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Splitter aus fernen Träumen

Frank Westermann

Wie Splitter aus fernen Träumen

 

Band 5 der Serie »Andere Welten«

FUEGO

 

Rückblick:

Zusammenfassung von Kontrolle, Inseln der Macht, Sternentage und Muster für morgen.

 

Speedy wächst in einer Welt auf, die der unseren weitgehend ähnelt, d.h. sie ist geprägt von einem Gesellschaftssystem, das auf Machtausübung, Unterdrückung, Ausbeutung, Hierarchie und Konkurrenz beruht. Nach einem Weltkrieg sind weite Teile der Erde in Wüste und unbewohnbares Gebiet verwandelt. Übrig geblieben sind hauptsächlich die beiden Machtblöcke Neu-Ing (Speedys Heimat) und die Südlichen Inseln. Speedy hat große Schwierigkeiten, sich in dieser perfekt organisierten Welt, in der es kaum Anzeichen von Widerstand zu geben scheint, zurechtzufinden.

Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: ein mysteriöser Beobachter taucht auf und warnt Speedy und seine Freunde vor einem drohenden neuen Krieg. Gleichzeitig schlägt der Versuch der militanten Gangs fehl, einen Großangriff auf die Regierung zu unternehmen. Noch einmal greift der Beobachter ein und bringt alle Betroffenen vor dem anrückenden Militär mittels eines sog. Ebenenwechslers in eine andere Realitätsebene in Sicherheit.

Mit dieser anderen Erde lernt Speedy eine Welt kennen, in der es kein einheitliches Gesellschaftssystem gibt, sondern eine Menge von Stammesverbänden, die teils in Städten teils auf dem Land und teils als Nomaden und Wanderer leben.

Beim Durchstreifen dieser Welt gerät Speedy von der Anarcho-Stadt, über einen Nomadentreck, der Gefangenschaft in der Geld-Stadt und den Machtbereich einer sektenähnlichen Zwangsgemeinschaft schließlich in ein Dorf, in dem eine junge Frau namens Traumschwester lebt, das ihm eine Menge neuer Erkenntnisse vermittelt. Er wohnt hier eine Zeit lang mit Menschen zusammen, die versuchen, herrschaftsfrei unter Benutzung mystischer Elemente im Einklang mit der Natur zu leben. Aber auch dort findet er den Ansatzpunkt zum eigenen Handeln noch nicht.

 

In Inseln der Macht wird Speedy auf zunächst unerklärliche Weise in seine Heimatrealität zurückversetzt. Er landet dabei allerdings in einem Gefängnis im Machtbereich der Südlichen Inseln. Eine teilweise im Untergrund arbeitende politische Gruppe befreit ihn und drei andere und Speedy versucht, sich in seiner neuen Umgebung einzugewöhnen. Er kommt in einer Wohngemeinschaft unter, spielt in einer Band mit und arbeitet politisch in der Gruppe, die ihn befreit hat.

Der Kampf richtet sich auf den Südlichen Inseln in erster Linie gegen eine Militärdiktatur und die sie stützenden Monopolunternehmen.

Trotz einiger Erfolge im militanten Widerstand gerät das Handeln der Gruppe bald in eine Phase der Stagnation, deren Ursachen einerseits persönliche Differenzen und Machtstrukturen innerhalb der Gruppe und andererseits die Zersplitterung des linken Widerstandes überhaupt und seine fehlende Massenbasis sind.

Unterdessen trifft Speedy eine Freundin aus Neu-Ing wieder, deren Erzählungen seine Kenntnisse in Bezug auf die verschiedenen Realitätsebenen total verwirren. Außerdem erfährt er von ihr, dass sein Freund Lucky hier im Gefängnis einsitzt. Nachdem die politische Widerstandsgruppe auseinandergebrochen ist und die Machthaber auf den Inseln jetzt ganz offen brutale Unterdrückungsmethoden einleiten, gelingt es Speedy noch mit zwei Helfern, Lucky zu befreien.

Ihre Flucht endet im Keller eines Hauses, in dem außerirdische Wesen ein seltsames Spiel betreiben. Die Außerirdischen, die sich Kurzos nennen, erklären sich bereit, Speedy und Lucky, die keinen anderen Ausweg sehen, in ihrem Raumschiff mitzunehmen.

 

In Sternentage wird die Weltraum-Odyssee von Speedy und Lucky geschildert.

Nachdem sich die beiden von den Kurzos auf spektakuläre Weise getrennt haben, wollen sie versuchen, die Erde wiederzufinden. Auf dem Flug zum Kunstplaneten Mindatar entpuppen sich die Übersetzungsgeräte, die sie von den Kurzos erhalten haben, als Technische Helfer, die sie bei der Reparatur ihres Raumbootes unterstützen. Auf Mindatar begegnen sie dem Tromaden Kortanor, der auf der Flucht vor der Polizei des Öko-Planeten zu ihnen an Bord kommt. Von dort aus fliegen sie nach Hymeran, einem sog. Nicht-Arbeiter-Planeten, auf dem sie hoffen, die Koordinaten der Erde zu bekommen. Sie lernen dort Menschen kennen, die ein Leben ohne Arbeit und Herrschaft führen, deren Gesellschaft aber letzten Endes für sie undurchschaubar bleibt. Der Hinweis der ebenfalls auf Hymeran lebenden Vurx führt sie zum Planeten der roten Sonne, auf dem sich verschiedene Realitäten überschneiden. Mit Hilfe der Zauberin Sonnenfeuer, die auf unerklärliche Weise in Kontakt mit Traumschwester (s. Kontrolle) steht, können sie endlich den Rückflug zur Erde antreten. Sonnenfeuer begleitet sie dabei, obwohl ihre Heimat von Invasoren aus dem All bedroht wird. Auf dem Flug zur Erde geraten sie in die Nebelgrenze, die eine Zeitverschiebung um 8 Jahre bewirkt, und begegnen Sucherin, einer anderen Gestalt des Wesens, das sie früher als Beobachter kennengelernt hatten. Nunmehr zu fünft treffen sie wieder im heimatlichen Sonnensystem ein.

Durch die Entdeckung eines Raumschiffs der Renen – eines außerirdischen Volkes – hat die Technologie von Neu-Ing einen ungeheuren Aufschwung genommen, der der Bevölkerung aber, wie nicht anders zu erwarten, wenig nützt. Es ist eine vorrevolutionäre Situation entstanden, in der die Elite der Regs und Wirtschaftsmanager mit brutalen hochtechnisierten Machtmitteln versucht, eine radikale Opposition, die vor allem um die Abschaffung der Arbeit und Zerstörung jeglicher Herrschaftsformen kämpft, unter Kontrolle zu bekommen.

 

In Muster für morgen geraten Speedy, Lucky, Sonnenfeuer, Sucherin und Kortanor also mitten in eine brisante politische Situation. Sie können von der Weltraumstation, in der Militärs und Politiker versuchen, sie gefangen zu setzen, zur Erde fliehen. Dabei müssen sie sich allerdings in zwei Gruppen aufspalten. Lucky, Kortanor und Sonnenfeuer landen in einem Gebiet, in dem eine Gemeinschaft von Robotern und mutierten Menschen in Symbiose mit der sie umgebenden Natur lebt. Sie helfen dem Symbiose-Leben im Kampf gegen eine Militärstation. Währenddessen erreichen Speedy, Sucherin und die Technischen Helfer mit dem im Sterben liegenden letzten Überlebenden der Renen den Stützpunkt des ehemaligen Beobachters in Neu-Ing. Doch sie werden entdeckt und müssen das Versteck aufgeben. Während die Technischen Helfer mit Hilfe ihrer Artgenossen das Rene in Sicherheit bringen, finden Speedy und Sucherin Unterschlupf bei einer Gruppe von Revolutionären. Speedy schließt sich ihnen an und lernt dabei eine Gruppe Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, die sich Sensos nennen, kennen. Eine von ihnen, das Mädchen Lil, macht mit Speedy eine wichtige Entdeckung: ein Teil der Regs plant, künstliche Menschen, sog. Androiden, im Kampf gegen die Revolution einzusetzen und mit Hilfe von Doppelgänger-Androiden den gemäßigten Flügel der Regs auszuschalten. Dieser Plan wird öffentlich aufgedeckt, führt zur Entlarvung der schon vorhandenen Doppelgänger und zum Ausbruch der Revolution.

Während Speedy sich am Kampfgeschehen beteiligt, verlässt Sucherin ihn und bringt Sonnenfeuer, Lucky und Kortanor nach Neu-Ing.

Schließlich fällt die Entscheidung zugunsten der Revolutionäre, nicht zuletzt durch das Eingreifen Sonnenfeuers, der Sensos und zweier Androiden, die ihre Programmierung durchbrechen und sich gegen die Regs stellen.

Mit Speedys Hilfe transferieren Sonnenfeuer und Sucherin aus unserer Realität, die eine auf der Suche nach Traumschwester, die andere auf dem Rückweg in ihre Heimatrealität.

Ein Umsturz auf den Südlichen Inseln bringt eine sog. demokratische Revolutionsregierung an die Macht, die Senso-Gruppe löst sich auf und die Menschen in Neu-Ing beginnen mit dem Versuch eines neuen, herrschaftsfreien, vielfältigen Zusammenlebens.

 

Realität ist das, was nicht verschwindet, auch wenn man aufhört, daran zu glauben.

 

Philip K. Dick

 

 

Diese Welt, die sich in tausend kleinen, leuchtenden Splittern darbot, einem Wirrwarr kleiner Szenen, Facetten eines anderen Bildes, allesamt vergänglich, diese Welt faltete sich zusammen, als wir sie betraten, verkapselte sich, schwand dahin, schrumpfte und löste sich auf – alles auf einmal, Bäume und Bäche, Gräser und Räume und Menschen. Aber die eine, nach der ich die ganze Zeit Ausschau gehalten hatte, war da: dort war sie.

 

Doris Lessing: Memoiren einer Überlebenden

 

 

 

 

Einleitung I

 

Der hier vorliegende Roman – so nannte man so eine schriftlich fixierte Geschichte früher – wurde in jahrelangen intensiven Bemühungen fertiggestellt. Die meiste Zeit wurde darauf verwandt, nach alten Dokumenten, Aufzeichnungen, Tonspulen und Überlieferungen zu forschen und, nachdem diese Phase beendet war, alles durchzusehen, zu ordnen und für unseren Zweck neu zusammenzustellen.

Es dauerte lange, bis sich ein einigermaßen brauchbares, überschaubares Bild zusammenfügte. Trotz aller Mühen hat das Projekt allen Beteiligten von Anfang bis zum Ende Spaß gemacht. Das Interesse war oft so groß, dass wir nächtelang beisammen saßen, unser Erstaunen über das eine oder andere Artefakt ausdrückten und über seine Bedeutung diskutierten.

Es war schließlich das erste Mal, dass eine Gruppe versuchte, in das Dunkel, das über dem Entstehen unserer Welt liegt, etwas Licht zu bringen. Die folgende Geschichte ist aber keineswegs als authentischer Bericht anzusehen, zu vielschichtig war das aufgefundene Material, zu viele Deutungen waren möglich und ungelöste Fragen blieben offen. Und nicht zuletzt setzte sich unsere Gruppe aus den unterschiedlichsten Lebewesen Splitterwelts zusammen, die alle Teile ihrer Persönlichkeit, ihrer Vorurteile, Interessen und Interpretationen einbrachten, eine wahrlich aufregende Mischung. Und auch der Gruppengeist selbst drückte der Geschichte seinen Stempel auf.

An einigen Stellen steht sie möglicherweise im Widerspruch zu einigen alten Überlieferungen, was nicht bedeutet, dass das eine oder das andere richtig oder falsch wäre. Die Geschichte ist nur ein Versuch, die Kluft, die zwischen der alten und der neuen Welt liegt, zu überwinden.

Es existieren genügend Dokumente aus der alten Welt, und wenn sie auch für uns oft schwer verstehbar sind, können wir uns doch ein relativ genaues Bild von ihr machen – das nehmen wir zumindest an. Wir wissen daher z.B., dass irgendwann nach der Revolution in dem früheren Nationalstaat (Begriffserklärungen s. Index am Ende des Buches) Neu-Ing sich so bahnbrechende Ereignisse abgespielt haben müssen, dass es zur Entstehung einer ganz neuen Welt, unserer heutigen Splitterwelt, gekommen ist. Leider fehlen gerade aus dieser Zeit jegliche Aufzeichnungen.

Ich hoffe, wir haben dem etwas abgeholfen und sind vielleicht den Rätseln um diese Ereignisse hiermit ein wenig auf die Spur gekommen.

 

Der Chronist

 

Einleitung II

 

Wie hätte jemand wie ich dieser Verlockung widerstehen können? Ich konnte und wollte es nicht. Der Reiz, mich an diesem Projekt zu beteiligen, übertraf einfach alles, was mich gerade beschäftigte, und das war nicht gerade wenig.

Aber die Gestaltung, das Schreiben und Herstellen eines wirklichen BUCHES! Und dazu noch mit diesem Thema! Dagegen ließ ich gern alles andere stehen und liegen, nur einige wirklich dringende Sachen führte ich schnell zu Ende.

Ein Buch ist ja nun wirklich ein Anachronismus, zumindest in weiten Teilen Splitterwelts. Bei unseren Nachforschungen, die uns in weit entlegene Gebiete führten, stießen wir nur in den östlichen Regionen von Zweiphasen-Land auf eine Art Buchproduktion und -vertrieb. Ansonsten herrschen, was den reinen Informationsaustausch betrifft, immer noch die guten alten Holo- Projektionen vor und für dramatische Gestaltungen Formen wie Erzählungen, Stegreif-Theater, Memory-Kristalle und nicht zuletzt Senso-Dramen, die ja auch mein bestimmendes Gebiet sind.

Aber da auf der alten Erde die Buchproduktion und das Schreiben einer der wichtigsten Zweige zur Verbreitung von Fiktionen und Real-Informationen darstellten – eine Unterscheidung, die damals anscheinend für sehr wichtig gehalten wurde –, lag bei diesem Stoff nichts näher, als sich ebenfalls der Buch-Form zu bedienen, zumal da Speedys frühere Erlebnisse auch schriftlich fixiert waren.

Und es hat so viel Spaß gemacht! Ich war mir ja gar nicht bewusst, was für Möglichkeiten diese Form beinhaltet.

Und so:

Ein kosmisches Drama wird sich vor dem inneren Auge der Leserinnen und Leser entfalten.

Die Barriere zwischen den Realitäten bricht, und Zeit und Raum verlieren ihre Bedeutung.

 

Die Handlungen der Akteure entspringen den unterschiedlichsten Motivationen, und wo auf der einen Seite Hoffnung, Liebe und Siegeswille triumphieren, kapitulieren andere vor Schmerz, Tod und Gewalt.

Rätsel über Rätsel häufen sich, aber werden sie zu einer Lösung führen?

Ich lade Euch ein zu einer Reise ins Unbekannte, in die Mysterien einer anderen Welt, die der unseren vorausgegangen ist. Begebt Euch auf unsere Spuren, vollzieht unsere Entdeckungen nach. Phantastisches erwartet Euch!

 

Die Dramatikerin

 

 

 

 

Einleitung III

 

Als der Mensch vor unseren Höhlen erschien, konnten wir uns zunächst eines bitteren Beigeschmacks nicht erwehren. Schon wieder ein Tourist auf der Suche nach Exotik, dachten wir und überlegten, ob wir uns nicht für eine Zeit in die Streifen-Ebene versetzen sollten, um solchen Belästigungen aus dem Weg zu gehen. Sie kamen eben immer wieder, trotz aller »Missgeschicke«, die ihnen hier widerfuhren.

Doch dann vernahmen wir sein Begehren, und unsere Abneigung verwandelte sich in Neugier. Er erzählte uns von dem Buch-Projekt und natürlich waren wir sofort begeistert.

Wir begannen praktisch unmittelbar darauf, indem wir uns in mehrere Einzelne teilten und ausschwärmten. Wir folgten im Laufe der Jahre jeder auch noch so winzigen Spur, die Hinweise auf die Ereignisse versprach, die zur Entstehung Splitterwelts geführt hatten. Wir hörten uns Tonträger und Echo-Abdrücke an, lasen Bücher und wühlten in Computer-Speichern, sprachen mit alten und jungen Lebensformen und erlebten Gedanken-Reisen. Es ist wirklich unmöglich, auch nur annähernd all das aufzuzählen, was uns begegnet ist.

Anlass für das Riesenprojekt war der Fund von vier Büchern, die anhand des Lebensweges eines Menschen namens Speedy vieles von dem wiedergaben, wie es auf Splitterwelt ausgesehen haben muss, als dieser Planet noch Erde genannt wurde.

Leider endete das Schicksal Speedys in den Wirren nach einer Revolution in einem der alten Staaten namens Neu-Ing. Der Autor der Bücher, ein gewisser Frank Westermann, muss wohl selbst darin verstrickt gewesen sein, denn wir fanden keine weiteren Aufzeichnungen von ihm.

Wir haben nun versucht zu recherchieren, was nach dieser Revolution mit Speedy und den anderen Personen geschah, und wie es in der Folge davon zur Entstehung von Splitterwelt kam. Und es stellte sich wirklich heraus, dass gerade die in den Büchern erwähnten Personen ganz entscheidend mit dem Schicksal der alten Erde verbunden waren.

Alle Beteiligten an dem Projekt haben dann zusammen entschieden, dass wir das Buch unter dem Pseudonym Frank Westermann als eine Art abschließenden Band herausgeben wollen.

 

Zum Abschluss richten wir unseren besonderen Dank an:

Die schwebende Säule mit ihren vielen Legenden aus der Frühzeit.

Die beiden Märchenerzählerinnen aus Carstobaat.

Die Bewohner der Schwimmenden Inseln.

Tiko, der Archivar, für seine unermüdliche Hilfe

und natürlich auch sonst an alle, die uns unterstützt haben und in welcher Form auch immer dazu beitrugen, Licht in das Dunkel unserer Vergangenheit zu bringen.

 

Die Sammler

 

This ain’t no party, this ain’t no disco

This ain’t no fooling around

No time for dancing, or lovey dovey

I ain’t got time for that now

 

Talking Heads - »Life During Wartime«

 

 

1.

Die Abgesandten

 

Irrlicht ließ sich vorsichtig hinter einen Felsblock in Deckung sinken. Seine kleine, grünlich leuchtende Gestalt flackerte nur wenig, als er zum wiederholten Mal die Szene überschaute.

Vor den niedrigen Hügeln breitete sich die Knisterebene aus, deren leise Geräusche die immerwährende Dämmerung erfüllten. Mitten durch die Ebene zog sich die Realitätsgrenze. Weiter links erhob sich nahe dieser Grenze einer der uralten Kontrolltürme, die immer noch beharrlich ihre Funktion ausübten.

Eine Gruppe Wissenschaftler der Slayn Dran hatte dort ihr Lager aufgeschlagen, das von einer Einheit Krosner bewacht wurde. Die Rückenpanzer der Söldner, die in den Diensten der Slayn Dran standen, leuchteten selbst in dieser düsteren Umgebung.

Es trifft sich gut, dass sie so leicht erkennbar sind, dachte Irrlicht. Er wusste nicht viel über die Krosner, ebenso wenig wie über die Slayn Dran. Er wusste aber, was ihre Anwesenheit hier für Folgen nach sich gezogen hatte und daher auch um die Gefahr für andere Realitätsebenen, und das genügte ihm.

Als er zuerst von der Invasion erfahren hatte, konnte er nicht recht daran glauben, es klang eher wie eine Horror-Geschichte. Aber allein die Tatsache, dass das Magische Volk ihretwegen das Risiko von Realitätsdurchgängen auf sich nahm, reichte aus, um ihn – und auch andere – zu überzeugen. Später hatte er einige Male die Ausstrahlung der Slayn Dran sowie ihrer Söldner gespürt, und das hatte endgültig dazu geführt, dass er sich mit all seiner Kraft dafür einsetzte, die letzten Freien des Magischen Volkes zu unterstützen.

Und schließlich ging es nicht allein um das Magische Volk. Spät, aber hoffentlich nicht zu spät, war erkannt worden, was Ursache und Folgen der Slayn Dran Invasion waren: die Slayn Dran suchten nach Mitteln und Wegen, nach Belieben Realitätswechsel vornehmen zu können! Von Natur aus waren sie dazu nicht in der Lage, aber irgendwelche Gerüchte mussten sie zum Planeten der roten Sonne geführt haben. Auf diesem Planeten befanden sich diverse Schnittstellen unterschiedlichster Realitäten, und das wollten die Slayn Dran für ihre Zwecke ausnutzen.

Irrlicht glaubte, dass es den Slayn Dran trotzdem unmöglich sein würde, den Zufallsstrukturen der Realitätsebenen auf die Spur zu kommen, denn so einfach war es nicht, die Schnittstellen zu benutzen. Rein logisch denkende Arbeiterlebewesen waren dazu kaum in der Lage. In der Tat wurden die Übergänge aufgrund ihrer Gefährlichkeit selbst von den Planetenbewohnern höchst selten benutzt. Sollte es den Slayn Dran aber trotz allem gelingen, diese Übergänge unter Kontrolle zu bringen, besaßen sie mit diesem Wissen und seiner Anwendung eine Waffe, die sie vielen anderen Völkern dieser Galaxis überlegen machte.

Und so viel wusste Irrlicht immerhin: die Slayn Dran waren ein Arbeiter-Volk höchsten Grades und würden ihre Überlegenheit skrupellos militärisch, politisch und ökonomisch ausnutzen.

Dies musste zum einen verhindert werden, zum anderen mussten das Magische Volk und der ganze Planet gerettet werden. Denn vor kurzem hatten die Slayn Dran damit begonnen, Manipulationen an den Kontrolltürmen vorzunehmen. Aber da sie die Funktion der Türme nicht verstanden, war eine Katastrophe unvermeidbar. Fiel infolge der unsachgemäßen Experimente an den Türmen auch nur einer von ihnen aus, musste es zu einer Vermischung von Realitätsebenen kommen, und das bedeutete das Ende aller Gemeinschaften, deren Überleben von der Eingrenzung der Realitäten abhing.

Die Türme sorgten für diese Eingrenzung, und ihre Erbauer hatten somit eine bestimmte Form von Leben auf diesem Planeten erst ermöglicht.

Irrlicht hatte Zeit, diese Fakten zu rekapitulieren, weil er noch warten musste, bis die Knisterebene ihre Aktivitäten verringerte. Erst dann war er sicher, in der Vielzahl der Leuchterscheinungen, die an dieser Stelle der Realitätsgrenze auftraten, unbemerkt zu bleiben.

Er beobachtete, wie einige Slayn Dran den Kontrollturm verließen. Die silbrigen Gespinste marschierten in Richtung Lager. Das schwere Gepäck hinderte sie am Schweben, und sie verzichteten auf Anti-Schwerkraft-Geräte, weil der Einsatz bestimmter Technik hier sich als gefährlich erwiesen hatte.

Die Krosner machten ehrfurchtsvoll Platz, als die Slayn Dran-Wissenschaftler ihre Unterkünfte erreichten. In den merkwürdig verschachtelten Häusern wurde es hell, aber in ihrer milchigen Transparenz ließ sich nicht genau erkennen, was im Innern vor sich ging.

Währenddessen versiegte das Flüstern der Knisterebene und hier und da begannen bunte Lichter zu flackern, wieder zu verlöschen und an anderer Stelle neu zu entstehen. Irrlicht machte sich bereit. Allzu lange würde dieser Zustand der Geräusch-Inaktivität nicht anhalten, und bis dahin musste er die Grenze überwunden haben.

Er tat dies nicht zum ersten Mal und seine Nervosität war gering, als er die Hügel hinab schwebte und kurz darauf nahe am Lager der Slayn Dran vorbeikam. Die Krosner würdigten ihn keines Blickes. Die hoch aufgerichteten, vierarmigen Wesen waren alle möglichen Erscheinungen hier im Grenzbereich gewohnt. Und außerdem ahnten weder sie noch ihre Herren irgendetwas von der Existenz solcher Lebewesen, wie Irrlicht sie darstellte, auf diesem Planeten.

Die Slayn Dran waren davon überzeugt, es lediglich mit dem Magischen Volk zu tun zu haben, und das hatten sie – bis auf wenige Ausnahmen – bereits unterworfen, bevor sie überhaupt den Boden des Planeten betreten hatten. Ronolsin hieß die teuflische Waffe, welche die Mentalität eines ganzen Volkes verändert hatte. Aus Nicht-Arbeitern waren Arbeiter geworden mit allen Konsequenzen, etwas Schlimmeres war nicht vorstellbar.

Lange Zeit war der Triumph der Slayn Dran vollkommen gewesen, bis die letzten Freien des Magischen Volkes sich entschlossen hatten, ihre Kontakte zu Gemeinschaften anderer Realitäten zu nutzen und diese um Hilfe zu bitten.

Sie hatten keinen Ausweg mehr gesehen und schließlich das hohe Risiko auf sich genommen. Denn es war ein gefährlicher Weg, und so manche waren in den unberechenbaren Launen der Realitätswirbel verschollen, ohne ihr Ziel jemals zu erreichen. Es gab keinen Schutz gegen dieses Schicksal, und das war das einzige, was Irrlicht Furcht bereitete.

Er fühlte die Auswirkungen der anderen Realitätsebene, als er sich der Grenze näherte, und für einen Moment flackerte sein Körper stark. Doch dann hatte er sich wieder unter Kontrolle und tat den entscheidenden Schritt über die Grenze.

Der Umweg über die Realitätsebene des Magischen Volkes hatte sich gelohnt. Von seiner Realität aus war es schwierig, hierher überzuwechseln, aber der Umweg hatte das Risiko vermindert und außerdem einen Blick auf die Situation im Grenzbereich erlaubt. Trotzdem war Irrlicht erleichtert, als der Wirbel ihn ausspie, und er die nun schon vertraute Umgebung des Molandos wahrnahm.

Das Molandos war eine Art Gemeinschaftswesen und gleichzeitig das einzige Lebewesen dieser Realität, mit dem eine Verständigung möglich war. Es hatte einen seiner Ausläufer zu einer Art Höhle verbreitert, die mit allen möglichen Utensilien ausgefüllt war, um es allen Abgesandten recht zu machen. Die Realitäts-Schnittstelle befand sich genau innerhalb dieser Höhle.

Die Wahl dieses Versammlungsortes war sehr glücklich gewesen, denn er war sowohl von fast allen bekannten Realitäten aus zu erreichen und andererseits war das Molandos dazu in der Lage, sich fast allen Gegebenheiten anzupassen. Das Molandos konnte sich selbst zwar nur sehr schwer verständlich machen, denn es unterschied sich zu sehr von allen bekannten Gemeinschaften, aber es verfolgte alles und konnte sich auf Wünsche und Bedürfnisse der Abgesandten einstellen.

Irrlicht huschte zu seinem gewohnten Platz hinüber. Er flackerte nun wieder rhythmisch und freudig, alle Anzeichen innerer Spannung waren von ihm abgefallen.

Der Platz neben ihm war schon besetzt, vielleicht schon länger, denn genaue Ankunftszeiten konnten nie eingehalten werden. Dort saß Hat-keine-Augen mit übergeschlagenen Beinen auf einem Kissen. Der Materie-Magier war der Abgesandte des Magischen Volkes. Er war einer der ersten gewesen, die damals angesichts der drohenden endgültigen Niederlage noch die Initiative ergriffen hatten. Er nickte Irrlicht freundlich zu, der aus den vorausgegangenen Begegnungen wusste, was diese Geste bedeutete.

Auch die meisten anderen der bereits Anwesenden erkannte er wieder. Es handelte sich fast immer um die gleichen Botschafter, und in der vergangenen Zeitspanne hatte sich eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl unter ihnen entwickelt trotz der Vielfalt der Lebens- und Erscheinungsformen. Anfangs war eine Verständigung natürlich schwer gewesen, da alle aus höchst unterschiedlichen sozialen und kulturellen Zusammenhängen stammten, aber der Wille und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit hatte sie schließlich verbunden.

Die Prexter, ein hochtechnisiertes Volk, hatten schließlich, nachdem sich dieser Völkerzusammenschluss endgültig gebildet hatte, adäquate Übersetzungsgeräte geschaffen, die nun zumindest eine reibungslose verbale Verständigung erlaubten. Auch heute standen diese Geräte vor den Plätzen der Abgesandten, und der Bote der Prexter war dabei, die letzten Justierungen und Feinabstimmungen vorzunehmen.

Irrlicht sah, dass die Runde fast vollständig war. Er hatte heute den Vorsitz und war jetzt doch ziemlich aufgeregt, da abzusehen war, dass es diesmal zu weitreichenden Entscheidungen kommen würde.

Die Ankunft der restlichen Delegierten konnte sich noch lange hinauszögern, und so beschloss er nach kurzer Wartezeit die Diskussion zu eröffnen. Er erteilte zunächst Hat-keine-Augen das Wort, damit der Materie-Magier über die aktuellen Entwicklungen in der bedrohten Realitätsebene berichten konnte.

Wie er vermutet hatte, steuerte alles auf einen kritischen Punkt zu. Die Wissenschaftler der Slayn Dran machten sich daran, in die Funktionen der Kontrolltürme einzugreifen. Und damit waren endgültig auch alle anderen Realitäten, die von den Schnittstellen aus zu erreichen waren, bedroht. Die Gefahr beschränkte sich nicht mehr, wie vorauszusehen war, allein auf das Magische Volk.

Dies war allen Zuhörern sofort einsichtig, denn es war einer der entscheidenden Gründe gewesen, warum es überhaupt zu dem Völkerzusammenschluss gekommen war. Es blieb nur noch die Frage offen, wie die Entscheidungen der betroffenen Völker, Einzel- und Gemeinschaftswesen ausgefallen waren. Lange Debatten waren nicht mehr nötig, die Wenns und Abers waren in früheren Sitzungen besprochen worden. Allen war einsichtig, dass es sich hier letzten Endes um eine reine Überlebensfrage handelte. Eine Manipulation der Realitätsstrukturen konnte schlimmstenfalls zum Untergang aller Lebewesen dieser Realitäten führen.

Wenn noch rechtzeitig gehandelt werden sollte, war es nötig, sofort zuzuschlagen. Auch diese Entscheidung erfolgte nahezu einstimmig, und die wenigen Zauderer schlossen sich bald an. Nur zwei Abgesandte hielten dies für einen grundsätzlich falschen Beschluss und verließen die Versammlung.

Weitaus umfassender wurde anschließend darüber diskutiert, wie sich dieses Zuschlagen am besten bewerkstelligen ließ. Doch auch darüber wurde schließlich in groben Zügen Einigkeit erzielt und so konnte sich Irrlicht mit einem fast euphorischen Gefühl auf den Heimweg begeben.

Standin’ by the window

Balance at the brink

Kiss another bottle

Sink another drink

Throw away the feeling

Throw away the pill

If the bottle doesn’t get me

the thinking will.

Lights shining bright

what’s it like in the light

It’s easy to believe lights in the night.

Flash and the Pan - »Lights In The Night«

2.

Flucht ohne Ausweg

War es wirklich nur die Angst, die mich trieb, diesen Weg zu gehen? War es wirklich so einfach, alles auf diese Formel zu reduzieren? Und was sagte das schon aus? Angst ... Angst vor dem Leben, Angst vor der Realität, Angst vor Menschen ... sich nichts mehr zutrauen, das Selbstbewusstsein oder das, was man dafür gehalten hat, schwindet, als ob mir die Lebenskraft ausgesaugt wird.

Ich weiß nicht mehr, wer ich bin – aber habe ich das jemals gewusst oder habe ich immer nur ein Abziehbild, eine Schablone von mir gesehen? Ein Bild, bei dem alle dunklen Flecken wegretuschiert waren, eine Folie zum handlichen Gebrauch für jede/n – vor allem für mich selbst.

Die Welt um mich herum war komplizierter geworden, schwieriger zu durchschauen, komplexer zu begreifen, weil ich mich selbst nicht mehr durchschaute, alles in Frage stellte und dazu neigte, bei jedem geringen Anlass in Melancholie oder Depression und Resignation zu versinken.

Plötzlich waren ein paar Eckpfeiler meines Wissens über mich selbst ins Wanken geraten, und in der Folge davon zweifelte ich an meiner gesamten Lebensweise und meinen Lebensinhalten. Sachen, die mir früher Spaß gemacht, mir einen Sinn gegeben hatten, wurden wertlos und hohl. Und obwohl es Neues im Überfluss zu entdecken gab, schaffte ich es nicht, dies in mein Mosaik einzubauen. Musste ich vielleicht erst das ganze Bild von mir radikal zerstören? Und dann? Würde sich dann wirklich eine neue Struktur herstellen oder nur ein schwarzes Loch, eine gähnende Leere Zurückbleiben?

Und das alles musste ausgerechnet zu einem Zeitpunkt passieren, wo alle anderen neuen Mut schöpften, die langen Anstrengungen endlich einen Lichtstreif am Horizont hervorgebracht hatten. Das Leben schien doch wieder einfacher, sinnvoller, die Belohnung für Mühsal und Aufopferung stand bevor. Die Menschen atmeten auf, mussten endlich nicht mehr tagtäglich um ihr Überleben bangen, eine neue Zukunft stand vor der Tür und versprach zumindest bessere Zeiten als früher. Hoffnungen und Wünsche, die längst begraben schienen, tauchten aus ihren Verließen empor, es wurde gelacht und gefeiert, wirkliches Leben war spürbar, pulsierte überall.

Und gerade in dieser Situation sollte es mir an den Kragen gehen? Eigentlich sollte ich darüber lachen, hinweg mit dem Selbstmitleid und dem Weltschmerz! Lebe und lass es dir gutgehen!

Aber es hatte natürlich keinen Zweck, sich so etwas vorzuspielen, auch wenn niemand es begriff. Und wer sollte es auch verstehen, wenn mir nicht einmal selbst die Ursachen und Beweggründe für meine Gefühle und Verhaltensweisen klar waren? Je mehr ich darüber nachgrübelte, desto undurchdringlicher wurde der Dschungel aus Absichten, Motiven, Emotionen und längst verdrängtem Seelenmüll.

Meine Freunde wollten nichts damit zu tun haben, und die Psycho-Beratung, bei der ich zweimal war, war einfach nur lächerlich.

Dieses Gefühl, als ob sich plötzlich die Realität verschoben hatte, als würde ich gar nicht mehr in dieser Welt leben ... Es machte mich absolut hilflos, lähmte alle meine Energien. Ich konnte stundenlang in Gedanken versunken dasitzen, bis mich Leid und Schmerzen überkamen und ich anfing zu heulen. Meist besserte sich dadurch mein Zustand etwas, ich konnte wenigstens etwas rauslassen und danach einigermaßen beisammen meinen Alltag hinter mich bringen.

Kein Land in Sicht ... Hatte ich es deshalb auf mich genommen, dieses waghalsige Experiment einzugehen von dem zudem nur wenige von seiner Notwendigkeit überzeugt waren? War das nicht wieder eine meiner Selbsttäuschungen und nichts anderes als ein Selbstmordkommando, das mir das Problem der Selbsttötung abnahm?

Ich spürte wieder, wie sich mein Magen zusammenkrampfte, und nahm automatisch eine Tablette – garantiert biologisch ohne Nebenwirkungen. Aber die halfen kaum noch, der Schmerz wurde mehr und mehr zu einer gewohnheitsmäßigen Last.

Schon morgen sollte es losgehen, es war immerhin eine langwierige Eingewöhnungsphase notwendig. Ich konnte immer noch zurück, aber wohin? Es gab kein Zurück. Denn zurück bedeutete für mich zurück zu Julie, und dieser Weg war ein für allemal für mich versperrt. Die Beziehung zu Julie bestand längst nicht mehr, nur noch in meinen Wunschträumen, und sie hatte wahrscheinlich niemals so bestanden, wie ich es mir jetzt gern vorstellte. Einbildung ... Manchmal kam es mir so vor, als lebte ich fast vollkommen in einer Welt aus Einbildung, Wunschtraum und Illusion. Ich war mir nicht mehr sicher, was davon in Wirklichkeit existierte.

Und gerade diese Flucht vor der Realität, wie sie es nannten, sollte mich also dazu befähigen, das Experiment durchzuführen, von dem – nach Meinung einiger Experten – so viel abhing, vielleicht sogar das Schicksal ganzer Welten?

Hatte ich nicht schon immer mal den Helden spielen wollen? Wer wollte das nicht? Ein Held wie in meinen Büchern. Aber Helden sterben früh, und ihr Ruhm nützt ihnen nichts mehr. Und auch dieses war mehr die Rolle eines Märtyrers oder noch schlimmer: vielleicht würde nie jemand erfahren, ob ich nun zum Helden oder zum Märtyrer geworden war.

Vielleicht hielt mich nur noch dieser Sarkasmus aufrecht, der mir immer eine gewisse Distanz zu allem verlieh – außer natürlich zu Julie. Da wirkte auch dieses letzte Mittel nicht. Es war mir nicht mehr möglich, das alles zu verdrängen, diese Fähigkeit hatte ich noch nie besessen, aber nun wusste ich auch nicht mehr, wie ich damit umgehen sollte. Realitätsferne und Selbstverlorenheit hatten mich längst eingeholt.

Aber es war nicht nur das, es war vielmehr auch eine tiefsitzende Unfähigkeit, mit den grundlegenden Veränderungen um mich herum fertig zu werden, sie irgendwie zu integrieren. Ich hatte mich schon immer etwas abseits, abgesondert gefühlt und erlebt, was mir zum einen meine eigene Persönlichkeit gab und mich andererseits oft zutiefst erschreckte, da ich fast nie direkte Nähe, Verbundenheit zu anderen Leuten kennenlernte. Ich war mir dessen früher gar nicht so bewusst gewesen, aber die Nähe zu Julie hatte mir gezeigt, was mir fehlte und dass dieser letzte Schritt immer gefehlt hatte.

Ein Schriftsteller, besonders ein SF-Autor wie ich einer geworden war, ist vielleicht sowieso ziemlich einsam in seinen utopischen Welten, und wenn es dann auch noch eine besondere Art von Science Fiction, oder Sci-Fi, wie es später genannt wurde, war ...

Diejenigen, die nur von Wildwest-Abenteuern im Weltraum, technisch-militärischen Superraumschiffen und glotzäugigen Monstern schrieben, hatten immer ihre Fan-Gemeinde – sowohl Leser als auch Autoren. Das gleiche galt für die modischere Fantasy-Welle wo die Welten von Elfen, Hexen, Prinzessinnen, Drachen und ritterlichen Helden bevölkert waren. Wer im Trend lag, brauchte sich um Ruhm nicht zu sorgen. Diese Männergemeinschaften waren immer Abbild ihrer reaktionär-hierarchischen Vorbilder.

Aber was hatte ein politischer SF-Autor in einer postrevolutionären Polit-Szene zu suchen? Da gehörte er nun wirklich nicht hin. Entweder Sci-Fi oder Politik. SF wurde in diesen Kreisen auch gar nicht gelesen, war größtenteils verpönt, wurde nicht zur Kenntnis genommen. Schließlich gab es ja wichtige politische Literatur, also theoretische Abhandlungen, Agitationsschriften, Dokumentarberichte oder Biographien von politischen Persönlichkeiten.

Welches war nun der Kreis von Leuten, mit denen ich in dieser Hinsicht etwas zu tun hatte? Es gab ihn nicht.

Jetzt schon gar nicht mehr, in diesen Zeiten.

Ich hatte mir eingebildet, keine Menschen, Freunde zu brauchen, mit denen ich über meine eigene, ganz persönliche Welt reden konnte. Ich werkelte so vor mich hin, und nur wenn ich an die berühmte Grenze stieß, merkte, dass sich meine Gedanken von denen anderer meilenweit entfernten, wurde ich stutzig.

Meine Unfähigkeit, die offizielle Realität zu akzeptieren, in ihr zu leben, korrespondierte mit der Unfähigkeit anderer, sich mit anderen Realitäten auseinanderzusetzen.

Und nun war die offizielle Realität verändert worden, verändert in einem Sinn, wie es vielen, die ich kannte, vorgeschwebt hatte, und alle fanden wenigstens Teile ihrer Wünsche und Hoffnungen erfüllt. Sie wanderten aus, engagierten sich in Projekten, zogen aufs Land, fingen an zu leben, wie sie wollten. Niemand schrieb ihnen mehr vor, wie sie zu leben hatten.

Plötzlich waren alle meine Freundinnen und Freunde aus meinem Blickfeld verschwunden, und ich kriegte zu spüren, dass meine Wünsche und Träume nicht berücksichtigt worden waren in dieser schönen, neuen Welt. Ich steckte mit einem Bein noch in der alten Gesellschaft und mit dem anderen hing ich in der Luft und wusste nicht, wo ich es hinstellen sollte. Eine denkbar unbequeme Haltung.

Natürlich hatten alle ihre Schwierigkeiten und Probleme, schließlich verändern sich Menschen nicht von heute auf morgen, auch nicht durch eine Revolution. Aber es war seitdem schon eine Menge Zeit vergangen, und außerdem war es wirklich erstaunlich mit anzusehen, wie schnell und präzise viele ihre eigenen Gedanken entwickelten und ihre Wünsche tatkräftig und selbstständig versuchten umzusetzen. Natürlich klebten an allen die zähen Schatten der Vergangenheit, der eigenen Sozialisation und angeeigneten Verhaltensweisen, die allen dazu verholfen hatten, sich früher überhaupt durchzuschlagen. Es wagte ja auch niemand zu behaupten, wir hätten die Arbeit oder gar das Patriarchat abgeschafft. Aber alle glaubten fest, auf dem besten Weg dorthin zu sein trotz aller Rückschläge, die es nicht zu knapp gab.

Die meisten schienen sich jedenfalls mehr oder weniger zurechtzufinden auf diesen neuen, unsicheren Pfaden, während ich zunehmend feststellte, dass diese Wege mich genauso wenig zufriedenstellten wie die alten. Und ich war nicht in der Lage, in dieser Situation einen eigenen Weg einzuschlagen, der mich mit anderen verband.

Was war nur mit mir los? Warum konnte ich nicht mal zufrieden sein? Was fehlte mir bloß immer?

Ich wusste einfach nicht mehr weiter, wusste nur, was ich nicht wollte, weder in der Stadt arbeiten, noch auf dem Land die Natur wiederentdecken, weder festgefahrene Strukturen noch oberflächliche Ungebundenheit, weder Konsumterror noch materielle Bescheidenheit. Und dazwischen fand ich nichts.

Mein Schreiben hatte mich eine Zeitlang über Wasser gehalten, hatte mir die Möglichkeit gegeben, Vergangenes aufzuarbeiten und Zukünftiges zu erahnen. Doch irgendwann war mir auch die Freude daran vergangen, meine Phantasie war erloschen, der Funke verglüht.

Und ausgerechnet in dieser Lage hatte ich eine Beziehung mit Julie angefangen, die ich kurz vor Ausbruch der Revolution in Neu-Ing kennengelernt hatte.

Ich bildete mir ein, endlich einen Menschen gefunden zu haben, der sich voll und ganz auf mich einließ, so wie ich mich auf Julie einließ. Ich durchstieß alle meine Barrieren, wischte alles zur Vorsicht mahnende Geflüster in meinem Hinterkopf beiseite, ließ mich ganz tief fallen – und lief prompt in die Falle. Ich lernte Gefühle kennen, von denen ich nie für möglich gehalten hätte, dass sie in mir schlummerten – der Aufschlag auf den Granitboden der offiziellen Realität war umso härter.

Und ich versank. Mein angeschlagenes Selbst hatte sich vollständig in Julie verloren, sich aufgelöst, der letzte Rest Selbstbewusstsein war erloschen. Ich hatte alle meine Sehnsüchte in sie hineinprojiziert, krallte mich an ihr fest, wollte alles von ihr und von niemand anders, nichts galt mir mehr etwas, alles andere wurde zusehends unwichtiger. Und das mir, wo ich doch feste Zweierbeziehungen immer abgelehnt hatte! Das war eben der Unterschied zwischen Theorie und Praxis.

Ich versuchte anfangs, die Unterschiede wegzuwischen, die Zeichen zu übersehen, die mir eindeutig verrieten, dass Julie nicht in diese Art Liebe verfallen war. Natürlich nützte das Wegsehen und -hören nichts, die Realität holte mich schnell genug ein. Ich sah, was auf mich zukam, aber dieses Wissen nützte mir nichts, es änderte nichts, ich konnte nicht mehr zurück, weil mir nichts mehr etwas bedeutete. Rückkehr hieß Tod. Und so schob ich sie auf, die Rückkehr. Es kam zu verzweifelten Kämpfen und dauernden, angespannten Situationen. Wir versuchten beide mit aller Kraft, die Lage in den Griff zu bekommen, eine Ebene zu finden, die sowohl meine als auch ihre Gefühle berücksichtigte, und alles immer in der Ungewissheit, ob das alles überhaupt noch einen Sinn hatte und wie es am nächsten Tag weitergehen würde.

Irgendwann fiel uns nichts mehr ein, und Julie löste es auf ihre Weise: sie beschloss aufs Land zu ziehen. Eine Entscheidung, die ich gut nachvollziehen konnte, denn ich wusste, dass das Landleben schon immer ein – früher unerfüllbarer – Wunsch für sie gewesen war. Sie wäre verrückt gewesen, hätte sie diese Chance nicht wahrgenommen, jetzt, wo sich Menschen fanden, die ebensolche Bedürfnisse äußerten, und die Möglichkeit bestand, dort auch leben zu können ohne entfremdete Arbeit und den Stress des Geldverdienen-Müssens.

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