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Wie Erziehung garantiert misslingt

Vorwort

»Eltern werden unsicherer«, »Eltern geben keinen Halt mehr«, »Eltern sind gestresster« – diese Aussagen prägen die mediale Diskussion. Zweifelsohne scheinen viele Eltern heutzutage hilfloser, verunsicherter, vor allem gestresster zu sein als die Generation vor ihnen, und dies aus zwei Gründen. Die Eltern von heute müssen eine Vielzahl von Einflüssen, die auf Vater und Mutter und Kinder einströmen, bewältigen: zum Beispiel die Berufstätigkeit beider Elternteile, eigene Ansprüche auf Selbstverwirklichung und Glück, gestiegene Erwartungen an den Nachwuchs, aber auch Unsicherheit angesichts ökonomischer Krisen und hoher Arbeitslosigkeit.

Eltern bemühen sich, diese Anstrengungen nicht nur zu bewältigen, sie versuchen gleichzeitig, sich von ihren eigenen Eltern abzusetzen, wollen nicht nur alles anders, sondern vor allem alles besser machen. Da es kaum Geeignetes aus der Vergangenheit gibt, worauf sie zurückgreifen können, bewegen sie sich teilweise auf völligem Neuland, und dies geht mit einer großen Unsicherheit einher. Hin- und hergerissen auf ihrer Suche nach neuen Wegen in der Erziehung greifen sie nach Strohhalmen, die ihnen in den Medien geboten werden.

Unsicherheit statt praktischer Lösungen   Und dann gibt es die Bestseller, die diese Verunsicherung geschickt aufgreifen und Eltern vermeintlich Halt geben und Orientierung versprechen. Bei diesen Bestsellern handelt es sich jedoch um Rettungsboote, die – wenn man sie genauer betrachtet – ein Leck haben. Sie halten einen eine Zeit lang über Wasser, doch ohne dass man es bemerkt, steigt das Wasser im Boot an, und wenn man nicht beizeiten aussteigt, besteht die Gefahr zu ertrinken.

Die Bestseller haben einerseits recht und führen doch zugleich in die Irre. Sie greifen allgemein über Jahrzehnte und Jahrhunderte geprägte verinnerlichte Glaubenssätze und verinnerlichte Dogmen auf, die nirgends bewiesen sind, nach denen aber dennoch Generationen von Kindern erzogen und begleitet wurden. Solche Dogmen sind »Leistung«, »Disziplin«, »Grenzen und Regeln«, »man muss uneingeschränkt da sein für das Kind« und »man muss Kinder um jeden Preis glücklich machen«. Man könnte die Liste noch erweitern. In unserem Buch greifen wir fünf irrationale Glaubenssätze auf:

1. »Ich will, dass mein Kind es im Leben zu etwas bringt.«

2. »Meine Kinder sollten mir schon gehorchen.«

3. »Muss man denn wirklich so streng sein?!«

4. »Das Wichtigste ist, dass man immer für sein Kind da ist.«

5. »Wir sollten unsere Kinder glücklich machen.«

Glaubenssätze auf dem Prüfstand    Glaubenssätze haben immer einen wahren Kern, sind also niemals völlig falsch, aber eben auch nicht richtig oder gar wahr. Manche Glaubenssätze suggerieren, eine rigide Erziehung, basierend auf den eben genannten Grundsätzen, würde »gute Kinder« hervorbringen. Aber schon im 18. Jahrhundert war dem deutschen Aphoristiker Georg-Christoph Lichtenberg bewusst, dass »eine allzu sorgfältige Erziehung nur Zwergobst liefert«.

In unserem Buch greifen wir auf unterhaltsame Weise diese Glaubenssätze auf, versuchen dabei aber, nicht in eine Schwarz-Weiß-Malerei, eine Für-und-wider-, eine Entweder-oder-Haltung zu verfallen. In jedem Glaubenssatz ist immer beides enthalten, der vorwärtstreibende, innovative Anteil, der Eltern und Kinder gleichermaßen ernst nimmt, aber eben auch das Moment, das Eltern und Kinder verkennt, weil sich der Verfasser des Bestsellers als Besserwisser, als Durchblicker inszeniert.

Jeder Glaubenssatz bezieht sich auf so einen Bestseller und steht für eine Richtung, für eine Position, die sich eben nicht nur in der wissenschaftlichen Diskussion zeigt, sondern den Alltag von Familien durchdrungen hat. Wir setzen die Kenntnis dieser Bestseller nicht voraus. Warum auch? Denn wie lautet das Sprichwort eines Unbekannten: »Ein Kind nach den Anleitungen eines Buches zu erziehen ist gut. Nur braucht man für jedes Kind dann ein anderes Buch.« Welch wunderbare Erkenntnis!

Um die einzelnen Glaubenssätze, die jeder für einen anderen Bestseller stehen, näher zu beleuchten, haben wir uns eines dramaturgischen Tricks bedient: In jedem Kapitel stellen wir Ihnen Protagonisten vor, die jeweils einen der Glaubenssätze verkörpern und sich mit dem dazu passenden Bestseller beschäftigen. Wir beschreiben jeden mit seiner Biografie und lassen ihn stellvertretend die Höhen und Tiefen in der Erziehung durchmachen.

Und Sie, den Leser, laden wir ein, ihn auf seiner Reise zu begleiten.

Der Weg ist das Ziel   Jedes Kapitel besteht aus Lebensgeschichten und einer allgemeinen philosophischen Durchdringung des Themas. Unsere Protagonisten machen auf ihrer Reise eine Wandlung durch, um Auswege aus der Erziehungsfalle, in die sie geraten sind, zu finden. Denn wie Laotse es ausdrückte: »Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg.«

Uns geht es nicht so sehr um das Aufzeigen hehrer Erziehungsziele, uns geht es um den Weg, der dorthin führt. Deshalb finden Sie am Ende eines Kapitels immer auch Tipps, die eher einem Kompass gleichen, den wir Ihnen in die Hand geben, damit Sie Ihren eigenen Weg finden. Denn Sie gehen mit eigenen Erfahrungen an das Buch heran. Vielleicht vergleichen Sie sich mit den Protagonisten, überlegen, wie Sie wohl handeln würden, was Sie anders oder ähnlich machen würden. Damit begeben Sie sich auch auf die Reise, zu der wir Sie einladen möchten.

Es geht uns dabei nicht um richtig oder falsch. Wir freuen uns, wenn Sie einfach Lust bekommen, sich auf eine mitfühlende Art und Weise mit den Protagonisten zu identifizieren.

Mut zur Gelassenheit   Erziehung ist ein schwieriges Geschäft und die meisten Eltern machen einen verdammt guten Job. Dennoch zweifeln sie, sind unsicher und sehen vielfach, wie man ihnen Hindernisse in den Weg legt.

Doch »aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen«, so hat es Erich Kästner einmal wunderbar auf den Punkt gebracht.

Die Entwicklung der Kinder geht nicht stetig aufwärts. Das kann man als Mutter und Vater erst feststellen, wenn der Nachwuchs erwachsen ist. Im Prozess der Erziehung stellt sich die Entwicklung als ein Gemenge aus Höhen und Tiefen dar. Viele nehmen jedoch nur noch die Tiefen wahr und greifen dann nach den Erziehungsstrohhalmen aus dem Buchregal.

Wir versprechen Ihnen nichts, wir wollen Sie stattdessen ermutigen, Ihren eigenen Weg zu finden und zu einer Erziehungspersönlichkeit zu werden, an der sich Ihr Kind orientieren, an der es sich aber auch reiben kann. Eine Erziehungspersönlichkeit, die authentisch und verantwortungsvoll ist, die gelassen mit ihren Schwächen umgeht, vor allem aber ihre eigenen Stärken sieht.

Jan-Uwe Rogge

Angelika Bartram

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»Ich will, dass mein Kind es im Leben zu etwas bringt.«

Jasper ist der einzige Sohn von Nele Körner und ihrem Mann Mario. Nele war Anfang zwanzig, als Jasper sich ankündigte. Und Nele und Mario heirateten, als das Kind unterwegs war. Das hatten die beiden zwar nicht so geplant, aber Jasper war dennoch willkommen. Und Nele war sich sicher, dass mit der richtigen Organisation schon alles klappen würde.

Heute ist Jasper neun, Nele hat einen Internetjob, den sie von daheim ausüben kann. Ihr Mann Mario arbeitet erfolgreich im Management einer großen Firma. Er ist viel unterwegs und Nele ist sehr stolz auf ihren »Super-Mario«.

Für beide war von Anfang an klar, dass sie ihrem Sohn alle Chancen eröffnen und ihn fördern wollen, wo es nur geht. Mario lebt nach seinem Wahlspruch: »Nur wer tüchtig ist, hat auf Dauer Erfolg. Erfolg liegt in deiner Hand. Wenn man will, versetzt man Berge. Man muss es nur wollen.« Nele ist da ganz auf seiner Linie.

Und wenn Jasper sich manchmal beschwert, dass er lieber spielen möchte, als Hausaufgaben zu machen, dann gibt es kein Pardon.

»Manchmal können Kinder nicht einsehen, was für sie gut ist.« Da ist Nele sich sicher. »Und es kann nicht immer so laufen, wie die Kinder es wollen.« Was das anbelangt, ist sie sich mit ihrem Mann einig: »Eltern müssen schon die Bestimmer sein.«

»Erfolg muss man wollen«

Nele würde sich allerdings wünschen, dass sie sich mehr mit Mario austauschen könnte. Doch weil der die meiste Zeit unterwegs ist, gestaltet sich das oft schwierig. Mario ist sich dessen bewusst und versucht so oft es geht, sich zu Hause zu melden. Häufig telefoniert er mit Jasper mithilfe einer Webcam am Computer, sodass sich beide dabei auch sehen können. Mario erkundigt sich dann immer, wie es in der Schule gelaufen ist. Jasper ist in diesen Situationen jedoch eher wortkarg und antwortet nur knapp mit »schön«, »gut« oder »alles okay«. Seinen Vater nervt es schnell, wenn er Jasper jedes Wort aus der Nase ziehen muss. Nele versucht dann zu vermitteln und erzählt an Jaspers Stelle, was er alles geschafft hat, zum Beispiel wieder eine Zwei in Mathe. »Na, prima«, lobt Mario. Und meist kommt schnell noch der Zusatz:

»Und das nächste Mal wird es eine Eins – abgemacht?!« Jasper nickt dann nur kurz und hat keine Lust mehr zu skypen.

Solche Reaktionen beobachten die Eltern öfter und machen sich Sorgen, dass ihr Sohn so gar keinen Ehrgeiz entwickelt. Sie empfinden das beinahe als Undankbarkeit. Wie hätte sich Nele gefreut, wenn sie all diese Chancen gehabt hätte. Ihre Eltern besaßen ein Möbelgeschäft und aus Zeitmangel erzogen sie ihr Kind mehr im Laissez-faire-Stil. Deshalb nahm Nele sich auch vor, dies bei ihrem Kind einmal anders zu machen. Ihr Sohn Jasper steht für sie ganz klar an erster Stelle. Sie will ihm dabei helfen, seine Talente zu erkennen. Dazu gehören für Nele und Mario neben den schulischen Leistungen auch die sportlichen Aktivitäten. Jasper ist ein eher schmächtiger Junge und er kränkelt öfter. Egal, was Nele ausprobiert, auch homöopathische Anwendungen greifen nicht. Die Beschwerden wollen nicht weggehen. Umso wichtiger scheint regelmäßige Bewegung zu sein. Da Mario ein begeisterter Tennisspieler ist und schon so manches Turnier gewonnen hat, lag es nahe, dass er auch Jasper für diese Sportart begeistern wollte.

Doch schon nach ein paar Wochen lag der Schläger in der Ecke und Jasper streikte. Nele und Mario waren sich aber einig, dass sie schon noch das Richtige für ihn finden würden. Und bald hatten sie eine neue Idee. Es sollte eine Überraschung für ihn werden. Erst mal waren an diesem Tag aber wieder Hausaufgaben dran …

Fehlt unserem Kind das Erfolgsgen?

Jasper räkelt sich am Tisch. »Mama, komm, ich will nicht mehr weitermachen. Wir haben doch sowieso nicht viel auf.« Nele lächelt. Das Spiel kennt sie schon. Sie schiebt ihrem Sohn die Hefte zurecht und deutet auf die leere Seite. »Erst die Hausaufgaben, dann ist Zeit für anderes. So haben wir das abgemacht.«

Jasper stöhnt und stößt seinen Bleistift in den Radiergummi. »Oh, Mann, du bist gemein!«

Nele schaut Jasper streng an. Das ist ihre Antwort auf Boykottversuche dieser Art. Am liebsten würde sie ihrem Sohn sagen:

»Jetzt denk auch mal an mich, es ist ja auch meine Zeit. Ich könnte in den Stunden, die ich hier sitze, auch was anderes tun.

Frag mich mal, ob ich Lust habe, mit dir die Hausaufgaben zu machen.«

Aber das alles sagt Nele nicht. Sie denkt es nur. Und bemerkt stattdessen: »Eines Tages wirst du mir dankbar sein. Und manchmal muss man auch Dinge tun, die keinen Spaß machen.«

Jasper stützt den Kopf in beide Hände und murmelt: »Ich will aber nicht« in Richtung Tischplatte.

»Es geht eben nicht immer so, wie du willst, mein Schatz«, macht Nele unmissverständlich klar. »Und wir hätten jetzt schon ein ganz schönes Stück geschafft, wenn du hier nicht so rumnörgeln würdest.« Nele zieht sich kurz zurück und telefoniert. Als sie wiederkommt, hat Jasper schon zwei Sätze aufs Papier gebracht.

»Siehst du, es geht doch«, lobt sie ihn. Sie setzt sich wieder zu ihrem Sohn, kontrolliert, ob alle Wörter richtig geschrieben sind. »Jasper, das machst du prima!«, motiviert sie ihn.

»Können wir den Rest nicht nachher machen?«, bettelt Jasper.

Nele schüttelt den Kopf. »Nein, wir machen das jetzt schön fertig.

Aber dafür habe ich dann auch eine Überraschung für dich.«

Jasper macht große Augen. »Gehst du mit mir ins Kino?«

Nele lacht. »Nein, die Überraschung ist viel schöner als Kino.«

Unruhig zappelt Jasper auf seinem Stuhl »Was ist es denn?«

»Wart’s ab! Erst die Hausaufgaben, dann die Überraschung.«

Wir wollen doch sein Bestes!

Neles Trick wirkt. In Erwartung der angekündigten Überraschung macht Jasper nun zügig und konzentriert seine Hausaufgaben.

Und dann geht es auch schon los. Sie müssen erst eine Weile mit dem Auto fahren. Jasper löchert seine Mutter die ganze Zeit, er will wissen, was es für eine Überraschung ist. »Wart’s ab!«, lächelt sie ihn an. Dann sind sie endlich am Ziel. Nele lenkt das Auto auf den Parkplatz des Golfklubs in der Nähe der Stadt, stellt es ab.

»So, da wären wir!«, erklärt sie freudig. »Die Probestunde hatten Papa und ich eigentlich am Wochenende für dich arrangiert. Aber jetzt hat es schon heute geklappt.«

Jasper braucht einen Moment, bis er begreift. »Probestunde?«

»Ja, wir haben dich im Golfklub angemeldet. Da, wo Papa spielt.«

»Aber ich will doch gar nicht Golf spielen.«

»Jasper, bitte, das ist ein schöner Sport. Papa macht er auch Spaß.«

Nele versucht alles, um Jasper diese Probestunde schmackhaft zu machen. Aber ihr Sohn stellt sich quer. Er setzt sich wieder ins Auto und weigert sich auszusteigen.

Neles Wutpegel steigt. »Jetzt sei nicht undankbar. Andere Kinder würden sich freuen, wenn sie Golf spielen könnten!«

»Ich bin aber nicht andere Kinder!«, blafft Jasper sie an.

Schließlich gibt Nele klein bei. Sie sagt die Golfstunde ab und fährt mit Jasper wieder nach Hause. Enttäuscht erklärt sie ihm: »Da wird der Papa aber traurig sein.«

Und während der Heimfahrt, in der die beiden stumm im Auto sitzen, denkt Nele seufzend darüber nach, wie ihr Sohn jemals im Leben erfolgreich werden soll, wenn er so gar nicht einsehen will, was für ihn gut ist.

Wie bringe ich meinem Kind bei, erfolgreich zu sein?

Nele Körner ist in keiner einfachen Situation. Da hat sie ihren Jasper, einen »richtig netten Kerl«, wie sie findet. Aber oft ist er eben auch ein echtes Schlitzohr. Er hört sich Neles Vorschläge zwar an, macht dann aber doch, was er will. Seine Mutter hat jedoch nicht vor aufzugeben. Immer wieder sucht sie neue Wege, wie sie ihm helfen kann, seine Begabungen zu entdecken und etwas aus ihnen zu machen. Ihr Mann Mario unterstützt sie zwar dabei, aber da er so viel unterwegs ist, ist es vor allem Nele, die ihren Sohn antreiben muss. Und sie bekommt dann natürlich auch Jaspers Frust darüber in voller Breitseite ab. Als sie sich bei ihrem Mann einmal darüber beschwert, meint der nur: »Schatz, jetzt sei doch nicht so empfindlich. Manchmal ist eben Konsequenz gefragt und kein Kuschelkurs. Wenn man nicht übt, dann bleibt auch die Belohnung aus.«

Nele kneift entnervt ihre Augen zusammen, atmet tief aus. »Ich kann diese alten Weisheiten nicht mehr hören«, erwidert sie.

Mario sieht sie erstaunt an. »Ohne Fleiß kein Preis. Sind denn solche Sätze wirklich falsch? Dahinter steckt doch jede Menge an Lebenserfahrung!«

Nele zögert, überlegt lange. Doch schließlich gibt sie ihrem Mann recht und nimmt sich vor, sich seiner Meinung anzuschließen.

{ Erziehungsmotto }

IMG»Ich will, dass mein Kind es im Leben zu etwas bringt.«

Sätze wie diese prägen Nele und Mario Körners Erziehungsmotto:

  • Nur wer tüchtig ist, hat auf Dauer Erfolg.
  • Erfolg liegt in deiner Hand. Wenn man will, versetzt man Berge. Man muss es nur wollen.
  • Wir möchten unserem Sohn helfen, seine Talente zu erkennen, und sie fördern.
  • Es geht nicht immer so, wie die Kinder es haben möchten.
  • Manchmal können Kinder gar nicht einsehen, was für sie gut ist.

Unnachgiebig sein – ja oder nein?

Mario ist in der Erziehung generell unnachgiebiger. Wenn er mit seinem Sohn redet, zum Beispiel weil er mal wieder alle Fünfe hat gerade sein lassen, dann ist das keine Unterhaltung, sondern eher ein wohlformulierter Vortrag. Und manchmal möchte Nele dazwischenfahren, weil ihr Mann dann so streng wirkt, wenn er Jasper mit starren, zusammengekniffenen Augen fixiert. Am Ende einer solchen Standpauke bläut er ihm Sätze wie diese ein: »Und das, mein Freundchen, kannst du dir hinter die Ohren schreiben: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.« Wenn Jasper daraufhin die Augen verdreht, setzt er prompt noch eins drauf: »Jasper, du hörst mir jetzt mal genau zu. Die Devise lautet: Üben, üben, üben!«

In solchen Momenten tut Jasper seiner Mutter richtig leid. Wenn er so dasitzt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, ganz wie ein armes Würmchen, über das alles hereinbricht, möchte Nele ihn am liebsten fest in den Arm nehmen und trösten.

Und dennoch … Zwar könnte Mario seine Anforderungen wirklich um einiges netter verpacken, aber hat er nicht in der Sache recht? … Zumindest irgendwie?

Nele Körner seufzt, wenn sie daran denkt. Wenn sie nur wüsste, wie man alles richtig macht!

Manchmal liegt sie nachts noch wach, zermartert sich den Kopf, überlegt ständig hin und her: »Sind wir vielleicht zu streng?

Zwängen wir unserem Sohn unseren Willen auf? Sind wir heute nicht zu weit gegangen, waren wir zu bestimmend? Hat er denn überhaupt eine Chance mitzubestimmen? Oder muss er immer nur machen, was wir wollen?« Und in Gedanken lässt sie noch einmal verschiedene Situationen Revue passieren …

Sie und ihr Mann dachten wirklich, sie würden Jasper mit der Golfstunde eine Freude machen. Das ist so ein interessanter Sport! Und es hätte ihm bestimmt auch gutgetan. Aber wenn er sich so querstellt? Was hätte sie da noch machen können?

Ratlos klopft sie auf ihre Bettdecke, als erwarte sie von ihr eine Antwort. Nele seufzt und schaut neben sich. Mario ist zwar ausnahmsweise mal zu Hause, doch er schläft tief und fest. Eine andere Begebenheit fällt ihr ein: Neulich ging sie in Jaspers Zimmer, nachdem sie vorher angeklopft hatte, so wie es abgemacht war. Sie bekam gerade noch mit, wie ihr Sohn hastig eine Computerzeitung beiseiteräumte, beflissen in sein Matheheft schaute und so tat, als würde er lernen. Nele war so enttäuscht, wütend und sauer, dass sie die Beherrschung verlor und Jasper anbrüllte:

»Mach doch, was du willst! Von uns aus brauchst du nicht zu lernen! Aber wehe, du schiebst es später auf uns, wenn du als Versager unter einer Brücke haust. Uns brauchst du dann wirklich keine Vorwürfe zu machen!« Als sie wieder an diese Sätze denkt, hält Nele vor Schreck unwillkürlich die Luft an. Und leise seufzt sie vor sich hin: »Mein Gott, zu was man sich hinreißen lässt. Fürchterlich! Für so etwas hasse ich mich wirklich!«

»Kinder brauchen Orientierung«

Ruhelos wälzt sie sich im Bett hin und her und ist im Nachhinein noch froh, dass sie hinterher zu Jasper gegangen ist und sich aufrichtig bei ihm entschuldigt hat. Auch wenn der anders reagiert hat, als Nele es sich erhofft hatte. Denn Jasper hatte nur mit den Schultern gezuckt und gemeint: »Ist in Ordnung!« Um dann grinsend hinzuzufügen: »Du sagst es eh wieder!«

Auf diese Antwort hin war Nele fertig gewesen, fix und fertig. Sie hatte das Gefühl, dass Jasper sie nicht wirklich ernst nahm und gar nicht bereit war, sich ihre Vorwürfe zu Herzen zu nehmen.

Und sofort kamen diese Zweifel wieder, diese quälenden Fragen:

»Muss man nicht auch Dinge lernen, wenn man keinen Bock hat, vor allem, wenn man es zu etwas bringen will und tatsächlich Begabungen hat? Das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert.«

Ein wenig Zwang muss sein, findet Nele. Nicht zu viel, aber ein bisschen. Kinder brauchen schon einen Kompass, brauchen Orientierung. Sonst verlieren sie sich, weil sie nicht wissen, was sie wollen. Wie könnte ein Neunjähriger das auch wissen, der wäre damit doch völlig überfordert!

Nele Körner lächelt zuversichtlich in sich hinein: »Ich glaube, Jasper wird später einmal dankbar sein, dass wir streng waren!«

Doch was heißt das eigentlich, streng zu sein? Nele denkt darüber nach und kommt zu der Überzeugung, dass jemand, der es später zu etwas bringen will, eben beizeiten auch auf manches verzichten muss. »Und überhaupt, es kann doch nicht immer so laufen, wie die Kinder es sich vorstellen. Dann tanzen sie einem ja nur noch auf der Nase herum und lassen sich am Schluss noch bedienen. Außerdem verlieren sie die Lust an der Leistung!«

Fragen über Fragen …

Doch sie kommt wieder ins Grübeln: »Wo ist die Grenze? Wann bestimme ich über mein Kind? Erkenne ich wirklich die Begabungen meines Sohnes und fördere sie? Oder idealisiere ich seine Talente vielleicht und überfordere ihn? Es ist so schwer, so verdammt schwer und man steht völlig allein auf weiter Flur!« Nele Körner seufzt. Ihr geht es wie vielen anderen Eltern, die ihren Kindern vermitteln möchten, Leistung zu erbringen, und sich dann Fragen stellen wie:

  • Darf ich meinem Sohn/meiner Tochter meinen Willen aufzwingen?
  • Woran kann ich erkennen, dass ich über das Ziel hinausgeschossen bin?
  • Wie weit dürfen Kinder bei Entscheidungen mitbestimmen?
  • Wie kann ich ihre Begabungen fördern, auch wenn sie selbst diese Fördermaßnahmen nicht einsehen wollen?
  • Wie muss das Verhältnis von Spaß und Ernst in der Erziehung sein?
  • Gehört nicht auch der Verzicht dazu, wenn man Erfolg haben, es zu etwas bringen will?

Nele Körner schwirrt der Kopf bei all diesen Fragen. Da fällt ihr der Satz ein, den ihre Mutter immer sagte, wenn ihr etwas misslungen war: »Wie man’s macht, macht man’s falsch!« Und Nele Körner überlegt: »Stimmt dieser Satz auch für mich?«

Kann man Erfolglinge züchten?

Im Buch »Die Mutter des Erfolges« von Amy Chua hofft Nele Antworten auf ihre Fragen zu finden. Der Untertitel »Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte« stimmt sie optimistisch. Sie ist sich sicher, dass sie von so einer Frau viel lernen kann. Die Radikalität, mit der Amy Chua ihr Ziel verfolgte, beeindruckt Nele. Ja!, denkt sie sich, als sie liest, dass auch für diese Mutter, die sich selbst als typisch erfolgsorientierte chinesische Mama schildert, Hausaufgaben grundsätzlich an erster Stelle stehen.

Bei Chuas Forderung, dass die Kinder in Mathe den Mitschülern immer um zwei Jahre voraus sein sollten, wird Nele unsicher, denn manchmal sorgt sie sich, wie lange sie Jasper bei den Matheaufgaben noch beratend begleiten kann. Aber vielleicht sollte sie da ihren »Super-Mario« mehr einspannen. Als sie jedoch liest, dass die einzigen Freizeitbeschäftigungen, die man Kindern erlauben sollte, solche sind, die ihnen am Ende eine Medaille einbringen, und dass diese Medaille aus Gold sein sollte, kommen in Nele Zweifel auf. Doch dann beschwichtigt sie sich mit dem Gedanken, dass die Autorin das vielleicht nicht ganz so ernst gemeint hat.

Es schien jedoch eine Tatsache gewesen zu sein, dass Amy Chuas Töchter keine Kinderpartys besuchen durften, Fernsehen oder Computerspiele gab es auch nicht. Und in der Schule kam eine schlechtere als die Bestnote gar nicht infrage.

Nele ist beeindruckt von der Konsequenz, mit der diese Frau den Leistungsgedanken verfolgte, selbst wenn sie sich bei ihren Kindern damit ziemlich unbeliebt machte. Das nahm sie jedoch offensichtlich in Kauf.

Mein Ziel ist es, euch auf die Zukunft vorzubereiten, nicht, mich bei euch beliebt zu machen.

AMY CHUA

Nele spürt in sich hinein und muss zugeben, dass sie schon möchte, dass Jasper einsieht, dass alles, was sie und Mario unternehmen, um ihn zu fördern, seinem Besten dient. Und sie erwischt sich öfter dabei, dass sie sauer wird, wenn das nicht so ist. Trotzdem nicht aufzugeben, empfindet sie als harte Arbeit. Und auch da spricht ihr Amy Chua aus der Seele, wenn sie schreibt: »Um auf irgendeinem Gebiet gut zu werden, muss man sich anstrengen, und von selbst haben Kinder grundsätzlich keine Lust, sich anzustrengen – deshalb ist es ja so immens wichtig, dass man sich über ihre natürlichen Tendenzen hinwegsetzt. Von den Eltern erfordert dies Stärke und Standhaftigkeit, denn ein Kind leistet selbstverständlich Widerstand.«

Sind wir nur konsequent oder grausam?

Als sie über das Thema Standhaftigkeit und Stärke nachdenkt, kommt Nele sich plötzlich als Versagerin vor, weil sie diese Eigenschaften anscheinend nicht in der letzten Konsequenz besitzt.

Sie zweifelt daran, ob sie es fertigbringen würde, ein dreijähriges Kind bei einem Trotzanfall in der Kälte auf die Veranda zu sperren, ob sie damit drohen könnte, ihrem Jasper sämtliche Kuscheltiere wegzunehmen und sie zu verbrennen, wenn er etwas nicht perfekt macht, oder so extrem mit ihm an einer Sache arbeiten könnte, wie Amy Chua es mit ihrer Tochter Lulu beim Geigenüben gemacht hatte. Sie beschreibt es so: »Wir arbeiteten ohne Abendessen bis in die Nacht hinein und ich ließ Lulu nie aufstehen, sie bekam weder Wasser, noch durfte sie aufs Klo. Das Haus war zum Kriegsgebiet geworden.«

Sicher, nachher hatte es mit dem Geigenspiel geklappt. Aber um welchen Preis? Ist Nele bereit, den zu zahlen? Will sie von Jasper als »Lord Voldemort«, der Bösewicht aus Harry Potter, bezeichnet werden, wie Lulu ihre Mutter mal in Rage genannt hatte? Sollte das wirklich der richtige Weg sein?

Es beruhigt Nele, dass auch Amy Chua Zweifel kamen und sie sich fragte, wie ihre Töchter wohl in zwanzig Jahren auf das alles zurückblicken würden. Andererseits kann Nele auch nachvollziehen, wie viel Glück Amy Chua empfand, wenn ihre Töchter Erfolg hatten, als zum Beispiel Sophia, die zweite Tochter, in der Carnegie Hall vor begeistertem Publikum spielte. Ja, das würde sie als Mutter auch sehr stolz machen. Und sie grübelt darüber nach, warum sie Jasper nicht motiviert haben, Klavier zu spielen.

Andererseits – da hätten sie ein Klavier gekauft und nachher wäre es möglicherweise doch nur als Staubfänger herumgestanden. So wie Neles Gitarre damals. Und Nele erwischt sich dabei: Je mehr sie sich mit Chua vergleicht, desto unwohler fühlt sie sich. Welches ist der richtige Weg? Wie soll sie das entscheiden? Wie stark prägt uns die Kultur, prägt uns der Umkreis, in dem wir aufwachsen?

»Westliche Eltern bemühen sich, die Individualität ihrer Kinder zu respektieren«, schreibt Amy Chua, »und ermutigen sie zu tun, was sie wirklich begeistert, unterstützen und bestärken sie in ihren Entscheidungen und sorgen für ein gedeihliches Umfeld.

Die Chinesen hingegen sind überzeugt, dass der beste Schutz, den sie den Kindern bieten können, darin besteht, sie auf die Zukunft vorzubereiten, sie erkennen zu lassen, wozu sie imstande sind, und ihnen Fähigkeiten, eiserne Disziplin und Selbstvertrauen mit auf den Weg zu geben, die ihnen keiner je nehmen kann.«

Nele Körner seufzt still in sich hinein. Wenn man doch beides irgendwie verbinden könnte! Aber wie?

Als Nele Körner Amy Chuas Buch fertig gelesen und vor allem darüber intensiver nachgedacht hat, tauchen doch noch eine ganze Menge Fragen auf.

Woraus setzt sich Erfolg zusammen?

Was heißt das: erfolgreich sein? Ihr Mann fällt ihr ein. Der ist erfolgreich. Aber dafür ist er fast nie zu Hause, bekommt von Jaspers Entwicklung vieles nicht mit. Erfolg zu haben bringt also auch Opfer mit sich. Nele wird immer nachdenklicher: »Man kann eben nicht alles im Leben haben.« Und sie erinnert sich an ein Sprichwort, das sie mal gelesen hat: »Wenn du einmal Erfolg hast, kann es Zufall sein. Wenn du zweimal Erfolg hast, kann es Glück sein. Wenn du dreimal Erfolg hast, so ist es Fleiß und Tüchtigkeit.«

Nele Körner lächelt. Wieder hat sie ihren Mann vor Augen. Der ist fleißig, tüchtig und dementsprechend erfolgreich. Wenn es doch bei Jasper auch so wäre! Warum lässt er sich so hängen, nimmt demonstrativ diese »Null-Bock-Haltung« ein? Das findet Nele einfach nur grauenhaft. Und sie fragt sich, wo Jaspers »Siegergen« ist, von dem man immer wieder mal liest. Er scheint mit dem zweiten oder dritten Platz immer vollkommen zufrieden zu sein. Das kann Nele einfach nicht nachvollziehen, sie ist ratlos: »Ständig muss ich ihn motivieren, etwas zu leisten. Dabei leben wir ihm doch wirklich etwas anderes vor!«

Die Begriffe Leistung und Motivation

Nele Körner hat gerade zwei Begriffe erwähnt, die auch in Amy Chuas Buch eine herausragende Rolle spielen: Leistung und Motivation. Aber nicht nur dort: Sie prägen die bildungspolitische Diskussion der letzten Jahrzehnte.

Der Wert der Leistung

Der Begriff »Leistung« wird in der Gesellschaft polar thematisiert: Auf der einen Seite wird immer wieder über fehlende Leistungsbereitschaft bei Heranwachsenden geklagt und über einen Erziehungsstil, der auf Leistungsanreize verzichtet und scheinbar Kinder und Jugendliche heranzieht, die sich in Müßiggang ergehen. Auf der anderen Seite wird der immense Leistungsdruck kritisiert, dem Heranwachsende zum Opfer fallen, weil ihnen kein Raum mehr bleibt, um sich zu einer eigenständigen und selbstbewussten Persönlichkeit zu entwickeln. Mit dem Leistungsbegriff sind also schnell negative Bedeutungen verbunden – je nach Standort. Diese polare Diskussion schränkt jedoch ein. Sieht man das Wort »Leistung« aus der Sicht der Kinder, erhält es mit einem Mal wichtige, wunderbare Facetten.

Kinder wollen etwas leisten. Jedes Kind muss in jeder Phase seiner Entwicklung Aufgaben erfüllen, eben: etwas leisten. Das Baby, das lernt, die Schwerkraft zu besiegen, sich zu drehen, zu robben, zu krabbeln, sich hochzuziehen und schließlich zu stehen, wenn zunächst auch wackelig – welche Leistung! Da steht es also in der Welt und ist stolz darauf.

Das Kleinkind, das gehen lernt, mühsam die Balance haltend, das genug hat vom Gehalten-werden, das spürt, es muss in die Welt hinaus: Welche Leistung! Es erfährt, dass es etwas allein kann, wenn auch mit seinem Kuscheltier in der Hand.

Das Kindergartenkind, das sprechen gelernt hat, Wörter und Sätze formulieren kann, um sich auszudrücken. Welche Leistung!

Es kann »Ich«

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