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Wetten, du küsst mich!

1. KAPITEL

„Ich bin nicht käuflich, Mr. Hawke.“

Jackson Hawke sah die Frau hinter dem Schreibtisch an und verkniff sich ein Lächeln. „Aber ich will Sie doch nicht kaufen, Miss Spencer. Ich biete Ihnen lediglich eine Anstellung an.“

„Ich habe schon einen Job“, gab sie mit der kühlen Verachtung einer echten Südstaatenlady zurück. „Ich bin die Geschäftsführerin des Contessa-Hotels.“

Immerhin, Courage hat sie jedenfalls, dachte Jack. Mit einer derart kühlen Abfuhr hatte er nicht gerechnet. Immerhin hatte er ihr gerade mitgeteilt, dass er ihrer Bank das überfällige Darlehen für ihr kleines Hotel in New Orleans abgekauft hatte. Das war sein Beruf: Unternehmen in Geldschwierigkeiten aufzukaufen und wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Dass er selten willkommen war, daran hatte er sich längst gewöhnt. Die meisten Geschäftsleute reagierten verängstigt, wütend oder beides. Und diese Reaktion hatte er auch von den Besitzern des Contessa-Hotels erwartet. Mit trotzigem Widerstand hatte er dagegen nicht gerechnet. Ja, trotzig, das passte.

„Klar haben Sie einen Job“, gab er zurück. „Unter den derzeitigen Umständen fragt sich nur: wie lange noch?“

„Meine Position hier steht nicht zur Disposition“, sagte sie fest. In ihrer Stimme klang Wut mit. „Mein Urgroßvater hat dieses Hotel vor fast einhundert Jahren erbaut, und seitdem ist es immer in Familienbesitz gewesen. Es tut mir leid, wenn bei Ihnen der Eindruck erweckt wurde, wir würden eventuell verkaufen. Ich kann Ihnen versichern: Das Contessa steht nicht zum Verkauf.“

„Ich habe hier eine Quittung über fünfzehn Millionen Dollar, die das Gegenteil belegt“, sagte er.

„Das Geld erstattet Ihnen die Bank mit Sicherheit zurück, nachdem ich dieses … dieses Missverständnis aus dem Weg geräumt habe.“

Er beugte sich vor und sah ihr tief in die Augen. „Schauen Sie sich diese Unterlagen noch einmal genau an, Miss Spencer“, sagte er und deutete auf den großen Stapel von Papieren. Dort stand schwarz auf weiß, dass er das Hotel erworben hatte, weil Laura Jordan Spencers Mutter den Bankkredit nicht mehr bedienen konnte. „Hawke Industries ist der neue Eigentümer dieses Hotels.“

Wütend sah sie ihn an. „Mir ist egal, was diese Unterlagen besagen. Da ist ein dummer Fehler passiert, das ist alles.“ Sie drückte einen Knopf auf der Gegensprechanlage. „Penny, versuch bitte noch mal, Mr. Benton von der Bank zu erreichen.“

„Sie verschwenden Ihre Zeit.“ Er wusste, dass der Mann gar nicht in der Stadt war.

„Der Einzige, der meine Zeit verschwendet, sind Sie“, gab sie bissig zurück.

Während sie auf das Klingeln wartete, musterte Jack sie eingehend. Ihre mandelförmigen Augen, ihr energisches Kinn, die zarte Haut, den üppigen Mund. Sie war keine Schönheit im klassischen Sinn und auf den ersten Blick auch nicht auffallend sexy. Aber sie hatte etwas Besonderes – eine Sinnlichkeit, die sie auch unter ihrem geschäftsmäßigen Gebaren nicht verbergen konnte. Als sie seine musternden Augen bemerkte, warf sie ihm einen wütenden Blick zu, der sagte: Lass das!

Die Gegensprechanlage summte. „Hm, verstehe“, sagte sie kurz darauf in den Hörer. „Danke, Penny.“

„Selbst wenn Sie mit Benton reden – das ändert überhaupt nichts, Miss Spencer. Ihre Mutter hat dieses Hotel als Sicherheit für den Kredit gegeben. Und Hawke Industries hat diesen fälligen Kredit von der Bank erworben. Da Ihre Mutter die Raten nicht bedienen kann, gehört das Contessa-Hotel jetzt Hawke Industries. So einfach ist das.“

„Sie irren sich“, beharrte sie. „Nie im Leben hätte meine Mutter das Contessa als Sicherheit gegeben.“

Allmählich war Jack die Diskussion leid. Er nahm den Papierstapel, suchte das von ihrer Mutter unterzeichnete Dokument heraus und hielt es ihr vor die Nase. „Hiermit hat Ihre Mutter ihre Anteile am Contessa als Sicherheit für den Kredit verpfändet. Sie werden ja wohl nicht bestreiten, dass das ihre Unterschrift ist?“

Betroffen schaute Laura das unheilvolle Dokument an. Zum ersten Mal, seit er hier aufgetaucht war, wurde sie unsicher. Aber nur für einen Augenblick. „Ist mir egal, was da steht. Selbst wenn meine Mutter das Hotel tatsächlich als Sicherheit hätte geben wollen – sie konnte es gar nicht.“

„Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“

„Weil meine Schwester und ich je zehn Prozent der Anteile besitzen. Und wir hätten da niemals zugestimmt.“

„Sie brauchte Ihre Zustimmung nicht, um ihre eigenen Anteile zu verpfänden“, belehrte er sie. „Und genau das hat sie getan.“

„So etwas würde meiner Mutter nie in den Sinn kommen. Schon gar nicht, ohne vorher mit mir darüber zu sprechen.“

Laura klang längst nicht mehr so selbstsicher wie am Anfang. Angst schwang jetzt in ihrer Stimme mit. Und das bewirkte etwas Ungewohntes in ihm. „Sagten Sie nicht, Ihre Mutter sei außer Landes, auf Geschäftsreise?“

Laura nickte. „Sie und ihr Mann eröffnen in Frankreich einen Nachtclub.“

„Nun – vielleicht wollte sie Ihnen ja davon erzählen und ist dann nicht mehr dazu gekommen“, lenkte er ein und wunderte sich selbst über seinen plötzlichen Anfall von Mitgefühl. Er runzelte die Stirn. Gefühl und Geschäft schlossen sich gegenseitig aus. Das war seine eiserne Grundregel. Was hatte er bei seinen Dutzenden von feindlichen Übernahmen nicht schon alles erlebt! Tränen. Bitten und Betteln. Ja, sogar eindeutige Angebote. Doch nie hatte ihn etwas von seinem Kurs abgebracht.

„Nicht dass ich damit sagen will, dass es so war – aber wenn meine Mutter ihre Anteile am Contessa tatsächlich als Sicherheit für den Kredit eingesetzt hat, dann war sie sich der Folgen sicherlich nicht bewusst.“

Jack schüttelte den für ihn ganz untypischen Anflug von Mitgefühl ab. Schließlich ging es um Geschäfte. Und dabei hatten Gefühle nichts zu suchen. Und nichts – kein hübsches Gesicht, keine wohlgeformten Beine, kein noch so beeindruckendes Auftreten – würde ihn darin beirren. „Sie sind doch eine kluge Frau, Miss Spencer, das ist mir nicht entgangen. Vermutlich hat Ihre Mutter gar kein Interesse an diesem Hotel. Warum sonst hätte sie es in Ihre Hände gelegt und das Land verlassen? Nicht dass ich es ihr verdenken könnte. Selbst als Ihr Großvater noch lebte, warf das Hotel kaum etwas ab. Und seit seinem Tod macht es nur noch Verluste.“

Misstrauisch kniff sie die Augen zusammen. „Ich frage Sie gar nicht erst, woher Sie Ihre Informationen haben.“ Wenn sie aufgeregt war, war ihr Südstaatendialekt besonders ausgeprägt. „Aber ganz offensichtlich hatte Ihr Informant nicht alle Fakten. Sonst hätte er – oder sie – Ihnen auch berichtet, dass es mit dem Hotel in den vergangenen vier Monaten stetig bergauf gegangen ist. Welche Probleme das Contessa früher auch gehabt haben mag – sie sind vorbei. Das Hotel läuft jetzt gut.“

„‚Gut laufen‘ nenne ich was anderes. Ihre Gewinnmarge können Sie mit dem Elektronenmikroskop suchen.“

„Ich …“

Jack erhob seine Hand. „Schon gut, schon gut. Ich weiß, Sie haben die Geschäftsführung erst vor einem halben Jahr übernommen und seitdem einiges erreicht. Aber Sie und ich wissen, dass das Hotel aufgewertet werden muss. Um im kleinen Segment der Luxushotels in dieser Gegend Marktführer zu werden.“ Er machte eine kleine Pause und wurde dann deutlich: „Da Sie einen Anteil von zehn Prozent an dem Hotel halten und sich mit ihm gut auskennen, biete ich Ihnen Zusammenarbeit an. Sie haben die Wahl. Andernfalls zahle ich Ihnen und Ihrer Schwester einen fairen Preis für Ihre Anteile.“

„Ich bin an einem Verkauf nicht interessiert. Und meine Schwester ebenso wenig.“

„Nicht so voreilig, Miss Spencer. Sie kennen mein Angebot ja noch gar nicht. Und Ihre Schwester auch nicht.“

„Das ist auch völlig egal. Ich werde auf keinen Fall …“

„Ich biete Ihnen und Ihrer Schwester jeweils zwei Millionen Dollar für Ihre Anteile. Und obendrein …“

„Kein Interesse.“

„Lassen Sie mich doch bitte erst mal ausreden“, sagte er, während sie vor Zorn rot anlief. „Obendrein biete ich Ihnen an, Geschäftsführerin des Contessa zu bleiben – zu einem überaus großzügigen Gehalt. Deutlich mehr, als Sie bei der Stratton-Hotelgruppe oder im Windsor verdient haben.“ Ganz offensichtlich hatte er sich sehr genau informiert.

Sie kniff die Augen zusammen. „Vielleicht sollten Sie sich mal zu einem Hörtest anmelden, Mr. Hawke. Wie ich Ihnen bereits sagte, bin ich nicht käuflich. Und das Contessa auch nicht.“

Ehe er ihr klarmachen konnte, dass ihm bereits 80 Prozent des Hotels gehörten, klopfte es. Die brünette Assistentin, die ihn vorhin ins Büro geleitet hatte, sah durch den Türspalt. „Tut mir leid, dass ich stören muss, Laura.“

„Schon gut, Penny. Was gibt’s denn?“

„Du wirst unten gebraucht.“ Sie schaute auf den Besucher, dann wieder auf ihre Chefin. „Du weißt schon, du hast doch die Besprechung mit dem Küchenpersonal.“

„Danke, Penny. Sag ihnen, ich komme gleich.“

Jack hatte genau beobachtet, welche Blicke die beiden Frauen austauschten. Sein Gespür sagte ihm, dass es nicht um eine simple Dienstbesprechung ging. Wahrscheinlich ging es um größere Probleme – wovon das Hotel in den letzten Jahren mehr als genug gehabt hatte. So schön das Contessa auch war – und so viel Gewinn er damit zu erzielen gedachte –, der Zahn der Zeit hatte heftig an dem alten Gebäude genagt. Es musste dringend renoviert werden, um nicht irgendwann zusammenzufallen. Er wollte dem Hotel wieder zu seinem früheren Glanz verhelfen, es profitabel machen – mit oder ohne Laura Spencers Hilfe.

Sie erhob sich von ihrem Schreibtisch. „Wie Sie hören, Mr. Hawke, die Pflicht ruft. Ich betrachte unser Gespräch als beendet.“

Ein Hinauswurf, wenn auch ein formvollendet formulierter. So eine Dreistigkeit hatte sich ihm gegenüber schon lange niemand mehr erlaubt – erst recht niemand in eindeutig schlechterer Position. Halb verärgert bewunderte er doch ihren Kampfgeist. „Miss Spencer, ich schlage vor, Sie lassen die Unterlagen von Ihren Anwälten prüfen.“

„Das werde ich.“

„Sobald Sie bestätigt haben, dass Hawke Industries der neue Mehrheitseigner des Contessa-Hotels ist, sollten wir in Sachen Geschäftsführung sprechen. Am besten morgen früh.“

„Morgen früh habe ich keine Zeit“, sagte sie geschäftsmäßig.

„Dann am Nachmittag. Ist vierzehn Uhr okay?“

„Da habe ich auch keine Zeit.“

Jack starrte sie ungläubig an. Wie konnte sie nur so widerborstig sein? Die bloße Nennung seines Namens ließ hartgesottene Vorstandsvorsitzende erzittern, aber dieser kleinen Geschäftsführerin einer Hotelklitsche war das schnuppe. Irgendwie imponierte ihm diese Furchtlosigkeit. Zumal sie auch sonst gar nicht so übel war, wie er sich eingestand. Unter anderen Umständen hätte er sich durchaus eine Verbindung mit ihr vorstellen können, und damit war in diesem Fall keine Geschäftsverbindung gemeint. Er war nicht auf einen speziellen Typ festgelegt; aber er mochte attraktive und intelligente Frauen. Dass Laura Spencer intelligent war, stand außer Frage. Und attraktiv fand er sie auch, mit den großen Augen und dem Haar, dessen Farbe irgendwo zwischen Rot und Braun changierte. Perfekt eigentlich – wäre da nicht die Sache mit dem Hotel. Das war die große, die unüberwindliche Schwierigkeit. Attraktiv hin oder her, persönliche Vorlieben durften hier keine Rolle spielen. Also, denk ans Geschäft! „Na gut, dann morgen Abend“, sagte er. „Besprechen wir meine Pläne für das Hotel bei einem ausgiebigen Abendessen.“

„Da habe ich schon was vor“, entgegnete sie kühl.

Die Gegensprechanlage summte. „Laura, die brauchen dich jetzt wirklich dringend bei der Besprechung.“

„Ich komme“, sagte sie.

„Ich nehme mal an, einen anderen Termin brauche ich Ihnen gar nicht erst vorzuschlagen“, sagte er. Er wusste haargenau, was in ihr vorging. Sobald sie einem Treffen zustimmte, gestand sie ein, dass er recht hatte. Dass das Contessa-Hotel nicht mehr ihrer Familie gehörte.

„Das haben Sie sehr gut erkannt, Mr. Hawke. Meine ganze Woche ist verplant, da kann ich beim besten Willen nichts einschieben.“

„Sie werden sich die Zeit nehmen müssen, Miss Spencer. Ob es Ihnen gefällt oder nicht – Sie müssen sich irgendwie mit mir arrangieren.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ Jack das Büro.

Laura presste die Finger gegen ihre Stirn, als sie die Hotelküche verließ. Die Kopfschmerzen, die mit Jackson Hawkes Besuch in ihrem Büro begonnen hatten, wuchsen sich zu einer handfesten Migräne aus. Auf dem Weg durch die Lobby zum Fahrstuhl nickte sie den Angestellten kurz zu. Immerhin hatten sich die Probleme in der Küche als eher harmlos herausgestellt: Ihr divenhafter Chefkoch weigerte sich standhaft, das fälschlich angelieferte Billigsalz zu verwenden – er bestand auf echtem Meersalz. Also hatte sie höchstpersönlich bei einem Restaurant in der Nachbarschaft etwas Meersalz ausgeliehen, damit Kochkünstler André sein kulinarisches Meisterwerk vollenden konnte. Dann hatte sie einen Kellnerlehrling beauftragt, die falsche Lieferung umzutauschen.

André, diese Koch-Mimose! Der renommierte Meisterkoch, den sie bei einem großen Restaurant abgeworben hatte, probte zwar immer wieder wegen Nichtigkeiten den Aufstand, aber er war trotzdem jeden Cent und alle Unannehmlichkeiten wert. Immerhin sorgten seine exquisiten Gerichte dafür, dass das Hotelrestaurant brummte wie nie zuvor. Im Moment war der aufbrausende André ohnehin ihr geringstes Problem. Das wirkliche Problem war Jackson Hawke. Sobald sie nur an ihn dachte, hämmerte der Kopfschmerz doppelt stark.

Laura betrat den Fahrstuhl zur Chefetage. Wenn sich doch nur die Probleme mit Jackson Hawke ebenso leicht lösen ließen! Noch hatte sie ein Fünkchen Hoffnung, dass der Mann vielleicht doch falschlag. Dass ihre Mutter doch nicht ihre Anteile am Hotel verpfändet und Hawke sie doch nicht rechtskräftig erworben hatte. Sie sah ihn genau vor sich, wie er sie mit seinen blauen Augen eingehend gemustert hatte. Sein selbstsicheres Auftreten. Sie seufzte. Auch wenn die Hoffnung zuletzt starb – er hatte nicht gerade den Eindruck eines Mannes gemacht, der sich oft irrte.

In ihrem Büro öffnete sie eine Schublade und griff nach einer Packung Kopfschmerztabletten. Sie spülte zwei Tabletten mit Wasser hinunter und setzte sich. Doch schnell wurde Laura klar, dass die simplen Schmerztabletten diesmal nicht ausreichen würden. Sie würde die stärkeren Migränepillen brauchen, die der Arzt ihr verschrieben hatte. Die wirkten zwar, raubten ihr aber auch die Antriebskraft und machten sie den ganzen Tag lang benommen. Und gerade heute brauchte sie einen klaren Kopf und alle Energie, die sie nur aufbringen konnte.

Sie sah zu einem eingerahmten Foto hinüber. Das Bild zeigte Laura zusammen mit ihren Halb- und Stiefgeschwistern auf der letzten Hochzeit ihrer Mutter. Sie betrachtete die lächelnde grünäugige Blondine, die neben ihr stand – ihre Halbschwester Chloe. Mit ihren 22 Jahren war Chloe vier Jahre jünger als Laura; sie stammte aus der vierten Ehe ihrer Mutter mit dem Fernsehschauspieler Jeffrey Baxter. Chloe war ebenfalls Schauspielerin und lebte an der Westküste. Sie legte Wert auf gesunde Ernährung und kannte sich gut mit Naturheilmethoden aus.

Laura wollte erst eine von Chloes Methoden probieren, bevor sie auf die starken Tabletten zurückgriff. Ihre Halbschwester hatte ihr einmal gezeigt, wie man durch Atmung Schmerzen lindern konnte. Dazu gehörte auch das Herunterbeten eines Mantras, aber Laura brachte es nicht über sich, die Worte laut vor sich herzusingen; sie wäre sich dabei unsagbar dumm vorgekommen. Also wiederholte sie die Worte nur im Geiste.

Ich fühle, wie mein Herzschlag sich verlangsamt. Ich fühle, wie das Blut in meine Arme hinabströmt bis in die Fingerspitzen. Meine Finger werden warm. Ich fühle, wie die Anspannung meinen Körper verlässt. Ich bin entspannt. Ich bin ganz ruhig.

Im Stillen wiederholte sie die Sätze immer wieder und schloss die Augen. Doch prompt tauchte wieder das Bild von Jackson Hawke vor ihrem inneren Auge auf. Überdeutlich sah sie ihn vor sich, im grauen Anzug, mit blauer Krawatte, die zur Farbe seiner Augen passte. Sogar sitzend wirkte er groß und bedrohlich, vor allem, als er ihr mitteilte, dass das Contessa nun ihm gehörte. Allein der Gedanke an ihn ließ ihren Kopfschmerz wieder stärker werden.

„Mit den sanften Heilmethoden wird das wohl nichts“, murmelte sie und öffnete die Augen wieder. Neben den Migränetabletten in der Schublade lagen ihre Süßigkeitenvorräte. Sie biss sich auf die Unterlippe und erinnerte sich an das Gelübde, das sie erst vor drei Tagen vor sich selbst abgelegt hatte. Keine Kekse. Keine Süßigkeiten. Kein Eis. Keine Schokoriegel mit klebrig-süßer Füllung.

Hin- und hergerissen starrte sie die verlockenden Teile an. Das Wasser lief ihr ihm Mund zusammen. Aber sie hatte sich doch geschworen: Keine Süßigkeiten – außer im Notfall. Nur: Was war die Sache mit Jackson Hawke und der Monsterkopfschmerz, wenn kein Notfall? Gierig griff sie nach dem Schokoriegel, riss das Papier herunter, biss in die süße Verlockung, schloss die Augen und stieß ein genüssliches Stöhnen aus.

„Auweia.“

Laura fuhr zusammen. In der Tür stand Penny. Schnell stopfte sie sich den Rest der verbotenen Schokolade in den Mund und schlang sie herunter. Kalorien hin oder her, sie fühlte sich schon besser.

Penny setzte sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch, sah auf das zerrissene Einwickelpapier des Schokoriegels und sagte: „Da Chefkoch André seine ständige Kündigungsdrohung ja wieder nicht wahr gemacht hat, liegt es wohl an diesem Hawke, dass du deine Diät abgeblasen hast. Wer ist dieser Mann, Laura? Was wollte er?“

Laura erklärte ihrer Assistentin in wenigen Worten die Situation. Penny war genauso fassungslos wie ihre Chefin noch vor einer Stunde. Doch bei Laura ließ der Schock schon allmählich nach. Irgendwie musste sie Mittel und Wege finden, um Hawke aufzuhalten.

„Ich weiß, das macht einem wirklich Angst, Penny. Geht mir ja nicht anders. Aber du darfst niemandem davon erzählen – auf jeden Fall nicht, bis ich weiß, wie unsere Chancen stehen. Wenn diese Neuigkeit die Runde macht, bricht unter den Angestellten Panik aus. Und das kann ich mir im Moment wirklich nicht leisten. Es war schwierig genug, nach dem Hurrikan genug qualifiziertes Personal zu finden.“ Der Wirbelsturm hatte New Orleans verwüstet. Über die Hälfte der Bevölkerung war nach dem Unglück aus der Stadt fortgezogen. „Und außerdem – wenn sich herumspricht, dass das Hotel den Besitzer wechselt, werden vielleicht Buchungen storniert. Das könnte uns wieder in die Verlustzone bringen. Ganz zu schweigen von Lieferverträgen und so weiter, die uns vielleicht aufgekündigt werden.“

„Von mir erfährt keiner etwas“, versicherte Penny. Sorgenvoll schwieg sie einen Moment. „Aber … was ist, wenn dieser Hawke recht hat? Wenn das Hotel ihm ab sofort wirklich gehört? Muss ich mich schon nach einem anderen Job umsehen?“

„Hawke ist bestimmt nicht dumm. Was auch passiert, er wird jemanden brauchen, der Bescheid weiß. Der weiß, wie hier alles läuft, an den man sich wenden kann, wenn irgendwo ein Notfall auftritt. Und dieser Jemand bist du, Penny.“

Pennys Fragen machte Laura bewusst, dass alle Jobs in Gefahr waren, wenn Hawke tatsächlich das Hotel übernahm. Vielleicht würde er Stellen kürzen oder Billigpersonal einfliegen lassen … Laura würde auf jeden Fall alles tun, um die Arbeitsplätze ihrer Angestellten zu schützen. Genauso hätte ihr Großvater gehandelt, und genau das hätte er auch von ihr erwartet. Wenn er doch jetzt nur hier sein könnte, dachte sie.

„Und … was ist mit dir, Laura? Wenn Hawke die Wahrheit sagt … was wirst du dann tun?“

„Ich weiß es nicht“, gab Laura offen zu. Sie dachte an ihre Kindheit zurück. Wie oft sie hatte umziehen müssen, sobald ihre Mutter wieder geheiratet und ein neues Leben begonnen hatte. Dennoch hatte Laura jeden Sommer in New Orleans verbracht, bei ihrem Großvater, im Contessa-Hotel. Auch später war ihr immer bewusst gewesen: Das Contessa ist da und wartet nur auf den Tag, an dem du zurückkommst. Nach Hause. Für immer. Doch als sie endlich zurückgekehrt war, war ihr geliebter Großvater gestorben. Und obendrein gab es nun diesen Jackson Hawke, der ihr das geliebte Hotel wegnehmen wollte.

Sie konnte es nicht zulassen. Laura sah ihre Assistentin an. „Ja, ich weiß wirklich noch nicht, was ich in diesem Fall machen würde. Aber ich werde alles tun, damit es dazu gar nicht erst kommt. Versuch noch mal, Benton zu erreichen, und dann hol mir meinen Anwalt, meine Mutter und meine Schwester ans Telefon.“

Wenn Jackson Hawke mit ihr ums Hotel kämpfen wollte, musste er sich warm anziehen.

2. KAPITEL

Seufzend legte Laura ihren Kugelschreiber auf den Tisch. Mit ihrem Anwalt und ihrer Mutter hatte sie noch nicht gesprochen. Aber schon ihre Unterredung mit Benton war entmutigend gewesen. Sie konnte immer noch nicht fassen, dass ihre Mutter tatsächlich und ohne Rücksprache das Contessa als Sicherheit für den Kredit eingesetzt hatte. Viel mehr hatte Benton nicht zu berichten, sondern sie an ihre Mutter verwiesen. Die in Frankreich zu erreichen, war allerdings schwierig. Jetzt gerade musste es in Frankreich zwei Uhr morgens sein. Aber Laura wusste, dass ihre Mutter ein Nachtmensch war.

Viermal klingelte es, dann hörte Laura ein atemloses „Oui“.

„Mutter? Ich bin es, Laura.“

„Laurie-Liebling!“ Dann begann ihre Mutter französisch zu sprechen. „Mutter? Mutter?“, unterbrach Laura den unverständlichen Redeschwall.

„Ich soll dir von Philippe sagen, wie gut hier mit dem neuen Club alles läuft und dass du bald mal zu Besuch kommen sollst. Er will dir und Chloe dann alles zeigen.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr ihre Mutter fort: „Ihr kommt doch, oder? Ich habe dich ja schon bald ein Jahr nicht mehr gesehen, Laurie. Ich würde mich so freuen, meine Babys hier bei mir zu haben. Wir könnten …“

Laura schloss die Augen, während ihre Mutter weiter drauflos plapperte. Sie versuchte gar nicht erst, sie darauf hinzuweisen, dass ihre „Babys“ dem Kleinkindalter längst entwachsen waren. Irgendwann hakte sie ein. „Bitte, Mutter, es ist wichtig. Ich muss wissen, ob du wirklich deine Anteile am Hotel als Sicherheit für einen Kredit gegeben hast.“

Plötzlich war ungewohnte Stille in der Leitung. Dann sagte ihre Mutter: „Ach, das … das war nur eine Formalität. Eine Sicherheit eben. Bis ich den Kredit zurückgezahlt habe.“

Laura versuchte ruhig zu bleiben. Selbst ihre Mutter konnte so viel Geld doch wohl nicht in so kurzer Zeit ausgegeben haben. Sie fragte: „Wie viel Geld ist denn noch übrig?“

Erneut Stille am anderen Ende. Kein gutes Zeichen. Lauras Magen krampfte sich zusammen, stärker sogar noch als bei der Unterredung mit Jackson Hawke. Sie rechnete schon gar nicht mehr mit einer Antwort, als ihre Mutter plötzlich sagte: „Es … es ist nichts mehr übrig.“

Die Antwort traf Laura wie ein Keulenschlag. In ihren Ohren begann es zu rauschen. Ihr wurde übel, und gequält beugte sie sich vor.

„Laurie? Laurie, bist du noch dran?“

Als das erste Übelkeitsgefühl vorbei war, richtete Laura sich wieder auf. Sie nahm den Hörer wieder ans Ohr und sagte leise: „Ja. Ich bin noch dran.“

„Du hörst dich so komisch an, Liebling. Ist alles in Ordnung?“

Am liebsten hätte Laura lauthals losgebrüllt. Ihre dumme, rücksichtslose Mutter hatte das Contessa aufs Spiel gesetzt! Und deshalb würde Jackson Hawke ihnen – ihr – jetzt vielleicht das Hotel wegnehmen können! „Bist du sicher, dass alles weg ist? Dass gar nichts mehr da ist?“

„Da bin ich mir sicher.“

„Was hast du nur mit dem ganzen Geld angestellt?“, fragte Laura zornig. Und so stellte sich heraus, dass nicht alles davon für den Nachtclub in Frankreich draufgegangen war, sondern auch für die Hurrikanschäden am Hotel und Steuernachzahlungen. „Das mit den Steuern kann doch nicht so viel gewesen sein“, meinte Laura.

„Da irrst du dich. Anscheinend lief das Hotel schon eine ganze Zeit nicht mehr gut, bevor dein Großvater krank wurde, und er hinkte wohl mit einigen Zahlungen hinterher.

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