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Wie Rosenblätter auf zarter Haut

Catherine George

Wie Rosenblätter auf zarter Haut

1. KAPITEL

Die tief stehende Nachmittagssonne kam Marc nach dem gedämpften Licht im Gewächshaus so grell vor, dass er seine Sonnenbrille aus der Tasche zog und aufsetzte. Während er an Rasenmähern und tönernen Blumentöpfen vorbeiging, stellte er zufrieden fest, dass das Geschäft im Gartencenter gut lief. Das gefiel ihm.

Noch besser gefiel ihm jedoch eine auffallend attraktive junge Frau, die ihm mit einem voll beladenen Einkaufswagen entgegenkam.

Leider gesellten sich in diesem Moment zwei Männer zu ihr, von denen der jüngere ein kleines Mädchen an der Hand hielt. Verdammt, sie war also schon vergeben! An einen wesentlich älteren Ehemann. Der war wirklich ein Glückspilz.

Als Marc an der kleinen Gruppe vorbeigehen wollte, lächelte die Frau ihn so strahlend an, dass er sofort stehen blieb.

„Können Sie uns sagen, wo wir die Stiefmütterchen finden?“, erkundigte sie sich und überließ den Einkaufswagen dem älteren der beiden Männer.

„Ja, sicher. Ich begleite Sie gern dorthin“, antwortete Marc prompt. Und auch bis ans Ende der Welt, falls das Ihr Ziel ist, fügte er im Stillen hinzu.

„Ich will mit“, mischte sich die Kleine ein.

„Nein, du bleibst besser bei Daddy und Grandpa. Bestimmt kaufen sie dir ein Eis.“

Das Zauberwort wirkte Wunder, und zufrieden ging das Kind mit den Männern weiter.

„Ich treffe euch nachher beim Haupteingang“, rief die attraktive Kundin ihrem Anhang nach. „So! Tut mir leid, dass ich Sie habe warten lassen.“

„Kein Problem“, versicherte Marc aufrichtig und ging mit ihr los.

Dabei machte er absichtlich einen Umweg. Ihr Mann konnte bestimmt ein Weilchen auf sie verzichten!

Bei den Stiefmütterchen angekommen, nahm Marc einen leeren Einkaufswagen und führte die junge Frau durch die Reihen farbenfroher Blumen.

Wieder lächelte sie strahlend. „Oh, wie schön! Das Angebot ist wirklich großartig.“

„Kommen Sie öfter her?“, fragte Marc freundlich und ärgerte sich gleichzeitig, dass ihm keine originellere Frage eingefallen war.

„Nein, ich bin zum ersten Mal hier“, erwiderte die schöne Unbekannte. „Meine Mutter ist sonst für den Garten zuständig.“ Ihr Blick wanderte über die farbenfrohen Blumenreihen. „Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich glaube, ich komme jetzt allein zurecht. Sie haben bestimmt viel zu tun.“

„Ach, einige Minuten kann ich schon noch erübrigen“, beruhigte er sie. Oder Stunden, fügte er in Gedanken hinzu. „Sie suchen aus, ich fahre den Wagen. Einverstanden?“

Während sie neben ihm herging und ihre Auswahl traf, betrachtete er sie unauffällig. Und mit großem Wohlgefallen! Sie war groß und schlank, hatte aber Kurven an den richtigen Stellen, wie die enge Jeans und das figurbetonte weiße T-Shirt verrieten. Das rotbraune glatte Haar erinnerte ihn an glänzende Kastanien.

Und während er die Blumen in den Wagen lud, schimmerte in ihren dunklen, leicht mandelförmigen Augen wieder dieses umwerfende Lächeln.

„So, das muss genügen!“, bemerkte sie zufrieden. „Sonst sprenge ich unser Budget.“

„Unsere Preise sind wirklich sehr günstig“, versicherte ihr Marc.

„Das glaube ich gern, aber ich habe schon aus dem Vollen geschöpft, bevor ich zu den Stiefmütterchen kam. So, und jetzt muss ich zurück zu meiner Familie. Vielen Dank für Ihre Hilfe!“

„Es war mir ein Vergnügen“, versicherte er ihr aufrichtig und winkte einen Mitarbeiter herbei, der sich im Hintergrund gehalten hatte. „Begleiten Sie bitte die Dame an die Kasse“, wies er den Angestellten freundlich an. „Auf Wiedersehen!“

„Du warst ja lange weg, Joanne“, meinte ihr Vater auf dem Weg zum Auto. „Die kleine Madame hier ist schon ganz zappelig.“ Ihr Großvater nickte bestätigend.

„Tut mir leid, Jack. Es war wirklich weit zu den Stiefmütterchen.“ Sie lächelte breit. „Zumindest der Hinweg. Zurück ging es viel schneller.“

„Oh, hat der Gärtner dich auf Abwege geführt?“

„Nein, er hat mich ans Ziel gebracht, nur eben auf einem Umweg. Was ja irgendwie schmeichelhaft ist.“ Ihre dunklen Augen funkelten. „Ich hätte nicht gedacht, dass man im Gartencenter so einen attraktiven Mann treffen kann.“

„Ich bin müde!“, jammerte die Kleine.

„Schon gut, Kitty.“ Ihr Vater nahm sie auf den Arm und strich ihr über die dunklen Locken. „Jetzt fahren wir nach Hause zu Mommy. Und du, Joanne? Bleibst du noch hier und besichtigst das Schloss?“

„Ja, sicher. Ich bin doch extra mit meinem Auto hergekommen, um nachher allein zurückfahren zu können. Dann gehe ich jetzt mal los.“

„Soll ich dich begleiten?“, bot ihr Großvater an.

„Nein, danke.“ Sie küsste ihn zärtlich auf die Wange. „Du siehst müde aus. Fahr mit Jack und Kitty nach Hause, und sag Kate, dass ich bei der Auswahl der Stiefmütterchen mein Bestes gegeben habe. Ich rufe sie später an, um zu hören, wie es ihr geht.“

„Hoffentlich ist sie im Bett geblieben“, meinte ihr Vater besorgt. „Aber wie ich meine Frau kenne, habe ich da gewisse Zweifel.“

„Wenn du bei ihr geblieben wärst, Jack, hätte sie das bestimmt gemacht“, erwiderte Joanne ihm.

„Aber sie sollte doch mal völlige Ruhe haben“, hielt ihr Vater dagegen.

„Dann schlage ich vor, dass du ihr nachher ein schönes Abendessen kochst und Kitty ins Bett bringst.“

„Das muss ich mir von meiner großen Tochter nicht sagen lassen, denn genau das hatte ich vor!“ Jack lächelte sie liebevoll an. „Kommst du nachher zum Essen, Joanne?“

„Vielen Dank für die Einladung. Aber nach der Besichtigung gönne ich mir heute mal einen gemütlichen Abend in den eigenen vier Wänden.“

Sie küsste die Kleine und verabschiedete sich. Dann machte sie sich auf den Weg durch den weitläufigen gepflegten Park, der das Schloss Arnborough Hall umgab.

Beim Pförtnerhäuschen angekommen, bezahlte Joanne den Eintritt und kaufte sich noch zusätzlich eine Informationsbroschüre.

Weiter ging es über einen gepflasterten Weg, der sich durch samtig grüne Rasenflächen schlängelte, bis zu einem Wassergraben, hinter dem das Schloss aufragte, schön wie im Märchen.

„Guten Tag. Sie haben die letzte Führung leider verpasst“, sagte eine ältere Frau freundlich, als Joanne die Eingangshalle betrat. „Aber Sie können sich gern allein umsehen. In der Broschüre wird alles ausführlich erklärt, außerdem finden Sie in den Räumen Aufsichtspersonen, die Ihnen gern Fragen beantworten. Sie haben noch vierzig Minuten Zeit, bevor wir schließen.“

„Wunderbar!“ Joanne war es ohnehin lieber, alles auf eigene Faust zu erkunden.

Sie begann ihren Rundgang in der Bibliothek im Erdgeschoss, wo sie die zahllosen, nach altem Leder duftenden Bücher und die historischen Globen bewunderte. Irgendwie kam ihr der Raum seltsam bekannt vor, obwohl sie noch nie hier gewesen war.

Im angrenzenden Salon erging es Joanne ebenso, auch im Esszimmer, in dem ein langer Tisch mit kostbarem Porzellan und funkelnden Kristallgläsern gedeckt war.

Als sie schließlich in den Ballsaal gelangte, hatte sie das unbestimmte Gefühl, Arnborough Hall bereits zu kennen. Vielleicht aus einem früheren Leben? Womöglich hatte sie unter diesen glitzernden Kronleuchtern Walzer getanzt.

Jedenfalls hätte sie in diesem Leben nichts dagegen!

Da ihr nicht mehr genug Zeit für die große Runde blieb, ging sie gleich in die Galerie weiter, um sich dort die Gemälde anzusehen, für die sie sich besonders interessierte. Seit Hunderten von Jahren waren die Mitglieder der Familie Arnborough von den besten Malern ihrer Zeit porträtiert worden.

Vor einem Bild aus dem 19. Jahrhundert, das den damaligen Lord Arnborough und seine Söhne zeigte, beschlich sie erneut dieses eigenartige Gefühl. Irgendwo hatte sie diese markanten Gesichtszüge schon einmal gesehen. Nur wo?

Wahrscheinlich in dem früheren Leben, in dem ich auch im Ballsaal getanzt habe, dachte sie ironisch und sah auf die Uhr.

Leider war die Besuchszeit um!

„Hoffentlich habe ich Sie nicht warten lassen“, sagte Joanne zu der freundlichen Empfangsdame in der Eingangshalle. „Schade, dass ich so spät dran war und nicht alles sehen konnte.“

„Kommen Sie doch einfach mal wieder! Ein Besuch lohnt sich immer, auch in unserem Gartencenter“, schlug die Frau geschäftstüchtig vor.

„Ja, da haben Sie recht“, stimmte Joanne zu. „Also auf Wiedersehen!“

Sie ging gemächlich zurück durch die Anlagen. Plötzlich entdeckte sie einen großen, breitschultrigen Mann, in dem sie den hilfsbereiten Gärtner erkannte.

Er kam ihr entgegen, und sie stellte fest, dass er jetzt noch besser aussah als vorhin. Das dunkle widerspenstige Haar war ein bisschen feucht vom Duschen, die Bartstoppeln waren verschwunden, ebenso die Sonnenbrille. Nun sah man, dass seine Augen goldbraun waren … wie die eines Löwen.

Ja, der Mann war eine echte Augenweide!

„Hallo, so trifft man sich wieder“, begrüßte er sie herzlich. „Haben Sie das Schloss besichtigt?“

„Ja.“ Sie nickte. „Es ist wirklich schön hier.“

„Und Ihr Mann bringt inzwischen die Kleine ins Bett?“

„Mein Mann? Jack ist nicht mein Mann, sondern mein Vater“, berichtigte sie ihn. „Ich weiß, dafür sieht er fast zu jung aus. Aber das ist ein Grund, warum ich ihn beim Vornamen nenne. Das Mädchen ist meine kleine Schwester Kitty und der ältere Herr mein Großvater.“

Der Gärtner wurde tatsächlich ein bisschen rot, was ihr gefiel.

„Ich bitte für meine falschen Vermutungen vielmals um Entschuldigung“, begann er förmlich, dann lächelte er entwaffnend. „Dass Sie nicht mit diesem Mann verheiratet sind, ist allerdings eine gute Nachricht. Oder gibt es einen anderen in Ihrem Leben?“

Lachend schüttelte Joanne den Kopf. „Nein, ich bin Single.“

„Ich auch.“ Seine Augen funkelten. „Das muss mit einem Drink gefeiert werden.“

„Meine Güte, für einen Gärtner nehmen Sie aber kein Blatt vor den Mund.“

„Damit haben Sie wohl recht“, schmunzelte er. „Also, wie steht’s? Darf ich Sie ins Arnborough Arms einladen, gleich unten an der Straße? Übrigens, ich heiße Marc.“

Er hielt ihr die Hand hin, die sie höflich schüttelte.

„Ich heiße Joanne und bin sehr durstig, weshalb ich Ihre Einladung gern annehme.“

„Sehr schön! Wenn wir hier in den kleinen Pfad abbiegen, sind wir gleich beim Gasthof.“

„Sie kennen sich offensichtlich gut aus“, bemerkte sie.

„Kein Wunder, ich lebe seit meiner Kindheit hier“, bestätigte er. „Werden Sie von Ihrer Familie zum Abendessen erwartet?“

„Nein. Ich habe ihnen heute bereits Mittagessen gekocht. Währendessen hat sich Jack um meine Mutter Kate gekümmert, oder besser gesagt, sie mit seiner Besorgnis fast in den Wahnsinn getrieben.“

„Ist sie krank?“

„Nein, hochschwanger. Hoffentlich steht Jack das heil durch. Er hat schon bei der Geburt von Kitty so mitgelitten.“ Sie schnitt ein Gesicht. „Entschuldigung, ich langweile Sie bestimmt mit den vielen Einzelheiten über Leute, die Sie gar nicht kennen.“

„Überhaupt nicht! Sie und Ihr Vater erscheinen mir sehr sympathisch.“

Er umfasste ihre Taille und half Joanne, über einen niedrigen Zaun am Ende des überwachsenen Pfads zu steigen.

„So, da sind wir, direkt vor der Hintertür des Gasthofs. Warten Sie bitte einen Moment, Joanne, ich muss kurz mit dem Wirt verhandeln.“

„Wieso? Ist noch nicht offen?“

„Es ist den ganzen Tag geöffnet“, erklärte Marc. „Aber ich möchte Dan fragen, ob wir das Hinterzimmer für uns haben können. Da wären wir ungestört.“

„Na schön.“

Sie brauchte sich nicht lange zu gedulden, bis er sie abholte und tatsächlich in ein Extrazimmer hinter der Bar führte.

Auf dem Weg dorthin merkte sie, dass der schöne Gasthof mit den Fachwerkmauern und den dunklen Balken leer war.

„Wieso brauchen wir ein Extrazimmer, um ungestört zu sein?“, fragte Joanne. „Im Hauptraum laufen wir ja nicht gerade Gefahr, niedergetrampelt zu werden.“

„Aber später, wenn die Leute Darts spielen kommen“, versicherte Marc. „Was möchten Sie denn trinken?“

„Eine Apfelsaftschorle mit viel Eis.“

„Da ich nicht fahren muss und den ganzen Tag geschuftet habe, kann ich mir ein Bier gönnen“, meinte Marc und ging zum Wirt, um zu bestellen.

„Wohnen Sie in der Nähe?“, wollte Joanne wissen, als er zurückkam.

„Ja, zu Fuß nur wenige Minuten von hier. Und Sie?“

„Eine Stunde Fahrt mit dem Auto entfernt.“ Sie trank einen großen Schluck. „Das habe ich jetzt gebraucht“, sagte sie dankbar.

Marc setzte sich und streckte entspannt die langen Beine aus. „Wie hat Ihnen denn das Schloss gefallen?“

„Es ist herrlich! Der Besitzer ist nicht zufällig Junggeselle, oder? Wenn doch, heirate ich ihn umgehend und ziehe sofort bei ihm ein.“

Er lachte. „So sehr mögen Sie das Gemäuer?“

„Ja, mir gefällt die Atmosphäre. Obwohl es ein altes Schloss ist, fühlt es sich behaglich an wie ein normales Zuhause.“

„Das liegt vielleicht daran, dass es seit dem fünfzehnten Jahrhundert im Besitz derselben Familie ist.“

„Wirklich?“ Sie klang beeindruckt. „Das ist eine unglaubliche Leistung.“

„Haben Sie sich auch die Porträts angesehen?“

„Leider nicht alle“, antwortete Joanne. „Ich hatte nicht genug Zeit.“

„Oh, wie schade für Sie“, meinte Marc. „Und jetzt erzählen Sie mir doch mal, was Sie mit Ihrem Leben so anfangen.“

„Wenn ich Ihnen das erzähle, lachen Sie bestimmt.“

„Wieso?“

„Andere Männer tun das.“

„Ich bin nicht wie andere Männer“, versicherte er ihr und musterte sie. „Arbeiten Sie etwa in der Unterhaltungsbranche?“

„Oh nein, nichts so Aufregendes. Als ich mit dem Studium fertig war, bin ich für die Assistentin meines Vaters eingesprungen, die ein Baby bekam. Und da mir der Job gefiel, arbeite ich immer noch für Jack.“

„Und was macht er?“

„Er ist Bauingenieur.“ Was ja nicht gelogen ist, beruhigte Joanne ihr Gewissen. Es war allerdings auch nicht die ganze Wahrheit.

„Sie verstehen sich offensichtlich gut mit ihm.“

„Ja, beruflich sind wir ein echt gutes Team. Aber im privaten Leben erdrückt er mich manchmal mit seiner väterlichen Besorgnis.“

„Warum? Feiern Sie oft wilde Partys, Joanne?“

„Schön wär’s! Nein, eigentlich nicht. Davon habe ich genug als Studentin erlebt. Heutzutage führe ich eine normale, friedliche Existenz in meinem eigenen kleinen Haus nahe dem Park in unserer Stadt.“

Marc pfiff leise durch die Zähne. „Da muss Ihr Vater Sie ja großzügig bezahlen. Oh, Entschuldigung! Die Bemerkung war unhöflich. Vergessen Sie sie!“

„Tatsächlich habe ich mein Haus geerbt“, informierte Joanne ihn. „Und wo leben Sie?“

„In einer Art Wohnung“, antwortete er ausweichend.

Da sie nicht wusste, wie viel – oder wenig – Gärtner verdienten, wechselte sie lieber das Thema. „Arbeiten Sie sonntags immer, Marc?“

„Nein, nur wenn ich gebraucht werde. Was ab jetzt nicht mehr der Fall sein wird. Erst im Dezember wird es dann wieder hektisch im Gartencenter.“ Er stand auf und nahm ihr inzwischen leeres Glas. „Noch mal dasselbe?“

„Ja, aber diesmal zahle ich.“

„Okay, ich bringe Ihnen den Kassenzettel mit“, versprach er.

Als er zurückkam, reichte er ihr allerdings nicht nur einen neuen Drink und den Bon, sondern eine Speisekarte.

„Möchten Sie hier mit mir zu Abend essen?“, fragte Marc. „Oder haben Sie etwas anderes vor?“

„Nein.“ Sie lächelte ihn freundlich an. „Ich bleibe gern. Was gibt es denn Gutes?“

„Sonntag abends meistens Salate. Den mit Schinken kann ich empfehlen, weil der Schinken hausgemacht ist.“

Da Joanne mittags wenig gegessen hatte, war sie jetzt hungrig. „Klingt gut. Ja, ich nehme den Salat mit Schinken. Aber nur, wenn ich ihn selber bezahlen darf“, fügte sie energisch hinzu.

Als er weg war, um die Bestellung aufzugeben, nutzte sie die Gelegenheit und rief ihre Mutter an.

Sie war gerade fertig, als er zurückkam.

„Meiner Mutter geht es besser, also kann ich beruhigt mein Abendessen genießen“, berichtete Joanne.

„Sind Sie eigentlich eine gute Köchin?“, wollte Marc wissen.

„Ja.“

Er lachte. „Sie leiden nicht an falscher Bescheidenheit.“

„Nicht die Spur!“, bestätigte sie. „Ich habe schon immer gern gekocht und bin mittlerweile wirklich gut. Und Sie?“

„Ich würde allein zwar nicht verhungern, aber Kochen ist nicht gerade mein liebster Zeitvertreib.“

„Das ist offensichtlich Gärtnern“, meinte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich befolge nur die Anweisungen des Tyrannen, der für den Park und das Gartencenter zuständig ist.“

„Ist er alt und mürrisch wie in einem Krimi von Agatha Christie?“

„Nein, Edward ist relativ jung und hoch qualifiziert. Ich habe viel von ihm gelernt. Haben Sie den Schlossgarten besichtigt?“

„Nein, dazu hatte ich leider keine Zeit.“

„Dann kommen Sie doch morgen wieder“, schlug Marc vor. „Ich nehme mir eine Stunde frei und zeige Ihnen die Anlage.“

„Ist das eine Abwandlung von ‚Ich zeige Ihnen meine Briefmarkensammlung‘?“ Schelmisch sah sie ihn an.

„Nein. Ich sammle keine Marken, und selbst wenn, müsste ich Sie besser kennen, bevor ich Ihnen meine Schätze präsentiere.“

Joanne lachte.

In dem Moment kam der Wirt und servierte zwei Salatteller mit Schinken und einen Korb mit frisch gebackenem Bauernbrot.

„Der schmeckt herrlich“, lobte sie, nachdem sie den Schinken probiert hatte. „Essen Sie oft hier, Marc?“

„Nicht so oft, wie ich möchte. Kochen Sie denn immer für sich allein? Oder werden Sie häufig von Verehrern zum Essen ausgeführt?“

„Leider nicht“, antwortete sie bedauernd. „Natürlich habe ich Freunde, mit denen ich gelegentlich ausgehe, aber meist bin ich bei mir zu Hause. Oder ich lasse mich überreden, bei meinen Eltern zu essen. Mein Großvater kommt dann meistens auch.“

„Lebt er bei Ihren Eltern?“

„Nein, er hat ein eigenes Haus, aus dem er auf keinen Fall ausziehen möchte. Was ich ihm gut nachfühlen kann.“ Sie schnitt ein Gesicht. „Ich bleibe ja auch lieber in meinem eigenen kleinen Nest, obwohl Jack mir ständig in den Ohren liegt, zu ihm und Kate zu ziehen.“

„Er würde Sie gern im Auge behalten?“, vermutete Marc.

„Genau. Zum Glück respektiert Kate meinen Wunsch nach Eigenständigkeit.“

„Während Ihr Vater wilde Vermutungen hegt, was Sie in Ihrem kleinen Haus alles anstellen.“

„Dabei lebe ich ganz solide!“, verteidigte sie sich. „Ich lade nur gern meine Freunde ab und zu ein, ohne dabei ständig unter Beobachtung zu stehen. Ihnen würde es doch auch nicht behagen, wenn man Ihnen dauernd auf die Finger sieht, oder?“

„Richtig! Weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn“, stimmte er ihr zu. Er wies auf ihren inzwischen leeren Teller. „Und? Hat es Ihnen geschmeckt?“

„Ja, ausgezeichnet! Jetzt hätte ich gern noch eine Tasse Kaffee, bevor ich mich auf den Heimweg mache. Morgen muss ich pünktlich zur Arbeit erscheinen – auch als Tochter des Chefs.“

„Ja, das verstehe ich. Ich habe das Zusammensein mit Ihnen sehr genossen, Joanne. Lassen Sie uns bald wieder gemeinsam essen gehen. Irgendwo anders. Einverstanden?“

Verblüfft sah sie ihn an. „Und wann?“

„Wenn ich morgen vorschlage, könnte es ein bisschen überstürzt wirken, also sagen wir Dienstag“, antwortete er seelenruhig.

„So bald?“

Er sah sie mit seinen goldbraunen Augen eindringlich an. „Als ich dachte, Jack wäre Ihr Ehemann, habe ich ihn glühend beneidet, Joanne. Sobald ich wusste, dass Sie ungebunden sind, habe ich mir vorgenommen, mein Glück bei Ihnen zu versuchen – wie es jeder vernünftige Mann tun würde. Also, sehen wir uns übermorgen?“

„Na ja … einverstanden“, antwortete sie nach kurzem Zögern.

„Wunderbar! Geben Sie mir Ihre Telefonnummer, und sagen Sie mir, wie ich zu Ihrem Haus finde. Ich hole Sie um sieben Uhr ab. Und jetzt hole ich uns Kaffee.“

Als er zurückkam, stellte er die Tassen hin und setzte sich dicht neben Joanne. Plötzlich war sie sich seines muskulösen gebräunten Arms neben ihrem überdeutlich bewusst. Auch, dass er nach guter Seife duftete, fiel ihr jetzt auf.

Seit klar war, dass es nicht bei diesem einen zufälligen Treffen bleiben würde, betrachtete sie Marc mit anderen Augen. Dabei bemerkte Joanne auch, wie umwerfend attraktiv er war.

„Wie viel haben mein Essen und die Drinks gekostet?“, erkundigte sie sich, um sich abzulenken.

„Diesmal übernehme ich die Rechnung“, sagte Marc. „Dafür dürfen Sie mich am Dienstag einladen.“

„Okay. Aber erwarten Sie dann bitte kein Nobelrestaurant“, warnte sie.

„Auf das Essen kommt es mir nicht an, Joanne! Wichtig ist mir Ihre Gesellschaft.“

„So, jetzt muss ich wirklich los“, erklärte sie nach einem Blick auf die Uhr.

„Ich bringe Sie noch zu Ihrem Auto“, bot Marc ihr an.

„Das steht aber beim Gartencenter!“

„Umso besser!“

Sie verabschiedeten sich vom Wirt und verließen den Gasthof. Die Sterne funkelten bereits am nachtblauen Himmel, und es war ziemlich kühl geworden.

Fröstelnd zog Joanne sich ihren mitgebrachten Pullover an, dann nahm Marc sie bei der Hand.

„Damit Sie auf diesem unbekannten Weg nicht stolpern“, erklärte er und ging mit ihr zurück zum Gartencenter.

„Wie still es hier ist“, bemerkte sie leise. Ihr gefiel es, seine warmen Finger um ihre zu spüren.

„Manchmal zu still“, meinte Marc. „Ab und zu brauche ich den Lärm und die Lichter der Großstadt.“

„Leben Sie allein?“, wollte Joanne wissen.

„Ja.“ Er klang amüsiert. „Ich habe doch schon gesagt, dass ich Single bin.“

„Trotzdem könnten Sie bei Ihrer Mutter wohnen“, hielt sie dagegen.

„Nein. Die ist vor einigen Jahren gestorben. Und mein Vater erst vor Kurzem.“

„Oh! Das tut mir leid.“ Mitfühlend drückte sie seine Hand. Die Eltern zu verlieren war immer schrecklich, egal, wie alt man war. „Danke für das Essen, Marc. Ich habe den Abend mit Ihnen sehr genossen.“

„Ich auch.“ Er lächelte sie an. „Schade, dass Sie schon nach Hause wollen.“

Inzwischen waren sie bei ihrem Auto angekommen und blieben stehen. Marc neigte sich zu Joanne und küsste sie flüchtig auf die Wange.

„Kommen Sie gut heim. Wir sehen uns am Dienstag“, verabschiedete er sich.

„Gute Nacht“, erwiderte sie leise und stieg ein.

Auf dem Heimweg war Joanne sehr nachdenklich. Ja, sie hatte jeden Augenblick des Abends genossen, auch den Vorschlag, sich schon bald wieder zu treffen.

Marc gefiel ihr. Das ließ sich nicht leugnen. Seine goldbraunen Augen und seine entspannte Art faszinierten sie. Es war so einfach gewesen, sich mit ihm zu unterhalten, dass sie mehr über sich verraten hatte, als bei ihr üblich war.

Hinter seinem einnehmenden Charme verbarg sich bestimmt eine starke Persönlichkeit. Ja, an Marc gab es sicher noch mehr zu entdecken.

Zum Beispiel, wie er mit Nachnamen heißt, dachte Joanne lächelnd.

Seltsam, dass sie ihn gar nicht danach gefragt hatte!

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