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Wie Samt und Seide

1. KAPITEL

„Reicht das denn nicht schon für einen Tag?“ murmelte Elise Campbell, als sie zum zweiten Mal mit dem Schlüssel das Schlüsselloch verfehlte.

Es war der reinste Frust gewesen, zwei Stunden auf die Unterschrift des Richters unter die Verfügung zu warten. Danach hatte sie sich den ganzen Nachmittag von John Valente, dem neuen Oberhaupt der Mercado-Familie, „Puppe“ nennen lassen müssen – sie, eine erwachsene, intelligente Frau. Nachdem sie so viel Schmierigkeit erlebt hatte, war es kein Wunder, dass sie nun das dringende Bedürfnis nach einer Dusche verspürte, um innerlich Distanz zu schaffen.

Sie hielt einen dermaßen hohen Stapel Akten auf den Armen, dass sie nicht einmal den Schlüssel in ihre Zimmertür im „Mission Creek Inn“ schieben konnte. Zum Glück würde sie sich gleich in ihrem Zimmer entspannen können, weil sie wusste, dass nun aller Wahrscheinlichkeit nach nichts mehr schief gehen würde.

Während sie unbeholfen mit der Handtasche, den in Valentes Büro konfiszierten Unterlagen und einer kleinen Peperoni-Pizza jonglierte, unternahm sie den nächsten Versuch mit dem Schlüssel. Zu spät sah sie ein, dass es besser gewesen wäre, zweimal von ihrem Mietwagen zum Zimmer zu gehen, anstatt zu versuchen, alles auf einmal zu schleppen. Doch bei den hochsommerlichen Temperaturen Mitte August von über vierzig Grad hatte sie sich nur noch danach gesehnt, so schnell wie möglich in den Genuss der Klimaanlage zu kommen.

Endlich klickte es im Schloss, Elise stolperte nach drinnen, schloss die Tür mit dem Fuß und legte sämtliche Lasten auf dem Tisch ab. Ihre Arme zitterten schon von der Anstrengung. Dafür fühlte sich die kühle Luft aus dem Klimagerät auf ihrer erhitzten Haut herrlich an.

Nach diesem schrecklichen Tag verdiente sie ein entspannendes Bad, und zur Pizza wollte sie sich ein Glas Wein gönnen. Danach musste sie sich die Computerausdrucke ansehen.

Nach einem Blick auf die Verbindungsstür zum nächsten Zimmer seufzte sie tief auf. Das Schloss war kaputt. Konnte eigentlich noch irgendetwas schief gehen?

Bei der Ankunft am Morgen hatte ihr die Hotelbesitzerin die Wahl zwischen den beiden Zimmern überlassen. Daher wusste sie, dass nebenan niemand untergebracht war, was allerdings nicht bedeutete, dass es dabei blieb. Darum klemmte Elise den Stuhl unter den Türgriff, damit ein unerwünschter Eindringling zumindest aufgehalten wurde.

Zwanzig Minuten später saß sie mit einem Stück Pizza auf dem Bett und sah sich die Sechs-Uhr-Nachrichten an. Laut Wettervorhersage blieb es im südlichen Texas bis Monatsende so, wie es im Moment war – heiß wie in der Wüste.

Elise betrachtete die Sachen, die sie sich nach dem Baden angezogen hatte. Schade, dass sie bei der Arbeit nicht Shorts und ärmellose T-Shirts tragen konnte, sondern sich mit Kostümen, Strumpfhosen und Pumps abquälen musste. Zugegeben, schlichte Kostüme standen ihr, aber sie fühlte sich bei diesen Temperaturen in ihnen entsetzlich eingeengt. Und offene Sandaletten wären eine Erlösung für ihre brennenden Füße.

Seufzend griff sie nach dem Wein, den sie beim Zimmerservice bestellt hatte, wollte schon trinken. Plötzlich stockte sie, denn sie hörte nebenan jemanden ins Zimmer kommen. Die schweren Schritte deuteten auf einen Mann hin.

Es polterte dumpf. Dann folgte ein Fluch. Elise hielt den Atem an. Es hört sich so an, als hätte der Mann ein schweres Gepäckstück oder eine Leiche fallen lassen. Bei den Ausdrücken, die er verwendete, war beides möglich. Fest stand nur, dass ihr neuer Nachbar in keiner sonderlich guten Stimmung war.

Vorsichtshalber zog sie die 9-mm Glock zu sich heran, zog die Pistole aus dem Halfter und entsicherte sie. Das kaputte Schloss an der Verbindungsstür war wirklich ärgerlich, doch daran war nichts mehr zu ändern. Der Stuhl klemmte unverändert unter dem Türgriff. Falls der Kerl von nebenan eindringen wollte, hätte ihn das Schloss letztlich auch nicht abgewehrt. Schlösser hielten Verbrecher nur auf, aber nicht ab.

Die Tür auf der anderen Seite wurde geöffnet. Elise streckte die rechte Hand, in der sie die Pistole hielt, aus und legte die linke Hand auf den Pistolenknauf. Es überraschte sie nicht im Geringsten, als ihre Tür aufflog und der Stuhl wie ein Spielzeug gegen den Tisch knallte und zerbarst.

Ein hoch gewachsener und äußerst gut gebauter Mann mit kurzem dunkelbraunem Haar und scharfen braunen Augen tauchte in der Verbindungstür auf. „Wie kommst du dazu, dich in meinen Fall einzumischen, Campbell?“ fragte er, ohne sich im Geringsten um die Waffe zu kümmern, die genau auf sein schwarzes T-Shirt zielte.

„Und wie kommst du dazu, einfach in mein Zimmer zu platzen, ohne anzuklopfen, Yardley?“ erwiderte Elise gelassen, senkte die Pistole, sicherte sie und schob sie ins Halfter. „Aber das ist natürlich der Stil von euch ATF-Agenten, nicht wahr? Ihr edlen Kämpfer gegen illegale Waffen geht ständig mit dem Kopf durch die Wand und denkt dabei nie an die Folgen.“

„Seit wann entspricht es eigentlich dem Stil des FBI, eine Frau in einen Einsatz zu schicken, den eigentlich ein Mann erledigen sollte?“ konterte Cole Yardley.

Elise ärgerte sich schrecklich über diese sexistische Bemerkung, gönnte ihm jedoch nicht die Genugtuung, es ihm zu zeigen. Stattdessen lächelte sie übertrieben liebenswürdig. „Du hast dich offenbar seit unserem letzten Zusammentreffen nicht im Geringsten geändert. Du bist noch immer ‚Caveman Cole‘, der Neandertaler des ATF.“

Das ATF – der genaue Titel der Behörde lautete Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives – war eine Strafverfolgungsbehörde, die auf Bundesebene arbeitete und zum US-Finanzministerium gehörte.

Er zuckte geringschätzig mit den Schultern und nahm sich ein Stück Pizza aus dem Karton auf dem Tisch. „Manche Dinge ändern sich eben nie – wie zum Beispiel deine spitze Zunge.“ Mit einem amüsierten Lächeln wandte er sich an sie. „Solltest du aber wissen wollen, wie ich über Frauen im Einsatz vor Ort denke …“

„Das weiß ich doch schon längst, Yardley“, fiel Elise ihm ins Wort, „und es ist mir völlig egal. Wichtig ist nur, dass meine Vorgesetzten meinen Fähigkeiten vertrauen. Deine Meinung zählt nicht“, fügte sie lachend hinzu.

In seiner Wange zuckte ein Muskel. Also ärgerte er sich über ihre Bemerkung, und das war gut so. Schließlich ärgerte sie sich auch mächtig über ihn.

„In einer kritischen Lage kann kein Mann es sich leisten, auf eine Frau aufzupassen“, erklärte er mit brutaler Offenheit. „Dadurch könnte viel zu leicht jemand Schaden erleiden oder sogar ums Leben kommen.“

„Ach, ich bitte dich, Yardley! Agentinnen sind genauso tüchtig und zuverlässig wie ihre männlichen Kollegen.“

Cole schüttelte den Kopf und biss in die Pizza. Frauen! Nur weil Elise die Ausbildung zur FBI-Agentin erfolgreich absolviert und eine Waffe sowie die gleiche Bezeichnung wie ihre Kollegen erhalten hatte, hieß das noch lange nicht, dass sie auch für höchst gefährliche Einsätze geeignet war.

Die Verbindungen der kriminellen Mercado-Familie zu dem Schmugglerring, der Waffen in den winzigen mittelamerikanischen Kleinstaat Mezcaya schaffte, stellten ein hohes Risiko dar.

Während Cole Yardley noch darüber nachdachte, dass Frauen Aufgaben übernahmen, denen sie körperlich nicht gewachsen waren, stand Special Agent Campbell auf und ging auf ihn zu. Beim Anblick ihrer langen schlanken Beine blieb ihm fast der Atem weg. Wie kamen ihre Vorgesetzten eigentlich dazu, eine dermaßen sanft aussehende, attraktive und feminine Agentin mit einer so wichtigen und so gefährlichen Aufgaben zu betrauen?

Wie hieß sie noch mit Vornamen? Elise? Eleanor? Eliza?

Na gut, das konnte ihm egal sein. Special Agent Campbell vom FBI war jedenfalls die kratzbürstigste, streitlustigste Frau, der er jemals begegnet war. Und sie hatte die schönsten Beine, die ihm seit langem unter die Augen gekommen waren. Das waren Beine, bei deren Anblick jeder Mann, der noch nicht völlig jenseits von Gut und Böse war, davon träumte, wie sie sich um ihn schlangen, während er sich tief in dieser Frau verlor.

Cole biss die Zähne zusammen und unterdrückte nur mühsam einen derben Fluch. Und dann wurde es noch schlimmer. Sie ging zum Tisch, um sich noch ein Stück Pizza zu holen, und kam dabei am Ventilator der Klimaanlage vorbei. Cole fielen fast die Augen aus dem Kopf, weil sich unter dem kühlen Luftstrom ihre Brustspitzen aufrichteten und sich deutlich unter dem pinkfarbenen T-Shirt abhoben.

Verdammt, sie trug keinen BH. Es wäre zwar für ihn besser gewesen, er hätte es gar nicht erst festgestellt, doch sein Körper reagierte eindeutig auf den erfreulichen Anblick.

Um nicht doch noch etwas Unüberlegtes zu sagen, schob Cole sich rasch den letzten Bissen Pizza in den Mund und beschloss, nach Abschluss dieses Falls Urlaub zu nehmen. Er sehnte sich nach einer Woche, in der er sich auf nichts anderes konzentrieren musste als auf kaltes Bier und eine heiße Frau, die Lust auf eine kurze, unverbindliche Affäre hatte, nach der man ohne Bedauern wieder auseinander ging. Dass ihn der Anblick von Special Agent Campbell dermaßen erregte, war ein Beweis dafür, dass er schon viel zu lange auf weibliche Gesellschaft verzichtet hatte. Wirklich schlimm, was Enthaltsamkeit bei einem Mann anrichten konnte.

Allerdings musste er widerstrebend einräumen, dass Special Agent Campbell nicht nur einfach hübsch war. Er sah sich ihr makellos geschnittenes Gesicht genauer an. Ja, mit dem kurzen kastanienbraunen Haar und den großen dunkelgrünen Augen war sie eine echte Schönheit. Wieso war ihm das nicht schon vor zwei Jahren aufgefallen, als sie an zusammenhängenden Fällen gearbeitet hatten? Heute sah sie nicht anders aus als damals. Allerdings war das im Winter gewesen, und sie hatte Hosenanzüge getragen und keine Shorts mit T-Shirt, die eigentlich verboten werden sollten.

Cole biss die Zähne zusammen, weil seine Jeans ihm auf einmal zu eng waren, und rief sich ins Gedächtnis, wen er vor sich hatte. Special Agent Campbell mischte sich in seine Ermittlungen gegen die Mercado-Familie ein, die er des illegalen Waffenhandels verdächtigte. Und sie ärgerte ihn jedes Mal, wenn er in ihre Nähe kam.

„Kümmerst du dich nun darum oder nicht?“ erkundigte sie sich.

Er war so mit ihrem Aussehen beschäftigt gewesen, dass er keine Ahnung hatte, wovon sie redete. „Worum geht es?“

Sie deutete auf den Stuhl, den er vorhin zerbrochen hatte. „Sorgst du dafür, dass deine Dienststelle dem Hotel den Stuhl ersetzt? Da du ihn ruiniert hast, ist das FBI ja wohl kaum dafür haftbar zu machen.“

„Aber ja, meinetwegen.“ Er bückte sich und wollte gleichzeitig mit ihr die Trümmer einsammeln. Dabei stießen ihre Köpfe zusammen, und Cole musste blitzartig zupacken, weil Special Agent Campbell beinahe auf ihrem hübschen kleinen Po gelandet wäre. „Alles klar?“

„Hätte ich überhaupt noch daran gezweifelt, hätte ich jetzt den Beweis erhalten“, stellte sie fest und rieb sich den Kopf.

„Wovon redest du denn nun schon wieder?“ Wie sollte denn ein Mann folgen, wenn eine Frau dermaßen von einem Thema zum anderen sprang?

„Ich habe schon immer vermutet, dass du ein Dickschädel bist.“ Vorsichtshalber wich sie ein Stück zurück. „Jetzt habe ich mich davon überzeugt.“

Bestimmt hätte Cole gelacht, hätte er überhaupt Luft bekommen. Es verschlug ihm jedoch den Atem, weil sich die Haut an ihren Wangen herrlich glatt und warm anfühlte und so stark auf ihn wirkte wie der feine Duft ihres Haars. Offenbar benutzte sie Pfirsichshampoo.

Er rieb sich den Kopf. Der Zusammenprall musste doch heftiger gewesen sein, als er gedacht hatte. Nur eine Gehirnerschütterung erklärte ausreichend, warum er dermaßen stark auf diese Frau reagierte.

Nachdem er die Überreste des Stuhls eingesammelt hatte, wandte er sich zur Tür. „Ich bringe das Zeug in den Müll hinunter und komme wieder. Dann reden wir über deine Ermittlungen.“

„Ach ja, tun wir das?“ entgegnete sie spöttisch.

Amüsiert öffnete Cole die Tür zum Korridor. „Ja. Und wir ziehen eine klare Grenze, damit du mir nicht meine Arbeit verpatzt.“

„Ich verpatze deine Arbeit?“ Sie stemmte die Hände in ihre weich gerundeten Hüften und klopfte mit dem nackten Fuß auf den Teppich. „Könnte es nicht sein, dass es genau umgekehrt ist und du meine Ermittlungen gefährdest?“

„Vergiss es“, entgegnete Cole lässig. „Ich werde Ricky Mercado und den Rest seiner Familie wegen Waffenschmuggels hinter Gitter bringen, bevor du überhaupt zu ermitteln angefangen hast.“

„Du verdammter Bastard!“ fluchte sie.

Cole schloss die Tür hinter sich und lachte laut über den höchst undamenhaften Ausdruck. Special Agent Campbell sah wirklich zum Anbeißen aus, wenn sie vor Wut kochte. Außerdem hatte er schon immer eine heimliche Schwäche für temperamentvolle Frauen gehabt.

Elise saß auf dem Bett, lehnte sich ans Kopfteil und dachte daran, wie Caveman Cole sie festgehalten hatte. Die Berührung seiner kräftigen Hände hatte einen prickelnden Schauer über ihre Haut gesandt, und das war absolut kein unangenehmes Gefühl gewesen. Und genau das verwirrte sie sehr.

So hatte sie bisher nie auf ihn reagierte. Nicht im Geringsten! Als sie vor zwei Jahren unabhängig voneinander in einem ähnlichen Fall wie dem jetzigen ermittelten, hatte sie sich jeden Tag dermaßen über seine chauvinistische Haltung geärgert, dass sie sich abends eine Packung Eiscreme mit Schokoladenstückchen gekauft und restlos verputzt hatte. Aber war das ein Wunder? Jede Frau wäre vor Zorn über seine Ansichten explodiert.

Caveman Cole, der Höhlenmensch Cole, wie sie ihn nannte, hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass Frauen seiner Meinung nach daheim bleiben, kochen, putzen und Kinder zur Welt bringen sollten, und damit basta. Als sei das ein Naturgesetz.

Elise hatte nichts dagegen, wenn eine Frau daheim bleiben wollte. Sie hatte nur etwas gegen Männer, die ihr vorschrieben, was sie zu tun hatte. Schließlich besaß sie Verstand genug, um selbst zu entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten wollte.

Elise seufzte. Es war wirklich ärgerlich gewesen, damals mit Caveman Cole zusammenarbeiten zu müssen. Jener Fall hatte ihr jedoch eine Belobigung eingebracht, und seither galt sie beim FBI als Spitzenkraft, wenn es darum ging, Akten zu durchforschen und auf darin enthaltene Spuren zu stoßen, die außer ihr niemand bemerkte. Leider hatte ihr jener Fall auch zehn überschüssige Pfunde beschert, die sie sich mühsam wieder abgehungert hatte.

Als der Caveman erneut durch die Verbindungsstür hereinkam, machte Elise ein finsteres Gesicht. Der Kerl war unerträglich und arroganter als jeder andere, der ihr jemals über den Weg gelaufen war.

„Du klopfst vermutlich nie an, was?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, du brauchst nicht zu antworten. Als ATF-Agent hast du es natürlich nicht nötig, die normalen Regeln der Höflichkeit zu respektieren.“

„Tu nicht so, als würde das FBI bei einer Razzia vorher anklopfen“, erwiderte er und warf sich in den Sessel.

„So kommen wir nicht weiter“, stellte sie frustriert fest.

„Wenigstens darin sind wir uns einig“, bestätigte er und beugte sich zu ihr. „Meiner Ansicht nach müssen wir uns zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden.“

„Und die wären?“ Falls er glaubte, er könnte sie aus der Ermittlungsarbeit drängen, stand ihm eine Überraschung bevor.

„Du kannst mich darüber informieren, was du machst, und ich sage dir dann, ob du mir damit in die Quere kommst.“ Bevor sie ihm erklären konnte, dass sie gar nicht daran dachte, ihm Bericht über ihre Arbeit zu erstatten, winkte er ab. „Oder ich könnte dir sagen, wovon du die Finger lassen musst.“

„Kommt nicht infrage, Yardley“, wehrte Elise ab. „Du hast mir nichts zu sagen. Da du aber ohnedies bald merken wirst, was ich mache, kann ich dich genauso gut informieren. Ich habe heute Nachmittag in der Spedition der Mercados die Bücher beschlagnahmt.“

„Aha, du setzt also den Hebel bei den finanziellen Transaktionen an“, stellte er fest.

„Es ist zumindest ein Anfang.“

„Dir ist doch klar, dass du nur frisierte Unterlagen zu sehen bekommst“, fuhr er fort. „Die echten Bücher liegen irgendwo in einem Safe.“

„Natürlich, Yardley. Ich bin schließlich nicht von gestern.“ Sie betrachtete sein gut geschnittenes Gesicht. Es ärgerte und beunruhigte sie, dass sie einen solchen Mann überhaupt einigermaßen attraktiv fand. „Morgen hole ich mir einen Gerichtsbeschluss, um die Bücher von Ricky Mercado, seinem verstorbenen Onkel Carmine Mercado und von dem verstorbenen Frank Del Brio beschlagnahmen zu können. Sollte es Unregelmäßigkeiten geben, kannst du dich darauf verlassen, dass ich sie finde.“

„Und was willst du dann unternehmen?“ erkundigte er sich locker, als wäre es ganz selbstverständlich, dass sie hier gemeinsam Kriegsrat hielten.

Er machte das gut, das musste sie ihm zugestehen. Doch sie dachte nicht daran, ihm zu vertrauen. „Warum fragst du mich nicht rundheraus, wie ich meine Ermittlungen führen möchte, Yardley?“

„Na schön“, meinte er amüsiert. „Wie willst du die Mercados zur Strecke bringen?“

„Bisher ist es weder dem FBI noch dem ATF gelungen, eine Verbindung zwischen den Waffen herzustellen, die Texas verlassen, und denen, die nach Mezcaya geschmuggelt werden. Ich möchte anhand der Unterlagen nachweisen, dass die Mercados die Waffen verkaufen, und wenn ich mich nicht sehr irre, transportieren sie die heiße Fracht mittels ihrer Spedition nach Mezcaya.“

„Viel Glück“, meinte er und lehnte sich entspannt zurück.

„Jetzt bist du an der Reihe“, bemerkte sie lächelnd.

„Ich?“

„Ja, du“, betonte sie scharf. „Nun erklärst du mir, wie du beweisen willst, dass die Mercados hinter der Sache stecken.“

„Tut mir Leid, Campbell“, erwiderte er und stand auf. „Ich spreche nie darüber, wie ich in so einem Fall vorgehen will, und ganz sicher arbeite ich nicht mit Frauen zusammen.“

„Ach, so soll das also ablaufen?“ Elise sprang vom Bett und baute sich vor ihm auf. Leider war sie etwa fünfzehn Zentimeter kleiner als er und musste nach oben blicken, um ihm in die Augen starren zu können. „Wir tauschen also nicht unsere Ermittlungsergebnisse aus?“

„Genauso ist es, Süße“, bestätigte er und lächelte dabei so frech, dass sie ihn am liebsten geohrfeigt hätte. „In diesem Stadium der Ermittlungen arbeite ich immer allein.“

„Na schön, Caveman“, entgegnete sie, ebenfalls lächelnd. „Dann erfährst du ab sofort eben auch nichts mehr von mir.“ Sie ging zur Verbindungsstür. „Und lass dich von mir warnen. Ich heiße Elise Campbell und nicht Süße. Wenn du mich jemals wieder so nennen solltest, könnte ich mich vielleicht nicht zurückhalten, wenn du das nächste Mal in mein Zimmer stürmst, und würde doch abdrücken.“

Cole zuckte mit den Schultern und wandte sich schon ab, drehte sich aber noch einmal um und legte ihr die Hand an die Wange. „Na schön. Wie wäre es mit einem Deal? Ich nenne dich nicht mehr Süße, wenn du mich nicht mehr Caveman nennst.“

Die von seiner Hand ausströmende Wärme erfüllte ihren ganzen Körper. Elise mochte dieses Gefühl ganz und gar nicht. Ja, sie verabscheute es regelrecht. Und wenn sie sich das lange genug einredete, glaubte sie es vielleicht sogar.

„Ich möchte mich bei dir bedanken … Caveman.“

„Wofür denn … Süße?“

„Ich war überzeugt, dass der Tag nicht mehr schlimmer werden könnte.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln, über das er sich hoffentlich ärgerte. „Aber in den letzten anderthalb Stunden hast du bewiesen, dass ich mich gründlich getäuscht habe. Der Tag ist noch viel schlimmer geworden.“

Cole lachte und besaß auch noch die Frechheit, ihr zuzublinzeln, bevor er die Hand zurückzog und in sein Zimmer ging.

Innerlich vor Wut kochend, knallte Elise ihre Tür zu und hätte am liebsten mit den Füßen getrampelt.

Cole schaltete den Fernseher in der Ecke ein. Special Agent Campbell hieß also Elise. Bestimmt hatte er den Namen gehört, als er sie vor zwei Jahren in El Paso getroffen hatte. Wieso hatte er sich nicht mehr erinnert?

Er setzte sich aufs Bett, zog die Stiefel aus und starrte vor sich hin.

Elise … Der Name klang sanft und süß und passte perfekt zu ihr. Ihre glatte Haut fühlte sich wie Seide an, und vorhin hätte er sie am liebsten geküsst, weil auch ihre Lippen süß aussahen.

Seufzend schüttelte er den Kopf. Offenbar hatte er den Verstand verloren. Schließlich hatte er es mit einer Frau zu tun, die nichts als Ärger machte und deren Zunge die Schärfe eines Rasiermessers hatte. Trotzdem sprach Special Agent Campbell ihn instinktiv an.

Keine andere Frau brachte er so gern zur Weißglut wie sie. Dabei hatte er nichts gegen Frauen. Ganz im Gegenteil. Er respektierte sie sogar sehr und betrachtete sie als sanft und zart. Sie verdienten es, dass ein Mann sich liebevoll um sie kümmerte und sie beschützte.

Nur gut, dass sein Vater nicht mehr lebte. Sergeant Albert Yardley hätte ihm die Hölle heiß gemacht, hätte er gehört, dass sein Sohn so mit einer Frau redete, wie er das vorhin mit Special Agent Campbell gemacht hatte.

Bei dem Gedanken an seinen Vater lächelte Cole. Sein Vater hatte recht merkwürdige Ansichten über das schwache Geschlecht gehabt.

Stets hatte Cole zu hören bekommen, wie ein Mann eine Frau zu behandeln hatte. „Man muss dafür sorgen, mein Junge, dass sie ständig schwanger sind.

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