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Whiskey für alle

John B. Keane

Whiskey für alle

Geschichten von der Grünen Insel

Aus dem Englischen von Irmhild und Otto Brandstädter

Inhaltsübersicht

Garantiert rein

Auf Treu und Glauben

Fred Rimble

Die Zeichen stehen auf Sturm

Übertriebene Sparsamkeit

Dousie O’Dea

Bittere Erinnerungen

So will es der Brauch

Ab Sonntag für immer

Das Weideland vor der Schanze

Wie umgewandelt

Zwei Pelzmäntel

Erhängt

Curriculum Vitae

Torfstechen

Tod, sei nicht stolz

Unter dem Ahornbaum

Garantiert rein

Willie Ramley war von dem Wunsch beseelt, eine Jungfrau zu ehelichen, und aus eben diesem Grund hatte es ihn nach Irland getrieben. In einem Lokal in New York hatte ihm ein Mann mit einem unverkennbar breiten irischen Akzent vorgeschwärmt, dass es in Irland derart verheißungsvolle junge Mädchen zuhauf gäbe.

»Woher soll ich wissen, dass es eine Jungfrau ist?«, hatte Willie Ramley gefragt.

»Das wirst du schon merken«, hatte ihn der Mann beruhigt.

»Aber wie?«

»Du kannst dich auf mein Wort verlassen«, hatte der Mann gemeint, »es wird sich dir zur rechten Zeit offenbaren.« Mehr gab er nicht preis.

Willie war nun schon gute sechs Wochen in Irland, doch offenbart hatte sich ihm nichts. Kreuz und quer war er durch das Land gereist, aber keins der Mädchen, das ihm begegnete, hatte seinen Vorstellungen entsprochen. Und als er eine nach ihrer Jungfräulichkeit gefragt hatte, hatte die ihm einen Schlag verpasst, der den Goldenen Handschuh für einen Mittelgewichtler gerechtfertigt hätte. Er ging in sich und überdachte den Rat, den ihm der Mann in New York gegeben hatte.

»Es wird sich dir offenbaren«, hatte er gesagt. Es war am späten Abend des Heiligenfestes von Patrick gewesen. Unter den Stammgästen der Lokalität galt der Mann mit dem irischen Akzent, dessen Namen er vergessen hatte, als eine Art Seher. Sie behandelten ihn als etwas Besonderes, stellten ihm immer mal wieder ohne ersichtlichen Grund einen doppelten Whiskey hin, wahrscheinlich nur, um sich seiner Gunst zu versichern. Wie die Unterhaltung eigentlich begonnen hatte, wusste Willie nicht mehr. Er konnte sich nur noch daran erinnern, dass er vor dem Menschen seine ganze Lebensgeschichte ausbreitete, die mit einem tragischen Kapitel geendet hatte. In allen unerquicklichen Einzelheiten hatte er geschildert, wie er von seiner letzten Geliebten hintergangen worden war. Der Seher hatte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt, ihn eindringlich angesehen und ihm mit der anderen Hand ein unberührtes Glas Whiskey gereicht.

»Trink«, hatte er gesagt, »und hör gut zu, was ich dir jetzt erzähle.«

Willie tat, wie ihm geheißen.

»Du siehst vor dir einen Mann, der einmal in dem gleichen Dilemma steckte wie du«, hatte der Seher verkündet. »Mein Gesicht ist voller Falten, und mein Haar ist ergraut, aber auch ich war einst ein strahlender Jüngling, den es nach Lieben und Leben dürstete. Das graue Haar und all die Falten sind das Ergebnis einer bitteren Erfahrung. Ich darf deshalb einem so jungen Burschen wie dir einen Rat geben, und du darfst das nicht als Belehrung verstehen.« Mit diesen Worten hatte er sich eine Träne aus dem Auge gewischt und ihm ein zweites Glas Whiskey gereicht.

»Wart mal«, hatte Willie gesagt, »lass auch mich für dich einen zahlen.«

»Kommt nicht in Frage«, hatte der Mann abgewehrt. »Alle, die mich hier freihalten, haben auf die eine oder andere Weise von meiner Weisheit profitiert. Sollten wir uns wieder einmal begegnen und mein Rat hat sich für dich als vorteilhaft erwiesen, nehme ich gern ein oder zwei Glas Whiskey als Gegenleistung an, aber jetzt betrachte die gefüllten Gläser vor dir als eine Geste von mir.«

Willie hatte nur genickt, darauf bedacht, den Wortfluss des äußerst großzügigen alten Gentleman nicht mit flüchtigem Dankesgerede zu unterbrechen.

»Als ich so alt war wie du, stürzte ich mich Hals über Kopf mit dem erstbesten hübschen Mädchen in den heiligen Stand der Ehe«, vertraute ihm der alte Weise an. »Folgerichtig erwies sich die Verbindung als ein Fiasko. Sie dauerte ganze drei Wochen. Keine sechs Monate später war ich ein zweites Mal verheiratet, und als auch diese Ehe schiefging, sogar nicht mal so lange hielt wie die Erste, schwor ich mir, nie wieder zu heiraten. Geholfen hat es nichts. Eh ich mich versah, war ich wieder verheiratet. Du siehst, mein Junge, ich tauge nicht zur Ehe, sie hat mir nichts als Leid und Kummer gebracht. Siebenmal habe ich es versucht, und siebenmal bin ich gescheitert.«

Hier war der Punkt gekommen, da Willie Ramley das Gefühl hatte, sich erklären zu müssen. »Ich würde nur einmal heiraten«, sagte er.

Der Seher wollte schon eine bissige Bemerkung machen, aber irgendetwas im Auftreten des jungen Mannes hielt ihn davon ab. »Ich kann dich gut verstehen«, sagte er stattdessen, »doch nur einmal zu heiraten könnte sich schwieriger erweisen, als du denkst.«

»Das ist mir schon klar«, erwiderte Willie, »aber ich bin guten Mutes.«

Wieder legte der Weise dem jungen Mann die Hand auf die Schulter. »Dann musst du doppelt achtsam sein.«

»Bitte, gib mir einen Rat«, bettelte Willie. »Ich bitte dich inständig, rate mir, ehe es zu spät ist, allzu rasch gehen die Jahre dahin, und ich möchte nicht allein und verlassen dastehen.«

»Du solltest Folgendes tun«, hob der Seher mit großem Ernst an. »Begib dich nach Irland, dem geheiligten Flecken Erde, den meine Mutter, Gott hab sie selig, verließ, um in diesem weniger tugendhaften Landstrich eine Bleibe zu finden. Sie war wahrhaftig ein Engel, wenn es denn solche außerhalb der himmlischen Gefilde überhaupt gibt.« Hier machte der Seher eine Pause, um wohlgefällig von einem dankbaren Kunden ein Glas des bekömmlichen Trunks anzunehmen.

»Rein, wie du selbst bist«, fuhr der Weise fort, nachdem er sich mit einem Schluck gestärkt hatte, »musst du nach einem Wesen gleicher Reinheit Ausschau halten.«

Willie nickte eifrig. Sein ganzes Fühlen und Sein sagte ihm, dass er es mit einem echten Allwissenden zu tun hatte.

»Lass dich nicht von dem ersten hübschen Gesicht betören«, riet ihm der Alte, »auch nicht von einer koketten Maid, selbst wenn du denkst, sie sei die Erfüllung deiner Träume. Übe dich in Geduld, und du wirst auf das richtige Mädchen treffen. Sie wird etwas an sich haben, etwas ihr ganz Eigenes, was sie von allen anderen unterscheidet. Und dieses Besondere wirst du auf Anhieb bemerken, wie Schuppen wird es dir dann von den Augen fallen, es wird so sonnenklar sein, als wäre es ihr auf den Rücken geschrieben. Also geh deinen Weg, lass dich durch nichts beeinflussen. Verfolge beharrlich dein Ziel und bleibe deinem Ideal treu, dann wird sie dir so, wie ich es angedeutet habe, erscheinen.«

Der Weise machte mit beiden Händen eine schwungvolle Geste und gab so zu verstehen, dass er am Ende seiner Rede sei. Willie Ramley verließ die gastliche Stätte und bewegte wochenlang die weisen Ratschläge in seinem Herzen. Schließlich kam er zu dem Entschluss, nach Irland zu reisen, und hier befand er sich nun und war nach sechs Wochen in seinem Sehnen und Verlangen genau so weit wie am ersten Tag, als er den Fuß auf die Grüne Insel gesetzt hatte. Ihm blieben gerade noch zwei Wochen, und langsam überkamen ihn Angst und Verzweiflung, ob sich sein Traum je erfüllen würde. So sehen wir ihn denn an einem hellen Nachmittag im Monat Juni niedergeschlagen auf einem Büschel Strandhafer sitzen, wie er versonnen über die endlose Küste von Ballybunion schaut.

Über ihm kreischten die Seemöwen in der würzig duftenden Seeluft, und um ihn herum vergnügte sich die Menschheit, als könnte es keinen schöneren Tag geben. Die Älteren wateten im flachen Wasser, junge Männer gingen tollkühn auf Eroberung aus und beobachteten das weibliche Geschlecht mit prüfendem Blick. Kleinstkinder patschten in den sanft heranspülenden Wellen herum, und die etwas größeren Jungen und Mädchen bauten mit Schaufel und Spaten unermüdlich ihre Sandburgen. Ein sonnengebräunter Rettungsschwimmer überwachte das bunte Treiben. Kurzum, alle waren glücklich und zufrieden, nur Willie Ramley nicht.

Er war es überdrüssig, auf ein und demselben Fleck zu sitzen, und machte sich in den Ort auf, wo er in einer der gerühmten Wirtschaften ein erfrischendes Getränk zu sich nehmen wollte. Gedankenverloren schlenderte er durch die Straßen und schubste mit den neu erworbenen Sandalen leere Zigaretten- und Streichholzschachteln vor sich her. Fast wäre er dabei unter einen Bus geraten. Nur dem Aufschrei eines Passanten hatte er es zu verdanken, dass er heil davon kam. Er erhaschte gerade noch einen Blick seiner Wohltäterin, einem jungen Frauenzimmer, die ihr durchaus hübsches Gesicht sofort von ihm abwandte, als sie seine Augen auf sich gerichtet fühlte. Mit sich uneins, blieb er einen Augenblick vor der Tür eines beliebten Lokals stehen. Er musste an die Worte des Sehers denken und entschloss sich, es nicht bei der flüchtigen Begegnung zu belassen. Längst war die junge Dame entschwunden, doch er glaubte in ihr eines der Mädchen aus einer Gruppe erkannt zu haben, die auf dem Weg zum Strand gewesen waren. Raschen Schrittes strebte er voran und stieß tatsächlich auf die gesuchte kleine Schar. Es waren ihrer fünf. Er folgte ihnen, hielt allerdings diskret Abstand, wollte er doch den Bogen nicht überspannen und seine Chancen verspielen. Die Gruppe stieg etliche Steinstufen hinab, an deren Ende unten am Strand altersschwache Badekarren standen. Nach kurzer Verhandlung mit dem Besitzer begaben sich die fünf in jeweils einen der auf verrosteten Rädern stehenden Holzverschläge.

Willie Ramley merkte sich genau den Karren, in dem seine angebetete Schöne verschwunden war. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis sie wieder herauskam. Ein seltsames Gefühl bemächtigte sich seiner, eine Mischung von Erregung und Erwartung. Er vermutete in den fünfen Mädchen vom Lande, schloss das aus ihrer Art, wie sie sich unterwegs und dann am Strand umgeschaut hatten. Auch ihre einfache Kleidung und ihr ganzes Gehabe ließ die Schlussfolgerung zu, dass sie Töchter der heimatlichen Scholle waren. Mit einer keuschen Gewandung hatte er zwar gerechnet, aber auf den Anblick, der sich ihm bei ihrem Heraustreten aus den Badekarren bot, war er nicht gefasst gewesen. Jede der fünf war in ein langes Hemdkleid gehüllt, das bis auf die Zehen reichte und jede Spur von Figur verhüllte. Die Hemden waren aus leichtem Material, die Farbe eine Art schmutzig-weiß. Was Willie Ramley nicht wissen konnte, war, dass es sich bei diesen langen Gewändern um die übliche Badebekleidung der Leute vom Lande handelte. Sparsame Geschöpfe, die sie waren, gingen diese genügsamen Mädchen nicht in Warenhäuser, um Stoff für Unterwäsche oder Badebekleidung zu erwerben. Das Mehl für das tägliche Brot wurde im allgemeinen in Kattunsäcken mit einem Fassungsvermögen von einem Zentner geliefert. Die leeren Säcke wurden sorgfältig gewaschen und getrocknet und dann zu Hemden, Schlüpfern oder Hemdhosen verarbeitet, auch zu Fußballklamotten und Bettwäsche. Zwar mochte das städtische Volk am Strand die so bekleideten Frauen vom Lande amüsiert zur Kenntnis nehmen, würde es sich aber nie anmerken lassen. Unter Umständen lag das daran, weil so mancher selbst aus einer ländlichen Familie stammte.

Obwohl den Hemden jeglicher Schick fehlte, machten sie etwas her; stolz erhobenen Hauptes bewegte sich die Gruppe in wohl geordneter Formation hinunter zum Strand und ließ sich nicht im Geringsten davon beeindrucken, was andere über sie denken mochten. Ihre Anführerin war eine Achtung gebietende Person mittleren Alters mit Adlernase, vollbusig, groß und breitschultrig. Haltung und Gebaren deuteten darauf hin, dass sie in dem unwahrscheinlichen Fall eines Angriffs sich und ihre Schützlinge zu verteidigen wusste. Die anderen vier waren entschieden jünger, noch keine zwanzig oder gerade darüber, und Willie schlussfolgerte nicht zu Unrecht, dass die Matriarchin allem Anschein nach die Mutter war. Sittsam schritten sie hinter ihr her, ohne nach links oder rechts zu gucken. Das Mädchen, das Willies Kollision mit dem Bus verhindert hatte, ging als Letzte. Keine Frage, unter dem sackartigen Hemd verbarg sich ein Körper, wie er ihn sich in seiner Phantasie nicht schöner ausmalen konnte. Am Wasser angelangt, marschierten sie im Gänsemarsch bis zu einer menschenleeren Stelle. Dort gab die Matrone ein Zeichen, die jungen Mädchen wagten sich in das Wasser, hüpften und sprangen und kreischten, bis sie sich schließlich an die kalten, sie sacht umspülenden Wellen gewöhnt hatten. Unter dem wachsamen Auge ihrer Hüterin drehten sich dann alle vier zum Horizont, hoben vorn ihre Hemden und bespritzten den entblößten Teil ihres Körpers mit dem wohltuenden Meereswasser. Die Matrone selbst ging nicht einmal mit den Füßen ins Wasser, begnügte sich mit ihrer Rolle als Glucke, strafte den Neugierigen mit einschüchternden Blicken oder reckte auch mal drohend die Faust. Sowie die Mädchen genug hatten, ließen sie wieder keusch die Hemden herunter und kehrten dem Horizont den Rücken zu. Das Spiel wiederholte sich, bis die Hüterin der Ansicht war, dass alle gebührend gebadet hatten. Dann ging es im Gänsemarsch stolz und doch anmutig zurück. Willie versuchte, sich näher heranzupirschen. Betont lässig ging er ihnen entgegen, den Mund wie zum Pfeifen gespitzt, und gab sich als harmloser Feriengast, der nur mit sich beschäftigt war. Vorsichtig umkreiste er die Matriarchin, die ihre Brut zu den Badekarren führte. Dabei war er bemüht, mit der Gruppe Schritt zu halten und hinter ihnen zu bleiben, sodass er die Dame seiner Wahl im Auge behalten konnte. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke, und schon war es um ihn geschehen. Dennoch rief er sich den Rat des Sehers ins Gedächtnis: »Lass dich nicht von einem hübschen Gesicht betören.«

Doch diese junge Dame hatte nicht nur ein hübsches Gesicht. Das war eindeutig. Als er ganz dicht hinter ihr war, las er das Wort »Sonnenaufgang«, das in verschossenen roten Buchstaben auf den Hemdrücken gedruckt war. Natürlich konnte Willie Ramley nicht ahnen, dass es sich dabei um den Markennamen einer bekannten Mehlsorte handelte, die in ländlichen Kreisen sehr beliebt war. Der Name prangte in Großbuchstaben, und darunter war ein längeres Schriftband in ausgeblichenem Schwarz und in Kursivdruck.

Er musste unbedingt herausbekommen, was da stand, und wagte sich näher heran, bis er die Buchstaben entziffern konnte. »Hundert Pfund«, las er, »Garantiert rein«.

Er sprach die Worte immer wieder vor sich hin, und erst, als das Objekt seiner Begierde in der Umkleidebude verschwunden war, ging ihm die volle Bedeutung der Buchstaben auf. Er hatte den weisen Spruch des alten Mannes vor Augen. Was hatte er doch wiederholt gesagt? War es nicht etwas ganz Eigenes, etwas Besonderes, was ihm an seiner Zukünftigen auffallen würde? Wie genau waren die Worte gewesen, mit denen er das beschrieben hatte? Ganz langsam kehrten sie ihm ins Gedächtnis zurück.

»Und dieses Besondere wirst du auf Anhieb bemerken, wie Schuppen wird es dir von den Augen fallen, es wird so sonnenklar sein, als wäre es ihr auf den Rücken geschrieben.« So oder ähnlich hatte er gesagt. Weiteren Aufschluss über den Charakter des Mädchens brauchte er nicht. Ungeduldig wartete er auf ihr erneutes Erscheinen.

Für den Rest seines Urlaubs blieb sein Tagesablauf von einem beharrlichen und aufrichtigen Ansinnen bestimmt. Egal, ob morgens, mittags oder abends, er wartete auf sie. Seine unbeirrte Hingabe beeindruckte die Mutter des Mädchens, und als es Willie schließlich gelungen war, der jungen Dame ein ›Ja‹ abzuringen, gab die Mutter ohne Zögern ihr Einverständnis, und es wurde geheiratet. Die Flitterwochen verbrachte man, wie nicht anders zu erwarten war, in Ballybunion. In der ersten Nacht, die zu einer höchst beglückenden Vereinigung führte, präsentierte sich die sittsame Braut in ihrem bloßen Sackhemd mit dem schon bekannten Aufdruck auf dem Rücken: »Hundert Pfund. Garantiert rein«. Eins aber muss an dieser Stelle gesagt werden – noch nie hatte die Reklame für ein Produkt so der Wahrheit entsprochen wie in diesem Fall.

Auf Treu und Glauben

Die Brüder Fly-Low wohnten in einem alten Bauernhaus. Es lag auf einem kahlen Hügel und gab den Blick frei auf Schilfrohr und Felder. Tom Fly-Low war der Älteste von den dreien, dann kam Billy und schließlich Jack, der Jüngste.

Fly-Low war natürlich ein Spitzname. Mit richtigem Namen hießen sie Counihan. Mit dem wurden sie aber nur genannt, wenn der Gemeindepfarrer die Liste seiner Schäfchen durchging, und das geschah nicht öfter als alle fünf Jahre.

Im Jahr 1940 flog ein Aufklärungsflugzeug im Tiefflug über das Anwesen der Brüder. Sie waren gerade auf der Wiese beim Heuwenden. Als sie das Flugzeug gewahr wurden, war das Staunen ob des eindringenden Besuchers groß, und eifrig winkten sie dem Piloten mit ihren Heugabeln zu. Mit einem leichten Abkippen der Flügel erwiderte der Pilot ihren Gruß.

»Ein Tiefflieger!«, rief Jack Counihan. »Ein Tiefflieger!«, riefen auch die anderen. »Zieh noch eine Kurve! Fly low!«, schrien alle drei. Natürlich konnte der Pilot sie nicht verstehen, und in wenigen Augenblicken war das Flugzeug auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Auf den benachbarten Feldern, auf denen man ebenfalls beim Heumachen war, hatte man den Lärm gehört. Man machte seine Witze, und so dauerte es nicht lange, und statt Counihan war für die Brüder der Name Fly-Low in aller Munde. Durch den Spitznamen wurde es für alle einfacher, denn in den umliegenden Ortschaften gab es schon genug Familien, die Counihan hießen.

Jahre später, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, durchlitt das Land einen ungewöhnlich schlimmen Winter. Wenn nicht der Regen alles durchweichte, wehten scharfe und um alle Ecken pfeifende Winde. Wochenlang herrschte klirrender Frost, dann wieder taute es oder schneite, bis die Hügellandschaft in Weiß versank. Auch Schneeregen blieb nicht aus, dieser grässliche Mischmasch, wenn sich das Wetter nicht entscheiden kann, ob es regnen, schneien oder richtig hageln soll. Schon im Oktober hatte es genügend Vorwarnungen gegeben. Verhältnismäßig früh hatten sich ganze Heerscharen von Gänsen in die Lüfte erhoben. Je größer die Schwärme, desto dräuender das Wetter, lautete eine alte Bauernregel. Schwarzdorn und Weißdorn waren übersät mit Schlehen und Mehlbeeren, auch das ein Omen für stürmische Tage. Ständig hatte der Mond einen Hof, und das nicht nur bei Vollmond. Mitte Januar dann kam es zu einer geradezu beängstigenden Nacht. Noch vor Einbruch der Dunkelheit zogen braunrot gefärbte dichte Wolkenwände auf, jagten über den Himmel in sich stetig ändernden Gebilden. Heftiger Sturm wütete und nahm mit fortschreitender Nacht immer mehr zu.

Um Mitternacht fegte er mit einer Stärke, wie ihn seit Menschengedenken noch nie jemand erlebt hatte, über das Land. Heuballen wirbelten durch die Luft und landeten meilenweit entfernt auf fremden Feldern. Bäume knickten um, lockere Heuschober wurden zerfetzt, aber am Schlimmsten traf es die drei Brüder, denn das Unwetter trug von Toms Schlafraum die Dachziegel mit sich fort. Der Rest des Hauses blieb unversehrt. Um halb zwei in der Frühe blickte der Älteste der Fly-Low-Brüder in einen Himmel mit dahinjagenden Wolkenfetzen.

Er behielt die Ruhe und blieb im Bett liegen, bis sich der Sturm gelegt hatte. Das geschah endlich gegen Morgen, und im ersten Tageslicht zeigte sich eine verwüstete Landschaft.

Nach dem Frühstück betrachteten sich die Brüder den Schaden. Zum Glück hatte das Haus in den Grundfesten dem Wüten der Natur getrotzt. Sie kamen zu dem Schluss, dass alles, was sie brauchten, aus zweiter Hand zu erstehende Schieferplatten waren. Dankbar knieten sie in der Küche neben der Feuerstelle nieder und beteten einen Rosenkranz. Es wurde entschieden, dass Jack, der Jüngste, in die etwas entfernter gelegene Stadt Listowel fahren sollte, um die Baumärkte nach dem benötigten Material abzugrasen. Tom, der als Schatzmeister im Haus fungierte, zählte Jack fünfzig Pfund in einzelnen Banknoten in die Hand, während Billy nach der schwarzen Stute sehen wollte. Sie sollte vor den großen Karren mit den eisenbeschlagenen Rädern gespannt werden, dem einzigen Transportmittel, das die Brüder besaßen.

Jack rasierte sich in der Küche und schlüpfte in den Sonntagsstaat. Direkt an der Eingangstür hing ein kleines Becken mit Weihwasser. Er benetzte die schwieligen Finger, bekreuzigte sich und ging hinaus, um sich auf die Elf-Meilen-Reise in die Stadt zu machen. Auf dem mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Hof traf er auf den wutschnaubenden Billy. Die Stute war in der tosenden Nacht ausgebrochen und nirgends zu finden. Jack blieb nichts anderes übrig, als sich zu Fuß auf den Weg zu machen und unterwegs auf eine Mitfahrmöglichkeit zu hoffen.

Nach zwei Meilen legte er eine Pause ein, zündete sich eine Pfeife an und gönnte sich im Schutz einer dicht mit Efeu bewachsenen Hecke eine kurze Rast. Die abgegrasten hellgrünen Wiesen ringsum, gesprenkelt mit saftigeren Grasbüscheln, wo natürlicher Dung hingefallen war, erstrahlten im winterlichen Sonnenlicht. Im Gebüsch am Wegesrand sangen die Vögel. Müde rappelte er sich hoch und trottete weiter. Hinter ihm tauchte in einer Kurve ein Lieferwagen auf, ein alter Bedford. Ehe er ihm noch etwas zurufen konnte, schaltete der Fahrer den Gang runter und hielt an. Jack kletterte vorn in die Kabine zu ihm.

Der Mann war eine gepflegte Erscheinung mit schmalem Gesicht, steckte in einem verschossenen Overall und trug eine schon etwas mitgenommene schwarze Schottenmütze. Nachdem sich Jack für die Mitnahme kurz bedankt hatte, herrschte eine Weile Schweigen.

»Kenn ich dich nicht von irgendwoher?«, fragte schließlich der Fahrer.

»Kann ich mir kaum vorstellen. Ich kenn dich jedenfalls nicht«, erwiderte Jack.

»Ich heiße Florrie Feery«, stellte sich der Fahrer vor.

»Und ich bin Jack Counihan«, sagte Jack.

Eine halbe Stunde verging, ohne dass ein Wort gesprochen wurde. Dann hatten sie schließlich die Vororte von Listowel erreicht.

»Wo soll ich dich absetzen?«, fragte Florrie.

Jack Fly-Low nannte ihm den Namen eines prominenten Baumarkts und meinte: »Erst schulde ich dir aber noch einen Drink.«

Es blieb nicht bei einem, schon war man beim zweiten, und beim dritten hatten sie es sich bereits in einer gemütlichen Ecke der Bar an einem Tischchen bequem gemacht. Im Kamin gleich daneben flackerte ein wärmendes Torffeuer. Als Florrie aufstand, um ein viertes Glas zu bestellen, wehrte Jack ab. Er hätte Dringendes zu erledigen, das keinen Aufschub duldete.

»Was kann denn schon so wichtig sein, dass wir uns nicht noch einen deoch an dorais gönnen können?«, fragte Florrie.

Jack fühlte sich beschämt. Schließlich hatte er es mit einem außergewöhnlichen Burschen zu tun, der wie selbstverständlich auf der Straße für ihn angehalten hatte, wo er doch leicht nur ein Landstreicher oder gar Strauchdieb hätte sein können. Jack hatte zu ihm vorn in die Fahrerkabine steigen dürfen, ohne dass er irgendwelche Ausweispapiere hatte sehen wollen, und nun bestand er lediglich wie jeder andere anständige Mensch darauf, auch eine Runde ausgeben zu dürfen. Beim vierten Drink sprach man schon über persönlichere Dinge, über die Arbeit und die Familie, wurde vertraulicher, und es dauerte nicht lange, da fand Jack Fly-Low, er müsste nicht damit hinter dem Berg halten, weshalb es ihn eigentlich in die Stadt getrieben hatte. Florrie hörte ihm aufmerksam und mitfühlend zu.

»Wenn das kein Zufall ist«, murmelte er halb zu sich, halb zu Jack, als der mit der Schilderung des schadhaften Daches und der dringend benötigten Schieferplatten fertig war.

»Was meinst du mit dem Zufall?«

»Den Kumpel gleich hinter meinem Haus.«

»Was ist mit dem?«

»Ach, nichts weiter … nur, dass er ein altes Haus hat, das abgerissen werden soll.«

»Ja und?«

Florrie nippte nachdenklich an seinem Whiskey. »Das Dach ist noch Klasse, bessere Schieferplatten kannst du aus zweiter Hand nicht kriegen.«

»Der liebe Gott hat unsere Wege zusammengeführt«, sagte Jack Fly-Low ernst. »Glaubst du, dein Kumpel lässt mit sich reden und verkauft die Platten von seinem Dach?«

Florrie lachte vergnügt. »Erst heute früh hat er mich gefragt, ob ich für ihn nach einem Käufer Ausschau halten könnte.«

Dann sprachen sie nur noch im Flüsterton, Florrie bestand darauf. Zu leicht hätten Hinz und Kunz Wind von den Schieferplatten bekommen und den günstigen Handel abschließen können, ehe er sich selbst für Jack verwenden konnte. Äußerste Vorsicht wäre angebracht. Mit Rücksicht auf Jack wolle er das familiäre Verhältnis, das zwischen ihm und dem Besitzer des verfallenen Hauses bestand, durch nichts gestört wissen. Er war davon überzeugt, die Platten für lachhafte dreißig Pfund erwerben und liefern zu können. Blitzartig fuhr Jack Fly-Lows rechte Hand in die Innentasche, doch Florrie hielt sie zurück.

»Nicht hier«, warnte er, »lass uns lieber nach hinten gehen.« Auf dem abseits gelegenen provisorischen Örtchen wechselten die dreißig Pfund den Besitzer. Gentleman, der er war, ließ sich Florrie nicht daran hindern, eine Pfundnote wieder zurückzugeben, das würde Glück bringen. Natürlich musste der Handel begossen wurden, und erst, nachdem sie tief ins Glas geschaut hatten, entsann sich der Truck-Fahrer seines Auftrags, weiter weg im Umland eine Ladung Torf zu besorgen. Zum Abschied umarmte man sich herzlich, und Jack erhielt die Zusicherung, dass die Schieferplatten spätestens am folgenden Sonnabend im Laufe des Vormittags bei ihm sein würden.

Kurz vor Mitternacht erreichte Jack Fly-Low den heimatlichen Herd. Billy und Tom warteten schon und waren begierig zu hören, was der Tag gebracht hatte. Mit offenem Mund lauschten sie dem ausführlichen Bericht ihres Bruders. Seine beredte Schilderung von Florrie beeindruckte sie besonders. Bis in die frühen Morgenstunden schwärmte ihnen Jack von den großartigen Charaktereigenschaften des Mannes vor. Und drohte er des Erzählens müde zu werden, spornten ihn Tom und Billy von Neuem an. Sie sehnten den Sonnabend herbei, um dieses Muster an Tugendhaftigkeit selbst in Augenschein nehmen zu können.

Schon früh am Sonnabend kam ein Handwerker, um am Dach die Vorarbeiten für das Eindecken vorzunehmen. Gegen Mittag war er soweit und hätte mit dem eigentlichen Dachdecken beginnen können, doch auch im Laufe des Nachmittags ließ sich kein Florrie blicken.

»Der kommt schon noch«, verkündete Jack, »wir müssen ihm ein bisschen Zeit geben.«

Nahezu jede Stunde näherte sich ein Motorengeräusch, aber immer wieder fuhr das Fahrzeug auf der Straße, die am äußersten Ende des Grundstücks der Brüder vorbeiführte, weiter.

»Horcht, das ist er«, beschwor Jack die anderen jedes Mal. »Diesmal ist er’s bestimmt.« Sowie die drei Brüder einen Motor in der Ferne brummen hörten, hellten sich ihre Gesichter auf. Der Handwerksmann schmunzelte still vor sich hin. Das gibt eine gute Geschichte, sagte er sich, die heute Abend im Pub zu erzählen wird ein Spaß. Um fünf verdrückte er sich, versprach aber, sofort wiederzukommen, sowie die Schieferplatten da sein würden.

Die Tage gingen dahin, von Florrie immer noch keine Spur. Es folgten Wochen und Monate, ohne dass sich etwas tat. Auf den Wiesen blühten die ersten Narzissen, in den Dornbuschhecken drängten sich die Knospen ans Licht, doch nach Florrie und den Schieferplatten hielt man vergeblich Ausschau.

Ab und an schaute der Dachdecker vorbei und wollte wissen, ob das Baumaterial eingetroffen wäre. Er bot sich auch an, das Dach provisorisch mit Wellblech zu decken, doch davon wollten die Brüder nichts hören. Was würde Florrie dann denken? Sie hatten sich eingeredet, dass er krank geworden war oder einen schweren Unfall gehabt hatte.

Nichts konnte ihr Vertrauen in Florrie erschüttern. Hatte doch Jack einen ganzen Tag mit ihm verbracht, ihn sozusagen von allen Seiten abgeklopft und sich davon überzeugt, dass er ein rundum feiner Kerl war. Der Sommer kam und ging, und Toms Schlafraum war immer noch den Elementen ausgesetzt. Er behalf sich mit einem Feldbett in der Küche. Die Brüder waren sich darin einig, dass es ein Vertrauensbruch wäre, das Dach decken zu lassen, bevor Florrie auftauchte. Und kommen würde er. Soviel stand fest.

Oft kamen Nachbarn zu einem Schwatz zu Besuch, und immer noch hielt der eine oder andere der Brüder mitten im Gespräch inne, sowie von draußen ein Verkehrsgeräusch an ihre Ohren drang. »Pst, hört mal«, hieß es dann, »das könnte Florrie mit den Schieferplatten sein.«

Er war es nie. In den Gehöften ringsherum wurde über die Geschichte nur noch gewitzelt. Wenn man ein Auto vorbeifahren hörte, hieß es nur noch: »Pst, horch mal. Das ist Florrie mit den Schieferplatten!«

Über Jahre hinweg war der Ausruf bei den Jüngeren, die immer zu einem Lacher aufgelegt waren, ein nie versagender Spaß geworden. Das war gar nicht böse gemeint. Lustig machte sich niemand über die Fly-Lows. Sie waren angenehme Nachbarn, zutiefst religiös und hilfsbereit bis zum Letzten.

Im Laufe der Jahre wurde in der Küche der Fly-Lows der Name Florrie immer seltener erwähnt. Nachts, wenn das Brummen eines Lkws im Schornstein widerhallte, warfen sich die Brüder zwar noch hoffnungsvolle Blicke zu, aber keiner verlor ein Wort. Jack litt am meisten unter der Enttäuschung. Die anderen hatten Florrie ja nicht so gekannt wie er. Möglicherweise hatten sie insgeheim ihre Zweifel oder hegten einen Verdacht, aber derlei Gedanken kamen für ihn nicht in Frage, schließlich hatte er den Mann leibhaftig erlebt, und so ließ er sich in seinem Vertrauen nicht beirren.

Jack stellte sich alles Mögliche vor, was hätte passiert sein können. Florrie ging mit seinem Geld freizügig um. Vielleicht war das auch anderen Gästen in der Wirtschaft aufgefallen, die anständige Menschen ausplünderten. Vielleicht lag er schon längst irgendwo im Moor oder in einem Entwässerungsgraben und war am Verwesen. Wahrscheinlicher allerdings war es, dass er einen Unfall gebaut hatte. An ihrem gemeinsamen Nachmittag damals in Listowel hatte er ein gut Maß über den Durst getrunken. In Jack Fly-Lows Vorstellung war der arme Bursche tot und längst begraben oder aber hatte sein Gedächtnis verloren. Ihm waren schon Fälle zu Ohren gekommen, wo nach exzessivem Genuss von fragwürdigem Whiskey das Gedächtnis wie ausgelöscht war. Möglich war alles.

Tom und Billy rangen sich zwangsläufig dazu durch, das Dach decken zu lassen. Das ganze Haus drohte in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Ein Zugeständnis machten sie – es wurden keine Schieferplatten verwendet. Stattdessen nagelte der Handwerker das Dach mit Wellblech zu. Die Reparatur erfolgte im Frühjahr. Im darauffolgenden Winter erlag Tom Fly-Low einer schweren Lungenentzündung. Die Brüder gaben dem Wellblechdach die Schuld und mieden den Raum nach Toms Beerdigung.

Das nächste Frühjahr kam. Wieder verhieß der Schornstein das deutliche Brummen eines sich nähernden Lasters. Dem immer stärker werdenden Geräusch war zu entnehmen, dass er auf das Haus der Fly-Lows zusteuerte. Jack und Billy waren im Nu auf den Beinen, lauschten gespannt und wagten kaum zu atmen. Mit klopfendem Herzen öffnete Jack die Haustür. Draußen stand tatsächlich ein Lastwagen. Ein Mann kletterte aus der Fahrerkabine und kam heran.

»Ist das Florrie?«, fragte Billy flüsternd den neben ihm stehenden Bruder. Jetzt war der Lkw-Fahrer fast bei ihnen angelangt. Jack Fly-Low zeigte keinerlei Regung, während Billy am ganzen Körper zitterte. »Bin ich hier richtig bei Dinnegan?«, erkundigte sich der Fremde.

»Nein«, gab Jack zur Antwort. »Sie müssen die Straße wieder ein Stück zurück, dann die erste Abzweigung rechts, dort wohnen die Dinnegans.«

Der Mann war von gedrungener Statur, wirkte grobschlächtig und hatte eine kehlige Stimme. Florrie hingegen war schlank und groß, eine eher elegante Erscheinung gewesen. Der Fahrer kletterte wieder ans Steuer, drehte um und fuhr davon.

In der Küche taumelte Billy Fly-Low gegen den Tisch. Die Erregung war zu groß für ihn gewesen. Er konnte sich nicht halten und stürzte zu Boden. Ein fremdartiger, unheimlicher Laut entrang sich seiner Kehle. Jack kniete nieder und flüsterte dem Sterbenden die Worte des Schuldbekenntnisses, mea culpa, ins Ohr.

Einige Monate nach dem Begräbnis taten sich mehrere Nachbarn zusammen und gingen Jack Fly-Low besuchen. Billys Tod hatte ihn arg mitgenommen, er war abgezehrt und schwach. Sein Zustand machte die Nachbarn betroffen. Vielleicht wäre es das Beste, den Hof zu verkaufen, drangen sie in ihn, und in die Stadt zu ziehen, wo es sofort Hilfe gäbe, wenn ihm etwas zustoßen würde. Nein. Nie würde er Haus und Hof verlassen. Dann vielleicht eine Haushälterin? Nein. Den Hof verpachten? Nein. Jack Fly-Low blieb stur. Er würde allein zurechtkommen und sich selbst behelfen – bis zum Schluss. Trotzdem machten die Nachbarn unter sich aus, in regelmäßigen Abständen nach ihm zu sehen.

Im Dezember wütete ein unerwartet heftiger Schneesturm. Weiter abseits liegende Häuser waren mehrere Tage völlig abgeschnitten. Auch das kleine Anwesen der Fly-Lows gehörte dazu. Sowie die Nebenstraßen wieder passierbar waren, stapfte ein Nachbar den Hügel hinan. Er fand Jack in einem erbarmenswerten Zustand vor. Sein Atem ging unregelmäßig und schwach. Immer wieder rang er zwischendurch heftig nach Luft. Der Nachbar lief los und bat den Nächstbesten, nach dem Priester und einem Arzt zu schicken. Er selbst kehrte ans Krankenlager zurück, setzte sich auf die Bettkante, hielt Jack Fly-Low die Hand und zählte die immer schwächer werdenden Atemzüge.

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