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Wie Champagner in den Adern

1. KAPITEL

„Was ist eigentlich da draußen los?“, fragte Gordon Rhett und deutete in die Wüste hinaus. Er trat unter die große Zeltplane und nahm den Hut ab, der absolut notwendig war für jeden, der unter der sengenden Sonne arbeitete. Die meisten Mitarbeiter seines Teams saßen bereits an dem langen Esstisch.

„Haben Sie es nicht gehört?“, meldete sich Lena und war begeistert, dass sie jemandem die Neuigkeit erzählen konnte, die sie selbst gerade erfahren hatte. „Das ist das Zelt des Sultans.“

Gordon zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Wir sind alle zum Abendessen eingeladen, das gesamte Team“, erklärte Ryan. „Das sind seine Diener, die da drüben das große Fest vorbereiten.“

Gordon blickte über die Wüste auf das kreisförmige, rot-blaue Zelt, das in der Ferne aufgestellt wurde. „Es hat fast die Größe eines Fußballstadions“, bemerkte er ironisch. „Was glaubt er, wie viele wir sind?“

Gordon war Engländer, und für ihn war es Ehrensache, nie seine Gefühle zu zeigen. Zara hatte nur einmal erlebt, dass er seine eiserne Beherrschung verloren hatte, und zwar, als sie den ersten deutlichen Beweis dafür gefunden hatten, dass sie sich tatsächlich an der Stelle aufhielten, an der das alte Iskandiyar gelegen hatte. Dieser Moment war die Krönung seiner langjährigen Karriere als Archäologe. Sie hatten alle um den Ausgrabungsort herumgestanden, gejubelt und Freudensprünge gemacht, selbst Gordon. Ein Fest hingegen, selbst wenn es vom Prinzen von Ostbarakat gegeben wurde, würde ihm keine solche Reaktion entlocken.

„Er hat sich nach der genauen Anzahl erkundigt“, bemerkte Zara. „Aber wer weiß, wie viele er von seinem Hofstaat mitbringt?“

Jemand meldete sich: „Was soll das? Warum macht er das?“

„Um uns in seinem Land willkommen zu heißen, wie sein Bote sagte.“

„Wir sind schon seit drei Monaten in seinem Land.“

„Die Mühlen des Prinzen mahlen eben langsam.“

„Möglicherweise hat ihm endlich jemand die Nachricht übergeben, dass wir die Tore gefunden haben, die uns die vermutete Lage von Iskandiyar bestätigen“, stellte Gordon fest.

„Vielleicht will er uns auch nur überprüfen, falls wir einen Schatz finden.“

„Er ist schon so reich wie ein Scheich“, meinte Warren.

„Er ist ein Scheich“, bemerkte Lena atemlos. „Er ist auch nicht verheiratet“, fuhr sie fort. Der fehlende Zusammenhang entging ihr, und als lautes Gelächter um sie herum ertönte, blickte sie verblüfft in die Runde.

„Warum lacht ihr denn? Ist er wirklich nicht. Ich habe es im Radio gehört. Wisst ihr noch, vor einiger Zeit wurde diese Frau von dem Scheich von Westbarakat entführt, weil ihr Verlobter ihm etwas gestohlen hatte?“ Natürlich erinnerten sie sich alle daran. Tagelang hatten sie von nichts anderem gesprochen. „Am Ende hat sie sich mit dem Scheich verlobt. Dabei wurde erwähnt, dass seine beiden Brüder nicht verheiratet wären.“

Lena seufzte und brachte sie alle erneut zum Lachen. Sie schaute verständnislos von einem zum anderen. „Was habe ich denn jetzt schon wieder gesagt?“

„Nichts, Lena, es fällt nur sofort auf, dass du gern von diesem Scheich entführt werden willst“, erklärte Zara ihr freundlich.

„Oh? Bin ich so leicht zu durchschauen? Nun, ich darf doch wohl noch träumen, oder?“

Zara erschauerte. Von ihrem seltsamen Erlebnis im Wadi hatte sie den anderen nichts erzählt. Zum Teil, weil sie wusste, dass sie Vorwürfe zu hören bekäme. Schließlich hatte man sie vor den Banditen in der Wüste gewarnt. Keiner sollte sich allein vom Ausgrabungsort entfernen.

Aber nicht nur deshalb hatte sie diesen Vorfall nicht erwähnt. Vielmehr lag es daran, wie seltsam sie sich gefühlt hatte, als der Anführer der Banditen sie angestarrt hatte. Seltsam und – entblößt. Ihr hatte der Atem gestockt, während er in diesem Augenblick von ihr Besitz zu ergreifen schien wie ein Eroberer. Selbst jetzt wunderte sie sich noch, wie sie es geschafft hatte, sich aus diesem unsichtbaren Bann zu lösen und den Felsen hinaufzuklettern. Warum hatte er sie entkommen lassen?

Sie hatte Angst gehabt, dass er mit seinen Männern auf der anderen Seite des Felsens auf sie warten könnte, und als das nicht der Fall gewesen war, hatte sie sich keuchend und schluchzend auf den Rückweg zum Lager gemacht. Sie fürchtete sich, auch nur einen Blick über die Schulter zu werfen. Die ganze Zeit hatte sie angestrengt auf das Donnern von Hufen gelauscht.

Wie konnte Lena sich nur wünschen, entführt zu werden? Das musste die schrecklichste Erfahrung sein, die Zara sich vorstellen konnte. Jedenfalls war sie froh, dass der Bandit es nicht getan hatte. Dennoch bedauerte sie es auch ein wenig, dass sie ihn nicht mehr wiedersehen würde …

„Hört mal, ich bin diesem Banditen wohl begegnet“, sagte Zara, obwohl sie es eigentlich lieber verschweigen wollte.

Natürlich horchten sofort alle auf, und die Blicke der Anwesenden richteten sich auf sie. „Wo?“, wollten einige von ihnen wissen.

„Vor ein paar Tagen frühmorgens im Wadi“, berichtete sie leise.

„Allein?“, fragte Gordon. „Zara, das war sehr unklug.“

„Ja, sicher“, gab sie zu. „Ich werde es auch nicht wieder tun. Sie kamen angaloppiert, als ich am Wasserfall stand. Ich habe nichts gehört, aber als ich die Augen aufmachte, waren sie da, auf ihren Pferden.“

„Haben sie dich gesehen? Wie bist du entkommen?“

Zara schluckte und wusste nicht genau, warum sie eigentlich niemandem etwas davon erzählen wollte. „Ich bin über die Felsen hinaufgeklettert und weggerannt so schnell ich konnte.“

„Hätten sie dich gesehen, wären sie dir mit ihren Pferden gefolgt“, meinte jemand.

Zara erwiderte nichts. Sie stand auf und ging zum Kühlschrank, um sich ein kaltes Getränk zu holen. Dann ließ sie ihren Blick nach draußen über die Fundstätte gleiten und überließ es den anderen, sich über die jüngsten Ereignisse zu unterhalten.

Sie konnte sich glücklich schätzen, an dieser Ausgrabung teilzunehmen, die mit Sicherheit in der Archäologie Geschichte machen würde. Die Stadt Iskandiyar aus dem vierten bis dritten Jahrhundert vor Christus war von verschiedenen Schriftstellern der Antike erwähnt worden. Ihre Lage hatte den modernen Archäologen ein Rätsel aufgegeben, obwohl beschrieben stand, dass sie sich an den Ufern des Flusses befände, der jetzt den Namen Sa’adat, Glück, trug. Mehr als ein Jahrhundert hatten Reisende vergebens nach Anzeichen dafür geforscht. Von so einer bekannten Stadt hätte es auffallende Reste geben müssen.

Manche hatten vermutet, dass die Schriftsteller der Antike ungenaue Angaben gemacht hätten, aber Gordon hatte nie an ihnen gezweifelt. Er hatte sich während seiner Karriere mit Iskandiyar beschäftigt und war eines Tages auf einen Hinweis gestoßen: „… zu ihren Lebzeiten hat Königin Halimah von Barakat Brücken, Tunnel und viele öffentliche Gebäude errichten lassen. Sie hat den Lauf der Flüsse, sogar den des mächtigen Sa’adat, verändern lassen, wie es ihr beliebte …“

Das war die Erklärung, die ihm gefehlt hatte. Wenn der Lauf des Flusses achthundert Jahre nach dem Bau der Stadt verändert worden war, dann konnten die Reste nicht mehr an den Ufern des Flusses liegen.

Glücklicherweise hatte Zara Gordons Seminare zu der Zeit besucht, als er die Stätte in der Wüste südlich des Flusses entdeckt hatte, und durch einen noch günstigeren Zufall hatte sie ihr Examen gemacht, als Gordon seine finanziellen Mittel bewilligt bekam. Das Beste allerdings war gewesen, dass er ihr einen Platz in seinem Team angeboten hatte.

Bevor sie die marmornen Löwen nicht vom Sand der Zeit befreit hatten, konnten sie noch nicht ganz sicher sein, dass es die gesuchte Stätte war. Doch nach den Beschreibungen der Löwentore von Iskandiyar war das jetzt zweifelsfrei bewiesen: Hier lag die Stadt, die Alexander der Große auf seinem siegreichen Marsch nach Osten vor mehr als zweitausenddreihundert Jahren gegründet hatte. Bald danach hatte er bittere Tränen vergossen, weil es nichts mehr zu erobern gab.

Zara blickte hinüber zu den weißen Säulen, die in der sengenden Sonne glänzten. Manchmal dachte sie über Alexanders Tränen nach. Hatte er eine innere Leere verspürt, die er vergaß, sobald er durch die Gegend zog und kämpfte?

Zara war noch keine dreiunddreißig, so alt wie Alexander, als er über die damals bekannte Welt geherrscht hatte. Für sie gab es noch Welten zu erobern. Aber manchmal verspürte sie auch das Bedürfnis zu weinen, weil ihr das Leben in gewissen Augenblicken leer schien. Sie verstand nicht, warum. Es kam ihr so vor, als würde ihr eine innere Stimme sagen, sie hätte etwas versäumt und etwas ganz anderes tun sollen.

Dabei liebte sie ihre Arbeit. Es hatte ihr Spaß gemacht, sich mit den Dingen zu beschäftigen, die längst untergegangene Kulturen bewegt hatten. Als Kind hatte sie bei einem Klassenausflug eine neue archäologische Ausgrabungsstätte in der Innenstadt von Toronto besucht und konnte sich noch heute an ihr Erstaunen erinnern, dass man die Spuren der Geschichte anfassen, riechen und aus der Erde ausgraben konnte. Von da an hatte sie gewusst, was sie später einmal im Leben machen wollte.

Nichts stand ihr im Weg. Ihre Zeugnisse waren gut, sie wurde von der Universität in Toronto angenommen, und Gordon hatte ihr großes Interesse erkannt. Er hatte sie unter seine Fittiche genommen wie einige andere vielversprechende Studenten vor ihr, die sich inzwischen einen Namen gemacht hatten. Einen besseren Anfang konnte sie sich in ihrem Beruf nicht wünschen.

Sie führte ein angenehmes Leben und schätzte ihre Lage, auch im Hinblick auf ihre Kindheit und Jugend, als glücklich ein. Ziemlich selten traf sie Verabredungen und hoffte noch, sich eines Tages zu verlieben. Aber damit hatte sie es nicht eilig.

Dennoch war ihr, ähnlich wie Alexander, zum Weinen zumute.

Warum? Was fehlte ihrem Leben? Wonach sehnte sie sich?

Scheinbar grundlos dachte sie wieder an den Banditen. Eine ganz andere Welt hatte sich ihr in seinen Augen offenbart, und sein begieriger Blick hatte ihr eine Leidenschaft versprochen, eine Lebensweise, von der sie bisher nicht mal geträumt hatte. Einen Augenblick lang stellte sie sich vor, was geschehen wäre, wäre er ihr gefolgt, hätte sie auf sein Pferd gehoben und wäre mit ihr davongeritten. Es wurde davon gesprochen, dass er Geiseln nahm. Aber er hatte sie nicht gemustert wie ein Mann, der eine mögliche Geisel in Augenschein nimmt. Zara erschauerte bei der Erinnerung an die Art und Weise, wie er sie betrachtet hatte.

Noch nie in ihrem Leben war sie so schnell gelaufen. Nie zuvor hatte ihr Herz so heftig geklopft. Sie schloss die Augen und entzog sich der gleißenden Sonne der Wüste. Aber den durchdringenden Blick des Banditen sah sie trotzdem vor sich.

2. KAPITEL

Die Vorbereitungen im Zelt des Scheichs dauerten den ganzen Nachmittag. Nahrungsmittel und Getränke wurden mit Helikoptern eingeflogen. Jeeps fuhren hin und her. Manches wurde auch zu Pferd gebracht. Aber abgesehen von dem Augenblick, als ein plötzlicher Windstoß das Zelt einzureißen drohte, wurde es nie hektisch oder laut.

In einem Punkt waren sich die Frauen des Teams einig. Für das Fest mussten sie sich zurechtmachen. Übereinstimmend legten sie ihr Werkzeug etwas früher beiseite, um sich umzuziehen. Eine der freiwilligen Helferinnen kramte ein Bügeleisen hervor und wollte es an den Generator anschließen. Die anderen Frauen stürzten sich erfreut darauf.

„Wie herrlich! Wie bist du nur auf die Idee gekommen, Jess?“

„Bin ich nicht. Meine Mom hat für mich gepackt. Ich habe ihr gesagt, das brauche ich nie, aber sie hat darauf bestanden.“

„Ich könnte deine Mutter küssen! Bedank dich in deinem nächsten Brief auch in meinem Namen bei ihr.“

„Ich habe aber kein Bügelbrett.“

„Wir brauchen nur ein Handtuch auf einem der Tische auszubreiten …“

Ein paar der Männer, die das mitbekamen, kratzten sich nachdenklich am Kopf.

An der Dusche und am Bügeleisen standen sie Schlange. Zum Glück hatte jeder etwas Passendes zum Anziehen, da sie eigentlich damit gerechnet hatten, wenigstens einmal das städtische Nachtleben der Emirate von Barakat zu genießen. Aber manche hatten eine komplette Galagarderobe mit. Sogar Gordon. Er überraschte alle, als er mit weißer Krawatte, im Smoking und mit polierten Schuhen erschien.

„Ich muss doch ein gutes Bild abgeben“, erklärte er, als die anderen ihn erstaunt musterten.

„Donnerwetter, Gordon!“, rief Lena verblüfft. „So etwas trägst du in der Wüste! Allmählich komme ich mir vor wie in einem Film.“

Lena selbst wirkte in ihrem tief ausgeschnittenen pinkfarbenen Kleid mit dem durchsichtigen Überwurf, der ganz nach östlicher Sitte mit Silber bestickt war, nicht minder auffallend.

Aber es war Zara, die alle ins Staunen versetzte. Das schlichte, hochgeschlossene und langärmelige weiße Seidenkleid, das bis zu ihren Füßen reichte und zu dem sie Goldsandalen trug, betonte ihre zierliche Figur. Ihr dunkles Haar hing offen bis über ihre Schultern, und ein goldenes Armband schmückte ihr Handgelenk. Lena musterte sie gespielt betrübt.

„Ich weiß nicht, jetzt habe ich das Gefühl, ich hätte es übertrieben“, beklagte sie sich. Aber der Protest, der von den Männern kam, sprach für sich.

Greg trat demonstrativ an ihre Seite, legte seine Arme um sie und warf einen gespielt lüsternen Blick in ihren Ausschnitt. „Jeder orientalische Machthaber muss erst einmal an mir vorbei.“

„Das dauert nicht lang“, bemerkte ein anderer.

Lena kicherte und warf einen Blick himmelwärts. „Greg, als ob ich noch Augen für dich hätte, falls der Prinz mich will!“

„Großartig“, versetzte Gordon trocken. „Ehe wir aufbrechen, darf ich euch daran erinnern, dass wir mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auf Kissen sitzen werden und dass es in diesem Land als unhöflich gilt, wenn man seine Fußsohlen auf jemanden richtet. Also, vergesst nicht, ihr könnt euch nicht der Länge nach ausstrecken und eure Füße übereinanderschlagen, sodass sie womöglich noch auf den Prinzen zeigen. Ihr müsst euch irgendwie auf eure Füße setzen.“ Er gab ihnen noch einige Ratschläge, blickte dann auf die Uhr und meinte: „So, es wird Zeit.“

Zu zweit und dritt verließen sie ihre Überdachung und waren kaum auf dem Weg zum Zelt, als sie Licht sahen. Ehe sie ihr Ziel erreicht hatten, wurden sie von einer Gruppe Diener begrüßt, die brennende Fackeln trugen. Ein Mann in prächtigem pfauenblauem Gewand schritt der Gruppe voran, verneigte sich und stellte sich als Arif ur-Rashid, Tafelgefährte des Prinzen, vor.

„Sehr schmeichelhaft“, bemerkte Gordon zu Zara. „Traditionell ist die Ehre umso größer, je näher der König oder sein Gesandter den Gästen entgegenkommt. Praktisch haben sie uns von unserer Haustür abgeholt. Wirklich sehr nett. Wir können uns auf ein stattliches Fest freuen, mit Perlen in unseren Weinkelchen als Gastgeschenke.“

Zara lachte leise. Sie war eine der wenigen, die merkte, wenn Gordon einen Scherz machte.

Aber es war weniger ein Witz, als er gedacht hatte. Sämtliche Mitarbeiter des Teams waren restlos verblüfft, als sie das Zelt betraten, in dem alles vor Prunk und Reichtum strotzte und in den herrlichsten Farben, in Smaragd, Rubin, Saphir und Türkis, leuchtete. Jeder Zentimeter der Wände, des Bodens und der Decke war mit Teppichen, Wandbildern und wunderschön gefärbten Stoffen geschmückt, und die Möbel – aus Walnuss, Mahagoni und anderem, unbekanntem gemasertem Holz – waren so auf Hochglanz poliert, dass sie regelrecht zu funkeln schienen.

Die Beleuchtung bestand aus offenem Feuer oder Flammen unter zartbemalten oder kristallenen Glaskugeln, durch die das Licht im Raum reflektierte, als wären es Tausende von Diamanten. Sie waren umgeben von exotisch gekleideten Männern, die sich als Tafelgefährten des Prinzen vorstellten. Sie hatten tatsächlich alle das Gefühl, um Jahrhunderte zurückversetzt worden zu sein, mitten in eines der Märchen aus Tausendundeine Nacht.

Während sie begrüßt wurden und sich miteinander unterhielten, ertönte ganz in der Nähe das laute Knattern eines Helikopters. Sofort lag eine gewisse Erwartung in der Luft, und sämtliche Mitarbeiter des Teams beobachteten verstohlen den Zelteingang. Plötzlich betrat eine Gruppe Männer den Raum. Alle Tafelgefährten wandten sich um und verneigten sich.

Die Neuankömmlinge waren ebenso exotisch und farbenprächtig gekleidet wie die Tafelgefährten, aber an dem atemberaubend prunkvollen Aussehen war der Prinz auf einen Blick zu erkennen.

Seine lange, hochgeschlossene Jacke war aus cremefarbener Seide und schien vom Ellenbogen bis zum Handgelenk sowie um den Kragen herum mit winzigen grünen Lichtern besetzt. Seine weite Hose war dunkelgrün. Diagonal über der Brust trug er eine goldene Schärpe und eine doppelte Kette mit wunderschönen Perlen, mindestens einen Meter lang. Sie hing über seiner Brust und war mit einem Rubin, so groß wie ein Hühnerei, auf der einen Schulter befestigt. Er hatte einen schwarzen Schnauzer und dichtes, welliges schwarzes Haar. Wie seine Gefährten kam er mit bloßem Haupt. An den Fingern steckten königliche Schätze aus Gold und Edelsteinen.

Er hob die Hand in einer Geste, die bei jedem anderen Mann theatralisch gewirkt hätte, fand Zara, aber bei ihm vollkommen natürlich schien. Lächelnd sagte er etwas auf Arabisch und fügte dann in Englisch hinzu: „Es ist sehr freundlich, dass Sie an meinen bescheidenen Tisch gekommen sind. Möge ein so erfreuliches Ereignis gesegnet sein.“

Darauf eine passende Antwort zu geben, war einfach unmöglich.

Prinz Rafi erkannte Gordon und begrüßte ihn. Arif gesellte sich dazu. Der Prinz unterhielt sich kurz mit Gordon, folgte dann Arif und gab jedem Einzelnen die Hand.

Zum Schluss war er bei Zara angelangt. Jetzt erst fielen ihr zwei Dinge auf, die sie aus der Ferne nicht hatte bemerken können – einmal, der Duft von Sandelholz oder Myrrhe, der ihn umgab, und zum anderen die faszinierende körperliche Ausstrahlung des Mannes. Er war nicht groß, aber er besaß eine spürbare Macht.

„Miss Zara Blake, Durchlaucht“, stellte Arif sie vor, und der Prinz reichte ihr die Hand. Sie merkte, wie sie errötete, als sie zu ihm aufschaute. „Miss Blake, Seine Königliche Hoheit Sayed Hajji Rafi Jehangir ibn Daud ibn Hassan al Quraishi.“

Arif sprach den Namen aus wie ein Gedicht.

„Miss Blake, es ist mir ein großes Vergnügen“, begrüßte sie der Prinz so warm und herzlich, dass es ihr fast aufrichtig zu sein schien.

„Ganz meinerseits, Durchlaucht“, erwiderte Zara und verneigte sich trotz aller demokratischen Prinzipien, die sie vertrat, wie von selbst. Vermutlich lag es an der natürlichen königlichen Ausstrahlung ihres Gegenübers.

„Ich hoffe, Ihr Aufenthalt in meinem Land wird dauerhaft und fruchtbringend sein“, meinte er.

Zara schaute erneut auf, vermochte aber seinem Blick nicht lange standzuhalten. Die Hitze in ihren Wangen verstärkte sich noch. „Durchlaucht sind sehr freundlich“, bemerkte sie leise und rechnete damit, dass er weitergehen würde. Mit den anderen hatte er auch nur ein paar Worte gewechselt.

Zu ihrer Überraschung wollte er jedoch wissen: „Ihr Vorname ist Zara?“ Er sprach ihren Namen mit einer starken Betonung auf dem ersten Vokal aus. Zahra.

„Ja.“

„Das ist ein sehr schöner Name. In meiner Sprache bedeutet er ‚Blume‘ und ‚Herrlichkeit‘, ‚Schönheit‘.“ Ohne es wortwörtlich auszusprechen, brachte er damit zum Ausdruck, dass sie einen passenden Namen bekommen hatte. „Sprechen Ihre Eltern zufällig Arabisch?“

„Nein. Mein Vater ist französischer Herkunft und meine Mutter …“, sie zuckte mit den Achseln und bemühte sich um ein Lächeln, „eine einfache Kanadierin.“

Zara war verwundert, dass sie ins Stammeln geriet und verwirrt reagierte. Das war sonst nicht ihre Art, und sie ärgerte sich über sich selbst. Er war schließlich nur durch seine Geburt ein Prinz, und seine Komplimente hatten keine größere Bedeutung als die eines anderen Mannes. Es gab keinen Grund, verlegen zu werden wie ein Teenager. Verzweifelt wünschte sie sich, er würde weitergehen.

Aber das tat er nicht. Er gab Arif ur-Rashid ein unmerkliches Zeichen.

Der Tafelgefährte nickte und wandte sich an die Gäste. „Hier in Barakat, meine Damen und Herren, pflegen wir nicht die westliche Sitte, einen Drink und Hors d’œuvres im Stehen zu servieren. Deshalb lade ich Sie jetzt ein, am Tisch des Prinzen Platz zu nehmen.“

Die Wand hinter Zara öffnete sich. Erst da sah sie den großen hölzernen Bogen, vor dem sie gestanden hatte. Er entpuppte sich als Türöffnung, die mit schweren Vorhängen verschlossen worden war.

Prinz Rafi bot ihr seinen Arm. „Erlauben Sie mir, Sie zu führen, Zara.“

Als er sie mit Vornamen ansprach, begehrte Zara innerlich dagegen auf. Jetzt reichte es ihr. Sie wollte sich nicht gleich in einem Harem wiederfinden.

„Danke, Rafi“, antwortete sie deshalb kühl und hakte sich bei ihm unter.

Er lächelte und nickte vergnügt. Unwillkürlich schnappte Zara nach Luft. Es war unklug, sich in einer fremden Kultur auf ein solches Spiel einzulassen. Sie hatte keine Ahnung, welche Botschaft sie ihm mit ihren Worten vermittelt hatte. Woher sollte sie wissen, ob sie nicht schon einem Schäferstündchen nach Tisch zugestimmt hatte?

Etwas verspätet erinnerte sie sich daran, dass sie nicht nur an sich denken durfte. Die Zukunft der Ausgrabung mochte von ihrem Verhalten abhängen. Auf einen Wink von ihm konnten sie morgen schon ihre Koffer packen müssen.

Die Mitarbeiter des archäologischen Teams folgten ihnen durch den Torbogen in den Speisesaal, wo sie erstaunt innehielten und sich kaum die Überraschungslaute verbeißen konnten. Sie benahmen sich geradezu wie Barbaren, die zum ersten Mal einen Blick in die Zivilisation werfen. Die Tafelgefährten luden jeden einzeln ein, Platz zu nehmen.

Prinz Rafi führte Zara herum. Mit Erstaunen musterte sie all die Kostbarkeiten. Unzählige bunte Seiden- und Webkissen waren um einen langen, niedrigen Tisch verteilt. Kristallene Gläser und bemaltes Porzellan funkelten in Silber und Altgold. In der Mitte des Tisches und ringsherum an den Wänden sah man das Flackern zahlloser Flammen in künstlerisch bemalten Glaskugeln. An einer Wand stand sogar ein großer Springbrunnen. Zara mochte es nicht glauben, aber er war aus echtem Marmor, und das leise Plätschern des Wassers war schöner als Musik. Auf der gegenüberliegenden Seite waren die Zeltbahnen hochgerollt worden, damit ihnen die sanfte abendliche Brise etwas Kühlung bot. Mond, Sterne und Wüste bildeten einen malerischen Hintergrund. Nie zuvor in ihrem Leben hatte Zara etwas Vergleichbares gesehen.

„Das ist wunderschön“, flüsterte sie, und Prinz Rafi lächelte.

„Es freut mich, dass es Ihnen gefällt, Zara.“ Er führte sie an das eine Ende des Tisches. Der Duft frisch zubereiteter Speisen erfüllte die Luft.

Prinz Rafi blieb stehen, und zu ihrer grenzenlosen Verwunderung erkannte Zara, dass er sie dazu ausersehen hatte, während des Abendessens neben ihm zu sitzen. Ein Tafelgefährte hatte sich auf der anderen Seite des Prinzen eingefunden, und gleich daneben hatte sich Gordon niedergelassen. Die anderen suchten sich ihre Plätze noch aus, und schon sah man, dass jeden zweiten oder dritten einer der Tafelgefährten innehatte.

Prinz Rafi bedeutete allen, sich hinzusetzen. Zara nahm auf den herrlich bequemen Kissen Platz und hielt ihre Füße ordentlich bei sich. Auf der anderen Seite neben ihr saß Arif ur-Rashid.

Musik erklang. Mehrere Musiker mit Geigen und anderen Instrumenten sorgten für die klangliche Untermalung während des Essens.

Arif klatschte in die Hände, und eine kleine Gruppe weiß gekleideter Jungen und Mädchen tauchte auf.

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