ihre Fantasie beflügelt.

Und wenn die reizende, sensible Allegra es fertiggebracht hatte, sich einen echten Prinzen zu angeln, standen ihre eigenen Chancen auf einen reichen Ehemann vielleicht auch gar nicht so schlecht. Adelig müsste er nicht einmal sein, entschied Angel großzügig und inspizierte möglichst unauffällig die männlichen Gäste in ihrem direkten Umfeld. Das Wichtigste war ein schönes, dickes Bankkonto.

Wie gern hätte sie die ganze Aktion als Spiel angesehen, doch leider war es bitterer Ernst. Trotz ihrer inneren Anspannung zwang sie sich zu einem Lächeln und atmete ein paarmal tief ein und aus. Eine gefurchte Stirn und ein verzweifelter Blick waren unter Garantie nicht dazu angetan, potenzielle Heiratskandidaten anzulocken.

‚Du kannst ebenso gut lächeln wie die Stirn runzeln, Sweetheart.‘ Unterstrichen hatte Chantelle ihre geflügelten Worte immer mit einem gezierten Lächeln oder rauem Gelächter, je nach Stimmungslage und Tageszeit. ‚Wenn überhaupt heiraten, warum dann nicht gleich einen Millionär‘, war in ihren Augen einer der wichtigsten Ratschläge, die eine Mutter ihrer Tochter mitgeben konnte. Außerdem wollte sie niemals Mum gerufen werden und unter keinen Umständen ihr Alter in der Öffentlichkeit erwähnt wissen.

Angel seufzte unhörbar. Ausgerechnet jetzt an ihre Mutter zu denken war die denkbar schlechteste Motivation, zumal sie allein ihretwegen in diesem schrecklichen Schlamassel steckte!

Wut, Schmerz und Unverständnis brodelten in ihrem Inneren, wenn sie an die fünfzigtausend Pfund dachte, die Chantelle mit ihrer Kreditkarte aufgenommen hatte. Angel hatte es nicht fassen können, als sie den Kontoauszug sah, der eines Morgens in ihrem Briefkasten steckte. Zunächst hielt sie es für einen Irrtum der Bank, doch bereits beim zweiten Lesen wusste sie, wer diese Katastrophe zu verantworten hatte.

Es war keine Premiere, dass Chantelle sich Geld von ihr borgte, wie sie es nannte, aber das erste Mal, dass Angel sie damit nicht durchkommen ließ. Wie immer dauerte es eine geraume Zeit, bevor ihre Mutter den Hörer abnahm. Wenn sie nicht gerade ihren Schönheitsschlaf hielt oder ein Wellnessbad nahm, war sie höchstwahrscheinlich auf Beutejagd auf einer ihrer Shoppingtouren.

„Ich habe gerade einen schockierenden Beleg über eine Summe erhalten, die ich niemals von meinem Konto abgebucht habe“, sagte sie eisig, als sich Chantelle im schmachtenden Sirenenton meldete. Offenbar hatte sie einen anderen Anrufer erwartet.

„Ach, richtig!“, rief ihre Mutter eher irritiert als schuldbewusst, als wäre ihr die dreiste Transaktion, die sie selbst höchstens als kleinen Fauxpas bezeichnet hätte, völlig entfallen. Angel war sofort klar, dass sie sich über die Konsequenzen ihres Tuns nicht einen Gedanken gemacht hatte. Aber tat sie das je?

„Ich wollte längst darüber mit dir sprechen, Sweetheart“, hatte ihre Mutter gesäuselt. „Aber sicher willst du ebenso wenig wie ich Allegras romantisches Wochenende mit einem derart unerfreulichen Thema ruinieren? Darum …“

An dieser Stelle hatte Angel das Gespräch abrupt beendet – aus Angst, sonst etwas Unverzeihliches zu sagen oder zumindest anzudrohen. Danach erlaubte sie sich einen Tränenausbruch, wie das kleine Kind, das sie niemals hatte sein dürfen. In der Beziehung zu ihrer Mutter musste sie die Erwachsene spielen, soweit sie zurückdenken konnte.

Zu weinen hatte sie sich ohnehin nie erlaubt. Was hätte es auch für einen Sinn gehabt? Tränen lösten keine Probleme. Dazu waren Taten notwendig.

Und fünfzigtausend Pfund sind ein immenses Problem! dachte Angel bedrückt und fühlte sich inmitten der illustren Gästeschar wie auf einem anderen Planeten. Nichts schien real, weder die exorbitant hohe Summe noch der riesige Ballsaal mit den prachtvollen Lüstern, deren Licht üppige Barockspiegel reflektierten.

Fünfzigtausend Pfund!

Angel hatte das Gefühl, an der schrecklichen Zahl zu ersticken. Weder ihre Mutter noch sie würden jemals in der Lage sein, das Geld zurückzuzahlen. Chantelles einzige Chance, ihrem Leben etwas mehr Glanz und Substanz zu verleihen, war die Heirat mit Bobby Jackson gewesen. Das einzig positive Resultat dieser Verbindung war in Angels Augen ihre extravagante Halbschwester Izzy, die davon träumte, ein berühmtes Popidol zu werden. Doch trotz schwesterlicher Zuneigung brachte Angel für Izzys verrückte Kapriolen ebenso wenig Verständnis auf wie für die Extravaganzen ihrer unberechenbaren Mutter.

Bis es Chantelle gelungen war, sich einen von Englands umschwärmtesten Fußballstars zu angeln, hatte sie sich mit einem eigenen Marktstand über Wasser halten müssen. Ein gesellschaftlicher Ausrutscher, den sie niemand je vergessen ließ, doch das schien ihr nichts auszumachen. Bis heute versuchte sie hemmungslos, sich in Bobby Jacksons längst verblasstem Glanz zu sonnen. Und ihren Töchtern zweifelhafte Ratschläge über vielversprechende Ehen mit bekannten Persönlichkeiten zu erteilen, denen im besten Fall auch noch die Brieftasche möglichst locker saß.

Angel schauderte allein bei dem Gedanken daran, wie es sein mochte, mit einem Mann wie ihrem Stiefvater verheiratet zu sein, von dem jeder wusste, dass er nebenbei noch mit seiner Exfrau Julie schlief. Und wer weiß wie vielen anderen Frauen! Wie konnte Chantelle nur stolz auf eine derartige Demütigung sein? Und der erwartete Reichtum hatte sich auch längst verflüchtigt.

Es war längst kein Geheimnis mehr, dass sowohl Bobbys Haus in Hertfordshire als auch die Eigentumswohnung in Knightsbridge, die Chantelle bevorzugte, bis unter den letzten Dachziegel belastet waren. Warum sonst hätte ihre Mutter sich auf diese erbärmliche Art und Weise Geld von ihr leihen müssen? Insgeheim war Angel ohnehin davon überzeugt, dass Bobby seiner Exfrau schon lange den Geldhahn zugedreht hatte – oder einfach komplett pleite war, wie manche behaupteten.

Ganz plötzlich wurde ihr Herz schwer, wie so oft, sobald sie es sich erlaubte, darüber nachzudenken, wie ihr Leben mit einer ganz normalen Mutter verlaufen wäre. Wenn Chantelle sich wenigstens ab und zu um jemand anderen gesorgt hätte als um ihr eigenes Wohlergehen. Nicht dass Angel sich wirklich hätte beschweren können, war sie doch von Bobby Jacksons wilder Brut, wie ihre Halbgeschwister häufig bezeichnet wurden, spontan aufgenommen und immer fair behandelt worden. Ebenso wie von ihrem sorglos charismatischen Stiefvater und seinen diversen Ehefrauen und Geliebten … sogar von Julie.

Zumindest war er der einzige Vater, den es überhaupt in ihrem Leben gegeben hatte. Ihr biologischer Erzeuger war in dem Moment Hals über Kopf getürmt, als die siebzehnjährige Chantelle ihm eröffnet hatte, dass sie schwanger war. Doch obwohl Angel den Jacksons für ihre Zuneigung und Loyalität aufrichtig dankbar war, fühlte sie sich nicht als eine der ihren. Immer hatte sie eine unsichtbare Grenzlinie gespürt, die sie vom Rest der Familie abschnitt. Es war, als stehe man am Weihnachtsabend draußen vor dem Fenster und schaue mit klopfendem Herzen ins hell erleuchtete Zimmer, wo alle zusammensaßen, lachten und feierten.

Egal, wie sie es drehte und wendete, der einzige Mensch, der wirklich zu ihr gehörte, war Chantelle.

Angel seufzte und wünschte, sie wäre wenigstens zur Uni gegangen, hätte studiert und etwas aus sich gemacht. Sie war gerade mal sechzehn gewesen, ausgestattet mit den Ratschlägen ihrer verantwortungslosen Mutter und einem Körper, um sie in die Tat umzusetzen, als sie beschloss, sich von Chantelle und den Jacksons abzunabeln und auf eigenen Füßen zu stehen.

Selbst wenn sie angestrengt nachdachte, erinnerte sie sich nicht mehr an alle Jobs, die sie in den Folgejahren angenommen hatte. Mit jugendlicher Naivität und einem fast sträflichen Wagemut hatte sie sich ins freie Leben gestürzt und sich eingeredet, dass es genau das war, was sie wollte: keine Fesseln, keine Bindungen, niemand, der versuchte, sie aufzuhalten, sollte sie weiterziehen wollen. Sie war Muse und Model für verschiedene Künstler und Modedesigner gewesen, führte vorübergehend eine eigene Boutique und ergatterte dazwischen immer wieder lukrative Model-Jobs.

Es war ein ständiges Auf und Ab gewesen, doch sie hatte sich über Wasser halten, Miete und Rechnungen zahlen können und daneben sogar noch etwas gespart.

Natürlich keine fünfzigtausend!

Angel spürte, wie sich ihr Magen hob, und presste eine Hand darauf, als würde das helfen. Doch das Einzige, was sie jetzt brauchte, war ihre Willenskraft, die sie immer wieder unter Beweis hatte stellen müssen, um zu überleben.

Schluss mit dem Selbstmitleid! sagte sie sich energisch. Es gibt nur die eine Möglichkeit, mich aus dieser Bredouille zu befreien, also: Auf in den Kampf!

Entschlossen schnappte sie sich eine Champagnerflöte vom Tablett eines vorbeikommenden Kellners, gönnte sich einen großzügigen Ermutigungsschluck und musterte aufmerksam und kritisch ihre Umgebung. Dabei versuchte sie, das Zittern ihrer Hände zu ignorieren.

Ich bin Angel Tilson, und so schnell wirft mich nichts und niemand aus der Bahn! sprach sie sich selbst Mut zu. Wie hatte Bobby immer gesagt, wenn er auf dem Gipfel einer Krise das volle Glas Whisky die Kehle hinunterstürzte? ‚Besiegt zu werden ist nichts anderes als die Chance, beim nächsten Mal selbst den Sieg davonzutragen.‘

Und gar keine Alternative zu sehen ließ ihr ohnehin nur die Wahl zu siegen …

Angel hob das Kinn, schaute an sich herunter, um sicherzustellen, dass ihr Outfit immer noch saß und die aufregend weiblichen Kurven, die sie von Chantelle geerbt hatte, auch vorteilhaft betonte. Ihr Kleid war kurz und schwarz wie die Sünde – dazu geschaffen, der Trägerin einen elegant mondänen Touch zu verleihen.

In Angels Fall brachte es jeden herausfordernden Zentimeter ihres größten Kapitals in Vollendung zur Geltung: ihren Körper.

Ein grauhaariger Ballgast, in dessen hageren Zügen sich Jahrhunderte nobler Herkunft widerspiegelten, starrte sie aus blassblauen Augen begehrlich an. Seine bis aufs i-Tüpfelchen perfekt gestylte Frau, behängt mit Schmuck, den man getrost als Lösegeld für eine Königin hätte einsetzen können, maß Angel mit hochmütigem Blick. Dann griff sie nach dem dürren Arm ihres Gatten und zog ihn mit sich. Als er wie unter Zwang einen letzten verwegenen Blick über die Schulter in ihre Richtung wagte, musste Angel sich ein Lächeln verkneifen.

Normalerweise überließ sie vordergründige und peinliche Auftritte dem Rest des Jackson-Clans. Und soweit sie es aus der Ferne bisher beobachtet hatte, machten ihre sieben Halb- und Stiefgeschwister, samt anwesenden Elternteilen, ihrem schlechten Ruf alle Ehre. Wo immer die Jacksons auftauchten, war ein Skandal so gut wie garantiert.

Ihre Halbschwester Izzy, die ihren Verlobten vor Kurzem äußerst dramatisch und publikumswirksam direkt vor dem Altar hatte stehen lassen, schien die Aufmerksamkeit der Presse auch noch zu genießen. Darum stand zu befürchten, dass sie den Eklat möglicherweise sogar inszeniert hatte, um sich und ihre Ambitionen als aufstrebender Popstar wieder mehr ins Gespräch zu bringen.

Angel schüttelte sich innerlich. Izzy war genauso dreist wie ihre gemeinsame Mutter, die sich unter Garantie irgendwo hier im Ballsaal in Szene setzte, indem sie die platinblonde Mähne auf eine Art zurückwarf, wie es maximal Frauen zustand, die halb so alt waren wie sie. Wahrscheinlich bewegte sich Chantelle auch noch im Kielwasser ihrer jüngeren Tochter, um etwas von deren zweifelhafter Berühmtheit zu erhaschen.

Erneut schauderte Angel bei der Erkenntnis, dass sie angesichts ihres Vorhabens in Sachen Benehmen und Moral kaum besser als die beiden abschnitt. Da sie aber keine Wahl hatte, wollte sie sich nicht länger mit Zweifeln oder Skrupeln aufhalten, sondern beschloss energisch, den gefassten Plan in die Tat umzusetzen.

Aufmerksam sah sie um sich und blendete automatisch die männlichen Gäste aus, denen bereits eine Frau am Arm hing oder die zu dicht neben einer standen. Sie hatte weder Zeit zu verschwenden noch Lust auf Komplikationen. Und an irgendjemandes Ehegatten war sie schon gar nicht interessiert. Selbst wenn sie sich unter dem Druck der Umstände entschlossen hatte, zur geldgierigen Harpyie zu mutieren, wollte sie wenigstens ein gewisses Niveau halten …

Während sie sich durch die Gästeschar bewegte, achtete sie peinlich darauf, niemand aus dem Jackson-Clan zu begegnen. Izzy und ihrer Mutter aus leicht ersichtlichen Gründen und denen, die ihr etwas näher standen, wie Allegra und ihr ältester Halbbruder Ben, da sie trotz aller Entschlossenheit ein gewisses Unbehagen und Schamgefühl angesichts ihres Vorhabens nicht unterdrücken konnte.

Während sie im Schutz einer massiven, reich ornamentierten Säule weiter nach einem potenziellen Opfer Ausschau hielt, schloss Angel für sich die nächsten Heiratskandidaten aus. Dazu gehörte auch eine Gruppe distinguiert gekleideter Herren, die für ihr untrainiertes Auge wie missbilligende Geistliche oder kaltblütig kalkulierende Banker wirkten.

Und dann sah sie ihn.

Er stand einfach nur da und lauerte. Ein besserer Ausdruck fiel ihr nicht dafür ein, wie er sich im Schatten der nächstliegenden Säule hielt, brütend die illustre Gästeschar musterte und ihr dabei volle Sicht auf sein hartes Profil bot.

Er war faszinierend und umwerfend attraktiv, auf eine seltsam bedrohliche Weise.

Was für ein alberner Gedanke! rief Angel sich zur Ordnung und straffte instinktiv die nackten Schultern.

Seine waren breit und muskulös, was der gut sitzende Abendanzug nicht verbergen konnte. Der kraftvolle Körper zeugte von Stärke und einer gewissen Rücksichtslosigkeit. Die Füße hielt er leicht gespreizt, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Eine Haltung, die paradoxerweise gleichzeitig abwehrend und seltsam angriffslustig wirkte.

Alarmiert spürte Angel, wie sich jedes Haar an ihrem Körper sträubte. Der dunkle Fremde hatte etwas an sich, auf das ihr Innerstes zutiefst fasziniert und rückhaltlos antwortete. Sie konnte den Blick unmöglich von ihm abwenden.

Vielleicht war es auch sein dichtes dunkles Haar, das er für den herrschenden Geschmack viel zu lang trug, wodurch er sie an einen Freibeuter erinnerte. Oder der zynische Blick, mit dem er seine Umgebung taxierte, als gäbe es nichts, was interessant genug wäre, um sein Interesse zu wecken. Oder die harte Kinnlinie und der grimmige Mund, die Angel als Kampfansage interpretierte, ohne dass sie hätte sagen können, warum.

Was oder wer auch immer dieser Mann war, er schaffte es jedenfalls allein durch seine Anwesenheit, ihren Körper mit Adrenalin zu überschwemmen wie keiner seiner Geschlechtsgenossen vor ihm. Ihr ganzer Körper schien den Takt einer Melodie zu summen, die ihr unbekannt, aber so unwiderstehlich wie der Klang der Sirenen für die Seefahrer der Antike war.

Er war ihr Kandidat, daran gab es keinen Zweifel.

Entschlossen löste Angel sich aus dem Schatten der Säule und steuerte auf das Objekt ihrer Begierde zu. Zufrieden registrierte sie, dass er noch attraktiver wirkte, je näher sie ihm kam. Gleichzeitig umgab ihn eine Aura stummer Wachsamkeit, die ein Echo in ihrem Herzen erzeugte.

Daher überraschte es sie auch nicht, als er plötzlich den Kopf wandte und sie mit eisigem Blick musterte. Irgendwie hatte sie das Gefühl, er wusste von ihrer Anwesenheit, seitdem er ihr aufgefallen war. Ohne stehen zu bleiben, verlor Angel sich in dem kühlen Silbergrau seiner Augen, so leuchtend und dunkel, wie sie es nie zuvor gesehen hatte. Er schien durch sie hindurchzuschauen, als wäre sie aus Glas, und gleichzeitig ihre geheimsten Gedanken zu lesen, ihre Ängste und hochfliegenden Hoffnungen.

Angel blinzelte irritiert, und dann sah sie seine Narben.

Ein wild ausuferndes, verzweigtes Geäst von brutalen Wunden, die sich über die gesamte linke Gesichtshälfte zogen, vom Kinn bis zur Schläfe. Ausgenommen waren nur das Auge und der herbe Mund.

Obwohl ihr der Atem stockte, setzte Angel entschlossen einen Fuß vor den anderen. Es war, als habe der Fremde sie in seinen Bann gezogen und als gäbe es kein Zurück, sodass sie sich dem Unausweichlichen stellen musste.

Was für eine Schande! dachte sie mit aufrichtigem Bedauern und Blick auf die perfekte Kinnlinie und den unversehrten Teil des tief gebräunten, klassisch schönen Gesichts. Doch gleichzeitig gratulierte sich der gefühlsreduzierte, pragmatische Teil ihres Wesens – ein zweifelhaftes Erbe Chantelles – zu ihrer spontanen Wahl. Die heftigen Narben ließen ihren Plan leichter durchführbar erscheinen. Möglicherweise fühlte sich der dunkle Fremde ähnlich verzweifelt und ausgestoßen wie sie selbst?

Sie hasste sich für ihre berechnenden Gedanken, lief aber unverdrossen weiter. Wenn möglich, wurde sein Blick noch kälter und abweisender, als sie schließlich dicht vor ihm haltmachte. Wie ein finsterer Turm ragte er vor ihr auf, ohne sie eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Nervös nippte Angel an ihrem Champagnerglas. Dass er sie trotz ihrer High Heels lässig überragte, beeindruckte sie ebenso wie das untrügliche Flair von Reichtum und Macht.

Der täuschend schlichte, elegante Abendanzug war eine italienische Maßanfertigung, die unter fünftausend Pfund nicht zu bekommen war. Das wusste Angel aus ihrer Zeit als Model weltberühmter Designer. Wie sehr hatte sie die exklusiven Outfits bewundert, von denen sie selbst sich nicht eines leisten konnte.

„Sie scheinen sich verirrt zu haben“, stellte er kühl fest. „Die Party findet hinter Ihnen statt.“

Seine dunkle Stimme hüllte sie ein wie Samt und milderte die brüske Zurückweisung hinter den banalen Worten. Angel lächelte und neigte den Kopf zur Seite. Haltung und Blick ihres Gegenübers wurden noch abweisender, und schlagartig wusste sie, dass nichts leicht und unkompliziert sein würde, was mit diesem dunklen Fremden zusammenhing. Unabhängig davon, ob sie ihn zur Zielscheibe ihrer ehrgeizigen Ambitionen machte oder nicht.

Was sich ohnehin als schwierig, wenn nicht unmöglich erweisen könnte. Offenbar war er kein Mann, der sich von Frauen wie ihr leicht beeindrucken ließ. Aber Angel fühlte sich von dieser Erkenntnis nicht abgeschreckt, sondern akzeptierte sie als Herausforderung. Wie von klein auf gewohnt, sprang sie auch diesmal mit beiden Füßen zugleich in unbekanntes Terrain und schaute sich erst dann um, wo sie gelandet war.

Sich den ultimativen Märchenprinzen, den kein gütiges Schicksal für sie bereithielt, einfach selbst zu schnappen, mochte ein verwegener Plan sein, aber keinesfalls undenkbar. Gefasst hatte sie ihn in einem Moment der Panik auf dem Flug hierher. Gleichzeitig hatte sie sich vorgenommen, kein falsches Spiel zu treiben. Sie war, wie sie war, das würde ihr zukünftiger Gatte akzeptieren müssen.

Oder es lassen …

„Was ist mit Ihrem Gesicht passiert?“, fragte sie geradeheraus und wartete gespannt auf seine Antwort.

Rafe McFarland, Achter Earl von Pembroke, starrte die Frau vor sich fassungslos an. Er musste sich verhört haben. Nicht genug, dass er sich für die Verlobungsfeier seines Cousins in diese unkomfortabel steife Abendgarderobe hatte zwängen müssen, nein … eine ihm völlig unbekannte Schönheit besaß tatsächlich die Dreistigkeit, ihn auf etwas anzusprechen, das er als absolutes Tabu betrachtete.

Doch die klaren blauen Augen und das leichte, erwartungsvolle Lächeln sprachen dafür, dass sie die Frage ganz bewusst gestellt hatte. Nicht dass Rafe seine Wirkung auf das andere Geschlecht unterschätzte, dafür hatte er ähnliche Szenen zu oft erlebt. Aber das lag lange zurück, in einer Zeit, als sein Gesicht noch unversehrt und für Frauen, die mit schwingenden Hüften und lockendem Blick auf ihn zusteuerten, nahezu unwiderstehlich gewesen war. Heute hielt die Wirkung nur so lange an, bis er ihnen die hässliche Seite der Medaille präsentierte. Bewusst und mit bedachter Grausamkeit.

Besser ein rasches schockierendes Ende als der Wechsel von Verlegenheit zu fassungslosem Entsetzen auf zarten Zügen, gefolgt von Ekel und Abscheu. Es war immer dasselbe qualvolle Ritual.

Er konnte es ihnen nicht einmal verübeln. Was die Frauen zu sehen bekamen, war das Antlitz eines Monsters, das in einem fünftausend Pfund teuren, italienischen Maßanzug steckte. Ein Anblick, dem Rafe nicht einmal selbst standhielt, wenn er sein Konterfei voller Bitterkeit und in selbstquälerischer Absicht im Spiegel betrachtete. Dabei waren die monströsen Narben auf seinem Gesicht nichts im Vergleich zu denen auf seiner Seele.

Da ihn das Spießrutenlaufen enorm anstrengte und seine Erfahrungen vorwiegend negativ ausfielen, zog Rafe sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Er ertrug es ebenso wenig, dass die Höflicheren angestrengt einen Punkt hinter seinen breiten Schultern fixierten, wenn sie seinen Weg kreuzten, noch dass die Augen jener, die ihn erst wie paralysiert anstarrten und dann wegstürzten, als wäre ihnen der Leibhaftige auf den Fersen, einen Ausdruck blanken Horrors aufwiesen. Sie konnte er sogar leichter ertragen, da er ihre Reaktion wenigstens ehrlich und unverstellt fand.

Mittlerweile war er fast dankbar für die Verunstaltung, weil sie ihn der Pflicht enthob, zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen … welcher Art auch immer.

Obwohl, diese Frau in dem sexy schwarzen Kleid, das ihre perfekten Kurven wie eine zweite Haut umschloss … Sie zog ihn auf eine Weise an, wie er es lange nicht mehr erlebt hatte. Mit dem frechen platinblonden Kurzhaarschnitt und den eindringlichen blauen Augen forderte sie ihn heraus, seine These, alle Frauen wären ohnehin gleich, noch einmal zu überdenken oder sogar als unsinnig ad acta zu legen.

Doch hätte er sagen sollen, was sie von ihren Geschlechtsgenossinnen unterschied, käme er schnell in Bedrängnis.

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