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Wie Täter planen und Ermittler denken

Petra Steuber, geboren 1965 in Unna, wuchs an einer vielbefahrenen Straße zwischen dem Kamener-Kreuz, dem Zaun der ‚Glück auf‘ Kaserne und den Hallen des 3M Werks auf und brauchte, so die Autorin, viel Phantasie, „um nicht vor Langeweile einzugehen“.

In den Jahren 1986 bis 1991 lebte sie in Berlin und sammelte erste Theatererfahrungen in der freien Szene. War bis hierhin ihre in der Kindheit entwickelte Phantasie ihr persönliches Zugpferd, wurde diese Eigenschaft ab 1993 in Gießen bei ihrem Studium der Theaterwissenschaften zur Herausforderung.

Nichtsdestotrotz überreichte ihr die Professorin, Jahre später, gewissensknirschend das Diplom mit den Worten: „Naja. Sie sollten was Kreatives machen“. Fortan ließ sie ihrer Kreativität freien Lauf, bildete sich 2002 bis 2003 zur Drehbuchautorin an der Internationalen Filmschule (IFS) in Köln weiter, erhielt neben dem „Deutschen Kurzkrimi Preis“ im Jahre 2003 auch ein Stipendium der Heinrich Böll Stiftung Achill Island, Irland, das sie 2007 antrat.

Seit 1998 lebt Petra Steuber als freie Autorin, Dozentin und Lektorin in Köln und ist seit 2012 bei dreizehn/achtzehn als leitende Lektorin verantwortlich für die Entwicklung junger Schreibtalente im Alter zwischen 13 und 18!

Inhalt

Einleitung

Typisch Krimi | Das leere Zimmer

Erstes Kapitel

Grundlagen | Der erste feste Punkt: Verbrechen, Ort, Figur | Das Figuren-Persönlichkeits-Modell

Zweites Kapitel

Grundlagen | Krimi-Genre Formen | Spannung | Das Beziehungsdreieck

Drittes Kapitel

Krimi ‚von der anderen Seite‘ | Text Kurz-Krimi „Ein grausiger Fund“

Viertes Kapitel

Krimi ‚von der anderen Seite‘ | Der Täter | Das Motiv | Der Tat-Auslöser | Das Verbergen | Warum Täter werden? | Die allseits beliebten Psychopathen

Fünftes Kapitel

Ermittler-Krimi | Eine rätselhafte Tat | Zwei Fragen | Das Opfer

Sechstes Kapitel

Ermittler-Krimi | Der Ermittler: seine Fähigkeiten | Das Netz der Rollen | Die Reise in die Unterwelt | Entwicklung des Ermittler-Helden | Entwicklung oder Wandlung?

Siebtes Kapitel

Ermittler-Krimi | Falsche Fährte | Das Ende

Achtes Kapitel

Ermittler-Krimi | Ursache und Wirkung | Die Drei Akt Struktur | Die Ermittler-Krimi-Matrix

Neuntes Kapitel

Stil | Perspektiven

Zehntes Kapitel

Verbrechen und Schreiben | Blut für Blut | Gegen das Gesetz

Material

„Warum?“ von Mara Schmitz

„Ein grausiger Fund“ von Petra Steuber

Einleitung

Typisch Krimi | Das leere Zimmer

>Wie du mir, so ich dir<
Sprichwort

An einem glutheißen Nachmittag im Sommer, nachdem Rudi Carrell mit seinem Hit „Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer“ die Hitze heraufbeschworen hatte, drangen Andy Zimmerling und die beschränkten Brüder Volker und Stefan Brand in unser Versteck am Tümpel ein.

Mein Bruder und ich hockten nach der Schule an dem kleinen Teich, hielten unsere Füße ins trübe Wasser und bildeten uns Kühlung ein, während die Mücken unermüdlich ihren Tanz aufführten. Doch dann kündigten laute und bösartig klingende Stimmen das Ende des müßigen Nachmittags an. Andy Zimmerling hatte uns aufgespürt. Er und die Brüder Brand vertrieben uns, warfen unsere Sachen in den modrigen Teich, drückten ihre Zigaretten auf der Matratze aus und hinterließen abartige Sprüche auf den Wänden unseres Unterschlupfes. „Die Schweine sollte man…“, rief mein Bruder, als wir uns mit den Folgen ihres Verbrechens an unserem Eigentum und Territorium konfrontiert sahen. Steuber stinkt und ist doof, stand in krakeligen Buchstaben an der Holzwand. Wer von uns gemeint war, darüber sagte die Schmähung nichts aus. Trotzdem tat es weh, und um uns nicht mehr ganz so ohnmächtig zu fühlen, begannen wir während der Aufräumarbeiten uns wüste Gegenschläge auszudenken, die allesamt in einem sehr qualvollen Tod der drei ihren Höhepunkt fanden.

Sich Verbrechen auszudenken kann befreiend wirken. Es ging uns dabei nie darum, diese grausigen Vergeltungen wirklich zu begehen, - das wäre sowieso in jeder Hinsicht ein undurchführbares Unterfangen gewesen, denn wir waren Grundschüler, während Andy und Konsorten sich mit den Zigaretten, die sie angestrengt rauchten, die pubertären Fusselbärte verbrannten. Wir fühlten uns nach dem Spinnen einer solchen Geschichte irgendwie besser, es war fast so, als wäre es tatsächlich passiert und die Gerechtigkeit wäre wieder hergestellt. Darüber hinaus machte es auch noch auf eine seltsam kribblige Weise Spaß.

Was das für Geschichten waren, das überlasse ich jetzt deiner grausame Blütentreibenden Phantasie, liebe Leserin und lieber Leser. Dass du darüber verfügst, davon gehe ich aus, denn schließlich liest du gerade ein Buch zum Thema Krimi-Schreiben. Falls es dir in dieser Hinsicht an Vorstellungskraft mangelt, überlege, ob nicht eher Liebesgeschichten „dein Ding“ sind. Alle anderen heiße ich herzlich Willkommenen in der Welt des gut geplanten Schreckens.

„Warum schreibst du Krimis?“, frage ich viele Jahre nach dem Erlebnis am Teich meinen Freund Nick. Wir teilen uns ein „Büro“ – eigentlich ein ehemaliger Obst & Gemüse Laden mit einem großen Schaufenster in dem wir nachdenken und schreiben. Sein Schreibtisch steht meinem gegenüber und so sehe ich seinen verwirrten Blick, als er von seiner Arbeit aufblickt.

„Weiß nicht, reicht dir sicher nicht als Antwort“, sagt er und beginnt an einem Textmarker zu kauen, denn er war gerade mitten in der Planungsphase für einen Fernseh-Krimi. Die Wand hinter ihm ist gespickt mit Zetteln.

„Ich mag die Spannung, die entsteht, wenn man was Spannendes macht“, sagt er, grinst kurz und wendet sich dann wieder dem Ordnen seiner Ideen zu. Nick ist ein ‚Anpinner‘, er arbeitet, indem er alles an die Wand bringt, was ihm wichtig erscheint. Er markiert Ideen zu den Figuren, ihren Motiven, ihren Verhaltensweisen, alle Handlungspunkte und Erzähl-Ebenen und was es sonst noch zu bedenken gibt in unterschiedlichen Farben. Ich habe sein System nie wirklich durchschaut nachdem er die Geschichte bis in jede Wendung baut, bevor er sich hinsetzt und die erste Zeile schreibt.

Ich arbeite hingegen viel im Kopf, d.h. in meiner Vorstellung lasse ich die Texte entstehen, sortiere sie um und plane neu. Ich mache mir mittlerweile nur wenige Notizen – das war früher anders – da ich gemerkt habe, dass ich Dinge, die ich notiere irgendwie „verliere“. Um zu einer Krimi-Geschichte (oder zu einem Text über Krimis) zu finden hat jeder seine eigene Methode, die das Ergebnis von Fehlversuchen, überraschenden Triumphen, Vorlieben und Talenten ist.

Genauso wie das Schreiben als ein persönlicher und individueller Prozess aufgefasst wird, kann man auch von einem Handwerk des Schreibens sprechen. Beides trifft zu. Auf dem Weg von der ersten Idee zur Geschichte geschehen eigenartige Dinge und Merkwürdigkeiten, die man weder gut erklären, noch durch irgendeine Formel darstellen kann. Trotzdem gibt es für das Schreiben Systeme und Regeln, ohne deren Beherrschung man nie über das Stadium der Zufalls-Produkte hinauskommen wird. Schreiben beinhaltet, wie jede Kunst, beides: Handwerk und Geheimnis. Mit dem Geheimnis muss sich jeder selber zurechtfinden, dazu lässt sich beim besten Willen nichts raten. Das Handwerk kann und sollte erlernt werden, allein schon deswegen, damit man den bekannten Spruch anwenden kann: nur wer die Regeln kennt, kann sie brechen.

Beginnt man mit dem Schreiben, ist es so, als stünde man vor der Aufgabe ein leeres Zimmer einzurichten. Man hat dieses große leere Zimmer und weiß nicht so recht wie und was man alles machen kann. Man hat viele Ideen gesammelt und auch schon in vielen Zeitschriften Bilder gesehen, wie solche Zimmer aussehen können. Man ist inspiriert aber auch verwirrt, ob der unendlichen Möglichkeiten. Dann ist es hilfreich erst einmal mit Bett, Tisch und Stuhl anzufangen. Das geht immer, das hat sich bewährt. Später, wenn man sich sicher fühlt und das Konzept von Tisch und Bett verstanden hat, beginnt man zu experimentieren, Fehler zu machen, daraus zu lernen und seinen eigenen Stil zu finden. Am Ende hat man ein Zimmer voller Hocker, Standuhren und Gras und findet‘s super.

Ob Liebesdrama, Coming-of-age Geschichte oder Krimi: Nach dem Geistesblitz verbringt man viel Zeit mit „Rumspinnen“ und Tagträumen, danach präzisiert man die Idee, sortiert den Stoff, entwickelt Figuren und Handlung. All das Handwerkszeug, was nötig ist, um die Stationen im Schreibprozess erfolgreich zu meistern, wurde in den Schreibbegleitern I – IV ausführlich vorgestellt. Daher werde ich hier kaum auf das Allgemeine eingehen. Außer, wenn’s für das Verständnis nötig ist, na klar, dann schon. Und keine Sorge, auch ohne die ersten Teile gelesen zu haben, gibt es hier Werkzeug, Überblick und reichlich Input.

Allerdings muss der Wunsch nach einem Erfolg garantierenden Ablaufplan oder dem ultimativen Rezept für einen spannenden Krimi, der durchaus verständlich ist, gleich hier in der Einleitung enttäuscht werden. Besser jetzt als später. Da Autoren in ihren Denk,- und Arbeitsweisen recht verschieden sind, würde ein Plan à la „so macht man das“, vielleicht einigen nützen, ganz vielen aber nicht. Jeder Autor „bastelt“ sich letztlich seinen eigenen Plan nach dem Motto „So mache ich das“ zusammen.

Um zu einem individuellen Ansatz und Umgang mit dem Krimi-Schreiben finden zu können, ist es unumgänglich all die Elemente kennenzulernen, die eine Geschichte zu einem Krimi machen. Daher versteht sich der Schreibbegleiter eher als eine Material-Sammlung zum Krimi-Schreiben, als eine Step by Step Anleitung. Denn aus eigener Erfragung weiß ich, dass kreative Menschen garantiert auf Stur schalten, sobald man beginnt ihnen Vorschriften zu machen. Ich mache ein Angebot indem ich Systeme, Regeln und Modelle, aus meinem Wissen und meinen Erfahrungen zu Verfügung stelle, und dieses Angebot funktioniert nach dem Prinzip: kann, muss aber nicht. Du entscheidest, was für dich wichtig ist.

In diesem Teil des Schreibbegleiters kommen die Dinge zur Sprache, die krimi-typisch sind. Die erzählerischen Grundelemente des Genres werden vorgestellt, das fatale Beziehungsdreieck Opfer – Täter – Ermittler beleuchtet und die Eigenschaften und Hintergründe, die nötig sind um diese Figuren zu erschaffen. Zwei Kurz-Krimis, dienen als Anschauungsmaterial für die beiden großen Krimi-Formen, die das Genre ausmachen: der Ermittler-Krimi und der Krimi ‚von der anderen Seite‘, der der Frage nach dem Wesen des Verbrechens nachgeht.

Ein Kurz-Krimi trägt den Titel „Ein grausiger Fund“, er stammt aus meiner Feder und wurde 2003 auf dem Krimifestival Tatort-Eifel mit dem „Deutschen Kurz-Krimi-Preis“ ausgezeichnet. Das zweite Beispiel, der Kurz-Krimi „Warum?“, stammt von Mara Schmitz, die mit dieser ungewöhnlichen Geschichte den „Junge Autoren Award – 2014“ gewann. Sie war, als sie den Krimi schrieb, siebzehn Jahre alt und ist nun auf dem Weg ihren ersten Krimi–Roman zu schreiben.

Ein Kurz-Krimi ist eine Art Krimi-Konzentrat, daher eignet sich diese Form sehr für Schreibanfänger, denn die Grundlagen für lang und kurz sind dieselben und man kommt schneller zu einem vorzeigbaren Ergebnis, als wenn man sich vorgenommen hat einen Krimi in Romanlänge zu schreiben. Kurz-Krimis – ja Kurz-Geschichten generell - sind zum Ausprobieren ideal, denn ein „ganzer“ Roman kann überfordern und vielleicht verliert man vor lauter Nicht-fertig-werden die Lust an einer Sache, die einem im Grunde Spaß macht. Das wäre dumm und unnötig.

„Willst du nicht noch Andy Zimmerling danken?“, fragt Nick plötzlich.

„Wofür? Dafür, dass er uns in Angst und Schrecken versetzt hat?“, sage ich bitter. „Oder weil wir nie vor ihm sicher waren, weil er meinen Bruder und mich dazu gebracht hat Rachepläne zu schmieden und weil ich immer auf der Hut war, oder was…?“

„Ganz genau“, sagt Nick, und für einen kurzen Moment wallt „gerechter“ Zorn in mir auf, doch dann denke ich darüber nach. So wie der Rowdy aus der nahegelegen Siedlung meinen Bruder und mich zum Geschichten-Erfinden angeregt hat, so hat sicher jeder Autor in der ein oder anderen Form seinen „Andy Zimmerling“, - das, was ihn dazu bewegt einen Krimi zu schreiben.

Man kann nicht immer genau sagen, was es ist. Vielleicht ist es auch nicht notwendig es zu ergründen – doch versuchen sollte man es. Denn wie ein Verbrecher ein Motiv hat, und ein Ermittler seine Methoden, so hat einer der schreibt seine innere Antriebskraft. Man muss sie nicht kennen – und solange sie einen dazu bringt, zu lernen, nachzudenken, zu probieren, nach dem Scheitern wieder aufzustehen, seine Figuren und Leser ernst zu nehmen und das zu schreiben, was einem wichtig ist, solange ist Unkenntnis des eigenen Antriebs kein Problem. Denkt man allerdings, man wüsste schon alles, befolgt Regeln ohne zu prüfen ob sie zu einem passen, fühlt sich Scheitern wie der Weltuntergang an und glaubt man, dass einen alle lieben, wenn man nur genug Erfolg hat, sollte man seine Antriebskraft unter die detektivische Lupe nehmen.

>Am späten Abend des 25. Mai 1994 wurde der mehrfach wegen Raubes und Körperverletzung vorbestrafte Andreas Z. (33) von einem Kumpan im Streit erschlagen. Über den genauen Grund des Streits ist noch nichts bekannt, Eifersucht soll das Motiv gewesen sein.<

(Randspalten-Meldung aus der Zeitung – das Ende von Andy Zimmerling?)

Erstes Kapitel

Grundlagen | Der erste feste Punkt: Verbrechen, Ort, Figur | Das Figuren-Persönlichkeits-Modell

>Verbrechen zahlt sich (nicht) aus<
Sprichwort

Nebel lag über der Stadt, wie ein nasses Handtuch über dem Rand der Badewanne… Jemand schaltete das Licht ein, die plötzliche Helligkeit erschrak seine Augen, die noch die schummerige Barbeleuchtung gewohnt waren… Meine Hand krümmte sich so fest um den Griff bis die Finger meiner Hand all ihr Gefühl verloren und mit dem kalten Messer verschmolzen… Du verfluchter Mistkerl, dachte sie… In einer Stadt wie dieser, verkommen und düster, brauchte der Kommissar nicht lange nach Verdächtigen zu suchen, er musste lediglich seinen Arm auf einer der schmutzigen Gassen ausstrecken und zufassen….

So klingt Krimi. Oder besser gesagt: So KANN Krimi klingen.

Krimi hat viele Stile, Erzählweisen und Formen hervorgebracht. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts war der „Rätsel-Krimi“ à la Agatha Christie oder Arthur Conan Doyle ganz oben auf. Sehr unterhaltsam, wie ich finde (ich lese beide gern) auch wenn die Arbeit des Detektivs fast ausschließlich im Kopf stattfand. Neben den genretreuen Krimis gab und gibt es auch literarische Krimis, wie z.B. die „Non-Maigret-Romane“ von Georges Simenon, in denen es eher um die Darstellung einer gesellschaftlichen Stimmung und einer Studie der dunkeln Seiten der menschlichen Seele geht, als um einen handfesten Fall. In den 70ern begannen die Krimi Autoren nach einer größten Realitätsnähe zu suchen. Was das nun im Einzelnen bedeutet hat, war davon abhängig, was der Autor unter Realität verstand. Es entstanden Krimis, in denen die Welt ein Ort der Verkommenheit ist, wo Polizisten kein Stück besser sind als die Verbrecher und Privat-Detektive eher die Fäuste als „ihre kleinen grauen Zellen“ sprechen ließen. Die Trennung von Gut und Böse verschwamm. Die Krimis griffen soziale Themen auf und gesellschaftliche Tabus an, Frauen waren als Ermittlerinnen ebenso hartgesotten und erfindungsreich, wie ihre männlichen Kollegen. Die Geschichten und Figuren wurden lebensnäher und psychologischer, die Täter bekamen mehr Aufmerksamkeit und ihr Handeln war nicht nur das Ergebnis eines verwirrten Geistes, sondern etwas, das man in gesellschaftlichen, sozialen und psychologischen Kontexten erklären konnte. Wissenschaftliche Disziplinen, wie Pathologie, Forensik und Kriminologie und Psychologie wurden zum Gegenstand der Geschichten und brachten neue Ermittler-Figuren hervor: Gerichtsmediziner und Profiler. Es entstand sogar ein neuer Helden/Heldinnen-Typ: der eigenwillige Ermittler, der nicht nur gegen die Verbrecher sondern auch gegen die „Obrigkeit“, den verknöcherten Polizeiapparat und gesellschaftliche Vorurteile kämpft. Seine Gegenspieler sind nicht nur die Täter, sondern auch inkompetente Polizeichefs, windige Anwälte, korrupte Politiker und andere machtbesessene Würdenträger.

So wenig wie es DEN Krimi gibt, gibt es auch DIE Krimiautorin oder DEN Krimiautoren. Jeder Autor hat seine eigene Vorgehensweise und folgt den Dingen, die ihn interessieren und die ihm wichtig sind.

Verbrechen

„Manchmal entdecke ich in der Zeitung etwas Interessantes“, antwortete der finnische Autor Pentti Kirstilä auf die Frage woher er seine Geschichten nimmt: „Einmal habe ich zum Beispiel etwas über die Untersuchungen auf den Geisteszustand, die Zurechnungsfähigkeit gelesen und dann im nächsten Buch den Mörder einen Verrückten simulieren lassen. Aber im Allgemeinen habe ich keine Ahnung, woher meine Ideen stammen. (…) Was mein Gehirn allerdings tut, was es sammelt, ohne dass ich davon weiß, das ist eine andere Geschichte.“

Viele unberechenbare und zuweilen sogar unerklärliche Dinge spielen beim Schreiben eine Rolle, und ob die „Sache“ gelingt hängt in erster Linie von der eigenen Bereitschaft ab, sich von diesem vagen und offenen Prozess herausfordern zu lassen. Trotzdem gibt es ein paar feste Punkte, auf dem Weg von der Idee zur Geschichte.

ÜBUNG: Am Anfang war das Verbrechen

Liste fünf Verbrechen auf, die du spannend findest, denke nicht groß darüber nach, leg einfach los.

1.

2.

3.

4.

5.

So geht’s los, man spinnt sich was zusammen. Mit einer Ideensammlung zu verbrecherischen Taten zu beginnen, ist eine Möglichkeit, den Weg zu beschreiten. Ein Verbrechen, das einen interessiert, auch wenn man zu Beginn noch gar nicht genau weiß, warum es einen interessiert, kann der erste feste Punkt sein.

Nick, zum Beispiel, hat eine Sammelbox für alle möglichen Dinge, die ihn zu einem Verbrechen (nur auf dem Papier natürlich) anregen können. Zeitungsartikel, Bilder, Berichte und ähnliches. Manchmal schaut er den Inhalt der Box durch, er wirkt dabei eher unbeteiligt als aufgeregt, ja fast gelangweilt, möchte ich sagen, als sortiere er Belege für die Steuererklärung. Dann hält er plötzlich einen Zettel in die Höhe und ruft: Da ist es! Er macht ein Gesicht, als hätte er das Radium entdeckt. Da macht was klick, da ist ein Geistesblitz eingeschlagen. Dieser Moment ist der erste Schritt auf einem langen und verschlungenen Weg, der sich Schreiben nennt. Ein erhabenerer Moment, der aber durchaus von einem üblen Verbrechen ausgelöst werden kann, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Orte

Orte stellen eine weitere Möglichkeit dar, Ideen für einen Krimi zu sammeln und den ersten festen Punk zu finden, von dem aus es losgeht. Ein Ort kann zu Geschichten, Ideen und Figuren inspirieren, darüber hinaus bietet er eine ganz konkrete Kulisse und Stimmung in der ein Krimi spielen kann.

Orte unterstützen nicht nur mit ihrer Atmosphäre die Handlung und die Charakterisierung der Figuren, sie verweisen auch durch ihr Zeichensystem auf ganz bestimmte Inhalte. Eine bürgerliche Vorstadt z.B. ist ein anderes System an Zeichen, als ein bäuerliches Dorf oder eine vernachlässigte Hochhaussiedlung. Wer an einem bestimmten Ort dazugehören will, muss die Zeichen und Regeln kennen: z.B. wer in der Stadt zur bildungsbürgerlichen Elite gehören will, der braucht eine Altbau- Wohnung mit Parkett, eine Bibliothek und ein uriges Häuschen auf dem Land – etwas überspitzt gesagt. Oder ebenfalls überspitzt: um in einer heruntergekommenen Siedlung dazuzugehören, braucht man wahlweise Extensions oder Muskeln, Tattoos, einen mächtigen Flatscreen, LEDs unterm Bett und ein Geheimversteck für Zigaretten und Geld. Man trägt bestimmte Sachen, man liest bestimmte Bücher, man hört bestimmte Musik und so fort. Orte wirken sich auf ihre Bewohner aus, im gleichen Maße, wie die Bewohner die Orte gestalten.

Als ich mit dem Kurz-Krimi, der viel später den Titel ‚Ein grausiger Fund‘ bekam begann, hatte ich nichts weiter als eine allgemein gefasste Aufforderung. Ich hatte mir die Teilnahmebedingungen für den deutschen Kurzkrimi Preis durchgelesen und festgestellt, dass die Handlung in der Arbeitswelt spielen sollte: Mord am Arbeitsplatz oder sogar Mord im Büro lautete die Anweisung (so ganz genau weiß ich das nicht mehr). Ich „sah“ jedenfalls recht bald ein ganzes Haus voller Büros vor meinem inneren Auge auftauchen, unten die Großraumbüros mit Trennwänden und einem erheblichen Lärmpegel, dann die einzelnen Zimmer, manche Türen standen offen, über den grauen Filzteppich liefen armeisengleich schwarze Schuhe mit und ohne Absatz, und oben lag die Chefetage, mit Vorzimmer, wuchtigem Schreibtisch, separater Küche und teurer Kaffeemaschine.

Wenn mir als erstes ein Ort im Kopf herumspukt, dann lasse ich ihn möglichst detailreich vor meinem inneren Auge entstehen, denn die Details geben Hinweise auf das, was alles in dieser Phantasie stecken kann. Warum hatte ich ausgerechnet das Bild im Kopf? Keine Ahnung. Es hätte ja auch das vollgerumpelte Büro eines kauzigen Steuerberaters oder das weißstrahlende einer Modelagentur sein können. War es aber nicht und anstatt es in Zweifel zu ziehen oder gar auszutauschen, nahm ich das Bild als gegeben hin.

Denn hinterfragen sollte man seine spontanen Bilder nicht, sondern BEFRAGEN: Was passiert? Wer bewegt sich durch die Gänge? Ist das der Mörder? Oder zeigt sich das Opfer? Um was geht’s? Welche Möglichkeiten bietet der Ort? Was verbinde ich damit? Und so fort.

Orte, die ganz allgemein für Krimis interessant sind, lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen. Da gibt es zum einen angstbesetzte Orte, die sowohl natürlich, wie Moore, Sümpfe, dunkle Wälder als auch zivilisatorisch entstanden sein können: Keller, Friedhöfe, verlassene Fabrikhallen, verdreckte Hinterhöfe und einsame Landstraßen. All diese Orte sind mit Angst, Grusel oder ähnlichen Gefühlen der Beklemmung und Abscheu besetzt. Beim Schreiben ist auf diese Orte Verlass, allerdings lauert hier nicht nur der schwarze Mann, sondern auch die Gefahr abgedroschen zu klingen, wenn man sich allein auf ihre allgemein bekannte Wirkung verlässt. Die dunkle Seitenstraße, in deren nassem Asphalt sich Neonröhren spiegeln und die Schritte des jungen Mädchens auf hohen Schuhen gespenstisch widerhallen, während sie sich vor ihrem eigenen Atem erschreckt…. entlockt wohl keinem ein wohliges Gruseln, sondern eher ein klischeebedingtes Stöhnen. Wenn man einen angstbesetzten Ort nutzen möchte, - wogegen nichts einzuwenden ist, ist es wichtig, die zeichenhafte und unbewusste Bedeutung des Ortes zu kennen: was genau löst Angst aus? Was bedeutet dieser Ort auf einer übergeordneten Ebene?

Ein Keller beispielsweise, ist ja nicht deshalb gruselig, weil es da schummrig ist und nach Staub und modrigem alten Kram riecht, sondern weil der Keller als Zeichen für das Unbewusste, das Verdrängte steht. Im Keller hält sich das auf, was man aus den Augen haben will und was man „vergessen“ möchte. Eine Tat, die in einem Keller begangen wird, hat also automatisch diese Bedeutung im Gepäck und jedem Leser ist klar, wenn auch nicht notwendigerweise bewusst, dass es in der Geschichte wohl um etwas Verdrängtes geht. Es ist also durchaus sinnvoll sich über die Bedeutungen der Orte Gedanken zu machen: Wozu brauche ich den Keller? Was bedeutet er für die Figuren? Was verbergen sie?

Solche Fragen können einen davor bewahren sich eines Ortes klischeehaft zu bedienen, welcher dann über seinen offensichtlichen und allzu bekannten Inhalt nicht hinausreicht.

ÜBUNG: Miese Orte

Schreib die schlechteste, abgedroschene Ortsbeschreibung, die dir einfällt. Ja, genau, mach das Gegenteil von dem was ich empfohlen habe, denn über das, was man als mies und klischeehaft empfindet, kommt man oft zu dem, was man eigentlich machen will. Indem du dir darüber klar wirst, was für dich schlechtes Schreiben bedeutet, kannst du deine eigenen Maßstäbe für das Gute kennenlernen. Außerdem macht es höllischen Spaß.

Leg los: nasser Asphalt und Neonlicht, Friedhof mit Nebelschwaden – was soll‘s denn sein….

Krimi-Orte sind für den Aufbau von Spannung am wirkungsvollsten, wenn mit ihrer landläufigen Bedeutung gespielt wird. Eine Kinderklinik z.B. ist normalerweise ein Ort der Fürsorge und Heilung, wenn dort jedoch eine mörderische Oberschwester ihr Unwesen treibt, verändert sich der Ort. Der Angstkitzel entsteht durch das Erleben von Bedrohung an einem Ort, an dem dies nicht erwartet wird. Indem man ein Detail austauscht, kann man die Stimmung verändern und die landläufige Bedeutung umdeuten.

Neben den an sich angstbesetzten und den umgedeuteten Orten, kann man fürs Krimischreiben auch solche in Betracht ziehen, die Strukturen und Gesetze aufweisen, die nur dort zu finden sind. Zum Beispiel: Gefängnisse, Klöster, Dorfgemeinschaften, soziale Brennpunkte, Sekten-Bauernhöfe, Villenviertel, die Börse, Universitäten oder Landstriche (Eifel, Taunus, Schwarzwald). Reizvoll ist an diesen Orten die Zusammenstellung der geschriebenen und der ungeschriebenen Gesetze, denn sie erzeugt eine besondere Atmosphäre, die auf Eingeweihte vertraut und auf Fremde beklemmend wirkt. Besonders die ungeschriebenen Gesetze sorgen für Konfliktstoff. Zum Beispiel stellt in einer christlich konservativen Dorfgemeinschaft eine Frau, die Karriere macht und ihre Kinder deshalb von einer Nanny aufziehen lässt, vielleicht einen so großen Bruch mit diesen Gesetzen dar, dass die Dorfbewohner sich aufgerufen fühlen, die „richtige“ Ordnung wieder herzustellen… und schon gibt es ein Verbrechen, was sich für den größten Teil der Dorfgemeinschaft vielleicht gar nicht wie eines anfühlt.

Seit einigen Jahren boomen die Lokalkrimis, denn sie arbeiten mit den Besonderheiten der Landschaft und den Regeln ihrer Bewohner. Wenn dich also ein solch hermetischer Ort reizt, dann suche nach geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen und nutze sie, um Konflikte zu schüren und ein rätselhaftes Verbrechen zu erschaffen.

„Es ist echt seltsam, warum man sich Orte vorstellen kann an denen man noch nie war“, sagt Nick. „Wahrscheinlich da man sie schon tausendmal im Film oder in Dokus gesehen hat, bildet sich mein Hirn ein, diese Orte zu kennen.“

Nick steht auf und tritt ans Schaufester unseres Büros, ich geselle mich zu ihm und wir schauen einige Zeit hinaus auf die Straße. Es ist nicht viel los, an einem Montagvormittag. Daher machen sich meine Gedanken auf die Reise zurück in die Zeit, als ich mit dem Kurz-Krimi anfing. Ich erinnere mich, dass ich mir von den Büro-Räumen ein gutes Bild machen konnte, von den Büro-Menschen aber hatte ich nur eine vage, blasse Vorstellung. Zu der Zeit jobbte ich gerade in einem Hotel an der Rezeption, doch manchmal, wenn „Not am Mann“, eigentlich „Not am Zimmermädchen“ war, wurde ich dazu verdonnert die Zimmer sauber zu machen. Und ich glaube, dass es diese Tätigkeit war, die mir folgenden Gedanken einbrachte: der Mörder bewegt sich unerkannt überallhin, niemand beachtet ihn.

Nun ja, wer bewegt sich unerkannt an einem Tatort: Super-Spione. Oder aber Putzfrauen, denn ist der soziale Staus niedrig, wird man übersehen. Das hatte ich selbst erfahren: Steht man hinter dem Rezeptionstresen, sind alle freundlich und fragen, wie’s denn so geht, trägt man einen hellbauen Kittel und saugt den Flur, schleichen sie sich vorbei, als sei man Luft. Dann tauchte in meinen Tagträumen ADA auf, die Putzfrau, die morgens bevor die Angestellten erscheinen ihre Büros sauber macht. Sie tötet den Chef. Plötzlich war sie und was sie tun wollte in meinen Kopf. So fing es an. (An Super-Spionen war mein Interesse gering, daher verflog die Idee sofort nach ihrem Auftauchen.)

Der Ort hatte mir eine Idee zum Verbrechen beschert (vage, aber immerhin) und was mir weitaus wichtiger war: eine Figur.

Die Figur der Putzfrau Ada „wuchs“ aus meinen Überlegungen zum Ort „Büro“ und machte sich dann so schnell selbstständig, dass ich den Eindruck hatte, sie wäre immer schon dagewesen und ich bräuchte sie lediglich zu beschreiben. Sich Gedanken zu einer Figur zu machen und sie nach und nach mit all ihren Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen, netten und mit nervigen Seiten zu erschaffen, stellt nicht nur eine Möglichkeit dar ...

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