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Wie Frank Derrick mit 81 Jahren das Glück kennenlernte

Über den Autor

J.B. (früher »Jim Bob«) MORRISON wurde 1960 in London geboren. Seine ersten Erfahrungen mit dem Ruhm machte er Anfang der 90er Jahre als Leadsinger der Indie-Rock-Band Carter USM. Vier Top-Ten-Alben, zahlreiche Hitsingles und Konzerteauf der ganzen Welt später löste sich Carter USM auf, und J.B. nahm Solo-Alben auf, sang in einem Musical und begann ernsthaft mit dem Schreiben. Nach Kurzgeschichten, einer Autobiographie und einem Drehbuch konzentriert er sich nun auf Romane.

J. B. MORRISON

WIE
FRANK DERRICK
MIT 81 JAHREN
DAS GLÜCK
KENNENLERNTE

Roman

Übersetzung aus dem britischen

Englisch von Karin Meddekis

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Mum –

selbst wenn dies die einzigen drei Wörter sein sollten,

die sie liest.

PROLOG

Ich bin einundachtzig.

Ich schätze, das werde ich jetzt häufiger sagen müssen.

Sie sehen fantastisch aus! Wie alt sind Sie denn?

Ich bin einundachtzig.

So ungefähr.

Manchmal vielleicht auch, ohne überhaupt die Frage abzuwarten.

Ich bin einundachtzig.

Die Information bei jeder Gelegenheit stolz kundtun wie ein fünfjähriges Kind.

Vielleicht sollte ich einen Button tragen. Eins dieser Dinger, die vorne auf Geburtstagskarten stecken. Auf einer Karte zum einundachtzigsten Geburtstag, falls es so was denn gibt. Werden solche Karten überhaupt hergestellt? Für den achtzigsten vielleicht, aber für den einundachtzigsten? Vielleicht könnte ich ein paar Luftballons, die mit einer 81 bedruckt sind, über meine Eingangstür hängen. Aber wahrscheinlich ist der Markt für Luftballons zum einundachtzigsten Geburtstag auch nicht größer. Also werde ich es einfach wieder und wieder sagen müssen.

Ich bin einundachtzig.

Kommen Sie doch herein! Nehmen Sie Platz. Sprechen Sie ruhig mit mir, als wäre ich ein Kleinkind. Machen Sie sich gerne ein Bild von meiner geistigen Fitness. Sprechen Sie in lauter Babysprache zu mir. Bringen Sie mich dazu, ein Formular auszufüllen. Oder füllen Sie es am besten gleich selbst für mich aus und lassen mich nur noch unterschreiben. Wahrscheinlich bin ich viel zu blind, um das Kleingedruckte noch lesen zu können. Drehen Sie mir Dinge an, die ich nicht brauche. Schauen Sie sich ruhig nach Antiquitäten um. Peilen Sie die Lage, damit Sie wissen, was Sie bei einem Einbruch mitgehen lassen sollten.

Ich bin einundachtzig.

Versuchen Sie es ruhig, wenn Sie sich trauen.

1

An seinem einundachtzigsten Geburtstag wurde Frank Derrick von einem Milchwagen überfahren. Ein Büchergutschein oder Manschettenknöpfe wären ihm lieber gewesen, aber man muss nehmen, was kommt.

Der Milchwagen hatte eine Geschwindigkeit von etwa acht Kilometern pro Stunde, als der Milchmann irgendwie die Kontrolle über seinen Wagen verlor. Er strandete auf dem schmalen Bürgersteig und landete mit den Rädern auf der niedrigen Steinmauer eines Vorgartens. Milchkästen, leere Flaschen, Kartons mit Schlagsahne und ein paar Dutzend Eier rutschten von der Ladefläche auf den Bürgersteig.

Abgesehen davon, dass der Milchmann den Garten des großen Favoriten beim bevorstehenden Wettbewerb »Blühende Dörfer« verwüstet hatte, hatte er auch Frank keinen Gefallen getan. Er lag unter dem Milchwagen. Der einzige für die Außenwelt sichtbare Teil seines Körpers war sein rechter Arm, der unter dem Laster hervorragte. In der Hand hielt Frank immer noch den halben Liter Milch, den er gerade bei Fullwind Food & Wine gekauft hatte. Nicht wirklich das, was dem Schauplatz fehlte – noch mehr Milch. Der hochkant stehende Milchwagen, unter dem der Arm eines Rentners hervorragte, und der beständige Strom an Molkereiprodukten, die den Rinnstein hinunterflossen, wären die perfekte Szenerie für eine alberne Fernsehshow, bei der man nur noch auf die Pointe wartete.

Frank lag drei Tage im Krankenhaus. Er hatte eine Gehirnerschütterung; außerdem waren ein Arm und ein Mittelfußknochen des linken Fußes gebrochen.

»Wie bei einem Fußballspieler«, bemerkte der Arzt. »Spielen Sie Fußball?«

»Jetzt nicht mehr. Nicht mit einem gebrochenen Mittelfußknochen.«

»Wie auch immer. Jedenfalls sollten ein paar recht einfache Maßnahmen für Linderung sorgen. Halten Sie sich einfach an die gute alte PECH-Regel.«

»Brech-Regel?«

»Nein, PECH.«

»Ja, ich hatte wirklich Pech.«

»Nein, nein, es handelt sich um ein Akronym. PECH steht für Pausieren, Eis, Compression und Hochlegen.«

»Ein Akronym?«

»Ja, genau.«

»Wie bei einem Schlaganfall?«

»Ja, ganz genau«, sagte der Arzt. »Ich gebe Ihnen eine Broschüre mit.«

Frank hatte auch einen gebrochenen Zeh. Er würde also wohl eine Weile zu Hause bleiben müssen. Zudem hatte er ein paar Schnitt- und Schürfwunden sowie Prellungen, und sein Gesicht hatte etwas von zerquetschtem Obst. Er sah aus wie auf einem dieser schrecklichen Zeitungsfotos von überfallenen Rentnern.

»Ein oder zwei dieser Schnitte in Ihrem Gesicht könnten Narben hinterlassen«, meinte der Arzt.

»In meinem Alter hinterlässt jeder Schnitt eine Narbe.«

Franks rechter Arm war vom Handgelenk an bis über den Ellbogen eingegipst. In einem 90-Grad-Winkel. Wie in einem Comic. Sein Arm würde also mindestens sechs Wochen lang rechtwinklig abstehen. Frank sah aus, als wolle er ständig jedem die Hand schütteln. Würde man seinen Arm an der Schulter absägen und wegschleudern – er käme umgehend zurück.

Bevor Frank das Krankenhaus verlassen durfte, musste er sich dem Mini-Mental-Status-Test unterziehen, um seinen geistigen Zustand zu überprüfen. Ein erschöpft aussehender junger Arzt in gestreiftem Hemd mit weißem Kragen und Schweißflecken unter der linken Achsel zog einen Plastikstuhl an Franks Krankenbett und schlug einen DIN-A4-Block auf.

»Okay, Frank«, begann er. »Das ist ein Standardtest. Einige Fragen erscheinen Ihnen sicherlich etwas zu leicht, andere hingegen vielleicht nicht. Sind Sie bereit?«

Der Arzt fragte Frank nach dem aktuellen Jahr, der Jahreszeit, dem Monat und dem Datum. Frank beantwortete alle Fragen richtig, obwohl der Arzt das nicht bestätigte. Er machte sich nur Notizen und fuhr mit den nächsten Fragen fort.

»In welchem Land leben wir?«

»In England.«

»In welcher Stadt?«

»Eigentlich ist es eine Kleinstadt.«

»Sie scheinen verärgert zu sein, Mr. Derrick.«

»Ich wurde von einem Milchwagen überfahren. Wie war Ihr Tag denn so?«

»Ja, verstehe«, sagte der Arzt.

»Ich möchte einfach nur nach Hause, bevor ich mir MMST einfange.«

»Das ist die Abkürzung für Mini-Mental-Status-Test, Mr. Derrick. Das ist das, was wir gerade machen. Ich glaube, Sie meinen MRSA.«

»Was bedeutet das?«

»Tief Luft holen«, sagte der Arzt und atmete tief ein. »Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus.« Er lächelte so selbstzufrieden, als hätte er gerade erfolgreich den ellenlangen Namen dieses berühmten walisischen Bahnhofs ausgesprochen. »Sollen wir fortfahren?«

Der Arzt fragte, ob Frank wisse, wo er war, wie das Krankenhaus hieß und auf welcher Station er lag. Frank musste nur bei der Station passen. Den Pokal für das Superhirn hatte er so gut wie in der Tasche. Er würde sich gut auf dem Kaminsims neben den drei Porzellan-Pinguinen machen, die er nie richtig gemocht hatte. Er war sich sicher, dass der mittlere Pinguin irgendetwas ausheckte.

»So, Frank. Ich nenne jetzt drei Gegenstände, und ich möchte, dass Sie sie wiederholen und versuchen sich zu merken, okay?«

Als Frank nickte, schmerzte sein Kopf.

»Apfel, Kugelschreiber, Tisch«, sagte der Arzt.

»Apfel, Kugelschreiber, Tisch.«

Der Arzt bat Frank, das Wort WELT rückwärts zu buchstabieren, und Frank machte irgendeine Bemerkung darüber, wie rückwärtsgerichtet diese Welt in der Tat war. Der Arzt bat ihn, sieben von hundert abzuziehen und von dem Ergebnis ebenfalls sieben und immer weiter, bis er ihm sagte, dass er aufhören könne. Frank kam bis einundfünfzig und war ein bisschen enttäuscht, als der Arzt sagte, dass es reichte. Frank war nie gut in Mathe gewesen und hatte das Gefühl, dass der Schlag auf den Kopf ihm vielleicht gutgetan haben könnte.

»Wissen Sie, wie unser Premierminister heißt?«

Frank nannte dem Arzt den Namen des Premierministers und fügte hinzu, dass er seiner Meinung nach ein Idiot sei und er ihn nicht gewählt habe. Der Arzt sagte, das sei nicht wichtig.

»Oh doch, das ist sehr wichtig.«

»Sehr gut«, sagte der Arzt, obwohl er es ganz und gar nicht so meinte, und ließ ein paar Fragen aus, um schneller fertig zu werden. Er wollte ja auch, dass Frank nach Hause fahren konnte. Der Arzt wollte ebenfalls nach Hause. Alle im Krankenhaus wollten nach Hause. Wer wollte schon im Krankenhaus sein?

»Können Sie sich noch an die drei Dinge erinnern, die Sie vorhin aufgezählt haben?«, fragte der Arzt.

»Sie meinen den Apfel, den Kugelschreiber und den Tisch?«

Der Arzt zeigte auf seine Armbanduhr und fragte Frank, was das sei.

»Sieht aus wie eine billige Armbanduhr.«

Der Arzt hätte Frank gerne eine verpasst. Wenn das in seinem Job nicht so verpönt gewesen wäre, hätte er es vielleicht getan.

Er stellte ihm noch ein paar Fragen und führte ein paar weitere Tests durch. Unter anderem sollte Frank ein Blatt Papier falten, es wieder auseinanderfalten und dann einen Satz darauf schreiben. Frank schrieb: »Kann ich jetzt bitte gehen?«

Später an diesem Tag wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Als der Mitarbeiter des Transportdienstes ihn im Rollstuhl zu den Fahrstühlen schob, trug ihm die Krankenschwester extra den Gehstock hinterher, den Frank mit voller Absicht im Zimmer hatte liegen lassen. Die Krankenschwester gab ihm auch eine Tragetasche, in dem sich sein Tetrapak Milch befand. Die Milch hatte inzwischen drei Tage außerhalb des Kühlschranks verbracht und war warm. Sie hatte sich mit Sicherheit schon in Hüttenkäse oder Sauerrahm verwandelt. Frank bedankte sich bei der Krankenschwester und nahm sich vor, Milch und Tragetasche später im Krankenwagen zu vergessen.

Nach dem Unfall bot Franks Tochter an, alles stehen und liegen zu lassen und sofort aus den Staaten nach England zu fliegen, um sich um ihn zu kümmern. Frank sagte, das sei nicht nötig, sie habe wichtigere Dinge zu tun, sie habe ihr eigenes Leben und ihre eigene Familie, um die sie sich kümmern müsse, er komme schon zurecht, er habe nicht einmal große Schmerzen, es sei zu weit, sie solle nicht albern sein, das sei viel zu teuer – all diesen Quatsch. Was er wirklich wollte, war, dass sie auflegte und ein Taxi zum Flughafen nahm.

»Dann lass mich wenigstens nach jemandem suchen, der sich um dich kümmert«, sagte sie.

»Ich kann mich selbst um mich kümmern.«

»Lass mich ein bisschen im Internet recherchieren. Ein paar Telefonate führen. Rausfinden, welche Möglichkeiten es so gibt.«

»Wirklich, das ist nicht nötig. Das kostet alles ein Vermögen. Mir geht es gut. Ich hatte schon Kater, die schlimmer waren als das hier.«

»Dad.«

»Habt ihr in Amerika keine True-Crime-Shows? Die werden mich an einen Stuhl fesseln und mir meine Rente stehlen.«

»Dad.«

»Sie werden sich als Klempner ausgeben und meinen Trinkwassertank als Toilette benutzen.«

»Ich kann mich doch wenigstens mal erkundigen. Für meinen Seelenfrieden, Dad. Ich will mir keine Sorgen machen müssen, ob du genug zu essen hast oder mit dem Toaster das Haus in Brand gesetzt hast.«

»Weißt du, wie viel Arbeit es war, die ganzen Leute abzuwimmeln, die unbedingt in mein Haus wollten? Es würde sich herumsprechen. Wenn ich zulasse, dass so ein Robin Williams im Kleid meine Wohnung betritt, mich an einen Stuhl fesselt und meine Wertsachen stiehlt, dann werden im Nullkommanichts windige Versicherungsvertreter und Kredithaie bei mir Schlange stehen.«

»Dad.«

»Da könnte ich mir ja gleich eine Drehtür einbauen lassen. Ich bin sicher, dass in der Schlange auch jemand wäre, der mir nur zu gerne eine verkaufen würde. Und wenn erst mal alle Leute drin sind, die in meine Wohnung wollen, was ist mit denen, die mir aufs Dach steigen wollen? Diese Schlange wird kilometerlang sein. Du könntest dich hinten anstellen, ohne Kalifornien verlassen zu müssen.«

Das entsprach absolut den Tatsachen. Die Leute schienen versessen darauf, auf Franks Dach zu steigen. In seiner Wohnung gab es etwas, das es in Fullwind-on-Sea selten gab: eine Treppe. Eine Treppe mit vierzehn Stufen. Allein das machte ihn zum geborenen Opfer von Treppenlift-Vertretern, Fensterputzern, Dachrinnenreinigern, Schornsteinfegern und Dachdeckern. Es verging kaum eine Woche, in der er nicht diese vierzehn Stufen hinuntersteigen musste, um einem Mann die Tür zu öffnen, der sorgenvoll schmatzte und den Kopf schüttelte.

»Wissen Sie eigentlich, dass Ihr Dach fast einstürzt?« Schmatzen.

»Ihr Schornstein neigt sich bereits leicht nach links.« Kopfschütteln.

»Haben Sie gesehen, dass Ihre Regenrinne total verstopft ist?« Schmatzen. Kopfschütteln.

Vielleicht war sein Dach kurz davor einzustürzen, aber wenn er es zuließ, dass jemand auf sein Dach stieg, konnte er nicht sehen, was der dort machte. Dazu müsste er die Straße fünfzig Meter hinuntergehen und ein leistungsstarkes Fernglas mitnehmen. Er wüsste also gar nicht, ob sie tatsächlich etwas reparierten. Sie könnten ebenso gut Zeitung lesen, ein Schläfchen halten oder einfach bis fünfzehntausend zählen und dann wieder herunterklettern, um noch mal sorgenvoll zu schmatzen, bevor sie ihm eine Rechnung über eine Million Pfund präsentierten.

Frank nannte Beth immer mehr Gründe, warum er keine Hilfe brauchte und er keine Fremden in seinem Haus haben wollte, und Beth unterbrach ihn nicht. Sie hörte sich die Klagen ihres Vaters an, da sie wusste, dass er sich so besser auf den unvermeidlichen Ausgang des Gesprächs vorbereitete – dass seine Tochter kriegen würde, was sie wollte. In diesem Fall wollte sie, dass es ihrem Vater gut ging und sie sich keine Sorgen um seine Sicherheit machen musste.

Er schimpfte noch eine Weile, bis er schließlich sagte: »Ich räume aber nicht extra auf. Oder zünde Kerzen an und koche frischen Kaffee.«

»Nein, natürlich nicht.«

Am nächsten Tag kam ein Mann vom Pflegedienst vorbei und schraubte einen Schlüsselkasten außen neben die Haustür. Sein Pfeifen ging Frank furchtbar auf die Nerven. Der Mann legte einen Schlüssel für die Eingangstür in den Safe und programmierte Franks Geburtsdatum ein. Und dann stand drei Tage später, an einem der heißesten Frühlingstage seit Menschengedenken, weniger als einen Monat nachdem Frank endlich die Lichterkette und das Lametta auf den Dachboden geräumt hatte, plötzlich Weihnachten vor der Tür.

2

Als Kelly Christmas ihren kleinen blauen Wagen zum ersten Mal gegenüber von Franks Haus parkte und dabei mit zwei Reifen auf den Grünstreifen fuhr, bis sie gegen einen der weißen Betonpoller stieß, die dort aufgestellt worden waren, damit niemand auf den Grünstreifen fuhr, tat sie dies vor den Augen der größten Ansammlung von Schaulustigen in Südengland.

An diesem Tag waren viele Anwohner der Sea Lane zu Hause. Viele neugierige Nachbarn und gelangweilte Rentner, ans Haus gefesselt, weil sie an Agoraphobie litten oder weil es draußen zu heiß war oder weil sie auf eine neue Hüfte warten mussten oder ihr Elektromobil noch nicht aufgeladen war oder der kostenlose Bus zum großen Sainsbury’s montags manchmal nicht fuhr. Das Knirschen des Getriebes von Kellys Wagen bei ihrer Suche nach dem Rückwärtsgang war der willkommene Weckruf für sie alle, sich von ihren Rätselheften und den Auktionsshows im Fernsehen zu lösen und aus dem Fenster zu schauen.

Als der einzige Treppenbesitzer in der Straße hatte Frank die beste Aussicht. Alle anderen Häuser in der Sea Lane waren Bungalows. Die Menschen verdrehten sich die Hälse auf ihren billigen Plätzen – die zugegebenermaßen teurer waren als Franks Wohnung – und suchten etwas, worauf sie sich stellen konnten, um zu sehen, wer diesen Lärm verursachte. Hier interessierte es jeden, wer Reifenspuren auf dem Grasstreifen hinterließ und damit Fullwinds Chancen auf eine Medaille gefährdete, falls ein Preisrichter des Wettbewerbs »Blühende Dörfer« unangekündigt auftauchte.

Frank beobachtete, wie der kleine blaue Wagen auf dem Grünstreifen gegenüber vor- und zurückfuhr, bis er schließlich gegen den Betonpoller stieß. Dann verlor, wer auch immer am Steuer saß, den Spaß am Einparken, oder er fand, dass es nicht besser ging, oder er hatte kein Benzin mehr.

Das Gesicht des Fahrers konnte Frank noch nicht sehen. Er konnte gerade so ausmachen, dass er ein Gesicht hatte. Frank war zu neunundneunzig Prozent sicher, dass es eine Frau war. Vielleicht auch zu fünfundneunzig Prozent. Sie nickte mit dem Kopf und sang zur Musik aus dem Autoradio. Dann überprüfte sie ihre Frisur im Rückspiegel, bis sie offenbar zufrieden genug war und aufhörte, sie zu überprüfen.

Um Viertel nach elf wurde die Autotür geöffnet. Die Fahrerin stieg aus und trat auf den Grünstreifen, und all die Gardinengucker und Jalousienblinzler stolperten über ihre Möbel und verrenkten sich die neuen Hüften, um zu erkennen, wer es war. Frank, der im ersten Stock am Fenster stand, sah, wie die Frau ein Schild mit der Aufschrift »Pflegedienst im Einsatz« hinter die Windschutzscheibe legte, die Tür verschloss und die Straße überquerte.

Als sie das Gartentor erreichte, konnte Frank ihr Haar sehen, das sie im Rückspiegel betrachtet hatte. Ihr Pony war in einer perfekten Linie geschnitten. Diese Frisur betonte ihre Stirn und lenkte die Aufmerksamkeit auf ihr Gesicht. Sie sah nicht so sehr wie Robin Williams aus, wie Frank erwartet hatte. Und noch weniger wie Margaret Thatcher oder diese Frau aus dem James-Bond-Film mit den Messern in den Schuhen, denn auch diese trafen Franks Vorstellung von einer Haushaltshilfe ziemlich gut. Augenblicklich bereute er das Chaos, das er aus lauter Protest in den letzten fünf Tagen in seiner Wohnung angerichtet hatte.

Frank hatte letztendlich zugestimmt, dass Beth eine Haushaltshilfe bezahlte, die drei Monate lang einmal pro Woche kommen würde, um aufzuräumen, zu kontrollieren, dass er seine Schmerztabletten nahm, und ihm ein Thermometer in den Mund zu stecken (jedenfalls hoffte er, dass es der Mund sein würde). Allerdings hatte Frank nie gesagt, dass er alles dafür tun würde, dass die Haushaltshilfe sich bei ihm wohlfühlte und dachte, sie könne seine Brieftasche klauen oder Kacka in seinen Kessel machen.

In den letzten fünf Tagen hatte Frank in seiner Kleidung geschlafen und sich nicht rasiert. Sein langes weißes Haar wurde allmählich zu Dreadlocks. Frank ließ seine Zähne in einem Glas im Badezimmer liegen, und in der Spüle stapelte sich das dreckige Geschirr. Er ließ absichtlich Kuchen- und Kekskrümel auf den Teppich im Wohnzimmer fallen. Der ganze Boden war mit DVDs übersät, die er aus den Hüllen genommen hatte, und – darauf war er besonders stolz – er hatte seit zwei Tagen die Toilette nicht gespült.

Als Kelly Frank zum ersten Mal sah, war er bei dem Versuch, noch schnell ins Bad zu laufen und die Toilette zu spülen, gerade in der Diele zusammengebrochen wie Bambi. Es hatte etwas gedauert, bis sie die Eingangstür aufgeschoben hatte, hinter der sich ein Stapel Anzeigenblätter und Werbebriefe angesammelt hatte. Als Kelly oben an der Treppe in der Diele auftauchte, hatte Frank es gerade so geschafft, wieder aufzustehen. Er war außer Atem und schwitzte, trug zerknitterte Kleider, hatte zerzaustes Haar und ein zugewachsenes Gesicht. Er sah aus wie ein Mann auf einem dieser Schwarz-Weiß-Fotos in den Bettelbriefen wohltätiger Organisationen, die jede Woche durch seinen Briefkastenschlitz geworfen wurden.

»Mr. Derrick?«, sagte Kelly. »Ich bin Kelly.« Sie zog den dünnen blauen Anorak zur Seite und beugte sich vor, um ihm das Namensschild vorne auf ihrer blauen Dienstkleidung zu zeigen. Sie ließ ihm genügend Zeit, damit er ihren Namen lesen konnte. »Sie sehen etwas mitgenommen aus. Möchten Sie sich hinsetzen?« Kelly legte eine Hand auf seinen unverletzten Arm. Die Berührung war sanft und beruhigend, fest, aber behutsam, ruhig und kontrolliert zugleich. Wie eine Unterhändlerin bei einem Geiseldrama in einer Bank oder wie ein Cowboy, der ein wütendes Pferd beruhigte. Kelly, die Rentnerflüsterin. Sie führte Frank gelassen ins Wohnzimmer.

»In den Sessel oder aufs Sofa?«, fragte sie.

»In den Sessel, bitte. Bitte entschuldigen Sie die Unordnung.« Frank bezog sich ebenso auf sein äußeres Erscheinungsbild wie auf den Teppich im Wohnzimmer.

»Sie sollten mal meine Wohnung sehen. Sie würden sofort die Polizei rufen, um einen Einbruch zu melden.«

Frank setzte sich in den Sessel und atmete tief durch.

»Bleiben Sie erst einmal sitzen«, sagte Kelly. »Ich koche Ihnen Tee. Oder Kaffee? Was trinken Sie lieber?«

»Danke. Tee, bitte.« Frank bot an, ihr zu zeigen, wo alles stand, aber Kelly meinte, sie käme schon zurecht.

»Die Menschen bewahren ihre Sachen in der Küche immer an denselben Plätzen auf.«

Als Kelly in die Küche ging, lehnte Frank sich in seinem Sessel zurück und entschuldigte sich fortwährend für die Unordnung.

»Ich hatte einen Unfall!«, rief er. Ohne sein Gebiss hörte es sich an, als würde er lallen. Vermutlich glaubte sie, er sei so betrunken, wie er aussah.

»Ich weiß«, rief Kelly aus der Küche. »Haben Sie Milch und Zucker?«

Frank fragte sich, ob sie sich über seinen Unfall lustig machen wollte.

»Nur Milch. Danke.«

Während Kelly wartete, dass das Wasser im Kessel kochte, kam sie ins Wohnzimmer und räumte alle schmutzigen Teller und Tassen weg.

»Ich bin noch nicht dazu gekommen aufzuräumen«, sagte Frank.

»Das ist kein Problem.« Kelly brachte das schmutzige Geschirr in die Küche. Frank hätte gerne seine Zähne aus dem Badezimmer geholt und die Toilette gespült, doch ihm war noch immer ein wenig schwindelig, und er hatte Angst, wieder zu fallen. Kelly kam zurück, hob die DVD-Hüllen vom Boden auf und legte sie auf den Tisch.

»Das räumen Sie am besten selbst weg«, sagte sie. »Sie haben bestimmt ein System.«

Er hatte tatsächlich ein System.

Franks alphabetisch sortierte DVD-Sammlung war der einzig gut organisierte Teil in seinem Leben. Es hatte ziemlich lange gedauert, bis er damit fertig gewesen war. Hauptsächlich, weil er so viel Zeit damit verbracht hatte, die Filmschauspieler beim Sortieren nachzuahmen – angefangen von dem waschechten Londoner Arbeiterkind Michael Caine in Alfie bis zu dem piekfeinen Michael Caine in Zulu.

Kelly brachte Frank eine Tasse Tee und stellte sie neben seinem Sessel auf den Tisch. Dann setzte sie sich auf das Sofa und nahm einen kleinen Stapel DIN-A4-Blätter aus der Tasche.

»Ich schaue mal auf Ihren Pflegeplan.«

Während sie sich mit den Unterlagen beschäftigte, fragte sie Frank, wie es ihm seit seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus ergangen war. Ob er das Gefühl habe, gut zurechtzukommen, und ob es etwas Besonderes gab, wobei er Hilfe brauchte und was noch nicht mit seiner Tochter abgesprochen war.

Frank erwiderte, ihm falle nichts ein.

»Ich räume ein bisschen auf und mache Ihr Bett, und Sie überlegen in der Zwischenzeit, ob Ihnen noch etwas einfällt.«

Nachdem Kelly das Wohnzimmer verlassen hatte, betrachtete Frank sein Spiegelbild im Bildschirm des Fernsehers. Er sah aus wie Howard Hughes. Howard Hughes hatte zehn Jahre und Millionen von Dollar gebraucht, bis er endlich so aussah, dachte Frank. Ihm war es in weniger als einer Woche gelungen, und es hatte ihn keinen Penny gekostet.

Er hörte, dass Kelly in seinem Schlafzimmer leise sang. Sie schloss die Tür des Kleiderschranks, zog die Vorhänge auf und schüttelte die Kissen auf. Obwohl es äußerst unwahrscheinlich war, da sie zwei Wände trennten, glaubte Frank, einen Luftzug zu spüren, als sie die Steppdecke aufs Bett legte. Sie nieste drei Mal, worauf eine Pause von zehn Sekunden folgte. Frank nahm an, dass sie das vierte Niesen zu unterdrücken versuchte, und schon nieste sie noch einmal. Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer ging sie ins Badezimmer und spülte die Toilette.

»Ich glaube, der Pollenflug ist heute sehr stark«, sagte Kelly, als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte.

Nachdem sie sich überzeugt hatte, dass es Frank gut ging, sodass sie ihn allein lassen konnte, sammelte sie ihre Sachen zusammen und wandte sich zum Gehen.

»Wenn Sie etwas brauchen, kann ich das nächste Mal für Sie einkaufen gehen, bevor ich komme.« Frank unterschrieb ihren Stundenzettel, um zu bestätigen, dass Kelly bei ihm gewesen war. Die Unterschrift mit seinem gebrochenen Arm sah aus wie eine schlechte Fälschung. Die gezackten Linien waren wie die Aufzeichnung eines Lügendetektors bei einer dicken fetten Lüge. Kelly steckte das Formular in ihre Tasche.

»Dann bis nächste Woche zur selben Zeit, Mr. Derrick.«

»Ja, danke. Nächstes Mal kommen auch wieder Sie, oder?«

»Ich fürchte, ja«, erwiderte Kelly. »Jede Woche in den nächsten …« Sie nahm einen Terminplaner aus der Tasche und blätterte darin. »… zwölf Wochen.«

Sie bat Frank, den Pflegedienst anzurufen, wenn er Fragen hätte oder wenn es etwas Besonderes gäbe, was sie beim nächsten Besuch machen sollte. Kelly steckte den Terminplaner und die Unterlagen wieder in ihre Tasche, verabschiedete sich und ging hinaus.

Frank wunderte sich, wie traurig er war, sie gehen zu sehen. Das Haus schien leerer zu sein als vor ihrem Besuch. War es immer so still hier? Er schaltete den Fernseher ein, um die Stille zu vertreiben und sein Spiegelbild nicht mehr sehen zu müssen.

Eine Mutter und ihre Tochter in den gleichen Fleecepullovern verloren Geld, als sie ihre Familienerbstücke bei einer Auktion verkauften. Frank wünschte, er hätte seine Zähne getragen, sodass er sich besser mit Kelly hätte unterhalten können. Er hätte ihr gerne gesagt, dass er eigentlich viel lustiger war, und sich noch einmal für die Unordnung entschuldigt. Vor allem hätte er ihr gesagt, dass sie ihn, wenn sie jetzt jede Woche kommen würde, Frank nennen sollte, weil er es hasste, Mr. Derrick genannt zu werden. Er hatte dann immer das Gefühl, er sei dieser Derek aus dem Kinderfernsehen und müsste sich mit einer seltsamen Fuchs-Puppe namens Basil Brush unterhalten.

3

Als Frank am Dienstag aufwachte, war es stockdunkel. Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte oder wie spät es war. Seine Uhr lag auf dem Nachttisch, und es kam ihm so vor, als befände der sich in einigen Kilometern Entfernung. Frank beschloss abzuwarten, bis er hörte, dass das erste Flugzeug in Gatwick abhob und über sein Haus hinwegflog. Dann war es etwa fünf Uhr morgens, eine akzeptable Uhrzeit, um aufzustehen. Auf keinen Fall wollte er den Tag unnötig um ein paar Stunden verlängern, die er dann wieder totschlagen musste. Es war auch so schon schwer genug.

Nach halb sieben abends gab es für Frank kaum noch Gründe wach zu bleiben, außer, um sein Abendessen zu verdauen. Meist ging er inzwischen so früh schlafen, dass es draußen noch hell war. Im Wohlfahrtsladen hatte er sich dickere Vorhänge gekauft, damit die Sonne ihn nicht am Einschlafen hinderte.

Frank lag im Bett, lauschte auf das Geräusch der Flugzeuge und dachte an den unglaublich langweiligen Traum, der ihn geweckt hatte. In dem Traum stand er an der Kasse eines Supermarktes in der Schlange. In dem Traum waren keine Außerirdischen oder Supermodels vorgekommen. Die Einkäufe in seinem Korb hatten nicht mit ihm gesprochen oder ihn die Straße hinuntergejagt. Eigentlich war es gar kein richtiger Traum gewesen.

Es gab nur einen einzigen Anhaltspunkt dafür, dass es sich tatsächlich um einen Traum gehandelt hatte, und zwar den, dass er jung gewesen war. Sein Einkaufskorb war nicht so schwer, dass er ihn in der Warteschlange auf den Boden stellen und mit dem Fuß vorwärtsschieben musste. Frank trug keine Slipper. In dem Korb lagen vier Dosen Bier. Keine Konserven oder leicht verdauliche Fertiggerichte für eine Person. Und vielleicht war da noch ein anderer Hinweis darauf gewesen, dass es sich um einen Traum gehandelt hatte. Es hatte ihn das Gefühl beschlichen, dass zu Hause jemand auf ihn wartete, um ihm zu helfen, die Einkäufe wegzuräumen. Frank stellte den Korb auf die Ladentheke. Die Kassiererin betrachtete die Bierdosen, dann Frank und sagte: »Party?«

Und dann war Frank aus seinem Traum aufgewacht.

Doch er fühlte sich noch immer jung.

Es war niemand da, der ihm half, die Einkäufe wegzuräumen.

Doch er fühlte sich noch immer jung.

Frank hatte das Geheimnis des ewigen Lebens entdeckt.

Er musste nur im Bett liegen bleiben.

Solange er nicht aufstehen und ächzend, stöhnend, humpelnd, furzend, hustend, keuchend, sabbernd und wie auf Eiern zum Badezimmer gehen musste, könnte er jung bleiben. Solange er sein Gesicht nicht im Badezimmerspiegel betrachten und sein Gebiss in dem Glas neben dem Waschbecken sehen musste, könnte er jung bleiben.

Wenn er nicht aufstand, sich nicht zu schnell bewegte und nicht ins Badezimmer ging, nicht zu tief einatmete oder in ein hartes Karamellbonbon biss, keinen Radiosender einstellte, der nur moderne Musik spielte und samstagabends nicht nach neunzehn Uhr fernsah, dann könnte er ewig jung bleiben. Er musste lediglich im Bett liegen bleiben.

Frank zählte sechs Flugzeuge, die über sein Haus hinwegflogen, und fragte sich, wohin sie wohl unterwegs waren oder woher sie kamen. Er fragte sich, ob er in seinem Leben noch einmal fliegen würde. Und wenn ja, wohin würde er fliegen wollen? Ihm fiel ein, dass er keinen gültigen Reisepass mehr hatte. War die Verlängerung für Menschen seines Alters nicht sogar kostenlos? Er nahm sich vor, sich zu erkundigen. Schließlich musste er auch keine Fernsehgebühren mehr zahlen, und mit dem Bus fuhr er ebenfalls umsonst. Auch wenn im Fernsehen nichts Interessantes lief und es nichts gab, wo er mit dem Bus hätte hinfahren können. Je älter Frank wurde, desto öfter hatte er freien Eintritt zu Dingen, für die er zu alt war. Ein siebtes Flugzeug flog über das Haus hinweg. Frank schloss die Augen und versuchte, seinen Traum weiterzuträumen. Er war schon fast wieder eingeschlafen, als es an der Tür klingelte.

Um die Haustür zu öffnen, musste er die Treppe hinuntersteigen. Das war schwierig und dauerte lange. Und da er niemanden erwartete, ja, vielmehr nie jemanden erwartete, beschloss er, nicht auf das Klingeln zu reagieren. Er schloss die Augen. Es klingelte wieder. Frank seufzte und beschloss, dann eben doch aufzustehen. Er bewegte sich langsam und spürte ein Taubheitsgefühl in den Beinen. Als hätte eine Katze auf seinen Beinen geschlafen. War das der Anfang vom Ende? Fühlte es sich so an? Ein Taubheitsgefühl in den Beinen? Das sich im ganzen Körper ausbreitete? Eine Lähmung und dann der Tod? Dann fiel ihm ein, dass er tatsächlich eine Katze hatte und sie auf seinen Beinen schlief. Er schubste die Katze auf den Boden, stand auf und stützte sich einen Moment mit seinem gesunden Arm an der Wand ab, bis er das Gleichgewicht wiedererlangt hatte. Wann hatte das begonnen, dieses ständige Schwindelgefühl? Vor oder nach dem Unfall mit dem Milchwagen?

Frank folgte der Katze in die Küche. Ächzend, stöhnend, humpelnd, furzend, hustend, keuchend, sabbernd und wie auf Eiern ging er hinter ihr her.

Er nahm eine Dose Katzenfutter aus dem Schrank unter der Spüle und versuchte sie zu öffnen. Selbst mit elektrischem Dosenöffner war das nicht einfach, wenn der rechte Arm in einem Gips steckte. Frank schaute auf die Katze hinunter.

»Ich mache mich nicht gut als Rentner, nicht wahr, Bill? Ich sollte Golf spielen oder im Garten arbeiten.« Die Dose Katzenfutter rutschte aus dem elektrischen Dosenöffner und fiel auf den Boden. Frank bückte sich, um sie aufzuheben – stöhnend auf dem Weg nach unten und stöhnend auf dem Weg zurück nach oben. »Ich könnte eine Kreuzfahrt um die Welt machen oder mein eigenes Bier brauen. Ich hätte mich wenigstens auf die Warteliste eines Schrebergartenvereins setzen lassen sollen. Wobei ich nach allem, was man so hört, daran zweifele, dass ich rechtzeitig auf den ersten Platz rücken würde, um noch irgendetwas anzupflanzen. Was meinst du, Bill?«

Bill schaute zu Frank hinauf und machte das einzige Gesicht, das er zur Verfügung hatte. Bills Ausdruck war exakt derselbe, egal ob er auf sein Futter wartete oder neue Katzenstreu bekam. Wie eine Papiermaske, die mit zwei Gummibändern an seinen Ohren befestigt war. Auf dem Gesicht des Katers spiegelte sich immer dieselbe unergründliche Ausdruckslosigkeit, ob Frank ihn nun morgens in den Garten hinaus- oder ihn am Abend wieder ins Haus hereinließ. Bills Miene gab nichts von dem preis, was er den ganzen Tag über getrieben hatte. Es fanden sich dort keine Hinweise darauf, ob er Mäuse oder Vögel gejagt, welches Territorium er markiert oder ob er Rendez-vous mit anderen Katzen gehabt hatte. Frank hatte sich mehrmals Dr. Dolittle und Dr. Dolittle 2 angesehen. Er kannte einige der Songs und konnte vermutlich sogar Rhinozerisch sprechen oder auf Schimpansisch mit einem Affen plaudern. Aber er hatte noch immer keine Ahnung, was Bill ihm sagen wollte. Wahrscheinlich war es etwas wie:

Ehrlich gesagt, Frank, interessiert es mich einen Scheiß, wie du mit deinem Rentnerdasein zurechtkommst. Mach mir endlich mein verdammtes Frühstück!

Frank öffnete die Dose mit dem Katzenfutter und füllte das widerlich riechende Fleisch in den Napf. Dann nahm er eine Tasse aus dem Schrank, gab einen Teebeutel und die Milch hinein, dann schaltete er den Wasserkocher ein und stieg langsam die Treppe hinunter, um die Zeitung zu holen. Die Stufen hatten schon immer geknarrt, aber inzwischen war er sich nicht mehr sicher, ob das meiste Knarzen von der Treppe oder von ihm selbst stammte.

Durch die Mattglasscheibe hindurch konnte er zwei Gestalten auf der anderen Seite der Tür ausmachen. Frank, der noch immer nicht ganz wach war, öffnete die Tür. Vor ihm standen zwei junge Männer in Anzügen und mit einem breiten Lächeln. Sie waren es gewesen, die vor zehn Minuten bei ihm geklingelt hatten. Entweder waren sie zurückgekommen oder gar nicht erst weggegangen.

»Guten Morgen«, sagte der junge Mann links. »Dürfen wir Ihnen schnell eine Frage stellen?«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, sagte der junge Mann rechts: »Wie geht es Ihnen damit, von all den vielen Toten in der Welt zu hören?«

Frank war schlecht vorbereitet. Er hatte sich keine Notizen gemacht. Er war noch nicht angezogen. Er hatte noch nicht einmal gepinkelt. Wie spät war es? Mindestens sieben Flugzeuge.

Also blieb er einfach auf der Schwelle stehen, nickte ab und zu und antwortete abwechselnd mit »ja«, »natürlich« und »verstehe«, ohne zuzuhören. Währenddessen spähte er immer wieder unruhig über die Schulter zur Treppe, als hätte er Angst, sein Frühstück würde anbrennen oder als wäre er mit etwas Wichtigem beschäftigt, zu dem er zurückkehren musste. Frank wünschte, er hätte seine Armbanduhr getragen, damit er ab und zu darauf blicken könnte, da die beiden Männer vor der Tür seine Botschaft offensichtlich nicht verstanden.

Sie zeigten ihm ein kleines Magazin, auf dessen Cover ein gezeichneter Tiger in einem Garten oder einem Wald mit Bäumen und Blumen zu sehen war, die es in der wirklichen Welt nicht gab. Der Tiger spielte mit Kindern. Alle auf dem Bild sahen wahnsinnig glücklich aus. Die beiden jungen Männer sprachen immer weiter. Frank nickte und blickte noch einmal unruhig über die Schulter hinweg Richtung Treppe. Er musste unbedingt zu seiner wichtigen Besprechung zurückkehren.

Frank fragte sich, ob er noch genug Kraft hatte, um seine Hand zur Faust zu ballen und die beiden Männer so lange zu verprügeln, bis sie sich endlich verzogen. Müsste er dann auf ein Leben nach dem Tod im Paradies verzichten? Dürfte er nicht mit all den lächelnden Tigern und glücklichen Kindern in diesem Garten spielen? Er wusste nicht einmal, ob die beiden dort an ein Leben nach dem Tod glaubten. Würden sie ihm die andere Wange hinhalten, wenn er sie schlug? Gehörte das zu ihren Überzeugungen? Im Laufe der Jahre hatte er unzählige ihrer kleinen Zeitschriften erhalten, aber nicht eine davon gelesen. Frank nahm sich vor, sich über diese Leute im Internet zu informieren, wenn er das nächste Mal in der Bibliothek war. Ja, Frank kannte sich mit dem Internet aus. Er wusste auch, wie man E-Mails verschickte und wie man mit einem Handy umging. Er konnte sogar eine SMS mit einem Smiley am Ende der Nachricht verschicken, wenn er wollte. Nur dass da niemand war, dem er eine SMS mit einem Smiley hätte schicken können, und E-Mails schrieb er nur seiner Tochter. Und so war das Postfach auf dem Computer in der Bibliothek nur ein weiteres Einfallstor für die Hersteller von Treppen- und Badewannenliften.

Während die beiden jungen Männer weiterredeten, fragte Frank sich, ob er seine Hand jemals wieder dazu gebrauchen würde, jemanden niederzuschlagen, wenn er sie denn noch zur Faust ballen könnte. Dabei wollte er gar nicht unbedingt jemanden schlagen – selbst Anwesende eingeschlossen –, vielmehr beschäftigte ihn die Frage, ob das Zuschlagen mit der Faust auch eines der vielen Dinge war, die er niemals wieder tun würde. Wie rennen oder auf einer Hüpfburg toben oder Kaugummi kauen oder Maiskolben essen. Er nahm sich vor, alle Dinge aufzuschreiben, die er in seinem Leben noch machen wollte, so wie er es einmal in einem Film gesehen hatte.

Als die beiden Männer schließlich verstummten, nahm Frank ihr Fanclub-Magazin und schloss die Tür. Er stand schon mitten auf der Treppe, als er das Piepsen des zurücksetzenden Müllwagens hörte. Er hatte die Mülltonnen nicht rausgestellt. Da er die beiden Männer noch durch die Mattglasscheibe sehen konnte, wollte er die Tür nicht öffnen und ihnen so eine zweite Chance geben. Warum bewegten sich diese Typen bloß immer so langsam? Frank wartete, bis sie sich endlich umdrehten und den Weg hinunterschlenderten. Als sie endlich verschwunden waren, waren das auch die Müllmänner. Jetzt würde das Gerümpel weitere vier Wochen am Ende des Vorgartens liegen. Der Herausgeber des örtlichen Nachrichtenblattes würde ihm wieder einen Brief schreiben und sich auf den Brief beziehen, den er ihm im letzten Jahr geschickt hatte. Er würde darauf hinweisen, dass das Dorf beim Verschönerungswettbewerb besser hätte abschneiden können, wenn gewisse Personen – er wolle keine Namen nennen (Frank) – einen etwas grüneren Daumen und nicht so viele alte Kühlschränke in ihrem Vorgarten stehen hätten.

Dabei hatte dort immer nur ein Kühlschrank gestanden.

Und der war nicht mehr da.

4

Auf Kellys zweiten Besuch bereitete Frank sich vor, als erwartete er die Queen.

Er hatte die Grundfläche seiner Wohnung alleine dadurch beträchtlich vergrößert, dass er den Staub von den Porzellanfiguren und dem anderen Nippes entfernt hatte, der auf dem Kaminsims und dem Sideboard im Wohnzimmer stand. Er hatte alle DVDs wieder in die richtigen Hüllen gelegt und sie alphabetisch geordnet, ohne ein einziges Mal innezuhalten, auch nicht, um Michael Caine zu imitieren. Er reinigte Badewanne und Waschbecken und hängte die Handtücher ordentlich auf. Er räumte die Zeitungen und Zeitschriften, die neben der Toilette auf dem Boden lagen, in den Dielenschrank und hängte eines dieser blauen Dinger in die Toilettenschüssel. In der Küche wischte er den Kühlschrank von außen ab und polierte die Spüle, bis sie so glänzte, dass Kelly den Sitz ihres Ponys darin überprüfen konnte, wenn sie den Kessel mit Wasser füllte. Frank polierte auch den Kessel. Er saugte in allen Räumen, auch die Linoleumböden in Küche und Badezimmer. Und bevor er den Staubsauger wegräumte, saugte er noch den Staubsauger.

Nachdem Frank die Wohnung gereinigt hatte, widmete er sich seinem Äußeren. Zum ersten Mal seit dem Unfall rasierte er sich. Er begann mit dem alten Elektrorasierer, bis die Batterie leer war und die Haut an seiner Kinnspitze in der stumpfen Scherfolie steckte. Daraufhin griff er zu dem einzigen anderen Rasierer, den er hatte, einem rosafarbenen Damen-Einwegrasierer aus dem Viererpack, das er im Wohlfahrtsladen gekauft hatte, um die Flusen von seinen Pullovern zu entfernen.

Frank kämmte die Knoten aus seinem langen, seidigen weißen Haar, das es den Leuten oft schwer machte, sein Alter zu schätzen. Sie sagten dann, sein Haar sehe aus wie das von Kenny Rogers.

Richard-Harris-Haar.

Gandalf-Haar.

Emmylou-Harris-Haar.

Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter.

Wäre es nicht weiß gewesen, man hätte Franks Haar auf dem Kopf eines viel jüngeren Mannes erwartet oder sogar auf dem eines Mädchens.

Manchmal band er es auch zu einem Pferdeschwanz.

Als Frank einmal im Wohlfahrtsladen war, hingen dort ein paar Schulkinder herum und kicherten. Frank sah zu ihnen hinüber, woraufhin die Kinder sich sofort abwandten. Als er sich den antiquarischen Büchern zuwandte, begannen sie wieder zu lachen. Frank konnte sie in einem alten Spiegel sehen. Sie zeigten auf ihn und dann auf ein Regal mit Spielzeug, in dem ein rosafarbenes Kunststoffpony aus der Serie Mein kleines Pony stand. Es hatte einen Regenbogen auf dem Hintern und eine lange silberweiße Mähne.

Wenigstens hatte er keine Glatze. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen hätte er eine haben müssen. Es hieß, dass die Wahrscheinlichkeit, unter starkem Haarausfall zu leiden, um das Zweieinhalbfache stieg, wenn der eigene Vater eine Glatze hatte. Und Franks Vater hatte eine Vollglatze.

Kojak-Glatze.

Yul-Brunner-Glatze.

Sinéad-O’Connor-Glatze.

Frank hatte seinem Freund Smelly John einmal ein Foto gezeigt, auf dem er neben seinem Vater stand. Smelly John hatte ihn gefragt: »Warst du mit deinem Vater verwandt?« Und dann folgten tausend abgedroschene Witze über den Milchmann, der wohl öfter bei ihnen zu Hause gewesen war, wenn Franks Vater gearbeitet hatte. Hatte der Milchmann einen starken Haarwuchs gehabt? Gab es auch ein Foto, auf dem Frank neben dem Milchmann stand? Frank freute sich nicht gerade darauf, Smelly John von seinem Unfall zu erzählen, wenn er wieder fit genug war, um ihn zu besuchen.

Also saß Frank am Montagmorgen am Fenster und wartete auf Kelly Christmas. Auch heute hatte er sich wieder gekämmt. Er hatte den Kamm in Brylcreem getunkt und sich auf der linken Seite des Kopfes einen Scheitel gezogen. Er sah aus, als wartete er darauf, für die Kirche abgeholt zu werden.

Um Viertel nach elf stieg Kelly aus ihrem Wagen. Frank humpelte durchs Wohnzimmer, setzte sich in den Sessel und bemühte sich um einen ungezwungenen Gesichtsausdruck. Als er tief einatmete, spürte er ein Stechen in den Rippen. Er umklammerte die Sessellehne und sog zischend die Luft zwischen den Zähnen ein wie ein Dachdecker, der gerade einen zu hohen Preis für seine Arbeit verlangt. Seine Zähne saßen zu locker, er musste unbedingt in die Drogerie, um neue Haftcreme zu besorgen. Er hätte Kelly bitten können, ihm welche mitzubringen, doch sein Stolz hinderte ihn daran. Vielleicht würde er sie heute darum bitten.

Schließlich hörte Frank, wie die Haustür geöffnet wurde.

»Hallo?«, rief Kelly, als sie unten an der Treppe stand. »Mr. Derrick?«

Sie stieg die Treppe hinauf und betrat das Wohnzimmer.

»Guten Morgen«, sagte sie. »Wie geht es uns heute?«

»Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich fühle mich, als hätte mich ein Milchwagen überfahren.« Frank hatte diesen Satz nicht einstudiert, sich jedoch vorgenommen, etwas Witziges zu sagen. Er freute sich, dass Kelly ihm das richtige Stichwort für den Gag geliefert hatte.

»Heute sehen Sie schon viel besser aus.« Kelly zog ihren Anorak aus und hängte ihn über die Rückenlehne des Stuhls am Fenster. Die neugierigen Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite sprachen mit Sicherheit schon darüber, dass sie »gerade schon wieder diese junge Frau in Frank Derricks Wohnzimmer gesehen« hätten. »Sie hat ihre Jacke ausgezogen.« »Es ist nicht seine Tochter.« »Ich glaube, sie hat einen eigenen Schlüssel.« Hilary, die Leiterin der Nachbarschaftswache, die genau gegenüber wohnte, machte garantiert soeben eine Notiz in ihrer Kladde für »besondere Vorfälle«.

Kelly legte eine kleine Papiertüte auf den Tisch neben Franks Sessel.

»Ihre Schmerztabletten. Was macht Ihr Fuß?«

»Er tut noch ziemlich weh.«

»Hm.«

Kelly nahm ein Kissen von der Couch, legte es vor Franks Sessel auf den Teppich und forderte Frank auf, seinen Fuß darauf zu legen.

»Was machen die Kopfschmerzen?«, fragte sie. »Hören Sie noch das schrille Klingeln?«

»Jetzt ist es eher ein Piepsen. Es hört sich an wie das Piepsen eines Lkw, der in meinem Kopf zurücksetzt. Ich habe immerzu das Gefühl, ich müsste die Mülltonnen rausstellen.« Diese Sätze hatte Frank einstudiert und sie heute Morgen mehrmals vor Bill geübt. Seine Stimme sollte der von Groucho Marx oder Woody Allen ähneln, doch sie klang eher nach Kermit, dem Frosch. Die Reaktion, die Frank von Kellys Gesicht ablas, war allerdings zufriedenstellender als Bills ausdrucksloser, starrer Blick.

»Ich hole etwas für den Zeh«, sagte sie. »Haben Sie einen Eisbeutel? Soll ich den Kessel aufsetzen?«

Kelly wartete nicht auf eine Antwort. Sie ging durch die Diele in die Küche und füllte den Kessel.

»Bei ein paar Sachen in Ihrem Kühlschrank ist das Haltbarkeitsdatum schon länger abgelaufen!«, rief sie aus der Küche, wobei sie vermutlich den Kopf in den Kühlschrank steckte.

»Das sind doch nur Richtwerte!«, rief Frank zurück.

Das Wasser im Kessel kochte. Kelly schrie nun noch lauter. »Diese Würstchen hier sind so alt, dass sie ihr Datum in ein paar Monaten wieder erreichen! Kann ich sie wegwerfen?«

»Ich glaube schon. Sie haben sowieso nur in der Originalverpackung einen Sammlerwert.«

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