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Western Sammelband 7007 - 7 harte Wildwestromane Oktober 2019

John F. Beck, Larry Lash, Cedric Balmore, W.W.Shols

Western Sammelband 7007 - 7 harte Wildwestromane Oktober 2019

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Inhaltsverzeichnis

  • Western Sammelband 7007 - 7 harte Wildwestromane Oktober 2019
  • Copyright
  • Verraten und verfemt
  • Gebrandmarkt
  • Der neue Sheriff
  • Sein Gewissen war stärker
  • Der letzte Einsatz
  • Die Verschwörer
  • Ein Sheriff zu viel

Western Sammelband 7007 - 7 harte Wildwestromane Oktober 2019

John F. Beck, Larry Lash, Cedric Balmore, W.W.Shols

Dieser Band enthält folgende Western:


John F. Beck: Verraten und verfemt

Larry Lash: Gebrandmarkt

Cedric Balmore: Der neue Sheriff

John F. Beck: Sein Gewissen war stärker

Larry Lash: Der letzte Einsatz

Larry Lash: Die Verschwörer

W.W.Shols:Ein Sheriff zu viel


Die Stadt Ernie Lombards ist zu einem Hexenkessel geworden. Seine Stadt, in der noch bis vor einer Woche anständige und aufrechte Männer wohnten, will ihn an den Galgen bringen. Ernie Lombard steht allein da …






Verraten und verfemt


Western von John F. Beck


Der Umfang dieses Buchs entspricht 139 Taschenbuchseiten.


Der Rancher Owen Chetwood wird hinterrücks von Banditen ermordet. Bevor er seinen letzten Atemzug macht, will er seinem Neffen Billy noch etwas Wichtiges sagen, schafft es aber nicht.

Billy versucht nun, die Ranch zu halten, obwohl er weiß, welcher Gefahr er sich aussetzt, denn die Banditen haben es auf die Broken Arrow Ranch abgesehen. Als ein Reiter auftaucht und ihm seine Hilfe anbietet, schlägt Billy diese aus, denn er hasst Revolvermänner. Doch Durango ist alles andere als ein Revolverheld ...



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

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1

Der Sand knirschte unter Billy Chetwoods Stiefelsohlen. Bleiches Mondlicht flutete über die niedrigen Ranchgebäude, den Hof, den Ziehbrunnen und die Corralstangen. Vor Billy lag das breite Gatter des Corrals. Er streckte schon die Hand aus, um es zu öffnen, da wuchs neben ihm ein massiger Schatten aus der Nacht empor.

Das dumpfe Schnauben eines Pferdes kam auf ihn zu. Billy hörte das Stampfen der Hufe und das Rascheln des trockenen Grases. Dann blieb das Pferd bei ihm stehen und drängte sich an ihn. Onkel Owens Pferd! Der Sattel war leer! In Billys Gehirn wirbelten die Gedanken. Furcht wühlte ihn auf.

„Wo ist Onkel Owen? Wo ist er?“, keuchte er heiser..

Billy berührte mit seiner linken Hand den Pferdehals. Im nächsten Moment prallte er erschrocken zurück und ließ das Halfter los. Seine Fingerspitzen waren nass geworden. Er sah im Mondlicht die dunkle Flüssigkeit an seinen Fingern: Blut!

„Billy!“, flüsterte ganz nahe eine brüchige Stimme. „Billy, bist du das?“

Ein eisiger Schauder kroch über Billys Rücken. Seine Hände begannen zu beben. Er hörte das dünne Rascheln von Gras. Etwas scharrte über den Boden. Dann war es wieder still.

Der hohe Corralzaun warf klobige Schatten. Vereinzelte Wolkenballen hingen am nächtlichen Firmament und wurden vom Mondlicht versilbert.

„Hilf mir, Billy!“, trieb wieder das Flüstern heran. „Ich kann nicht mehr.“

Billy sah die verschwommene Bewegung neben einem dicken Corralpfosten und stürzte vorwärts.

„Onkel Owen!“

Gleich darauf kniete Billy beim Zaun und schaute mit brennenden Augen auf den Mann, der vergeblich versuchte, sich an einer Querstange hochzuziehen.

Ein schweißüberströmtes zerfurchtes Gesicht drehte sich ihm zu. Der verzweifelte Blick aus fiebrig glänzenden Augen versetzte Billy einen Schock.

„Um Himmels willen, Onkel Owen, was ist passiert?“

Der Blick, der unverwandt an seinem Gesicht hing, wurde ruhiger.

„Da bist du ja, Billy!“, flüsterte der Verwundete rau. „Ich ... bin froh, dass ich es noch … so weit geschafft ...“ Er ließ die Querstange los und sank ins dürre Gras. Im Corral wieherte ein Pferd.

Billy beugte sich über den Rancher. Als er ihm mit bebenden Fingern das Hemd aufknöpfte, spürte er wieder diese klebrige Flüssigkeit an seinen Händen. Ein schaler Geschmack füllte seine Mundhöhle. Er riss den Kopf herum.

„Zack!“, schrie er schrill. „Old Zack! Beeil dich, Mann, so komm doch schon! Und bring Verbandszeug mit!“

„Billy!“, schnaufte der Verwundete mühsam. „Das ... kannst du dir ... sparen ... Sie haben mich ... schon richtig ... erwischt.“

„Onkel Owen, das darfst du nicht sagen“, würgte Billy hervor. „Zack und ich, wir bringen dich schon wieder hin. Charley und Boynton sind draußen bei der Herde. Aber das macht nichts. Wir verbinden dich, und dann reite ich sofort nach Bannerhan und hole den Doc. Keine Sorge, Onkel Owen, wir ...“

Drüben flog knallend die Tür des Schlafhauses auf. Zack Cubitts magere, leicht gekrümmte Gestalt stand in der lichterhellten Öffnung.

„Billy! Du hast gerufen? Was ist denn ...“

„Schnell, Zack! Verbandszeug! Beeil dich! Mein Onkel liegt hier. Sie haben ihn überfallen!“

„Überfallen? Das darf nicht ... Billy, ich komme sofort, ich komme, hörst du?“

„Sinnlos!“, flüsterte Owen Chetwood tonlos. „Nimm’s nicht ... zu schwer ... mein Junge!“

„Onkel!“, keuchte Billy. „Nein, nein, du darfst nicht ...“

Die Finger des Verwundeten klammerten sich jäh um Billys rechtes Handgelenk.

„Hör zu, Billy!“ Der Atem des Ranchers ging flach und stoßweise. Es dauerte eine Weile, bis seine nächsten Worte undeutlich über die blutleeren Lippen kamen.

„Du darfst ... nicht aufgeben! Um keinen Preis ... Diese Ranch ... darf ihnen nicht ... in die Hände fallen ... Ich habe ... Briefe geschrieben ... nach ...“ Er brach plötzlich ab. Seine Brust hob und senkte sich unter schweren Atemstößen.

„Streng dich nicht an, Onkel Owen!“, sagte Billy heiser. „Sei ganz ruhig und lieg still!“

„Du ... wirst Hilfe ... erhalten, Junge“, brachte der Verwundete mühsam hervor. „Du wirst ... Billy, ich muss dir etwas Wichtiges sagen ... Ich sollte es ... schon lange getan haben ... aber ... es ist nicht ...“ Sein Kopf rollte plötzlich zur Seite. Owen Chetwood rührte sich nicht mehr.

Es dauerte eine Weile, bis Billy begriff, was geschehen war. Er schüttelte benommen den Kopf und erhob sich. An seinen Armen und Beinen schienen plötzlich Bleigewichte zu hängen. Eine seltsame Leere entstand in seinem Gehirn. Dann merkte er, dass Zack Cubitt hinter ihm heranhastete. Mit hängenden Schultern drehte sich der junge Mann ihm zu. Als Cubitt in Billys Gesicht sah, blieb er wie erstarrt stehen.

„Er ... er ist doch nicht ...“

Billy nickte stumm. Cubitt stöhnte dumpf auf. Dann murmelte er gepresst: „Diese Schufte! Diese elenden Halunken! Ich hätte nicht gedacht, dass sie so weit gehen würden!“

Billy schaute wieder auf die reglose Gestalt zu seinen Füßen. Das Gesicht des Toten wirkte seltsam friedlich im Silberlicht des Vollmondes.

Noch war Billy wie gelähmt. Noch war er nicht fähig, die ganze Tragweite des Geschehens zu überblicken. Trotzdem wusste er, dass ihm jetzt die schwerste Zeit seines Lebens bevorstand. Der Frieden der vergangenen Jahre war endgültig zerbrochen. Nichts würde mehr so sein wie früher.



2

Ein Mann stürmte in den Golden Eagle Saloon in Socorro. Die Pendeltüren schwangen knarrend hinter ihm aus. Sporenklirrend eilte der Mann zu einem Ecktisch, an dem vier Männer saßen und pokerten. Er keuchte vom Laufen. Schweiß glänzte auf seinem hageren Gesicht, und die dunklen Augen glühten.

„Hallo, Merville, du hast es aber verdammt eilig!“, rief der Keeper hinter der Theke. „Du solltest dir erst mal einen guten Drink genehmigen. Glaub mir, was auch geschehen sein mag, ein feiner Drink ...“

„Halt die Klappe!“, fauchte der Hagere über die Schulter.

Er war bei den Pokerspielern angelangt. Sie ließen die Karten sinken und blickten erstaunt zu ihm auf. Er legte einem von ihnen — einem Mann mit einem feuerroten Kinnbart — die Hand auf die Schulter.

„Komm mit, Blade, schnell!“

Der Rotbärtige schüttelte den Kopf.

„Zum Geier! Was ist denn in dich gefahren, Duff! Was gibt es?“

„Du sollst mitkommen, Blade!“, keuchte Duff Merville.

„Duff“, lachte einer der anderen, „hast du etwa heute schon zu tief ins Whiskyglas geguckt? Junge, Junge, du solltest etwas vorsichtiger ...“

„Heb dir deine blöden Witze für eine andere Gelegenheit auf, Gil! Blade, hast du denn nicht gehört? Es eilt!“

„Ich verstehe nicht, Duff! Was ...“

Die Wangenmuskeln Mervilles arbeiteten. Er beugte seinen Kopf tiefer. Das Glimmen in seinen dunklen Augen verstärkte sich. Er raunte heiser: „Denk an die Sache in San Pedro, Blade!“

Im Gesicht Blade Brigos ging eine Veränderung vor sich. Seine Augen wurden weit. Er war mit einem Ruck auf den Beinen. Sein Stuhl kippte polternd um.

„Duff, du willst doch nicht sagen, dass ...“

„Komm mit, Mann, und du wirst alles sehen!“

„Nein!“, schnaufte Brigo und wischte sich fahrig über die Stirn. „Nein, das glaub ich nicht!“

„Zum Teufel, wie lange willst du noch warten?“

„Gut, ich komme ja schon.“

Blade Brigo warf die Karten achtlos auf die Tischplatte. Der Mann, der vorhin über Merville gelacht hatte, knurrte wütend: „Heh, Brigo, so geht das nicht! Wir sind mitten im Spiel! Du kannst nicht einfach ...“

Merville und Brigo hatten sich bereits abgedreht. Die Pokerspieler und der Keeper schauten ihnen kopfschüttelnd nach. Die Schwingtüren ächzten wieder. Die Stiefeltritte und das Sporenklirren verklangen auf der Veranda.

„Hier ’rüber!“, raunte Merville und zog den rotbärtigen Brigo hinter die alte Akazie, die neben dem Haltegeländer vor dem Saloon hochragte. Schwer atmend schob er sich den Stetson ins Gesicht und öffnete den obersten Hemdknopf. Dann deutete er mit ausgestreckter Hand auf die andere Straßenseite, wo ein einzelnes Pferd vor dem Generalstore stand.

„Da!“, stieß er heiser hervor. „Da ist er hineingegangen!“

Brigo starrte ihn ungläubig von der Seite her an.

„Du hast dich sicher getäuscht, Duff! Ganz bestimmt!“

„Meinst du, ich sehe nicht mehr gut genug?“

„Vielleicht eine Ähnlichkeit mit ihm“, murmelte Brigo zögernd. „Du wirst doch nicht behaupten, dass er es wagt, über die Grenze zurückzukommen.“

„Es ist Tatsache, Blade, glaube mir! Da drüben steht sein Pferd.“

Brigo schluckte.

„Ich kann es einfach nicht glauben.“

„Nun gut!“ Merville atmete tief ein. „Warten wir also! Dann kannst du ihn selber sehen.“

Blade Brigo wollte etwas sagen, schwieg jedoch dann im letzten Augenblick und bewegte nur unbehaglich die muskulösen Schultern.

Die Straße lag menschenleer vor ihnen. Die Hitze flimmerte über dem gelben Sand. Die bemalten Holzfassaden der Häuser leuchteten grell. Über den Dächern waren die blauen Schatten des Gebirges zu sehen. Vereinzelte Wolkenfetzen schwebten vor dem strahlenden Blau des Sommerhimmels. Ein Saloonfenster stand offen. Stimmengemurmel drang undeutlich ins Freie. Der hochbeinige Falbe, der auf der anderen Straßenseite vor dem Store stand, ließ müde den Kopf hängen.

Merville lehnte sich gegen den Akazienstamm und spähte unverwandt hinüber. Brigo, der dicht neben ihm blieb, zündete sich eine Zigarette an. Seine Finger zitterten dabei ein wenig. Sie warteten schweigend. Die Hitze trieb ihnen den Schweiß aus den Poren. Das grelle Licht blendete, und die Augen begannen zu schmerzen.

Dann ging plötzlich ein Ruck durch die beiden Männer. Drüben wurde die Tür des Stores geöffnet. Der Schatten eines Mannes fiel quer über die Veranda. Die Tür klappte wieder zu. Steifbeinig kam der Fremde die ausgetretenen Stufen herab — ein hochgewachsener sehniger Mann in staubbedeckter Weidereitertracht. Ein breitrandiger mexikanischer Sombrero warf einen Schatten über sein Gesicht. An den verstaubten Stiefeln des Mannes glänzten Silbersporen. Er trug ein braunes Paket unter den linken Arm geklemmt und ging ohne Eile auf den wartenden Falben zu.

Merville packte Brigos rechten Oberarm.

„Nun? Was sagst du jetzt, Blade? Siehst du, er trägt noch immer seine beiden 45er Navy Colts — und sie hängen so tief wie damals in San Pedro.“

Brigo nahm einen nervösen Zug aus seiner Zigarette. Er beobachtete jede Bewegung des Fremden.

„Der Figur und den Waffen nach ist er es. Aber noch habe ich sein Gesicht nicht gesehen.“

„Zum Teufel!“, knurrte Duff Merville leise. „Zweifelst du etwa noch immer?“

„Zweifeln?“, dehnte Brigo heiser. „Ich hoffe — das ist es!“

„Und ich sage dir, er ist es, du hoffst vergeblich!“

Brigo schwieg und sog wieder an der Zigarette. Der Mann auf der anderen Straßenseite befestigte das Paket hinter seinem Sattel und drehte den beiden Beobachtern den Rücken zu.

„Pass auf, wenn er aufsitzt!“, flüsterte Merville seinem Gefährten zu. „Dann wirst du sein Gesicht sehen. Pass auf, Blade!“

Der Fremde hatte das Paket festgebunden. Er tätschelte dem Falben den Hals und sagte leise etwas zu ihm. Dann schwang er sich geschmeidig in den Sattel. Das Sonnenlicht traf ihn jetzt voll von vorne und drang unter die Krempe des mit Silberschnüren verzierten Sombreros.

Merville und Brigo sahen ein scharfgeschnittenes, dunkel gebräuntes Gesicht, das von harten Linien gekerbt war. Graue scharfe Augen blickten kühl. Die dünnen Lippen waren fest zusammengepresst, die Mundwinkel leicht nach unten gezogen. Es war ein Gesicht voller Kälte und Entschlossenheit. Und doch war gleichzeitig in ihm eine unverkennbare Spur von Bitterkeit.

Blade Brigo riss die Zigarette aus dem Mund und schleuderte sie in den Staub.

„Höllenfeuer!“, keuchte er. „Du hast recht, Duff! Er ist es! Durango!“

Der Reiter legte sich die Zügel zurecht und setzte mit einem Schenkeldruck den Falben in Bewegung. Gelber Staub wolkte unter den Hufen hoch. Brigos Hand zuckte zum Revolver.

„Nicht!“, sagte Merville schnell. „Nicht hier!“

„Er ist es!“, schnaufte Brigo wild. „Warum zögerst du also noch? Die Gelegenheit ist einmalig!“

„Wir können uns in Socorro keinen Mord erlauben, Blade, das muss dir doch klar sein. Wir haben zu viele Freunde und Bekannte hier, die uns für ehrliche Menschen halten. Zum Teufel, wir müssen es anderswo versuchen. Oder willst du Durango offen gegenübertreten?“

„Ich werde mich hüten“, knurrte Brigo laut.

„Na also!“

Der Reiter jagte, in eine Staubfahne gehüllt, die Main Street hinab auf den Stadtrand zu.

Brigo nagte an der Unterlippe. Schließlich murmelte er: „Er hat es mächtig eilig, was? Er nahm sich nicht einmal die Zeit für einen Drink.“

„Er ist vorsichtig, das ist alles. Er weiß, wie gefährlich es für ihn hier in New Mexiko ist.“

„Yeah!“, nickte Brigo und wischte mit dem Handrücken über die nasse Stirn. „Ich verstehe noch immer nicht, warum er über die Grenze zurückkam.“

„Wer weiß? Für uns ist jetzt nur eines wichtig: Durango muss sterben!“

Brigo trat hinter dem Baum hervor. Er starrte stirnrunzelnd in die Richtung, in der der Reiter verschwunden war.

„Wir sollten Renn Gallagher verständigen, Duff.“

„Das wirst du übernehmen, Blade.“

„Und was hast du vor?“

„Ich werde hinter Durango her reiten. Wir dürfen seine Fährte auf keinen Fall aus den Augen verlieren. Ich will nicht, dass die Sache von San Pedro nach so langer Zeit doch noch auffliegt, hörst du? Well, Blade, ich reite also. Du und Renn, ihr kommt so rasch wie möglich hinter mir her, klar? Wenn wir weit genug von Socorro entfernt sind, dann schnappen wir ihn uns. Wohin Durango auch will — er darf sein Ziel nicht erreichen.“



3

Fess Boynton trat aus dem Wohnblockhaus der Broken Arrow Ranch, verharrte eine Weile mit mürrischem Gesicht unter dem schattigen Vordach und ging dann mit langen Schritten zum Corral hinüber. Ein Sattel hing über der obersten Querstange. Boynton knöpfte das Lasso los, um sich seinen Gaul aus dem Corral zu fangen. Er drehte sich nicht um, als er das Knirschen von Stiefelschritten hinter sich hörte.

„Fess“, sagte eine trockene Stimme hinter ihm, „Zack Cubitt hat mir gesagt, dass du die Ranch verlassen willst. Stimmt das, Fess, heh?“

Erst jetzt hielt Boynton inne.

„Natürlich!“, knurrte er, ohne den Kopf zu wenden.

„Fess, das gefällt mir aber gar nicht!“ Die Stimme war härter geworden.

Boynton ballte die Hände zu Fäusten und wandte sich langsam um. Gleich darauf ging ein Zucken über sein Gesicht. Der schnurrbärtige Mann vor ihm hielt ein schussbereites Spencer Gewehr in den Händen!

„Menschenskind, Charley!“, stieß Fess Boynton hervor. „Was soll das?“

„Ich habe gesagt, es gefällt mir nicht, wenn du so einfach verschwinden willst!“ Die schwarze Gewehrmündung blieb unverändert auf Boyntons Brust gerichtet.

„Willst du mich auf halten, Charley?“, fragte Boynton wild.

Charley Rugger nickte grimmig.

„Genau das will ich!“

„Du bist ein Narr!“, fauchte Boynton.

„Und du ein Feigling!“

Boyntons Hände zuckten.

„Sag das nicht noch einmal!“

„Nur ruhig, Junge, nur ruhig! Wenn ich mein Gewehr auf jemand richte, dann bluffe ich nicht, verstehst du?“

„Charley, verdammt, du gehst zu weit.“

„Sei du damit still! Fess, findest du nicht, dass es unfair ist, wenn du jetzt reitest?“

„Unfair?“ Boynton lachte wütend. „Es ist das Beste, was ich tun kann. Und ich würde dir und Old Zack raten, dasselbe zu tun. Charley, überleg doch mal, welche Chance hat denn noch die Broken Arrow Ranch, heh? Keine! Das musst du doch zugeben!“

„Nichts gebe ich zu!“, grollte Rugger. Seine Schnurrbartenden zuckten. „Solange wir zusammenhalten, sind wir nicht verloren.“

„Das ist Unsinn! Meinst du, ich will, dass es mir so geht wie Owen? Nein, nein, ich habe nur als Cowboy auf dieser Ranch gearbeitet. Ich bin nicht dazu verpflichtet, mein Leben dafür zu riskieren.“

„Und du willst ein Mann sein!“, knurrte Rugger verächtlich.

„Ach, geh zur Hölle!“, zischte Boynton. „Ich bin zu jung, um schon zu sterben. Wenn dir und Old Zack nichts mehr am Leben liegt, well, das ist eure Sache. Und jetzt nimm endlich das verwünschte Gewehr weg. Ich will ...“

„Rühr dich nicht, Fess, ich warne dich! Rühr dich bloß nicht! Es sollte mir leidtun, wenn ich dir eine Kugel durch die Schulter jagen müsste.“

„Du hast ja den Verstand verloren, Charley“, keuchte Boynton.

„Das lass nur meine Sorge sein. Und jetzt hör mir gut zu, Mister. Ich lasse nicht zu, dass du abhaust. Du hast auf der Broken Arrow Ranch ein gutes Leben geführt. Jetzt, wo es brenzlig wird, kannst du nicht so tun, als ginge dich das alles hier nichts mehr an. Billy ist jetzt der Boss, und er ist noch viel zu jung — jünger als du, Fess. Er braucht uns, hörst du? Er braucht uns alle. Wir sind wenig genug: Old Zack, du und ich! Wir können keinen Mann entbehren.“

„Ich habe mit Billy gesprochen. Er hat mich ausgezahlt und lässt mich gehen.“

„Weil er zu stolz ist, um dich zu halten — und zu jung. Aber ich, mein Lieber, bin schließlich auch noch da. Ich sage dir, lass den Sattel liegen und geh ins Schlafhaus zurück!“

„Fällt mir nicht ein.“

„Zwei Tage erst liegt Owen Chetwood unter der Erde. Zwei Tage — und schon willst du fort. Fess Boynton, du bist ein Windhund!“

Boynton knirschte mit den Zähnen.

„Eines Tages werden wir uns darüber unterhalten, Charley.“

„Aber erst, wenn es für die Broken Arrow keine Gefahr mehr gibt, verstanden? Los, kehr jetzt um und geh zurück!“

„Was willst du damit erreichen? Wenn ich jetzt auch gehorche — bei der ersten Gelegenheit verschwinde ich ja doch.“

„Denkst du! Ich sage dir, du wirst mich immer in deiner Nähe haben, Fess, und meine Hand wird nie weit vom Schießeisen entfernt sein. Wenn es nicht so dringend wäre, würde ich keinen Wert mehr auf deine Gesellschaft legen, das kannst du mir glauben.“

„Du und Zack Cubitt, ihr seid zwei hirnverbrannte Narren. Ich begreife nicht, wie man so versessen darauf sein kann, seine Haut für die Ranch eines anderen zu Markte zu tragen.“

„Ein Mann wie du versteht wohl vieles nicht. Zack und ich reiten seit über zehn Jahren für diese Ranch. Dies ist unsere Heimat und ...“

„Aber ich empfinde nicht so. Lass mich jetzt in Ruhe, Charley!“

Rugger seufzte bitter.

„Siehst du, Fess, es ist nun einmal so: Bei einem Mann ohne jegliches Verständnis hilft meistens nur der Druck von Gewalt. Du macht darin keine Ausnahme. Denk nur nicht, das macht mir jetzt Spass. Aber du kennst meinen Entschluss, und ich weiche nicht davon ab. Also, sei vernünftig!“

Boynton starrte ihn zornig an. Dann zuckte er resignierend die Schultern.

„Eines Tages wird es dir noch leidtun“, grollte er und drehte sich um, um das losgeknotete Lasso wieder am Sattel festzuhaken.

Rugger stieß erleichtert den Atem aus und ließ den Gewehrlauf sinken. Und nun ging alles rasend schnell. Fess Boyton wirbelte herum. Sein zusammengerolltes Lasso sauste hoch.

Rugger riss überrascht die Spencer wieder hoch, zögerte jedoch, auf den Cowboy zu schießen. Das war Boyntons Chance! Sein Lasso klatschte wuchtig gegen Ruggers Gewehr und schlug es zur Seite. Der Schuss löste sich aufbrüllend. Die Kugel fuhr knirschend in einen Corralpfosten. Ein paar Pferde wieherten schrill und wichen an die gegenüberliegende Zaunseite zurück.

Rugger wollte zur Seite springen und die Waffe wieder auf Boynton anschlagen. Da war dieser schon bei ihm. Er war jünger und geschmeidiger als der schnurrbärtige Charley Rugger, das zeigte sich jetzt. Boyntons nächster Lassohieb traf Rugger quer über den Körper. Mit einem Aufschrei taumelte der Schnurrbärtige zurück. Boynton ließ das Seil fallen, packte Ruggers Spencergewehr mit beiden Fäusten und entriss es dem Cowboy. Ehe sich Rugger fangen konnte, stieß ihm Boynton wütend den Kolben in die Seite. Charley Rugger stürzte ins zertretene Gras. Boynton schleuderte das Gewehr zur Seite. Er zog rasch den Revolver und richtete ihn auf Rugger.

„Du verrückter Bursche!“, sagte er höhnisch. „Hast du wirklich gedacht, du würdest so leichtes Spiel mit mir haben? Du hast mich unterschätzt, ziemlich unterschätzt sogar.“

Es knackte metallen, als Boynton den Hahn der Waffe spannte.

Rugger richtete sich hoch. Eine Haarsträhne fiel ihm in die Stirn. Der Schnurrbart verdeckte ein wenig den verkniffenen Zug um die Mundwinkel. In seinen Augen flammte heißer Zorn.

„Well, Charley“, sagte Boynton hämisch. „du hättest dir diese raue Sache ersparen können. Vielleicht bist du bei anderer Gelegenheit vorsichtiger. Und jetzt geh ins Schlafhaus zurück, ich will dich nicht mehr sehen.“

Einen Moment rührte sich Rugger nicht. Dann kam er langsam geradewegs auf Boynton zu. Dessen Revolver ruckte hoch.

„Charley, bist du wahnsinnig! Bleib stehen, Mann, sofort!“

Rugger schien nicht zu hören. Boynton schüttelte heftig den Kopf und wich bis hart an den Corralzaun zurück.

„Ich werde schießen“, keuchte er wild. „Ich warne dich!“

Ruggers Lippen bildeten einen harten Strich. Sein Blick bohrte sich in Boyntons Augen.

„Ich stelle dich vor die Wahl, Fess: Eine Kugel für mich oder deine Einwilligung zu bleiben. Wieviel ist dir also dein Fortreiten wert?“

„Eine Menge mehr, als du vielleicht rechnest“, fauchte Fess Boynton und drückte ab.

Ein Feuerstrahl stach aus dem Revolver. Das Peitschen des Schusses hallte über die Ranch und verrollte in den Hügeln, die den felsigen Bergen vorgelagert waren. Rugger riss instinktiv den Kopf zur Seite. Zwei Fingerbreit pfiff die Kugel an seiner Schläfe vorbei. Rugger blieb stehen, sein Gesicht verfärbte sich, er starrte Boynton aus weiten Augen an.

„Auch das noch!“, schnaufte er. „Du hast wirklich geschossen! Du wolltest mich töten, Fess!“

Boyntons Augen flackerten.

„Ein Warnschuss, nichts anderes als ein Warnschuss, Charley. Wie soll ich dich sonst zur Vernunft bringen, heh? Rühr dich jetzt nicht, sonst schieße ich dich nieder.“

„Du Schuft!“, flüsterte der schnurrbärtige Weidereiter rau. „Das war kein Warnschuss, du Lump! Wenn ich den Kopf nicht zur Seite ... Fess, du hättest mich glattweg kaltblütig ermordet!“

„Halt endlich den Mund!“, brüllte ihn Boynton wild an. „Was soll ich mir von dir noch gefallen lassen?“

Rugger rührte sich nicht mehr. Sein Gesicht war aschfahl. Seine Mundwinkel zuckten.

Aus dem Ranchhaus kam Billy Chetwood. In der Tür des Küchenanbaus tauchte der einbeinige Zack Cubitt auf. Der junge Rancher kam schnell über den Hof.

„Charley, Fess, was ist denn los?“

„Billy“, keuchte Rugger, „er wollte mich erschießen. Er zielte weder auf meine Schulter noch auf einen Arm. Er wollte mich umbringen, der Schuft.“

Boynton zog sich vorsichtig, den Revolver im Anschlag, zum Gatter zurück.

„Das ist nicht wahr!“, presste er hervor. „Billy, hörst du, er ging mit dem Gewehr auf mich los, um mich aufzuhalten. Ich hatte keine andere Wahl, als einen Warnschuss abzufeuern. Der närrische Kerl! Ich will nichts als meinen Frieden. Habe ich nicht das Recht, von hier fortzureiten?“

„Sicher!“, sagte Billy Chetwood ernst. „Sicher, das habe ich dir drinnen schon gesagt, nicht wahr?“

„Da hörst du es, Charley“, knurrte Boynton.

„Billy“, rief Rugger, „du darfst ihn nicht einfach verschwinden lassen. Er hat ein schönes Leben bei uns geführt. Jetzt ist es seine Pflicht, dass er auch einmal ...“

Billy unterbrach ihn: „Fess hat gekündigt und seinen Restlohn erhalten. Es ist alles in Ordnung. Ich halte keinen Mann mit Gewalt. Und ich kann es ihm nicht verdenken, wenn er geht.“

„Ach, das darfst du nicht ...“ Er fuhr wütend zu Boynton herum. „Well, dann scher dich weg, und lass dich nicht mehr blicken!“

Fess Boynton blickte von einem zum anderen. Dann schob er schnell den Revolver in das Holster zurück und drehte sich dem Corral zu. Aufseufzend hob Rugger sein Gewehr vom Boden auf.

„Du hast es gut gemeint, Charley“, murmelte Billy. „Aber jetzt mach keine Dummheiten mehr.“

Jetzt war auch Zack Cubitt heran. Der junge Rancher wandte sich an sie beide.

„Vielleicht hat Fess nur gründlicher nachgedacht als ihr.“

„Was? Wie meinst du das?“

Billy sah zu Boden. Sein Gesicht war angespannt.

„Nun“, brachte er heiser hervor, „vielleicht ist Fess’ Handlungsweise richtig. Die Banditen aus den Yellow Cliffs wollen diese Ranch um jeden Preis in ihre Gewalt bekommen. Warum, weiß ich nicht. Es gibt nicht viel zu holen auf der Broken Arrow Ranch. Aber der Mord an meinem Onkel hat bewiesen, dass sich die Desperados mit kleinen Rinderdiebstählen nicht mehr zufriedengeben. Sie holen jetzt zu immer schlimmeren Schlägen aus.

„Worauf willst du hinaus?“, unterbrach ihn Rugger mürrisch.

„Ich möchte klarlegen, dass es wirklich schlecht um uns steht. Ich kann Fess keinen Vorwurf machen.“

Rugger brummte. Cubitt fragte schnell: „Billy, willst du aufgeben?“

„Nein, ich bleibe — und ich werde kämpfen, wenn es nötig sein soll. Aber ihr ...“

„Red nicht weiter, tu das nicht!“, grollte Rugger. „Oder willst du uns beleidigen?“

„Das nicht, aber ...“

„Da gibt es kein Aber, habe ich recht, Old Zack?“

„Du hast recht!“, stimmte der Oldtimer grimmig zu.

„Euch beiden ist wirklich nicht beizukommen“, erklärte Billy mit einem dünnen Lächeln.

„Hast du etwas anderes erwartet?“, fragte Rugger.

Ehe Billy antworten konnte, streckte Zack Cubitt einen Arm aus.

„Sieh mal, Billy, ich denke, du bekommst Besuch.“

Sie schauten in die Richtung, in die Cubitt wies. Eine Reitergestalt kam einen grasbewachsenen Hang herab auf die kleine Ranch zu. Eine weiße Bluse leuchtete grell im Sonnenglast. Blondes Haar schimmerte golden.

„Jane!“, sagte Billy überrascht. Eine leichte Röte kroch in seine Schläfen.

Rugger runzelte die Stirn.

„Das Mädel hat es ziemlich eilig, scheint mir.“

Cubitt räusperte sich vernehmlich.

„Komm, Charley, du kannst mir in der Küche helfen.“

„Was? Ich soll ...“ Dann bemerkte Rugger das Augenzwinkern des Koches, schickte einen schnellen Blick zu Billy Chetwood hin und meinte rasch: „Ja, ja, natürlich, ich komme ja schon.“ Sie entfernten sich eilig.

Fess Boynton hatte sein Pferd gesattelt und ritt grußlos von der Ranch. Der junge Rancher stand allein beim Corral und wartete mit klopfendem Herzen auf das Näherkommen der blonden Reiterin.



4

Jane Traven zügelte ihren Rehbraunen im vollendeten Cowboystop und schwang sich geschmeidig aus dem Sattel. Sie war schmal, fast zierlich gebaut. Ihre Haltung verriet Anmut und Elastizität. Irgendwie war auf den ersten Blick zu erkennen, dass sie in diesem Land groß geworden war und dass sie eine jener Frauen war, die dieses heiße, raue Land liebten und nicht missen wollten. Ein Hauch von Frische und Natürlichkeit ging von ihr aus. Sie hatte das blonde volle Haar mit einem blauen Band locker im Nacken zusammengebunden. Ihre Augen waren von einem dunklen warmen Grau — und im Hintergrund dieser Augen konnte Billy Chetwood jetzt eine Spur von Unsicherheit und Besorgnis erkennen. Er nahm ihr die Zügel aus der Hand.

„Jane, das nenne ich eine Überraschung!“

„Ich ... ich hatte einen Grund, zu dir auf die Ranch zu kommen!“, erklärte sie ein wenig verlegen.

Er hatte seine Sorgen vergessen und lachte leise.

„Was dieser Grund auch sein mag, Jane, ich bin froh, dich zu sehen. Wirklich!“

Sie senkte den Blick. Er schaute sie an und nahm jede Einzelheit ihres Gesichts in sich auf: Die langen seidigen Wimpern, die kleine Nase, deren Flügel leicht vibrierten, die weichen fein geschwungenen Lippen, deren Farbe ihn immer wieder an Wildkirschen erinnerte.

„Billy“, begann sie leise, „ich habe in der Stadt mit Sheriff Warren gesprochen. Er meint, es ist wirklich besser, wenn du für einige Wochen nach Bannerhan ziehst.“

Billys Miene verhärtete sich.

„Ich soll die Ranch im Stich lassen?“

„Du kannst später immer noch hierher zurückkehren.“

„Wenn es dann ein ,später‘ gibt“, antwortete der junge Mann bitter. „Ist das der einzige Rat, den mir Dick Warren geben kann?“

„Er sagt, es hat keinen Sinn, wenn er in die Yellow Cliffs reitet. Er weiß, dass sich Banditen in der verlassenen Stadt Silverstone eingenistet haben. Aber es ist aussichtslos, sie dort zu erwischen. Und das weißt du doch auch, Billy, nicht wahr? Es gibt nur einen Zugang nach Silverstone, und den halten die Desperados unter Kontrolle. Seit damals vor einem halben Jahr Sheriff Warrens Aufgebot halb aufgerieben wurde, findet er keinen Mann mehr, der ihn nach Silverstone begleiten würde. Und deine Ranch, Billy, liegt zu nahe an den Yellow Cliffs. Der Sheriff allein kann dir hier wenig helfen.“

„Ich weiß und ich verlange es auch nicht. Hat Warren sonst noch etwas gesagt?“

„Nein, das ist alles.“ Ihre Stimme klang resignierend.

„Nun, dann muss die Broken Arrow also alleine mit ihrem Kummer fertig werden.“

Sie trat näher an ihn heran, fasste seine Arme und blickte eindringlich in sein Gesicht.

„Billy, nimmst du dir nicht ein bisschen zu viel vor?“

Er lächelte bitter.

„Jane, du teilst wohl Warrens Meinung, wie?“

Sie sagte schnell: „Versteh mich nicht falsch, Billy, aber wie kann es mir gleichgültig sein, was aus dir wird?“

„Entschuldige, Jane! Doch schau, es geht hier nicht nur um mich allein.“

„Um was dann?“

„Um die Ranch!“

Sie schüttelte zögernd den Kopf.

„Die Ranch?“, wiederholte sie leise. „Du bist mir wichtiger!“

Er lehnte sich gegen die Corralstangen und legte seinen Arm um ihre Schultern.

„Du musst das verstehen, Mädel. Als Onkel Owen starb, bat er mich, auf keinen Fall aufzugeben. Es ist seine Ranch, das Erbe, das er mir überließ. Er hat dies alles mit eigenen Händen unter Schweiß und Entbehrungen aufgebaut. Ich bin es ihm schuldig, dass ich jetzt nicht einfach das Feld räume und diesen Besitz einer Horde Raubreiter überlasse.“

„Aber deine Pflicht geht nicht so weit, dass du dafür sterben musst“, erwiderte sie heftig.

„Sterben? Nein, ich will nicht sterben!“ Er zwang sich zu einem Lächeln. „Schließlich denke ich ja auch an dich, Jane. Aber Onkel Owen sagte etwas von einer Hilfe, die ich zu erwarten habe. Ich weiß nicht, von wem. Er wollte noch mehr sagen, noch viel mehr. Er kam nicht mehr dazu.“ Nachdenkliche Falten hatten sich zwischen Billys Augenbrauen gekerbt. Er schaute abwesend an den Ranchgebäuden vorbei zu den Hügeln hin. Die Erinnerung an jene schlimme Nacht war wieder lebendig in ihm.

Jane Traven schwieg. Schließlich gab sich Billy Chetwood einen Ruck.

„Lassen wir das jetzt, Jane, es verdirbt uns nur die Freude. Komm mit hinüber ins Ranchhaus! Wir machen uns Kaffee und plaudern ein Stündchen. Schließlich ist es dein erster Besuch auf meiner Ranch und ...“

„Billy“, unterbrach sie ihn schnell, „da ist noch etwas. Ich bin nicht nur gekommen, um dir auszurichten, was Sheriff Warren sagte.“

„Ja?“ Er zog überrascht die Brauen hoch. „Was gibt es noch?“

„Gestern morgen ist ein Fremder in die Stadt gekommen — ein schweigsamer düsterer Mann mit zwei tiefgeschnallten Colts — ein Revolvermann.“

„Was ist mit ihm?“

„Man sagte, er habe sich im Horseshoe Saloon nach der Broken Arrow Ranch erkundigt.“

„Was?“

„Ja, es ist so. Niemand hat ihn jemals in Bannerhan gesehen. Ich ... ich wollte es dir sagen, Billy. Ich habe ihn heute Morgen flüchtig gesehen und — ich glaube, er ist ein sehr gefährlicher Mann.“

„Er hat wirklich nach meiner Ranch gefragt?“

„Ja, das beunruhigt mich so.“

„Weißt du seinen Namen?“

„Er nennt sich Durango!“

„Durango?“, dehnte Billy und überlegte fieberhaft. Dann schüttelte er ratlos den Kopf. „Nie gehört!“



5

Durango stellte das leere Glas auf die blanke Messingplatte der langgestreckten Theke.

„Zahlen, Keeper“, sagte er ruhig.

Der bullige Mann mit den hochgekrempelten Hemdsärmeln rührte sich nicht hinter der Theke. Durango hob den Kopf, wollte seine Worte lauter wiederholen, da sah er die Veränderung, die in der Miene des Saloonkeepers vor sich gegangen war. Die Farbe war aus dem breitflächigen Gesicht gewichen, der Mund stand halb offen, die Augen waren starr auf eine ganz bestimmte Stelle im Raum gerichtet.

Durango hörte das leise Ausschwingen der Pendeltür. Sporen klirrten. Dann war es still. Außer ihm befanden sich nur noch zwei Gäste im Horseshoe Saloon. Sie saßen an einem Ecktisch und hatten sich bislang angeregt unterhalten. Jetzt waren sie verstummt. Aus den Augenwinkeln heraus stellte Durango fest, dass sie unverwandt zu ihm her starrten. Ihre Haltung war merkwürdig steif. Die Hände hatten sie flach auf die Tischplatte gelegt: die Geste von Männern, die offensichtlich bemüht waren, sich aus einer rauen Sache herauszuhalten.

Durango spürte den Hauch der Gefahr förmlich in seinem Nacken. Aber sein dunkel gebräuntes, lederhäutiges Gesicht blieb ruhig. Nur die Mundwinkel kniffen sich ein bisschen mehr nach unten. Er nahm die Hände von der Theke, richtete sich langsam voll auf und wollte sich umdrehen.

Ehe er dazu kam, sagte jemand scharf hinter ihm: „Bleib so stehen, Durango, sonst bist du auf der Stelle tot!“

Der Keeper sog scharf den Atem ein und wich zurück, bis er mit dem Rücken gegen das flaschengefüllte Regal prallte. Seine wulstigen Lippen bewegten sich, brachten aber keinen Ton hervor.

Durango stand groß und aufrecht vor der Theke und regte sich nicht. Der breitkrempige Sombrero warf einen dichten Schatten über sein Gesicht. Seine Arme hingen schlaff herab, die Fingerspitzen berührten das geschmeidige Leder der beiden tiefgeschnallten Coltholster.

„Versuch nur nicht, deine Eisen zu ziehen, Durango!“, sagte die scharfe Stimme hinter ihm. „Wie schnell du auch bist, diesmal bin ich schneller. Mein Finger liegt bereits am Abzug.“

„Du bist es, Merville, nicht wahr?“, fragte Durango ruhig, ohne seine Haltung zu verändern.

„Genau! Hast du mich an der Stimme erkannt?“

„Gewiss!“

„Du hast ein gutes Gedächtnis. Aber es wird dir jetzt nichts mehr nützen. Well, nimm die Hände hoch!“

„Du bist dir sehr sicher, Merville, wie?“

„Warum auch nicht? Du hast keine Chance, Durango! Also, Hände hoch — ich warte nicht gerne!“

Einen winzigen Sekundenbruchteil zögerte Durango. Dann hob er die Arme.

„So ist es gut! Jetzt kannst du dich umdrehen!“

Durango drehte sich um. Hinter ihm zog sich der Keeper zur Küchentür zurück. Die beiden Männer am Ecktisch saßen noch immer wie versteinert. Eine Fliege prallte immer wieder gegen die Fensterscheibe. Ihr Summen war für eine Weile das einzige Geräusch im Horseshoe Saloon. Durango sah den hageren Mann an, der sechs Schritt von ihm entfernt stand und einen Revolver auf ihn gerichtet hielt. In Duff Mervilles dunklen Augen glühte es wild: eine Mischung aus Hass und Triumph.

„Du bist allein hier, Merville?“, brach schließlich Durangos Stimme das Schweigen.

„Ich brauche die anderen nicht. Diese Gelegenheit war zu günstig, um sie nicht zu nutzen. Ursprünglich wollte ich auf Renn und Blade warten. Jetzt ist das nicht mehr notwendig.“

„Vielleicht ist diese Annahme ein schwerer Fehler.“

Mervilles Lippen verzogen sich. Seine gelblichen Zähne wurden sichtbar.

„Du willst mich nervös machen, was? Ich kenne deine Tricks. Diesmal schaffst du es nicht, mein Lieber, diesmal nicht. Und du weißt das selber sehr gut, wie?“

„Es wird sich zeigen.“

„Zeigen? Du Narr! Ich brauche nur den Finger krumm zu machen, dann …“

„Warum tust du es nicht?“

Mervilles Augenbrauen zuckten. Er biss sich auf die Unterlippe. Dann stieß er wild hervor: „Du kannst es wohl nicht erwarten? Ich sage dir, du wirst die nächsten zehn Minuten nicht überleben.“

„Warum hast du nicht gleich geschossen, als du in den Saloon kamst?“

Wieder zögerte Duff Merville.

„Weil ich zuerst noch in dein Gesicht sehen wollte, Durango, weil ich dir sagen wollte, dass es aus mit dir ist. Zum Teufel, warum bist du über die Grenze zurückgekommen? Man war schon daran, dich hier zu vergessen. Wie konntest du nur so verrückt sein, heh? Hat dir die Sache von San Pedro keine Ruhe gelassen all die Jahr hindurch?“

„San Pedro!“, murmelte Durango. „Das liegt lange zurück, Merville. Vielleicht hatte ich einen anderen Grund für mein Kommen. Du. Gallagher und Brigo, ihr fürchtet meine Rache, wie? Vielleicht war diese Furcht umsonst.“

Merville lachte gezwungen.

„Natürlich war sie umsonst! Denn jetzt bist du so ungefährlich wie ein alter zahnloser Straßenköter. Du wirst deine Rache nicht mehr bekommen, du Mann mit den schnellen Eisen. Du hast wohl nicht erwartet, dass wir dich so schnell aufspüren würden, wie? Es war ein Zufall, ein glücklicher Zufall, dass ich dich in Socorro entdeckte. Ich ritt sofort auf deiner Fährte los. Renn und Blade kommen nach. Aber ich brauche sie nicht mehr. Ich werde ...“

„Du wiederholst dich, Hombre“, sagte Durango kühl. „Kennst du das Sprichwort von dem Hund, der bellt ...“

„Halt den Mund!“, fuhr ihn Merville zornig an. „Du willst wohl bis zum Schluss den Helden spielen! Na schön, das liegt ganz bei dir. Geh jetzt voran und verlasse den Saloon! Ich werde hinter dir sein, vergiss das nicht!“

„So also hast du es dir ausgerechnet, Merville. Es stört dich, dass wir hier nicht alleine sind, wie? Und draußen auf der Straße hält sich sicher kein Mensch auf. Wenn sich die Pendeltür hinter uns geschlossen hat, wird draußen plötzlich ein Schuss krachen, wie? Und wenn dann diese Männer nachschauen kommen, werde ich tot im Staub liegen, und du wirst ihnen erzählen, ich hätte versucht, dich umzubringen und dir sei keine andere Wahl geblieben ...“

„Sei still, Durango! Sei bloß still!“

„Du solltest doch auf Brigo und Gallagher gewartet haben, Merville!“

„Zur Hölle mit dir! Hast du nicht gehört, was ich vorhin sagte? Los, geh schon!“

„Wie du willst!“

Durangos Arme waren noch immer erhoben. Seine Augen blickten kühl und gelassen — die Augen eines Mannes, der dem Tode schon zu oft nahe gewesen war, um in einer solchen Situation noch Angst oder gar Panik zu empfinden. Er setzte sich langsam in Bewegung. Merville trat drei Schritte zur Seite, um den Revolvermann nicht zu nahe an sich herankommen zu lassen.

„Pass auf — der Stuhl!“, sagte Durango schnell.

Unwillkürlich drehte Duff Merville halb den Kopf und machte eine Bewegung, als wolle er einem Hindernis ausweichen. Es war nur ein Sekundenbruchteil, dass seine Konzentration abgelenkt wurde. Dann begriff er den Bluff, fluchte heiser und zog den Stecher durch. Der Knall des Schusses füllte berstend den Saloon. Pulverrauch wölkte auf. Und durch den hellgrauen Schleier sah Merville, dass Durango plötzlich am Boden kniete, dass seine eigene Kugel über ihn hinwegstrich und dass die beiden langläufigen 45er wie hingezaubert in Durangos nervigen Fäusten lagen.

Der Schreck durchfuhr den Desperado siedend heiß. Er wollte nochmals feuern, und in seinem Gehirn war nur ein Gedanke: Durango muss sterben! Aber noch in den Nachhall seines ersten Schusses hinein peitschte Durangos rechter Colt ...

Eine Sekunde später stand Durango langsam auf, steckte die beiden schweren Waffen in die Holster zurück und schaute bitter auf den Mann zu seinen Füßen nieder. Ein quälendes Gefühl des Widerwillens breitete sich immer mehr in ihm aus. Er versuchte daran zu denken, dass Duff Merville ein Bandit gewesen war, ein Mann, der schon viel Unheil verschuldet hatte. Und Merville war einer der drei Menschen gewesen, die an seinem eigenen Unglück die Schuld trugen. Aber all diese Gedanken konnten den brennenden Wunsch nicht vertreiben, dieser tödliche Zweikampf möge nie stattgefunden haben. Schlagartig kam die Erinnerung an all die Kämpfe der Vergangenheit, diese Kämpfe, die er nie gewollt und die er doch nicht hatte verhindern können. Sie hatten ihn gebrandmarkt. Sie hatten ihn zu dem gemacht, was er jetzt war: Ein Mann, der alles aufgegeben hatte, was er besessen hatte — ein Verfemter, den niemand zum Freund wollte — ein Mann, der sich Durango nannte, dessen richtiger Name tot war. Wie die Zeit, in der er ein friedliches Leben geführt hatte.

Er schaute sich um. Die beiden Cowboys hatten den Ecktisch verlassen und drängten eilig aus dem Saloon. Der Keeper war in der Küche verschwunden. Er war allein mit Duff Merville. Die Fliege summte noch immer und stieß unaufhörlich gegen die Fensterscheibe.

Durango ging zur Theke und legte ein Geldstück auf die Theke. Die bitteren Gedanken kamen und gingen. Jenseits der Grenze, in Mexiko, hatte er die Chance besessen, ein neues Leben aufzubauen. Hier wurde alles wieder lebendig, was er hatte abschütteln wollen. Aber er hatte keine andere Wahl gehabt, als diesen Trail zu reiten. Er war nicht gekommen, um sich zu rächen. Seit er die Grenze überschritten hatte, saß der Wunsch in ihm, nichts mit Merville und dessen Kumpanen zu tun zu haben. Denn hier wartete etwas anderes auf ihn, etwas Wichtigeres. Er dachte wieder an den Brief, den er nun schon zwei Wochen lang in der Brusttasche seines Hemdes trug. Die Sorge wühlte ihn wieder auf, diese Sorge, die ihn aus dem kleinen, abgelegenen Bergdorf in der Sierra Madre getrieben hatte, die ihn über die Grenze gejagt hatte bis hierher nach Bannerhan in New Mexiko.

Durango seufzte leicht. Was vor ihm lag, war schlimm genug. Die Tatsache aber, dass seine alten Feinde ihn in Socorro entdeckt hatten, ließ alles noch wesentlich böser aussehen. Wie lange würde es dauern, bis Mervilles wilde Gefährten in Bannerhan eintrafen und erfuhren, was eben geschehen war? Wie lange würde es dauern, bis die heiße Jagd auf ihn begann? Bis dahin musste die andere Sache, diese für ihn wichtigere Angelegenheit, erledigt sein.

Die Zeit drängte! Es würde ein Wettlauf mit dem Tode sein!

Durango drehte sich von der Theke ab, um den Saloon zu verlassen. Da sagte eine raue Stimme von der Tür her: „Halt, Mister, so einfach geht es nicht! Bleiben Sie, wo Sie sind!“

Durangos Miene straffte sich, wurde wieder hart und undurchdringlich. Er schaute wachsam zu dem Mann hin, der sich vorsichtig über die Schwelle schob.

Das hereinflutende Licht zeichnete scharf die Konturen seiner kräftigen, stämmigen Gestalt nach. Erst als der andere näher kam, konnte Durango sein Gesicht erkennen, ein angespanntes, grimmiges Gesicht mit hellen misstrauischen Augen. Die rechte Hand des Mannes lag direkt hinter dem Kolben des Revolvers.

„Ich habe eben erfahren, was hier geschehen ist“, sagte der Mann mit rauer Stimme. Sein Blick musterte Durango scharf und gründlich. Das Misstrauen blieb in seinen hellen Augen.

Durango hob kurz die Schultern.

„Er ließ mir keine andere Wahl. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Wenn ich nicht ...“

„Schon gut, ich sagte doch, dass ich Bescheid weiß!“ Die Stimme des Stämmigen war abweisend und ungeduldig.

„Seit wann sucht ein Mann wie Sie nach einer Entschuldigung?“

Der Blick streifte über Durangos tiefgehalfterte Waffen, und Durango merkte, wie sich die Haltung des anderen spannte. Eine scharfe Erwiderung brannte auf seiner Zunge. Doch im nächsten Augenblick war sein jäher Grimm verflogen. Er fühlte nur noch Widerwillen und Müdigkeit — eine Müdigkeit, die tief aus seinem Innern kam. Er schwieg.

„Mein Name ist Dick Warren“, sagte der Stämmige. „Ich bin der Sheriff von Bannerhan.“ Er schlug seine Jacke zurück, und Durango konnte den fünfzackigen Stern an seinem Hemd schimmern sehen.

Er nickte. „Ich dachte es mir.“

Sheriff Warren runzelte die Stirn und räusperte sich.

„Man sagte mir, Sie seien höllisch fix mit den Eisen gewesen, Fremder.“

Durango lächelte freudlos.

„Warum reden Sie um den Kern der Sache herum, Sheriff? Sie halten mich für einen Revolvermann, das wollen Sie doch ausdrücken.“

„Stimmt es nicht?“, fragte Warren hart und starrte Durango prüfend an.

Das Lächeln erlosch auf Durangos Lippen.

„Vielleicht nicht ganz. Aber es hat wohl keinen Sinn, darüber zu diskutieren. Well, was wollen Sie?“

„Es hat seit langer Zeit keinen Toten mehr in Bannerhan gegeben“, begann Dick Warren gedehnt. „Ich meine, einen Mann, der an einer Revolverkugel starb.“

„Ich fange an zu verstehen.“

„Bannerhan war bisher eine verhältnismäßig friedliche Stadt“, redete Warren weiter, als habe er die Bemerkung überhört. „Ich möchte, dass sie es auch bleibt.“

Durangos Lippen wurden schmal.

„Sheriff, man sagte Ihnen doch, dass ich in Notwehr schießen musste, nicht wahr? Ich wollte diesen Kampf nicht.“

Warrens Gesicht verfinsterte sich.

„Ein Mann wie Sie wird immer Kampf hinter sich herziehen“, erklärte er mit plötzlicher Schärfe. „Das ist nun einmal so!“

Durango schwieg. Der Sheriff trat dicht an ihn heran. Er musste den Kopf ein wenig zurücklegen, um in Durangos zerfurchtes Ledergesicht blicken zu können.

„Ich möchte, dass Sie diese Stadt verlassen!“

„Ist das ein Befehl?“

„Noch nicht — es kann einer werden!“

Sie starrten einander an: Zwei harte Männer von denen keiner gewohnt war, nachzugeben.

Schließlich sagte Durango leise: „Nun gut, ich habe nicht die Absicht für immer zu bleiben. Nur — den Zeitpunkt, an dem ich verschwinde, werde ich selbst bestimmen.“

„Warten Sie nicht zu lange damit!“, sagte Warren kalt. „Und sorgen Sie dafür, dass Ihre Schießeisen nicht mehr aus den Holstern kommen.“

„Kann ein Mann wie ich ein solches Versprechen überhaupt geben?“, fragte Durango mit einem Hauch von bitterer Ironie in der Stimme. Er wartete auf keine Antwort und wandte sich zum Gehen.

Warren sagte schnell: „Noch einen Augenblick, Fremder!“

„Yeah?“

„Wie war doch noch Ihr Name?“

„Durango!“

Warren senkte den Kopf. „Durango!“, wiederholte er nachdenklich. Sein Blick hob sich wieder. „Heißen Sie schon immer so?“

Durango sah den Schimmer eines Verdachts im Hintergrund der hellen Augen seines Gegenübers. Etwas Eisiges rieselte ihm über den Rücken. Er antwortete ruhig: „Nein! Ich hatte früher mal einen anderen Namen — es ist lange her.“ Weder seine Stimme noch seine Miene verriet, wie gespannt er auf die nächsten Worte des Sheriffs wartete. Aber Warren verzichtete darauf, direkt nach seinem richtigen Namen zu fragen. Er murmelte, den forschenden Blick noch immer auf den Revolvermann gerichtet: „Sie kommen mir bekannt vor. Haben wir uns schon einmal irgendwo gesehen?“

Wieder spürte Durango den kalten Schauder auf dem Rücken.

„Vielleicht“, sagte er sanft und hielt ruhig dem Blick des Sheriffs stand. „Ich bin weit umhergekommen.“

„Aber ich bin nie weit über die Grenzen des Bannerhan Countys hinausgekommen“, erklärte Dick Warren, und in seinen Augen erschien ein lauernder Ausdruck. „Waren Sie schon mal hier?“

„Möglich, ich weiß es nicht.“

„Ich finde, Durango“, sagte Sheriff Warren leise, „Sie sind nicht so alt, dass Ihr Gedächtnis Sie im Stich lässt.“

„Vielleicht bin ich älter, als Sie denken“, entgegnete Durango hart. „Kann ich jetzt gehen?“

„Sie haben es plötzlich sehr eilig, wie? Nun ja, gehen Sie meinetwegen. Aber — vielleicht ist es wirklich besser, wenn Sie ziemlich bald die Stadt verlassen. Ich glaube nämlich, eines Tages werde ich mich daran erinnern, woher Sie mir so bekannt vorkommen.“

Durango gab keine Antwort mehr. Doch als er draußen im grellen Sonnenschein auf dem leeren Gehsteig stand, dröhnten die letzten Worte des Sheriffs noch immer in seinen Ohren ...



6

Als Durango die Verandastufen des Longrider Hotels hinaufstieg, waren seine Gedanken noch immer bei Sheriff Dick Warren. Er überlegte, ob er nicht gleich seinen Falben satteln und den Ritt machen sollte, den er plante. Dann sagte er sich, dass es besser sei, noch einige Stunden auf seinem Hotelzimmer zu bleiben. Warren war ein misstrauischer und wachsamer Mann. Ein überstürztes Fortreiten würde seinem Verdacht nur neue Nahrung geben.

Durango betrat die schattige Veranda und sah den dunkelhaarigen Mann, der in einem der aufgestellten Schaukelstühle saß, die Beine auf die Verandabrüstung gelegt hatte und sich eben eine Zigarette anzündete. Durango wollte schon achtlos an dem Mann vorbei in die offene Hoteleingangshalle gehen, da sah er, wie der Dunkelhaarige das brennende Streichholz rasch zweimal im Kreis bewegte, ehe er es an die Zigarettenspitze hielt.

Etwas in Durango spannte sich wie eine Stahlfeder. Er hatte schon einen Fuß auf die Schwelle gesetzt, drehte sich jetzt langsam um und lehnte sich scheinbar gleichmütig an den Türrahmen. Der Mann im Schaukelstuhl bewegte sich nicht. Er rauchte hastig, hielt den Kopf etwas gedreht und spähte die breite sonnenbeschienene Main Street hinab.

Durangos Blick flog über die staubige Fahrbahn, tastete scharf die gegenüberliegenden Häuserfronten ab und entdeckte die dunkle Gestalt im Schatten einer steilen Außentreppe, die zu einer Vordachgalerie hinaufführte. Langsam krochen Durangos Hände zu den Revolverkolben. War Duff Merville doch nicht alleine nach Bannerhan gekommen? Hatte er Fremde mitgebracht, die ihm jetzt eine Falle stellen wollten, eine tödliche Falle?

Aus den Augenwinkeln spähte Durango rasch zu dem Dunkelhaarigen hin. Die Zigarette glühte in kurzen Abständen auf. Er spähte noch immer die Straße hinab. Dort war ein leichter hochrädriger Ranchwagen aufgetaucht, der von zwei struppigen Gäulen gezogen wurde. Eine gelbe Staubfahne wehte dünn hinter ihm her. Auf dem Bock saß ein alter, etwas gekrümmter Mann und lenkte die Pferde ohne Eile die Straße herab. Das Hufgestampfe und Räderknirschen wurde zunehmend lauter.

Durango merkte, dass nicht nur der Dunkelhaarige das Gefährt beobachtete. Auch der Mann auf der anderen Straßenseite, der sich im Schatten der Außentreppe versteckt hielt, schaute unverwandt zu dem Wagen hin.

Durangos Haltung entspannte sich ein wenig. Er nahm die Hände von den Waffen, verschränkte die Arme vor der Brust, gähnte scheinbar gelangweilt und schlug lässig die Beine übereinander. Der Dunkelhaarige schien ihn erst jetzt zu bemerken, schoss einen scharfen Blick zu ihm hin und wandte den Kopf dann wieder dem näherkommenden Buggy zu.

Der alte Mann auf dem Sitzbrett des Wagens trug Cowboykleidung. Staub lag über seinem faltigen Gesicht. Ein Bein war ausgestreckt, was seine Haltung unbequem wirken ließ. Er trieb das Gespann am Longrider Hotel vorbei, und die Köpfe des Dunkelhaarigen und des Mannes unter der Außentreppe bewegten sich in seiner Richtung mit. Für etliche Augenblicke konnte Durango das Brandzeichen an der Flanke des einen Pferdes deutlich erkennen: ein Pfeil, der in der Mitte geknickt war. Der Brand der Broken Arrow Ranch!

Durango zuckte unwillkürlich zusammen, und für eine Sekunde verlor sein Gesicht die Ausdruckslosigkeit. Eine Flamme loderte in seinen grauen Augen auf, erlosch jedoch im nächsten Moment. Nichts mehr verriet, wie sehr der Anblick dieses Brandzeichens den großen dunkelhäutigen Mann getroffen hatte. In seinem Kopf aber kreisten die Gedanken in wildem Wirbel. Durango merkte, wie ihm auf einmal der Schweiß auf die Stirn trat. Für eine Weile vergaß er die beiden Männer, die seine Aufmerksamkeit erregt hatten. Die Erinnerung an eine ferne Zeit wurde in ihm lebendig, an jene Zeit, in der er sich noch nicht Durango genannt hatte. Etwas in ihm schmerzte bei dieser Erinnerung. Er hatte sich immer bemüht, diese weit zurückliegende Vergangenheit nicht zu lebendig in sich werden zu lassen. Aber jetzt war sie da und brannte und quälte ihn. Er hatte sich seit jenem Zeitpunkt davor gefürchtet, da er in Mexiko den Brief erhalten hatte — und nun wusste er, dass diese Furcht berechtigt gewesen war.

Der Ranchwagen war zwei Häuser weiter vor dem Store zum Halten gekommen. Obwohl Durango das Zeichen des gebrochenen Pfeils nicht mehr sehen konnte, stand es noch immer in scharf umrissener Deutlichkeit vor seinen Augen.

Der alte Mann kletterte vom Bock. Erst jetzt bemerkte Durango, dass sein linkes Bein aus Holz war. Das war also Zack Cubitt, von dem ihm Owen geschrieben hatte. Sein Herz krampfte sich zusammen, als ihm wieder bewusst wurde, dass Owen tot war — erschossen auf nächtlicher Weide. Er hatte es kurz nach seiner Ankunft in Bannerhan erfahren, als er sich nach der Broken Arrow Ranch erkundigt hatte.

Der Mann im Schaukelstuhl nahm jetzt die Füße vom Verandageländer und schnippte die halbgerauchte Zigarette fort. Er stand langsam auf, nickte unmerklich zur gegenüberliegenden Straßenseite hinüber und verließ die Veranda. Als er die breiten Holzstufen hinabging, warf er einen raschen Blick in Durangos Richtung. Doch das teilnahmslose, gelangweilt wirkende Gesicht Durangos schien ihn zu beruhigen. Unterhalb der Stufen blieb er einige Sekunden stehen und schaute zum Store hin, in dessen Eingang der alte Cowboy eben verschwand. Dann rückte er mit einer mechanischen Bewegung seinen patronengespickten Revolvergurt zurecht und ging schnell die Straße hinab. Kurz darauf bog er in eine schattige enge Seitengasse und verschwand aus Durangos Blickfeld.

Unter der Krempe seines Sombreros spähte Durango über die staubige Straße. Die dunkle Gestalt unter der steilen Holztreppe war nicht mehr zu sehen. Irgendwo jenseits der Main Street knirschte der Sand unter eiligen Stiefelschritten — dann war es still.

Die Hitze flimmerte über den Dächern von Bannerhan. Der Himmel war blau und wolkenlos. Kein Lufthauch regte sich. Die Stadt lag wie ausgestorben. Durango schaute zu dem Buggy hin, der vor der Storeveranda stand. Die beiden struppigen Gäule ließen die Köpfe hängen und vertrieben schweifwedelnd die lästigen Fliegen. Nicht lange, dann würde der Einbeinige wieder aus dem Haus kommen und der Storekeeper würde ihm helfen, den Wagen zu beladen. Und dann ...

Durango gab sich einen Ruck. Er wusste, was er zu tun hatte!



7

Die Sonne stand bereits dicht über den Felszacken und Gipfeln der Yellow Cliffs, die im Westen das Weideland des Bannerhan Countys begrenzten, als Zack Cubitt den beladenen Wagen in einen Hohlweg hineinlenkte. Die Straße war hier nicht mehr als ein von Radfurchen zernarbter Grasstreifen, und Cubitts Konzentration war ganz auf das Gespann gerichtet, um den vielen Steinen auszuweichen, die überall zwischen den halbverdorrten Halmen des Galleta Grases versteckt lagen. Er zuckte überrascht zusammen, als eine heisere Stimme durch das Rumpeln des Wagens und das Pochen der Hufe schrie: „Halt sofort den Wagen an, Alter, sonst knallt es!“

Sein Kopf ruckte hoch. Gegen das Licht blinzelnd, entdeckte er den Mann, der oben auf dem Hang zwischen den Manzanita Sträuchern aufgetaucht war. Ein Gewehrlauf glänzte matt und zeigte genau auf Cubitts Kopf.

Zack Cubitt presste die Lippen zusammen und zog die Zügel straff. Die beiden Braunen kamen zum Stehen. Die Staubfahne hinter dem Fahrzeug senkte sich langsam. Der Mann auf dem Hang hielt das Gewehr an der Hüfte und kam langsam in den Hohlweg herab.

„Du bist wohl einer von den Kerlen aus den Yellow Cliffs?“, knurrte Cubitt wütend.

„Erraten, Alter!“ Der Bandit lachte höhnisch. „Mein Name ist Butch Griffin, merk es dir nur ganz genau!“

„Zur Hölle mit dir!“

„Das bringt dich nicht weiter. Bleib nur schön ruhig, Großvater!“

„Was willst du von mir?“

„Wirst schon sehen.“

„Warst du dabei, als Owen Chetwood erschossen wurde, heh? Warst du dabei?“ Cubitt beugte sich erregt vor. Seine Augen funkelten.

Griffins Gesicht wurde verkniffen.

„Was fällt dir ein, Alter! Du hast keine Fragen zu stellen! Und lass nur deine Hand vom Revolver. Meine Winchester geht ziemlich leicht los.“

„So leicht, wie in jener Nacht, als ihr Chetwood überfallen habt, was?“

„Mensch! Du sollst den Mund halten!“ Griffin stand jetzt am Fuß des grasbewachsenen Hanges seitlich vor dem Ranch wagen. Er rief: „Nun komm schon, Tab, ich habe ihn fest!“

Cubitt hörte hinter sich Hufschläge und das Knarren von Sattelleder. Er wollte sich umdrehen. Doch Butch Griffin rief, scharf: „Rühr dich nicht, Opa! Denk an mein Gewehr!“

Die Hufschläge kamen von rückwärts näher an den Wagen heran.

„Was wollt ihr Schufte?“, knurrte der alte Cowboy. „Bei mir gibt es nichts zu holen.“

„Und die Sachen auf dem Wagen?“, grinste Griffin höhnisch. „Zählen die nicht?“

„Seit wann haben es Strolche wie ihr auf Proviant und Werkzeug abgesehen, heh?“

„Das Zeug hat eine Menge Geld gekostet, was? Was wird dein junger Boss wohl sagen, wenn du ohne die Einkäufe auf die Ranch kommst, hm? Wieviel Geld hat er noch, um dich in den Store nach Bannerhan zu schicken?“

„Ihr Lumpen!“, knirschte Cubitt. „Ihr wollt also ...“

„Du wirst vom Wagen steigen, Alter, und wir werden ein Feuerchen anfachen.“

Der Reiter hinter Cubitt war jetzt beim Buggy angelangt und wollte seinen Gaul an dem Fahrzeug vorbeitreiben. Griffin rief schnell: „Vorsicht, Tab, du kommst mir in die Schusslinie!“

Für einen Moment war die Aufmerksamkeit der Banditen abgelenkt. Zack Cubitt packte die Zügel fester, duckte sich tief und brüllte: „Hüüüyaaah! Vorwärts, lauft, ihr Pferde!“

Die beiden Braunen sprangen vorwärts. Der Ranchwagen holperte los. Griffin fluchte und schoss. Die Kugel riss Cubitt den verbeulten Stetson vom Kopf und wirbelte ihn auf die Kisten und Fässer im rückwärtigen Wagenteil. Cubitt griff mit der Linken nach der Peitsche.

„Vorwärts!“, schrie er mit überschlagender Stimme. „Vorwärts!“

Wieder krachte Griffins Gewehr. Die Kugel klatschte neben dem alten Cowboy ins Holz der Rückenlehne. Dann war Cubitt an Griffin vorbei. Er ließ die Peitsche sausen, und die beiden struppigen Braunen streckten sich.

„Zur Seite, Tab!“, hörte er hinter sich Griffin brüllen. „Geh mir aus der Schussrichtung, zum Teufel!“

Cubitts Mundhöhle war ausgetrocknet. Der Fahrtwind zerrte an seinem schütteren Grauhaar. Er trieb die Pferde im vollsten Tempo auf das Ende des Hohlwegs zu. Die Räder stießen gegen kantige Steine. Der Wagen schlingerte wild. Der Hohlweg schien entsetzlich lang, und Cubitt wartete jeden Augenblick auf das Peitschen des tödlichen Schusses.

„Hüüüyaaah!“, gellte er wieder und ließ die Peitsche knallen.

Ein großer Gesteinsbrocken lag mitten auf der Fahrbahn. Er zerrte verzweifelt an den Zügeln. Der Buggy bog scharf zur Seite, neigte sich und hing einen Moment auf nur zwei Rädern. Dann kam der harte Aufprall. Cubitt stemmte das Holzbein gegen das Trittbrett, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der Reifen des linken Hinterrades streifte knirschend gegen den Stein. Funken sprühten auf. Der Ausgang des Hohlwegs war keine sechs Schritt mehr entfernt. Und noch immer war kein Schuss mehr gefallen. Eine wilde Hoffnung flammte in Zack Cubitt auf.

Und dann hörte er über sich das dünne Pfeifen.

Er begriff die Gefahr sofort und wollte sich vom Sitzbrett nach unten werfen. Doch die Lassoschlinge war schneller. Sie fiel herab, legte sich um seinen Oberkörper, zog sich zusammen und schnürte seine Arme gegen den Leib. Er ließ die Zügel los. Die Pferde galoppierten noch immer. Dann kam der harte schmerzhafte Ruck. Das Seil straffte sich. Cubitt schrie auf. Er wurde nach hinten über die niedrige Lehne gerissen, krachte auf die Kisten, und noch immer liefen die Pferde und hielten den Wagen in Fahrt. Cubitt wurde über die Ladefläche geschleudert. Sein Körper brannte vor Schmerzen. Er wurde sich nicht bewusst, dass er noch immer schrie. Über ihm verschwamm das Blau des Sommerhimmels. Das Lasso zerrte ihn in rasender Eile nach rückwärts. Und dann waren plötzlich keine Fässer und Kisten mehr unter ihm, deren Kanten schmerzhaft in seinen alten Rücken schlugen. Er flog durch die Luft, prallte auf die trockene Erde und sah nichts mehr als eine dichte Wolke von gelbem Staub. Hufgetrappel kam wie aus weiter Ferne. Er wollte sich hochstemmen, aber noch immer drückte die Schlinge seine Arme gegen den Oberkörper und hinderte ihn an jeder Bewegung. Sein Kopf schmerzte zum Zerspringen, und er hatte das Gefühl, als seien ihm sämtliche Knochen von dem Sturz gebrochen. Er merkte noch, wie jemand eilig auf ihn zukam, dann verlor er die Besinnung ...

Tab Rifton ließ das Lasso los. Kalt schaute er vom Pferd auf den bewusstlosen Alten hinab.

„Der Narr!“, murmelte er. „Er ist selber schuld. Er wollte es nicht anders.“

Butch Griffin riegelte eine Patrone in den Lauf der Winchester.

„Kümmere dich nicht um diesen Kuhtreiber, Tab! Wir müssen unseren Auftrag hinter uns bringen. Zeit genug haben wir schon verloren. Ein Glück, dass sich der Wagen zwischen den Büschen am Hohlwegausgang verfangen hat, sonst wäre alles umsonst gewesen. Na los, Tab, zünden wir den Krempel an, und machen uns dann aus dem Staub!“

Er hatte zum Buggy hingesehen, der sich zwischen hohen Sträuchern am Ausgang des Hohlwegs verklemmt hatte und trotz des Zerrens der Gäule nicht loskam. Jetzt richtete er wieder den Blick auf seinen berittenen Gefährten. Er sah, dass sich dessen Miene gespannt hatte.

„Tab, was ist denn?“, fragte er schnell.

„Ssst! Sei mal ruhig, Butch!“

„Zum Donner! Was ist?“, keuchte Griffin nervös und fasste das Gewehr fester.

„Ich weiß nicht! Ich dachte, Hufschläge ...“ Plötzlich brach Rifton ab, streckte eine Hand aus und schrie: „Da, Butch! Da kommt einer!“

Ein Reiter kam in den Hohlweg gejagt. Über dem gestreckten Pferdehals mit der langen flatternden Mähne waren nur die Schultern und ein riesiger mexikanischer Sombrero mit einer mit Silberfäden durchwirkten Krempe zu sehen.

„Das ist der Kerl, den ich beim Longrider Hotel in Bannerhan sah“, schrie der dunkelhaarige Rifton. „Butch, schieß, schieß doch endlich!“

Griffins Gewehr flog hoch, ein Feuerstrahl raste aus der Mündung. Die Kugel ging ins Leere. Der Reiter kam mit unverminderter Geschwindigkeit näher. Und nun sahen die beiden Banditen, dass in seiner rechten Faust etwas blinkte - der Lauf eines schussbereiten Colts!

Tab Rifton riss den Revolver heraus. Griffin feuerte erneut. Die Kugel wirbelte nur zwei Schritt vor dem Reiter eine Staubfontäne aus der trockenen Erde. Doch der Fremde trieb seinen Falben geradeaus weiter.

„Verrückt! Der Bursche ist total verrückt!“, schnaufte Rifton. Sein Revolver schwang hoch.

Da flammte es über dem Hals des Falben auf. Das Krachen übertönte das dumpfe Hämmern der Hufe. Riftons Stetson machte einen Luftsprung und segelte davon. Eine zweite Kugel bohrte sich dicht vor Riftons Gaul in den Boden, und das Tier bäumte sich schrill wiehernd auf. Griffin repetierte hastig und wollte den Reiter anvisieren. Eine Kugel zwang ihn zu einem Sprung zur Seite. Er stolperte, seine hohen Stiefelabsätze verfingen sich im dürren Gras, er stürzte. Die Winchester entglitt seinen Händen. Wieder krachte der Colt des fremden Reiters. Rifton riss sein Pferd herum.

„Fort, Butch!“, schrie er. „Nichts wie fort!“

Er schlug seinem Gaul die Sporern in die Weichen. Das Pferd wieherte durchdringend und schoss davon. Butch Griffin sprang auf.

„Tab!“, brüllte er heiser. „Warte auf mich, Tab, hilf mir!“

Rifton hörte nicht mehr und näherte sich dem Ende des langen Hohlwegs, der wie eine Kerbe in den Hügeln klaffte. Eine Kugel sirrte über Griffin hinweg. Der Mann mit dem Sombrero hatte das Pferd mitten auf dem Fahrweg angehalten und lud ruhig seine Colttrommel nach.

Butch Griffin blickte sich gehetzt um. Er sah seinen Kumpan aus dem Hohlweg verschwinden, und die heiße Angst packte ihn.

„Tab, du kannst doch nicht einfach ...“ Er verstummte. Durango hatte seinen Colt geladen und setzte seinen Falben wieder in Bewegung. Griffins Faust zuckte zum Holster und holte den Revolver heraus. Doch er hatte nicht mehr die innere Kraft, sich zum Kampf zu stellen. Das Klatschen der nahen Geschosseinschläge lag noch immer in seinen Ohren. Er hatte noch keinen Mann gesehen, der vom galoppierenden Pferd so gefährlich und gezielt feuern konnte. Er wusste ganz genau, dass er diesem Gegner nicht gewachsen war.

Sonnenlicht brach sich blitzend auf dem Colt in Durangos rechter Faust. Griffin konnte den Anblick nicht mehr ertragen. Er wirbelte herum, sah den steilen grasbewachsenen Hang vor sich und hetzte hinauf. Die Anstrengung verzerrte sein Gesicht. Schweiß perlte über seine Wangen. Er keuchte, und seine Hände bebten. Hinter sich hörte er im Hohlweg das anschwellende Hufgetrappel. Er dachte an sein eigenes Pferd, das da oben zwischen den Manzanitabüschen stand, und die Entfernung dorthin schien ihm schrecklich weit. Er wartete auf das Dröhnen des Colts hinter sich. Unten im Hohlweg verstummten die Hufschläge. Griffin stellte sich vor, wie sein Verfolger den Colt in Augenhöhe hob und ihn sorgfältig anvisierte. Verzweifelt schleuderte er sich zur Seite, stürzte, krallte die Finger ins hohe Galleta Gras und rollte herum.

Durango war abgesessen und ging schnell auf den reglosen alten Cowboy zu.

Pfeifend blies Griffin den Atem zwischen den Zähnen hervor. Er schnellte hoch, stolperte weiter und hatte gleich darauf die schützenden dicht belaubten Sträucher erreicht. Laub raschelte, Zweige knackten, als er ins Gebüsch brach. Er fand seinen Gaul dort, wo er ihn festgebunden hatte. Er löste die Leine von dem Wurzelknoten und schwang sich eilig in den Sattel. Jetzt reichte sein Blick über die Büsche hinweg.

Durango beugte sich eben über Zack Cubitt. Griffins Atem wurde ruhiger. Er wollte sein Pferd wenden und auf der anderen Seite den Hang hinabtreiben, da sah er den Reiter, der auf gleicher Höhe mit ihm gegenüber am Hohlwegrand auftauchte. Er zügelte sein Pferd, starrte auf die Fahrbahn hinab und blickte dann zu Griffin herüber. Der wurde starr vor Überraschung, als er Tab Rifton erkannte.

„Tab!“, flüsterte er rau. „Und ich dachte, du wärest einfach abgehauen!“

Rifton winkte zu ihm herüber. Dann sah Griffin, wie sein Komplize die rechte Hand hob. Der Lauf eines Revolvers zielte auf Durango hinab.

Butch Griffin verlor plötzlich alle Furcht. Die Flamme wilden Triumphes schlug in ihm hoch. Er nickte heftig und keuchte, ohne dass ihn Rifton auf die Entfernung hin hören konnte: „Schieß doch, Tab! Erledige ihn endlich!“



8

Sheriff Dick Warren seufzte vernehmlich. Er hatte den Papierstapel schon fast durchgeblättert und war zu keinem Ergebnis gekommen. Er lehnte sich grimmig im Stuhl zurück und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. Es war schwül im Office. Durchs offene Fenster drang Staubgeruch. Irgendwo bellte ein Hund. Kinderstimmen klangen auf, entfernten sich und verstummten schließlich. Ein Reiter trabte am Office vorbei, grüßte durchs Fenster und entschwand aus Warrens Blickfeld. Noch das dumpfe Klopfen der Hufe in den Ohren, beugte sich Dick Warren wieder zur Schreibtischplatte vor und nahm den nächsten Papierbogen in die Hand.

Gleich darauf fuhr er im Stuhl zurück, seine Augen wurden weit, er atmete scharf ein.

„Also doch!“, keuchte er. „Ich habe mich also doch nicht geirrt!“ Der Bogen in seinen Fingern zitterte leicht. Er starrte wie hypnotisiert auf das vergilbte Papier: Ein alter Steckbrief mit eingerissenen Rändern und verbogenen Ecken. Das Bild darauf war verschwommen und zeigte ein scharfgeschnittenes, kühnes Gesicht mit durchdringenden Augen und einem schmalen Mund.

„Durango!“, flüsterte der Sheriff rau. „Tatsächlich, er ist es!“

Sein Blick glitt zum Datum hin. Der Steckbrief stammte aus dem Jahre 1876 und war in Albuquerque ausgestellt. Sieben Jahre lag das nun zurück — sieben lange Jahre, die unverkennbare Spuren in dem Gesicht hinterlassen hatten, das hier auf dem Steckbrief noch glatt und straff wirkte. Dick Warren räusperte sich und begann zu lesen.

WANTED!

Durango (richtiger Name unbekannt) Größe: 1,85 Haarfarbe: hellbraun

Augen: rauchgrau

Besondere Kennzeichen: Schwarze Augenklappe über dem rechten Auge. Narbe auf der rechten Wange.

Vorsicht bei Festnahme! Durango ist bewaffnet und wegen seiner Schnelligkeit bekannt.

Er hat am 14. April 1876 in San Pedro, New Mexiko, einen Cowboy erschossen.

Für die Ergreifung 1000 Dollar Belohnung! Tot oder lebendig!

Unterzeichnet hatte der damalige Oberrichter des Territoriums New Mexiko.

Warren schüttelte grimmig den Kopf.

„Darum also war er mir so bekannt. Durango, jetzt sieht es böse für dich aus!“ Er legte den Steckbrief auf den Schreibtisch zurück und stand auf. Er fragte sich, wie lange sich dieser Mann wohl schon Durango nannte und wie er wohl vorher gelebt hatte — ehe dieser Steckbrief ausgestellt worden war. Dann schnallte er seinen Revolvergurt um zwei Ösen länger, so dass die Holster tief an seinem Oberschenkel baumelte, griff nach seinem Stetson und verließ das Office.

Er ging schräg über die Main Street und stieg die Stufen zum Longrider Hotel hinauf. Drinnen in der dämmrigen Eingangshalle kam der weißhaarige Portier hinter dem Empfangspult hervor. Er schaute Warren mit gesenktem Kopf über den Brillenrand neugierig an.

„Hallo, Sheriff! Kann ich was für Sie tun?“

Dick Warren schaute sich prüfend um. Dann deutete er auf die steile Holztreppe, die ins Obergeschoss führte.

„Dieser Fremde, der sich Durango nennt — er hat ein Zimmer hier gemietet, nicht wahr?“

„Richtig, Sheriff, richtig. Ist etwas nicht in Ordnung?“

Warren hörte nicht auf die Frage. Er schaute noch immer auf die Treppe.

„Ist er oben?“

„Nein, er ist weggeritten — vor zwei Stunden etwa.“

„Weggeritten? Hm!“ Sheriff Warren runzelte die Stirn.

„Er kommt wieder“, erklärte der Portier rasch. „Er hat seine halbe Ausrüstung oben gelassen. Sheriff, was ist mit ihm?“

„Haben Sie den Schlüssel zu seinem Zimmer?“

„Natürlich! Ich ...“

„Dann geben Sie ihn mir.“

„Was haben Sie vor, Sheriff?“

„Ganz einfach, ich werde auf ihn warten — oben in seinem Zimmer.“ Und als er den verwirrten Ausdruck im Gesicht seines Gegenübers bemerkte, setzte er mit einem grimmigen Lächeln hinzu: „Mit dem Revolver in der Faust, wenn Ihnen das mehr sagt!“



9

Durango atmete erleichtert auf, als er feststellte, dass Zack Cubitt außer einigen Hautabschürfungen und geringen Prellungen keine Verletzungen erlitten hatte. Die Lider des Cowboys begannen zu flattern. Cubitt stöhnte leise, bewegte fahrig die Hände und schlug jäh die Augen auf. Zuerst war sein Blick trübe, dann flammte die Erinnerung grell in ihm auf. Mit einem Ruck setzte er sich auf, starrte Durango wild an und keuchte: „Lasst mich endlich in Ruhe, ihr ...“ Er brach ab, als er den großen dunkelhäutigen Mann lächelnd den Kopf schütteln sah.

„Ich gehöre nicht dazu“, sagte Durango ruhig. „Die Banditen sind fort, und mit Ihnen ist alles in bester Ordnung. Sie sind nur ein wenig hart gestürzt.“

Cubitt ächzte dumpf.

„Ich habe das Gefühl, als seien meine sämtlichen Knochen zerschmettert.“

„Das gibt sich!“

„Zum Donner! Ich bin nicht mehr der Jüngste!“, stöhnte Cubitt. Dann wurden seine Augen scharf und wachsam. „Wer sind Sie eigentlich?“

„Ein Freund der Broken Arrow Ranch. Ich bin ...“

Es war nur das leise, kaum hörbare Rollen eines winzigen Steins, das Durango herumwirbeln ließ. Er sah die Silhouette des Reiters, die sich scharf vom Hintergrund des blauen Firmaments abhob, und reagierte blitzschnell. Er warf sich gegen Cubitt.

Der machte eine überraschte abwehrende Handbewegung, knurrte erschrocken und lag im nächsten Moment im zertrampelten Gras. Durango rollte herum, und während oben auf dem Hang der Schuss krachte, holte er mit einer flüssigen Bewegung seinen rechten Colt heraus. Die Kugel bohrte sich zwischen ihm und Cubitt in die Erde. Ein heiserer Schrei kam herab, das Schnauben eines Pferdes vermischte sich mit dem Nachhall der Detonation. Dann bellte Durangos Waffe auf. Blätter und Zweigstücke wirbelten durch die Luft. Tab Rifton riss sein Pferd herum. Durango schnellte hoch.

„Gehen Sie in Deckung!“, schrie er Cubitt zu.

Mit einem Sprung war er neben seinem Falben, packte das Sattelhorn und schwang sich auf den Pferderücken. Rifton war zwischen den Sträuchern verschwunden. Das Stampfen von Hufen und das Brechen von Zweigwerk hingen in der Luft. Durango setzte mit einem Schenkeldruck sein Pferd in Bewegung. Groß, hager und leicht geduckt saß er im Sattel. Der große Sombrero hing an der geflochtenen Windschnur auf seinem Rücken.

„Vorsicht!“, hörte er hinter sich Cubitts Stimme. „Da drüben ist noch einer!“

Ein rascher Zügeldruck lenkte den Falben zur Seite. Durangos Kopf fuhr herum. Er entdeckte Butch Griffin, der eben zum Schuss ansetzte, und kam ihm zuvor. Die Kugel schlug dicht vor Griffins Pferd in den Boden. Der Bandit schrie auf, feuerte, und dann bäumte sich sein Gaul steil hoch. Griffin war darauf nicht vorbereitet. Er verlor das Gleichgewicht. Mit hochgeworfenen Armen stürzte er vom Pferd und verschwand zwischen den Sträuchern. Sein Gaul brach durch das Gebüsch, galoppierte den Hang herab und fegte an Durango und Cubitt vorbei zum Ausgang des Hohlwegs. Durango lenkte den Falben die Höhe hinauf. Der 45er lag schwer in Durangos rechter Faust.

Vor sich hörte er das Keuchen eines Mannes, Blätterrascheln und Stiefelscharren. Er ritt ohne Eile in das Gebüsch hinein. Eine Mündungsflamme zuckte auf. Die Kugel pfiff ziemlich weit von ihm entfernt zum Himmel hinauf. Das Trittehasten und Blätterrascheln wurde lauter. Durango lächelte grimmig. Zweige streiften die Flanken seines Pferdes. Sekundenlang sah er den Kopf eines Mannes über einem Busch auftauchen. Er rief hart: „Gib es auf, Desperado!“

„Zum Satan mit dir!“, schrie Griffin, und wieder krachte sein Revolver, ohne allerdings zu treffen. Durango ritt direkt auf die Stelle zu, an der Griffins Schuss aufgeblitzt war.

Vor ihm gellte Griffins Stimme: „Tab, hilf mir! Wo bist du, Tab? Hörst du nicht?“

Von Rifton war weit und breit nichts zu sehen.

„Tab!“ Panik zitterte in Butch Griffins Schrei. „Ich habe kein Pferd! Du musst mir helfen!“

Dann wandte er sich zur Flucht. Wippende Zweige und das Brechen von Geäst wiesen Durango den Weg.

„Dieser Narr!“, flüsterte er grimmig. „Jetzt hat er die Nerven verloren. Statt sich zu verstecken und sich still zu halten ...“ Er schüttelte den Kopf.

Griffin erreichte den Rand des Gebüsches und sah den Hang offen und deckungslos vor sich. Er blieb keuchend stehen. Sein Blick flackerte. Hinter sich hörte er Durangos Pferd. Er fuhr herum. Die Gestalt des Reiters schien ihm riesengroß und schon schrecklich nahe. Er riss den Revolver hoch.

„Da!“, keuchte er. „Da hast du es, du verdammter ...“ Er zog durch, doch außer einem trockenen Klicken war nichts zu hören. Griffins Augen quollen hervor, seine Lippen standen halb offen und sekundenlang war er zu keiner Bewegung fähig.

Durango hatte das Tempo seines Falben verlangsamt. Er kam ruhig näher. Seine Coltmündung zielte genau auf Griffins Brust. Sein Gesicht war kalt und ausdruckslos.

Butch Griffins Arm fiel herab. Er machte zwei torkelnde Schritte rückwärts.

„Nein“, ächzte er, während sein Gesicht aschgrau wurde. „Nein, nein, nicht schießen!“

Durangos Falbe ging jetzt im Schritt. Griffin ließ den leergeschossenen Revolver fallen und streckte abwehrend beide Hände aus. „Nicht, nicht schießen!“

Durango hielt an. „Nimm die Hände hoch, Bandit!“

Griffin gehorchte zitternd. Durango beugte sich leicht im Sattel vor. Der langläufige 45er lag völlig ruhig in seiner nervigen Rechten.

„Pech gehabt, nicht wahr? Dein Kumpan hat dich ganz schön im Stich gelassen.“

Griffins Mundwinkel zuckten.

„Lassen Sie mich gehen, lassen Sie mich ...“

Durangos Miene war steinhart.

„Ihr habt Owen Chetwood erschossen, nicht wahr?“

„Ich ... ich war nicht dabei“, keuchte Griffin entsetzt.

„Du warst dabei! Lüge nicht!“

Griffin konnte den Blick dieser harten Augen kaum mehr ertragen. Sein Atem ging schnell und stoßweise.

„Nun, wie ist es?“, fragte Durango kalt. „Willst du endlich die Wahrheit sagen? Du warst dabei, wie?“

„Ja!“, stöhnte Griffin. „Ja, aber ich habe es nicht getan. Ich war es nicht! Sie müssen mir das glauben.“

„Ihr haust in den Yellow Cliffs, eine ganze Bande, so ist es doch?“

„Ja, in — Silverstone, der ehemaligen Minenstadt.“

„Wer von euch hat Owen Chetwood ermordet?“

„Ich nicht ... ich ganz bestimmt nicht! Ich war nur ...“

„Wer war es?“

Griffin schüttelte heftig den Kopf.

„Lassen Sie mich gehen! Ich weiß es nicht!“

„Du weißt es sehr gut“, sagte Durango eiskalt. „Du brauchst mir nur den Namen zu nennen, dann kannst du verschwinden. Also?“ In Griffins Augen arbeitete es. „Ihr habt einen alten Mann überfallen“, sagte Durango hart. „Als ihr ihn mit dem Lasso vom Wagen holtet, hätte er sich das Genick brechen können. Mann, eigentlich sollte ich dich zum Sheriff nach Bannerhan schleppen. Aber ich gebe dir eine Chance: Nenne mir den Mann, der Owen Chetwood auf dem Gewissen hat!“

„Warum?“, keuchte der Bandit. „Was haben Sie davon?“

„Ich will diesen Mann erwischen, ich will ihn dem Gesetz ausliefern!“

„Das schaffen Sie nicht, nie und nimmer! Kein Mensch gelangt nach Silverstone, wenn es unsere Leute nicht wollen. Zum letzten Mal wollte es der Sheriff vor einem halben Jahr mit einem großen Aufgebot versuchen. Sie holten sich alle blutige Köpfe. Nein, Sie schaffen es nicht!“

„Das lass nur meine Sorge sein.“

„Warum wollen Sie das?“, schnaufte Griffin verstört. „War Owen Chetwood Ihr Freund?“

„Das braucht dich nicht zu kümmern. Den Namen, sag mir jetzt den Namen!“

Griffin zauderte. Dann seufzte er: „Und Sie werden mich bestimmt gehen lassen?“

„Mein Wort darauf!“

„Nun gut!“ Griffins Finger zuckten nervös. „Es war der Mann, der in Silverstone ...“

„Butch! Du verdammter Verräter!“, schrie jemand da seitlich von ihnen. Dann krachte schon der Schuss. Griffin langte sich mit beiden Händen an die Brust, stöhnte auf und kippte steif vornüber.

Durango fuhr im Sattel herum. Ein Feuerstrahl raste aus seinem Colt. Aber da hatte Tab Rifton seinen Gaul schon in die Büsche zurückgerissen und fegte tiefgeduckt davon. Durango verzichtete darauf, ihm nachzusetzen. Er hatte jetzt keine Zeit für eine langwierige Verfolgungsjagd. Unten im Hohlweg wartete sicher schon Zack Cubitt voller Sorgen auf ihn. Und da war auch noch die Broken Arrow Ranch, die er heute noch besuchen wollte. Er fühlte wieder diese merkwürdige Verkrampfung in sich, als er daran dachte. Seine Lippen waren ein Strich. Er steckte die Waffe in das Holster zurück und lenkte den Falben herum.

In der Ferne verebbten die rasenden Hufschläge von Tab Riftons Gaul. Während Durango zu Cubitt zurückritt, dachte er, dass er mit diesem heimtückischen Verbrecher noch zu rechnen hatte.

Denn von jetzt an würde der Kampf um die Broken Arrow Ranch sein eigener sein ...



10

„Ich verstehe das nicht“, murmelte Billy Chetwood und schaute Durango aufmerksam an. „Welches Interesse können Sie daran haben, für diese Ranch zu kämpfen.“

„Owen hat mich um Hilfe gebeten. Ich trage seinen Brief in der Tasche.“

„Mein Onkel ist tot.“

„Ich weiß!“ Durangos Gesicht verdüsterte sich. „Gerade deshalb ist mein Kampf noch dringender, nicht wahr?“

„Er war Ihr Freund?“

„Man kann es so nennen.“

Billy zögerte etwas. Das letzte Tageslicht fiel schräg durchs Fenster ins Wohnzimmer des Ranchhauses. Ein goldener Fleck tanzte auf der Tischplatte. Billy betrachtete ihn, die Hände auf die Sessellehne gestützt. Dann sagte er leise: „Merkwürdig, Onkel Owen hat nie von Ihnen erzählt.“

Durango hörte das leise Misstrauen aus den Worten, doch seine Miene veränderte sich nicht.

„Ich denke, Sie können einen Mann wie mich gut gebrauchen.“

„Ich weiß nicht.“ Billy Chetwood schaute Durango nicht an.

„Warum zögern Sie?“, fragte Durango ruhig.

Billy schluckte. Er bewegte verlegen die Schultern.

„Ich ... Nun, ich habe nicht das Geld, einen weiteren Mann zu bezahlen.“

„Bezahlen?“ Plötzlich war Durangos Stimme scharf. „Ich will kein Geld.“

Billy schaute ihn schnell an. Sekundenlang drückte sein junges Gesicht Unsicherheit aus, dann schüttelte er den Kopf.

„Trotzdem! Es ist besser, Sie reiten wieder. Verstehen Sie mich nicht falsch, Durango, ich habe nichts gegen Sie. Und ich danke Ihnen auch, weil Sie Old Zack geholfen haben und ...“

Durango schob den Stuhl zurück und erhob sich mit einem Ruck. Die Abendsonne zeichnete seinen Schatten groß und hager an die Zimmerwand.

„Sind Sie wirklich aufrichtig?“, fragte er leise und eindringlich. „Sind Sie das wirklich?“

Billys Schläfen wurden rot. Er räusperte sich.

„Durango, Sie verstehen mich nicht ...“

„O doch! Ich verstehe Sie vielleicht besser, als Sie denken“, sagte Durango bitter und ohne jede Schärfe. „Sie wollen mit mir nichts zu tun haben, wie? Sie halten mich für einen Revolvermann, für einen Burschen, dem es nicht viel bedeutet, auf andere Menschen zu schießen. Das ist es doch!“

„Ich habe nicht gesagt ...“

„Seien Sie ehrlich!“, sagte Durango, und ein merkwürdiges Brennen lag in seinen Augen.

Billy schluckte. Dann stieß er heiser hervor: „Nun ja, ich wollte es nicht so direkt ausdrücken. Aber Sie haben recht, Durango, im Grunde genommen haben Sie recht. Es ... es tut mir leid!“ Eine Weile war es totenstill in dem Raum. Billy schaute zu Boden. Er merkte nicht, dass Durangos Hände zitterten — diese Hände, die sonst so ruhig und sicher waren. Schließlich sagte Durango rau: „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.“

„Sie halten mich jetzt sicher für undankbar, nicht wahr?“, murmelte der junge Rancher.

Durango zuckte die Schultern.

„Sie sind mir zu nichts verpflichtet. Und — diese Situation ist für mich nicht neu, glauben Sie mir! Die meisten Leute denken so wie Sie.“

Billys Kopf ruckte hoch.

„Soll das ein Vorwurf sein? Können Sie es diesen Leuten verübeln?“

„Ich denke nur, man sollte nicht alle Menschen nach den gleichen Maßstäben beurteilen.“

„Gibt es einen Unterschied zwischen Revolvermann und Revolvermann?“

„Ich bin noch nie für Revolverlohn geritten — und werde es auch in Zukunft nicht tun. Ich habe noch nie den Colt zuerst gezogen und auch nie zuerst geschossen ...“

„Aber Sie haben schon Männer getötet — mit den beiden Waffen, die sie an den Hüften tragen.“

Die Falten um Durangos Mundwinkel kerbten sich tiefer. Tonlos entgegnete er: „Yeah, das habe ich!“ Und nach einer kurzen Pause setzte er bitter hinzu: „Manchmal hat ein Mann keine andere Wahl, wenn er nicht selber sterben will.“

„Das mag sein! Aber ...“

„Ich dränge mich bestimmt nicht auf“, sagte Durango rasch. „Wenn Sie nicht wollen, dass ich für Sie in den Sattel steige — well, mein Pferd wartet draußen.“

„Es ist wirklich besser so!“ Billy nickte.

Durango nahm seinen Sombrero von der Tischplatte, setzte ihn auf und wandte sich zum Gehen. Dann hielt er jäh inne. Er schaute Billy Chetwood nicht an, als er leise sagte: „Verstehen Sie mich jetzt nicht verkehrt — aber rechnen Sie sich ohne meine Hilfe wirklich eine Chance für Ihre Ranch aus? Zack Cubitt hat mir erzählt, dass Sie nur ihn und Charley Rugger haben. Das ist wenig, finde ich, zu wenig. Und die Banditen aus den Yellow Cliffs schrecken vor nichts zurück.“

„Wir werden es ihnen nicht einfach machen.“

„Das glaube ich.. Aber damit ist meine Frage nicht beantwortet.“

Billy zögerte. Er nagte an der Unterlippe und starrte wieder auf den Lichtfleck auf der Tischplatte.

„Sollten Sie nicht wirklich mehr an die Ranch denken?“, fragte Durango leise.

„Glauben Sie nur nicht, dass ich das nicht tue!“, stieß Billy in jäher Heftigkeit hervor. „Ich weiß schon selber, was ich Onkel Owen schuldig bin.“

„Nun gut, die Entscheidung liegt bei Ihnen.“ Durango tippte grüßend an die Krempe seines Sombreros und ging zur Tür. Seine Silbersporen klirrten leise. Als er die Hand auf die Klinke legte, drehte er sich nochmals um. Sein Blick heftete sich fest auf Billy Chetwoods Gesicht, und für einen Moment wirkte es so, als wolle er noch etwas sagen. Dann wandte er sich rasch ab, öffnete die Tür und trat ins Freie. Seine Tritte überquerten die Veranda und verklangen auf dem Sand des Ranchhofes. Kurz darauf setzte Hufgetrappel ein und entfernte sich ohne Eile.

Billy stand noch immer reglos vor dem Tisch. Scharfe Falten furchten seine Stirn. Auf seiner Miene spiegelten sich die widerstreitendsten Empfindungen. Er ging ans Fenster und schaute dem Reiter nach, der über einen grasbewachsenen Hügelrücken verschwand. Die Dämmerung kroch von Osten her über das weite Land. Die Hitze des Tages wich. Irgendwo an den felsigen Abhängen der nahen Yellow Cliffs heulte langgezogen ein Präriewolf. Billy seufzte und drehte sich ab.

Die Tür flog auf. Charley Rugger kam herein. Seine Augen funkelten erregt.

„Billy, was ist los? Warum ist er wieder fortgeritten?“

„Hat Zack dir alles erzählt?“

„Yeah! Er sagte, Durango wolle bleiben und für uns reiten.“

„Ich habe ihn fortgeschickt“, erklärte Billy leise.

„Was?“ Rugger schlug die Tür zu. Er kam aufgeregt in den Raum herein. „Das ist doch nicht dein Ernst!“

„Doch, Charley!“

„Aber, Menschenskind, Billy, dieser Mann wäre eine unbezahlbare Hilfe für uns gewesen. Zack hat mir erzählt, wie er gekämpft hat. Er hat noch nie einen solchen Mann getroffen, und das bedeutet eine ganze Menge, das weißt du. Old Zack ist früher im ganzen Westen herumgekommen und hat viele schnelle Burschen getroffen. Billy, warum hast du das getan?“

„Er ist ein Revolvermann!“, sagte der junge Rancher heiser.

„Ein ... na und? Gerade deshalb ...“

„Ich will keinen Revolvermann auf der Broken Arrow Ranch haben! Ich will mit einem solchen Mann nichts zu tun haben!“ Billy Chetwoods Stimme war scharf.

Rugger hustete trocken.

„Er hat Zack geholfen, er ist ein tüchtiger Kerl. Billy, du hast einen Fehler gemacht. Du solltest Durango zurückholen.“

„Niemals!“

„Ich verstehe dich nicht! Die Ranch ...“

„Hör auf damit, Charley!“, unterbrach ihn Billy schärf. „Ich hasse diese Männer mit den schnellen Colts — das ist es.“

Rugger starrte auf seine staubbedeckten Stiefelspitzen.

„Du überraschst mich, Billy“, murmelte er zögernd. „Schließlich war dein Vater ...“

In Billys Augen flammte es wild auf.

„Sei still, Charley! Sag es nicht!“, schrie er.

Rugger zuckte zusammen, zupfte unbehaglich an seinen Schnurrbartenden und brummte: „Ich ... ich wollte nichts Falsches sagen, Billy. Ich ... Es tut mir leid!“

„Schon gut, Charley“, murmelte Billy erschöpft. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und wischte sich müde über die Stirn. „Mein Vater war ein Revolvermann, und vielleicht habe ich kein Recht, über einen dieser Leute ein Urteil zu fällen.“ Seine Wangenmuskeln traten knotig unter der gestrafften Haut hervor. Heiser fuhr er fort: „Aber vielleicht weiß ich gerade deshalb über diese Sorte von Männern gut Bescheid, Charley, wie? Mein Hass kommt nicht von ungefähr ...“

Charley Rugger machte eine nervöse Geste.

„Reden wir nicht mehr darüber! Vergessen wir es!“

„Vergessen?“, wiederholte Billy bitter. „Ich wollte, ich könnte es.“ Er stand wieder auf und begann, unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. Der Lichtfleck auf der Tischplatte war verschwunden. Graue Dämmerung schob sich aus den Ecken hervor und verwischte die Konturen der Möbel. Das Pochen von Billys Stiefelschritten drang hart durch die Stille.

„Diese Männer mit den schnellen Eisen“, murmelte er rau. „Was sind sie denn schon? Was sind sie denn ohne ihre Colts wert, heh? Nichts, gar nichts, Charley! Und mein Vater machte dabei keine Ausnahme.“

„Billy, das darfst du nicht sagen!“

„Warum nicht?“, sagte Chetwood wild. „Gehört sich nicht für den Sohn, über den Vater zu urteilen, wie? Doch warum soll ich nicht die Wahrheit sagen, warum nicht? Es sind Tatsachen, nichts anderes! Mein Vater — er war wohl ein typischer Revolvermann. Immer unterwegs, immer in heiße Angelegenheiten verwickelt. Immer waren wir allein und in Sorge um ihn. Ich hatte nur die Mutter. Und als sie starb, nahm mich Onkel Owen, der Bruder meines Vaters, zu sich auf die Ranch. Ihm habe ich alles zu verdanken, ihm — nicht meinem Vater! Seit ich bei Onkel Owen lebte, habe ich meinen Vater nicht mehr gesehen. Weißt du, was das für einen Jungen bedeutet, Charley, weißt du das?“

Rugger räusperte sich. Seine Stimme kratzte: „Lass die Vergangenheit ruhen, Billy! Vielleicht ist dein Vater längst tot.“

„Ja“, seufzte der junge Mann, „ja, du hast recht!“ Er zwang sich mühsam zur Ruhe. „Ich wollte dir nur erklären, was ich von dieser Sorte halte. Ich wollte dir nur erklären, warum ich von Durango nichts wissen will. Denn er ist nicht anders. Es gibt keine Ausnahme unter ihnen — ich glaube nicht daran!“

„Billy, vielleicht ...“

„Du sagtest vorhin: Reden wir nicht mehr darüber! Well, bleiben wir dabei!“ Er wandte sich ab.

Rugger zuckte die Achseln. Er wollte gehen, da trieb Zack Cubitts Stimme von draußen herein: „Billy, Charley, kommt her, schnell!“

Billys Haltung straffte sich. Er warf Rugger einen auffordernden Blick zu. Sie verließen nebeneinander das Haus. Unter dem breiten Vordach war es dunkel. Salbeiduft wehte von den Hügeln her.

„Zack“, rief Rugger, „was ist los?“

Cubitts Gestalt löste sich aus dem Schatten des Küchenanbaus.

„Da kommt jemand!“, sagte er gedämpft. „Hört ihr es nicht?“

Sie lauschten.

Schnelle Hufschläge näherten sich der Ranch ...



11

Durango hatte seinen Falben im Stall des Longrider Hotels versorgt. Er stieg langsam die Verandastufen hinauf. Aus dem Speisesaal im Erdgeschoss drang dumpfes Stimmengewirr. Der Duft von Braten und heißen Bohnen hing in der Luft. Männergruppen standen plaudernd auf den hölzernen Gehsteigen. Zigaretten glühten in der Dunkelheit auf, die sich über Bannerhan gesenkt hatte. Aus den Fenstern fielen breite Lichtbündel und zeichneten gelbe Muster auf die sandige Main Street. Reiter kamen und hielten vor dem Horseshoe Saloon. Ein kurzes Auflachen übertönte sekundenlang alle anderen Geräusche.

Durango sah und hörte nichts. Zum ersten Mal seit langer Zeit war seine Wachsamkeit erloschen, zum ersten Mal brachte er es nicht fertig, sich aus seinem aufgewühlten Gedankennetz zu befreien.

Er kam nicht los von der Unterredung, die er draußen auf der Broken Arrow Ranch mit dem jungen Billy Chetwood geführt hatte. Er hatte kein Wort davon vergessen, und während er nun steifbeinig und sporenklirrend die schattige Veranda überquerte, sah er Billys Gesicht noch immer nahe und deutlich vor sich.

Er hatte sich alles anders vorgestellt. Was hier auf ihn harrte, war schlimmer als der heißeste Revolverkampf, den er jemals ausgefochten hatte. Durango dachte an die Minuten, da er unten in Mexiko, in dem kleinen Bergdorf in der Sierra Madre, Owens Brief erhalten hatte. Die Sorge und Angst von damals war wieder quälend lebendig. Er ritt im Geiste wieder die vielen heißen, staubigen Meilen nach Norden, über die Grenze, das Tal des Rio Grande del Norte entlang, durch Socorro und dann nach Westen am Fuße der Gallina Mountains entlang — bis hierher ins Bannerhan County. Sollte alles umsonst gewesen sein?

Alles in ihm wehrte sich dagegen. Merville fiel ihm ein. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Renn Gallagher und Blade Brigo auf seiner Fährte auftauchten. Sollte er auch dieses Risiko vergeblich auf sich genommen haben? Aber das war nicht das Schlimmste. Da waren die zornigen Worte Billy Chetwoods und das Flammen seiner jungen klaren Augen. Das war es, was Durango am meisten traf — ihn, den man überall für einen harten, eiskalten Mann hielt.

Gelbes Petroleumlampenlicht füllt die Halle des Hotels. Durango ging auf die steile Treppe zu, die ins Obergeschoss führte. Aus den Augenwinkeln merkte er, dass ihn der weißhaarige Portier hinter dem Empfangspult unverwandt anstarrte. Die Bitterkeit schwand aus seinen Augen, seine Nachdenklichkeit verflog. Er blieb ruckartig stehen und drehte sich dem Alten zu. Sein scharfgeschnittenes Gesicht war ruhig wie immer.

„Nun, was ist denn los?“

Der Portier zuckte zusammen. Er tastete zu seiner Brille.

„Was los ist? Nichts, gar nichts, Mister Durango.“ Seine Nervosität war offensichtlich. Er konnte die Hände nicht ruhig halten, sein Blick wich Durango aus. Durango trat einige Schritte näher. „Warum haben Sie mich so angestrengt beobachtet?“, fragte er leise. „Sie hatten einen Grund dafür.“

„Einen Grund? Ich ... Sie täuschen sich, Sir! Bestimmt, ich ... Es war Zufall, dass ich Sie anblickte.“

Durango lächelte grimmig.

„Sie verstehen sehr schlecht zu lügen. Eigentlich ein gutes Zeichen, nicht wahr?“

Das faltige Gesicht des Portiers verfärbte sich. Seine dürren Finger fuhren durch das schlohweiße Haar.

„Mister Durango, Sir, ich verstehe Sie nicht. Ich — entschuldigen Sie mich bitte, ich habe noch ...“ Er stürzte hastig durch eine Nebentür davon.

Durango blickte ihm stirnrunzelnd nach. Das grimmige Lächeln erlosch auf seinen Lippen.

Er schaute nachdenklich die Treppe hinauf, deren oberes Ende sich in der Dunkelheit verlor. Schließlich gab er sich einen entschlossenen Ruck und stieg ohne Eile die ausgetretenen Stufen hinauf.

Oben war es still. Der schmale Korridor zwischen den Fremdenzimmern lag in tintiger Finsternis. Alles wirkte ganz friedlich. Und doch spürte Durango deutlich den unsichtbaren Strom einer nahen Gefahr. Es war nicht nur der Gedanke an das Verhalten des Portiers — es war ein Gefühl, das er sich in den langen Jahren seines einsamen, gefährlichen Lebens in der Wildnis erworben hatte - der Instinkt eines Pumas, der einen Jäger wittert!

Er ging geradewegs auf seine Zimmertür zu. Kein Zögern, keine Unsicherheit durfte verraten, dass er Verdacht geschöpft hatte. Als er die Hand auf die Klinke legte, staute er den Atem. Drinnen regte sich nichts. Er wartete einen Sekundenbruchteil, dann stieß er die Tür mit einem harten Ruck auf. Im selben Moment erst wurde ihm bewusst, dass sie gar nicht verschlossen gewesen war. Der Schlüsselhaken unten in der Eingangshalle war leer gewesen, und doch — er erinnerte sich erst jetzt daran — hatte er den Schlüssel vor seinem Wegreiten dort hingehängt.

Während die Tür aufflog, schnellte Durango zur Seite und zog in der Erwartung eines auf flammenden Schusses seinen rechten Colt. Doch in der Dunkelheit des Zimmer blieb es still. Das Knarren der Tür verklang. Er konnte nur seinen eigenen Atem hören, sonst nichts. Er presste die Lippen zusammen, glitt vorsichtig an den Türrahmen heran und hob langsam die Waffe. Leise befahl er: „Komm raus da drinnen! Wenn du Grund hast, mir aufzulauern, dann weißt du auch, wie sicher meine Eisen sind.“

„Das wird Ihnen jetzt nicht mehr viel helfen, Durango“, sagte eine trockene Stimme hinter ihm. „Los, nehmen Sie die Hände hoch!“ Gleichzeitig bohrte sich ihm ein harter Gegenstand in den Rücken: Die Mündung eines Revolvers!

Durango drehte hastig den Kopf. In der Dunkelheit sah er undeutlich das kantige Gesicht eines stämmigen Mannes vor sich. Hinter seinem Gegner stand die Tür des gegenüberliegenden Zimmers halb offen. Er hatte also nicht in Durangos Raum, sondern auf der anderen Korridorseite gelauert.

„Hallo, Sheriff“, sagte Durango kühl, „Sie haben es schlau angefangen. Meine Anerkennung!“

„Keine langen Reden!“, brummte Sheriff Warren schroff. „Weg mit der Waffe und Hände hoch!“

Durango zögerte einen Moment, ließ dann den Colt auf die Dielenbretter poltern und hob langsam die Arme. Ohne eine Aufforderung abzuwarten, drehte er sich um.

„Was wollen Sie von mir, Sheriff? Ich kann mich erinnern, dass Sie mir keine direkte Frist zum Verlassen der Stadt gesetzt haben.“

„Sie werden Bannerhan nicht mehr so schnell verlassen“, erklärte Dick Warren hart.

Durango begriff sofort, was dies bedeutete. Da war wieder dieses eisige Rieseln zwischen seinen Schulterblättern. Er kam sich einsamer vor als jemals zuvor. Gedanken jagten wirr durch sein Gehirn: Billy Chetwood — die Broken Arrow Ranch — die Banditen aus den Yellow Cliffs — die Brava dos aus Socorro, die auf seiner Spur ritten — und wieder Billy, der Rancher, der die Männer mit den schnellen Colts hasste ...

Er sagte müde: „Sheriff, ich nehme an, das ist ein Irrtum. Hören Sie ...“

„Dann war jener Mord vor sieben Jahren in San Pedro wohl auch ein Irrtum, was?“, knurrte Warren grimmig. „Durango, es war Ihr Fehler, dass Sie nicht gleich Bannerhan für immer verlassen haben. Und versuchen Sie jetzt bloß keinen Trick, verstanden? Mich legen Sie nicht herein wie diesen Merville, der Ihnen im Horseshoe Saloon ans Leben wollte. Seien Sie bloß vernünftig, Mann!“

Die Erkenntnis, dass jeder Versuch einer Erklärung sinnlos war, erfüllte Durango mit Zorn und Bitterkeit zugleich. Plötzlich tat es ihm leid, dass er mit seinen übrigen Verfolgern — Renn Gallagher und Blade Brigo — nicht mehr zusammentreffen würde. Sie und Duff Merville waren an allem schuld. Sie hatten ihm dieses Mal aufgebrannt, das ihn zum Gejagten machte, zum Mörder, der er gar nicht war.

„Lassen Sie nur schön die Hände oben!“, sagte Warren. „Und gehen Sie jetzt langsam die Treppe hinab! Rechnen Sie sich keine Chance aus, Durango, Sie haben endgültig verspielt! Los, vorwärts, das Jail wartet auf Sie!“

Durango setzte zum Sprechen an. Dann besann er sich anders, zuckte die Schultern und setzte sich in Bewegung. Dick Warren blieb dicht hinter ihm, den schussbereiten Revolver unablässig auf ihn gerichtet. Während Durango die Treppe hinabging und hinter sich Warrens harte Tritte hörte, überlegte er fieberhaft. Wenn er erst einmal im Gefängnis saß, gab es keine Chance mehr für ihn. Und wieder sagte er sich, wie sehr die Zeit drängte. Billy und seine zwei Helfer würden die Ranch nicht mehr lange halten können — und dann war alles verloren, alles! Mehr als die kleine Ranch draußen in den Hügeln vor den Yellow Cliffs, viel mehr!

Als Durango den Treppenabsatz erreichte, öffnete sich neben dem Empfangspult knarrend eine Tür. Das ängstliche Gesicht des Portiers erschien im gelben Lampenlicht. Durango begriff blitzschnell: Für einen Moment musste Sheriff Warrens Aufmerksamkeit abgelenkt sein! Darauf baute er! Es war nur der Bruchteil einer Chance, das wusste er genau. Aber es blieb ihm keine andere Wahl. Er musste handeln!

„Hopkins!“, rief der Sheriff schnell. „Bleiben Sie ...“

Er kam nicht weiter. Durango, noch auf der untersten Treppenstufe stehend, duckte sich und wirbelte mit katzenhafter Geschmeidigkeit herum. Warren knurrte und schlug mit dem Revolverlauf zu. Er verfehlte Durangos Kopf um Haaresbreite. Der Hieb traf Durangos linke Schulter, und der große falkenäugige Mann hatte das Gefühl, von einer Messerklinge getroffen worden zu sein. Er prallte bereits mit voller Wucht gegen den Sheriff. Sie verloren beide das Gleichgewicht auf der Treppe, stürzten und schlugen auf die Bodenbretter der Eingangshalle. Durch das laute Poltern drang der Schreckensruf des alten Portiers. Sein faltiges Gesicht verschwand hinter dem Türrahmen.

Durangos linker Arm war wie gelähmt. Er kam keuchend auf die Knie. Nebel tanzten vor seinen Augen. Im nächsten Moment wurde er von hinten von zwei kräftigen Fäusten gepackt.

„Warte nur!“m knurrte Warren wild. „So einfach geht es nicht!“

Durango wurde zurückgerissen. Er gab den Widerstand auf und merkte mit aufflammender Hoffnung, wie sich Dick Warrens stählerner Griff lockerte. Mit einem jähen kraftvollen Ruck schnellte er sich zur Seite, rollte herum und kam schräg in die Höhe. Ganz nahe vor sich sah er Warrens überraschtes Gesicht. Der Schmerz wühlte noch immer in der linken Schulter und machte den linken Arm bewegungsunfähig. Durango biss die Zähne zusammen. Aus seinem Sprung heraus stieß er die geballte Rechte nach oben. Er traf. Warren kippte zurück.

Durango richtete sich vollends auf. Der Schmerz in seiner linken Schulter ließ etwas nach. Er zog den zweiten Colt und richtete ihn auf Warren, der sich, an das Treppengeländer klammernd, mühsam aufrichtete. Eine Haarsträhne hing dem Sheriff in die schweißnasse Stirn. Er keuchte und starrte Durango wild an.

„Seien Sie vernünftig, Sheriff!“, sagte Durango hastig. „Es tut mir leid. Sie ließen mir keinen anderen Weg.“

„Sparen Sie sich dieses Geschwätz!“

„Es ist mein Ernst, bestimmt, Sheriff!“, erklärte Durango eindringlich. „Ich habe noch nie gegen einen Mann des Gesetzes gekämpft und wollte es auch nie tun. Diesmal ...“

„Wollen Sie mich auf diese Art zum Lachen bringen, heh?“, knurrte Warren.

„Es klingt für Sie wahrscheinlich unglaubhaft“, sagte Durango gepresst, „aber Sie befanden sich wirklich im Irrtum. Sheriff, ich bin kein Mörder!“

„Ein Lügner sind Sie obendrein. Ich habe Ihren Steckbrief gesehen.“

„Ich weiß, ich kann es Ihnen jetzt nicht erklären. Ich habe keine Zeit dazu.“ Er lauschte angespannt auf den Lärm im rückwärtigen Teil des Hotelgebäudes. Es gab keinen Zweifel daran, dass der Portier Alarm geschlagen hatte. Dick Warren blickte ihn lauernd an.

„Sie verlieren eine Menge Zeit, Durango, was? Man wird Sie schnappen — und alles war umsonst.“

Durangos Mundwinkel verkniffen sich.

„Verstehen Sie denn nicht? Ich will nur ...“

Schritte polterten auf die offene Nebentür zu. Stimmengewirr trieb heran.

„Aus, Durango!“, sagte Warren mit kalter Genugtuung.

„Sie irren sich wieder, Sheriff“, presste Durango hervor. Er zog sich hastig zur Eingangstür des Hotels zurück.

Da riskierte es Dick Warren und schnellte mit einem mächtigen Satz, den man seiner stämmigen Gestalt nicht zugetraut hätte, auf ihn zu. Durango wich ihm mit einem blitzschnellen Seitwärtsschritt aus. Sein Coltlauf flirrte. Er traf Warren am Kopf. Der Sheriff machte einen taumelnden Schritt, dann fiel er zu Boden.

„Es ging nicht anders“, murmelte Durango bitter und riss die hohe Flügeltür auf. Als er ins Freie sprang, hörte er die aufgeregte Männerschar in die Eingangshalle poltern. Er hetzte über die Veranda, bog um die dunkle Hausecke und rannte über den Hinterhof auf den Stall zu. Er hoffte, dass sich später einmal Gelegenheit bieten würde, Sheriff Warren seine Handlungsweise zu erklären — aber diese Hoffnung war ziemlich gering. Seine Verfolger stürmten lärmend aus dem Haus. Stimmen schwirrten über die Straße. Er wusste, dass er verloren war, wenn er innerhalb der nächsten zwei Minuten nicht auf den Rücken seines schnellen Falben kam …



12

Sie standen zu dritt unter dem dunklen Vordach, und jeder hielt die Hand an der Waffe: Billy Chetwood, Charley Rugger und Old Zack Cubitt. Die Hufschläge hatten den Ranchhof erreicht und waren langsamer geworden. Gleich darauf schob sich die Gestalt des Reiters in die Lichtbahn, die aus dem Fenster des Küchenanbaus fiel.

„Fess!“, rief Cubitt überrascht, als er den schlanken Mann auf dem struppigen Braunen erkannte. „Das ist eine Überraschung!“

Fess Boynton ließ sich aus dem Sattel gleiten. Er kam schnell auf die drei Männer zu.

„Hallo, Fess“, sagte Billy langsam, „hast du etwas auf der Ranch vergessen?“

Boynton blieb vor ihm stehen. Er hielt den Kopf etwas gesenkt, der Schatten seines Stetsons fiel über das festgefügte Gesicht. Er machte eine unsichere Handbewegung.

„Billy, ich ... ich weiß nicht, ob du mich verstehst ...“

„Zum Kuckuck, was willst du?“, knurrte Rugger schroff.

Boynton hustete.

„Billy, es ... es tut mir leid. Ich ... Es war nicht recht von mir, nicht wahr?“

Billy Chetwood zog die Augenbrauen zusammen.

„Wie soll ich das verstehen?“

Boynton zögerte kurz. Dann sagte er entschlossen: „Ich möchte zurückkommen — wenn du es noch willst, Billy. Ich möchte die Ranch nicht im Stich lassen.“

Billy sog tief den Atem ein. Cubitt rief: „Das ist ein Wort, Fess, das manches wieder gutmacht!“

Nur Ruggers Miene blieb finster.

„Nicht so voreilig, Zack!“, brummte er.

Boynton sagte schnell: „Billy, ich kann es dir nicht verdenken, wenn du von mir enttäuscht bist. Aber — nun, es ist mein Ernst. Wenn du keinen Wert mehr auf meine Anwesenheit legst, dann sag es nur.“

„Du weißt, dass wir jeden Mann gebrauchen können, Fess. Aber du weißt auch, dass es für die Broken Arrow Ranch ziemlich schlimm aussieht, nicht wahr?“

Boynton nickte.

„Du hast Grund, mich für einen Feigling zu halten ...“

„Nein, nein, Fess, das meine ich nicht. Ich will nur sagen, dass nicht nur die Arbeit eines Cowboys auf dich wartet, wenn du bleibst.“

„Ich hatte Zeit genug, darüber nachzudenken.“

„Nun gut, Fess, dann bring dein Pferd in den Corral und ...“

Charley Rugger unterbrach ihn mürrisch: „Billy, bist du nicht zu voreilig?“

„Was meinst du damit?“

„Ich traue ihm nicht, das ist es!“, erklärte Rugger hart.

„Charley!“, stieß Fess Boynton zornig hervor. „Willst du schon wieder anfangen?“

Der junge Rancher legte dem schnurrbärtigen Weidereiter eine Hand auf die Schulter.

„Sei vernünftig, Charley, vergiss den Streit zwischen dir und Fess!“

„Vergessen?“ Rugger schüttelte heftig den Kopf. Seine Augen funkelten. „Er hat versucht, mich zu töten.“

„Das ist nicht wahr!“, rief Boynton. „Ich wollte nur ...“

„Sei still!“, fuhr Rugger ihn an. „Ich bleibe dabei: Du wolltest mich erschießen! Das war kein Warnschuss. Versuche nur nicht, mir das einzureden!“

Boynton zuckte die Achseln und schaute Billy an.

„Ich will mich gewiss nicht aufdrängen — aber, wenn es so ist, wie Charley sagt, warum soll ich dann zurückgekommen sein?“

„Weil du einen ganz bestimmten Grund dafür hast“, knurrte Rugger.

„Einen Grund? Welchen Grund denn?“

„Ich werde es eines Tages herausfinden“, sagte Rugger hart.

„Nun gut“, hob Boynton die Schultern. „Ich wollte nur das Beste. Ich habe heute Vormittag falsch gehandelt, ich wollte es gut machen. Aber genauso gut kann ich auch wieder abziehen.“

„Vergiss es, Fess!“, sagte Billy rasch. „Charley wird sich schon beruhigen.“

„Ich glaube, Billy“, murmelte Rugger leise, „du siehst manches nicht klar genug. Dieser Durango wäre mir tausendmal lieber gewesen als ...“

„Genug jetzt damit!“, sagte Billy ärgerlich. „Fess, du bleibst bei uns!“

Rugger wollte wieder etwas sagen. Doch der alte Cubitt fasste ihn hart am Oberarm und schüttelte unwillig den Kopf. Charley Rugger schwieg.

„Kommt herein!“, sagte Billy mit einer einladenden Handbewegung. „Wir wollen uns alle einen Drink genehmigen. Einverstanden?“

„Wer würde da wohl nein sagen?“, lachte Cubitt trocken.

„Weißt du, Billy, was ich mir überlegt habe?“, sagte Boynton, während sie ins Ranchhaus gingen. „Es wäre doch gut, wenn wir die Rinderherde in die Nähe der Ranch brächten. Wir könnten sie dann von hier aus unter Kontrolle halten und brauchen uns nicht zu zersplittern.“

„Ein guter Vorschlag“, bestätigte der Rancher. „Wartet mal, ich mache Licht!“

„Das Nächstliegende für die Banditen aus den Yellow Cliffs ist meiner Meinung nach, dass sie die Herde kassieren“, redete Boynton weiter. „Wir sollten deshalb nicht zu lange damit warten. Was meinst du?“

„Ich bin froh, dass du zurückgekommen bist, Fess“, erklärte Billy schlicht, während er ein Zündholz anriss und den Docht der Petroleumlampe in Brand setzte. „Ja, du hast recht. Wir werden morgen bei Tagesanbruch losreiten. Jetzt haben wir ja wieder einen Mann mehr — genug, um die Herde zu treiben.“



13

„Bis Mittag sind wir zurück, Old Zack“, sagte Billy lächelnd vom Pferd herab. „Richte eine gute Mahlzeit her, wir werden hungrig wie die Wölfe sein!“

Dann winkte er Boynton und Rugger zu und setzte seinen Gaul in Bewegung. In eine Staubwolke gehüllt, galoppierten sie von der Ranch. Zack Cubitt schaute ihnen nach, bis sie zwischen den Hügeln verschwunden waren. Dann wandte er sich ab, humpelte zur offenen Tür des Küchenanbaus, setzte sich auf die kantige Schwelle und holte seine alte Tabakspfeife hervor.

Das Morgenlicht spülte golden über das weite stille Land. Schon war zu spüren, dass der Tag so heiß wie die vorangegangenen Tage werden würde. Die felsigen Hänge der Yellow Cliffs gleißten gelb im Sonnenschein. Am strahlend blauen Himmel stand keine einzige Wolke. An den hohen Gräsern trockneten die letzten Tautropfen. Doch droben in der klaren Morgenluft trillerte eine Prärielerche - der einzige Laut ringsum.

Die Vogelstimme verstummte schlagartig. Aber der alte Mann bemerkte es nicht. Der Tabak im Pfeifenkopf glühte rot, blaugrauer Rauch kräuselte hoch. Gedanken kamen und gingen — Gedanken, die der Vergangenheit galten, einer rauen Zeit im Sattel unter sengender Sonne. Die Zeit schien stillzustehen. Die Sorgen der Gegenwart verblassten. Zack Cubitts Blick schien in weite Ferne gerichtet.

Er wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als ihn plötzlich das deutliche Pochen von Pferdehufen aus seiner Versunkenheit hochschreckte. Der Oldtimer hob den Kopf — und sah die Reiter, die den Rand des Ranchhofes erreicht hatten. Vier Männer — drahtige Gestalten mit finsteren, verschlagenen Gesichtern. Und einen von ihnen kannte Cubitt. Es war der dunkelhaarige Bandit, der ihn am vergangenen Tag mit dem Lasso brutal vom Ranchwagen geholt hatte: Tab Rifton, der Mann, der seinen Partner kaltblütig ermordet hatte, als dieser zum Verräter werden wollte.

Cubitt schleuderte die Pfeife fort. Er sprang auf. Sein Holzbein fand nicht gleich den richtigen Halt. Er wankte und klammerte sich am Türrahmen fest. Die vier Reiter hielten ihre Gäule an und grinste höhnisch.

„Hallo, Großvater!“, sagte Rifton. „So sehen wir uns also wieder. Diesmal kommst du nicht mehr so einfach davon, das verspreche ich dir.“

Plötzlich hielt der Bandit einen Revolver in der Faust. Die anderen zogen ebenfalls.

Cubitts faltiges Gesicht wurde grau. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Sein Herz hämmerte wie wild. Er dachte an den jungen Rancher, der mit seinen beiden Begleitern jetzt ahnungslos durch die Hügel ritt. Und er verwünschte seine eigene Sorglosigkeit.

„Was wollt ihr hier?“, keuchte er.

„Wir sprachen gestern von einem Feuerchen, nicht wahr?“, grinste Rif ton scharf. „Heute begnügen wir uns nicht damit, einen Wagen und einen Haufen Storeeinkäufe in Flammen aufgehen zu lassen. Verstehst du mich?“

Cubitts Augen weiteten sich.

„Nein!“, rief er erstickt. „Nein, das dürft ihr nicht tun!“

Einer der Banditen lachte schallend. Rifton sagte scharf: „Nur ganz ruhig, Alter! Nimm die Arme hoch und komm ein bisschen näher!“

„Nein, ich ...“

Plötzlich ließ sich Cubitt nach hinten fallen. Er handelte in wilder Verzweiflung. Sein eigenes Leben war ihm auf einmal völlig egal. Nur ein Gedanke war in ihm: Er musste diese skrupellosen Verbrecher aufhalten!

Rifton schoss sofort. Die Kugel strich direkt über den alten Cowboy hinweg in die Küche hinein. Cubitt verbiss den Schmerz des harten Aufpralls und rollte herum, um von der offenen Tür wegzukommen. Draußen peitschten jetzt Schüsse in rasender Folge. Holz knirschte unter den wuchtigen Einschlägen. Eine Kugel schepperte laut gegen den gusseisernen Ofen, über dem in einer langen Reihe Pfannen und Töpfe hingen. Hufschläge trommelten. Staub wehte über den Hof.

Cubitt kam ächzend hoch. Sein Rücken schmerzte. Er stieß rasch die Tür zu und holte dann den Revolver aus dem Holster. Vorsichtig schob er sich an das schmale Fenster heran. Er riskierte einen schnellen Blick und stellte fest, dass der Ranchhof leer lag. Schüsse und Hufgetrappel waren verstummt. Nur die Spuren im gelben Sand waren zu sehen. Jähe Hoffnung wallte heiß in Zack Cubitt auf. Dann sagte er sich, dass die Banditen gewiss nicht einfach abgezogen waren. Sie wussten, dass er allein war. Sie würden nicht eher reiten, bis sie ihr Vorhaben ausgeführt hatten. Er knirschte grimmig mit den Zähnen. Er musste plötzlich an den gestrigen Abend denken, an das Misstrauen, das Charley Rugger Boynton gegenüber gezeigt hatte. Fess hatte den Vorschlag gemacht, die Rinderherde so bald wie möglich näher an die Ranch heranzutreiben. Sollte er ...?

Tab Riftons Stimme kam über den leeren Hof: „Alter, was bildest du dir eigentlich ein, heh? Willst du dich auf einen Kampf einlassen? Du solltest uns doch jetzt schon kennen. Sei vernünftig und komm aus deinem Bau!“

Wut stieg in Cubitt hoch.

„Halt deinen Mund, Bandit!“, brüllte er. „Ich werde es euch schon zeigen!“

„Verrückt!“, lachte irgendwo eine andere Stimme. „Der Kerl ist übergeschnappt! Der meint tatsächlich ...“ Die weiteren Worte konnte Cubitt nicht mehr verstehen. Er humpelte quer durch den Raum und nahm das Gewehr, das in der Ecke lehnte: eine schwerkalibrige Sharps Rifle, die er früher zum Büffeljagen benutzt hatte. Er überprüfte sorgfältig die Ladung und nahm wieder seine Position am Fenster ein. Es war totenstill draußen — die Stille zerrte an seinen Nerven. Er spürte das Klopfen seines Herzens bis in die Kehle. Sein Blick tastete die Stallecken ab, den Schuppen, das Ranchhaus, das nur halb in seinem Blickfeld lag, und den Corral. Nirgends war ein Mensch zu sehen. Aber irgendwo da draußen waren sie, daran gab es keinen Zweifel. Und sie waren bestimmt nicht untätig!

Der Oldtimer krampfte die Finger hart um das Gewehr. Er dachte mit Unbehagen, dass er hier in dem kleinen Bretterbau, in dem die Küche untergebracht war, wie in einer Falle saß. Es gab nur dieses eine Fenster neben der Tür. Er hätte viel dafür gegeben, jetzt im massiven Ranchblockhaus zu sein. Aber er konnte es nicht wagen, hinauszugehen. Er war zu langsam, das wusste er, viel zu langsam. Stirnrunzelnd blickte er auf sein Holzbein hinab. Er hatte sich in den letzten Jahren daran gewöhnt. Jetzt aber durchflutete ihn die alte Bitterkeit. Er war nur ein halber Mensch und diesen vier Raubreitern bestimmt nicht gewachsen.

Hinter der Stallecke blitzte es auf. Die Kugel schlug splitternd in die Vorderfront der Hütte. Cubitt zuckte zusammen, hob das Gewehr und suchte nach einem Ziel. Wieder Schüsse — zwei, drei in schneller Reihenfolge. Das Dröhnen hallte über den Hof und wurde von den Hügeln zurückgeworfen. Aber da war nur das grelle Mündungsfeuer und nicht einmal der Schatten des Schützen. Cubitt presste die Lippen zusammen, Eine höhnische Stimme rief: „Nun, Mister, wie gefällt dir das? Wir haben eine Menge Zeit und bekommen dich schon klein.“

„Ihr Verbrecher!“, schrie Cubitt wütend. „Kommt doch endlich! Kämpft doch einmal wie Männer, ihr feigen Schufte!“

Die Antwort war ein höhnisches Gelächter. Cubitts Hände bebten vor Zorn.

Im nächsten Augenblick hörte er das leise Scharren an der Rückwand der Hütte. Er hielt den Atem an und duckte sich unwillkürlich. Der Bandit hinter dem Stall rief: „Wollen wir wetten, Alter, dass es keine zehn Minuten mehr dauert?“

Cubitt hörte nicht mehr auf ihn. Er zog sich etwas vom Fenster zurück und lauschte nur noch auf das verhaltene Kratzen und Scharren hinter der Hütte. Der Schreck fuhr ihm eisig über den Rücken, als er begriff, dass ihn der Bandit hinter dem Stall nur ablenken wollte. Denn mindestens einer der Banditen war da hinter dem Küchenanbau. Zack Cubitt schluckte. Das Gewicht der Sharps Rifle in seinen Händen schien sich plötzlich verdoppelt zu haben.

An der Bretterwand war es jetzt still. Von der Stallecke her krachten wieder ein paar Schüsse. Jemand lachte heiser. Ein Pferd wieherte laut. Das Echo der Detonationen verrollte. Zack Cubitt glaubte ein leises Knistern zu hören. Mit angespannter Miene beugte er sich vor. Er hatte sich nicht getäuscht. Da war ein Knistern und Prasseln, das schnell lauter wurde. Und dann roch Cubitt den Rauch!

Sie hatten dürres Holz an der Rückwand des Küchenanbaus aufgeschichtet und Feuer gelegt. In zehn Minuten würde die Hütte längst in Flammen stehen. Dann blieb ihm nur eine Wahl: Er musste hinaus! In den Kugelregen der Banditen aus den Yellow Cliffs.



14

„Da ist die Herde!“, sagte Billy Chetwood und brachte sein Pferd neben einem dornigen Comasstrauch zum Stehen. Er wandte sich an Boynton und Rugger. „Fess, du nimmst die linke Flanke. Charley, du treibst rechts. Ich werde mich um die Nachzügler kümmern. Also los!“

„Warte mal!“, sagte Rugger schnell.

„Was ist, Charley?“

Rugger hielt den Kopf schief.

„Habt ihr es nicht gehört?“

„Was gehört?“

„Es klang wie Schüsse.“

Die Ruhe verschwand aus Billys Miene.

„Schüsse?“ Er lauschte. „Ich höre nichts!“

„Nein, jetzt ist es still“, murmelte Rugger düster.

„Du hast dich getäuscht, Charley“, sagte Billy.

„Ich weiß nicht — vielleicht.“

„Reiten wir!“, sagte der junge Rancher etwas nervös. „Sehen wir zu, dass wir die Herde bald in die Nähe der Ranch bringen. Wir treiben den Weg zurück, den wir eben gekommen sind.“ Er trieb sein Pferd voran und ritt auf die Rinder zu, die friedlich in einer weiten Senke grasten. Boynton folgte ihm.

„Was ist, Charley? Kommst du nicht?“ Billy schaute über die Schulter. Er wurde kreidebleich, als sein Blick auf eine Stelle zwischen zwei Hügelkuppen traf. Eine dünne Rauchsäule stand dort vor dem Blau des Himmels. Billy riss sein Pferd herum. Es schnaubte dumpf.

„Charley! Fess!“, schrie er. „Seht doch!“

Rugger schlug die geballte Rechte auf die Sattelpausche.

„Das ist bei der Ranch!“, keuchte er.

Billys Finger krampften sich um die Zügel, dass die Knöchel weiß hervorsprangen.

„Sie haben Feuer gelegt! Sie haben ... Großer Himmel, und Old Zack ist allein!“

Billy hatte die Rinder vergessen. Seine Augen brannten, während er noch immer auf die Rauchsäule starrte, die allmählich breiter wurde und sich dunkler färbte.

„Wir müssen zurück, sofort“, stieß er in wilder Erregung hervor. „Vorwärts, Männer, holt alles aus euren Pferden heraus!“ Er drückte seinem Gaul die Sporen in die Weichen.

Fess Boynton zog in diesem Moment seinen Colt.

„Halt, Billy! Halt sofort an, sonst schieße ich!“ Seine Stimme klirrte.

Billy Chetwood riss sein Pferd hart zurück. Er wandte den Kopf. Erschrecken und Ungläubigkeit standen in seinen Augen.

„Fess!“, keuchte er. „Fess, das ist ...“

„Keine Bewegung, Billy! Nur ganz ruhig!“, befahl Boynton kalt. „Das gilt auch für dich, Charley!“ Er saß steif im Sattel. Das Licht der Sonne brach sich blitzend an seinem Coltlauf.

„Ich ahnte es doch!“, knurrte Rugger wütend. „Wir sollten ihm nicht getraut haben, diesem falschen Kerl! Fess, ich hoffe nur, dass ich einmal Gelegenheit bekomme, mit dir abzurechnen!“

„Halt die Klappe!“

.„Fess“, stieß Billy hervor, „das kannst du doch nicht tun. Was soll das?“

„Das wirst du gleich sehen!“

„Mann, denk an Old Zack! Er ist ganz allein auf der Ranch und ...“

„Es sollte nicht anders sein“, erklärte Boynton. Ein höhnisches Lächeln lag auf seinen Lippen.

„Du ... du hast uns also mit Absicht ...“

„Es ging einfacher, als ich dachte.“

Billy schluckte. „Du arbeitest mit den Banditen zusammen!“

„Von Anfang an. Nur deshalb habe ich Arbeit auf der Broken Arrow Ranch genommen.“

„Gemeiner Verräter!“, schrie Rugger.

Billy hatte sich einigermaßen gefasst. „Was jetzt, Fess?“

Boynton gab keine Antwort. Er hob den Colt und jagte einen Schuss in die Luft. Gleich darauf erschien ein Reiter in einer Hügellücke.

„Alles in Ordnung, Fess?“, wehte sein Ruf heran.

„Sicher, Cole, du kannst kommen.“ Boynton ließ Billy und Rugger nicht aus den Augen.

Der Reiter näherte sich in gestrecktem Galopp. Dicht vor der Gruppe zügelte er seinen Rapphengst in hartem Cowboystop. Er war ein großer, kräftiger Mann mit einem eckigen Gesicht, einer scharf gebogenen Nase und stechenden grauen Augen. Flachsblondes Haar lugte unter dem Rand seines flachkronigen Hutes hervor. Ein grimmiges Lächeln spielte um seine Lippen.

„Hallo, Gents!“, sagte er spöttisch. Er legte beide Hände aufs Sattelhorn und musterte Billy und den Cowboy.

„Wenn Sie ein Freund dieses Verräters sind“, brummte Charley Rugger wütend, „dann scheren Sie sich zum Satan.“

„Nur keine Aufregung“, lächelte der Große dünn. Er blickte Billy an. „Sie sind Chetwood, nicht wahr?“

„Ja, was wollen Sie?“

„Chetwood“, sagte der Fremde eisig. „Sie waren ein Narr, als Sie die Ranch nach dem Tode Ihres Onkels weiterführten.“

Billy ballte die Hände.

„Sind Sie einer von denen, die Onkel Owen ...“

„Mein Name ist Cole Eagan. Ich bin der Boss der Leute aus Silverstone. Sagt Ihnen das genug?“

„Der Boss einer Banditenstadt!“, knurrte Rugger. „Sie sind wohl auch noch stolz darauf, was?“

„Mein Freund, Sie haben eine ziemlich spitze Zunge. Das gefällt mir nicht!“ Die Drohung in Eagans Worten war unverkennbar. Rugger brummte und spuckte zur Seite hinaus.

Boyntons Colt zuckte. Doch Eagan winkte rasch ab.

„Lass ihn, Fess! Meinst du, ich lasse mich von einem alten Kuhtreiber aus dem Gleichgewicht bringen?“ Er lachte leise. Seine ganze Haltung und sein Gesichtsausdruck zeigten eine unbeirrbare Selbstsicherheit. Er schaute Billy wieder an. „Nun, Chetwood, warum haben Sie nicht früher aufgegeben? Warum wollten Sie diese für Sie so aussichtslose Sache weiterführen?“

„Ein Mann wie Sie wird das wohl nie verstehen!“

„Ein Idealist also!“ Cole Eagan lachte spöttisch. „Junger Mann, eines Tages werden Sie noch herausfinden, dass es im Leben nur auf die nüchternen Tatsachen ankommt. Und diese Tatsachen stehen gegen Sie.“

„Das muss sich erst zeigen.“

„Genügt Ihnen das nicht?“, fragte Eagan beißend und deutete auf den Rauch, der über den Hügelkämmen hochquoll.

Billy presste die Lippen zusammen und schwieg.

„Von Ihrer Ranch wird nicht mehr übrigbleiben als ein verkohlter Trümmerhaufen“, sagte der Bandenboss kalt. „Jetzt gibt es nichts mehr, wofür es sich für Sie zu kämpfen lohnte.“

„Sind Sie gekommen, um mir das zu sagen?“

„Warum nicht? Ein Mann wie ich genießt gerne einen Triumph“, sagte Eagan selbstgefällig. „Sie sollten übrigens froh sein, wenn wir Sie am Leben lassen.“

„Soll das auch noch eine große Gnade sein, was? Und was wird aus Old Zack Cubitt? Was ist mit ihm?“

„Wenn er sich gewehrt hat, war es ein großer Fehler“, grinste Cole Eagan gemein.

Billys Hand zuckte.

Boynton sagte warnend: „Tu’s nicht, ich bin schneller!“

„Ihr Schufte!“, keuchte Billy. „Ihr ...“

„Was wollen Sie!“ Eagan zuckte die Schultern. „Sie sind selber schuld. Hätten Sie früher aufgegeben!“

„Verschwinden Sie, Eagan! Ich ertrage Ihren Anblick nicht mehr!“

„Tut mir leid!“, höhnte der Verbrecher. „Ein paar Minuten müssen Sie mir schon noch widmen.“

„Und? Was gibt es noch?“

Eagan bückte sich, schnallte die Satteltasche auf und holte einen beschriebenen Papierbogen hervor. Er reichte ihn Billy hinüber und sagte: „Das ist der eigentliche Grund für mein Kommen, verstehen Sie?“

„Was soll das?“

„Lesen Sie nur!“, lächelte Eagan. „Und dann unterschreiben Sie! Feder und Tinte habe ich mitgebracht — ein Mann, der an alles denkt, nicht wahr?“

Billy überflog rasch die Zeilen. Er runzelte die Stirn. Sein Gesicht wurde finster.

„Eine Bestätigung, dass ich Ihnen die Broken Arrow Ranch übereigne! Sind Sie verrückt geworden?“

„So würde ich es nicht nennen.“ Eagans Grinsen verstärkte sich. In seinen stechenden Augen erschien ein tückisches Lauern. „Es ist nur der Abschluss meiner Aktion gegen Sie. Liegt es nicht auch in Ihrem Interesse, diese Sache zu erledigen?“

„Sie wollen also als rechtmäßiger Besitzer der Broken Arrow Ranch gelten? Warum, Eagan? Warum sind Sie so sehr bemüht, diese Ranch in Ihre Hände zu bekommen? Sie sind dafür vor nichts zurückgeschreckt. Warum das alles?“

„Die Ranch ist mir eben viel wert.“

„Sag es ihm doch, Cole!“, meinte Fess Boynton.

„Nun gut, meinetwegen. Sehen Sie, Chetwood, mir genügt es nicht, in einer verlassenen, einsamen Stadt wie Silverstone zu regieren. Ich bin ein Mann, der Macht schätzt. Meine Leute und ich, wir wollen uns nicht immer in den Bergen verkriechen müssen. Wir fühlen uns stark genug, ein ganzes County unter unsere Herrschaft zu bringen, verstehen Sie? Dazu brauchen wir jedoch einen günstigeren Ausgangspunkt, als es Silverstone ist. Einen Ort, von dem aus wir die Umgebung besser kontrollieren können — und der doch nicht zu weit von den geschützten Yellow Cliffs entfernt liegt. Die Broken Arrow Ranch ist genau das Richtige für uns. Oder können Sie mir eine andere Ranch nennen, die günstiger liegt?“ Er lachte zufrieden.

„Ich fürchte nur, Ihre Rechnung geht nicht auf, Eagan!“

„Das sagen Sie nur so hin.“

„Hören Sie, Eagan“, sagte Billy entschlossen und beugte sich im Sattel vor. „Ich werde diesen Wisch nicht unterschreiben!“

„Das wäre sehr dumm von Ihnen. Dann wären wir nämlich gezwungen, die ganze Sache fortzusetzen. Wofür kämpfen Sie denn eigentlich noch? Für die Trümmer Ihrer Ranch?“

„Reiten Sie, Eagan!“

„Erst, wenn Sie unterschrieben haben!“

Billy blickte den Bandenführer scharf an, dann riss er mit einem schnellen Ruck den Papierbogen entzwei. Er ließ die beiden Fetzen ins Gras flattern.

„Das ist meine Antwort!“

„Du störrischer Esel!“, zischte Fess Boynton. „Du ...“

„Reg dich nicht auf, Fess!“, sagte Cole Eagan völlig ungerührt. „So eine Bestätigung ist schnell geschrieben.“

„Die Arbeit können Sie sich sparen“, erklärte Billy heftig.

„Sind Sie davon wirklich überzeugt?“

„Sie können mich nicht zwingen, zu unterschreiben. Und wenn Sie jetzt schießen, dann werden Sie meine Unterschrift nie erhalten.“

„Ich denke nicht daran, zu schießen“, lächelte Eagan siegesgewiss. „Ich lasse Sie und Ihren Kuhtreiber ruhig reiten. Seht euch nur an, was von der Ranch übrigblieb. Und dann überlegen Sie sich, Chetwood, ob es für Sie wirklich noch einen Wert hat, sich mir zu widersetzen. Well, ich freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Addios!“ Der Banditenboss zog seinen Rappen herum und galoppierte davon. Boynton zögerte einen Moment und preschte dann hinter ihm her. Ruggers Hand sauste zum Holster.

„Mann sollte beiden eine Kugel in den Rücken jagen!“ Aber er holte den Colt nicht heraus — und Sekunden später waren die beiden Desperados zwischen den gelben Hügeln verschwunden.

Billy seufzte tief auf.

„Charley, ich fürchte nur, dieser Eagan hat recht. Hat es tatsächlich einen Sinn, um eine zerstörte Ranch zu kämpfen?“

Der Rauch kräuselte noch immer über den Hügeln. Das ferne Krachen der Schüsse war längst verstummt.



15

Tab Rifton drückte sich an die Balkenwand des Stalles und lud die Colttrommel nach. Gras raschelte neben ihm. Das schnelle Atmen eines Mannes war zu hören. Er drehte den Kopf und sah in ein grinsendes Gesicht.

„Gleich ist es soweit, Tab! Gleich treibt ihn das Feuer heraus!“

Sie starrten gemeinsam zum Küchenanbau hinüber, dessen Rückwand in hellen Flammen stand. Dichter Rauch quoll hoch in den Himmel hinauf. Prasseln und Knacken füllte die Luft. Ascheteilchen und Funken wirbelten auf.

„In ein paar Minuten brennt auch das Haupthaus“, sagte der Bandit neben Rifton. „Dann bleiben uns nur noch der ... Da, siehst du, Tab? Jetzt macht er vorsichtig die Tür auf.“ Er streckte erregt eine Hand aus.

Rifton nickte gelassen.

„Wo sind Earl und Hud?“

„Hinter der Scheune. Du kannst dich darauf verlassen, dass sie ihn erwischen.“

„Gut!“, nickte Rifton und wog den Colt in der Faust.

Die Tür des Küchenanbaus stand einen breiten Spalt offen. Rauchschwaden zogen heraus. Undeutlich war ein trockenes Husten durch das Knistern des Brandes zu hören.

„Drei Minuten — mehr gebe ich ihm nicht“, sagte Riftons Komplice heiser.

„Jetzt!“, keuchte Riftons Begleiter. „Jetzt kommt er!“

„Ihr solltet lieber hierher sehen!“, sagte eine harte Stimme hinter ihnen.

Sie wirbelten gleichzeitig herum. Zehn Schritt von ihnen entfernt stand ein Mann — groß, aufrecht, hager. Ein riesiger mexikanischer Sombrero beschattete ein dunkelbraunes zerfurchtes Gesicht. In jeder Faust lag ein langläufiger Navy Colt.

„Du verwünschter Bursche!“, schrie Rifton schrill und schoss sofort. Neben ihm bellte der Revolver des zweiten Desperados.. Durango stand wie aus Stein gemeißelt.

Sekundenbruchteile früher, als die Revolver der Banditen knallten, zuckten Feuerlanzen aus seinen 45ern. Alles ging rasend schnell. Rifton griff sich aufschreiend an die Schulter und stürzte vornüber. Der andere Verbrecher wurde wie von unsichtbarer Faust an die Stallwand gestoßen. Seine Arme fielen schlaff herab, der Revolver klatschte zu Boden. Der Mann hielt sich nur mit äußerster Anstrengung auf den Beinen und starrte Durango aus glasigen Augen an.

Durango beachtete ihn nicht weiter. Mit langen Schritten kam er hinter der Stallecke hervor. Drüben erschien Zack Cubitt in der offenen Küchentür. Seine magere Gestalt war noch mehr als sonst verkrümmt. Dunkler Qualm umhüllte ihn. Er taumelte über die Schwelle. Durango sah die huschende Bewegung hin ter dem Schuppen und schrie scharf: „Nieder, Old Zack! Zu Boden!“

Cubitt hörte den Ruf nicht. Er wankte weiter, das Gewehr fest an die Hüfte gepresst.

Durango rannte los. Ein Mann erschien hinter der Schuppenecke und feuerte auf Cubitt. Der einbeinige Cowboy wurde herumgerissen. Ein Schuss löste sich aus seinem Gewehr, dann lag er am Boden und rührte sich nicht mehr.

Durango schoss. Der Mann beim Schuppen brüllte auf und verschwand hinter dem Gebäude. Durangos Gesicht glich einer Bronzemaske, als er auf Cubitt zulief. Aus den Augenwinkeln spähte er zum Schuppen hin. Er sah einen Schatten und jagte sofort zwei Kugeln aus seinem rechten Colt. Jemand fluchte laut auf. Pferde wieherten. Hufestampfen trieb heran. Dann rief eine heisere Stimme: „Wo ist Tab? Zum Teufel, wo bleibt er nur?“

Jemand gab eine Antwort, die Durango nicht verstand. Er langte bei Cubitt an und kniete neben ihm nieder. Der Alte schlug die Augen auf und starrte ihn an.

„Durango!“, murmelte er überrascht. „Sie kommen wohl immer im rechten Augenblick, was?“

Hinter dem Schuppen setzte Hufgetrappel ein. Die Schatten zweier Reiter huschten über den gelben Sand des Ranchhofes. Hinter der Stallecke schrie ein Bandit: „Hud, Earl, nehmt mich mit! Tab ist hier, er ist bewusstlos!“

Durango kümmerte sich nicht um die Banditen. Er steckte die Colts in die Holster und untersuchte Cubitt. Die Kugel hatte den Oldtimer hoch an der rechten Seite, dicht hinter der Achsel, erwischt. Eine schmerzhafte, aber nicht lebensgefährliche Fleischwunde.

„Kümmern Sie sich jetzt nicht um mich!“, keuchte Cubitt. „Die Ranch ist wichtiger, hören Sie? Das Feuer ... Wenn es nicht gelöscht wird, dann ... ist alles verloren.“

Vier Pferde preschten an den Corrals vorbei zu den Hügeln hin. Zwei der Banditen wurden von den beiden anderen Männern gestützt. Bald verschleierte der aufwirbelnde Staub die Gestalten der Fliehenden. Durango wandte den Blick von ihnen ab und schaute auf den Küchenanbau.

Die Hütte brannte lichterloh. Balken brachen funkensprühend nieder. Glimmende Holztrümmer wirbelten durch die Luft. Die Flammen fraßen sich bereits zur Giebelwand des Ranchhauses hin, und Durango fragte sich voller Sorge, ob es ein einzelner Mann noch schaffen konnte, den Brand zu löschen.



16

„Schneller!“, keuchte Billy Chetwood. „Schneller, Charley!“

Sie fegten im Galopp den Hügel hinauf, der sie von der Ranch trennte. Rauchgeruch hing in der unbewegten Luft. Über dem grasbewachsenen Höhenkamm zeichnete sich nur noch dünner Qualm ab. Billys Gesicht war schneeweiß. Verzweiflung flackerte in seinem Blick. Er hatte schreckliche Angst davor, zu sehen, was auf der anderen Hügelseite auf ihn wartete. Und doch trieb ihn irgendetwas zu wilder Eile.

Schaum flockte von den Nüstern ihrer Pferde. Die Hufe trommelten einen rasenden Wirbel. Sattelleder quietschte. Lockeres Gestein rieselte hangabwärts.

„Billy!“, rief Rugger heiser hinter ihm. „Sei vorsichtig, Billy! Vielleicht sind sie noch nicht abgezogen und ...“

Billy Chetwood hörte nicht. Er spornte sein Pferd und hatte in der nächsten Sekunde die Höhe erreicht. Ein Ruck ging durch seine schlanke Gestalt. Er zügelte seinen Gaul so hart, dass das Tier schrill aufwieherte. Erdklumpen wirbelten unter den Hufen hoch.

„Billy!“, schnaufte Rugger verzweifelt. „Was ist?“

„Charley!“, schrie der junge Rancher, und seine Stimme überschlug sich fast. „Sieh nur, Charley!“

Dann langte Rugger neben ihm an. Der Atem stockte ihm. Seine Augen wurden weit.

„Das ist“, sagte Billy tonlos neben ihm, „das ist .... Himmel, wie ein Wunder ist es!“

Der Küchenanbau war niedergebrannt, und Rauch wehte über den verkohlten Balken und Pfosten. Aber sonst war alles heil geblieben. Der Giebel des Ranchhauses war angekohlt, aber das Feuer hatte keinen Schaden mehr angerichtet. Und an einem Pfeiler des Vordaches lehnte eine gekrümmte grauhaarige Gestalt und winkte zu ihnen herauf.

„Old Zack!“ Charley Rugger schluckte. Sein sonst so grimmiges Gesicht wirkte merkwürdig sanft. Er zupfte an den Enden seines buschigen Schnurrbartes und musste wieder schlucken.

Neben ihm trieb Billy mit einem heiseren Ruf sein Pferd den Hang hinab. Rugger folgte ihm sofort. Sie ließen sich eilig vor Old Zack Cubitt von den Pferden rutschen. Der Sand des Hofes war von Spuren zeirwühlt. Patronenhülsen lagen verstreut. In Cubitts alten Augen lag ein seltsamer Schimmer.

„Da seid ihr ja endlich!“, sagte er sanft.

„Zack!“, keuchte Billy. „Mann, wie hast du das nur geschafft?“ Dann sah er den dicken Verband unter Cubitts zerschlissenem Hemd. „Du bist verwundet, Zack? Komm schnell ins Haus, ich ...“

„Keine Sorge, es ist alles in Ordnung. Die Wunde ist nicht so schlimm, dass ich es nicht aushalten würde. Ich bin ein alter, aber zäher Kerl, weißt du?“

„Wie viele waren es?“, fragte Rugger grimmig.

„Vier Kerle. Einer von ihnen war gestern im Hohlweg dabei. Wo habt ihr Fess gelassen?“

„Fess? Der Schuft war ein Verräter. Wir werden es dir später erzählen. Sie wollten die ganze Ranch niederbrennen, was? Vier Mann? Ich verstehe nicht, wie du mit ihnen fertig geworden bist.“

„Ich?“ Cubitt schüttelte den Kopf. „Nein, so ein Kämpfer bin ich doch nicht mehr! Die Schurken hätten mich erwischt. Und das Feuer? Ich hätte es nicht fertiggebracht, es zu löschen. Dieser Mann hat wie ein Stier gearbeitet — und ich konnte ihm kaum helfen, die Eimer aus dem Brunnen zu ziehen, so erledigt war ich.“

„Welcher Mann?“, fragte Billy schnell.

„Nun, da kommt wohl nur einer in Frage, wie?“

„Durango?“, flüsterte Billy, und sein Blick wurde starr.

„Durango!“, nickte Zack Cubitt ernst. Eine Weile war es totenstill.

Dann fragte Billy leise: „Und wo ist er jetzt?“

Cubitt zuckte hilflos die Schultern.

„Fortgeritten, einfach fortgeritten, als sei das ganz selbstverständlich.“

Wieder herrschte Schweigen. Billy starrte zu Boden. Eine Patronenhülse glänzte dicht vor seinen Stiefelspitzen. Endlich ruckte sein Kopf hoch. Er blickte Zack Cubitt in jäher Entschlossenheit fest an.

„Wohin ist er?“

Der Einbeinige streckte eine Hand aus.

„Nach Norden, in die Hügel hinein. Ich weiß nicht, ob ...“

„Schon gut, Zack!“, murmelte Billy und wandte sich hastig ab.

Jetzt ließ sich Charley Rugger vernehmen: „Billy, was hast du vor?“

Billy antwortete nicht. Er schwang sich auf sein Pferd und wendete. Staub wolkte unter den Hufen auf. Die Gebisskette klirrte. Billy Chetwood spornte das Pferd zum Galopp und ritt nach Norden in die Hügel hinein ...



17

Der einzige Saloon von Silverstone war das Hauptquartier der Bande, die Cole Eagan um sich gesammelt hatte: Ein windschiefes Brettergebäude mit verwaschener Außenfront, schmucklos, niedrig und verschmutzt. Im Saloon lagerte dichter Tabaksqualm unter der verrußten Decke. Die hartgesichtigen Männer an den Tischen schwiegen betreten. Aller Blicke waren auf Eagan gerichtet. Der Bandenboss stand an einem Fenster und starrte durch die vom Staub fast blinden Scheiben ins Freie.

Vor ihm lag die einzige Straße von Silverstone. Links und rechts jeweils ein halbes Dutzend baufälliger Häuser mit den dazugehörigen Schuppen und Stallungen - das war alles. Es war lange her, dass in den Yellow Cliffs nach Silber geschürft worden war. Über zehn Jahre war Silverstone unbewohnt gewesen — eine öde, verlassene Geisterstadt, wie es so viele bereits im Westen gab. Und als Cole Eagan mit seiner wilden Horde hier eingezogen war, hatte es niemand für wert befunden, Ordnung zu schaffen und das Äußere dieser kleinen Stadt aufzufrischen. Leere Fässer, Kisten und sonstiges Gerümpel lagen in den schattigen Nischen. Zerbrochene Fensterscheiben klafften düster. Spinnweben hingen unter eingeknickten Verandadächern. Und überall war Staub zu sehen, gelber Staub, wie es ihn in den Yellow Cliffs so häufig gab.

Eagan presste die Zähne zusammen. Seine Wangenmuskeln arbeiteten. Es wurde wahrhaftig Zeit, dass sie sich ein anderes Hauptquartier verschafften. Diese elende Stadt war nichts für ihn. Er drehte sich um und musterte mit seinen stechenden Augen die vier Männer, die erschöpft an der Theke lehnten. Der hohlwangige Keeper füllte eben ihre leergetrunkenen Whiskygläser.

„Ihr habt es also nicht geschafft“, knurrte Eagan. „Zu viert habt ihr es nicht geschafft! Wofür seid ihr denn eigentlich gut, heh?“

Tab Rifton hielt eine Hand gegen seine verwundete Schulter gepresst. Er wich Eagans bohrendem Blick aus.

„Du warst eben nicht dabei, Cole. Du kannst es nicht genau beurteilen ...“

„Nicht beurteilen? Zum Teufel mit diesem Geschwätz! Von einem einzelnen Mann habt ihr euch in die Flucht jagen lassen. Was gibt es da noch zu beurteilen.“ Diesmal war nichts von dem selbstsicheren Lächeln auf seinen Lippen zu sehen. Wut funkelte in seinen Augen.

Rifton meinte zögernd: „Es kam alles so überraschend, Cole. Wir hatten keine Zeit ...“

„Ach was!“, unterbrach ihn Eagan schroff. „Einer gegen vier! Ich sollte euch davonjagen, jawohl, das sollte ich.“

„Du hast leicht reden, Cole“, brummte einer von Riftons Begleitern. „Dieser Kerl ist wie der Satan. Ich habe noch keinen Mann gesehen, der so schnell und sicher mit den Schießeisen umgehen kann. Und das bedeutet eine Menge, das weißt du. Verdammt, Cole, es ist dir doch klar, dass wir keine kleinen Jungen sind. Tab ist einer unserer besten Revolverschützen. Aber gegen diesen Sombreroburschen hatte er keine Chance. Du solltest ihn dir selber mal ansehen, Cole, dann würdest du anders reden.“

„Tatsache ist“, bellte Cole Eagan, „dass unser ganzer Plan ins Wasser fiel. Ich baute darauf, Chetwood klein zu bekommen, wenn er erst einmal die zerstörte Ranch sah. Und er wäre klein geworden, ich wette darauf.“

Fess Boynton erhob sich von seinem Stuhl, stellte sein halb volles Glas auf die Tischplatte und näherte sich dem Bandenführer.

„Vielleicht ist es sogar besser so, Cole. Wäre die Ranch niedergebrannt, hätten wir eine Menge Mühe mit dem Wiederaufbau gehabt, was? Und wer von uns arbeitet schon gerne. Cole, wir bekommen auch so Chetwood soweit, dass er mit Begeisterung eine Übereignungsurkunde unterschreibt.“

„Natürlich, aber es dauert noch einige Zeit. Dieser junge Narr wird uns noch erheblichen Widerstand entgegensetzen. Und wir werden vielleicht sogar Verluste haben!“

„Nein, Cole, es wird ganz einfach gehen — und ganz schnell.“

Eagans Miene spannte sich. Die Wut wich aus seinen grauen stechenden Augen.

„Du hast einen neuen Plan, Fess?“

Boynton nickte und lächelte verschlagen.

„Wenn du willst, Cole, wirst du schon morgen der neue Herr der Broken Arrow Ranch sein.“

„Lass hören, Fess!“

„Ich werde dir einen Trumpf in die Hände spielen, Cole, mit dem du Billy Chetwood zu allem zwingen kannst.“

„Ich hoffe, du machst keine Witze, Fess“, sagte Eagan scharf.

„Keineswegs!“ Boynton lächelte wieder. Dann dämpfte er etwas seine Stimme. „Hör zu, Cole! Es gibt da in Bannerhan ein Mädel, das Billy Chetwood ziemlich viel bedeutet. Jane Traven, sie besitzt einen kleinen Store und ist mit dem jungen Chetwood so gut wie verlobt.“

In Eagans Augen blitzte es auf.

„Ich verstehe!“ Er pfiff leise zwischen den Zähnen. „Du willst ...“

Boynton redete hastig weiter: „Jane Traven ist bestimmt noch der festen Meinung, dass ich für Chetwood im Sattel sitze. Es wird keine großen Schwierigkeiten geben. Ich werde nach Bannerhan reiten und Jane sagen, sie soll schleunigst hinaus auf die Broken Arrow Ranch kommen, Billy habe etwas Wichtiges mit ihr zu besprechen. Was denkst du, wie schnell sich das Mädchen auf den Weg machen wird. Cole, du brauchst nur ein paar Männer an der richtigen Stelle zu postieren, um sie abzufangen. Wir bringen sie dann hierher und schicken Billy Chetwood unsere Forderungen. Was bleibt ihm dann schon anderes übrig, als alles zu tun, was wir von ihm verlangen? Jane Traven bedeutet ihm mehr als die Ranch, das steht fest. Wenn du den Plan durchführen lässt, Cole, haben wir so gut wie gewonnen!“

Eagans eckiges Gesicht wurde glatt. Ein Lächeln verzog seinen Mund.

„Fess, du bist ein ganz gerissener Fuchs!“ Er schlug ihm auf die Schulter. „Ja, der Vorschlag ist gut, es kann gar nichts schiefgehen. Komm, Amigo, darauf nehmen wir einen Drink, und dann reitest du sofort los — nach Bannerhan, zur jungen Miss Traven!“



18

Durango war erst zwei Meilen von der Broken Arrow Ranch entfernt, als er Hufschläge hinter sich hörte. Er schaute über die Schulter. Ein langgestreckter Hügelrücken versperrte ihm die Aussicht. Er trieb seinen hochbeinigen Falben hinter ein dichtes Mesquitegebüsch und wartete reglos. Minuten später tauchte oben auf dem Hügelkamm ein Reiter auf und kam den grasbewachsenen Hang herabgejagt.

Durangos Haltung entspannte sich, als er Billy Chetwood erkannte. Aber im Hintergrund seiner Augen leuchtete verhaltene Unruhe. Mit den Schenkeln lenkte er das Pferd hinter den Sträuchern hervor. Es fiel ihm schwer, die Undurchdringlichkeit seiner Miene zu bewahren, während Billy herankam und schließlich dicht vor ihm hielt.

„Hallo!“, sagte Durango knapp. „Sind Sie hinter mir hergeritten?“ Nichts in seiner Stimme verriet seine Aufgewühltheit. Irgendwie fühlte er eine tiefe Freude, dass Billy ihm gefolgt war. Aber die Erinnerung an die letzte Unterredung mit dem jungen Rancher war noch zu deutlich, als dass die Hoffnung mehr als ein Funken gewesen wäre.

Billy beugte sich im Sattel vor. Erregung glänzte in seinen Augen, die unverwandt auf Durango gerichtet waren.

„Old Zack hat mir alles erzählt“, brachte er heiser hervor. „Durango, warum haben Sie das getan?“

Durango zuckte die Achseln.

„Sollte ich ruhig zusehen, wie diese Banditen Cubitt erledigten und die Ranch vernichteten?“

Billy schluckte.

„Sie waren nicht durch Zufall in der Nähe der Ranch, oder?“

„Vielleicht!“

„Ohne Sie wäre ich jetzt am Ende, Durango“, murmelte Billy.

„Darüber sollten Sie sich keine Gedanken machen.“

„Ich tue es aber. Ich kann Sie nicht verstehen. Ich habe Sie doch gestern fortgeschickt, ich habe Ihre Hilfe abgelehnt. Und trotzdem ...“

„Vielleicht tat ich es Cubitts wegen. Er hätte ein solches Ende wirklich nicht verdient gehabt.“

Billy räusperte sich.

„Ich möchte meine Schuld gerne begleichen.“

Durango gab es einen feinen Stich. Die Falten um seinen Mund wurden tiefer.

„Das brauchen Sie nicht.“

„Doch! Ich bestehe darauf! Ich habe Ihnen zu viel zu verdanken. Ich werde Sie bezahlen.“

Durangos Miene wurde steinhart.

„So ist das also!“, sagte er leise. „Sie fühlen sich verpflichtet und wollen diese Verpflichtung so rasch wie möglich los werden. Und das, weil ich ein Revolvermann bin — oder vielmehr, weil Sie mich für einen solchen halten.“

„Ich ... ich wollte Sie nicht beleidigen.“

„Nein, das wollten Sie wirklich nicht“, sagte Durango bitter. „Sie hielten es nur für die einzig richtige Lösung.“ Und dann wurde sein Ton plötzlich heftiger. „Glauben Sie denn, ich habe gekämpft, um Geld dafür zu erhalten? Haben Sie vergessen, was ich Ihnen gestern sagte? Ich bin noch nie für Revolverlohn geritten und werde es auch niemals tun! Ich bin nicht das, wofür Sie mich halten!“

Billy Chetwoods Schläfen hatten sich rot gefärbt.

„Ich sagte, dass ich Sie nicht beleidigen wollte. Genügt das nicht?“

„Schon gut!“ Durangos Stimme war wieder vollkommen ruhig. „Vergessen wir es!“

Es kostete Billy einige Überwindung, zu sagen: „Wollen Sie nicht auf meine Ranch zurückkommen?“

Durango schaute ihn seltsam an.

„Das wäre wohl nicht gut“, murmelte er. „Und merken Sie sich: Sie stehen bestimmt nicht in meiner Schuld.“

„Aber ich ...“

„Außerdem haben Sie seit gestern Ihre Meinung gewiss nicht geändert. Nein, seien Sie nur ganz ehrlich! Aber — nun ja, ganz verstehe ich das nicht. Warum ist Ihr Groll gegen Männer, die tief gehalfterte Colts tragen, so groß?“

Billy schaute auf die lange Mähne seines Pferdes. Er zögerte. Dann fragte er, ohne aufzublicken: „Durango, sind Sie wirklich ein ehemaliger Freund meines Onkels?“

„Ich habe Owen gut gekannt“, bestätigte Durango leise. „Wir kamen prächtig miteinander aus.“

„Haben Sie schon darüber nachgedacht, warum ich bei ihm aufwuchs — und nicht bei meinem Vater?“

Aus Durangos Gesicht wich alle Farbe. Billy merkte es nicht, da er noch immer den Blick gesenkt hielt. Durango antwortete nicht, und Billy fuhr mit belegter Stimme fort: „Mein Vater war einer von den Männern mit den schnellen Colts — mehr weiß ich nicht von ihm. Aber können Sie verstehen, was es für einen Jungen bedeutet, mit diesem Wissen aufzuwachsen?“

Durangos Lippen waren ein dünner Strich. Gepresst fragte er: „Hat Owen Ihnen das gesagt?“

„Nein, aber schon als kleiner Junge hörte ich, wie man in Bannerhan davon sprach, dass Onkel Owen den Sohn eines Revolvermannes zu sich auf die Ranch genommen habe, weil sich der richtige Vater um das Kind nicht kümmern könne.“ Er schlug plötzlich heftig auf die Sattelpausche, so dass sein Pferd erschrocken schnaubte. „Natürlich hatte er Wichtigeres zu tun, nicht wahr? Was soll auch schon ein Revolvermann mit einem kleinen Jungen anfangen?“

Durangos Herz klopfte so rasend, dass es beinahe schmerzte. Unter der Krempe seines Sombreros sickerte Schweiß hervor. Er fragte mühsam: „Daher also kommt Ihr Hass?“

„Ja, daher!“ Das Feuer in Billys Augen erlosch jäh. Müde ließ er die Schultern hängen.

Durango sagte rau: „Sie wissen von Ihrem Vater nur, dass er ein Revolvermann sein soll. Ist das nicht ein bisschen wenig?“

„Genügt es nicht?“

„Nun, vielleicht gibt es Dinge in seinem Leben, die ihn in einem völlig anderen Licht erscheinen ließen. Nicht jeder Reiter, der seine Colts tief trägt und immer wieder in neue Kämpfe getrieben wird, ist das, was man unter einem Revolvermann versteht.“

„So wie Sie, wollen Sie sagen?“ Billys Ton war skeptisch.

„Ja, so wie ich“, nickte Durango entschieden. „Vielleicht tun Sie Ihrem Vater unrecht.“

Billy machte eine abwehrende Geste. Kühl meinte er: „Das geht wohl nur mich etwas an.“

„Und Ihren Vater“, fügte Durango leise hinzu.

Ein Zucken überlief Billys Gesicht. Einen Moment starrte er Durango scharf an, dann wendete er wortlos sein Pferd. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ritt er in die Richtung zurück, aus der er vorhin gekommen war.

In Durangos Gehirn kreisten die Gedanken in wildem Wirbel. Die Worte, mit denen er Billy zurückrufen wollte, brannten auf seiner Zunge. Aber er bezwang sich. Sein nüchterner Verstand sagte ihm, dass es keinen Sinn hatte. Die Wahrheit durfte noch nicht an den Tag — nicht, solange seine Feinde auf seiner Fährte ritten, solange dieser Steckbrief existierte und ihn Sheriff Dick Warren für einen Mörder hielt.



19

Sheriff Warren kam erschöpft und staubbedeckt aus den Hügeln nach Bannerhan zurück. Als er sein müdes Pferd vor der Veranda seines Offices zügelte, lösten sich zwei Gestalten aus dem Schatten des Vordachs.

„Hallo, Sheriff“, sagte eine raue Männerstimme. „Wir haben auf Sie gewartet.“

Dick Warrens Haltung wurde steif. Er blieb im Sattel und musterte die beiden Männer. Er hatte sie noch nie gesehen. Einer war mittelgroß, stämmig und besaß einen brandroten Kinnbart. Der andere — groß und knochig — hatte ein Gesicht, dessen gelbliche Farbe krankhaft wirkte. Seine tiefliegenden Augen glühten seltsam. Die Kleidung der Fremden war verschwitzt und staubbedeckt. Es war rötlicher Staub, wie es ihn hier in der Umgebung von Bannerhan nicht gab. Sie mussten einen weiten Ritt hinter sich gebracht haben. Und irgendwie wurde Warren das Gefühl nicht los, zwei gefährliche Burschen vor sich zu haben. Nicht nur die tiefgeschnallten Revolver waren schuld daran. Da war etwas an ihrer Haltung und in ihren Augen, das ihn seine Müdigkeit vergessen ließ. Wachsam blickte er von einem zum anderen. Ihre Mienen verrieten nichts.

„Well, was gibt es?“, fragte er kurz.

„Wir suchen einen Mann“, erklärte der Rotbärtige ruhig. „Wir haben seine Fährte in der Nähe von Bannerhan verloren und rechnen damit, dass er hier durchkam. Sie können uns vielleicht Auskunft geben, Sheriff.“

„Vielleicht — wenn ich den Namen kenne.“

„Ich weiß nicht, ob er sich vorgestellt hat.“ Der Rotbärtige grinste säuerlich. „Er ist ein großer Bursche mit einem Gesicht wie aus dunkel gebeiztem Leder. Das Auffällige an ihm sind der große mexikanische Sombrero und die beiden 45er, die er außergewöhnlich tief an seinen Seiten trägt. Eine Zeitlang trug er auch eine Augenklappe — eine schwarze Augenklappe. Wegen einer leichteren Verletzung. Wahrscheinlich trägt er die aber jetzt nicht mehr.“

In Sheriff Warren verkrampfte sich etwas. Er dachte an den Ritt durch die Hügel, diesen vergeblichen Ritt — und etwas Eiskaltes erfüllte ihn. Unauffällig ließ er die rechte Hand in die Nähe der Holster gleiten.

„Ich kenne den Mann vielleicht besser, als Sie glauben“, sagte er langsam.

Die beiden Fremden tauschten einen schnellen Blick. Die Lässigkeit fiel von ihnen ab. Sie schoben sich näher. Ihre Augen glitzerten.

„Heraus mit der Sprache, Sheriff!“

„Ihr meint Durango?“, vergewisserte sich Warren. Seine Rechte lag jetzt dicht hinter dem Revolverkolben.

„Ja! Genau!“, nickte der Rotbärtige hastig.

„Seid ihr ...“ Der Sheriff zögerte etwas. „Seid ihr seine Freunde?“

Wieder tauschten die beiden Fremden einen schnellen Blick. Und wieder nahm der Rotbärtige das Wort: „Nein, Sheriff, nein, das sind wir nicht, eher das Gegenteil!“

Dick Warrens Gedanken arbeiteten. Er fragte heiser: „Dann war vielleicht der andere euer Freund, wie? Dieser — wie hieß er doch — dieser Duff Merville?“

„Duff?“ Der Knochige zuckte zusammen. „Sie wissen wirklich allerhand, Sheriff. Was ist mit Duff?“

„Er ist tot!“

Der Knochige sog scharf den Atem ein.

„Durango?“, zischte er dann, und das Glimmen in seinen Augen hatte sich verstärkt.

„Durango!“, nickte Warren.

„Dieser Schuft!“, knurrte der Knochige.

„Es war einwandfrei Notwehr“, erklärte Warren ruhig.

„Wollen Sie ihn verteidigen?“, stieß der Knochige wild hervor.

„Ich stelle nur Tatsachen fest“, erwiderte der Sheriff.

Der Knochige packte die Zügel von Warrens Gaul.

„Hören Sie, Sheriff, dieser Durango ist ein Bandit, ein Mörder!“

„Ich weiß!“

Die Ruhe dieser Worte traf die beiden Fremden. Der Rotbärtige zog seinen Gefährten vom Pferd des Sheriffs weg.

„Mein Name ist Blade Brigo“, sagte er rau. „Und das ist Renn Gallagher. Duff Merville war unser Freund. Er ritt voraus, um uns eine deutliche Fährte zu hinterlassen. Es war sein Fehler, Durango alleine stellen zu wollen. Wir machen Jagd auf diesen Burschen, verstehen Sie? Wir haben eine alte Rechnung mit ihm zu begleichen. Hält er sich noch in dieser Gegend auf?“

„Ich nehme es an. Ich bin selber hinter ihm her.“

Brigos Augenbrauen ruckten hoch. Dann sagte er nachdenklich: „Das ist gut! Wollen wir, zusammenarbeiten, Sheriff?“

„Ich kann Unterstützung gebrauchen“, seufzte Warren. „Der Kerl ist wie vom Erdboden verschluckt. Aber eines muss euch klar sein: Ihr werdet für das Gesetz arbeiten! Die Art, wie es euer Freund Duff versuchte, kann ich nicht billigen.“

Blade Brigo räusperte sich.

„Sie werden sich auf uns verlassen können, Sheriff.“ Er blinzelte seinem Komplizen zu. Gallagher hustete trocken und verbarg ein spöttisches Grinsen hinter der vorgehaltenen Hand.

„Also gut“, murmelte Warren. „Wir werden uns frische Pferde besorgen und nochmals losreiten.“ Er ließ sich vom Pferderücken gleiten.

„Sheriff“, sagte Blade Brigo grimmig, „wir werden ihn erwischen, wenn er irgendwo da draußen steckt. Wir reiten nicht eher in die Stadt zurück, bis wir ihn haben. Er ist schon jetzt so gut wie verloren — mein Wort darauf!“



20

Die Nacht hatte sich über das Land gelegt. Der Himmel war mit Sternen übersät. Der Vollmond hing riesig und orangefarben über den Hügeln im Osten. Der Geruch der trockenen Erde vermischte sich mit dem herben Duft des Salbeis und des ausgedörrten Galleta Grases. Außer dem eiligen Trommeln der Hufe war kein Laut zu hören.

Der Reiter näherte sich zielstrebig der Broken Arrow Ranch. Die Krempe seines Hutes beschattete sein Gesicht. Seine Haltung war angespannt und wachsam. Als er auf dem letzten Hügelrücken hielt, zögerte er ein wenig. Er sah das Licht im Ranchhaus. Ein breiter Streifen Helligkeit flutete über den sandigen Hof. Den Reiter beschlich ein unbehagliches Gefühl, als er daran dachte, dass er in wenigen Sekunden mitten in dieses Licht hineinreiten musste. Sein Pferd schnaubte. Der Mann gab sich einen Ruck, presste die Lippen zusammen und ritt hangabwärts. Bald knirschte der Sand des Ranchhofes unter den Hufen. Staub wirbelte dünn auf.

Das Pferd ging jetzt im Schritt. Sattelleder knarrte. Ringsum rührte sich nichts. Auf der Stirn des Reiters standen winzige Schweißtropfen. Er wusste ganz genau, dass man die Hufschläge längst gehört hatte. Als er in den Lichtschein kam, brachte er mit hartem Zügelruck seinen Gaul zum Stehen. Er hielt beide Hände auf dem Sattelhorn — betont abseits der Revolverholster an seiner rechten Hüfte.

Er wartete zwei, drei Sekunden. Die Stille und Reglosigkeit ringsum dauerten an. Er bewegte unbehaglich die Schultern. Dann rief er: „Hallo, Billy, ich muss mit dir sprechen!“

Rechts, vom Stall herüber, kam die grimmige Stimme Charley Ruggers: „Du bist wohl übergeschnappt, Fess Boynton, was? Schnall dein Eisen ab und steig vom Pferd, sonst bekommst du eine Kugel in deinen Schädel!“

Boyntons Kopf ruckte herum.

„Charley!“, keuchte er. „Sei bloß vernünftig, Charley! Hörst du nicht, ich muss Billy sprechen!“

„Du wirst gleich den Teufel höchstpersönlich sprechen können, wenn du nicht sofort gehorchst!“, knurrte Rugger aus der Dunkelheit. Das Klicken eines Revolverhahns trieb deutlich zu Boynton her.

Der Bandit machte eine abwehrende Handbewegung.

„Es ist wichtig, zum Geier! Es steht für Billy allerhand auf dem Spiel. Also mach keine Dummheiten, Charley!“

„Fess, was willst du?“, ließ sich jetzt Billy Chetwood vernehmen. Seine Stimme kam von der Ecke des Ranchblockhauses.

„Hört genau zu, Billy!“, rief Boynton, und sein Atem wurde allmählich ruhiger. „Cole Eagan lässt dir eine Botschaft übermitteln.“

„Darauf verzichten wir!“, murrte Rugger. „Wie lange, glaubst du wohl, warte ich denn noch? Los, weg mit deinem Schießeisen und runter vom Gaul, Hombre!“

„Charley!“, schnaufte Fess Boynton. „Lass dich bloß zu keiner Verrücktheit hinreißen! Ihr hättet es schwer zu büßen, und du würdest dir dein Leben lang Vorwürfe machen.“

„So kommst du mir also? Zum Donner, du nimmst dir mächtig viel heraus, Fess! Meinst du, wir haben schon vergessen, was für ein hinterlistiger, gemeiner Schuft du bist?“

„Charley, sei mal still!“, rief Billy. „Lass ihn reden!“

„Meinetwegen“, murrte Rugger. „Aber er soll nur nicht denken, er kann hier groß die Futterluke aufreißen. Hörst du, Fess, mein Colt bleibt auf dich gerichtet!“

Boynton schluckte. Er starrte zur dunklen Hausecke hin, wo sich Billy befand. Er rief heiser: „Billy, Eagan lässt dir ausrichten, dass dein Widerstand sinnlos geworden ist, hörst du? Er hat einen Trumpf in die Hände bekommen, der dich zwingt, alles zu tun, was er verlangt.“

„Weiter!“, sagte Billy Chetwood rau. „Well, er verlangt, dass du morgen nach Silverstone reitest und dort einen neuen Übereignungsvertrag unterzeichnest.“

„Was?“, schrie Rugger und kam aus seiner Deckung hervor. „Wer hat denn hier den Verstand verloren? Eagan oder du?“

„Ruhig, Charley, ruhig!“, murmelte Billy. „Fess, Eagan verlangt da ziemlich viel. Er weiß doch genau, dass ich nicht aufgeben will.“

„Es bleibt dir nichts anderes übrig“, zuckte Boynton kalt die Schultern.

„Ist Eagans Trumpf so gut?“

„Einen besseren hätte er nicht bekommen können.“

Nun trat auch der junge Rancher aus seiner Deckung. Hinter dem nachtschwarzen Schuppen humpelte Zack Cubitt hervor — seine schwerkalibrige Sharps Rifle in den alten Fäusten.

„Ich warte auf eine genauere Erklärung, Fess“, sagte Billy Chetwood ruhig.

„Die kannst du haben. Jane Traven befindet sich in Silverstone, das ist es!“

Billy wurde kreidebleich.

„Das ist nicht wahr!“

„Meinst du, ich hätte mich sonst hierher gewagt?“

„Ihr gemeinen Lumpen!“, keuchte der junge Mann.

Rugger schwang den Colt hoch.

„Ihr Halunken!“, schrie er. „Ihr schreckt wohl vor gar nichts zurück! Und du, Fess ...“

„Was denkst du, was aus dem Mädel wird, wenn du abdrückst“, stieß Boynton hervor.

Rugger knirschte mit den Zähnen.

„Ihr gehört allesamt an den Galgen, allesamt!“ Er ließ die Waffe sinken.

Boynton starrte Billy lauernd an. Er beugte sich im Sattel vor. „Nun?“

Der junge Rancher schaute ihn an, als sehe er ihn zum ersten Mal.

„Fess“, flüsterte er, „woher wusste Eagan, dass mir Jane so viel bedeutet? Es gibt wohl nur eine Lösung dafür. Fess, nicht wahr?“

Boynton wurde unsicher.

„Ich bin Eagans Mann. Warum sollte ich ihm also nicht ...“

„Du bist fast zwei Monate für die Broken Arrow Ranch geritten. Du hast dich als unser Freund ausgegeben, und wir vertrauten dir. Fess, ich hoffe nur, dass du eines Tages dafür bestraft wirst. Du bist ein größerer Bandit als Eagan und seine Horde zusammen.“

„Es ist wohl nicht die richtige Zeit, um Drohungen auszusprechen“, knurrte Boynton. „Du bist am Ende, Billy! Wenn du tust, was Cole verlangt, ist für dich und Jane alles in bester Ordnung.“

„Was du schon darunter verstehst“, murmelte Billy bitter.

Boynton verzog die Lippen.

„Ich nehme doch an, dass dir Jane wesentlich mehr bedeutet als die Ranch, oder?“

„Kein Wort jetzt mehr!“. rief Rugger scharf. „Sonst schieße ich dich doch noch vom Pferd, du Verräter!“

Boynton zuckte kalt die Achseln. Er fühlte sich nun sehr sicher, da er seine Botschaft losgeworden war. Er starrte Billy lauernd an.

„Well, du weißt jetzt Bescheid. Wir warten morgen auf dich in Silverstone — wir und Miss Traven!“ Er zog seinen Gaul herum und galoppierte davon, ohne einen einzigen Blick zurückzuwerfen. Billy Chetwood schaute resignierend hinter ihm her.

„Er hat recht“, murmelte er. „Jetzt bin ich am Ende.“

Rugger und Cubitt traten neben ihn.

„Vielleicht gibt es noch einen Ausweg“, brummte Rugger zögernd. „Vielleicht schaffen wir es, Jane herauszuholen und ...“

„Nein, nein, Charley! Du weißt genau, wie unmöglich das ist. Es gibt nur einen Zugang nach Silverstone, und der wird von den Banditen bewacht. Niemand kommt in die Stadt, den Cole Eagan dort nicht haben will. Wenn ich morgen nicht allein losreite, dann ... Nein, nein, Eagan hat gewonnen. Wir dürfen nichts tun, was Jane gefährden könnte.“

„Du willst also reiten?“

„Ja, was bleibt mir anderes übrig! Ich fürchte nur ...“

„Was, Billy?“

„Dass weder Jane noch ich jemals aus der Banditenstadt zurückkehren, nachdem ich meine Unterschrift geleistet habe.“

„Du hast recht!“ Rugger wurde aschfahl. „Daran habe ich gar nicht gedacht! Wenn das so ist, Billy, dann darfst du nicht ...“

„Doch! Vielleicht irre ich mich. Und außerdem — ich muss alles tun, was Jane helfen kann. Reden wir nicht mehr darüber, es ist sinnlos. Eagan hat mir keine Wahl gelassen. Seine Schlinge zieht sich zusammen.“ Er zuckte die Achseln und wandte sich ab.

Rugger und der alte Cubitt schauten einander betreten an.

„Legt euch schlafen!“, sagte Billy müde über die Schulter, als er ins Haus trat. „Dies ist wohl unsere letzte Nacht auf der Broken Arrow Ranch.“ Gleich darauf schlug die Tür hinter ihm zu.

„Komm!“, sagte Zack Cubitt leise zu Rugger. Ihre Stiefel knirschten über den Hof zum Schlafhaus.

Niemand bemerkte die geduckte hagere Gestalt, die sich lautlos am Corral entlang bewegte und alles mit angehört hatte. Der hochbeinige Falbe wartete am Fuß eines Hügels hinter einem dichten Manzanitabusch. Als sich sein Reiter mit einer geschmeidigen Bewegung in den Sattel schwang, schnaubte das Pferd leise ...



21

Cole Eagan lehnte an der Theke, hatte ein halb volles Whiskyglas vor sich stehen und trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Messingplatte.

„Wie spät, Kirby?“, wandte er sich an den Mann neben ihm.

Der zog seine Taschenuhr hervor, ließ den Sprungdeckel aufschnappen und warf einen Blick auf das Zifferblatt.

„Elf!“, brummte er. „Wenn er bei Tagesanbruch losgeritten ist, muss er jede Minute hier sein.“

Eagan nickte und starrte stirnrunzelnd auf die halbhohe Schwingtür, über die goldenes Sonnenlicht hereinflutete. Staubteilchen tanzten schwerelos in der Luft. Draußen auf der Straße war es still. Die Hitze lastete über der Schlucht, in der die Häuser von Silverstone lagen. Hinter den schiefen Brettergebäuden ragten gelbe Felswände senkrecht ins Himmelblau empor. Die pechschwarzen Minenstollen, die vereinzelt im rissigen Gestein klafften, waren seit über zehn Jahren nicht mehr betreten worden.

„Was wirst du tun, Cole, wenn er unterschrieben hat?“, fragte Tab Rifton von den Tischen her.

„Welche Frage!“, sagte Eagan kalt. „Soll ich ihn und das Mädel vielleicht laufen lassen? So dumm bin ich nicht! Der junge Kerl ist im Stande und macht mir noch nachträglich Schwierigkeiten, wenn wir schon auf seiner Ranch sitzen.“

„Und das Mädchen?“

„Sie könnte ihm als Zeugin vor dem Sheriff helfen. Das riskiere ich auf keinen Fall!“

„Aber ein Mädchen ...“

„Kein Aber, zum Kuckuck!“, sagte Eagan scharf und hieb auf die Thekenplatte. „Wem etwas nicht passt, der kann ja verschwinden, verstanden? Hier treffe noch immer ich die Entscheidungen.“

„Es war ja nicht so gemeint, Cole.“

„Na schön! Es ist doch ganz klar ...“ Er brach ab. Hufschläge fegten die Straße herab. Die Männer an den Tischen sprangen auf.

„Das ist Jed. Er war heute als Wache am Canyon eingeteilt“, rief jemand aufgeregt.

Der Reiter zügelte seinen Gaul vor dem Saloon. Sand spritzte unter den Hufen hervor gegen die Fenster. Der Mann nahm sich nicht die Zeit, das Tier am Haltegeländer festzubinden. Sporenklirrend stürmte er die ausgetretenen Verandastufen herauf und stieß gleich darauf die halbhohen Türflügel auf. Sekundenlang war nur sein keuchender Atem zu hören.

„Ist es so weit, Jed?“, fragte Eagan rau.

Der Mann ließ die Pendeltür hinter sich zufallen, stiefelte langbeinig an die Theke, packte wortlos eines der vollen Gläser und leerte es auf einen Zug.

Eagan starrte ihn ärgerlich von der Seite an.

„Hast du nicht gehört, Jed? Ich habe dich was gefragt.“

Der Bandit atmete tief ein, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und nickte.

„Ein Reiter ist eben in den Canyon gekommen. In zehn Minuten ist er hier.“

„Chetwood?“

„Nein, der nicht!“

„Was?“ Eagan packte den Mann an den Schultern. „Nicht Chetwood? Bist du sicher, Jed?“

„Ich kenne Chetwood, und ich sage, er ist es nicht!“

„Zum Teufel, wer dann? Mach endlich den Mund auf, Menschenskind!“

„Ich habe ihn nie gesehen“, brummte der Gefragte. „Ein großer Bursche mit einem riesigen Sombrero und ...“

„Was sagst du da?“, schrie Tab Rifton und drängte näher. „Er trägt wohl auch noch zwei Colts, wie?“

„Genau, Tab!“

„Dann ist er es! Der Satan soll ihn holen!“, keuchte Rifton.

„Wen meinst du?“

„Durango! Ich habe euch doch von ihm erzählt.“

Ringsum wurde es still. Eagan blickte Rifton an, dann Jed, schließlich nahm er sein Whiskyglas und kippte den Inhalt in die Kehle.

„Du hast dich bestimmt nicht geirrt, Jed?“

„Cole, wenn ich dir sage ...“

„Schon gut! Zum Teufel, was will Durango hier?“

„Das soll uns wenig interessieren“, stieß Rifton heftig hervor. „Wir müssen sofort los und ihn erledigen! Dieser verdammte Kerl ist schuld daran, dass ...“

„Langsam, langsam, Tab. — Jed, er war wirklich allein?“

„Du kannst dich darauf verlassen. Ich habe abgewartet, ob jemand hinter ihm herkommt. Er ist allein. Er kommt seelenruhig auf die Stadt zu.“

Cole Eagan schüttelte den Kopf.

„Ich verstehe das nicht!“

In Tab Riftons Gesicht arbeitete es. Er presste unwillkürlich wieder eine Hand gegen die verbundene Schulter, wo ihn gestern Durangos Kugel getroffen halte.

„Er ist verrückt!“, rief er rau. Seine Augen funkelten. „Irgendetwas in seinem Kopf ist nicht mehr in Ordnung. Worauf warten wir noch? Kommt, er soll uns bezahlen, was er ...“

Eagan hob schnell eine Hand.

„Warte, Tab!“

„Was ist?“ Rifton hielt unwillig inne.

„Wir warten!“, bestimmte der Bandenboss.

Rifton beugte sich erregt vor. Seine Hände öffneten und schlossen sich.

„Du willst ihn in die Stadt kommen lassen?“

„Jawohl!“

„Cole, der Kerl ist gefährlich. Ich habe noch keinen Mann getroffen, der so schnell mit seinen Colts umgehen kann.“

„Er ist allein. Jed hat es gesagt.“

„Nun ja!“

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