Logo weiterlesen.de
Auswahlband Western Special März 2019 - 10 Wildwest-Romane

Alfred Bekker, Larry Lash, Glenn Stirling, Horst Weymar Hübner, Pete Hackett

Auswahlband Western Special März 2019 - 10 Wildwest-Romane

UUID: 2d111580-3d22-11e9-b99a-17532927e555
Dieses eBook wurde mit StreetLib Write (https://write.streetlib.com) erstellt.

Inhaltsverzeichnis

  • Auswahlband Western Special März 2019 - 10 Wildwest-Romane
  • Jeder zahlt für seine Schuld
  • Glenn Stirling: Rinder für Santa Fé
  • Das Gesetz des Don Turner
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • 19
  • 20
  • 21
  • 22
  • 23
  • 24
  • 25
  • 26
  • 27
  • 28
  • 29
  • 30
  • 31
  • 32
  • 33
  • 34
  • 35
  • 36
  • 37
  • 38
  • 39
  • 40
  • 41
  • 42
  • 43
  • 44
  • 45
  • Nelsons Rache
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • 19
  • 20
  • 21
  • 22
  • 23
  • 24
  • 25
  • 26
  • 27
  • 28
  • 29
  • 30
  • 31
  • 32
  • 33
  • 34
  • 35
  • 36
  • 37
  • 38
  • 39
  • 40
  • 41
  • 42
  • 43
  • 44
  • 45
  • 46
  • 47
  • 48
  • 49
  • 50
  • 51
  • 52
  • 53
  • 54
  • 55
  • 56
  • 57
  • 58
  • 59
  • 60
  • 61
  • 62
  • 63
  • 64
  • 65
  • 66
  • 67
  • Horst Weymar Hübner: Stampede des Zorns
  • Larry Lash: Schwarze Erde
  • Larry Lash: Zwei Kerben im Holz
  • Mit Vollgas durch die Feuerhölle
  • Am Ende der Fährte wartet der Tod
  • Bring mir den Kopf von Lester Quinn

Jeder zahlt für seine Schuld

Western von Pete Hackett








1

Vince McQuade ritt zwischen die ersten Häuser von Southton. Mit entzündeten Augen schaute er in die Runde. Hier sah alles noch so aus wie vor vier Jahren, als er dem Ruf General Lees folgte und in den Krieg gegen die Yankees zog.

Der Sechsundzwanzigjährige verspürte Erleichterung. Seit Wochen war er unterwegs. Die Entbehrungen und Strapazen des Trails hatten unübersehbare Spuren in sein Gesicht gegraben. Aber auch vier Jahre Krieg hatten es gezeichnet …

Es war heiß. Die Hitze setzte Pferd und Reiter zu. Müde zog das Tier die Hufe durch den knöcheltiefen Staub. Unter der Haut des Rotbraunen zeichneten sich deutlich die Rippen ab.

Die breite Hauptstraße der kleinen Stadt in der Nähe von San Antonio war wie leergefegt. Es war Mittagszeit, die heißeste Zeit des Tages, und die Menschen hatten sich in ihre kühlen Behausungen zurückgezogen. Der Wind, der von Süden kam, der kleine Staubspiralen aufwirbelte und über die Fahrbahn trieb, brachte keine Linderung.

Du bist zu Hause, Vince, durchfuhr es den ausgemergelten Mann auf dem müden Rotfuchs. Endlich!

Er lenkte sein Pferd zu einem Tränketrog am Straßenrand und saß ab. Das Tier prustete mit geblähten Nüstern. McQuade nahm seinen verbeulten und abgegriffenen Hut ab und hängte ihn an den Sattelknauf. Mit der flachen Hand tätschelte er den Hals des Tieres. »So ist es, mein Bester. Wir sind fast am Ziel. Bis zur Ranch sind es nur noch vier Meilen.«

Das Tier senkte seine trockene Nase ins Wasser, auf dem ein dünner Staubfilm schwamm, und begann seinen Durst zu löschen. McQuade wusch sich Staub und Schweiß aus dem Gesicht. Das Wasser war warm und abgestanden. Dennoch belebte es ihn ein wenig. Er fuhr sich mit den gespreizten Fingern seiner Rechten durch die sandfarbenen Haare und strich sie nach hinten.

Etwa fünfzig Yard weiter, auf der linken Straßenseite, befand sich der Saloon. In der Gasse dahinter wusste McQuade den Mietstall. McQuade trocknete sich mit dem Halstuch das Gesicht ab. Als der Rotbraune getrunken hatte, zog ihn der Mann am langen Zügel hinter sich her quer über die Fahrbahn. Unter den harten Sohlen seiner brüchigen Reitstiefel knirschte der Staub.

Am Holm band er das Pferd an. Das Tier peitschte mit dem Schweif. Steifbeinig stieg McQuade die abgetretenen Stufen zum Vorbau hinauf. Dann betrat er den Schankraum. Es war hier düster und es roch nach kaltem Tabakrauch sowie verschüttetem Bier. Einige runde Tische, um die jeweils sechs Stühle gruppiert waren, bildeten das Mobiliar. An der der Schwingtür gegenüberliegenden Wand befand sich die Theke. An den beiden Frontfenstern tanzten Fliegen auf und ab. Nicht ein einziger Gast war zu sehen.

Unter McQuades Gewicht knarrten die Fußbodendielen, als er den Raum durchquerte. Seine Absätze tackten. Er erreichte den Schanktisch. Hinter der Theke ging eine Tür auf und ein Mann um die fünfzig erschien. »Guten Tag, Fremder.« Unverhohlen taxierte er McQuade. Sein forschender Blick wanderte an ihm hinauf und hinunter. »Sie sehen ziemlich mitgenommen und verstaubt aus. Haben wohl 'nen weiten Ritt hinter sich.«

»Das kann man wohl sagen, Dave. Erkennst du mich denn nicht?«

Der Salooner kniff die Augen zusammen und begann an seiner Unterlippe zu nagen. »Sicher, du kommst mir bekannt vor. Aber ich komme nicht drauf, wer du bist. Sage es mir.«

»Vince McQuade. Fällt jetzt bei dir der Groschen?« McQuade grinste vage. Das Grinsen erreichte die müden Augen nicht.

Über Dave Sanders Gesicht glitt der Schimmer des Begreifens. Er schlug sich mit der flachen Hand leicht gegen die Stirn und stieß hervor: »Es ist August, McQuade. Der Krieg ist seit vier Monaten zu Ende. Du kommst spät.«

»Ich war Gefangener der Yanks. Bei Gettysburg fiel ich ihnen in die Hände. Als sie mich laufen ließen, machte ich mich sofort auf den Heimweg.«

Dave Sanders ging zum Zapfhahn, angelte sich einen gläsernen Bierkrug und schenkte ihn voll. Als er ihn vor McQuade hinstellte, murmelte er: »Du kommst nicht nur spät, McQuade, du kommst zu spät.«

Die letzten Worte waren wie Hammerschläge gefallen.

»Was heißt das?« McQuades Blick schien den Salooner zu durchbohren, in sein Hirn einzudringen und dessen Gedanken zu erforschen. Der Heimkehrer spürte das Unheil tief in der Seele. Er atmete etwas schneller.

»Du musst jetzt ganz stark sein, McQuade«, gab der Mann hinter dem Tresen zu verstehen. »Vor knapp zwei Monaten erhielt eure Ranch höllischen Besuch. Es war eine Bande von Abenteurern, von Kerlen, die nach dem Krieg nicht mehr den Weg in ein geordnetes Leben gefunden haben …«

»Was ist geschehen?« Eine fast fieberhafte Erregung ergriff Besitz von McQuade. Die drei Worte platzten regelrecht über seine rissigen Lippen.

»Deine Eltern und Joana sind tot.«

McQuade hielt die Luft an. Seine Mundwinkel zuckten. Ungläubig starrte er den Mann auf der anderen Seite der Theke an. Dumpf schlug das Herz in seiner Brust, und das Echo seiner Herzschläge hallte in seinen Ohren wider. Dann stieß McQuade abgehackt hervor: »Sie – sind – tot?«

Dave Sanders nickte. »Es waren vier Männer. Einer wurde zwei Wochen später geschnappt, als die Bande versuchte, die Bank in San Antonio zu überfallen. Er wird in wenigen Tagen gehängt.«

Wie eine furchtbare Flut überkam McQuade das Verstehen. In ihm zerbrach etwas.



2

Lange hatte McQuade an den Gräbern seiner Angehörigen gestanden. Er hatte sich seine Heimkehr anders vorgestellt – ganz anders. Nun stand er vor den Trümmern seiner Illusionen von Ruhe und Frieden auf der elterlichen Ranch.

Jetzt war er auf dem Weg nach San Antonio. Er benutzte den Fahr- und Reitweg, der von der Ranch in die Stadt führte. Er war von Wagenrädern zerfurcht und von Hufen aufgewühlt. Alte Büsche säumten ihn. Auf den Weiden zu beiden Seiten standen dicht gedrängt Longhorns. Die meisten besaßen kein Brandzeichen. In den vergangenen vier Jahren war niemand da, der sie gebrandmarkt hätte.

McQuade erreichte die Stadt, als die Sonne unterging und einen rötlichen Schein auf das Land legte. Die Schatten waren lang, die Hitze war nach wie vor unerträglich. Das Pferd ging mit hängendem Kopf, die Hufe rissen kleine Staubfontänen in die heiße Abendluft.

Vor dem Büro des Countysheriffs saß McQuade ab. Er band das Pferd an den Hitchrack und ging in das Office. Sam Miller, der Mann, der seit Jahren den Stern in San Antonio trug, saß an seinem Schreibtisch und schrieb etwas in eine Kladde. Als McQuade eintrat, blickte er auf und legte den Tintenbleistift zur Seite.

McQuade grüßte, blieb vor dem Schreibtisch stehen und sagte mit staubheiserer Stimme: »Guten Tag, Sheriff. Schätzungsweise erkennen Sie mich nicht. Ich bin Vince McQuade.«

Die Brauen des Gesetzesmannes zuckten in die Höhe. Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück, nickte und sagte: »Sie sind also heimgekehrt, McQuade. Nun, Ihre Heimkehr stand unter einem verdammt schlechten Stern. Einer der Mörder Ihrer Angehörigen wartet in meinem Gefängnis auf seine Hinrichtung. Sein Name ist Wade Sheridan.«

»Ich will mit dem Mann sprechen.«

»Warum?«

»Ich möchte ihm einige Fragen stellen.«

»Er hat ein umfassendes Geständnis abgelegt und die Namen seiner Kumpane verraten. Auf die Kerle wurde ein Kopfgeld von jeweils 300 Dollar ausgesetzt. Sheridan denkt, dass ihnen in Texas der Boden zu heiß geworden ist und dass sie sich nach Arizona abgesetzt haben.«

McQuade stemmte sich mit beiden Armen auf den Schreibtisch. »Wieso Arizona?«

»Die Wiege eines der Schufte stand in Willcox. Das ist ein Nest an der Überlandstraße, die über Tucson und Casa Grande nach Yuma führt. Der Kerl, der von dort stammt, heißt Cole Weston.«

»Nennen Sie mir die Namen der anderen Mörder, Sheriff.«

»Bud Logan und Hal Carter.« Der Gesetzeshüter befeuchtete sich mit der Zungenspitze die Lippen. »Was haben Sie vor, McQuade?«

»Ich habe am Grab meiner Angehörigen geschworen, die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen.« McQuade sprach mit harter, fester Stimme. Sein Tonfall ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass sein Entschluss unumstößlich war. Sein Gesicht mutete an wie aus Granit gemeißelt.

Der Sheriff verzog den Mund. »Sie sehen nicht aus wie ein Mann, der Bäume ausreißen könnte, McQuade. Sie sehen vielmehr ausgemergelt und krank aus. Außerdem tragen Sie keine Waffe. Schätzungsweise verfügen Sie auch über kein Geld. Der Weg nach Arizona ist weit. Falls es Ihnen gelingt, die Mörder Ihrer Angehörigen zu stellen – was dann? Wollen Sie auf die Schufte mit einem Knüppel losgehen?«

»Ich verkaufe die Ranch«, murmelte McQuade. »Sicher bekomme ich genug Geld dafür, um mich auszurüsten.«

»Kein Mensch kauft ihnen die Ranch ab«, versetzte der Gesetzeshüter mit geschürzten Lippen. »Weder Grund und Boden noch die Rinder, die zu hunderttausenden auf den Weidegründen stehen, sind in Texas etwas wert.«

»Ich werde es versuchen«, knurrte McQuade. »Wenn ich nur so viel bekomme, dass ich mir einen Revolver, ein Gewehr und ein gutes Pferd kaufen kann. Kann ich jetzt mit Sheridan sprechen?«

Der Sheriff nickte und erhob sich. Ehe er aber Anstalten machte, sich zur Tür zum Zellentrakt zu bewegen, sagte er: »Ich glaube, ich kann Ihnen helfen, McQuade. Sie bekommen von mir die Waffen und das Pferd Sheridans. Nach allem, was Ihnen dieser Schuft zusammen mit seinen Kumpanen angetan hat, denke ich, dass Sie einen Anspruch darauf haben.«

Nach dem letzten Wort wandte sich der Sheriff ab und setzte sich in Bewegung. McQuade folgte ihm.



3

Es war später Nachmittag, als McQuade am Stadtrand von Willcox sein Pferd parierte. Der kleine Ort war von Bergen eingerahmt. Auf ein Holzschild, das an einen Pfahl genagelt war, war der Name der Ortschaft gepinselt. Die Farbe blätterte schon ab. Von den Pferchen und Corrals, die die Bewohner außerhalb der Stadt errichtet hatten, wehte beißender Uringeruch heran.

Die Sonne stand über den Dragon Mountains im Südwesten. Soweit das Auge reichte, erstreckte sich unfruchtbares Land. Kreosot und dornige Comas wucherten in den Ebenen und auf den Abhängen.

McQuade ließ die Eindrücke, die sich ihm boten, auf sich wirken. Willcox war eine Ansammlung von Häusern und Hütten, die zu beiden Seiten der Überlandstraße errichtet worden waren, die innerhalb des Ortes als Main Street diente. Hier und dort waren auf den Fensterbänken Blumenkästen mit verstaubten Geranien zu sehen. Im Straßenstaub glitzerten winzige Kristalle. Klirrende Hammerschläge waren zu hören. Auf den Gehsteigen waren nur wenige Menschen zu sehen.

McQuade trieb sein Pferd an. Die Gebisskette klirrte, das Sattelleder knarrte, dumpf pochten die Hufe. Einige Passanten blieben stehen und beobachteten den Mann, der mitten auf der Hauptstraße ritt. In McQuades Gesicht wucherte ein tagealter Bart. Auf seinem Kopf saß ein flachkroniger, schwarzer Hut. Er war mit einem langen, braunen Staubmantel bekleidet. Die tiefen Linien in seinem Gesicht ließen ihn älter wirken als er tatsächlich war. Seine Augen waren in ständiger Bewegung. Er machte sich mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut.

McQuade fand den Mietstall und lenkte sein Pferd in den Wagen- und Abstellhof. Sattelsteif saß er ab, nahm seinen Vierbeiner am Kopfgeschirr und führte ihn in den Stall. Bei jedem Schritt, den er machte, rieselte feiner Staub von seinen Schultern und der Krempe seines Stetsons. Er überschritt die Schattengrenze unter dem hohen Tor und der Geruch von Heu, Leder und Pferdeausdünstung empfing ihn.

Der Stallmann, der dabei war, mit einer Forke eine Box zu reinigen, richtete sich auf, lehnte das Werkzeug weg und wischte sich die Hände an der Hose ab, dann setzte er sich in Bewegung und ging McQuade entgegen. Es war ein grauhaariger Bursche mit faltigem, verkniffenem Gesicht und dem scharfen Blick eines Raubvogels. »Hallo, Fremder, an Ihnen haftet der rote Staub der Peloncillo Berge. Das sagt mir, dass Sie von Osten kommen. Ihr Pferd sieht ziemlich abgetrieben aus. Sie hatten es wohl sehr eilig."

Er musterte, während er sprach, McQuade eindringlich, als versuchte er, in dessen Zügen zu lesen.

McQuade wischte sich mit dem Halstuch den Schweiß aus den Augenhöhlen, räusperte sich und antwortete: »Falls Sie erfahren möchten, ob ich vom Gesetz verfolgt werde, dann sollen Sie wissen, dass es dem nicht so ist. Aber Sie haben Recht: Ich hatte es eilig, nach Willcox zu kommen. Denn ich vermute, dass sich hier die Männer aufhalten, die vor etwa drei Monaten in Texas meine Familie brutal ermordet haben. Ihre Namen sind Cole Weston, Bud Logan und Hal Carter.«

Jeder Zug im Gesicht des Stallmannes verriet tiefe Betroffenheit. Er blinzelte, kratzte sich am Hals, nickte und sprach: »Brad Weston, Coles Vater, bewirtschaftet etwa drei Meilen südlich der Stadt eine Farm. Cole hat den Landstrich vor langer Zeit verlassen. Ich habe niemals mehr wieder etwas von ihm gehört. Bei allen Heiligen! Getaugt hat der Bursche noch nie sehr viel. Aber dass er zum Mörder wird …« Der Stallmann schüttelte ungläubig den Kopf. »Dabei sind seine Eltern und sein Bruder ausgesprochen anständige Leute. Sie sind ins Territorium gekommen, um die Mörder Ihrer Angehörigen zur Rechenschaft zu ziehen, wie?«

»Ja. Ich gehe etwas essen. Kann ich mein Pferd so lange bei Ihnen unterstellen?«

»Natürlich.«

McQuade griff nach der Henrygun und zog sie aus dem Scabbard. »Versorgen Sie das Pferd gut«, murmelte er. »Es darf ihm an nichts fehlen.«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Mister. Darf ich Ihren Namen erfahren?«

»McQuade.«

Der erschöpfte Mann legte sich das Gewehr auf die Schulter, schwang auf den Absätzen herum und stakste davon. Leise und melodisch klirrten die Räder seiner Sporen. Der lange Staubmantel schlug beim Gehen um seine Beine.

McQuade fand den Saloon, betrat ihn und setzte sich an einen leeren Tisch. Das Gewehr lehnte er gegen die Tischkante. An einem anderen Tisch saßen drei ältere Männer, die ihn unverhohlen musterten. Der Keeper kam hinter dem Tresen hervor. »Was darf ich Ihnen bringen, Mister?«

»Ich habe Hunger und Durst.«

»Ich kann Ihnen ein Steak braten.«

»Hervorragend.«

»Was möchten Sie trinken?«

»Lediglich ein Glas Wasser.«

»Wie Sie meinen.« Der Keeper machte kehrt und strebte der Theke zu. Kurz darauf brachte er einen Krug voll Wasser, den er wortlos vor McQuade hinstellte, und entfernte sich wieder, um gleich darauf durch eine Tür hinter dem Tresen zu verschwinden.

McQuade trank einen Schluck. Die Männer am anderen Tisch schienen das Interesse an ihm verloren zu haben, denn sie beachteten ihn nicht mehr und sprachen gedämpft miteinander. Draußen wuchsen die Schatten schnell, krochen über die heiße Fahrbahn und stießen gegen die Fronten der Häuser auf der anderen Seite. Schnelle Schritte riefen auf dem Vorbau ein hallendes Echo wach. Dann wurden die Flügel der Pendeltür aufgestoßen und ein hochgewachsener, hagerer Mann betrat den Schankraum. Knarrend und quietschend schlugen die rot gestrichenen Pendel der Tür hinter ihm aus. Der Stern, der an seiner linken Brustseite funkelte, sprang McQuade regelrecht in die Augen.

Der Sheriff trug eine Schrotflinte am langen Arm. An seinem linken Oberschenkel hing das Holster mit dem schweren Coltrevolver. Der Gesetzeshüter bewegte sich geschmeidig, jede seiner Bewegungen mutete gleitend und katzenhaft an. McQuade war sofort klar, dass dieser Gesetzeshüter ein bemerkenswerter Mann war - ein Mann, an dem alles gefährlich und unberechenbar erschien und von dem eine starke, zwingende Strömung ausging.

Vor McQuades Tisch blieb der Sheriff stehen. Der Blick seiner blauen Augen saugte sich regelrecht am Gesicht McQuades fest. Sekundenlang schien er den Mann aus Texas einzuschätzen, sich ein Bild von ihm zu machen, dann stieß er hervor: »Bei mir war Stan Butcher vom Mietstall. Er hat mir berichtet, was Sie nach Willcox getrieben hat.«

Sekundenlang schien McQuade den Worten hinterher zu lauschen, dann nickte er und sagte: »Dem Gesetz in Arizona sind die Hände gebunden. Weston und seine Kumpane werden hier im Territorium nicht gesucht. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sie niederträchtige Mörder sind. Darum müssen Sie büßen. Ich will den Schuften eine blutige Rechnung präsentieren.«

»Sie sind voll Hass. Hass aber führt in die Hölle.«

McQuade verschränkte die Arme vor der Brust. »Vielleicht hasse ich die Killer. Aber das spielt keine Rolle. Sie müssen bestraft werden. In einem Fall wie meinem versagt das Gesetz. Deshalb …«

»… wollen Sie es selbst in die Hand nehmen!«, schnitt der Sheriff McQuade schroff das Wort ab. In seinen Mundwinkeln setze sich ein harter Zug fest, seine Augen verengten sich und wurden zu schmalen Schlitzen, zwischen denen es unheilvoll glitzerte. »Sie sind weder Richter noch Henker, McQuade. Ich dulde in meinem Bezirk keine Selbstjustiz. Sollten Sie dennoch meinen, hier den wilden Mann spielen zu dürfen, werde ich Ihnen in die Suppe spucken. Nehmen Sie sich meine Worte zu Herzen. Ich trete ihnen verdammt empfindlich auf die Zehen, wenn Sie gegen meine Regeln verstoßen.«

McQuade spürte, wie in ihm der Zorn in die Höhe kroch. Sekundenlang presste er die Lippen zusammen, so dass sie nur noch eine dünne, blutleere Linie in seinem Gesicht bildeten. Dann stieg es rau aus seiner Kehle: »Soll das eine Drohung sein, Sheriff?«

»Eine Warnung, Mister. In diesem Landstrich verkörpere ich das Gesetz.« Er tippte sich mit dem Daumen seiner linken Hand gegen die Brust. »Und daran sollten Sie immer denken – egal was Sie tun.«

»Damit wären die Fronten ja geklärt«, knurrte McQuade.

»Sie sollten sich meine Warnung zu Herzen nehmen«, versetzte der Gesetzeshüter, schwang herum und verließ den Saloon. Seine Schritte verklangen.

Gedankenvoll nagte McQuade an seiner Unterlippe.



4

Es war finster. Die Nacht war sternenklar. Der Mond hing als dünne Sichel im Südosten über den Hügeln. Das Säuseln des Windes und das Zirpen der Grillen umgaben McQuade. Er hatte das Pferd zwischen einigen Büschen angehalten. Das Tier trat unruhig auf der Stelle und schnaubte. McQuade bändigte es mit harter Hand. Vor seinem Blick lagen die flachen Gebäude der Weston-Farm. Aus einem der Fenster fiel Licht.

Über eine Viertelstunde beobachtete McQuade die Farm. Kein Mensch ließ sich sehen. Schließlich trieb der Texaner sein Pferd an und ritt auf die Gebäude zu. Als er bis auf fünfzig Yard heran war, begann ein Hund zu bellen. Eine Kette rasselte. Die Tür des Farmhauses ging auf, Lichtschein flutete ins Freie, dann zeigte sich die Kontur eines Mannes, die scharf vom Licht umrissen wurde, und eine grollende Stimme erklang: »Ruhig, Silver!«

Augenblicklich hörte der Hund auf zu bellen. Die Stimme des Mannes erklang erneut: »Wer ist da?«

»Einer, der müde ist und Hunger hat«, rief McQuade, ohne sein Pferd anzuhalten. »Ich habe das Licht gesehen und mir gedacht, dass …«

»Meine Jungs stehen mit geladenen Gewehren an den Fenstern«, warnte der Farmer. »Wenn Sie also irgendwelche schlechten Absichten haben …«

»Keine Sorge. Ich bin ein harmloser Pilger.«

McQuade ritt in den Farmhof. Für den Farmer war er nur schemenhaft auszumachen. Aber mit jedem Schritt des Pferdes, den McQuade näher kam, nahm der Schemen Formen an. Und dann parierte der Texaner das Tier, hob das rechte Bein über das Sattelhorn und ließ sich zu Boden gleiten. »Wo bin ich hier gelandet?«

»Mein Name ist Brad Weston. Das ist die Weston-Farm.«

Deutlich spürte McQuade den Strom des tief sitzenden Misstrauens, der ihm entgegenschlug.

Der Hund knurrte leise und gefährlich.

Eine andere Stimme erklang: »Ich beobachte dich über Kimme und Korn meines Gewehres, Stranger. Ein kleiner Fingerdruck genügt.«

McQuade hob die Hände in Schulterhöhe. »Ich bitte lediglich um etwas Gastfreundschaft.«

»Und die wollen wir Ihnen nicht verweigern«, murmelte Brad Weston. »Also binden Sie Ihr Pferd an und kommen Sie ins Haus, Fremder. Nennen Sie mir Ihren Namen?«

»James O'Connor.«

»Okay, O'Connor, folgen Sie mir ins Haus. Einer meiner Söhne wird sich um Ihren Gaul kümmern.«

McQuade zog die Henrygun aus dem Scabbard.

»Das Gewehr brauchen Sie nicht, O'Connor!«, stieß der Farmer hervor.

»Ich lasse es nicht gerne unbeaufsichtigt«, versetzte McQuade.

»Es gibt hier draußen niemand, der es Ihnen stiehlt.«

»Na schön.« McQuade versenkte die Waffe wieder im Sattelschuh, führte das Pferd zum Holm – einer verkrümmten Stange, die auf zwei Pfosten genagelt war -, und band es fest.

Brad Weston ging vor ihm ins Haus. In der Küche trafen sie auf die beiden Farmersöhne und die Gattin des Farmers. Es war eine Frau um die fünfzig mit grauen Haaren und verhärmtem Gesicht, von dem man ablesen konnte, dass ihr das Leben noch nichts geschenkt hatte. Über dem Tisch hing eine Petroleumlampe von der Decke. Ihr Licht reichte nicht aus, um den Raum bis in die Ecken auszuleuchten. Groß und verzerrt wurden die Schatten der Menschen gegen die Wände geworfen. Es roch nach Bohnerwachs.

»Setzen Sie sich, O'Connor«, lud der Farmer McQuade ein, Platz zu nehmen.

Sie ließen sich nieder. Die beiden Söhne des Farmers schoben sich heran und blieben beim Tisch stehen. Beide hielten Gewehre in den Händen. Der lauernde Ausdruck in ihren Augen, die im düsteren Licht wie poliertes Glas glitzerten, blieb McQuade nicht verborgen.

»Das sind meine Söhne Cole und Lester«, gab der Farmer zu verstehen. »Cole war lange weg. Aber Sue und ich haben die Hoffnung niemals aufgegeben, dass er eines Tages wieder nach Hause zurückkehrt. Und vor etwa anderthalb Monaten erfüllte sich unsere Hoffnung.«

McQuade richtete seinen Blick auf den Burschen, der einer der Mörder seiner Angehörigen war. Und der Hass kam bei ihm kalt und stürmisch wie ein Blizzard …



5

McQuade hatte die Nacht im Heuschober verbracht. Als der Morgen graute, saß er im Sattel. In dem Moment, als er sein Pferd antrieb, verließ Cole Weston das Farmhaus. Der Bursche war siebenundzwanzig Jahre alt, hatte dunkle Haare, maß etwas über sechs Fuß und war ziemlich hager. Sein Gesicht wies die Spuren eines lasterhaften Lebens auf. Der brutale Zug, der um seinen Mund lag, war nicht zu übersehen. Er gehörte zu der Sorte, die aus Niedertracht, Skrupellosigkeit und brutaler Härte zusammengesetzt war, aus allem, was unmenschlich und grausam macht.

»Willst du dich nicht verabschieden, O'Connor?« Cole Weston hatte angehalten und die Daumen hinter den Revolvergürtel gehakt, der um seine Hüften lag. Im Holster steckte ein langläufiger Sechsschüsser. Sein kühler Blick hing an McQuades Gesicht.

»Ich wollte euch nicht wecken«, antwortete der Texaner und spürte, wie sich der Hass auf den Anderen in ihm staute. Es kostete ihn Anstrengung und erforderte all seinen Willen, ruhig zu bleiben und seinen Gefühlen nicht freien Lauf zu lassen. »Bei deinen Eltern habe ich mich noch am Abend für ihre Gastfreundschaft bedankt.«

»Was hat dich eigentlich bewogen, Texas zu verlassen, O'Connor?«

»Es geht dort drunter und drüber, nachdem der Süden den Krieg verloren hat«, erklärte McQuade und legte beide Hände übereinander auf den Sattelknauf. »Die Yanks haben das Sagen. Außerdem gab es in Texas nichts, was mich hielt.«

»Na denn – so long, O'Connor.«

McQuade hob die linke Hand zum Gruß, dann zerrte er das Pferd herum und trieb es an. Im Trab verließ er die Farm. Bald markierte nur noch der aufgewirbelte Staub seinen Weg. Nach etwa anderthalb Meilen lenkte McQuade das Tier zwischen hohe Büsche, stieg ab und band das Pferd an einen armdicken Ast. Bienen summten, Vögel zwitscherten. McQuade angelte sich die Henrygun aus dem Scabbard, repetierte und postierte sich so, dass er den Weg zur Farm im Auge hatte.

Brad Weston hatte am Abend zuvor seinem Sohn Cole aufgetragen, am Morgen nach Willcox zu fahren, um Vorräte einzukaufen.

Die Würfel des Schicksals rollten…

Nach einer Stunde etwa – die Sonne war längst aufgegangen und begann, das Land in eine Gluthölle zu verwandeln -, vernahm McQuade fernes Rumoren. Langsam wurden die Geräusche deutlicher, und dann kam das Gespann über die Bodenwelle, an deren Fuß McQuade wartete. Es war ein leichter Schlutterwagen, vor den ein schwerer Kaltblüter gespannt war. Auf dem Wagenbock saß Cole Weston. Das Fuhrwerk polterte und rumpelte, das Pferd ging mit hängendem Kopf, manchmal klirrte es, wenn ein Huf gegen einen Stein stieß.

Als das Fuhrwerk auf zehn Yard heran war, verließ McQuade den Schutz der Büsche. Das Gewehr hielt er auf Cole Weston gerichtet, den Kolben hatte er sich unter die Achsel geklemmt, sein Zeigefinger lag um den Abzug.

Weston stemmte sich gegen die Zügel, das Gespann kam zum Stehen. Der Mörder schluckte würgend, dann blaffte er: »Bist du unter die Wegelagerer gegangen, O'Connor?«

»Mein Name ist McQuade«, erklärte der Texaner grollend. »Als ich vor einigen Wochen nach Southton in der Nähe von San Antonio heimkehrte, fand ich dort nur noch drei Gräber vor – Gräber, in denen meine Eltern und meine Schwester ihre letzte Ruhe gefunden haben, nachdem sie von einer Bande skrupelloser Banditen ermordet worden waren.«

McQuades Stimme klang brechend, sie erinnerte an zersplitternden Stahl. Seine Augen blickten hart wie Bachkiesel.

Cole Weston duckte sich. Unruhe prägte jeden Zug seines Gesichtes. Sein Blick war unstet geworden. Seine rechte Hand löste sich von den Zügeln, Weston legte sie auf seinen Oberschenkel und zog sie langsam zurück in Richtung des Holsters, aus dem der Griff des Revolvers ragte. »Warum erzählst du mir das?«, knirschte er.

»Halt die Hand ruhig, Weston!«, mahnte McQuade. »Ich werde dich jetzt für den Mord an meiner Familie zur Rechenschaft ziehen. Vorher aber habe ich noch eine Frage an dich.«

Cole Weston atmete schwer. Ein heimtückisches Glitzern war in seine Augen getreten. »Was für eine Frage?«

»Wo finde ich deine Kumpane Bud Logan und Hal Carter?«

»Such sie in der Hölle, McQuade!«, brach es aus Weston heraus und seine Rechte fuhr zum Revolver.

McQuade zog durch. Der peitschende Knall des Schusses wurde über Cole Weston hinweggeschleudert, der sengende Hauch der Kugel streifte seine Wange. Seine Hand, die schon den Griff des Revolvers umspannt hatte, zuckte zurück, als hätte er sie sich an glühendem Eisen verbrannt.

Die Detonation war noch nicht verrollt, als McQuade schon wieder durchgeladen hatte. »Heb die Hände und steig ab, Weston!«, befahl McQuade. »Und lass dich zu nichts mehr hinreißen. Eine zweite Kugel werde ich nicht vergeuden.«

»Verdammt, was willst du von mir? Ich war nicht in Texas, und ich kenne weder einen Mann namens Logan noch einen namens Carter.«

»Steig ab!«

Cole Weston erkannte, dass McQuade keine Kompromisse eingehen würde. Sein Herz schlug einen hämmernden Rhythmus, er zermarterte sich das Hirn nach einem Ausweg. »Was hast du vor?«, fragte er, um Zeit zu gewinnen.

»Ich werde das Versteck deiner Kumpane aus dir herausprügeln, Weston. »Und dann …«

Ein Schuss peitschte. McQuades Kopf zuckte herum. Cole Weston ergriff die Gelegenheit beim Schopf. Seine Gestalt wuchs in die Höhe, dabei riss er den Colt aus dem Futteral und schoss auf McQuade, dann sprang er vom Wagenbock aus zwischen die Büsche.

Die Kugel streifte McQuade am Oberarm und verursachte ein heftiges Brennen. Der Texaner jagte einen Schuss in das Zweiggespinst, dann ließ er sich seitlich vom Pferd kippen. Ein Geschoss pfiff über den leeren Sattel hinweg. Die Detonationen verschmolzen ineinander und wurden von den Echos vervielfältigt. Zweige peitschten, dürre Äste, die am Boden lagen, zerbrachen mit trockenem Knacken. McQuades Pferd wieherte trompetend und stieg auf die Hinterhand. Schließlich verhallte der Schussdonner mit geisterhaftem Geraune.

McQuade kroch schnell in den Schutz der Büsche. Von Cole Weston war nichts mehr zu sehen oder zu hören. Stille war eingetreten, die nach kurzer Zeit von hämmerndem Hufgetrappel gesprengt wurde. Ein Reiter jagte den Abhang herunter, über den der Weg in die Stadt führte.

Es war der Sheriff von Willcox.

Bei dem Gespann angekommen riss er sein Pferd zurück. Das Tier kam zum Stehen. Die Stimme des Gesetzeshüters peitschte: »Zeigen Sie sich, McQuade!«

Der Texaner trat vor die Büsche. Er hielt mit beiden Händen das Gewehr schräg vor der Brust. »Welcher Teufel hat Sie geritten, Sheriff, als …«

»Habe ich Sie nicht gewarnt, McQuade!«, polterte der Sheriff los und unterbrach McQuade. »Sie haben sich meiner Anordnung widersetzt. Dafür werde ich Sie einsperren. Lassen Sie das Gewehr fallen und nehmen Sie die Hände in die Höhe.«

»Sie haben einem Mörder zur Flucht verholfen, Sheriff«, stieß McQuade grimmig hervor.

»In Arizona hat Weston keinen Mord begangen!«, konterte der Gesetzeshüter. »Und wenn Sie ihn erschießen, kann Sie das an den Galgen bringen.«

»Gehen Sie zur Hölle, Sheriff.« Mit dem letzten Wort machte McQuade kehrt, bahnte sich einen Weg durch das Gestrüpp und erreichte sein Pferd. Er löste den Zügel vom Ast, mit einem Satz kam er in den Sattel, mit einem Schenkeldruck trieb er das Tier an. Nachdem er die Büsche verlassen hatte, gab er den Kopf des Pferdes frei und ließ es laufen. Trommelnder Hufschlag erhob sich.



6

McQuade hatte sich nicht getäuscht. Cole Westons Ziel nach seiner Flucht war die Farm seines Vaters. Er hatte die anderthalb Meilen in etwa zwanzig Minuten zurückgelegt. McQuade, der sich - geschützt vor Blicken von der Farm -, bei einem Busch positioniert hatte, entging nicht, dass der Bandit leicht hinkte. Wahrscheinlich hatte er sich beim Sprung vom Fuhrwerk den Fuß verstaucht.

McQuade zeigte sich nicht. Cole Weston sollte ihn zu seinen Kumpanen führen.

Der Bandit verschwand im Stall. Aus dem Haus trat die Farmersfrau, überquerte den Hof und ging ebenfalls in den Stall. McQuade vermutete, dass sich Brad Weston und sein Sohn Lester nicht auf der Farm befanden. Wahrscheinlich arbeiteten sie auf irgendeinem Feld.

Nach kurzer Zeit zerrte Cole Weston ein gesatteltes Pferd hinter sich her ins Freie. Seine Mutter folgte ihm. Sie gestikulierte mit den Händen. Cole Weston winkte ab und schwang sich auf das Tier, ruckte im Sattel und der Vierbeiner setzte sich in Bewegung. In dem Moment tauchte nördlich der Farm ein Reiter auf. Er kam schnell näher.

Es war der Sheriff. Wahrscheinlich hatte er in der Wildnis nach Cole Weston gesucht, ehe er sich entschloss, zur Farm zu reiten.

Der Bandit ritt dem Gesetzeshüter entgegen. Sie trafen aufeinander und zerrten die Pferde in den Stand. Eine hitzige Debatte entstand. Plötzlich zog der Sheriff den Revolver und richtete ihn auf Cole Weston. Dieser drosch seinem Pferd die Sporen in die Seiten. Aus dem Stand vollführte das Tier einen Satz nach vorn und rammte den Vierbeiner, auf dem der Sheriff saß. Das Tier brach hinten ein, der Gesetzeshüter wurde aus dem Sattel katapultiert. In dem Moment, als er sich hoch kämpfte, feuerte Cole Weston mit dem Colt auf ihn. Die schwere 45er Kugel fegte den Gesetzeshüter von den Beinen. Cole Weston spornte sein Pferd an.

McQuade hatte tatenlos zusehen müssen. Jetzt warf er sich in den Sattel. »Lauf!« Sein Pferd streckte sich. Im stiebenden Galopp jagte er auf die Farm zu. Bei dem Sheriff war Sue Weston abgekniet. McQuade riss an den Zügeln, sein Pferd brach hinten ein, die bremsenden Hufe zogen eine tiefe Spur in den Staub. »Ist er tot?«

Die Frau schüttelte den Kopf. Mit gequältem Blick schaute sie zu McQuade in die Höhe. Ihre Stimme klang belegt, als sie rief: »Er hat die Kugel in die rechte Brustseite bekommen. Mein Gott, warum hat Cole auf ihn geschossen.«

»Schaffen Sie ihn in die Stadt!«, gebot McQuade, dann setzte er das Pferd unter sich in Bewegung. Cole Weston verschwand gerade über eine Bodenerhebung. Er hatte den Weg verlassen. Die Spur, die sein Pferd hinterlassen hatte, zeichnete sich deutlich im staubigen Gras ab.

McQuade folgte ihr. Die Fährte führte nach Westen. Nach etwa drei Meilen bog sie nach Norden ab und endete schließlich an der breiten, staubigen Überlandstraße, die sich wie der riesige Leib einer Schlange nach Westen schlängelte und in Yuma endete.

McQuade schwenkte den Blick nach Osten, dann nach Westen. Die Straße bohrte sich zwischen die Hügel der Little Dragon Mountains.

McQuade musste sich entscheiden.

Nach kurzer Überlegung entschloss er sich, der Straße nach Westen zu folgen.

Die Sonne stieg höher und höher. Die Hitze füllte beim Atmen die Lungen wie mit Feuer. Die Konturen der Hügel und Felsen schienen in der flirrenden Luft zu zerfließen. Feiner Staub hatte McQuades Augen gerötet. Unbeirrbar ritt er. Wenn sich ihm die Möglichkeit bot, tränkte er sein Pferd. Meile um Meile legte er zurück. Um die Mitte des Nachmittags schälten sich aus dem Sonnenglast die Gebäude einer Pferdewechselstation von Wells & Fargo.

Vor dem Stationsgebäude stieg McQuade vom Pferd. Alles wirkte grau in grau. In einem großen Corral standen über ein Dutzend Pferde. Das Stalltor stand offen. Ein bärtiger Mann kam ins Freie.

McQuade führte sein Pferd zum Tränketrog, überließ das Tier sich selbst, wandte sich dem Stationer zu und schob sich den Hut aus der Stirn. »Ich verfolge einen Mann. Er ist Mitte zwanzig und dunkelhaarig.«

»Hat er etwa Ihre Größe und ist er hager wie ein Wüstenwolf?«

»Ja. Ist er hier vorbeigekommen?«

Der Stationer nickte. »Er schien es höllisch eilig zu haben, der Hombre hat nicht mal angehalten. Was hat er denn ausgefressen? Weshalb verfolgen Sie ihn? Ich sehe keinen Stern an Ihrer Brust.«

»Es bedarf nicht unbedingt eines Sterns, um für Gerechtigkeit zu sorgen«, murmelte McQuade. »Wie groß ist sein Vorsprung?«

Der Stationer wiegte den Kopf, dann antwortete er: »Eine Viertelstunde etwa. Wenn er den Gaul weiterhin so jagt, wird er ihn zuschanden reiten. Ist auf den Burschen eine Prämie ausgesetzt? Sind Sie Kopfgeldjäger?«

»Er ist ein Mörder«, knurrte McQuade. »Aber ich jage ihn nicht wegen des Geldes.«

McQuade wandte sich seinem Pferd zu, hakte die Wasserflasche vom Sattel, füllte sie mit frischem Wasser, wusch sich das Gesicht und setzte seinen Weg fort. Tief in seinem Innersten meldete sich eine Stimme, die ihm sagte, dass seine Rechnung möglicherweise aufging.

Die Entschlossenheit, die ihn erfüllte, grenzte an Besessenheit. Am Ende seines Weges sollten drei Särge stehen …



7

Drei Tage später kam McQuade nach Tucson. Es handelte sich um eine verhältnismäßig große Stadt. MCQuade erregte kein Aufsehen. Tagtäglich kamen Menschen nach Tucson. Die meisten verschwanden wieder. Nur wenige blieben.

McQuade betrat die Stadt und nahm ihren höllischen Atem wahr. Bösartiger Lärm zog durch den Ort. In Städten wie diesen war die Sünde zu Hause. In den Nächten erwachten sie zur Lasterhaftigkeit, sie zogen Abenteurer, Geschäftemacher, Gestrauchelte und eine Menge lichtscheuen Gesindels an. Sie waren auf der Jagd nach dem schnell verdienten Dollar und der Revolver saß oftmals verdammt locker.

Auf der breiten Hauptstraße und den Gehsteigen herrschte reges Treiben. McQuade fand einen Mietstall, gab sein Pferd dort ab, nahm sein Gewehr, hängte sich die Satteltaschen über die Schulter und begab sich zum Hotel, um sich ein Zimmer zu mieten. Es war Mittagszeit. Der Texaner verspürte nagenden Hunger. Ehe er das Zimmer verließ, um ein Restaurant aufzusuchen, holte er aus der Satteltasche den Steckbrief, der in Texas ausgestellt worden war und mit dem die Mörder seiner Angehörigen gesucht wurden. Er faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Innentasche seines Staubmantels.

Nachdem McQuade gegessen hatte, erkundigte er sich beim Keeper nach dem Marshal's Office, bezahlte und machte sich auf den Weg. Er fand das Büro des Town Marshals, klopfte gegen die Tür und betrat es. Hinter dem Schreibtisch saß ein grauhaariger Mann mit eingefallenem Gesicht. Ein dicker Schnurrbart verdeckte seine Oberlippe. Vor ihm auf dem Schreibtisch war eine vergilbte Zeitung ausgebreitet, auf der die Teile eines Revolvers lagen. Der Marshal war gerade dabei, den Lauf der Waffe zu reinigen.

»Guten Tag«, grüßte McQuade und drückte die Tür hinter sich ins Schloss.

Der Marshal erwiderte den Gruß und fragte dann: »Was führt Sie zu mir?« Er legte den Lappen weg, mit dem er die Teile der Waffe gereinigt hatte und begann, den Revolver zusammenzusetzen. Leise und monoton tickte der Regulator, der an der Wand hing. Es roch nach Pfeifentabak.

»Ich suche drei Männer, Marshal«, erklärte McQuade, griff in die Tasche und holte den Steckbrief hervor, faltete ihn auseinander und reichte ihn dem Marshal. Dieser nahm ihn und heftete seinen Blick darauf, dann knurrte er: »Der ist in Texas ausgestellt und gilt im Arizona-Territorium nicht.«

McQuade nahm den Steckbrief wieder und steckte ihn ein. »Ich weiß. Es handelt sich bei den drei Kerlen um die Mörder meiner Familie. Cole Weston habe ich in Willcox aufgestöbert. Er ist mir entkommen und nach Westen geflohen. Ich denke, er befindet sich in Tucson.«

»In Tucson wimmelt es von Fremden. Ich kümmere mich schon lange nicht mehr um die Leute, die sich in der Stadt ein Stelldichein geben. Doch trete ich sehr schnell auf den Plan, wenn einer Ärger macht.«

»Ich verstehe«, murmelte McQuade. »Nun, ich wollte keine Möglichkeit außer Acht lassen. Vielleicht …«

»Tut mir leid, Junge. Ich kann Ihnen wirklich nicht helfen. Aber ich werde die Augen offen halten. Wo finde ich Sie gegebenenfalls?«

»Ich wohne im Hotel beim Mietstall. Sollte ich es verlassen, sage ich dem Mann an der Rezeption Bescheid.«

»Fragen Sie Maria«, gab der Marshal zu verstehen. »Sie führt am westlichen Stadtrand so etwas wie ein Boardinghouse. Bei ihr steigen viele Durchreisende ab, weil ihre Preise günstig sind.«

»Maria?«

»Maria Alvarez, eine Mexikanerin.«

»Ich werde sie fragen«, erklärte McQuade und machte kehrt, um das Office zu verlassen. Bei der Tür holte ihn die Stimme des Marshals ein: »Nennen Sie mir Ihren Namen.«

»McQuade«, sagte der Texaner über die Schulter.

»Ich bin Marshal Wes Rafferty. Sagen Sie Maria, dass ich Sie geschickt habe.«

McQuade trat ins Freie. Auf der Straße, zwischen den Häusern, ballte sich die Hitze. Im Schatten der Vorbaudächer begab sich McQuade zum westlichen Stadtrand. Er fand die Pension und betrat sie. Hinter der Rezeption saß eine Frau, deren lange, schwarze Haare bereits von grauen Fäden durchzogen waren. McQuade konnte nur ihr Gesicht sehen, das aber ließ den Schluss zu, dass die Frau ziemlich dick war.

»Buenos Dias«, begrüßte die Mexikanerin den Ankömmling. »Möchten Sie sich bei mir einquartieren?«

»Mich schickt Marshal Rafferty«, versetzte McQuade und legte beide Hände auf die Rezeption. »Ich bin auf der Suche nach drei Männern. Ihre Namen sind Cole Weston, Bud Logan und Hal Carter. Weston dürfte erst vor wenigen Stunden in Tucson angekommen sein.«

Die Frau dachte kurz nach. »Die Namen sagen mir nichts, Señor«, murmelte sie dann. »Können Sie mir die Burschen beschreiben?«

McQuade gab ihr den Steckbrief. Maria Alvarez las ihn aufmerksam, dann nickte sie. »Sie haben falsche Namen angegeben, als sie bei mir Zimmer mieteten. Ja, Logan und Carter wohnen bei mir. Si, si, vor einigen Stunden kam Weston an. Wenig später haben die drei die Pension verlassen.«

»Sie sind doch nicht etwa weitergeritten!«, entfuhr es McQuade regelrecht entsetzt.

»Nein. Sie hatten lediglich ihre Gewehre bei sich.«

Auf der Treppe ins Obergeschoss erklangen Schritte. McQuade drehte ein wenig den Kopf. Sein Blick erfasste eine junge Frau, die ihm fast den Atem nahm, so sehr faszinierte sie ihn. Sekundenlang vergaß er alles um sich herum. Und er zuckte zusammen, als Maria Alvarez' Stimme erklang: »Das ist meine Tochter Juanita. Sie hilft mir in der Pension.«

Jetzt erwachte McQuade aus seiner Erstarrung, er griff nach dem Hut und lüftete ihn. »Sehr erfreut, Ma'am.«

Juanita lächelte. Ihre Zähne waren makellos.

»Für die Kerle, die bei mir absteigen, ist sie tabu!«, stieß Maria Alvarez mit harter Stimme hervor.

Juanitas Lächeln zerrann.

»Ich… Ich …«, stammelte McQuade.

»Juanitas Anblick hat Sie ziemlich aus der Fassung gebracht, Señor. Nun, ich kenne das. Meine Tochter ist nicht für Ihre Sorte geschaffen. Geh in die Küche, Juanita. Presto, presto!« Zuletzt hatte ihre Stimme ausgesprochen energisch geklungen.

Die junge Frau, die den Texaner so sehr in ihren Bann zog, entfernte sich schnell.

McQuade fand seine Sprache wieder. »Keine Sorge, Señora. Wenn ich in Tucson meinen Job erledigt habe, verlasse ich die Stadt wieder. Ich will nichts von Ihrer Tochter.«



8

Als McQuade auf den Vorbau trat, wurde er angerufen: »Da bist du ja, McQuade! Wir haben dich erwartet!«

Etwas in dem Texaner versteifte. Jähe Anspannung befiel ihn. Unwillkürlich legte sich seine Hand auf den Griff des Revolvers. Er blickte in die Richtung, aus der die brechende Stimme gekommen war. Die Atmosphäre war plötzlich angespannt und gefährlich. Der Tod schien die Knochenfaust auszustrecken.

McQuade konnte den Mann, der gerufen hatte, nicht ausmachen. Seine Stimme klirrte: »Bist du es, Weston?«

»Sicher. Und ich habe zwei Freunde bei mir. Weißt du eigentlich, dass wir eine Menge Spaß hatten mit deiner Schwester?«

Menschen blieben stehen. Etwas Beklemmendes lag plötzlich in der Luft; Unheil braute sich über der Straße zusammen wie eine Gewitterwolke. Die Luft schien mit Elektrizität aufgeladen zu sein.

Kälte überfiel MCquade. Aber es lag etwas darunter - eine schwelende Glut aus Hass und Leidenschaft, vielleicht sogar Begierde.

Die drohende Gefahr verlangte einen raschen Entschluss.

McQuade stieß sich ab und spurtete los. Dabei riss er den Revolver aus dem Holster. Er schalt sich einen Narren, weil er das Gewehr im Hotel gelassen hatte.

Ein Schuss dröhnte. Der donnernde Knall stieß durch die Stadt, aufbrüllend antworteten die Echos. Auf der Straße entstand Hektik. Die Passanten flohen wie von Furien gehetzt in Deckung. Erregtes Geschrei vermischte sich mit der verhallenden Detonation.

McQuade bog in eine Gasse ein. Sein Atem ging etwas schneller. Wie hineingeschmiedet lag der Colt in seiner Faust. Der Daumen lag quer über der Hammerplatte. Der Texaner ging an der Ecke in Deckung und presste seinen Körper hart an die Wand des Gebäudes, das ihm Schutz bot. Den Revolver hielt er in Gesichtshöhe. Die Mündung wies zum Himmel.

McQuade lugte um die Ecke. Die Straße war jetzt wie leergefegt. Stille hatte sich wie ein Leichentuch in die Stadt gesenkt. Der Tod schlich auf leisen Sohlen durch Tucson.

Als es knallte, zog McQuade den Kopf zurück. Die Kugel meißelte den Putz von der Wand und jaulte als Querschläger davon. Das grässliche Heulen schmerzte geradezu in den Ohren. In den zerflatternden Schussdonner hinein schrie Cole Weston: »Du bist so gut wie tot, McQuade. Wenn du mit der Nase im Dreck liegst, werde ich auf deinen Kadaver spucken.«

Der Texaner gab keine Antwort. Das Verhältnis stand drei zu eins. Seine Gegner kannten keine Skrupel, und sie waren tödlicher als die Pest im Mittelalter. Einen Fehler konnte er sich nicht erlauben. Er wäre tödlich gewesen.

McQuade sicherte in die Gasse hinein, dann zog er sich zurück. Als eine andere Gasse kreuzte, wandte er sich nach rechts. Geduckt schlich er an einem Gartenzaun entlang, dann deckte ihn ein windschiefer Schuppen, und an diesen schloss sich wieder ein hüfthoher Bretterzaun an. Kurz entschlossen flankte McQuade darüber hinweg, landete in einem Garten und durchquerte ihn, erreichte ein Haus und schob sich an dessen Längsseite entlang, bis wieder die Straße vor seinem Blick lag.

Die Stille war lastend und zerrte an den Nerven. Zwischen den Häusern lauerte die Gefahr, der Tod war allgegenwärtig. McQuade wappnete sich mit kalter Ruhe. Und plötzlich sah er auf der anderen Seite der Fahrbahn in einer düsteren, engen Nische zwischen zwei Häusern eine huschende Bewegung. Da glühte es auch schon auf und der Schussdonner wurde über die Straße geschleudert. McQuade ließ sich auf die Knie niederfallen und feuerte. Trampelnde Schritte erklangen. Der Texaner jagte eine zweite Kugel in den schmalen Durchlass, dann kam er mit einem Ruck hoch und rannte über die Straße.

Rechterhand begann es zu krachen. McQuade wirbelte halb herum, sein Blick erfasste einen Mann, der neben einem Vorbau kniete und mit dem Gewehr aus der Hüfte feuerte. Er schoss in rasender Folge, die Projektile pfiffen wie giftige Hornissen heran, aber der Bandit feuerte viel zu hastig und ohne richtig zu zielen.

McQuade hechtete nach vorn, rollte sich über die linke Schulter ab, lag lang im Staub und wälzte halb herum, die Mündung seines Revolvers stach ins Ziel und dann bäumte sich die Waffe auf in seiner Faust.

Der Bursche mit dem Gewehr kippte zur Seite. Seine Waffe verstummte.

McQuade kam hoch und rannte los. Es begann ohrenbetäubend zu krachen. Er wurde jetzt von zwei Seiten unter Feuer genommen. Haken schlagend wie ein Hase erreichte er den Banditen, den er niedergeschossen hatte, bückte sich und raffte dessen Gewehr an sich. Dann verschwand er um ein Haus. Noch zweimal krachte es, dann stellten die Banditen das Feuer ein.

»Der elende Hurensohn hat Hal erwischt!«, erklang es rau.

»Dafür schießen wir ihn in Stücke!«, antwortete eine andere Stimme.

»Yeah. Wir schicken das verdammte Stinktier in die Hölle.«



9

McQuade war auf das Dach eines Gebäudes geklettert und äugte über die Fassade aus Bohlen hinweg hinunter auf die Straße. Sein Colt steckte jetzt im Holster. Das Gewehr, das er erbeutet hatte, war schussbereit. Jeder seiner Sinne war aktiviert, seine Augen waren in ständiger Bewegung, sein Mund war eine harte, entschlossene Linie. Und er war kalt wie ein Eisblock.

Keiner der beiden Banditen, die Jagd auf ihn machten, ließ sich blicken. Wahrscheinlich hatten sie erkannt, dass er ihnen ebenbürtig war und dass sie ihn auf keinen Fall unterschätzen durften. Diese Sorte trug ihre Haut nicht unnötig zu Markte.

Sie Zeit schien stillzustehen. Irgendwo in der Stadt begann ein Hund zu bellen. Einige Artgenossen stimmten ein. Heiß brannte die Sonne auf McQuades Rücken. Mücken, vom Schweißgeruch angelockt, schwirrten um seinen Kopf.

McQuade hüllte sich in Geduld. Die Sekunden reihten sich aneinander, wurden zu Minuten und zu einer Viertelstunde. Und plötzlich sah er einen der Kerle. Es war nicht Cole Weston, es konnte sich nur um Bud Logan handeln. Lange, blonde Haare quollen unter seinem braunen Hut hervor. Der Bandit war hinter einem Gebäude hervorgetreten. Das Gewehr hielt er an der Seite im Anschlag. Der Lauf reflektierte das Sonnenlicht. Nach wie vor trieb das Bellen der Hunde durch Tucson.

Logan blieb im Schatten des Hauses stehen und drehte den Kopf erst nach rechts, dann nach links, dann rief er heiser: »Die Kanaille scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Es hat sicherlich keinen Sinn, nach ihm zu suchen. Gleich werden einige Deputys aufkreuzen. Verschwinden wir. McQuade entgeht uns nicht.«

In der Gassenmündung auf der anderen Straßenseite erschien Cole Weston. Er hielt das Gewehr mit beiden Händen schräg vor seiner Brust. »Wir haben erst dann Ruhe vor dem Bastard, wenn er in der Hölle ist.«

»Es ist nur eine Frage der Zeit«, knurrte Logan und setzte sich in Bewegung.

»Ich bin hier!«, brüllte McQuade und richtete sich auf. Sein Oberkörper wuchs über die falsche Fassade des Gebäudes hinaus. Ein mitleidloser Zug hatte sich Bahn in sein Gesicht gebrochen.

Auf der Straße warfen sich die beiden Banditen herum. Den Sekundenbruchteil, der zwischen Erkennen und Reagieren liegt, benötigten sie scheinbar nicht. Durch die Gefahr, die von McQuade ausging, waren sie auf blitzartige Reaktion eingestellt. Und sie reagierten wie Klapperschlangen.

Die Waffen brüllten auf. Heißes Blei pfiff durch die Luft. Der Lärm steigerte sich und mutete an wie ein höllischer Choral. Auf der Straße brach Bud Logan zusammen. Cole Weston zog sich rückwärts gehend und wie rasend feuernd in die Gasse zurück, aus der er vor etwa einer Minute gekommen war. Schließlich schleuderte er sich herum und floh. Mit dem nächsten Herzschlag war er aus McQuades Blickfeld verschwunden.

»Nummer zwei!«, knirschte McQuade und verspürte nicht die geringste Gemütsregung. Diese Kerle hatten den Tod verdient. Das Gesetz hatte versagt. Und er – McQuade -, hatte einen Schwur zu erfüllen. Die Verbrechen, die diese Banditen begangen hatten, legitimierten ihn. Er redete mit ihnen in ihrer Sprache – der Sprache der Gewalt. Die einzige Sprache, die diese Halunken verstanden. Sein Gesetzbuch war der Colt.

McQuade rannte über das Dach, sprang hinunter auf den niedrigen Schuppen, der ihm auch dienlich war, als er auf das Dach stieg, und landete nach einem weiteren Sprung im Hof. Er rannte auf die Straße, bewegte sich am Fahrbahnrand bis zu der Gasse, in der Cole Weston verschwunden war, und sah aus den Augenwinkeln, wie sich Bud Logan, der seitlich im Staub gelegen hatte, herumwälzte und hochdrückte. McQuade hielt an. Logan kam auf die Knie, er zog den Colt und schlug ihn auf den Texaner an. In seinen Augen glitzerte die Mordlust.

McQuade schoss aus der Hüfte und repetierte sofort. Die Hülse wurde ausgeworfen und landete im Straßenstaub. Logans Faust mit dem Colt sank nach unten. Sein Oberkörper pendelte vor und zurück, sein Kinn sank auf die Brust. Schließlich fiel Logan auf das Gesicht, seine Beine zuckten unkontrolliert, dann lag er still.

Vor McQuades Gesicht zerflatterte Pulverdampf. Sein Kopf zuckte herum, sein Blick bohrte sich in die Gasse. Cole Weston blieb verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. McQuade rannte los.

Er erinnerte sich daran, dass er auf dem Weg zu Maria Alvarez' Boardinghouse ganz in der Nähe der Pension einen Mietstall gesehen hatte und vermutete, dass die Banditen dort ihre Pferde untergestellt hatten. Dieser Mietstall war sein Ziel. Er beeilte sich. Als er noch zwanzig Schritte vom Hoftor entfernt war, kam trommelnder Hufschlag auf, und dann jagte Cole Weston auf einem Pferd durch das Tor. Er sah McQuade und feuerte mit dem Revolver auf ihn, riss das Pferd nach links und hämmerte dem Tier rücksichtslos die scharfen Radsporen in die Flanken.

McQuade riss das Gewehr an die Schulter. Über die Zieleinrichtung der Henrygun hinweg verkrallte sich sein Blick am Rücken des Banditen. Aber er drückte nicht ab. Es war nicht seine Art, einen Mann in den Rücken zu schießen. Er ließ das Gewehr sinken. Seine Kiefern mahlten. Das Lodern in seinen Augen legte sich nur nach und nach. Er wandte sich um und ging zu der Stelle, an der er Bud Logan niedergeschossen hatte. McQuade hatte einen blutigen Schlussstrich unter das Dasein des Banditen gezogen.

Zwei Männer hetzten näher. Einer von ihnen war Town Marshal Wes Rafferty, der andere trug ebenfalls einen Stern an der Brust. Sie waren mit Gewehren bewaffnet. Atemlos hielten sie bei McQuade und dem toten Banditen an. Rafferty keuchte: »Man hat es mir schon erzählt, was sich zugetragen hat, McQuade. Die drei Schufte haben Ihnen den Kampf aufgezwungen. Ein Stück weiter die Straße hinauf liegt ein weiterer Toter. Was ist mit dem dritten Mann?«

»Weston hat sich abgesetzt. Aber ich werde ihm auf den Fersen bleiben. Und irgendwann hole ich mir den Mörder vor die Mündung.«

»Vor zwanzig Minuten ist die Stagecoach nach Tucson gekommen«, sagte Rafferty. »Der Kutscher hat die Nachricht in die Stadt gebracht, dass Weston den Sheriff von Willcox erschossen hat. Weston ist also auch in Arizona ein Vogelfreier, ein Verfemter. Ich denke, die Regierung wird auf seinen Kopf ein hohes Lösegeld aussetzen.«

»Ich bringe Ihnen den Mörder, Marshal«, versicherte McQuade und stapfte los, um sein Pferd zu holen.



10

Bald war klar, dass Cole Weston in südliche Richtung aus der Stadt geflohen war. Marshal Wes Rafferty sagte: »Wahrscheinlich will Weston nach Mexiko. Bis zur Grenze sind es von hier aus etwa hundert Meilen. Die Gegend ist wild und unwegsam. Ein Mann kann in dieser Einöde verschwinden wie ein Staubkorn in der Wüste. Und es wimmelt zwischen Tucson und Nogales wahrscheinlich von Apachen. Ein Ritt zur Grenze ist mit Selbstmord gleichzusetzen, McQuade.«

Der Gesetzeshüter hatte mahnend und eindringlich gesprochen.

McQuade zuckte mit den Schultern. »Weder Tod noch Teufel können mich davon abhalten, Weston zu folgen. Ich will auch keine Zeit verlieren.«

Sie befanden sich mitten auf der Straße. Der Marshal hielt das Pferd, auf dem McQuade saß, am Kopfgeschirr fest. Jetzt löste sich seine Hand und er trat einen Schritt zur Seite. »Sicher, ich hätte wissen müssen, dass meine Worte in den Wind gesprochen sind. Sie gehen den Weg, den Sie eingeschlagen haben, wenn es sein muss bis zum bitteren Ende. Gott sei mit Ihnen, McQuade.«

»Adios, Marshal. Ich komme wieder.« Er schnalzte mit der Zunge und das Pferd setzte sich in Bewegung. Bald lag Tucson hinter dem Texaner. Hügeliges Land um gab ihn, im Südosten und im Südwesten erhoben sich die Höhenzüge der Sierrita und der Santa Rita Mountains. Es gab keinen Weg. Überall waren Gruppen von Comas und Mesquites zu sehen, dazwischen wuchsen ganze Felder von Kreosot. Wie eine zerfließende Scheibe aus Weißgold stand die Sonne im Südwesten. Die Hitze brachte die Luft zum Kochen. Die Hölle hatte einen Namen …

McQuade schonte das Pferd. Es war nicht auszuschließen, dass er auf die Kraft und die Ausdauer des Tieres noch angewiesen war. Wie ein Bluthund folgte er der Spur des Banditen.

Es wurde Abend. Der rötliche Schein, den der purpurne Horizont auf das Land legte, verblasste. Die Schatten lösten sich auf. Von Osten her schob sich die Dämmerung ins Land.

McQuade näherte sich den Bergen im Süden. Hoch oben trat der Abendstern aus dem dunkler werdenden Blau des Himmels hervor. Die Anhöhen wiesen eine Reihe von Einschnitten auf, in denen schon die düsteren Schatten der beginnenden Dunkelheit woben.

Da wehte ferner Schussdonner heran. McQuade fiel seinem Pferd in die Zügel, als das Tier stand, lauschte er. Er hatte sich nicht getäuscht. Weit vor ihm wurde geschossen. Ohne lange nachzudenken trieb er das Pferd wieder an. Im raumgreifenden Galopp stob er nach Süden. Als er nach einer Weile das Pferd erneut in die Kandare nahm, waren die Schüsse deutlich zu hören. McQuade ritt weiter. Es ging eine Anhöhe hinauf. Oben riss McQuade das Tier in den Stand. Unten, in der Ebene, erhob sich ein zerklüfteter Felsen, an dessen Basis mannshohes Strauchwerk wucherte.

Dieser Felsen wurde von verschiedenen Stellen aus unter Feuer genommen. Und das Feuer wurde verbissen erwidert. McQuade sah einige ungesattelte Pferde herumstehen und ahnte, dass es sich bei den Angreifern um Apachen handelte. Sie waren hinter Büschen und vereinzelt herumliegen Felsblöcken in Deckung gegangen. Die Mündungsfeuer zuckten durch die einsetzende Dunkelheit, das Krachen der Schüsse verschmolz ineinander und sickerte wie eine Botschaft von Tod und Verderben nach allen Seiten zwischen die Hügel.

McQuade zog das Gewehr aus dem Scabbard, sprang vom Pferd und führte das Tier in den Schutz eines Buschwerks, wo er es anleinte. Dann glitt er durch die Düsternis. Jede Deckung nutzend, die sich ihm bot, arbeitete er sich den Abhang hinunter. Schließlich sah er einen der Kerle, die drauf und dran waren, dem Mann bei dem Felsen das Tor zur Hölle aufzustoßen. Es war ein Indianer. Er kauerte hinter einem Felsklotz und jagte Schuss um Schuss darüber hinweg.

McQuade pirschte weiter, und als er sich etwa zwanzig Schritte hinter dem Krieger befand, repetierte er. Der metallische Klang erreichte das Gehör des Apachen und er warf sich herum, schlug das Gewehr auf McQuade an, doch der Texaner wartete nicht, bis der Apache durchzog. Sein Schuss dröhnte, die Kugel trieb den Indianer hoch, er machte das Kreuz hohl und kippte um.

Der Texaner rannte weiter. Er kam keine zehn Yard weit, als ein weiterer Apache hinter einem Busch hervor sprang und auf ihn schoss. Er spürte den Gluthauch der Kugel an der Wange und feuerte ebenfalls. Als hätte ihn die Faust des Satans von den Beinen gefegt krachte der Apache der Länge nach auf den Rücken. Er brüllte irgendetwas in seiner Sprache, dann war nur noch sein Röcheln zu vernehmen.

McQuade hetzte in den Schutz eines Strauches. Die anderen Apachen waren auf ihn aufmerksam geworden und schickten ihm heißes Blei. Aber als ihre Schüsse brachen, lag McQuade schon auf dem Bauch und kroch schlangengleich auf die andere Seite des Busches. Die Kugeln, die ihm galten, fetzten Blätter von den Zweigen und richteten sonst keinen Schaden an.

McQuades Ziel war eines der Mündungslichter. Ein erschreckter Aufschrei erklang. Er robbte weiter. Die niedrigen Kreosotstauden deckten ihn. Eine Serie von Schüssen donnerte. Eine Kugel traf einen Felsblock und quarrte durchdringend.

Plötzlich erhob sich Hufschlag.

McQuade hob den Kopf.

Ein Reiter jagte von dem Felsen weg in Richtung Westen davon. Er lag regelrecht auf dem Pferdehals, die Hufe des Tieres schienen kaum den Boden zu berühren. Einer der Apachen stieß einen schrillen Kampfschrei aus. Im nächsten Moment brüllte ein Gewehr auf. Das Pferd brach auf der Hinterhand ein, wieherte gequält, legte sich auf die Seite und keilte mit den Hufen aus. Der Reiter rollte über den Boden, kam hoch und rannte auf einen Busch zu.

McQuade erkannte ihn.

Es war Cole Weston.

Der Bandit verschwand im Schutz des Strauches.

McQuade verspürte tiefe Zufriedenheit.



11

Der Apache schnellte vom Boden auf McQuade zu und riss den Arm mit dem Tomahawk in die Höhe. Der Texaner wirbelte herum, warf sich zur Seite, und schlug mit dem Gewehr zu. Der Krieger gab einen gurgelnden Laut von sich, stolperte zwei Schritte zur Seite, und brach auf die Knie nieder. Ein langer Schritt brachte McQuade an ihn heran, er zog auf, um ihm mit dem Gewehrkolben den Rest zu geben, als er aus den Augenwinkeln einen weiteren Angreifer wahrnahm. McQuade ließ sich einfach fallen. Die Kugel des Apachen verfehlte ihn. Er rollte über den Boden und zog den Revolver. Das Gewehr hielt er mit der Linken am Kolbenhals fest. Plötzlich wuchs vor ihm der Krieger, den er niedergeschlagen hatte, in die Höhe. McQuade sah das verzerrte Gesicht und den glühenden Hass in den dunklen Augen und schoss. Die 45er Kugel fällte den Apachen wie einen morschen Baum.

McQuade richtete sich halb auf, sein Blick suchte den Apachen, der eben auf ihn geschossen hatte. Der Krieger stand neben einem Strauch und zielte auf ihn. Die Entfernung war zu weit für einen Schuss mit dem Revolver. McQuade ließ den Sechsschüsser fallen und nahm das Gewehr in Anschlag, aber da brach der Krieger mit dem Brechen eines Schusses wie vom Blitz getroffen zusammen. Und sofort peitschte es erneut. Die Kugel strich dicht über McQuades Kopf hinweg. Weston schrie: »Jetzt holt dich der Teufel, McQuade. Grüße Logan und Carter von mir. Die beiden sind doch tot, oder etwa nicht?«

»Ja, sie haben ihre gerechte Strafe erhalten, Weston. Und auch du wirst büßen.«

Höhnisches Kichern erklang, dann stieg es aus der Kehle des Banditen: »Deine Gebeine werden hier in der Ödnis verrotten, McQuade. Denn ich werde dich als Fraß für die Kojoten und Aasgeier zurücklassen. Farewell, du Narr!«

Aus seiner kauernden Stellung hechtete McQuade zur Seite. Das Geschoss des Banditen verfehlte ihn nur knapp. McQuade sah das Mündungsfeuer und hielt darauf, repetierte, schoss, repetierte …

Eine ganze Weile geschah nichts. Plötzlich tauchte Weston auf. Er kam um einen Busch herum. Seine Schritte waren unsicher. McQuade hörte ihn stöhnen. »Die Hölle verschlinge dich, McQuade«, entrang es sich dem Banditen, und seine Stimme hatte keine Kraft mehr. »Du bist ein verdammter …«

Weston brach auf die Knie nieder. Er hatte beide Hände vor der Brust verkrampft. Sein Atem rasselte. Ein Laut, der sich wie Schluchzen anhörte, kämpfte sich in seiner Brust hoch und brach sich Bahn aus seinem Mund.

McQuade drückte sich hoch. Das Gewehr an der Hüfte im Anschlag ging er langsam auf den Banditen zu. »Jeder zahlt für seine Schuld, Weston«, stieß der Texaner hervor. »Dein Trail …«

Cole Weston kippte zur Seite um. Mit einem verlöschenden Laut auf den zuckenden Lippen starb er.

McQuade starrte auf den leblosen Körper hinunter. Er empfand nichts. Weston und seine Kumpane hatten den Tod verdient. »Yeah«, murmelte McQuade rau, »jeder zahlt für seine Schuld, Weston. Der Preis, den du bezahlt hast, war hoch – verdammt hoch.«



12

Gegen Mittag des darauf folgenden Tages zügelte McQuade sein Pferd vor dem Marshal's Office in Tucson. Er führte eines der Apachenpferde an der Longe. Dem Tier hatte er Cole Westons Sattel aufgelegt, quer über den Pferderücken hing die leblose Gestalt des Banditen.

McQuade saß ab und überwand mit einem Sprung die vier Stufen zum Vorbau hinauf. Da trat auch schon der Marshal ins Freie. Nach einem schnellen Blick auf den toten Banditen sagte er: »Sie hatten also Erfolg, McQuade. Ihre Mission hier in Arizona hat damit ihr Ende gefunden. Was werden Sie tun? Kehren Sie nach Texas zurück?«

»In Texas wartet niemand auf mich«, murmelte McQuade. Er strich sich mit Daumen und Zeigefinger über das stoppelbärtige Kinn. Sein Blick richtete sich auf die schwarze Tafel an der Wand des Office, an die einige Steckbriefe und amtliche Bekanntmachungen geheftet waren.

»Ich könnte Ihnen einen Job als Deputy anbieten«, gab der Marshal zu verstehen. »Sicher wären Sie ein guter Gesetzeshüter, McQuade. Bleiben Sie in Tucson und …«

Rafferty brach ab, als sich McQuade mit einem Ruck in Bewegung setzte. Er ging zu der schwarzen Tafel und heftete seinen Blick auf einen der Steckbriefe. Gesucht wurde ein Mann namens Abel Nelson. Er hatte in Globe die Bank überfallen und einen der Kassierer erschossen. Für seine Ergreifung waren fünfhundert Dollar ausgesetzt.

McQuade riss den Steckbrief von der Tafel, faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Manteltasche.

»Was haben Sie vor?«, fragte Wes Rafferty.

McQuade wandte sich ihm zu. »Ich habe mich entschieden, Marshal. Ja, ich werde dem Gesetz dienen. Aber auf meine Art und ohne Stern an der Brust.«

»Ein höllischer Job«, murmelte Rafferty. »Sie werden nicht überall auf Verständnis stoßen.«

McQuade zuckte mit den Schultern. »Die Steckbriefe werden mich legitimieren. Und im Land gibt es viel zu viel lichtscheues Gesindel. Sehr oft ist das Gesetz machtlos …«

McQuade sprang vom Vorbau, schwang sich auf sein Pferd und zerrte das Tier um die linke Hand. »Good bye, Marshal. Ich denke, wir sehen uns wieder.«

Der Texaner ritt an.

»Auf Wiedersehen, McQuade!«, rief Rafferty. »Und halten Sie die Ohren steif.«

McQuade ließ das Tier traben. Der Marshal schaute ihm hinterher, bis er um einen Knick der Main Street aus seinem Blickfeld verschwand. Dann ging er zu dem Pferd mit dem toten Banditen und führte es die Fahrbahn hinunter.

McQuade zog nach Norden. Der Bandit Abel Nelson, der in Globe einen Mann ermordet hatte, ahnte nicht, dass sich ein zweibeiniger Wolf auf seine Fährte gesetzt hatte. McQuade ritt mit dem festen Vorsatz, dem Mörder das Handwerk zu legen. Er würde nicht ruhen …


ENDE






Glenn Stirling: Rinder für Santa Fé

Achtung, Jungs, da kommen sie!“, sagte Ol Canter scharf und presste seinen muskulösen Körper noch fester auf den Felsstein. Aus schmalen Augen spähte er nach vorn, wo der ausgefahrene Weg eine Biegung machte und im Gefälle zu Tal führte. Links fiel die Felswand steil ab bis hinunter zum Fluss, und rechts ragte sie wie eine Wand gen Himmel, bis hinauf zum Rande der Mesa.

Canter hörte das Prasseln von Hufen, das Rattern der Wagenräder, und über sein maskenhaft kantiges Gesicht huschte ein entspanntes Grinsen. Er und seine beiden Begleiter wirkten wie Cowboys, waren ebenso gekleidet, aber die abgeschabten Chaparrals hatten mit Rindern nichts zu tun. Ol Canter und seine beiden Freunde hatten es aufgegeben, ehrliche Arbeit zu verrichten. Seit Jahren schon. Und jetzt warteten sie auf Harry Safton. Auf ihn, der in einer Sonderkutsche saß, auf die sie nun schon seit zwei Stunden hier in der glühenden Sonne lauerten.

Das Getrappel der Hufe auf dem Schotterweg wurde deutlicher. Staub wehte nach links über den Rand der Steilwand ins Tal. Und dann tauchte die Kutsche auf. Es war ein kleiner Wagen, vierspännig und leicht. Eine sogenannte Expresskutsche, die man sich gegen zehnfachen Aufpreis mieten könne.

Vier rassige Braune jagten vor dem im Gefälle rasch fahrenden Wagen her, Bremsen kreischten, als die Biegung kam, Steine prasselten vom Weg über die abfallende Felswand in die Tiefe.

Und dann hob Ol Canter, den der Busch deckte, die Hand. Hinter ihm klickten die Verschlüsse der Gewehre. Ol Canter selbst zielte auf die Pferde vorn, dann drückte er ab, und sofort danach krachten auch die beiden anderen Schüsse.

Alle drei Kugeln schlugen in die vordersten Pferde. Die Tiere bäumten sich auf, stießen mit den Köpfen zusammen, brachen vorn ein, und die nachfolgenden beiden Braunen an der Stange versuchten völlig vergebens, sich einzustemmen. Der Wagen schob sie weiter, stieß die Tiere über die gestürzten Pferde hinweg, und binnen einer Sekunde war dort vorn ein Knäuel sich überschlagender Pferdeleiber.

Der Kutscher flog wie vom Katapult geschleudert vom Bock mitten zwischen die gestürzten Pferde. Der Wagen schwenkte mit der Hinterachse aus. Die Deichsel barst mit einem Knall; das rechte Vorderrad rammte gegen die Felswand, und jetzt wirbelte der Hinterteil des Wagens herum, hob sich über die abfallende Steilwand, schwebte jetzt über der Tiefe, und dann kippte er.

Verflucht, er stürzt ab!“, keuchte Ol Canter.

Diese Affen waren einfach zu schnell“, meinte Mich Laringford hinter Ol Canter. Der kleine, stoppelbärtige Mann mit den Mäuseaugen starrte auf die Kutsche wie auf einen Sack Geld, der ins Meer fliegt.

Mit rotierenden Rädern, die eine Türe geöffnet, flog die Kutsche über den Rand der Gebirgsstraße ins Nichts hinaus. Die gestürzten Pferde wurden wie von einer Geisterhand mitgerissen. Sekunden lang gellte ein Schrei durch die Luft, dann verschwanden Kutsche und Pferde in der Tiefe.

Mit angehaltenem Atem lauschten die drei Männer hinter den Steinplatten. Und dann hörten sie das dumpfe Klatschen der Pferdeleiber, das prasselnde Splittern des Wagenaufbaus. Eine dünne Staubfahne wehte noch von der Stelle herüber, wo die Kutsche vom Weg abgekommen und in die Tiefe gestürzt war. Dann war Stille wie an einem Sonntagmorgen.

Verflucht!“, brummte Mitch Laringford und verzog sein stoppelbärtiges Gesicht, das nicht nur von den Augen her an eine Maus erinnerte,

Ol Canter schwieg und wandte sich zu seinen beiden Partnern um. Da war das mondbreite Gesicht „Gun“ Mark Weatherbys hinter Gestrüpp zu sehen. Ein etwas einfältiges Gesicht, wie Ol sich jetzt sagte. Aber als Gun, wie Weatherby in seinen Kreisen genannt wurde, aufstand, zeigte sich die ganze Größe dieses Hünen. Guns riesenhafte Ausmaße ließen den sich ebenfalls erhebenden Mich Laringford wie einen Zwerg erscheinen.

Und nun?“, fragte Gun und glotzte stupide auf Ol Canter, der in den letzten Jahren das Denken für ihn mit übernommen hatte.

Und nun! Hast du das nicht gesehen, du Idiot?“, fuhr ihn Mitch an, „Die Kutsche ist zum Teufel, und der Goldfisch, den wir ins Netz pflücken wollten, mit ihr. Blödes Gefrage!“

Ruhig, Jungs“, brummte Ol Canter, stand nun auch auf und ging auf den Wagen weg zu.

Er war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, gut fünf Jahre älter als Gun, fast zehn Jahre älter als Mitch, der mit seinem zerknitterten Gesicht allerdings viel älter wirkte.

Canter trat an den Rand des Weges und spähte hinunter in die gähnende Tiefe, wo der Fluss unten als schmales Band silbern dahinfloss. Zwischen dem Ufer und der Felswand lagen die Wagentrümmer. Eines der Pferde war losgerissen und lag einen Steinwurf entfernt von diesem Chaos aus Pferdeleibern, Holzteilen, zerborstenen Rädern und Eisenstücken des Beschlags. Der Kutscher klemmte, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, zwischen zwei Pferdekadavern.

Es war ein Bild des Grauens, aber Ol Canter empfand nichts als Interesse dabei. Er suchte den jungen Mann, der in der Kutsche gesessen haben sollte. Aber er sah niemanden außer dem Kutscher.

Der bullige Gun war neben Canter getreten und glotzte einfältig nach unten. „Pshaw, sieht das aus!“, sagte er im Tonfall eines Kleinkindes.

Verdammt, wo steckt dieser Harry?“, fragte Mitch und blickte ebenso suchend auf die Trümmer wie Canter.

Wir müssen ’runter, da hilft nichts!" Canter zögerte nach seinen Worten und blickte Gun an. „Du kannst das machen, Gun. Du gehst ’runter!“

Gun nickte. „Da hinten?“ Er deutete auf die Stelle, wo der Wagenweg in weiteren Serpentinen bis ins Tal hinabführte.

Nimm das Pferd und reite hinunter“, sagte Canter in nachsichtiger Ruhe.

Mach’ ich“, murmelte Gun und lief zu dem Gestrüpp, hinter dem sie ihre Pferde versteckt hatten.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis Canter und Mitch den Kumpan unten sehen konnten. Gun saß ab und kletterte zwischen den Trümmern herum. Dann sah er nach oben und brüllte: „Nur der Kutscher ist da!“

Hast du Tomaten auf den Augen? Der Junge muss irgendwo sein, Mensch!“, schrie Canter, und jetzt war von seiner Ruhe nichts mehr zu spüren.

Ich sehe ja auch nichts“, meinte Mitch. Dann rief er hinab: „Gun, steig auf die Kutsche! Du musst doch hineinsehen können!“

Dieser ausgewachsene Idiot, ich hätte selbst gehen sollen“, knurrte Canter mürrisch. „Wenn der Junge gar nicht in der Kutsche gewesen, ist, haben wir das alles für die Katz gemacht.“

Sicher, und einen Mord hängen sie uns auch noch an.“ Mitch seufzte. „Bis jetzt konnten sie das nie.“

Hör auf zu flennen, Mensch!“, schnauzte Canter. „Die Stelle war astrein, aber wer konnte ahnen, dass der Kerl sein Gespann über den Abhang jagt.“

Mitch sah Canter verwundert an. „Dafür kann doch der Kerl nichts, Ol. Du hast doch zuerst geschossen, und wir haben alle drei verabredungsgemäß auf die Pferde gehalten. Der Rest war doch logisch.“

Halte dein Maul! Nichts war logisch. Ebensogut hätte die Karre stehenbleiben können. Die Stelle war gut. Da konnte uns keiner entwischen. Darum ging’s mir doch. Eh, Gun, hast du was?“

Nichts! Nur ’n Koffer mit Zeug. Kleiderkram.“ Gun sah nach oben und hielt dabei den Koffer hoch. Dabei öffnete er ihn noch, und der ganze Inhalt, Anzüge, Wäsche und kleine Utensilien, fiel auf die Trümmer.

Verdammt, das könnten doch Sachen von ihm sein“, meinte Canter. „Los, das will ich genau sehen. Wir müssen auch hinunter, Mitch! Bestimmt ist der Junge herausgeschleudert worden und liegt vielleicht sogar im Fluss oder drüben bei den Büschen. Los, zu den Pferden!“

Wenig später saßen sie in den Sätteln und ritten zu Tal.

*

Die Staubwolke wehte wie der Rauch eines Präriefeuers im Südwind über das weite Grasmeer. Die wogenden Rücken der großen Herde schoben sich nordwärts, und der Staub bildete eine Dunstglocke, aus der nur ab und zu die Flankenreiter auftauchten, um wieder darin unterzutauchen. Dumpf dröhnte das Muhen und Brüllen der Rinder über die Ebene, scharf knallten die langen Enden der Bullpeitschen durch die Luft, heiser klangen die Rufe der Cowboys.

Buster Tom Copper hatte sein Pferd abseits des Treibweges auf einer Erhebung pariert und blickte auf die vorbeiziehende Herde. Seine Herde, elfhundert Tiere groß.

Die grauen Augen des Ranchers beobachteten die Arbeit seiner Mannschaft, die scharf trieb. Trotzdem schien die Herde unendlich langsam voranzukommen in der gigantischen Weite dieses gelbgrünen Landes.

Im Osten bildeten die White Mountains einen Gebirgsgürtel, im Norden lagen die Hochflächen und Canyons des Great Colorado Plateaus, und im Westen ragten die Hügelzüge der Mogollon Mesa-Ausläufer von Nord nach Süd. Hinter der Herde, im Süden, lief alles in die weite Ebene aus, die schließlich in die Gila-Wüste mündete.

Zweihundert Meilen hatte die Herde hinter sich. Zweihundert Meilen glühende Hitze, Staub im ewigen Südwind, der nur nachts Kühlung brachte. Zweihundert Meilen Durst, denn sie hatten schon zweimal trockene Camps aufschlagen müssen. In dem staubverkrusteten, kantigen Gesicht des Ranchers zuckte es, wenn er daran dachte, was ihn jedes trockene Camp an Fleischgewicht kostete. Die Tiere magerten vor Durst an einem solchen Tag mehr ab, als sie in vierzehn Tagen wieder an Gewicht aufholen konnten. Jedes verlorene Pfund war gleichbedeutend mit weniger Geld.

Geld aber hatte Buster Tom im Augenblick mehr nötig als etwas anderes, Wasser allerdings ausgenommen. Der letzte Sommer war verheerend gewesen. Ein Sandsturm hatte ihm ein Viertel seiner Herden vernichtet. Dann der Winter. Ein für Südarizona ungewöhnlich harter Winter mit Frost und Schnee. Noch einmal kostete das mehr als vierhundert erstklassigen Schlachtstieren das Leben.

Die Entbehrungen in der Wildnis hatten Buster Tom hart und zäh gemacht. Mit seinen knapp fünfzig Jahren wirkte er verwittert wie ein alter Baum, der Hunderten von Stürmen getrotzt hat. Aber Buster Tom spürte in seinem Innern eine heftige Ungeduld. Er wusste, was es für ihn bedeutete, wenn er diese Herde nicht durchbringen würde, durchbringen bis Santa Fé. Durchbringen durch hundert kleine und große Höllen, die ihm die Natur in den Weg gelegt hatte, durchbringen durch ein von Apachen beherrschtes Gebiet. Und hier oben nördlich seiner Ranch kannte er keinen der Stammesführer. Hier war er für die Indianer ein Weißer wie jeder andere, und damit ein Eindringling, ein Feind, dem all der Hass galt, zu dem die so oft von Weißen enttäuschten Indianer fähig waren.

Ein Reiter schälte sich aus dem Staub der Herde und näherte sich dem Rancher.

Buster Tom nahm den Hut ab, wischte sich mit seinem roten Halstuch den mit Schweiß vermischten Staub von der Stirn und strich sich durchs graue Haar. Indessen war der Reiter nahe genug, um ihn deutlich erkennen zu können. Auffallend war das dem Rancher so ähnliche Gesicht des Mannes, nur dass es viel jünger schien.

Gerade, sicher und wie mit dem Pferd verwachsen saß der Mann im Sattel. Er war so groß wie der ohnehin schon stattliche Rancher, aber seine Haltung im Sattel verriet jugendliche Elastizität.

Wie weit noch bis zum Wasserloch, Boss?“, fragte Cliff Copper seinen Vater.

Vier Stunden. Es hat genug Wasser.“

Buster Tom setzte den Hut wieder auf, band sein Halstuch fest und spähte über Cliff, der auf seinem Braunen vor ihm hielt, zur Herde hin.

Cliff trieb sein Pferd noch ein Stück höher, bis es neben dem Pinto des Ranchers stand. Nun sahen sie sich an. Nur ein kurzer Blick, und in diesem Blick lag das innige Verstehen der beiden. Vater und Sohn, Männer dieses Landes, die zu denen gehörten, die Tag für Tag gegen die Unbilden der Wildnis kämpften, um der Zivilisation einen Brückenkopf zu erhalten.

Sten will wissen, ob dort Wild ist. Ein Braten würde uns nichts schaden“, sagte Cliff und deutete nach Norden.

Dickhornschafe habe ich gesehen, als ich heute Morgen dort war“, erwiderte Buster Tom. „Die Pferderemuda treibt ihr am besten in den Canyon,der rechts von der Wasserstelle liegt. Da brauchen wir keine Seile zu spannen. Und jetzt weiter, Junge!“

Cliff nickte, trieb sein Pferd an und sprengte zurück in den Dunst der Staubglocke.

Buster Tom blickte seinem ältesten Sohn nach und nickte zufrieden. Cliff würde ein guter Rancher werden, das stand für ihn fest. Und er hatte auch in der Zeit als Marshal in Tucson bewiesen, dass er zudem noch ein guter Kämpfer war. Auf der Circle C-Ranch brauchte man Kämpfer.

Die Mannschaft war gut eingespielt, Buster Tom fiel dabei die Aufgabe zu, den Treibweg zu erkunden, und von so einer Erkundung war er eben zurückgekommen. Alles war in Ordnung. In vier Stunden würde die Herde an der Wasserstelle sein. Dann führte der Trail durch die Berge.

Buster Tom ritt hinab zur Herde, überholte sie und sah ganz vorn vor dem Leitstier Jimmy, seinen zweiten Sohn, der die Herde führte, Buster Tom lächelte. Wie schwer musste es dem blonden Hitzkopf fallen, so langsam zu reiten? Wo Jimmy doch sonst wie der Teufel dahinpreschte und von manchen Leuten in Tucson „Gilaschreck“ genannt wurde. Jimmy war einundzwanzig, und selbst Buster Tom fragte sich, wann Jimmy endlich etwas ruhiger werden würde.

Er ritt zu Jimmy hinüber, der grüßend die Hand hob, als er seinen Vater sah. Jimmy war über und über mit Staub paniert; sein Pferd ähnelte einem Schuppentier, so sehr hatten sich Schweiß und Staub zu kleinen Platten auf dem Fell vermischt. Als Jimmy seinen Vater ansah, leuchtete das Weiß seiner Augen und seiner Zähne wie aus einer Maske heraus.

Ist genug Wasser drin?", rief Jimmy, und seine Stimme war rau wie ein Reibeisen.

Ja. Vier Stunden noch, dann habt ihr sie.“

Boss, wo steckt Sten mit dem Chuckwagon?“

Ist schon voraus. Was ist?"

Mein Tabak ist alle."

Buster Tom griff in die Westentasche und zog seinen Lederbeutel heraus, warf ihn Jimmy zu, der ihn geschickt auffing, sich nach Mexikanerart mit einer Hand eine Zigarette drehte und den Beutel zurückwarf. Als die Zigarette brannte, wollte er etwas sagen, doch sein Vater starrte wie gebannt nach vorn. Jimmy folgte der Blickrichtung und entdeckte weit voraus eine Reitergruppe. Drei Reiter waren es, die sich scheinbar unendlich langsam näherten. Aber das sah nur auf diese weite Distanz so aus.

Weiße“, sagte Buster Tom, der ein Armeefernglas besaß und damit jetzt auf die Reifer sah. „Keine Apachen.“

Zehn Minuten später waren die drei Reiter so nahe, dass sie auch ohne Fernglas deutlich zu erkennen waren.

*

Eine Herde! Wo treiben die hin?“, meinte Mitch Laringford, als er in der Ferne den scheinbar endlosen braunen Wurm aus Rinderleibern entdeckt hatte.

Ol Canter zuckte die Schultern. „Vermutlich nach Santa Fé. Für uns eine nutzlose Sache.“

Heute war alles nutzlos“, knurrte Mitch Laringford und sah zu Gun hinüber, der wie eine Statue auf seinem großen Pferd saß und einfältig grinste, wie er es immer tat, wenn er nicht wusste, was er sagen sollte.

Es gibt nur eins, Mitch“, meinte Ol Canter, „der Junge hat überhaupt nicht in der Kutsche gesessen. Er kann nicht drin gewesen sein. Sonst müssten wir ihn doch gefunden haben. Wenigstens eine Spur von ihm.“

Stimmt, aber mir gefällt die Sache trotzdem nicht. Nun haben wir einen Mord am Hals, und genau genommen für die Katz.“

Nicht für die Katz“, mischte sich Gun ein und streckte seine riesige Faust vor. Als er sie öffnete, glitzerte darin die goldene Taschenuhr, die er im Koffer gefunden hatte.

Idiot!“, knurrte Ol Canter. „Dafür hätten wir das nicht zu tun brauchen. Eh, siehst du die Spuren?“, wandte er sich an Mitch. „Der Küchenwagen ist schon vorbei. Und ich dachte, wir kommen an einen Schluck Kaffee. Sie werden am Wasserloch rasten. Das ist noch über drei Stunden von hier,“

Was geht uns die Herde an?“, sagte Mitch wegwerfend. „Komm, Ol, reiten wir weiter.“

Ol starrte mit verkniffenen Augen auf die noch ziemlich weit entfernte Herde. „Wirklich? Mir ist da eben eine Idee gekommen, Mitch, Eine klasse Idee!“

Gun lachte blöde vor sich hin. „Er hat immer gute Ideen, Mitch. Immer hat er sie!“

Halt die Schnauze! Wie gut seine Ideen sind, haben wir vorhin erst gesehen. Was für eine Idee denn schon wieder, Ol?“

Ol musterte ihn wütend. „Werde nur nicht frech, Mitch! Das mit dem Jungen konnte ich ja nicht voraussehen. Die Informationen waren großartig.“

Das habe ich erlebt“, meinte Mitch verächtlich.

Ol ging nicht darauf ein. Er sah der Herde entgegen und grinste plötzlich triumphierend. „Hört zu, Jungs, hört genau zu!“ Er warf einen kurzen Blick auf seine Partner, dann sah er wieder zur Herde hin und sagte: „Wir brauchen frische Pferde. Die dort haben eine Remuda und können uns drei frische Pferde eintauschen.“

Mein Pferd ist mir noch frisch genug“, meinte Mitch, und Gun, der immer nachquatschte, was Mitch sagte, meinte: „Meins ist auch nicht müde, Ol.“

Sie sind zu müde, um einen schnellen Ritt zu machen“, erklärte Ol. „Und einen schnellen Ritt müssen wir machen, wenn das mit dem Jungen noch was werden soll. Außerdem könnt ihr Gift darauf nehmen, dass sie die Kutsche suchen, weil sie nicht ankommt. Dann wäre es gut, wenn wir andere Pferde haben. Welche mit einem fremden Brand.“

Du meinst, man hat uns in St. Johns gesehen, als wir die Sache ausgekundschaftet haben?“, fragte Mitch,

Gesehen und registriert, wie das eben in so einem Nest ist. Also, Jungs, die frischen Pferde und dann nach Fort Verde. Ich muss wissen, ob der Junge schon bei seinem Alten ist oder nicht. Wenn nicht, fangen wir ihn unterwegs ab, Der alte Safton hat mehr Geld, als ihr euch denken könnt. Und Harry ist sein einziges Kind. Ein Mann wie Safton tut sonst was, wenn sein Sprössling in Schwierigkeiten ist.“

Ein Mann wie Safton!“, wiederholte Mitch abfällig. „Er hat uns angeschmiert. So machen diese Brüder ihr Geld.“

Eben, und dafür soll er zahlen. Zahlen, bis er schwarz wird. Doch dazu müssen wir den Jungen haben. Dieser Rotznase tut es auch ganz gut, wenn ihm der Hintern auf Grundeis geht. Hast du gesehen, wie sich dieser Bursche im Hotel in St. Johns aufgespielt hat? Siebzehn ist er und gibt an, als hätte er das Pulver erfunden. Also Jungs, reiten wir zu dieser Mannschaft, damit wir an frische Pferde kommen. Ich werde denen eine feine Story verpassen.“

Er griff in die Tasche, zog einen blitzenden Marshalstern heraus und steckte ihn sich an die Brust.

Was soll denn dieser Zauber?“, fragte Mitch misstrauisch.

Gun starrte auf den Stern, dann auf Ols Gesicht und machte Augen, als sähe er Ol zum ersten Mal im Leben. Er machte dabei den Mund auf wie ein staunendes Kind. Dann entspannte sich sein Gesicht und er lachte einfältig. „Ol als Marshai, haha!“

Hör auf mit diesem Gemecker!“, fauchte ihn Mitch an, und Gun, der viel größer und breiter als Mitch war, wurde sofort ernst, blickte Mitch ängstlich an und machte wieder den Mund auf.

Seht ihr, jetzt werden sie sich auch unsere Story anhören, nicht wahr, Deputy Mitch Laringford? Und du, Gun, hältst dein Maul, verstanden! Du sagst gar nichts! Und wenn du was sagst, dann sag, dass du vereidigter Deputy bist! Dass du die Kerle jagst, die eine Kutsche überfallen haben! Klar?“

Gewiss, Ol, ich sage alles, was du willst“, meinte Gun.

Er wird wieder den größten Mist zusammenreden“, knurrte Mitch. „Ol, die Sache ist nicht komisch. Die Tauschpferde bekommen wir auch ohne diesen Unfug.“

Aber sie werden am Wasserloch lagern, vielleicht werden sie auch jagen. Dort sind Dickhornschafe. Dann finden sie die Kutsche, du Narr. Und sie werden sich zusammenreimen können, was wir mit den frischen Pferden wollten. Also, wir machen es, wie ich gesagt habe, Los jetzt!“

*

Kane kam von hinten vor und übernahm die Herdenspitze. Jimmy folgte seinem Vater zur Seite, und sie ließen die Herde an sich vorbei. Dann waren auch die drei Fremden heran. Einer von ihnen, ein großer, schlanker Mann mit dunklem Haar und grauen Schläfen, trug den Marshalstern. Die beiden anderen, der eine klein und drahtig, der andere groß und muskulös, blieben zurück. Nur der Marshal kam bis dicht an Buster Tom heran,

Mein Name ist Canter, Marshal der Territoriumsbehörde. Ich habe ein paar Fragen an Sie. Sind Sie der Treibherdenboss?“ Er musterte Buster Tom mit dem durchbohrenden Blick, wie das viele Marshals tun.

Ich bin der Rancher. Mein Name ist Copper, Tom Copper von der Circle C-Ranch.“

Aha, Mr. Copper, wir kennen das Südgebiet noch nicht so genau. Wir sind hinter einer Bande her, die erst vor wenigen Stunden einen Überfall auf eine Kutsche losgelassen hat. Dort vorn im Canyon liegen die Trümmer." Er deutete nach Norden, „übrigens sind die beiden meine Deputies“, erklärte er mit einer Handbewegung auf Gun und Mitch, er sagte aber nicht ihre Namen. Vielmehr wandte er sich wieder Buster Tom zu und fragte: „Sind Fremde in Ihrer Nähe aufgetaucht?“

Wir haben keine gesehen“, erwiderte Jimmy an seines Vaters Stelle.

Das ist mein Sohn, der immer an der Herdenspitze war“, erklärte dazu Buster Tom. „Was wollen Sie noch wissen? Wir treiben eine Herde, Gentleman, da hat man die Zeit nicht auf dem Wege gefunden.“

Wir brauchten frische Pferde, um die Bande zu verfolgen.“

Haben Sie die Spur gefunden?“, wollte Jimmy wissen.

Nein, aber der Kutscher lebte noch, und so haben wir den Verdacht, dass sie nach Westen sind. Nach Fort Verde.“

Nun gut, Sie können frische Pferde bekommen.“ Buster Tom musterte die Tiere der drei Fremden und fuhr fort: „Sehr abgehetzt sehen Ihre Pferde nicht aus. Woher stammt der Brand?“

Cimarron-Ranch Colorado.“ Ol Canter grinste verbindlich. Aber sein Grinsen gefror ein, als Buster Tom lässig fragte:

Jimmy, wie hieß die Ranch, auf der Sten früher Koch gewesen ist? Das muss doch die Cimarron-Ranch gewesen sein.“

Stimmt, Boss.“

Dann hol mal Matt her, der ist ja damals dort oben gewesen und hat uns Sten gebracht!“

Jimmy nickte nur, zog sein Pferd herum und jagte in die Staubwolke hinein.

Misstrauen Sie uns, Rancher?“, fragte Ol Canter in gut gespieltem barschen Tonfall.

Buster Tom schüttelte den Kopf. „Misstrauen? Warum denn? Ich möchte Ihnen helfen. Wenn es tatsächlich Cimarron-Pferde sind, können wir sie auf einer Poststation abgeben und zur Ranch zurückschicken. Dann wird mir der Rancher dort einen Scheck zusenden. Aber erst muss ich wissen, wie gut diese Ranch ist, und dann muss ich sicher sein, dass diese Pferde auch von dort sind.“

Hören Sie, Mr. Copper, es sind Cimarron-Pferde!“, sagte Canter scharf.

Und die gehören Ihnen, oder sind es Leihpferde?“

Es... es sind Leihpferde“, sagte Canter nach kurzem Zögern und warf dabei einen beschwörenden Blick auf Mitch, der gerade etwas sagen wollte.

Na also, dann ist es doch berechtigt, was ich tue“, meinte Buster Tom.

Aus dem Staub der fast vorbeigezogenen Herde tauchte jetzt ein großer dürrer Mann auf, der etwa in Buster Toms Alter war, aber viel älter wirkte. Sein Gesicht war so faltig und zerknittert, dass es an Baumrinde erinnerte. Er hockte im Sattel wie ein müder Adler auf einem Ast. Aber dieser Mann war mehr als er schien, nicht nur, weil er Buster Toms Vormannrolle innehatte. Der ehemalige Scout Matt Jackson hatte zusammen mit Buster Tom die Circle C-Ranch aufgebaut. Ein alter Löwe, der durchaus noch gefährlich hart kämpfen konnte und mit Erfahrung wettmachte, was ihm an jugendlicher Kraft fehlte.

Misstrauisch musterte er Canter und dessen beide Gefährten. Dann fragte er, ohne den Blick von Canter zu nehmen: „Was liegt an, Buster Tom?“

Den Brand der Pferde kennst du doch, wie?“

Cimarron-Ranch.“

Na also!“, sagte Canter. „Wir haben die Gäule erst vorgestern dort bekommen.“

Das ist Marshal Canter mit zwei Deputies“, erklärte Buster Tom und erzählte knapp, was Canter behauptet hatte.

Matt Jackson hörte es sich an, ohne zu zeigen, wie er darüber dachte. Dann sah er Buster Tom an. Der nickte nur, und Matt Jackson nickte auch.

Unruhig blickte Canter von einem zum anderen. Schließlich sagte Matt Jackson: „Tja, Buster Tom, was nun?“ Er wandte sich Canter zu und sagte: „Also, ihr habt die Gäule vorgestern auf der Cimarron-Ranch bekommen. Hm, und jetzt geht es der Bande nach. Hm.“ Er sah wieder Buster Tom an. „Wirklich schade um die schöne Geschichte. Tja, was machen wir mit diesem Marshal?“

Canter wurde nervös, „Was soll das Gerede? Eh, habt ihr nun frische Pferde oder nicht?“

Wir haben frische Pferde“, sagte Buster Tom. Er winkte Jimmy zu, der weit hinter den drei Fremden auftauchte und langsam näher kam. Nun tauchte auch Cliff noch auf.

Mitch sah sich um und erkannte die beiden näher kommenden Reiter, übersah auch nicht, dass sie ihre Gewehre aus den Scabbards gezogen hatten. Seine Hand tastete sich zum Revolver.

Aber da sagte Buster Tom ruhig: „Marshal, jeder Gesetzesbeamte hat einen Ausweis. Sie doch ganz sicher auch, nicht, wahr?“

Canter verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Was soll diese idiotische Frage, he? Ich bin Marshal und damit basta.“

Wie können Sie es erklären, Marshal", fragte nun Matt Jackson, und er betonte das Wort Marshal auf jeder Silbe, „dass die Cimarron-Ranch Ihnen Pferde geliehen hat, wenn die Cimarron-Ranch seit einem guten Jahr gar nicht mehr existiert?“

Was?“, rief Canter.

Mich knurrte nur: „Idiot!“

Ja, sie wurde von Kiowas niedergebrannt. Die Mannschaft löste sich auf. Zwei Männer kamen zur Circle C, also zu uns. Der eine ist unser Treibherdenkoch. Der andere ist auf diesem Trail nicht dabei. Die Pferde übernahm damals die Wells Fargo-Gesellschaft, denn bei ihrer Bank hatte der Cimarron-Rancher Geld geliehen. Der Rancher war im Kampf gegen die Kiowas gefallen. Tja, Marshal, nun ist Ihre schöne Geschichte kaputt. Was nun?“

Matt Jackson grinste schief, und Buster Tom konnte sich eines mitleidigen Lächelns auch nicht erwehren.

Da ist noch etwas", sagte Buster Tom, bevor Canter etwas äußern konnte. „Den Großen dort, den kenne ich. Das ist Gun Mark Weatherby. Sein Steckbrief hängt in Tucson vor dem Office von Marshal Rip O’Hagan. Für fünfhundert Dollar Belohnung kann man Ihren Deputy bei Rip O’Hagan abliefern. Was sagen Sie dazu?“

Canter schien zu begreifen, dass es nichts mehr gab, was er dem Rancher und seinem Vormann auftischen konnte. Es blieb offenbar nur noch die Gewalt, um diese Misere zum Guten zu wenden. Mitch sah diesen Ausweg noch früher als sein Kumpan.

Gun, gib Zunder!“, zischte er dem Hünen zu.

Das war für Gun ein gewohntes Zeichen. Gun tat, was er immer getan hatte, wenn von Mitch dieser Hinweis gekommen war. Er griff mit traumhafter Schnelligkeit zum Revolver. Jetzt endlich wendete sich alles so, wie er es kannte. Diese Wortgeplänkel, davon hielt er nichts. Aber der Griff zur Waffe, das war ihm vertraut, hier wusste er genau, was zu tun war.

Er hatte sie heraus, riss sie hoch, doch plötzlich sah er an Buster Toms Hüfte einen grellen Blitz, spürte gleichzeitig einen heftigen Schlag an der Schulter und wurde halb im Sattel herumgerissen.

Mitchs Pferd bäumte sich auf. Trotzdem zog Mitch noch seinen Revolver. Aber da traf ihn etwas von hinten, stieß ihn nach vorn auf den Pferdehals, und dann keilte das Pferd gerade nach hinten aus, nahm den Kopf herunter, und Mitch wurde wie von einem Katapult aus dem Sattel geschleudert.

Canter hatte die einzige Chance genutzt, die sich ihm bot, als Mitchs Pferd bockte. Er riss sein Tier herum, zog ihm brutal die Sporen an den Flanken entlang, und das gepeinigte Tier flog wie ein Pfeil davon, direkt in die Staubwolke des Herdenendes hinein.

In dieser Dunstglocke verschwand Canter und tauchte erst auf der anderen Seite wieder auf, jagte weiter nach Westen zu und schoss wie irr zurück, als zwei Cowboys auftauchten, die ihn verfolgen wollten. Er traf das Pferd des vorderen, woraufhin die beiden zurück blieben.

Canter entkam, und niemand folgte ihm noch. Zornig und enttäuscht trieb er sein Pferd auch dann noch an, als die Staubglocke der Herde weit hinter ihm lag und die schroffen Felsen und das Labyrinth von Schluchten und Canyons vor ihm auftauchten.

*

Ein Schuss hatte Guns Pferd an der Kruppe gestreift. Dem verletzten Reiter im Sattel ging das Tier durch. Gun, an der Schulter getroffen und nur noch mit viel Glück im Sattel, konnte das Tier nicht parieren. Es raste davon, und Gun klammerte sich, von Schmerzen gepeinigt, an dem Sattelhorn fest.

Buster Tom schüttelte den Kopf, als Matt Jackson fragte, ob sie Gun einholen sollten.

Wir sind keine Marshals. Unsere Herde ist wichtiger für uns“, entschied der Rancher. Er sah auf Mitch nieder, der mit seltsam verdrehtem Kopf am Boden lag.

Jimmy war schon da, und Cliff kam ebenfalls, sprang vom Pferd und kniete sich neben Mitch. Dann hob er nach kurzer Untersuchung den Kopf. „Aus.“

Deputy, hat er gesagt“, murmelte Matt Jackson. „Buster Tom, wir sollten Gun Weatherby verfolgen. Der Bursche ist fünfhundert Bucks wert.“

Die Herde, habe ich gesagt, Matt!“, erwiderte der Rancher. „Matt, übernimm die Führung, sie werden langsamer! Jimmy, zurück zur Herde! Das hier mache ich mit Cliff!“

Jimmy zog einen Flunsch, denn er kam sich wie ein Schuljunge vor, den man wegschickt.

Matt Jackson winkte Jimmy. „Komm, Junge!“

Buster Tom ritt zu Mitchs Pferd hin, das ein Stück weggelaufen war. Er nahm es am Zügel und brachte es zurück. Cliff stand jetzt neben Mitch.

In den Taschen war nicht viel, nur das hier!“ Er hob ein buntgewürfeltes Tuch hoch, in das er die Utensilien aus Mitchs Taschen gepackt hatte. „Nichts von Bedeutung“, sagte Cliff dazu.

Sieh in den Satteltaschen nach!“ Buster Tom gab Cliff die Zügel des Braunen von Mitch und stieg aus dem Sattel. Er trat vor Mitch hin und musterte den toten Mann.

Irgendwie kommt er mir bekannt vor. Aber mir fällt nicht ein, woher ich ihn kenne.“

Cliff untersuchte die Satteltaschen und brachte ein weißes Hemd zum Vorschein, in dessen Brusttasche die Initialen HS gestickt waren. Dann fand er auch noch Taschentücher, Unterwäsche, und überall fand sich dieser Initialschriftzug HS.

Scheint ein vornehmer Bursche gewesen zu sein, wenn’s ihm gehört hat“, meinte Cliff.

Es sieht mehr nach geraubtem Zeug aus. Diese Sorte schneuzt sich nicht in Taschentücher. Noch was?“

Buster Tom wandte sich seinem Sohn zu, der nun auch ein Buch zum Vorschein gebracht hatte. Es war ein schwarzes Buch mit der goldgeprägten Aufschrift: Für dich,

Cliff schlug es auf. Auf dem Innendeckel stand etwas, und er las es vor: „Harry Safton, St. Louis, Winton College.“ Cliff blätterte weiter. „Es sind Gedichte drin und Sprüche mit der Unterschrift von verschiedenen Leuten. Sieht aus wie ein Poesiealbum oder so was, wie es Rosalie hat.“

Aha, und so etwas soll so ein Bursche besitzen?“ Buster Tom schüttelte den Kopf. „Ich nehme an, dass diese drei Galgenvögel die Kutsche ausgenommen haben. Das scheint hier ganz in der Nähe zu sein. Vielleicht haben wir sie noch gestört. Wenn man nur herausfinden könnte, warum sie von uns Pferde haben wollten. Die sie hatten, waren ja gar nicht so fertig. Also, begraben wir ihn. Die Herde ist schon ein ganzes Stück weg. Komm, Cliff!“

Cliff schnallte den Handspaten vom Sattel und begann zu graben, während Buster Tom die Satteltaschen wieder füllte und an den Sattel hängte. Als sie Mitch begraben hatten, ritten sie der Herde nach.

*

Die Herde lagerte rund um die große Wasserstelle am Fuße des Canyons, der weit in die Felsenmauern hineinreichte.

Sten, der Mannschaftskoch, hatte den Dutch-Ofen neben dem Chuckwagon aufgebaut und backte Sauerteigbiskuits. Die Männer der elfköpfigen Mannschaft saßen im Schatten des Chuckwagons, soweit sie nicht Herdenwache hatten. Reiter umkreisten, eintönige Lieder singend, die Herde. Dieser Singsang beruhigte das Vieh. Die Rinder, überwiegend Stiere und einige ältere Kühe, fraßen noch. Hier in der Umgebung des Wassers wuchs hohes, bis weit über den Bauch der Tiere reichendes Grammagras, das so scharfblättrig war, dass man sich daran die bloßen Finger zerschneiden konnte.

Buster Tom schlief. Er hatte letzte Nacht nicht schlafen können, weil er zur Erkundigung des Trails vorausgeritten war. Cliff war mit Jimmy im Canyon, um zu jagen, und Matt Jackson thronte oben auf dem Chuckwagon, seinem Lieblingsplatz in Treibercamps.

Die Männer im Schatten des Wagens schlürften den starken und heißen Kaffee, den Sten vorhin ausgeteilt hatte, und kauten auf den brutzeligen, frischen Sauerteigbrötchen, die ihnen Sten zuwarf, sobald er welche fertig hatte.

Um den Rancher nicht aufzuwecken, sprachen die Männer gedämpft und murmelnd. Nur Matt Jackson beteiligte sich nicht an der Unterhaltung, die sich um die Auseinandersetzung mit den drei Fremden drehte.

Plötzlich tauchten im Canyon Jimmy, Cliff und fünf weitere Reiter auf, die Uniformen der Kavallerie trugen. Sie hatten ein Pferd am Zügel, auf dem ein Mensch lag.

Matt Jackson stieß einen kurzen Pfiff aus, und nahezu augenblicklich fuhr Buster Tom hoch, rieb sich die Augen, sah, wohin seine Männer blickten, und stand auf. Da entdeckte auch er die Reiter.

Jimmy galoppierte auf seinem Pferd voraus und langte vor den anderen beim Herdencamp an. Mit einem Sprung war er aus dem Sattel. „Sie haben Gun erschossen. Er ist ihnen direkt vor die Mündung geraten. Cliff und ich haben die Kutsche gesehen, oder was davon übrig ist. Der Kutscher war völlig verstümmelt.“

Fahrgäste?“

Ein Junge soll in der Kutsche gewesen sein, aber wir haben ihn nicht gefunden. Es wimmelt von Indianerspuren dort.“

Jimmy sah sich nach den Kavalleristen um, die mit Cliff näher kamen. Der tote Gun Weatherby hing festgebunden auf seinem Pferd.

Ein bärtiger Sergeant führte die Patrouille. Er salutierte lässig und wandte sich an Buster Tom. „Mr. Copper, nehme ich an?“ Und als Buster Tom nickte, fuhr der Sergeant fort: „Sergeant Fowlers, B-Kompanie von den sechsten Rangers. Wir sind von St. Johns aus der Kutsche gefolgt und wussten rein zufällig, dass sie mit dem jungen Safton unterwegs nach Fort Verde war. Die Kutsche ist gestoppt worden und in den Canyon gestürzt. Der Fahrer ist dabei umgekommen, aber wir suchen den Jungen.“

Keine Spur davon?“

Keine. Dieser Weatherby hat noch gelebt, als wir ihn vom Pferd geschossen haben. Er sagte, dass sie vom alten Safton eine zackige Lösegeldsumme herausholen wollten, den Jungen aber selbst nicht gefunden hätten.“

Aber wenn er in der Kutsche war, muss er doch gefunden werden“, meinte Buster Tom.

Der Sergeant zuckte die Schultern und strich sich über den blonden Bart. „Keine Spur, dafür Dutzende von ganz frischen Spuren der Apachen. Unbeschlagene Pferdetritte, Mokassinspuren, es wimmelt nur so davon.“

Buster Tom kniff besorgt die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Apachen? Verdammt noch mal!"

Er blickte über seine Herde, die er bis Santa Fé durchbringen musste, wenn er seine Ranch behalten wollte. Apachen auf dem Wege, das war schlimmer für diesen Trail als drei trockene Camps hintereinander. Auf der Circle C hatte er da keinen Kummer. Die Apachen hatten dort längst gemerkt, wie Buster Tom dachte, und dass er nicht zu denen gehörte, die in einem toten Indianer einen guten Indianer sahen. Cochise und Buster Tom achteten und mieden den Streit miteinander. Doch hier oben gab es viele junge, radikale Häuptlinge, die es satt hatten, sich die Zwiespältigkeiten der Weißen länger gefallen zu lassen — vor allem weigerten sie sich, in die Reservation zu ziehen, die ihnen die weißen Politiker im erbärmlichsten Teil Arizonas zugewiesen hatten. Der Krieg nahm immer härtere Formen an, und nichts war den an Fleisch knappen Apachen willkommener als eine Herde Rinder.

Buster Tom sah zu Sten hin, der noch immer Biskuits backte. „Kaffee für die Patrouille und zu essen, Sten!"

Sten nickte nur, und die Soldaten saßen auf einen Befehl ihres Sergeants hin ab.

Buster Tom deutete auf den toten Gun und fragte: „Was wird damit?"

Wir nehmen ihn nach Fort Verde mit", erklärte der Sergeant, dem Sten gerade eine Blechtasse mit heissem Kaffee gab. „Fünfhundert Dollar sind kein Dreck.“ Der Sergeant grinste breit. „Wir bekommen zwar nur einen Teil, aber der Rest geht an unsere Einheit, und so etwas ist immer nützlich. Von wegen der Beförderung und so.“

Er schlürfte den heißen Kaffee Und schien nun über dieses Thema nicht mehr reden zu wollen.

Eine Stunde später ritt die Patrouille weiter. Die Rinder mit dem Brand der Circle C lagen indessen im Gras und kauten wieder. Im Westen stand die Sonne schon sehr tief, und die Berge warfen blaue Schatten bis weit in die Ebene hinaus.

Wir treiben bei Einbruch der Dunkelheit weiter“, sagte Buster Tom, der mit Matt Jackson und Cliff etwas abseits von den anderen hockte. „Apachen wagen sich nachts nicht an große Mannschaften heran.

Das Vieh ist aber noch ziemlich erschöpft“, sagte Matt Jackson. „Buster, ich würde es nicht überstürzen. Wenn wir beim Treiben nicht gut vorankommen, taugt das auch nicht viel,“

Du hast recht, aber ich sehe es anders. Bei Einbruch der Dunkelheit also!“

Das war endgültig, und Matt Jackson kannte den alten Freund und Partner viel zu gut, um jetzt etwas einzuwenden. Auch Cliff schwieg,

Was mag nur aus dem Jungen geworden sein?“, fragte Cliff nach einer Weile, in der sie jeder ihren Gedanken nachgehangen hatten.

Dem Jungen? Ach so, ja, wer weiß, ob er überhaupt in dieser Kutsche war. Ein kleiner Junge?“, fragte Buster Tom.

Nein, siebzehn Jahre alt, sagt der Sergeant“, erklärte Cliff.

So ein Bursche löst sich nicht in Luft auf. Aber wenn ihn nicht einmal die drei Galgenvögel gefunden haben und dann auch die Patrouille nicht, werden wir uns wohl die Mühe sparen dürfen.“

Buster Tom denkt an nichts als an seine Herde“, sagte Matt grinsend. „Und damit hat er recht. Cliff, wenn wir diese Herde nicht zu wenigstens siebzig Prozent nach Santa Fé bringen, haben wir auf der Circle C ausgefrühstückt. Dann kommt der Termin, wo die Wells Fargo ihren Kredit zurückhaben möchte, den Buster letzten Herbst genommen hat. Wie ich Morrison, unseren lieben Nachbarn, kenne, steigt der in diese Forderung ein, kauft der Wells Fargo die Kreditbriefe ab, und was weiter kommt, kannst du dir an fünf Fingern abzählen. Dann gehen wir baden mit Hut und Sporen.“

Ich weiß, und wir werden es auch schaffen, die Herde durchzubringen.“ Cliff sah seinen Vater an, der sich besorgt am Hinterkopf kraulte. „Oder hast du kein Zutrauen zu uns?“

Zu euch schon“, sagte Buster Tom, „aber weniger zu den Apachen. Und außerdem könnte uns dieser Pseudomarshal noch ein Ei ins Nest legen.“

Wenn den die Patrouille trifft, geht es ihm wie Gun Weatherby. Die haben nur einmal gerufen, dass er die Hände heben soll. Er hat das nicht sofort getan, da haben sie ihm eine Salve unter den Hut geschossen, die einen Elefanten aufs Kreuz gelegt hätte."

Cliff wollte noch etwas sagen, da ertönte ein Alarmpfiff vom Canyon her. Die verdoppelten Wachen um die Herde verteilten sich. Ein Mann von ihnen, der Cowboy Kane, winkte am Canyon drüben.

Auf, Jungs, Gewehre klar!“, rief Buster Tom den Männern im Camp zu.

Aber da kam schon Kane angeritten. Er jagte direkt auf Buster Tom zu, der, das Gewehr in den Händen, zwischen seinen Männern stand.

Boss, Apachen! Sie sind den Canyon entlang gekommen, haben einen Speer in den Boden gerammt und sind wieder umgedreht. “

Und was noch?“

An dem Speer hängt was.“

Cliff, reite mit ihm! Seht nach, was es bedeutet!“, befahl der Rancher.

Zehn Minuten später kam Cliff mit einem Stiefel in der Hand wieder. Es war ein weicher, schwarzer Stiefel, wie ihn die Leute in der Stadt trugen. Alles wirkte sehr teuer und empfindlich. Cliff schwenkte den Stiefel im Licht der letzten Sonnenstrahlen und sagte: „Das hing am Speer.“

Buster Tom nahm den Stiefel, sah ihn genau an und entdeckte die Initialen HS aus Silberfaden am äußeren Schaft. „Sie haben den Jungen.“

Dann lebt er offenbar kaum noch“, meinte Cliff.

Das würde ich nicht behaupten“, erwiderte Matt Jackson. „Wie mir scheint, wollen sie, dass wir jetzt hinkommen, um den Jungen zu suchen.“

Das werden wir nun bestimmt nicht tun. Was geht uns der Direktor .der Wells Fargo an?“, erklärte Buster Tom.

Direktor der Wells Fargo?“, fragte Cliff verblüfft.

Matt erklärte für den Rancher: „Safton ist der Boss der Wells Fargo im Territorium. Der Junge ist wahrscheinlich sein Sohn.“

Aber wir können ihn doch nicht bei den Indianern lassen!“, protestierte Cliff.

Haben wir ihn hingebracht?“, fragte Matt Jackson.

Das ist doch egal. Ein Weißer ist in Not, und wir sind verdammt verpflichtet, ihm zu helfen!“

Buster Tom nickte. „Sind wir, wenn wir Anhaltspunkte hätten. Vermutlich ist der Junge tot. Die Apachen wollen uns von der Herde locken." Er sah zum westlichen Himmel. „In einer Stunde ist die Herde in Marsch.“

Jimmy, der herangeritten war, hatte Cliffs letzte Worte und Buster Toms Antwort gehört. „Boss“, rief er, „wir können doch diesen Jungen nicht einfach seinem Schicksal überlassen.“

Willst du die Circle C aufgeben?“, fragte Buster Tom eisig.

Jimmy wurde puterrot. „Aber zum Teufel, was soll diese Frage, Boss? Was hat das mit der Ranch zu tun?“

Die Ranch braucht Geld. Für diese Herde werden wir welches bekommen. Und diese Herde muss durchgebracht werden. Das allein ist es, was jetzt eine Rolle spielen darf, sonst gar nichts,“'

Verflucht!" Jimmy knallte wütend die Faust aufs Sattelhorn. „Das ist die reinste Ellenbogenpolitik! Hoppla, jetzt kommen wir, und alles andere geht uns einen Dreck an! Boss, ich finde, das geht ein paar Ecken zu weit,“

Hat dir jemand gesagt, dass du deinen Posten verlassen sollst, Jimmy?“, knurrte Buster Tom scharf.

Nein, zum Teufel, aber ich habe es satt, immer nur wie ein Leitbulle durchs Leben zu rennen. Da sitzt ein Bursche unter den Rothäuten, und wir drehen hier Daumen und denken an verfluchtes Geld."

Geld? Ich denke an die Ranch, und du setzt dich auf deinen Hintern und tust, was ich dir sage!“

Schon gut, ich tu’s ja, aber ich will verdammt sein, wenn mir das gefällt, was wir hier tun. Als wenn es außer der Circle C nichts anderes auf der Welt gibt. Als wenn...“

Cliff fuhr ihn an: „Sei still! Reite auf Posten! Für uns gibt es nur die Circle C! Nur sie ist unsere Welt! Wenn du das nicht begreifst, noch immer nicht, dann pack doch deinen Mist und verschwinde!“

Stopp!“, rief Buster Tom. „Das geht zu weit! Jimmy, reite auf Posten! In einer Stunde wird getrieben! Cliff, löse Kane ab! Ihr anderen brecht das Lager ab. Der Chuckwagon rollt in einer Viertelstunde. Matt, du reitest mit dem Wagen voraus. Im Morgengrauen müssen wir die Wasserfälle erreicht haben. Du weißt, dass es zu schaffen ist, Matt.“

Matt Jackson nickte. Indessen ritt Jimmy wild knurrend davon. Cliff sattelte sein Pferd und verschwand ebenfalls. Bald darauf erschien Kane.

Drei Männer halfen Sten beim Packen des Chuckwagons, Andere spannten die Maultiere ein. Und im Westen verschwand die Sonne hinter den Bergen. Der Himmel färbte sich tiefviolett.

*

Sie hatten Canter im Schlaf überrascht, und jetzt saß er gefesselt zwischen ihnen. Ihre breiten, schmaläugigen Gesichter glänzten wie Bronze im Schein des Feuers. Er roch ihre bittersüßliche Ausdünstung, die an ein Geruchsgemisch aus Tran, Urin und Zwiebel erinnerte. In ihren Gesichtern waren grelle Farbstriche zu erkennen, aber sie hatten nur wenige Gewehre, und die waren ohne Munition. Sie führten Krieg, was sich durch die Gesichtsbemalung ausdrückte, aber im Grunde, so durchschaute es Canter, hatten sie die Schlacht bereits verloren. Die ständigen Patrouillen der Armee und die immer bessere Bewaffnung der Kavallerie setzte ihnen so sehr zu wie der Hunger.

Sie waren an die vierhundert Menschen, Greise, Frauen und Kinder eingeschlossen, und mehr als zwei oder drei Dickhornschafe konnten sie am Tage nicht erlegen. Aber auch die waren ihnen seit kurzem versagt, wie Canter erfahren hatte. Denn er sprach den Dialekt der Apachen, und so wusste er, dass die Schafe an einer Seuche litten, die beim Menschen, wenn er das Fleisch dieser Tiere genoss, Brechdurchfall und Schwindel erregten.

Der Stamm brauchte dringend Fleisch. Aber er hatte keine ausreichende Bewaffnung, um es mit insgesamt vierzehn vortrefflich ausgerüsteten Weißen aufnehmen zu können. Canter war von ihnen überhaupt nur der Waffen wegen überfallen worden. Doch dann hatte er mit ihnen gesprochen, und damit war sein Skalp auf dem Kopf geblieben. Canter lebte, obgleich er spürte, wie sehr sie ihm misstrauten.

Ein relativ junger Häuptling führte den Stamm. Überhaupt bemerkte Canter hier im Lager nur junge Männer und sehr alte. Irgendwie fehlte eine ganze Generation dazwischen, doch, er konnte sich denken, wo die geblieben war. Erbitterte und verlustreiche Kämpfe mit den Weißen hatten den Stamm dezimiert und den Überschuss der Frauen verdoppelt.

Der junge Häuptling dieses aus dem mexikanischen Gebiet heraufgezogenen Stammes wurde Sargento genannt, weil er schon als Junge einen mexikanischen Sergeant erstochen hatte und seitdem Reste von dessen Uniform trug. Eigentlich war davon nur noch der Kragen und ein Ärmel der Jacke übriggeblieben, die Sargento kurzerhand an eine erbeutete Uniformjacke eines US Kavalleristen geheftet hatte.

Das Lager befand sich in einem ausgebuchteten Canyon, dessen Zugänge und Felsenränder ausgezeichnet bewacht wurden. Im Lager selbst wimmelte es von Kindern und Hunden, Katzen und Hühnern, die aussahen, als wären sie zur Hälfte gerupft worden. Ein kräftiger junger Bursche wachte über die Hühner, offenbar in der Sorge, es könnten noch weniger werden. Wie viele mexikanischen Indianer gaben die Apachen dieses Stammes die gequirlten rohen Eier der Hühner ihren kleinen Kindern.

Doch die Erwachsenen litten Hunger. Sie alle waren ausgemergelt, und ihre Blicke beobachteten jedes Pferd. Wenn es lahmte, konnte man es schlachten. Doch die Mustangs schienen sich einer hervorragenden Gesundheit zu erfreuen, so dass kein Grund zum Schlachten vorgebracht werden konnte.

Der wirkliche Führer des Stammes, sozusagen das politische Oberhaupt, war ein uralter; mumiendürrer Indianer mit schütterem weißem Haar. Vor dem saß jetzt Canter und beobachtete die dunklen stechenden Augen seines Gegenübers.

Canter war flankiert von drei kräftigen Kriegern, und zwei weitere, unter ihnen Sargento, saßen neben dem alten Mann.

Lange schwiegen sie, und Canter wusste, worüber sie nachdachten. Er hatte ihnen von der Herde erzählt, die ganz in der Nähe war. Doch sie scheuten offenbar einen Angriff, obgleich er ihnen erklärt hatte, wie sie es risikolos wagen konnten.

Dann sagte der Alte mit krächzender Stimme: „Bolo!“

Einer der Männer an seiner Seite erhob sich und lief zu einem der Zelte. Bald darauf tauchte er dort mit einem baumlangen Neger wieder auf. Verblüfft sah Canter auf den Neger. Er hatte noch nie erlebt, dass Indianer und Neger sich vertragen hätten. Aber dieser Neger dort schien keinesfalls ein Gefangener zu sein, Er unterhielt sich wie ein Freund mit dem viel kleineren Apachen, der ihn geholt hatte.

Der Neger kam an den Kreis heran, lächelte dem Alten und dann Sargento zu und setzte sich neben den Alten. Im Gegensatz zu den Apachen trug der Neger die Kleidung wie ein Weißer, der im Westen lebte. An den etwas ramponierten Cowboystiefeln hatte er riesige mexikanische Sporen.

Canter war der kurze feindselige Blick des Negers nicht entgangen, als der ihn angesehen hatte. Jetzt tuschelten der Alte, Sargento und dieser Neger miteinander, dann nickte der Neger und wandte sich Canter zu.

In breitem, unverfälschtem Texanisch sagte der Neger: „Ich bin Bolo. Diese Männer hier sind meine besten Freunde. Ich lebe seit fünf Jahren bei ihnen. Das sage ich dir, damit du verstehst, dass ich dir nicht auf den Leim gehe. Ja, wir wollen die Herde, aber wir können sie nicht so erobern, wie du das vorgeschlagen hast. Wir wissen auch, dass du und zwei andere Weiße die Kutsche überfallen wolltet. Da war ein Junge drin, den ihr nicht gefunden habt, weil ihr, wie alle Weißen, zu schnell die Geduld verliert. Als ihr nicht mehr gesucht habt, habe ich nachgesehen und den Jungen gefunden. Er war unverletzt und hing in einem Strauch. Wir haben ihn hergebracht.“

Canter schluckte, so sehr verblüffte ihn diese Nachricht. Aber im Handumdrehen hatte er wieder eine neue Idee. Wenn es ihm gelang, den Jungen in die Hand zu bekommen, wurde aus seinem Erpressungsversuch doch noch etwas. Doch bevor er diesen Gedanken zu Ende spinnen konnte, sagte Bolo, der Neger:

Wir werden mit den Weißen tauschen. Den Jungen gegen die Herde. Aber erst müssen wir von dir wissen, warum ihr diesen Jungen überfallen wolltet!“

Der Junge ist der Sohn eines sehr reichen Mannes.“

Welcher Mann ist das?“, unterbrach Bolo den Banditen.

Ein gewisser Safton. Der Direktor der Wells Fargo. Er ist sehr vermögend.“

Bolo nickte. „Und du kennst auch die Männer, die mit der Herde kommen. Du hast mit ihnen gesprochen. Was hast du von ihnen gewollt?“

Pferde, frische Pferde“ erwiderte Canter.

Wer sind die Männer?“

Ein Rancher aus dem Süden, zwei Söhne von ihm und elf Cowboys.“

Bolo übersetzte alles dem alten und dem jungen Häuptling, dann fragte er Canter: „Wie viele Rinder werden uns die Weißen für den Jungen geben?“

Canter zuckte die Schultern. „Wie ich sie einschätze kein einziges.“

Auch wenn wir sagen, dass wir den Jungen töten würden?“

Canter kam plötzlich die Idee. „Vielleicht muss man sie fragen. Ich würde das für euch tun.“

Wir haben einen Stiefel des Jungen in ihre Nähe gebracht. Aber sie haben nichts getan.“

Vielleicht wissen sie nicht, was das bedeutet. Ich würde mit ihnen reden“, wiederholte Canter. „Ja, ich würde das tun.“

Es sind nicht deine Freunde“, erinnerte ihn Bolo.

Sie werden vielleicht keine Rinder geben, aber sie werden mich in Ruhe lassen, wenn sie damit vermeiden, den Jungen in Gefahr zu bringen.“

Wir brauchen Rinder. Fünfhundert Rinder für den Jungen“, erklärte Bolo nach kurzer Beratung mit den Häuptlingen.

Canter hätte fast laut gelacht, doch dann nickte er. „Ich werde es versuchen. Fünfhundert Rinder.“

Ich werde dich begleiten, und du wirst ohne Waffen sein, Weißer!“, entschied Bolo nach abermaliger Rücksprache mit den Häuptlingen. „Ich traue dir nicht. Ich traue keinem Weißen!“

Und was wird aus dem Jungen?“, fragte Canter. „Lasst ihr ihn dann frei, wenn ihr die Rinder wirklich bekommt?“

Wir sind keine Weißen, die ihr Wort brechen. Wir halten es!“, fuhr ihn Bolo an.

Kann ich mit dem Jungen reden?“, fragte Canter.

Bolo besprach sich mit den anderen, dann nickte er und sagte: „Ja, wir erlauben es. Ein paar Minuten nur.“

Zwei kräftige Apachen führten den an den Händen gefesselten Canter zu einem im Zentrum des Lagers stehenden Zelt, an dessen Pflöcken drei Hunde angebunden waren, verwahrloste, struppige Köter, die wild die Zähne fletschten.

Einer der Indianer fauchte die Hunde an, und sie kuschten. Dann wurde Canter ins Zelt gedrängt. Noch mehr als draußen roch es hier nach ranzigem Pett und Urin, ein Geruch, der von im Urin gegerbten Leder der Indianer stammte. Es herrschte Halbdunkel. Doch bald gewöhnten sich Canters Augen daran, und er entdeckte einen jungen Burschen mitten im Zelt, angebunden an eine der Zeltstangen.

Er hatte dunkles, bis in die Stirn hängendes Lockenhaar, ein schmales, weichliches Gesicht und große, mädchenhafte Augen. In seinem Gesichtsausdruck vermischten sich Arroganz und Furcht.

Bolo, der Neger, trat ein und stellte sich neben Canter. Sofort veränderte sich das Gesicht des Jungen. Er kniff furchtsam die Augen zusammen. Seine Lippen zuckten. Dann bog er den Kopf zur Seite, als fürchte er, geschlagen zu werden.

Du hast ihn schon geprügelt?“, fragte Canter den riesigen Neger.

Ja, weil er sich benommen hat wie diese hochmütigen Baumwollpflanzer, bei denen ich als Kind gelebt habe. Weil er genau wie sie so tat, als wäre ich ein wildes Tier, ein Dreck, den die Hölle ausgespuckt hat. Das hat er sogar zu mir gesagt. Da habe ich ihn geprügelt, und ich habe ihm beigebracht, was der einzige Weiße, den ich verehre, gesagt hat: Alle Menschen sind gleich. Das hat Lincoln gesagt. Aber der Junge hier hat gelernt. Was hat Präsident Lincoln gesagt?“ Bolo wandte sich dabei an den jungen Burschen und nahm eine unmissverständlich drohende Haltung ein.

Wie ein Automat antwortete der junge Bursche, ohne Bolo anzusehen: „Alle Menschen sind gleich.“

Der Neger grinste wie ein Schuljunge, der den Lehrer überlistet hatte. „Na, er hat es gelernt.“

Canter kauerte sich vor den Jungen. „Du bist Harry Safton. Ich bin gefangen wie du. Aber du hast eine Chance, weil dein Vater reich ist. Glaubst du, dass er zwölftausend Dollar für deine Freiheit zahlen wird?“

Harry zuckte herum und sah Canter an. „Zwölftausend?“

Soviel kosten fünfhundert Stiere. Die Apachen wollen Fleisch. Es ist eine Herde in der Nähe. Der Rancher würde vielleicht fünfhundert Rinder abgeben, wenn man ihm versprechen könnte, dass dein Vater sie ihm bezahlt.“

Bestimmt kann er das bezahlen, ganz bestimmt!“, behauptete Harry. „Bitte helfen Sie mir! Bitte!“

Ich kann nicht viel tun, aber ...“

Da sagte Bolo: „Er ist der Mann, der die Kutsche überfallen hat, er und zwei andere, die tot sind. Ohne ihn wärst du gar nicht hier.“

Entsetzt sah Harry auf Canter.

Der sagte grinsend: „Es war ein Versehen."

Bolo ergänzte: „Wir brauchen Fleisch, weil wir sonst verhungern, aber er wollte ein ganz großes Geschäft machen. Nun muss er dich noch einmal verkaufen, wenn er nicht selbst sterben will.“

*

Die Wasserfälle donnerten in den tiefen Canyon hinab, und der Lärm wurde von der Felsenschlucht hundertfach verstärkt. In diesem Getöse ging das Brüllen der Stiere völlig unter. Die Cowboys konnten sich nur durch Zeichen verständigen, und das Vieh selbst strömte wie magisch angezogen auf den riesigen Weiher zu, der sich unterhalb vom Wasserfall gebildet hatte und zu dampfen schien, aber es war in Wirklichkeit sprühendes, hochgepeitschtes Wasser.

Die Rinder drängten sich um den Weiher und soffen. Auch die Pferde der Cowboys steckten ihre Mäuler ins kühle Nass, und die Männer beugten sich aus den Sätteln, füllten ihre Wasserflaschen oder machten es wie Hep Waller, der sich direkt vom Sattel ins Wasser fallen ließ, mitsamt der Kleidung darin herumplantschte und dann prustend an Land watete.

Sten hatte den 'Chuckwagon etwas weiter in den Canyon hineingefahren, und einer der Männer trieb die Maultiere, die abgeschirrt waren, zum Wasser. Auch die Ersatzpferde soffen, und in kurzer Zeit war der Weiher eine gelbbraune Brühe, aufgewühlt von Hunderten von Hufen.

Buster Tom überblickte das Areal. Oben auf den Felsen waren schon die Posten aufgezogen, die er eingeteilt hatte. Auch Cliff war dabei.

Matt Jackson, der Vormann, stand neben dem Rancher, Sie gingen beide ein Stück zurück, wo der Lärm des Wasserfalls nicht mehr so laut dröhnte.

Jimmy macht mir Sorgen“, sagte Matt. „Er will diesen jungen Burschen aus dem Apachenlager befreien.“

Ich kann mir das denken“, erwiderte Buster Tom. „Und Cliff?“

Cliff hält sich wie immer an deine Befehle. Aber es wurmt ihn auch.“

Und die Mannschaft?“

Die Mannschaft will die Rinder so schnell wie möglich aus dem Apachengebiet heraushaben.“

Buster Tom nickte, als hätte er keine andere Antwort erwartet. „Matt“, sagte er dann, „wir können diesen Jungen natürlich nicht sitzenlassen. Aber ich muss erst die Herde weit genug haben, ehe ich etwas tun kann. Das bleibt unter uns, Matt. Achte mit darauf, dass Jimmy keine Zicken macht. Die Herde muss erst in Sicherheit sein. Ich kann mir keine Verluste leisten. Gar keine.“

Es ist wie ein Witz, Buster, dass ausgerechnet der Sohn des Mannes bei den Apachen sitzt, falls er überhaupt noch lebt, der deinen Kredit gekündigt hat.“

Du meinst, dass es eine Ironie des Schicksals ist? Stimmt ja auch, Derrick hatte den Kredit verlängern wollen, aber die Direktion, und damit Safton, hat abgelehnt. Tja, Matt, so spielt das Leben. Und nun sitzt der Junge bei den Apachen und könnte uns gut brauchen. Ich fürchte nur, sie haben ihn längst umgebracht.“

Vielleicht, aber ich nehme an, sie wollen aus ihm ein Geschäft machen.“

Buster Tom musterte den alten Sattelgefährten. „Ja, das glaube ich auch, wenn er noch lebt. Wir werden das ganz gewiss an diesem Lager noch erfahren.“

Eine gute Stunde später hatten sich die Männer der Mannschaft um ein Feuer versammelt, das unweit vom Chuckwagon brannte. Nur die vier Wachen waren auf Posten.

Jimmy lag auf dem Bauch und kaute auf einem Grashalm. Er, der sonst immer zu Späßen aufgelegt war, brütete vor sich hin und schwieg.

Cliff machte ebenfalls ein mürrisches Gesicht und kauerte vor dem Rad des Chuckwagons. Hep Waller, der kleine, krummbeinige Cowboy mit dem feuerroten Haar, hockte neben ihm. Auch er war ernst, obgleich er sonst wie Jimmy eher zum Lachen neigte als zur Trübsal.

Buster Tom trank seinen Kaffee aus der Blechtasse und beobachtete die Männer. Er spürte genau, dass auch die Mannschaft jetzt eine andere Haltung einnahm als noch gestern.

Sie werden es begreifen lernen müssen, dachte Buster Tom, Ich kann den Ertrag härtester Arbeit nicht einfach wegwerfen.

Er hatte diesen Gedanken noch gar nicht zu Ende gesponnen, da rief Kane vom Felsen herunter: „Zwei Reiter! Kommen aus den Bergen!“

Gewehre fertigmachen!“, rief Buster Tom. „Verteilen!“

Es war, als risse dieser Befehl die Männer aus ihren trübsinnigen Gedanken und ermöglichte es ihnen, alles zu vergessen, was sie beschäftigte. Hastig liefen die Männer vom Feuer weg. Jetzt wussten sie wieder, was sie zu tun hatten.

Buster Tom blieb mit Matt Jackson und Sten, dem Koch, beim Chuckwagon. Und dann sahen sie auch die beiden Reiter den Canyon entlangkommen. Der eine blieb jetzt zurück und parierte sein Pferd.

Der Rancher nahm sein Fernglas und blickte auf den Zurückgebliebenen. „Ein Neger, Matt. Ein Neger und angezogen wie ein Cowboy. Aber er hat eine Feder im Hut.“

Dann weiß ich, welcher Stamm das ist“, sagte der alte Matt. „Sargento hat einen Neger bei sich, der Bolo heißt. Er ist ein gefährlicher Bursche, dem die Weißen übel mitgespielt haben und der sich nun dafür rächt."

Woher weißt du das?“

Ich sprach neulich in Tucson mit einem Indianeragenten. Der hat’s mir erzählt.“

Und weißt du, wer auf uns zukommt?“, fragte Buster Tom, der den näher kommenden Reiter durchs Glas beobachtete. „Halt dich fest, das ist dieser Pseudomarshal Canter.“

Na, der kann was erleben!“, meinte Matt.

Vorsicht! Wenn einer wie der sich noch mal zu uns traut, hat das Gründe. Da, der Neger reitet auch weiter, Sehr vorsichtig, dieser Bursche.“

Canter war auf hundert Schritt herangekommen. Er streckte die Arme hoch und ritt langsam weiter. Dabei sah er immerzu misstrauisch nach oben zu den Rändern des Canyons und hinüber zu den Felsnischen, wo Gewehrmündungen aus sicheren Deckungen ragten und auf ihn zielten.

Als Canter vor Buster Tom und Matt Jackson ankam, ging Sten, ohne dazu aufgefordert zu sein, im Bogen um Canter herum und richtete sein Gewehr auf ihn. „Das ist ein Optimist, wie?“, meinte Matt Jackson und grinste Canter hart an.

Ich bin von den Apachen zum Verhandeln geschickt worden“, sagte Canter mit spröder Stimme. „Sie töten den Jungen, wenn ihr mich umlegt.“

So?“, brummte Buster Tom. „Und wer ist dieser dunkle Gent dort hinten?“

Bolo, ein Neger, der bei den Apachen lebt.“

Aha.“ Buster Tom sah auf Bolo, der wieder sein Pferd gezügelt hatte und etwa dreihundert Schritt entfernt wartete. „Canter“, sagte Buster Tom, „dreh um und bring ihn mit. Sag ihm, dass er die Waffen ablegen soll. Er hat freies Geleit Er braucht nicht dort zu warten.“

Er wird euch nicht trauen.“

Warte, Buster, ich mache das“, sagte Matt Jackson, dann ging er los, Buster Tom sah, wie er bald darauf dem Neger etwas zurief, dann kam Bolo langsam angeritten. Kurz darauf trafen beide beim Chuckwagon ein.

Er hat nur einen Revolver“, sagte Matt Jackson und deutete auf den großen Neger im Sattel, „und er hat versichert, dass er nicht damit schießt, solange er hier ist. Ich würde ihm vertrauen."

Überrascht blickte Bolo auf Buster Tom, als der zustimmend nickte. „In Ordnung“, sagte der Rancher. „Du hast freies Geleit, Bolo.“

Bolo konnte seine Verwunderung, dass man auch seinen Namen kannte, kaum verbergen. Doch dann schien er sich zu sagen, dass sie es von Canter wussten.

Was also wollt ihr?“, fragte Matt Jackson.

Fünfhundert Rinder gegen den Jungen“, erklärte Canter. „Er ist gesund. Ich habe selbst mit ihm gesprochen. Sein Vater ist der Direktor Safton von der Wells Fargo. Ein reicher Mann. Bestimmt bekommt ihr von ihm das Geld für die Rinder zurück.“

Buster Tom und Matt Jackson sahen sich an, dann erwiderte Buster Tom auf Canlers Eröffnung: „Wir machen keine Geschäfte.“ Er wandte sich an Bolo: „Haben die Apachen nicht genug zu essen?“

Der Neger gefiel ihm. Nichts an diesem Hünen wirkte hinterhältig. Der Mann war ein Feind, aber ein ehrlicher.

Bolo nickte. „Nein, es ist alles knapp. Wir brauchen Fleisch.“

Ich schenke euch zwanzig Stiere.“ Buster Tom sah zufällig kurz dorthin, wo Jimmy stand, der hinter einem Felsvorsprung stand und jedes Wort der Unterhaltung verstehen konnte. Jimmy machte ein Gesicht, als hätte sein Vater eine Wasserstelle in der Wüste vergiftet.

Bolo und der große Rancher sahen sich in die Augen. Der Neger schien zu spüren, dass Buster Tom anders als jene Weißen war, die Bolo so hasste.

Warum machst du das?“, fragte Bolo.

Weil ihr Hunger habt.“

Wir wollen aber fünfhundert Rinder.“

Ich schenke euch zwanzig.“

Und der junge Bursche?“ fragte Bolo.

Ich bin Rancher in einer Gegend, wo man Mühe hat, ein Rind aufzuziehen. Die Wells Fargo Bank hatte mir im vorigen Jahr Geld geliehen. Weil es ein schlechtes Jahr für uns gewesen ist. Die Bank hat den Kredit jetzt gekündigt. Ich muss diese Herde durchbringen, wenn ich existieren will. Der Mann, der über die Kündigung entschieden hat, heißt Safton.“

Bolo blieb ganz ruhig, als er erwiderte: „Meine Freunde werden den jungen Burschen töten, wenn sie keine fünfhundert Rinder bekommen.“

Dann wird die Armee deine Freunde vernichten. Ich tausche nicht, ich feilsche nicht, aber ich helfe denen, die in Not sind. Ihr habt Hunger. Dafür bekommt ihr zwanzig Stiere. Das hilft euch weiter. Wenn ihr klug seid, lasst ihr den Jungen frei und bringt ihn in eine Stadt, sonst wird der da ...“, Buster Tom zeigte auf Canter, „ ... ihn nochmals hochnehmen. Sag deinen Freunden, dass ich dort, wo meine Ranch liegt, mit Cochise gut auskomme. Wir machen keine schmierigen Geschäfte miteinander, aber es gibt Situationen, wo wir uns helfen. Für mich sind Apachen anders denkende Menschen, manchmal meine Feinde, aber niemals waren sie bisher Banditen, die Leute entführen, um dagegen Fleisch einzutauschen.“

Ein Seitenblick auf Jimmy bewies dem Rancher, dass sein Sohn sich nicht mehr lange beherrschen würde. Jimmy zeigte seine Empörung ganz offen, und es konnte nur noch Minuten dauern, bis sein Temperament mit ihm durchgehen würde.

Auf Bolo hatten Buster Toms Worte mehr Eindruck gemacht, als er je zugegeben hätte. Er kniff die Augen zusammen, musterte Buster Tom aus schmalen Lidschlitzen und sagte: „Sargento wird den Jungen nicht freilassen, weil er mehr Fleisch will als zwanzig Stiere. Er wird den Jungen töten, auch wenn du zwanzig Stiere gibst. Er will fünfhundert.“

Dann sage Sargento, dass er zwanzig Stiere bekommt und nichts weiter. Wenn er kämpfen will, soll er es tun. Wir haben genug Gewehre, um euch zu vertreiben, aber wir wollen keinen Krieg mit euch.“

Dein letztes Wort?“, fragte Bolo.

Nein, noch etwas! Der da ...", Buster Tom zeigte auf Canter, „... ist ein Bandit. Aber was ihr tut, ist so schlimm, wie er es tun wollte. Dann seid ihr auch Banditen. Canter bleibt hier. Wir übergeben ihn dem Militär oder einem Marshal.“

Canters bisher besorgt wirkendes Gesicht hellte sich auf.

Bolo jedoch schüttelte den Kopf. „Sie werden den Jungen umbringen, wenn er nicht mit mir zurückkehrt.“

Dann ist euer Geschäft aber nicht mehr zu machen. Also?“, fragte Buster Tom.

Da platzte Jimmy die Geduld. „Boss, das kannst du doch nicht tun! Der junge Safton ist in Lebensgefahr! Biete ihnen wenigstens hundert Rinder an!“

Zwanzig Stiere geschenkt“, entschied Buster Tom. „Und du bist jetzt still, Jimmy. Ich bin der Boss, nicht du.“

Ruhe, Jimmy!“, mahnte Matt Jackson, „Dein Vater weiß, was er tut.“

Es ist Mord, wenn du den Jungen nicht heraushaust!“, rief Jimmy.

Ich weiß, und jetzt schweig!“, knurrte der Rancher.

Jimmy wollte noch etwas sagen, aber da sah ihn Matt Jackson zwingend an. Und auf Matt hatte Jimmy immer gehört. Also schwieg er, doch er schwor sich, nachher, wenn sie wieder unter sich waren, vom Vater Rede und Antwort zu verlangen.

Bolo sah von einem zum anderen, dann sagte er: „Zwanzig Stiere also. Der Junge wird sterben müssen.“

Dir haben wir freies Geleit versprochen. Du kannst umkehren. Canter bleibt hier. Und Sargento sagst du, dass wir mit Canter noch eine Rechnung haben. Sie wird beglichen, deshalb bleibt er hier. Den jungen Safton sollte Sargento freilassen, sonst könnte es sein, dass er ihn verliert, ohne sein Geschäft machen zu können. Uns geht der Junge nichts an, aber die Armee wird euch alle erledigen, wenn ihr diesen Gefangenen umbringt. Das weisst du doch selbst, Bolo.“

Bolo schwieg. Er wendete sein Pferd und ritt ohne jede Antwort zurück. Niemand hielt ihn auf. Er musste aber noch gehört haben, wie Buster Tom rief: „Jungs, treibt zwanzig gute Stiere zusammen! Jagt sie den Canyon hinauf und blockiert ihnen den Rückweg!“

*

Die lange Schlange der Herde zog sich über die unendlich wirkende Hochfläche nordwärts. Staub wogte nach Osten zu, denn der Wind kam nun von Westen. Am Horizont standen dunkle Wolken. Die Luft war zum Zerschneiden schwül. Den Pferden klebten die Haare des Fells an der Haut, und die Rinder hechelten mit weit offenen Mäulern wie abgehetzte Hunde.

Buster Tom hatte veranlasst, dass der Chuckwagon der Indianer wegen bei der Herde mitfuhr und nicht mehr vorausziehen konnte. Auch die Remuda der Ersatzpferde wurde hinter der Herde gehalten.

Matt Jackson führte die Herdenspitze an. Der mächtige Sonora-Leitbulle trottete hinter Matt Jacksons Falbenhengst, dann kamen die kräftigsten Rivalen des Leitbullen, dahinter das Gros der Herde.

An den Flanken verteilte sich die Mannschaft. Am Herdenschwanz ritten fünf Männer, die alle Arbeit mit den Nachzüglern hatten. Das Camp am Wasserfall lag einen Tagesmarsch hinter ihnen. Und vor der Herde ging es fast eben über die mit sturmzerzaustem niedrigem Buschwerk und gelbbraunem Grammagras bestandene Hochfläche, deren Ende nicht abzusehen war.

Buster Tom begleitete den auf der Westseite der Herde fahrenden Chuckwagon, auf dessen Bock Sten saß. Von hinten näherten sich Jimmy und Cliff dem Wagen und ritten dann neben ihrem Vater.

Buster Tom sah sie an. „Nichts zu tun?“, rief er barsch.

Diesmal war es Cliff, der ihm antwortete: „Wir wollen mit dir reden. Die Sache mit dem Jungen geht so nicht."

Was hier geht und nicht geht, bestimme ich.“ Buster Tom deutete zur Herde, „Auf eure Plätze!“

Cliff schüttelte den Kopf, während sich Jimmy offenbar mit aller Macht dazu zwang zu schweigen.

Nein“, sagte Cliff, „Jimmy und ich werden entweder allein zu den Apachen reiten, um den Jungen herauszuholen, oder du besinnst dich und setzt die Mannschaft dafür ein. Sie würden alle mitkommen.“

Aha, also Meuterei?“, fragte Buster Tom.

Cliff zuckte zusammen. Auf einem Herdentrail war das ein schlimmes Wort, so schlimm wie auf einem Schiff mitten auf See. Jeder Mann hatte sich den Befehlen des Herdenbosses unterzuordnen, so lange wie der Trail nicht zu Ende war. Auch die Söhne eines Herdenbosses.

Dad, es ist keine Meuterei. Aber du kannst doch diesen Jungen nicht einfach in den Händen der Apachen lassen.“

So? Soll ich wieder gutmachen, was ein leichtsinniger Vater verbockt hat? Ein Mann, der eine Kutsche mit nur einem Fahrer und einem Passagier durch das Indianergebiet fahren lässt, der zudem in einer harten Zeit wie jetzt einen Kredit kündigt, was gleichbedeutend mit einer Existenzvernichtung sein könnte?“

Also nichts als Rache“, meinte Jimmy. „Und was kann der Junge dafür?“

Nichts. Und wir können uns hier keine Eskapaden leisten. Die Herde ist die Garantie, dass die Ranch durchkommt. Aber das ist sie nur, wenn wir sie in Santa Fé verkaufen.“

Boss, ich steige hier aus“, erklärte Jimmy.

Ich auch, Dad. Wir beide suchen den Jungen. Ein Menschenleben zählt mehr als die Rinder.“

Cliff machte ein verbissenes Gesicht, und Buster Tom fragte sich, wie lange Jimmy wohl geredet haben mochte, bis er Cliff soweit halte.

Diese Narren, dachte Buster Tom, ich kann doch diesem Jungen jetzt noch nicht helfen. Erst muss die Herde zwei Tagesmärsche weiter sein. Aber das begreifen Jimmy und Cliff nicht. Und ich muss Sargento die Chance geben, den Jungen auch so zu entlassen. Dieser Bolo, dieser Neger, sah vernünftig und einsichtig aus. Sie sind am Stolz gepackt, und das werden sie nicht auf sich sitzen lassen. Wenn sie in zwei Tagen noch immer fünfhundert Rinder haben wollen, werde ich das erfahren. Sie sind noch nicht wieder hiergewesen. Nur wir kommen mit einer Herde. Von anderen bekommen sie für den Jungen nichts. Nein, wir müssen warten.

Also, ihr wollt aussteigen?“, fragte Buster Tom und fixierte seine beiden Söhne scharf. Jimmy erwiderte den Blick trotzig, aber Cliff schien es nicht ganz wohl in seiner. Haut zu sein. „Für euch gilt“, fuhr Buster Tom fort, „was immer auf Treibwegen gegolten hat: ausgestiegen wird am Ende des Trails. Das ist ein ehernes Gesetz und gilt auch für euch beide. An eure Arbeit!“

Verdammt, so kannst du es nicht erledigen! Was du tust, ist Mord an dem Jungen!“, schrie Jimmy.

Ich würde es euch erklären, wenn ihr es begreifen würdet. Aber so, wie ihr mit mir reden wollt, geht es nicht. An eure Arbeit!“

Es war nicht der Respekt vor dem Vater, der sie gehorchen ließ. Sie mussten das Treibherdengesetz achten, wenn jemals in ihrem Leben jemand ein Stück Brot von ihnen nehmen sollte. Männer, die während des Treibens eine Herde im Stich ließen, bekamen nirgendwo mehr Arbeit, ganz bestimmt nicht, wenn sie den eigenen Vater während des Treibens verlassen hatten.

Buster Tom ritt an den ratternden Wagen heran und rief Sten zu: „Ich bin in drei Stunden wieder bei euch. Matt weiß in allem Bescheid! Bis dann!“

Sten tippte an die Hutkrempe und sah dem Rancher nachdenklich hinterher, als der, umweht von Staub, nach Osten ritt. Hinten im Wagen fluchte Canter, der dort an Händen und Füßen gefesselt lag.

*

Buster Tom suchte Strauchwerk zusammen und legte ein stark qualmendes Feuer an. Der Rauch wehte schräg nach Westen, war aber weit zu sehen. Ohne Hast nahm Buster Tom seinem Braunen den Sattel ab und setzte sich neben das Feuer. Er hatte sein Gewehr griffbereit neben sich gelegt und hielt das Fernglas im Schoß. Ab und zu blickte er damit in die Runde, aber so weit er über die Hochebene sehen konnte, zeigte sich kein Lebewesen. Die Herde war schon weit. Von ihr war nicht einmal die Staubwolke zu erkennen. Statt dessen näherten sich schwarze Wolkenberge von Westen her und verdunkelten die Nachmittagssonne. Milder Wind strich über das Gras, aber er war nicht stark genug, um den dickquellenden Rauch zu Boden zu drücken.

Immer wieder sah sieh Buster Tom nach allen Seiten um, und endlich, nach mehr als einer Stunde, sah er sie.

Sie kamen zu mehr als einem Dutzend. Dicht an dicht jagten sie über die Ebene von Süden her. Noch waren sie, selbst durch das Fernglas besehen, nur ein Pulk vieler Reiter, von dem man Einzelheiten nicht erkennen konnte. Doch dann atmete Buster Tom auf, als er den riesigen Neger entdeckte, der neben einem anderen Reiter dem Pulk vorausritt. .

Sie kamen rasch näher. Misstrauisch teilten sie sich zum Halbkreis, dann scherten noch vier Reiter ab und schlugen einen Bogen, um sich Buster Tom von hinten zu nähern.

Der Rancher blieb ruhig hocken und ließ sie näher kommen. Voran der junge Häuptling Sargento, der als einziger ein modernes Winehestergewehr besaß. Neben ihm der Neger Bolo mit dem Revolver in der Hand. Buster Tom saß ganz ruhig, hatte die Hände auf den Knien liegen und sah Sargento gelassen an. Aber das Risiko, das er auf sich genommen hatte, ließ ihn innerlich nicht so gleichgültig, wie er tat. Er wusste nicht, wie die Apachen reagieren würden.

Die Indianer bildeten einen Ring um ihn und sein Pferd, das jetzt aufgehört hatte zu grasen. Der Geruch der Indianer machte den braunen Hengst nervös. Auch Buster Tom roch die Ausdünstung der bronzehäutigen Männer.

Bolo, der Neger, sagte etwas zu Sargento, der daraufhin misstrauisch die Augen zusammenkniff, als er Buster Tom musterte.

Der Indianer sprang vom Pferd und jagte mit einem Satz zu Buster Toms Gewehr. Die anderen richteten ihre gespannten Bögen mit den Pfeilen auf den Rancher, als wollten sie ihm damit sagen, dass er sich das Gewehr wegnehmen lassen müsste.

Buster Tom tat nichts, als der Indianer das Gewehr aufhob und davonflitzte, als könnte er gar nicht glauben, ungeschoren damit weggekommen zu sein.

Bolo ließ seinen Revolver sinken. „Warum bist du gekommen?“, fragte er.

Buster Tom musterte den Neger, lächelte und sagte: „Um den Jungen zu holen. Es ist eure Chance.“

Ich kann gut zählen, Rancher. Uns fehlen noch vierhundertachtzig Rinder. Dann bekommst du den Jungen.“

Bolo wandte sich nach diesen Worten an den Häuptling. Der sagte etwas, das Buster Tom nicht verstand, weil es ein ihm fremder Dialekt war. Dann erklärte Bolo: „Deine Männer werden dich nicht lebend wiedersehen, wenn ...“

Buster Tom lachte. „Narren! Glaubt ihr, ich würde mich so sicher und so ruhig hierhersetzen, ein Feuer machen, das euch anlockt, wenn ich keinen Trumpf in der Hand hielte? In einer Stunde, Bolo, muss ich bei meinen Leuten sein. Gesund. Bin ich es nicht, ist euer Feuer ausgegangen. Dann fallen sie über euch her. Meine Mannschaft und die Armee. Ich bin deshalb hier. Die Armee ist bei unserer Herde. Eine ganze Kompanie, Bolo. Und sie sind in ein paar Stunden hier. Ich wollte das verhindern. Ich kann es, wenn ich ihnen den Jungen herzeigen kann.“

Wir werden dich herzeigen.“ Bolo lachte grimmig.

Ihr werdet Selbstmörder sein oder Gehirn zeigen. Nur diese beiden Möglichkeiten habt ihr“, sagte Buster Tom. „Oder habt ihr genug Munition, um euch gegen meine Mannschaft und die Kompanie zu wehren? Ihr werdet zusammengeschossen. Man wird an den Feuern der anderen Stämme von euch singen, aber werdet ihr davon wieder lebendig?“

Bolo übersetzte es. Dann diskutierten sie miteinander, und endlich sagte der Häuptling etwas Entscheidendes. Tom konnte nicht verstehen, was es war, aber es klang endgültig. Bolo nickte und sagte dann:

Sargento sagt, dass du ein besonderer und schlauer Mann bist. Er ist bereit, dir den Jungen zu geben, weil du uns geholfen hast, ohne etwas zu verlangen. Sargento fürchtet die Armee nicht und auch nicht deine Mannschaft. Trotzdem will er jetzt keinen Kampf mit ihnen.“

Buster Tom nickte. „Sehr klug. Sein Volk kann stolz auf ihn sein.“

Bolo übersetzte, und über das starre Gesicht des jungen Häuptlings huschte ein flüchtiges Lächeln. Dann sagte er etwas. Bolo übersetzte:

Sattle dein Pferd und komm mit! Aber erst schnall noch den Revolver ab!“

Buster Tom tat es. Dann sattelte er sein Pferd, saß auf und ritt auf die Indianer zu, die ihn grimmig anstarrten und ihre Pfeile nach wie vor auf ihn gerichtet hielten.

Da sagte Bolo spöttisch: „Da ist noch eine Kleinigkeit, Rancher: Der Junge kann gehen. Aber dich wollen wir behalten, bis wir sicher sind, dass deine weißen Freunde ihr Wort halten.“

Buster Tom zögerte einen Augenblick, dann nickte er. „Einverstanden.“

*

Die Apachen Sargentos hatten ein zweites, kleineres Lager ein paar Meilen von der Stelle errichtet, wo Buster Tom auf sie gewartet hatte. In diesem Lager befanden sich nur Männer, als Buster Tom mit dem Häuptling, Bolo und den anderen einritt.

Sie hatten sich einen Platz ausgesucht, der von niederem Gesträuch und verwitterten Felsen verdeckt wurde. Zwei rauchlose Feuer brannten und warfen einen gespenstischen Schein. Der Himmel hatte sich indessen so verdunkelt, dass jeden Augenblick mit einem Wolkenbruch zu rechnen war.

In diesem Lager gab es keine Zelte, abgesehen von ein paar Häuten, die wie Schutzdächer zwischen den Stämmen größerer Sträucher aufgespannt waren.

Buster Tom überflog mit einem Blick die Lage dieser Männer. Sie hatten keine Waffen, keine, mit denen sie beispielsweise eine Herdenmannschaft angreifen und besiegen konnten. Offenbar war ihnen die Munition ausgegangen. Nur der Häuptling besaß die Winchester. Dann waren noch ein paar alte Hawken-Vorderlader, und im übrigen nur Pfeile und Bögen.

Das Aussehen der etwa vierzig Indianer rund ums vordere Feuer bewies Buster Tom, dass sie nicht genug zu essen hatten. Auch an Pferden waren sie knapp. Wahrscheinlich, sagte sich Buster Tom, schlachten sie immer öfters ein Pferd.

Er war sich der Gefahr bewusst, in der er sich befand. Aber ihm erschien das als der einzige Weg, den Jungen zu befreien und die Herde sicher weiterzubringen. Mit Matt Jackson hatte er über alles gesprochen. Anfangs war Matt natürlich dagegen gewesen, doch dann hatte der alte Fuchs eingesehen, dass es einen besseren Weg nicht gab. Matt würde die Herde durchbringen. Und selbst Buster Toms Söhne durften ihn nicht davon abhalten. So war es zwischen Buster Tom und Matt ausgemacht.

Buster Tom fragte sich, wo die Herde jetzt sein konnte. Er musste noch zwei Tage Zeit gewinnen, bis sie wirklich außer Gefahr war. Soviel Fleisch, das sah er jetzt, musste die Apachen verrückt machen. Vielleicht war der Hunger im Augenblick nicht mehr ganz so groß, denn die zwanzig Stiere konnten nicht ohne Wirkung geblieben sein.

Sie blickten vom Feuer zu ihm herüber, ohne eine Gefühlsregung zu zeigen. Er wusste nicht, ob sie erstaunt waren, ob sie ihn hassten oder gar nicht wussten, wer er überhaupt sein konnte.

Bolo hob die Hand, und Buster Tom zügelte zwanzig Schritt vom vorderen Feuer entfernt sein Pferd. „Dort drüben sitzt der Junge!“, sagte Bolo und wies zum zweiten Feuer weiter hinten. Dort hockten sechs Indianer, einen jungen Burschen in der Mitte, den Buster Tom zuerst für einen Apachen gehalten hatte, weil er einen Poncho trug, im Zwielicht nicht sehr gut zu erkennen war und dunkles Haar hatte.

Dann gebt ihm ein Pferd und lasst ihn frei“, sagte Buster Tom.

Bolo sagte etwas zu Sargento. Doch bevor der antworten konnte, rief Buster Tom dem Häuptling im Dialekt von Cochises Stamm zu: „Ich habe mein Wort gehalten, Sargento. Halte jetzt dein Wort!“

Sargento, der offenbar völlig von Buster Toms Sprachkenntnissen überrascht war, zuckte herum, sah Buster Tom verblüfft an, lächelte dann und erwiderte in derselben Sprache: „Du bist ein mutiger Mann. Ja, ich halte mein Versprechen.“

Er rief etwas den Männern am zweiten Feuer zu. Die packten den Jungen, rissen ihn hoch, einer schnitt ihm die Rohlederfesseln durch, mit denen ihm die Hände auf den Rücken gefesselt waren, der andere zertrennte die Beinfesseln. Dann nahmen sie den stolpernden, ängstlich dreinblickenden Jungen in die Mitte und brachten ihn zu Sargento.

Sargento blickte Buster Tom an. „Er wird dein Pferd reiten!“

Buster Tom nickte, saß ab und löste die Satteltasche. Bolo sah es und fragte: „Was tust du?“

Darin habe ich meine eigenen Sachen. So weit geht meine Liebe zu dem Jungen nicht, dass ich sie ihm überlasse.“

Bolo streckte misstrauisch die Hand nach der Tasche aus. „Ich will sehen, was es ist!“

Als er alles gesehen hatte, gab er die Tasche Buster Tom zufrieden zurück.

Inzwischen stand der Junge vor Buster Tom und Bolo sagte: „Du bist der Bastard eines weißen Schuftes! Aber diesem Mann verdankst du, dass wir dich freilassen — nur ihm. Du wirst genau nach Norden reiten. Dort wirst du auf eine Herde stoßen. Und du wirst mit diesen Männern gehen, bis sie eine Stadt erreichen. Hast du verstanden?“

Harry Safton blickte scheu auf Bolo, dann auf Buster Tom, der väterlich lächelte. „Warum tun Sie das?“, fragte Harry. „Mein Vater wird Sie reich belohnen.“

Darauf pfeife ich. Dein Vater ist nicht mein Freund, Junge. Ich will dir helfen und nicht deinem Vater. Tu, was dir Bolo gesagt hat. Folge meiner Herde. Ein Mann namens Matt Jackson führt sie. Das ist mein Vormann. Ich selbst heiße Tom Copper. Und jetzt setz dich auf diesen Hengst und reite nach Norden. Immer nach Norden. Ob es regnet oder stürmt, Junge, immer nach Norden. Wirst du das können? Weißt du, wie ein Reiter immer den Weg nach Norden findet?“

Bolo lachte, als Harry Safton ein ratloses Gesicht machte. Dann sagte der riesige Neger: „Ich bringe ihn bis zum Herdenweg, dann braucht er nur den Spuren zu folgen. Sie überdauern jeden Regen. Steig auf!“

Plötzlich drehte sich Harry Safton um, sah wieder Buster Tom an und sagte heftig: „Jetzt weiß ich Bescheid, Sie sind auch so einer wie dieser Canter. Sie stecken mit diesen roten Hunden unter einer Decke!“

Buster Tom schlug mit der flachen Hand zu, dass Harry Safton sich fast überschlug. Bolo fing ihn ab, bevor er stürzte, riss ihn vom Pferd aus hoch und stieß ihn auf Buster Toms Hengst, der erschrocken bockte und den Jungen wie ein Katapult abstieß.

Niemand rührte eine Hand, als sich Harry Safton aufrichtete, als er zu dem großen Hengst humpelte und dann vier vergebliche Versuche machte, in den Sattel zu kommen. Schließlich gelang es ihm, und er hockte auf dem Pferd wie ein Affe auf dem Schleifstein. Doch obgleich es ein Bild zum Lachen war, lachte niemand. Bolo hatte die Worte des Jungen an Buster Tom den Indianern übersetzt. Sie starrten nun hasserfüllt auf Harry Safton, taten aber nichts.

Du wirst den Weg allein finden“, sagte Bolo. „Ich glaube nicht, dass ich dich nur einen Schritt weit begleite. Du bist ein kleiner dreckiger Bastard. Und das wirst du immer bleiben. Der Mann, den du eben beleidigt hast, muss damit rechnen, dass dieser Stamm ihn tötet. Er opfert dann sein Leben für eine stinkende kleine Kröte wie dich. Reite schnell, bevor wir vergessen, dass wir diesem Rancher unser Wort gegeben haben. Reite sehr schnell!“

Harry Safton sah auf Buster Tom. Es schien, als wollte er etwas, sagen, doch dann kniff er trotzig die Lippen zusammen und wandte sich ab. Buster Tom musterte ihn scheinbar ausdruckslos.

Bolo war abgesessen und trat neben Buster Tom: „Er ist es nicht einmal wert, dass sich eine Fliege für ihn opfert. Du hast einen Fehler gemacht, Rancher.“

Menschen machen öfters Fehler“, meinte Buster Tom.

*

Niemand verlässt die Herde!“, fauchte Matt Jackson Jimmy an. „Und das gilt ebenso für dich.“

Jimmy musterte Matt Jackson wütend. „Wir lagern hier, und du drehst Däumchen, aber Sten sagt klar und deutlich, dass Dad schon längst wieder da sein müsste. Und dann dieses Wetter!“

Es goss wie aus Eimern. Die Rinder standen dicht an dicht bis zu den Bäuchen in hohem, fettem Gras. Von ihren braunen Rücken rann das Wasser.

Der Chuckwagon glich einem Boot. Dort, wo er stand, war eine Mulde, und das vom Himmel schüttende Wasser konnte nicht so schnell versickern. Es hatte sich im Handumdrehen zu einem Tümpel angesammelt, in dessen Mitte der Chuckwagon stand.

Seit zwei Stunden lagerte die Herde und ihre Treibmannschaft hier. Die Männer hatten Planen über Sträucher und Stangen gespannt, um etwas Schutz vor dem Guss des Regens zu finden.

Hep Waller, der kleine krummbeinige Allerweltskerl, sprang splitternackt im Regen herum, schrie vor Vergnügen und erntete bei seinen Zuschauern nur Kopfschütteln.

Jimmy und Cliff beschäftigte etwas anderes. Sie standen mit Matt Jackson und dem Koch unter einer Plane. Immer wieder hatten sie Matt überreden wollen, sie gehen zu lassen. Doch Matt blieb stur wie ein Bison.

Niemand geht weg. Ich habe den ausdrücklichen Befehl von Buster Tom, dass jeder, und ganz besonders ihr beiden, auf seinem Posten bleibt. Die Herde wird nach Santa Fé gebracht, und sie wird so schnell getrieben, wie es überhaupt geht. Besonders die nächsten zwei Tage.“

Matt, überleg doch“, sagte Cliff, „er hat vielleicht nicht gewusst, dass er in Schwierigkeiten geraten könnte. Matt, du weißt, wo er steckt. Zum Teufel, du weißt es genau, aber du schweigst.“

Sicher weiß ich es“, erwiderte Matt ruhig. „Aber von mir erfährt keiner was, bis ich das nicht selbst so will. Ich habe mit Buster Tom ausgemacht, dass ich es euch nicht sage, damit basta!“

Cliff atmete gepresst aus, beherrschte sich aber. Jimmy hingegen schrie Matt an: „Und wenn ihm was zustößt? Wenn ihn die Apachen erwischen? Verdammt, er ist doch nicht etwa losgeritten, diesen Bengel herauszuholen?“

Matt grinste spöttisch. „Hattest du nicht so etwas vor? Und jetzt kritisierst du es, wenn dein Vater so etwas getan haben könnte. Ich sagte: könnte!“

Cliff trat dichter neben Matt. „Matt, du alter Schurke, du weißt es. Er ist zu den Apachen. Gib zu, dass es so ist!“

Ich weiß einen Dreck. Und ich sage einen Dreck. Und ihr beiden kümmert euch um eure Arbeit bei der Herde, weil euch alles andere auch einen Dreck angeht. Und jetzt lasst mir meine Ruhe!“

Den Teufel werden wir!“, fuhr ihn Jimmy an, „Wir sind keine kleinen Rotznasen mehr. Matt, ich habe dich immer gerne gehabt, aber jetzt schlage ich dir alle Knochen aus dem Leib, wenn du nicht sagst, wo er steckt!“

Jimmy!“, mahnte Cliff.

Aber Jimmy war nicht zu bremsen. Er kochte fast über; sein Gesicht war dunkel vor Wut, und er fuchtelte Matt mit den Fäusten vor dem Gesicht herum.

Matt sah ihn an. „Schlag doch zu! Schlag zu, du Lümmel! Vielleicht ist dir nachher besser, wenn du dich wie ein Skunk benommen hast.“

Jimmy, lass das!“, mahnte Cliff erneut.

Jimmy ließ die Fäuste sinken. „Ach hör auf, wie ein altes Weib zu flennen! Immer kommst du dir so schlau vor, weil du alt bist. Aber sind wir deshalb Idioten, weil wir jung sind?“

Ihr versteht einfach noch nicht alles. Das ist es.“ Matt holte tief Luft. Jetzt war er wütend, und er sagte es auch, was er dachte. „Erst hast du deinen Vater bedrängt, als wenn der nicht wüsste, was ein Mann tun muss, um einem zu helfen, der in Not ist. Und jetzt, wo dein Vater genau das tut, was er übrigens schon viel früher als du tun will, nämlich diesem Jungen zu helfen, bläst du dich auf. Du bist ein verrückter Narr, der nur das Treiben durcheinanderbringt. Tu deine Arbeit und überlass es deinem Vater, wie die Sache angepackt wird. Er weiß es nämlich, und du spielst nur den aufgeregten Handfeger. So, und nun will ich nichts mehr davon hören. Wenn es Zeit ist, sich um Buster Tom zu kümmern, dann werde ich es euch sagen. Jetzt bringt ihr ihn nur in Schwierigkeiten. In vier Stunden treiben wir weiter.“

In vier Stunden?“, protestierte Jimmy. „Willst du diese Stiere als Skelette nach Santa Fé bringen?“

Besser als Skelette als überhaupt nicht, Basta!“, knurrte der Alte.

Hep Waller tanzte immer noch nackt im Regen herum und begann zu singen,

Halte deine verdammte Schnauze!“, schrie ihm Jimmy zu.

Hep Waller brach mit seinem Gesang ab und stierte ungläubig auf Jimmy. „Was brennt dir denn unter dem Skalp?“

Ich habe gesagt, dass du dein Maul halten sollst. Wir sind auf deinen Coyotengesang nicht scharf.“

Hep und Jimmy hatten eines gemeinsam: sie prügelten sich leidenschaftlich gerne. Gegen den ungestümen Jimmy war Hep aber ein erfahrener, routinierter Gegner, der mit Raffinesse wettmachte, was Jimmy ihm an körperlicher Kraft voraus war. Ihn zu reizen brauchte nicht mehr, als Jimmy in Wut zu versetzen.

Hast du zu mir Coyote gesagt, du Hosenkacker?“, fauchte Hep und tänzelte splitternackt näher. „Hast du das gesagt, du nachgemachter Buschklepper?“

Jimmy brauchte ein Ventil. Hep kam ihm wie gerufen. Mit einem Schrei schoss Jimmy unter der Plane hervor in den strömenden Regen. Aber Hep, barfuß und an den aufgeweichten Boden durch seine Herumtanzerei gewohnt, wich geschickt aus, streckte ein Bein vor, und Jimmy schlug der Länge lang in den Schlamm.

Hep tanzte lachend um ihn herum, sang lauthals mit überschnappender Stimme, bis Jimmy dann wieder auf den Beinen war. Und jetzt war er vorsichtiger. Er kam erst auf Hep zugejagt, als der schon auswich. Doch diesmal gelang ihm das nicht ganz. Jimmy packte zu, schlug mit der Linken nach, aber da entglitt der nasse Körper Heps seiner Rechten, und der Schlag hatte nur die halbe Wirkung.

Mit einem Satz wirbelte Hep herum, stieß sich ab und trat mit den bloßen Füßen Jimmy gegen die Brust, stürzte auf den Rücken, war wieder hoch und warf sich auf Jimmy, der ebenfalls in den Schlamm gefallen war. Jimmy rang noch um Luft, denn Heps Fußtritte waren nicht von Pappe gewesen.

Bevor Jimmy richtig atmen konnte, bekam er Heps Fäuste zu spüren. Hep kniete auf ihm und schlug wie ein Dampfhammer.

Jimmy sah Sterne vor den Augen tanzen, bekam kaum Luft; seine Lippen waren aufgeplatzt, doch er reagierte mit letzter Kraft. Mit der Linken schlug er Hep in die Hüfte. Hep schrie auf, rutschte zur Seite, und da traf ihn ein von unten nach oben gejagter Haken unters Kinn. Das war mehr, als Hep einstecken konnte. Er schlug in den Schlamm und blieb reglos liegen.

Jimmy erhob sich ächzend, spuckte einen Vorderzahn aus und humpelte zur Plane zurück, wo ihm sein Bruder entgegengrinste.

Hep kam auch wieder hoch, sah sich wild um, aber da rief ihm Matt zu: „Zieh dich an, du Buschneger, und leg dich pennen. In vier Stunden wird getrieben!“

*

Harry Safton wusste nicht, ob das Pferd ihn nach Norden, Süden oder sonstwohin trug. Er hockte zusammengekrümmt im Sattel, klammerte sich am Sattelhorn fest und duckte sich im herabströmenden Regen zusammen. Es war dunkel. Das Pferd ging im Schritt, und hätte Harry Safton etwas von Pferden verstanden, wäre ihm aufgegangen, wie gut dieser Hengst war.

Harry hatte keine große Ahnung von Pferden. Zwar war er schon oft geritten, aber zu Hause in St. Louis fütterte, sattelte und pflegte die Pferde ein Stallbursche. Und diese schweren Cowboysättel kannte Harry auch nicht, schon seit einiger Zeit war sein Allerwertester wund, aber er wagte nicht abzusitzen. Die Angst, er könnte nicht wieder in den Sattel kommen und das Pferd würde weglaufen, bedrängte ihn noch mehr als der Schmerz an Oberschenkeln und Gesäß.

Er spähte ab und zu nach vorn, ob er nicht irgendwo Licht sehen würde. Doch alles war schwarze Finsternis. Der Regen peitschte auf ihn und das Pferd nieder, und trotzdem schien das Tier etwas zu sehen, denn es ging ruhig und sicher weiter. Dann aber, kurz nach Mitternacht, blieb es stehen, graste ungeniert, und Harry ließ es tun, was es wollte. Der Zügel hing herab, und der Hengst schien völlig vergessen zu haben, dass auf seinem Rücken ein vor Nässe und Kälte zitterndes Bündel Mensch hockte.

Die kostbare Kleidung, die Harry von den Apachen gelassen worden war, taugte in diesem Wetter nichts. Die Nähte der Hosen waren aufgerissen, das Hemd klebte ihm wie ein Brett auf der Haut, und die Jacke mochte einmal modisch gewesen sein; jetzt war sie wie ein Schwamm, der noch nasser wirkte als der Regen. Stiefel hatte Harry nicht mehr. Er saß barfuß auf dem Pferd, und ihm war von unten herauf kalt, obgleich es ein warmer Regen war.

Dann, nach etwa zwei Stunden, bewegte sich der Hengst von ganz allein weiter. Harry, entschlossen voranzukommen, nahm die Zügel auf. Aber der Hengst quittierte das sehr verärgert mit einem Bocksprung, der Harry wie von der Sehne geschnellt in den Schlamm fliegen ließ.

Fast heulend vor Wut rappelte sich Harry auf. Der Hengst stand gar nicht weit entfernt und schaute zu ihm herüber. Jedenfalls kam es Harry so vor, denn mehr als die Silhouette des Pferdes konnte er nicht erkennen.

Als Harry sich dem Hengst näherte, stand der ruhig. Und er ließ es mit sich geschehen, dass Harry fünfmal versuchte, in den Sattel zu kommen. Dann endlich war er beim sechsten Versuch oben, schimpfte, kreischte vor Verzweiflung, und der Hengst machte nur eine geringe Bewegung. Da lag Harry wieder im Dreck.

Aber nun war Harrys Ehrgeiz angestachelt. Er, der immer wohlbehütet gewesen war, der Dank des Geldes und der Macht seines Vaters alle Wünsche erfüllt bekommen hatte, musste zum ersten Mal im Leben kämpfen, und wenn es mit den Tücken eines hohen Pferdes und eines ungewohnten Sattels war. Steif vor Kälte und auch steif mangels körperlicher Betätigung, die ihm so ungewohnt war, machte er sich an erneute Versuche. Der Hengst stand reglos. Und der Regen rann über Mensch und Pferd. Diesmal aber schaffte es Harry beim zweiten Versuch, hatte die Beine schon richtig, die Füße in den Bügeln, als der Hengst antrat.

Im Schritt, als trüge er eine zerbrechliche Last, stapfte der Hengst durch das aufgeweichte Land. Und er marschierte noch immer, als der Morgen graute und der Regen aufhörte. Im Osten kam die Sonne über die Kimm, glutrot wie eine Orange und strahlend wie brennende Magnesia. Das Land wirkte in seiner Nässe wie von Perlen überzogen, und im Gras schienen Tausende winziger Diamanten zu glitzern. Überall funkelten die Wassertropfen, und die Sonne ließ sie in allen Farben des Spektrums schillern.

Harry war kein Sohn des Westens, und so sah er nicht, dass der Hengst auf einem Rindertrail nach Norden stapfte. Zwar waren die meisten der Klauenspuren verwaschen vom Regen, doch es gab andere Hinweise. Kotreste, vom Regen aufgeweichte, zum Teil weggespülte Kuhfladen. Niedergetrampeltes und auch nach Stunden noch nicht wieder aufgerichtetes Gras. Wie eine breite Straße zog sich der Trail nach Norden, und der Hengst folgte ihm gleichmäßig und beharrlich.

Harry dachte nur an sich und den Augenblick. Er fror, denn so warm war die Sonne noch nicht. Die Kleidung klebte klitschig an seinem Körper. Und er hatte Hunger. Als es wärmer wurde, begann in der heißer werdenden Sonne seine Kleidung zu dampfen. Bald wurde unerträglich, was Harry anfangs als wohltuend empfunden hatte. Er begann zu schwitzen.

Aus dem schlammigen Boden wurde in ganz kurzer Zeit eine verkrustete Schicht mit weißen Rändern. Der Boden ging wie Hefeteig und riss dort, wo er aufplatzte, zu vielen kleinen Mosaikstücken.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Western Special März 2019 - 10 Wildwest-Romane in einem Band!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen