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Western Extra Großband November 2018

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Inhaltsverzeichnis

  • Western Extra Großband November 2018
  • Copyright
  • Poker mit dem Gnadenlosen
  • Copyright
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
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  • 16
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  • 38
  • 39
  • 40
  • 41
  • 42
  • 43
  • 44
  • 45
  • 46
  • 47
  • 48
  • DAS WILDE GIRL VOM RIO HONDO
  • Klappentext:
  • Der Prediger kommt nach Lincoln
  • Copyright
  • Der Spieler und der Sumpf des Hasses
  • Copyright
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • 19
  • Heißer Colt in zarter Hand

Western Extra Großband November 2018

Von Alfred Bekker, Heinz Squarra, Glenn P. Webster, Pete Hackett



Dieses Buch enthält folgende Western:



Heinz Squarra: Poker mit dem Gnadenlosen

Glenn P. Webster: Das wilde Girl vom Rio Hondo

Alfred Bekker: Der Prediger kommt nach Lincoln

Glenn P. Webster: Der Spieler und der Sumpf des Hasses

Pete Hackett: Heißer Colt in zarter Hand





Hinter Johnny Wister knarrte eine Diele. Als er herumfahren wollte, bohrte sich eine Revolvermündung in seinen Rücken. Johnny hörte ein kaltes Lachen, dann krachte der Schuss. Johnny war tot, ehe er zu Boden stürzte. Eine Stiefelspitze klemmte sich unter seinen Leib und wälzte ihn herum. Die Augen Johnnys blickten glasig und gebrochen zur Decke. Der Mörder nahm

die Satteltasche des Toten an sich und verließ das Hotelzimmer …

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /Tony Masero

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Poker mit dem Gnadenlosen

Western von Heinz Squarra


Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Hinter Johnny Wister knarrte eine Diele. Als er herumfahren wollte, bohrte sich eine Revolvermündung in seinen Rücken. Johnny hörte ein kaltes Lachen, dann krachte der Schuss. Johnny war tot, ehe er zu Boden stürzte. Eine Stiefelspitze klemmte sich unter seinen Leib und wälzte ihn herum. Die Augen Johnnys blickten glasig und gebrochen zur Decke. Der Mörder nahm

die Satteltasche des Toten an sich und verließ das Hotelzimmer …


1

Matt Wister war ein großer, breitschultriger Mann. Er hatte ein schmales, energisches Gesicht, und Tränen standen in seinen Augen, als er auf den Grabhügel und auf das schiefe Holzkreuz blickte.

„Tut mir leid, Wister“, murmelte der Marshal neben ihm. „Das war vor acht Wochen. Als wir Ihren Bruder fanden, war er mindestens zehn Stunden tot. Der Rancher, gegen den Ihr Bruder mit seinem Partner gepokert hatte, wollte Revanche. Vielleicht hätten wir ihn sonst noch später gefunden.“

„Wie viel hatten die beiden gewonnen, Marshal?“, fragte Matt.

„Achttausend Dollar, Wister. Eine Menge Geld, denke ich. Aber Maron muss gewusst haben, dass es für zwei Männer am Ende doch nicht viel ist, wenn man etwas damit anfangen will. Kennen Sie Maron?“

„Ich habe den Namen nie gehört.“

„Er hat eine Schmarre links auf der Wange, dicht neben der Nase. Und einen Goldzahn. Ich habe ihn mir genau angesehen, weil er mir nicht gefiel. Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht mehr sagen kann.“

„Haben Sie nicht versucht, ihn zu stellen?“

„Nein, Wister. Ich sagte Ihnen doch, dass bereits zehn Stunden vergangen sein mochten. Es wäre sinnlos gewesen. Wahrscheinlich nennt er sich auch längst nicht mehr Maron.“

„Wahrscheinlich.“ Matt Wister spürte die Hand des Marshals kurz auf seiner Schulter, dann hörte er, dass sich die Schritte des Mannes entfernten.

Plötzlich verklangen die Schritte.

„Wister, da ist noch etwas!“, rief der Marshal.

Matt wandte sich um.

„Da war ein Tanzmädchen hier. Lily nannte sie sich. Ich sah sie oft mit Maron zusammen. Kurz nachdem er verschwunden war, fehlte auch sie. Der Saloonkeeper sagte mir, sie würde Lily Creede heißen und wäre in einschlägigen Kreisen sehr bekannt. Vielleicht nützt Ihnen das etwas.“

„Wohin sie sich gewandt hat, wissen Sie nicht?“, rief Matt ihm zu.

„Doch“, erwiderte er. „Sie nahm die Postkutsche nach Nebraska. Sie soll ein Ticket bis Niobrara gelöst haben. Mehr weiß ich wirklich nicht, Wister.“



2

Das Mädchen hatte ein bleiches, von scharfen Linien durchzogenes Gesicht und dunkle Ringe unter den grünen Augen. Ihr rotes Haar schien im Lampenlicht zu brennen, und Matt Wister wusste, dass sie auf die Männer dieses rauen Landes noch immer anziehend wirkte.

„Das ist schon über ein halbes Jahr her“, sagte Lily Creede.

„Ich weiß. Es war nicht sehr einfach, Sie zu finden.“

„Sie hätten mich vermutlich nie gefunden, wenn Maron ein Gentleman wäre. Aber er ist keiner, und jetzt bin ich froh darüber.“

„Können Sie mir das nicht näher erklären?“, fragte Matt Wister und beugte sich über den Tisch.

Ein Waiter näherte sich lautlos und stellte eine Flasche auf den Tisch.

Matt gab ihm Geld und winkte ab, als der Mann in die Tasche griff. Der Waiter entfernte sich. Matt füllte die Gläser.

Das Mädchen trank ihm zu und sagte: „Vorzüglich, Matt. Sie lassen sich die Auskunft etwas kosten. Dabei hätte ich sie umsonst gegeben. Ich hasse ihn!“

Matt sah, wie sich ihr Gesicht veränderte, wie es noch schmaler und hart wurde und wie die Puderschicht auf ihren Wangen zu platzen drohte.

„Sie wussten also, wohin er sich gewandt hatte?“

„Natürlich. Wir waren doch früher schon in verschiedenen Städten zusammen gewesen. Eine Zeitlang fuhren wir zusammen immer weiter, und einmal kamen wir durch ein Tal, das ihn faszinierte. Am Big Sioux River, Matt. In der Nähe der kleinen Stadt Watertown.“

„Sie waren dort?“

„Ja, ich war dort. Vor zwei Monaten. Ich wollte ihm nicht mit der Tür ins Haus fallen. Aber ich kam ihm trotzdem ungelegen. Er hatte ein hübsches Mädchen kennengelernt. Eins von anderer Art. Sie verstehen?“

„Ja.“

Lily zuckte die Schultern und lächelte. Sie trank und fuhr fort: „Wir haben nur einmal zusammen gesprochen. Er sagte, ich sollte schleunigst verschwinden und nur nicht auf dumme Gedanken kommen. Er würde mich dann zu finden wissen. Er nennt sich Alan Troger.“

Matt trank einen Schluck. Der Whisky war warm und schmeckte ihm nicht.

„Und das haben Sie gemacht?“, fragte er halb feststellend.

„Ja, Matt, das habe ich gemacht. Mir waren inzwischen Zweifel gekommen. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, dass das Leben auf einer Ranch dem entsprach, was ich mir früher darunter vorgestellt hatte. Und dann war da noch etwas. Ich hatte auch Ihren Bruder gekannt. Ehrlich gesagt, er hat mir sogar gefallen. Er war nur zu jung, zu wild und unbelehrbar. Ich wusste, dass er nicht lange leben würde, und deshalb hörte ich mir nicht an, was er mir sagen wollte. Vielleicht war das der Hauptgrund, dass ich wieder fortging, denn immer, wenn ich Maron anschaute, musste ich an den hinterhältigen Mord denken.“

„Ehrlich gesagt, ich verstehe Sie nicht, Lily“, bekannte Matt.

Das Mädchen trank das Glas aus und stellte es hart auf den Tisch zurück.

„Sie meinen, weil ich nicht nach Kansas ging und dem Marshal in Abilene erzählte, was ich herausgefunden hatte?“

„Ja.“

Sie beugte sich so weit vor, dass ihr Gesicht dem seinen sehr nahe war und er ihren Atem spürte.

„Vielleicht verstehen Sie mich besser, wenn ich Ihnen sage, dass ich in Dodge City meinen Sohn von einer alten Frau großziehen lasse, und dass der Vater dieses Jungen einmal Alan Maron hieß!“

Sie lehnte sich zurück. Ihr Gesicht sah nun so weiß aus, dass Matt peinlich berührt war.

„Ach so“, murmelte er und blickte auf die Tischplatte.

„Ich konnte den Vater meines Sohnes nicht dem Henker überliefern“, sagte die Frau leise. „Irgendwann hätte ich es ihm vielleicht erklären müssen. Alan wusste, dass ich das nicht kann. Ich war ihm überhaupt nur des Jungen wegen gefolgt.“

Matt stand auf. „Ich danke Ihnen, dass Sie es mir erzählt haben“, sagte er. „Ich glaube, ich kann Sie verstehen, Lily.“

„Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, mich zu suchen. Vielleicht klingt das alles ziemlich verdreht.“

„Durchaus nicht, Lily.“

„Bis zum Big Sioux River sind es fast vierhundert Meilen“, fuhr sie fort. „Das können Sie vor dem Winter nicht mehr schaffen.“

„Ich werde es versuchen, Lily.“

Als Matt Wister an die Stepwalkkante trat und das Leben der Stadt an ihm vorbeiflutete, spürte er den kalten, nach Schnee riechenden Wind im heißen Gesicht. Vielleicht würde er es vor dem Winter wirklich nicht mehr schaffen. Aber er war nun sicher, auch im Frühjahr noch nicht zu spät zu kommen.



3

Matt Wister parierte seinen Rappwallach hinter den Büschen auf der Kuppe des Hügels und blickte in die Ebene hinunter. Das frische, noch grüne Büffelgras leuchtete zu ihm herauf. In der Ferne sah er eine Herde Herefords, über der dünner, durchsichtiger Staub wallte. Unter ihm, höchstens vierhundert Yards entfernt, zog sich ein Wagenweg dahin. Er mündete weit im Süden in einer kleinen Präriestadt, von der Matt Wister wusste, dass sie Watertown hieß.

Auf dem Weg sah Matt einen Reiter, der sich langsam näherte. Er hatte den Stetson an der Windschnur im Nacken hängen, und so konnte Matt langes blondes Haar erkennen, auf dem die Sonne glitzerte. Eine Reiterin! Sie trug eine helle Bluse und dunkelblaue Levishosen.

Zugleich bemerkte Matt zwei weitere Reiter, die sich von der Herde in der Ferne gelöst hatten und auf den Weg zusprengten. Es sah aus, als würden sie auf einen bestimmten Punkt auf dem Weg zuhalten, den auch die Frau mit ihnen zugleich erreichen musste.

Dann warf die Frau den Kopf herum, sah die Reiter und trieb ihr Pferd jäh zum Galopp an.

Matt sah, wie die beiden Männer auf ihre Pferde einschlugen. Da trieb er seinen Rappwallach um die Büsche herum und ritt langsam den Hügel hinunter.

Da schlug auch die Frau auf ihr Pferd ein, aber es nützte ihr nichts. Die beiden Reiter kamen immer näher. Matt sah, wie der eine das Lasso von der Schnalle am Sattelhorn losmachte und über dem Kopf kreisen ließ.

Die Schlinge wirbelte durch die Luft, legte sich über den Oberkörper der Frau, und das Seil straffte sich. Mit einem heftigen Ruck wurde die Frau aus dem Sattel gerissen. Das Pferd sprengte weiter, beschrieb dann einen Bogen und wurde langsamer.

Die beiden Reiter zügelten ihre Pferde und sprangen ab. Sie standen neben der Frau, die auf dem Boden saß und der offenbar nichts weiter passiert war. Sie hatten Matt Wister immer noch nicht bemerkt, der sich langsam näherte und nun die Winchester 73 in der Armbeuge hatte.

Als er den Rappwallach zügelte, schnaubte der leise.

Die beiden Männer fuhren wie auf Kommando herum. Der eine von ihnen blickte genau in die kreisrunde dunkle Mündung.

„Hallo!“, sagte Matt. Er sah, dass die beiden wie Cowboys gekleidet waren. Sie sahen verstaubt aus und hatten die ledernen Chaps noch über die Levishosen geschnallt.

Der eine der beiden rieb sich über die Wange und blickte den anderen schief an.

„Besuch, den wir nicht bemerkt haben, Les“, sagte er knurrig. „Verdammt, das passt nicht zusammen. Was willst du, Fremder?“

„Hilf der Frau auf die Beine, Les“, sagte Matt ruhig und ließ die Mündung des Gewehres einen knappen Bogen bis zu Les beschreiben.

Der leckte sich über die Lippen.

Die Frau stand hinter ihm auf und streifte die Lassoschlinge ab. Sie kam um die beiden Burschen herum und blieb seitlich außerhalb der Schusslinie stehen. Sie blickte Matt an. Sie hatte ein offenes Gesicht, mochte siebenundzwanzig Jahre alt sein und war von herber, schlichter und bestechender Schönheit.

„Vielen Dank, Mister …“, sagte sie.

„Matt Wister, Madam. Ihr Pferd steht da drüben. Reiten Sie, ich werde die beiden Burschen hier noch eine Weile aufhalten.“

Die Frau zögerte einen Moment, wandte sich dann ab und lief zu ihrem Pferd, das am Ende des Bogens stehengeblieben war. Sie stieg auf, trieb es auf den Weg zurück, und ritt schnell weiter. Bald darauf verschwand sie zwischen den Hügeln.

„Nun zu euch“, sagte Matt. „Hatte der Überfall eine besondere Bedeutung?“

„Es dürfte am besten sein, du mischt dich da nicht ein“, presste Les durch die Zähne. „Was Hal und ich gemacht haben, geschah auf höheren Befehl. Alles hier im Tal geschieht auf höheren Befehl. Es wird dir gewaltig übel bekommen, wenn wir sie nicht noch schnappen können.“

„Auf wessen Befehl?“, erkundigte sich Matt mit leiser, aber scharfer Stimme.

„Das geht dich nichts an!“

„Les, siehst du nicht, dass ich noch immer die Mündung auf dich gerichtet habe? Ich glaube, es geht mich im Moment eine ganze Menge an. – Hal, lass die Finger vom Colt, sonst muss ich Les erschießen.“

Hal nahm die Hand von der Hüfte. „Mach keinen Blödsinn“, maulte Les. „Der Kerl ist ruhig wie Felsstein, und man erkennt nicht, was in ihm vorgeht.“

„Weiter, Les! Wer gab die Befehle? Troger?“ Matt hatte den Namen auf Verdacht ausgesprochen und wartete gespannt.

„Er auch“, sagte Les. Langsam stieg ein winziges Grinsen in sein Gesicht. „Aber er nicht allein. Unser Boss ist schließlich auch noch da. Aber verdammt, das geht dich wirklich einen Dreck an. Nimm das Gewehr weg, dann sage ich dir etwas anderes!“

„Was denn, Les?“

„Wir sagen dir etwas mit unseren Fäusten“, sagte Hal und grinste. „Komm, sei kein Spielverderber.“

Und mit einem Blick auf die Hügel, zwischen denen die Frau verschwunden war, setzte er hinzu: „Wir haben bestimmt nicht viel Zeit.“

„Was habt ihr denn mit ihr vorgehabt?“

„Wir wollten sie spazieren führen“, entgegnete Hal. „Nicht zu Troger. Woanders hin. Machst du nun mit?“ Er trieb sein Pferd langsam zur Seite.

Matt wusste, dass er jetzt nicht beide unter Kontrolle halten konnte. Zugleich war ihm klar, dass er Les nicht einfach niederschießen würde. Er schob das Gewehr mit einer schnellen Bewegung in den Sattelschuh und duckte sich, als er Hal auf den Sattel springen und loshechten sah.

Der Körper flog über ihn hinweg und schrammte hart ins Gras.

Les trieb sein Pferd vorwärts und sprengte von der Seite heran.

Matt streckte den Arm vor. Les raste genau in den Schwinger hinein, fing ihn voll auf und ging über die Kruppe des Pferdes, um hart auf die Erde zu fallen. Das Pferd wieherte und stieg auf die Hinterhand.

Hal war schon wieder hoch und sprang wütend an der Seite des Pferdes in die Höhe. Matt hatte seinen Colt in der Hand und schmetterte ihn auf Hals Hut.

Lautlos fiel der Mann um.

Matt trieb sein Pferd rückwärts. Er blickte auf die beiden Bewusstlosen, die ausgestreckt im Gras lagen.

Matt drehte den Rappwallach, ritt zu den beiden ledigen Pferden und nahm die schleifenden Zügel auf. Mit den Tieren ritt er auf die Stadt zu. Er wusste, dass Les und Hal das Mädchen ohne Pferde niemals einholen konnten.

Während er auf dem roten Weg den Holzhäusern entgegen ritt, dachte er über das Gehörte nach. Das Mädchen war offenbar auf dem Weg zu Troger. Er hatte ihr diesen Weg geebnet und auch noch seinen Namen gesagt.

Er spürte, wie sein Blut plötzlich schneller strömte. Er hatte das Ende der Fährte erreicht, obwohl es darüber wirklich Frühling geworden war, wie Lily vorausgesagt hatte. Nun würde ein zäher und wahrscheinlich auch gnadenloser Kampf beginnen. Das Mädchen würde Troger sagen, wer gekommen war und ihr geholfen hatte, dann würde er sich an den Namen Wister erinnern.

Er würde nicht denken, dass es eine Verwechslung war.

Als Matt den halben Weg zur Stadt zurückgelegt hatte, blickte er sich um.

Weit hinter sich sah er zwei Punkte, die sich zu bewegen schienen. Er konnte nicht erkennen, ob sich die Punkte näherten. Aber er wusste, dass es die beiden Weidereiter waren, die einen weiten Fußmarsch vor sich hatten, wohin sie sich auch wenden mochten.

Vor dem ersten Holzhaus war ein Pfahl in den Boden gerammt, an dem ein Brett angenagelt war. Mit Teerfarbe stand ein Name darauf geschrieben:

WATERTOWN

Matt ritt weiter. Er sah einen kleinen Mann vor einem Haus auf der linken Seite stehen. Der Mann trug ein ledernes Jagdhemd. Er mochte sechzig Jahre alt sein. An seinem Hemd funkelte ein silberner Stern.

Wister hielt vor dem Sheriff an. Er tippte an seinen Hut und sagte: „Zwei Männer fielen über eine Frau her, die aus dieser Stadt kam. Das sind die Pferde der beiden. Ich sah keine andere Möglichkeit, sie von dem Mädchen abzuhalten.“

„Von Maude Freese?“

„Ich weiß nicht, wie sie hieß, Sheriff.“

Der Mann nickte finster. „Wer waren die beiden?“

„Der eine nannte sich Hal. Der andere Les.“

„Les Vane?“

„Ich weiß nicht. Er war ein nicht sehr großer, wuchtiger und finsterer Bursche.“

„Das war Vane“, meinte der Sheriff. „Er ist James Garetts Vormann. Ich glaube, Sie haben einen Fehler gemacht, Fremder.“

„Matt Wister, Sheriff. – Wieso?“

Der Sheriff rieb sich über das Kinn. Er sah nachdenklich aus.

„Das ist so eine Sache“, meinte er nach einer Weile. „Ich möchte sagen, eine Sache, gegen die wir alle zusammen machtlos sind. Ich, Sie, die ganze Stadt. Es gibt hier im Tal zwei Rancher. Alan Troger und James Garett. Sie sind beide noch nicht lange da. Garett etwa zwei Jahre. Troger ein halbes Jahr weniger. Beide kamen mit Geld. Beide kauften Herden. Beide wollten alles Land am Big Sioux River. Und beide streiten seither darum. Es ist ein harter, erbitterter Kampf, und er wird von Tag zu Tag grausamer. Im Grunde genommen hat keiner der beiden Recht. Mister Garett hat zwölf Cowboys. Troger nur zehn. Es sind alles Kerle, so hart und zäh wie Sattelleder. Dagegen sind wir machtlos. Wenn Garett befohlen hat, das Mädchen abzufangen, so ist das nur ein Teil dieses Kampfes. Maude ist selber schuld. Ich habe ihr oft genug gesagt, sie sollte sich aus der Sache heraushalten.“

„Und warum macht sie das nicht?“

„Sie hat anscheinend an Troger einen Narren gefressen. Sie ist mit ihm so gut wie verlobt. Ihr gehört hier in der Stadt der Drugstore. Sie erbte ihn von ihrem Vater. Aber offenbar hatten es ihr schon immer die Weiden und die Rinder angetan. Troger macht nicht gerade einen schlechten Eindruck. Soll ich Ihnen einen Rat geben?“

„Bitte.“

„Reiten Sie schnell weiter. Vane und Hal Spears sind keine Männer, die für lange Fußmärsche geeignet sind. Sie werden hierherkommen. Das ist ihnen im Moment vielleicht wichtiger als der Auftrag von ihrem Boss. Können Sie sich denken, was die beiden wollen? Kein Mann in dieser Stadt würde mir helfen, wenn ich mich da einmische, denn jeder arbeitet für die beiden Rancher. Sie sind der Lebensnerv dieser Stadt. Ohne sie ist Watertown ein totes Nest, das der Sand bald zudecken wird.“

„Ich verstehe.“

„Dann reiten Sie.“

„Mein Pferd braucht Futter und einen kühlen Stall, Sheriff. Es tut mir leid.“

Der Sheriff schob die Hände in die Hosentaschen und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Er nickte, als hätte er verstanden.

„Sie können natürlich unter diesen Umständen bei Troger einsteigen“, sagte er. „Sie haben sich gut eingeführt. Das ist Ihre Sache. Aber Vane und Spears müssen Sie aus dem Wege gehen.“

„Werden Sie mir nicht helfen?“

„Kann ich nicht. Die beiden machen es bestimmt so, dass es fair aussieht.“

Matt lehnte sich gegen seinen Sattel und musterte den alten Mann eine Weile schweigend.

„Das Mädchen sollte offenbar verschleppt werden“, sagte er schließlich. Der Sheriff schüttelte den Kopf. „Wenn Vane und Spears hierherkommen, und Sie würden einen solchen Verdacht äußern, würden die beiden lachen. Und was glauben Sie, welchen Beweis Sie dann gegen zwei Stimmen an treten könnten?“

„Maude Freese wird mir zustimmen.“

„Glaube ich nicht. Troger wird ihr das ausreden. Er ist es gewöhnt, seine Sachen selbst auszufechten. Alles spielt sich draußen auf der Weide ab. Hier ist es ruhig. Maude wird nichts sagen. Troger wird ihr beigebracht haben, dass sie zu schweigen hat. Wie lange wollen Sie bleiben?“

„Ich weiß noch nicht.“

„Wenn Sie zu sehr in der Sache rühren, wird auch Troger Sie nicht mehr nehmen wollen. Er hat es nicht gern, wenn ein Cowboy eigenmächtig zum Sheriff geht. Verstehen Sie das?“

„Ja, ich denke. Wo kam Troger her, als er sich hier niederließ?“

„Aus Arizona. Er war da unten schon Rancher, vertrug aber das Klima nicht.“

„Aha.“

„Kennen Sie ihn?“

„Nein.“

„Also, meine Meinung kennen Sie“, brummte der Sheriff und wandte sich ab. Er stieg die beiden Stufen zum Vorbau hinauf und verschwand hinter der knarrenden Tür seines Office.



4

Matt zog sein Pferd weiter die Straße hinauf. Er würde bleiben. Vielleicht konnte er sich den Kampf auf der Weide zunutze machen. Denn es gab gegen Troger keine andere Handhabe. Er hatte gesagt, woher er kam, und es würde unmöglich sein, das nachzuprüfen. Es würde sich wahrscheinlich auch niemand finden, der das machen würde. Der Sheriff schien zufrieden zu sein, die Ruhe in der Stadt bewahren zu können. Was draußen auf den Weiden passierte, kümmerte ihn nicht.

Matt Wister brachte sein Pferd im Mietstall unter. Als er auf die Straße zurückkam, sah er die beiden Punkte, die sich auf die Stadt zuschoben.

Vane und Spears kamen. Sie kamen mit der sturen Beharrlichkeit von Männern, die ihrem Instinkt folgten.

Matt ging über die Straße und betrat den kühlen halbdunklen Schankraum des Saloons. Er setzte sich in eine Ecke, wartete, bis der Keeper aus der Küche kam, und bestellte Essen und Whisky Soda.

Der Keeper schlurfte mit gleichgültigem Gesicht zurück und begann zu hantieren. Er schien allein zu sein.

Ein Mann kam herein, ging zur Theke und lehnte sich dagegen. Er trank einen Whisky, den er sich selbst einschenkte, blickte Matt eine Weile an, ging dann wieder hinaus, ein Geldstück auf der schimmernden Theke liegenlassend.

Matt wartete, dass weitere Männer kommen würden, aber das geschah nicht. Vielleicht waren Vane und Spears schon zu nahe.

Da wurde ihm klar, dass diese Stadt Angst hatte – Angst um die Ruhe, in der sie lebte.



5

Als Spears und Vane sich müde und schwitzend in den Saloon schleppten, hatte Matt Wister sein Steak gegessen und den Teller zur Mitte des Tisches geschoben.

Die beiden kamen bis zur Theke, lehnten sich nebeneinander dagegen, und blickten den Keeper dahinter stumpf an.

„Whisky“, sagte Vane.

Sie nahmen von Matt keine Notiz, taten, als wäre er gar nicht da. Sie tranken den Whisky pur, bis die Flasche zur Hälfte leer war, dann stellten sie sich gerade und wandten sich um. Sie kamen nebeneinander heran und bauten sich vor Matts Tisch auf.

„Eure Pferde stehen drüben vor dem Haus des Sheriffs“, sagte Wister.

„Wir haben sie gesehen“, meinte Vane. „Als wir sie bemerkten, dachten wir schon, du wärst weitergeritten.“

Matt lächelte.

„Manchmal irrt man sich, Les“, sagte er.

„Ja, manchmal. Hal und ich, wir freuen uns, dass wir uns geirrt haben. Nicht wahr, Hal?“

„Ja, das stimmt. Es ist gut, dass du kein Spielverderber bist. Weißt du, was es heißt, mehr als zwei Meilen unter der glühenden Sonne zu marschieren?“

„Sicher, Hal, ich habe das auch mal machen müssen. Es ist hart für einen Mann. Aber ich finde, es ist eine noch härtere Sache, ein Mädchen zu verschleppen. Findest du das nicht auch?“

„Du bist verrückt“, knurrte Vane. „Was redest du? Ein Mädchen verschleppen?“

„Ach so“, sagte Matt. „Ihr habt das schon wieder vergessen.“

„Vergessen?“, knurrte Spears und blinzelte zu seinem Partner hinüber. „Sage mal, Les, hast du ein Wort verstanden?“

„Nein, er ist verrückt. Ich würde dem Sheriff vorschlagen, ihn aus der Stadt zu entfernen. Aber ich glaube, wir wissen noch etwas Besseres.“

Sie lachten wild und gefährlich. Und Hal sagte: „Wir nehmen dich in die Mangel, Freundchen! Wir geben dir für jeden Schritt, den wir machen mussten, einen Hieb, der es in sich hat. Wenn wir mit dir fertig sind, liefern wir dich beim Sheriff ab, damit er den Rest von dir verfrachten kann.“

Seine Hände schnappten den Stuhl, hinter dem er stand, und feuerten ihn mit einer kurzen, schnellen Bewegung zur Seite. Er krachte gegen die Wand und löste sich berstend in seine Einzelteile auf.

Der Keeper ließ ein Stöhnen hören. Les wandte sich um.

„Den Schaden schreibst du dem Burschen auf die Rechnung“, meinte er. „Er bezahlt das gern.“ Er drehte sich zurück, schnappte den Tisch und kippte ihn nach der Seite um.

In diesem Moment sprang Matt hoch. Hal warf sich vorwärts, schwang die Fäuste und schlug zu. Er traf Matt mit der Linken gegen die Schulter, und der Hieb trieb Matt zurück, dass seine Knie gegen den Stuhl prallten.

Dort fing er sich. Er sah Hal kommen, sah den Triumph in dessen Augen und langte mit seinem langen Arm in die Deckung hinein.

Der gestochene Haken traf Hal gegen das Kinn und ließ ihn taumeln. Tränen schossen in seine Augen und rannen wie Sturzbäche über seine Wangen. Er schrie auf und schwankte. Matt setzte nach und hämmerte ihm die Faust gegen die Stirn.

Hal prallte gegen einen Pfosten. Im Gebälk ächzte es, und der Keeper faltete die Hände, während er vor sich hin murmelte.

Les, der sich eben noch etwas nutzlos vorgekommen war, sprang Wister von der Seite an und setzte ihm die Faust auf den Kopf. Der Schlag glitt ab, rutschte über Matts Ohr und prallte auf dessen Schulter.

Wister wirbelte einknickend herum und schlug zu. Sein Haken saß, genau auf dem Punkt. Les stolperte über einen umgefallenen Stuhl und fiel auf die Dielen. Er atmete keuchend und abgehackt. Ein irres, ungezügeltes Feuer glimmte in seinen Augen.

Matt erkannte die Gefahr, konnte sich aber nicht darauf konzentrieren, denn Hal fiel ihn von der Seite an. Er schmetterte ihm die Faust entgegen.

Getroffen taumelte Matt zur Seite, fing sich an der Wand und sah Hal, der den Kopf senkte und nach vorne rannte.

Matt wich zur Seite aus. Dicht neben seinem Gürtel knallte der Kopf des bulligen Kerls gegen die Wand, und genau an dieser Stelle ging Hal zu Boden. Er rollte auf den Rücken und blieb liegen.

Matt stemmte sich ab und machte einen Schritt vorwärts.

„Jetzt fährst du zur Hölle!“, schnarrte Les.

Matt wirbelte herum und sah die dunkel gähnende Mündung.

Zu spät. Zu spät, um zu ziehen oder irgendeine andere Abwehrbewegung zu machen. Nur zurückspringen konnte er noch.

Da krachte der Schuss. Pfeifend leckte die Feuerlanze aus der Mündung, und die Kugel sirrte an Matts Kopf vorbei.

Der Sprung nach rückwärts hatte ihm das Leben gerettet. Jetzt stand er, sah, wie Les etwas ungeschickt den Hahn spannte. Er spürte plötzlich den eigenen Colt zwischen den Fingern, blickte über den Lauf auf Les und ließ den Hammer fallen, ohne es zu merken.

Les fiel auf den Boden zurück, rollte herum und schrie.

Matt ging rückwärts bis zur Theke und lehnte sich dagegen. Er hatte den Colt noch in der Hand und hielt den Hammer mit dem Daumen fest. Er war bereit, sofort noch einmal zu schießen. Er stand und wartete, hörte die wilden Schreie und sah Hal mit bleichem Gesicht hochkommen.

„Wenn es hier einen Doc gibt, dann solltest du ihn jetzt holen, Hal“, sagte Matt. „Versuche besser keinen Trick mehr. Les wollte mich umbringen. So weit geht der Spaß nicht.“

Hal rieb sich benommen über den Kopf, blinzelte zu seinem Partner hin und schwankte dann wie ein gefällter Baumriese durch den Saloon und zur Schwingtür hinaus. Seine schleifenden Schritte verhallten.

„Gibt es hier einen Doc?“, fragte Matt über die Schulter.

„Ja. Wenigstens einen Mann, der vorgibt, Arzt zu sein. Keiner von uns weiß, ob das stimmt, Mister. – Und keiner weiß, was James Garett, der Boss der beiden, nun mit Ihnen machen wird, wenn Sie nicht höllisch schnell verschwinden.“

„Es war Notwehr, das haben Sie doch gesehen?“, fragte Wister. Er wandte sich halb um, so dass er den Keeper anblicken konnte, ohne den immer noch schreienden Les aus den Augen zu verlieren.

Der Salooner lächelte unsicher. „Glauben Sie mir! Ich konnte das nicht so genau beobachten.“

Matt lächelte nachsichtig.

„Aber Sie haben doch zwei Schüsse gehört?“, fragte er weiter.

„Es klang so, aber ich sah nicht, wer außer Ihnen noch geschossen hat.“

„Hoffentlich bringt Sie die eigene Feigheit nicht eines Tages um“, knurrte Wister.

„Ich habe das bestimmt nicht sehen können!“

„Schon gut. Wie heißt der Doc?“

„Flanner. Er… Sie werden es schon sehen. Er kommt sicher gleich.“

Draußen waren Rufe zu hören. Ein paar Köpfe erschienen an den Fenstern.

Der Sheriff schob sich in den Saloon und blieb nahe der Tür stehen. Er blickte schnell und gründlich umher. Dann kam er näher und hob Les Vanes Colt auf, blickte den Stöhnenden strafend an und knurrte: „Reiß dich zusammen, Les! Wenn das dein Boss hört, jagt er dich zum Teufel!“

Les’ Stöhnen wurde leiser.

Sheriff Jim Riley wandte sich halb um und blickte Matt an.

„Wer schoss zuerst?“

„Er.“

„Hast du das gesehen, Tim?“, wandte sich der Sheriff an den Keeper.

„Ich konnte das nicht beobachten, Sheriff. Bestimmt nicht! Es ging alles sehr schnell! Ich …“

„Schon gut, Tim. Les hat also zuerst geschossen. Warum hast du denn Angst? Du musst dir eines merken: So sehr die Stadt die Rancher braucht, so sehr brauchen die Rancher die Stadt. Es ist nicht gut, wenn man zu viel Angst hat.“

„Du hast wohl vergessen, dass es Garett war, der dich zum Sheriff machte?“

„Nein, Tim. Darum geht es nicht. Ich bin nicht sein Sheriff. Ich will gegen einen Felsen anrennen, aber ich bin nicht sein Sheriff. Bitte, merke dir das!“

Die Tür schwang auf.

Herein kam Hal, der ein kleines klapperdürres Männlein mit wenigen eisgrauen Haaren und einer roten Knollennase vor sich herschob.

Matt blickte den kleinen ausgelaugten Mann mit der Knollennase und der unnatürlich rosigen Gesichtshaut an. Er erkannte an der Haut, an den tiefliegenden Augen und an den tiefen Linien im Gesicht, dass Doc Flanner ein Trinker war.

Der kleine Mann hatte eine abgeschabte Ledertasche mit Messingbügel in der linken faltigen Hand. Er kam näher, ging unsicher, und seine Hände zitterten. Er stellte die Tasche auf einen Hocker, nahm ein Glas von der Theke, das der Keeper eben hinstellte, und trank den scharfen Schnaps auf einen Zug aus. Er stellte das Glas zurück, machte eine fahrige, tappende Bewegung und griff nach der Tasche. Er blickte Matt kurz und schweigend aus seinen tiefliegenden, wässrigen Augen an, ging dann zu Les und kniete neben ihm nieder.

Der Sheriff lehnte sich abwartend gegen die Theke. Auch er schwieg.

Doc Flanner stand auf, kam zur Theke zurück und blickte den Keeper auffordernd an.

Der schenkte das Wasserglas wieder voll.

Flanner trank. Er trank gierig, rollte dabei mit den Wasseraugen und stellte das Glas zurück. Er sagte nichts, machte nur eine Bewegung.

Der Keeper schenkte das Glas wieder voll. Der Doc leerte es in seine ewig durstige Kehle, nickte zufrieden und wandte sich um.

„Die Kugel sitzt dicht unter dem Herzen“, sagte er mit tiefer Stimme, die aus einer Gruft zu kommen schien.

„Und?“, fragte der Sheriff.

„Ich kann die Kugel jetzt nicht herausholen.“

„Warum nicht?“

„Sie liegt zu tief. Er hat Blut verloren – viel Blut! Er muss richtig liegen, muss erst wieder zu Kräften kommen. Dann kann ich es versuchen.“

„Es kann also sein, dass er es nicht überlebt?“, fragte der Sheriff.

Der Doc zuckte resignierend die Schultern.

„Keiner steckt drin“, knurrte er tiefsinnig. „Legt ihn in ein Zimmer. Morgen sehe ich wieder nach ihm.“

„Er kommt zur Ranch“, sagte Hal Spears.

„Ich würde ihn hierlassen“, brummte der Doc gleichgültig. „Natürlich ist das eure Sache. Aber es ist sein sicherer Tod.“

„Ich habe schon andere Männer gesehen, die tagelang mit Kugeln im Leib herumliefen, die im Sattel saßen, und alle möglichen Arbeiten machten.“

„Sicher, Spears. Aber nicht, wenn sie die Kugeln gerade erst in den Leib bekommen hatten. Vielleicht kannst du ihn morgen abholen.“

„Er …“

„Er bleibt hier!“, schrie der Sheriff. „Reite hinaus und sage deinem Boss, was geschehen ist. Und sage ihm, dass Les ein Narr war, der den Streit angefangen hat.“

Hal stand unentschlossen, blickte auf seinen Kumpan, der jetzt still lag und die Augen geschlossen hatte.

„Na, geh schon“, knurrte der Sheriff. „Oder willst du es auf dich nehmen, das Leben eures Vormannes in der Hand zu haben? Garett würde sicher früher oder später erfahren, was der Doc gesagt hat.“

Hal ging langsam zur Tür.

„Der Doc“, sagte er verächtlich über die Schulter. „Ich möchte den Mann einmal sehen, der Flanner den Titel gegeben hat. Wisst ihr was, diesen Mann gibt es nur in seiner Einbildung.“

Flanner wandte sich gelassen zur Theke.

„Gib mir noch einen, Tim“, knurrte er.

Hal ging hinaus. Gleich darauf hörten sie die beiden Pferde antraben, die Matt vor dem Office des Sheriffs abgestellt hatte.



6

„Und wer bezahlt meinen Schaden?“, fragte der Keeper mit einem schiefen Blick auf Matt Wister.

„Wahrscheinlich der, der ihn angerichtet hat. Aber das haben Sie sicher nicht so genau gesehen, nicht wahr?“ Der Keeper gab keine Antwort. Brummend verschwand er in der Küche.

„Hal hat zur Ranch zwei Stunden zu reiten“, sagte der Sheriff in die eingetretene Stille hinein. „Es wird also vier bis fünf Stunden dauern, bis Garett hier sein kann. Nutzen Sie die Zeit, Fremder! Sie haben ein gutes und ausdauerndes Pferd. In drei Tagen können Sie über die Grenze sein. So weit folgt Ihnen von hier kein Mensch.“

Matt lächelte den Sheriff an.

„Wenn ich alles, was Sie sagten, richtig verstanden habe, könnte ich mich doch zu der anderen Partei schlagen, nicht wahr?“

Das Gesicht des Sheriffs wurde lang. „Zu Troger?“

„Ginge das nach Lage der Dinge nicht?“

„Kann schon sein.“

„Habe ich Sie enttäuscht, Sheriff?“, fragte Matt mit einem verbindlichen Lächeln. „Ist es etwas anderes, wenn ich fortreite?“

„Es ist Ihre Sache, was Sie machen“, knurrte der Sheriff. „Komm, Tim, wir wollen Les in ein Zimmer tragen.“



7

Alan Trogers Ranch war weiträumig angelegt. Ein weiß leuchtendes Haupthaus stand in der Mitte, mit einer breiten Veranda davor, zu der eine breite Freitreppe hinaufführte. Rechts und links davon weitästige Cottonwoods, im Hintergrund ein paar Eisenholzbäume. Rechts und links davon Ställe und Schuppen, ein langgestrecktes Bunkhaus mit niedrigen Fenstern und zwei breiten Türen. Eine Pferdekoppel, von einem Corralzaun umgeben, große Fässer, die das Regenwasser auffingen, und zwei flache Ranchwagen vor einem der Schuppen, neben denen ein Buggy stand. Hinter dem Haupthaus drehten sich zwei Windräder knarrend in der lauen Brise, die über das Grasmeer strich.

Maude Freese, die auf der Veranda saß, umfasste das alles mit einem Blick, in dem Stolz lag. Sie umfasste mit diesem Blick auch Alan Troger, der ihr gegenüber saß und der das alles aus dem Boden gestampft hatte. Ihr Blick glitt über ihn hinweg, zu der fernen Staubwolke hinter den Hügeln.

Dort hinten stand die große Herde Herefords. Eine Herde, die sich schnell vergrößern würde. Gutes, sattes Vieh, für das an der Bahnlinie in Nebraska mehr als zwanzig Dollar pro Stück bezahlt wurde.

Sie wusste, dass Troger eines Tages ein reicher Mann sein würde. Schon heute gehörte ihm ein großes Stück dieses Landes. Eines Tages würde er Garett bezwungen haben.

Dann würde ihm alles Land gehören, das am Big Sioux River lag. Er würde Tage, vielleicht Wochen brauchen, um die Grenzen seiner Riesenranch umreiten zu können. Und zu dieser Ranch würde dann auch Watertown gehören, denn sie würde auf ihrem Gebiet liegen.

An das alles dachte Maude Freese, die selbst nicht mehr wusste, wann sie sich in diesen Gedanken verbissen hatte. Sie wollte eine große Rolle in diesem neuen Rinderland spielen. Dabei entging ihr, wie nachdenklich der Rancher geworden war.

Sein ehemals so selbstsicheres, strahlendes Gesicht wirkte eingefallen und müde. Es schien, als wäre er nach ihrem Bericht um Jahre gealtert. Als sie ihn wieder anblickte, sah sie das alles auf einen Schlag.

Sie beugte sich über den Tisch, an dem sie sich gegenübersaßen. Ihre blonden weichen Locken fielen über ihre Stirn ins Gesicht. Mit ihrer weichen, biegsamen Stimme fragte sie: „Was hast du, Alan? Ist es, weil Garett mich fangen lassen wollte?“

Troger reckte seine gedrungene Gestalt, und die kleine Narbe links des Nasenflügels glühte dunkler als sonst. Als er den Mund öffnete, wirkte der Goldzahn in seinem Mund stumpf und matt.

Es war ihr, als wäre eine große dunkle Wolke über die Ranch gezogen. Alles strahlte auf einmal nicht mehr so hell. Alles wirkte dunkel, grau und feindlich. Auch Alan Troger war nicht mehr der strahlende Mann aus ihren Träumen. Irgend etwas hatte ihn plötzlich sehr verändert.

„Garett ist ein Schurke“, hörte sie ihn verzerrt sagen. „Dafür sollte man ihm die ganze Ranch über dem Kopf anbrennen!“

„Du musst das nicht so wichtig nehmen“, sagte sie. „Ich glaube, er würde sich schnell überlegen, dass eine solche Methode seinen Untergang nur beschleunigen kann. Sie könnten mich doch nicht umbringen. Ich würde eines Tages wieder frei sein. Dann würde ich nach Fort Sisseton reiten und dem District-Marshal ein Licht anstecken.“

„Ja, dann wäre es vielleicht gut gewesen, dieser … Wie hieß er gleich?“

„Matt Wister, Alan.“

„Ja, dieser Wister wäre gar nicht gekommen. Was ist er für ein Kerl?“

„Ein Mann, den du gebrauchen könntest, Al. Er wird sicher über Nacht in Watertown bleiben. Du solltest mit mir kommen und mit ihm reden. Vielleicht hat er Lust, bei dir zu arbeiten.“

„Ist er … Ich meine, sah er wie ein Revolvermann aus?“

Maude überlegte einen Moment und schüttelte dann den Kopf.

„Er sah wie ein Cowboy aus. Aber irgendwie war er anders. Ich möchte zu gern wissen, was er mit Vane und Spears noch gemacht hat.“

„Vielleicht sollte ich mir den Burschen wirklich ansehen“, brummte Troger. „Sagte er sonst noch etwas zu dir?“

„Nein, Al, nichts. Wirst du mitkommen?“

„Du solltest besser über Nacht hierbleiben, Maude. Ich werde ein paar Männer von der Weide holen, die auf dich aufpassen. Es ist zu gefährlich, wenn wir allein reiten. Morgen begleiten dich meine Boys in die Stadt.“

„Aber …“

„Es geht darum, dass Garett keine Handhabe gegen mich bekommen darf. Was nützt uns der District-Marshal? Gar nichts! Garett würde mich erpressen. Er würde mit deinem Tod drohen, wenn irgendeiner davon erfährt. Du weißt, er bekämpft mich ohne Gnade!“

„Und du, Al?“

„Ich muss mich wehren. Was bleibt mir weiter übrig. Aber ich werde es mit ihm allein ausmachen. – Also, du reitest morgen zurück.“

Sie schaute ihm nach, wie er die Treppe hinunterstieg. Seine Bewegungen erschienen ihr eckig und hölzern. Als er sein Pferd unten vor dem Corral sattelte, da klappte das nicht so wie an anderen Tagen, da sie ihn beobachtet hatte.

Sie schaute ihm nach, wie er fortritt, und plötzlich beschlich sie ein unangenehmes Gefühl. Irgend etwas war anders, als es immer gewesen war. Irgend etwas verschwieg er ihr.

Sie stand mit einer langsamen Bewegung auf, schob den Holzsessel zurück und stützte die Hände auf das Geländer. Ihr Blick folgte der wehenden Staubfahne, die von den Hufen seines Pferdes hochgeschleudert wurde und träge in der flimmernden Luft hing.

Was war es?

Immer wieder hatte sie das Bild eines Mannes vor Augen, der wie aus dem Boden gewachsen neben dem Weg gestanden hatte, die Winchester 73 in der Armbeuge. Ein Mann, an dem irgend etwas anders war als an anderen Männern – anders als an Garett, anders als an Sheriff Riley, als an Vane und Spears – und auch anders als an Alan Troger.

Sie wusste, dass dieser Mann durch seine Art, durch sein unerschrockenes Auftreten Eindruck auf sie gemacht hatte. So wie Troger mit seiner Riesenranch Eindruck auf sie machte. Plötzlich fühlte sie den tiefen Zwiespalt in ihrer Seele. Doch sie wusste noch nicht, dass es zu viele Dinge waren, die sie liebte und haben wollte.



8

Die Sonne stand weit im Westen. Die Hitze des Frühlings hatte etwas nachgelassen.

Sheriff Riley lag drüben unter dem Vorbau vor seinem Haus im Schaukelstuhl und lauschte der knarrenden Begleitmusik zu den Bewegungen der Kufen. Er blickte nicht auf, als er den Reiter unten im knirschenden Sand hörte. Er hatte ihn vorhin gesehen. Er wartete auf Garett. Troger interessierte ihn jetzt nicht.

Aber Troger beachtete den Sheriff auch nicht. Er ritt genauso schweigend an den anderen vorbei, hielt vor dem Saloon an, weil es sonst keinen Saloon in der Stadt gab. Er stieg ab, schlang die Zügel lose um den Holm und stieg die Stufen zum Stepwalk hinauf.

Als er sich durch die Schwingtür geschoben hatte, blieb er stehen und zog die Augen zusammen. Er sah den Mann in der Ecke sitzen, und er wusste sofort, dass das der Mann war, von dem Maude Freese gesprochen hatte, von dem sie fasziniert war, obwohl sie das nicht gesagt hatte.

Troger wusste alles. Er wusste es so klar und deutlich, als wäre gestern der Tag gewesen, an dem er mit dem unfertigen Johnny vor den Geldscheinen auf dem Tisch gestanden hatte.

Achttausend Dollar!

Die Summe hatte alle seine Hemmungen über den Haufen geworfen.

Er, Troger, hatte etwas vorgehabt; etwas ganz anderes, das sich mit der Hälfte des Geldes nicht durchführen ließ. Es war plötzlich alles ganz einfach gewesen.

Ein schneller, glatter Schuss, ein noch schnelleres Pferd, ein anderer Name.

Am Ende: freies Land, billige Zuchtrinder und Geld, mit dem sich eine Menge anfangen ließ. Und schließlich noch James Garett, der dafür sorgte, dass es einem rauen Mann hier oben nicht langweilig werden sollte.

Und nun saß er dort.

Das also war Matt Wister, von dem Johnny oft gesprochen hatte.

Er hatte so oft an ihn gedacht, dass er sich vorgestellt hatte, dieser Matt Wister wäre ein Supermensch. Nun sah er ganz normal aus. Ein kantiges, hartes, scharf geschnittenes Gesicht, mattschwarzes Haar und graue Augen. Gar nichts Besonderes. Und doch ein Mann, der aussah, als würde er in dieser Welt zu Hause sein. Ein gutes Dutzend solcher Kerle, und man könnte mit ihnen Felsen auseinandersprengen.

Matt Wister hatte seine Haltung nicht verändert. Er saß ruhig, die Beine etwas vorgestemmt und die rechte Hand unter dem Tisch.

Der Keeper rutschte mit dem Rücken ungemütlich am Regal hin und her. Es war sonst kein Gast im Saloon. Matt saß immer noch ruhig und abwartend, blickte den leicht gedrungenen Mann mit dem satten Gesicht an, und schwieg.

Troger ging weiter in den Saloon hinein; Schritt um Schritt, bis er an der Theke stand. Er legte die rechte Hand auf die Messingplatte, und er spürte, wie die Unruhe in ihm hochstieg.

Dieser Matt Wister war doch nicht wie andere. Er war anders. Eine überlegene Ruhe strahlte von ihm aus, als habe er sich alles zu diesem Auftritt zurechtgelegt.

Es war sein Auftritt; Troger spürte es. Es war sein großer Auftritt, auf den er wahrscheinlich lange gewartet hatte.

„Einen Whisky“, sagte der Rancher zu dem Keeper.

Der Mann schenkte mit zitternder Hand ein. Auch auf ihn war die Unruhe übergegangen.

„Kümmere dich um mein Pferd“, redete der Rancher weiter. „Es muss abgerieben werden und braucht Futter. Gib ihm erst nach zehn Minuten zu trinken.“

„Ja, Mr. Troger“, brummte der Keeper übellaunig und kam um die Theke herum. Er warf dem ruhig sitzenden Matt noch einen Blick zu, ging dann an Troger vorbei hinaus.



9

Das Knarren der schlecht geschmierten Angeln reichte bis in den letzten Winkel des Saloons, und dazwischen war das leise Wimmern des Verletzten in einem Zimmer des Obergeschosses zu hören.

Matt blickte den Mann an der Theke an. Er sah, dass dessen Hand nicht ganz ruhig war, als sie das Glas hob. Und er sah den goldenen Zahn, als Troger den Mund öffnete.

Er schwieg. Er wartete. Er war weit und lange geritten, und er war nun genau dort, wohin er wollte. Er musste jetzt ganz ruhig bleiben, um über einen der zwei mächtigsten Männer in diesem County einen Sieg erringen zu können.

Troger hatte den Keeper auf mindestens fünfzehn Minuten fortgeschickt. Vielleicht war das die Zeit, die er dachte zu gebrauchen.

Der Rancher kam jetzt von der Theke her näher. Er hatte sein Glas in der Hand, hielt es vor die mexikanische Weste und blickte Matt durchbohrend an.

„Suchen Sie einen Job?“, fragte er.

„Ich weiß noch nicht genau“, erwiderte Matt mit unbewegtem Gesicht.

„Sie haben Miss Freese vor Unannehmlichkeiten bewahrt.“

„Es war nicht der Rede wert.“

„Sind Sie Cowboy?“

„Ja.“

„Ich habe eine Ranch. Ganz hier in der Nähe. Ich könnte vielleicht noch einen guten Mann gebrauchen. Wie ist es, Mister?“

„Ich habe darüber noch nicht nachgedacht.“

Troger trank sein Glas aus und stellte es neben sich auf einen Tisch.

„Ich zahle fünfzig im Monat für einen guten Mann“, sagte er. „Sie müssten sich die Sache aber schnell überlegen. Übrigens: Miss Freese und ich sind verlobt.“

Matt antwortete nicht.

„Deshalb bin ich Ihnen sehr zu Dank verpflichtet“, redete der Rancher weiter. „Ich würde Ihnen einen guten Job anbieten.“

„Welchen?“

„Ich könnte Ihnen ein Weidecamp übergeben, Wister. Sie sind dann der Vormann da draußen.“

„Das ist ein gutes Angebot für einen Fremden, nicht wahr?“

„Allerdings. Wollen Sie?“

Matt fragte sich, worauf Troger hinaus wollte. Er wusste genau, dass der Mann wusste, wen er vor sich hatte. Es konnte für ihn keinen Zweifel geben, dass es allein der Wunsch nach Sühne war, die Matt Wister hierher getrieben hatte.

„Ich muss mir das bis morgen überlegen“, sagte er. „Verstehen Sie, ich war mir noch nicht im Klaren, ob ich hierbleiben will. Ich komme aus Texas. Hier oben ist das Klima rauer.“

„Nicht im Sommer, Wister. Ich komme aus Arizona, da ist das gleiche Klima.“

„Was Sie nicht sagen!“

„Mir bekommt das Klima hier sehr gut. – Gut, reden wir morgen noch einmal darüber.“

Es blieb ruhig zwischen ihnen. Das leise Wimmern des Verletzten drang wieder in den Saloon.

„Wer ist das?“, fragte Troger.

„Les Vane. Ich habe ihn angeschossen. Er wollte mich töten.“

„Wegen …“

„Ja, deshalb. Ich musste den beiden Burschen die Pferde abnehmen. Sie wären Ihrer Verlobten sonst nachgeritten.“

„Sie wissen also, was hier vorgeht?“

„Der Sheriff erklärte mir einiges.“

„Ich bin im Recht, Wister. Das Recht wird sich eines Tages durchsetzen.“

„Sicher, Troger.“

„Also gut, reden wir morgen noch einmal davon.“

Der Rancher wandte sich ab und ging zur Theke. Er nahm sein Glas mit und füllte es aus der auf dem Schanktisch stehenden Flasche. Er trank es aus und warf es ins Spülbecken.

„Dann bis morgen.“

Matt sah das Zögern des Ranchers und bemerkte, wie er unentschlossen stehenblieb und offenbar noch etwas sagen wollte. Aber dann ging er. Die Schwingtür knarrte misstönig.

Draußen war die Stimme des Keepers zu hören, der sagte: „Ich habe Ihr Pferd …“

„Ich reite wieder fort. Es ging schneller, als ich dachte.“

Schritte erklangen. Dann tauchte der Keeper in der Tür auf.

„Noch einen Whisky“, sagte Matt. Leise murmelnd ging der Salooner hinter die Theke.



10

Sheriff Riley lehnte sich genau an den Pfosten, an dem auch der Rancher gelehnt hatte. Er blickte Matt eine Weile abwartend an.

Als der schwieg, fragte er: „Was wollte Troger von Ihnen?“

„Er wollte mir einen Job anbieten.“

„Einen Job? – Auf seiner Ranch?“

Matt zuckte die Schultern.

„Ich sollte Vormann in einem Weidecamp werden. Für fünfzig im Monat.“

Riley pfiff leise durch die Zähne. „Fünfzig! Das ist eine Menge Geld. Soviel ich weiß, verdienen Männer wie Vane vierzig. Das ist hoch, die anderen werden dreißig haben. Das ist bei Troger nicht anders als bei Garett.“

„Vielleicht wegen Miss Freese“, sagte Matt und drehte sein halb geleertes Glas auf dem Tisch.

Auf Rileys Stirn stand eine steile Falte, die von der Nasenwurzel bis zum Haaransatz reichte und die Stirn zu spalten schien.

„Fünfzig ist viel Geld“, sagte er leise. „Wister, irgend etwas mit Ihnen ist anders als sonst mit anderen Männern. Sie kommen hierher, haben Ärger, sind der Sieger, bekommen ein gutes Angebot und sitzen verdammt ruhig hier und trinken Whisky. Haben Sie nicht angenommen?“

„Noch nicht. Ich habe mir bis morgen Bedenkzeit gegeben.“

„Und darauf ging er ein?“

„Ja.“

Riley schüttelte den Kopf, als verstünde er immer weniger. „Das hat er noch nie gemacht.“

„Dann bin ich auch in diesem Fall eine Ausnahme“, sagte Matt und lächelte.

„Sie sind vermutlich ein Narr, Wister. Sie wissen doch, dass Garett kommen wird?“

„Es ist anzunehmen.“

„Er kommt so sicher, wie in zwei Stunden die Nacht kommen wird. Er kommt mit einer kleinen, aber saftigen Rechnung. Sie hätten einen großartigen Schutz gehabt, wenn Sie mit Troger geritten wären. Es ist doch klar, dass er mit seiner ganzen Mannschaft auf Ihrer Seite stehen würde.“

„Vielleicht...“

„Wieso? – Bestimmt! Sie haben seine Braut gerettet.“

„Das spielt vielleicht keine sehr große Rolle, Sheriff“, murmelte Matt.

Sheriff Riley schien den Rücken fester gegen den Pfosten zu pressen. Der Blick seiner Augen wurde dunkler.

„Warum sind Sie hier?“, fragte er plötzlich.

Matt lächelte auf eine freudlose Art. Er wusste, dass es sinnlos war, über die Wahrheit reden zu wollen. Er hatte keinen Beweis, und selbst wenn der Sheriff ihm glauben würde, könnte ihn das keinen Schritt weiterbringen.

Er musste diese Sache allein durchsetzen, und er musste es so machen, dass er hier oben ganz offensichtlich im Recht war. Der damalige Mord ließ sich nur noch sühnen, wenn er Troger neue Verbrechen nachweisen konnte. Und er würde sie ihm nachweisen.

Matt Wister war ganz sicher, denn er hatte an Trogers Unsicherheit erkannt, dass er, Matt, hier im Wege war. Vielleicht sollte er auch nur auf die Ranch gelockt werden, damit der mächtige Troger ihn dort schnell und unauffällig für immer verschwinden lassen konnte.

„Was draußen auf der Weide passiert, geht mich nichts an“, hörte er den Sheriff in seine Gedanken hinein sagen. „Aber hier in der Stadt führe ich das Kommando, Wister. Ist Ihnen das klar?“

„Ja.“

„Wenn Sie hierbleiben wollen, müssen Sie sagen, um was es wirklich geht.“

Matt trank sein Glas aus und schob es zur Mitte des blank gescheuerten Tisches.

„Haben Sie etwas gegen Garett oder Troger?“

Matt stand auf und ging um den Tisch herum. Er lehnte sich gegen die Platte und blickte den Sheriff starr an. „Wenn es so wäre, könnten Sie mir dann helfen?“, erkundigte er sich.

„Wahrscheinlich nicht, Wister. Wahrscheinlich deshalb nicht, weil Sie einer Sache nachreiten, die sich nicht beweisen lässt. Einer Sache, die man längst vergessen haben sollte.“

„Meinen Sie?“

„Was ist es?“

„Das spielt keine Rolle. Ich sage es Ihnen, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, an dem Sie mir helfen wollen.“

„Wister, diese Stadt ist jung! In dieser Stadt leben Menschen, die von irgendwoher kamen; die ihre Heimat aus irgendwelchen Gründen verlassen mussten. Es gibt viele Gründe, und die meisten davon sind nicht sehr rühmlich. Jeder hier draußen hat irgend etwas in seinem Leben zu verbergen. Vielleicht auch Sie! Jeder hat irgendwann einmal einen Fehler gemacht.“

„Sie meinen, man sollte die alten Sachen ruhen lassen?“

„Genau. Diese Stadt lebt von den Ranches. Es macht nichts, wenn es einmal nur noch eine Ranch ist. Die Stadt wird auch davon leben.“

„Ach so.“

„Reiten Sie weiter. Es ist der einzige Rat, den ich Ihnen geben kann. Sie sind auch allein nicht in der Lage, hier etwas gegen Garett oder Troger unternehmen zu können. – Ist es Troger?“

„Es ist gar nichts, Sheriff“, sagte Matt bitter. „Gar nichts, das Sie interessieren könnte!“

Jim Riley stemmte sich vom Pfosten los und ging mit mürrischem Gesicht zur Schwingtür. Er wandte sich noch einmal um und blickte unsicher zurück, wie auch Troger unsicher zurückgeblickt hatte.

Matt spürte, wie tief die Seele dieses Mannes gespalten war. Er wollte, dass Frieden in dieser Stadt herrschte. Er wollte für Gerechtigkeit sorgen, er wollte aber auch, dass jeder Mann im County in Ruhe gelassen wurde mit alten Geschichten. Verjährt Mord? – Jim Riley wollte zu vieles auf einmal. Deshalb würde er wahrscheinlich nichts davon erreichen.

Matt setzte sich wieder.

„Noch einen Whisky“, sagte er zu dem Keeper, der mit offenem Mund hinter der Theke stand.

Der Mann kam das leere Glas holen, schenkte es an der Theke voll und brachte es zurück. Seine schlurfenden Schritte übertönten das leise Wimmern im Obergeschoss.

Der Keeper blieb stehen.

„Was ist?“, erkundigte sich Matt. „Garett wird kommen, Mister. Er wird ganz sicher kommen.“

„Das sagte der Sheriff schon.“

„Ja, Wister, das hat er gesagt. Garett wird mit seiner Mannschaft kommen. Zumindest mit einem Teil davon. Sie werden das Wimmern oben hören, so wie Sie und ich es jetzt hören. Es wird sie wild machen, Sie werden hier eine Menge Zauber machen! Mein Inventar wird zum Teufel gehen, und keiner wird es bezahlen wollen! Alle werden sagen, Sie wären schuld. Und Sie sind vielleicht nicht mehr in der Lage, etwas zu zahlen.“

„Sie meinen, ich könnte tot sein, nicht, wahr?“, fragte Matt ruhig.

„Genau das meine ich, Wister.“

„Selbst wenn ich am Leben bleibe, könnte ich den Schaden nicht bezahlen. Ich bin ein armer friedfertiger Mann, der hier sitzt und seinen Whisky trinkt. Ich würde freiwillig gehen, wenn es in dieser Stadt noch einen anderen Saloon gäbe. Aber es gibt keinen!“

„Sie sollten fortreiten. Und wenn Sie das nicht wollen, dann wenigstens nicht hier! Haben wir uns jetzt verstanden?“

„Ich habe Sie schon lange verstanden“, erwiderte Matt gepresst und stand auf. Er legte ein Geldstück neben das unberührte Glas und ging mit leise klirrenden Sporen an dem Mann vorbei zur Schwingtür.



11

Matt Wister blieb draußen auf dem Stepwalk stehen, lehnte seine Schultern gegen einen Pfeiler und blickte zu Sheriff Riley hinüber, der vor seinem Haus stand, die Hände auf die Brüstung gestemmt.

Andere Männer standen an den Rändern der Fahrbahn. Alle blickten die Straße hinauf. Sie warteten!

Die Sonne stand hinter den Häusern im Westen. In einer Viertelstunde würde sie untergehen. Dann würde eine kurze Zeit der Dämmerung kommen, und dann würde es dunkel sein.

Matt stieg die beiden ausgetretenen Stufen hinunter und überquerte mit knirschenden Schritten die Fahrbahn. Er war selbst gespannt, was passieren würde. Als er stehenblieb und sich umwandte, zogen sich die Männer von den Gehsteigkanten zurück und verschwanden im Schatten der vorspringenden Dächer, die weit nach unten gezogen waren.

Sie wollten nicht gesehen werden; wollten mit dieser Sache nichts zu tun haben.

Auch Sheriff Riley bog den Oberkörper zurück. Er hatte Matt einen Rat gegeben. Mehr wollte er nicht tun.

Mehr stand auch nicht in seiner Macht. Matt fragte sich, ob er wirklich ein Narr war. Er schüttelte den Kopf. Er wusste, dass es Zufall war, dass er sich mit Garetts Cowboys anlegte. Auch der Rancher würde das erkennen müssen.

Er merkte, wie er gespannt auf den Mann wurde, vor dem hier augenscheinlich alles in den Staub kroch, genau wie man es vor Troger machte.

Eine seltsame Stadt. Eine Stadt, die zwei Männern gleich gut dienen wollte.

Als er den Mietstall betrat, erhob sich der Pferdebursche aus dem Heu. Er rieb sich über die geröteten Augen.

„Reiten Sie fort?“, fragte er.

„Ja.“

„Ich hatte gedacht, Sie seien ein Mann, der vor nichts Angst hat.“

„Du hast dich wohl getäuscht.“

„Ja, es scheint so. Schade, Mister. Hier oben gibt es keine richtigen Männer. Alle haben Angst. Sind Sie wirklich Texaner?“

„Ja.“

„Ich habe mir Texaner immer anders vorgestellt.“

„Wie denn?“

„Nun, stark, schnell, mutig.“

„Ach so.“

„Sind Sie bestimmt aus Texas?“

„Vielleicht bilde ich es mir nur ein. Sattelst du jetzt mein Pferd?“

Der Junge wandte sich mürrisch ab und zog den Rappwallach aus der Box. Er legte ihm den schweren McClellan-Sattel auf und zog den Bauchgurt unter dem Leib des Tieres fest. Sein Blick hing für einen Moment bewundernd an der Winchester 73, dann brummte er etwas Unverständliches, das sicher kein Lob sein sollte.

Matt führte das Pferd wortlos hinaus. Als er auf der Fahrbahn in den Sattel stieg, kamen die Männer aus den Nischen an den Rand des Stepwalks und blickten gespannt auf ihn.

Sheriff Riley kam auf die Fahrbahn und Matt entgegen.

„Es ist gut, dass Sie es sich überlegt haben“, sagte er brummig. „Aber nun sollten Sie schnell reiten. Garett muss jeden Moment kommen. – Sie schaffen es bestimmt, Wister!“

„Sicher, Sheriff“, sagte Matt und schnalzte mit der Zunge.

Sein Pferd setzte sich in Bewegung. Es lief nach Norden.

„He, Wister!“, schrie der Sheriff.

Matt zügelte das Pferd und blickte über die Schulter.

„Was ist denn?“, fragte er forschend zurück.

„Das ist die verkehrte Richtung! Von dort wird er kommen! Sie müssen nach Süden! Los, drehen Sie um!“

Matt lächelte ein klein wenig, und dieses Lächeln war jetzt hart und bitter.

„Ich will aber nach Norden“, sagte er. „Dann reite ich eben in die verkehrte Richtung. Was macht das schon.“

„Aber Sie werden ihm direkt in die Arme reiten!“, brüllte der Sheriff außer sich.

„Die Stadt wird ihre Ruhe haben. Das ist doch wichtig, nicht wahr?“ Matt schnalzte mit der Zunge und ritt weiter.

Sheriff Riley stand mitten auf der Straße, dicht neben einer ausgefahrenen Rinne. Er schüttelte den Kopf, als könnte er das nicht begreifen. Er sah, wie Matt Wister am Ende der Stadt anhielt. Er stand dort, wie ein Standbild, und auch das große nachtschwarze Pferd verhielt völlig reglos.

Minuten tropften langsam dahin. Nichts geschah. Der Reiter regte sich nicht. Er stand dort wie eine stumme Mahnung an die seltsame Stadt.

Dann waren ferne Geräusche zu hören, die der Wind herantrug. Sie wurden lauter und deutlicher. Es waren die Geräusche, auf die alle gewartet hatten. Hufschlag! Hufschlag, der rasch näher kam und zu einem dröhnenden Orkan anwuchs.



12

Sie kamen, als die Sonne gerade untergegangen war. Rote Strahlenbündel waren weit im Westen hinter den Hügeln noch zu sehen. Sie stachen zum Himmel hinauf, der sich langsam dunkler färbte.

Der Hufschlag ihrer Pferde schallte weit über das Land. Hinter ihnen stand eine Staubwolke in der aufkommenden Dämmerung. Sie waren sechs Mann. In der Mitte ritt ein großer, klotziger Mann, der auf einem löwengelben Pferd saß.

Matt Wister hielt immer noch neben der letzten, windschiefen, verlassenen Hütte am Rande der Stadt. Er wartete. Er wartete mit der Ruhe eines Mannes, der wusste, dass diese Begegnung stattfinden musste, wenn er jemals am Ziel seines langen Ritts ankommen wollte. Es war Pech gewesen mit Vane, verdammtes Pech.

Seine Hand tastete zur Seite, und die Fingerspitzen berührten den Kolben des Revolvers. Er fühlte sich kalt an, dieser Kolben.

Auch Matt war es kalt. Sein Herzschlag ging normal, fast etwas zu langsam. Die Kälte saß in den Fingerspitzen. Er wusste, dass es immer so war, wenn eine Gefahr langsam und deutlich auf ihn zukam. Und er wusste, dass es die Ruhe war, die ihm oft das Leben rettete.

Sie kamen schnell näher, mussten ihn nun auch erkennen und ritten zu einer breiten Kette auseinander. Neben dem Mann mit dem löwengelben Pferd war Hal Spears auf einem struppigen Pinto zu erkennen. Hal zeigte mit der Hand nach vorn. Er redete eifrig auf den Mann mit dem hellen Pferd ein.

Der nickte. Seine klobige Gestalt reckte sich in die Länge, und die Schultern hoben sich.

Dann waren sie heran. Sie hielten in der Anordnung, in der sie die letzten hundert Yard zurückgelegt hatten. Sie hatten die Hände an den Waffen, und ihre Gesichter sahen finster und entschlossen aus.

Der Mann auf dem löwengelben Pferd hatte ein raues vernarbtes Gesicht. Es sah aus, als wäre er etwa fünfzig Jahre alt. Dreißig Jahre harter Kämpfe und wilder Stürme mussten hinter ihm liegen. Er trug einfache Weidekleidung. Er war überhaupt ganz anders als Troger, alias Maron. Er war von harter, unduldsamer Art, und diese Art stand deutlich in sein Gesicht geschrieben.

Vielleicht war Troger genauso, oder vielleicht versuchte er auch nur, so zu sein. Aber von ihm ging Hinterlist und Tücke aus. Von diesem Mann Härte. Im Grunde genommen könnten beide trotzdem gleich sein, denn hier draußen waren die Mittel, mit denen sie sich bekämpfen konnten, begrenzt.

„Das ist also Wister?“, fragte der Mann auf dem auffälligen Pferd und wandte den Kopf leicht zu Spears hin.

Der nickte. „Das ist er.“

„Und ihr zwei seid nicht mit ihm fertig geworden?“

„Er muss den Teufel in der Brust wohnen haben. Es würde mich nicht wundern, wenn er drei von uns auf den Boden fegt, ehe der Rest ihn überrumpelt hat.“

Der Rancher wandte den Kopf und blickte Matt einen Moment an.

„Warum hast du dich in eine Sache gemischt, die dich nichts angeht?“, fragte er schleppend.

„Ich konnte nicht wissen, dass es mich nichts angeht“, erwiderte Matt.

„Wieso nicht?“

„Ich war fremd. Ich kannte weder die Stadt, noch die beiden Burschen, noch das Mädchen.“

„Und wenn du alle gekannt hättest?“

„Ich weiß nicht, ob das etwas geändert hätte. Ich komme aus einer Gegend, in der die Streitigkeiten der Männer nicht von Frauen ausgebadet werden müssen.“

„So, aus so einer Gegend also“, meinte der Rancher und blickte seine Reiter an, die keine Miene verzogen. „Ric, du siehst nach, wie es mit Les steht!“

„Ja“, sagte einer der Männer an der linken Flanke und wandte sein Pferd um. Er ritt in die Stadt hinein.

Der Rancher hatte sich wieder Matt zugewandt.

„Wir werden jetzt alle deine Vorstellungen ins Gegenteil verkehren“, sagte er. „Du wirst sehen, dass das schnell geht. Danach reden wir weiter. Ist das klar?“

Matt blickte sie der Reihe nach an. Sie waren jetzt noch fünf mit dem Rancher. Er würde sicher im Hintergrund bleiben, wenn seine Leute das allein schafften. Aber nur, wenn sie es schafften.

„Es ist gut“, sagte er leise. „Wenn ihr es fair machen wollt, dann soll einer nach dem anderen kommen.“

„Wir sind nicht sehr fair“, erwiderte der Mann auf dem löwengelben Pferd. „Wir haben hier unsere Grundsätze, und daran hat sich jeder zu halten, ob er es weiß oder nicht. Unsere Fairness besteht in unserer Stärke. Das verstehst du doch, wie?“

„Doch, ich verstehe schon.“

„Also, Männer! Zeigt dem Jungen, dass wir hier strikt auf Ordnung sehen. Auf unsere Ordnung.“

Sie wollten die Pferde schon antreiben, als zwischen den Ohren des Rappwallachs die kleine Mündung des 45er Colts zu sehen war, ein rot-gelber Mündungsblitz aufflammte, und ein trocken pochender Knall vor dem Geschoss herraste.

Der Hut des Ranchers wurde von einem gewaltigen Schlag getroffen, flog nach hinten, wehte ein Stück durch die Luft und landete im Staub.

Garett saß zusammengeduckt im Sattel. Die anderen waren wie erstarrt. Die rauchende Mündung war ein wenig nach unten gezuckt, so dass Garett nun genau hineinsehen konnte.

Sie alle waren verblüfft. Und vielleicht fragte sich dieser oder jener, wieso Garett noch lebte.

„Verdammt!“, murmelte einer der Cowboys gepresst. „Boss, er ist sehr schnell!“

„Halt die Klappe!“, grollte der Rancher. Sein Blick war immer noch auf das kleine schwarze Loch gerichtet, als ginge von dort eine Macht aus, der er sich nicht entziehen konnte.

„Sage deinen Leuten, sie sollen sich hundert Yards zurückziehen“, sagte Matt. „Schnell! Und sage ihnen weiter, dass keiner eine falsche Bewegung machen soll. Ich werde das Kräfteverhältnis zu Trogers Gunsten verschieben, wenn es einem einfällt, eine dumme Bewegung zu machen. Ist das klar?“

Der Rancher machte eine entsprechende Kopfbewegung.

Die Cowboys wandten ihre Pferde und ritten zurück. Einer beugte sich tief aus dem Sattel und hob den Hut des Ranchers auf. Dann ritt er mit den anderen weiter. Sie hielten erst nach gut zweihundert Yard und wandten ihre Pferde.

Ric kam mit klapperndem Hufschlag aus der Stadt zurück. Er hielt neben seinem Boss an, blickte verstört auf ihn, dann auf die anderen und schließlich auf Matt, der noch immer den Colt in der Hand hielt.

„Was ist mit Les?“, fragte Garett.

„Es geht ihm nicht gut, Boss. Er redet wirres Zeug. Der Doc will in den nächsten Tagen versuchen, die Kugel herauszuholen. Aber so, wie wir ihn kennen, wird Les dabei umkommen. Du weißt ja, dass er ein ungeschickter, ewig betrunkener Kerl ist. Die Kugel herauszuholen, ist keine Arbeit für ihn.“

„Du meinst …“

„Tut mir leid um ihn. Kann ja auch sein, dass es Flanner wirklich schafft. Aber es werden viele Wochen vergehen, bis Les wieder etwas tun kann. Vielleicht Monate.“

Ric blickte zu Matt herüber.

„Du gehst mit zu den anderen“, sagte der.

Ric blickte wieder auf seinen Boss, und der nickte.

Ric ritt zu der Mannschaft im Hintergrund.

„Les Vane ist mein Vormann“, sagte Garett.

„Er hat nicht viel getaugt“, meinte Matt. „Er war wie ein Bulle. Seine Hand ist langsam. Dabei hatte ich ihm geraten, die Finger von mir zu lassen. Aber er wollte nicht hören.“

„Was willst du hier?“

„Ich suche vielleicht einen Job.“

„War Troger nicht hier, um dir einen anzubieten?“, erkundigte sich der Rancher.

„Doch. Aber sein Angebot war schlecht. Willst du mir jetzt einen Vorschlag machen?“

„Ich könnte dir Les Vanes Posten anbieten. Es ist der Beste, den es auf meiner Ranch gibt. Wenn du ihn nimmst, würde ich meinen Groll vergessen.“

Matt lächelte um die Mundwinkel. „Wie viel ist dein Wort wert?“, erkundigte er sich. „Wie sehr kann ich mich darauf verlassen, dass deine Leute nicht bei nächster Gelegenheit versuchen werden, erneut über mich herzufallen?“

Garetts Haltung straffte sich wieder. Seine Schultern hoben sich.

„Eines musst du dir abgewöhnen!“, knurrte er. „Mir zu misstrauen. Ich sage jedem, was ich meine. Wenn ich dir den Job anbiete, dann meine ich das ehrlich. Du bist schnell und clever. Ich gebe zu, ich kann dich gut gebrauchen. Du hast Vane ausgeschaltet und steigst dafür selbst bei mir ein. Das ist eine klare Sache. Du bekommst seinen Lohn.“

„Troger bot mir fünfzig an.“

„Vane hat nur vierzig.“

„Troger will morgen wiederkommen, Garett. Ich habe noch nicht endgültig abgesagt.“

„Gut, fünfzig. Warum hast du eigentlich nicht angenommen?“

„Er gefällt mir nicht, Garett. Er macht einen hinterhältigen Eindruck. Ich konnte ja wirklich nicht wissen, dass sie seine Braut ist.“

„Noch etwas, die Befehle gebe ich! Ist das klar?“

„Sicher, Garett.“

„Dann steck das Eisen weg. Wir sind uns einig.“

Matt schob den Colt ins Holster. Er hatte es sich schwieriger vorgestellt, und genau genommen hatte er überhaupt daran gezweifelt, das erreichen zu können. Aber anscheinend hatte Garett gar nicht gemerkt, dass er gelenkt worden war.

Garett hatte sich umgewandt und rief: „Er reitet mit uns. Kommt herüber!“ Matt sah, wie sie zurückkamen und einen Kreis um ihn und den Rancher bildeten. Sie sahen verblüfft aus.

„Les war ein Narr, auf ihn loszugehen“, sagte der Rancher grollend, und blickte Spears dabei strafend an. „Ist dir das auch schon aufgefallen?“

„Ja, Boss.“

„Dann ist ja alles in Ordnung. Ric! Komm her. Du reitest noch einmal in die Stadt.“

Der Cowboy lenkte sein Pferd dicht an den Rancher und blickte ihn an.

Garett brachte ein paar Geldscheine aus der Hosentasche, die er Ric hinhielt.

„Du reitest noch einmal zurück. Gib Les das Geld hier. Es sind hundert Dollar. Sage ihm, dass es mir leid tut. Wenn er wieder fit ist, soll er reiten und sich irgendwo erholen. Aber er soll nicht zurückkommen, denn ich habe seinen Posten vergeben.“

„Gut, Boss.“ Ric zog sein Pferd herum und ritt in die Stadt zurück, über die nun schnell die Dunkelheit sank.

Einer der Männer gab Garett seinen Hut. Der besah sich brummend die kleinen Löcher, setzte ihn auf und drehte sein Pferd auf der Hinterhand.

„Also, Leute, Wister ist ab sofort neuer Vormann. Reiten wir!“

Matt blickte prüfend in der Runde herum.

Keiner sagte etwas. Alle sahen ihn kurz und ruhig an, und es schien, als machten sie sich darüber keine Gedanken, als würden sie die Befehle Garetts ohne nachzudenken und ohne jeglichen Widerspruch ausführen.

Ric war die Straße hinuntergefegt und vor dem Saloon aus dem Sattel gesprungen. Als er hinter der knarrenden Schwingtür verschwunden war, und als die Mannschaft am Stadtrand abdrehte, kamen die Männer von den Gehwegen herunter.

Sheriff Riley schob seinen Hut weit in die Stirn und kratzte sich im Nacken.

„Verstehst du das?“, fragte ihn ein Mann kopfschüttelnd.

„Versteht es einer von euch nicht?“, fragte der Sheriff zurück.

Sie sahen sich untereinander mürrisch an und schwiegen.

„Seltsam ist das natürlich“, gab der Sheriff zu. „Aber jedenfalls sind wir ihn los. Es wird keinen Ärger in der Stadt geben. Das ist für uns alle das Wichtigste.“

„Es sieht mir gerade aus, als wäre das sein Ziel gewesen“, knurrte der riesenhafte Schmied. „Wenn es so ist, hat er einen komischen Weg eingeschlagen, um es zu erreichen. Irgend etwas steckt dahinter. Ich wette, mit diesem Mann erleben wir noch einiges! Wir werden uns wieder sprechen.“

Der Sheriff nickte.

„Kann sein. Ich fürchte, wir werden erleben, dass der Weidekrieg in diesem Sommer entschieden wird. Das wird zumindest für Troger kein Vorteil sein. Habt ihr das verstanden? Nein? Kümmert euch nicht darum.“

Der Sheriff wandte sich ab, stieg die Stufen zum Stepwalk hinauf und verschwand in seinem Office. Die anderen blickten noch eine Weile hinter den dunklen Punkten in der Ferne her, bis diese in der Dunkelheit wie im Nichts verschwanden. Da gingen auch sie auseinander.



13

Ric sah das Gesicht des Verletzten wie einen Nebelstreifen durch die Dunkelheit des einfachen Zimmers leuchten.

„Ric, sage mir, dass das nicht die Wahrheit sein kann!“, ächzte Les Vane. „Sage mir, dass ich träume. Oder dass ich nicht richtig gehört habe!“

Ric legte die Hand auf die Geldscheine, die er auf die weiße Bettdecke getan hatte. Es knisterte leise unter seinen Fingern.

„Hörst du es, Les?“

„Ja.“

„Dann weißt du auch, dass es kein Traum und keine Lüge ist. Vielleicht hat der Boss sogar Recht. Du wirst Ruhe brauchen. Du kannst nicht hinter Rindern reiten, Staub schlucken und die Peitsche schwingen. Du brauchst Ruhe, Les! Es ist der Lohn für zwei und einen halben Monat. Was willst du mehr?“

Les Vanes Stöhnen erfüllte den ganzen Raum. Schweiß rann über sein Gesicht.

„Brenne die Lampe an“, knurrte er. Ric stand auf, riss ein Schwefelholz über den Daumennagel und zündete den Docht der auf dem Tisch stehenden Hurrikanlampe an.

Im Lichtschein blickte Les auf das Geld auf der Decke und nickte.

„Es ist Geld“, sagte er. „Er braucht mich nicht mehr, Ric. Weißt du, was er mit dir machen wird, wenn es dir einmal so geht wie mir?“

„Ich will darüber nicht nachdenken, Les. Es hat keinen Sinn. Ein Mann muss seine Pflicht tun. Seine Pflicht, verstehst du!“

Les nickte wild.

„Ja, seine Pflicht. Und am Ende der Pflicht stehen hundert Dollar. Und ein Mann, der ein Krüppel ist. Das hätte ich nicht gedacht.“

„Ich muss jetzt gehen, Les.“

„Ja, du musst gehen. Lebe wohl, Ric. Vielleicht hast du doch einmal Zeit, darüber nachzudenken.“

Ric gab keine Antwort. Er ging hinaus, zog die Tür hinter sich zu, und seine Schritte verhallten auf der Treppe.

Les Vane legte den Kopf auf das Kissen zurück. Er starrte aus fiebrigen Augen zur Decke über sich und murmelte dumpf vor sich hin.

Plötzlich sagte er klar und deutlich: „Das, Garett, wirst du bereuen! Aber es wird zu spät sein, als dass es dir noch etwas nützen würde. Das verspreche ich dir!“

Erschöpft hielt er inne. Sein rasselnder Atem erfüllte wieder den Raum.

Auf der Straße war das Schnauben eines Pferdes zu hören. Dann klang Hufschlag auf, der sich rasch entfernte. Staub wehte zum offenen Fenster herein.



14

Unter den Strahlen der Morgensonne glitzerte das taufeuchte junge Gras. Matt Wister kam aus dem Bunkhaus, zog am Brunnen das Hemd aus und zog den Eimer mit eiskaltem Wasser herauf. Als er sich gewaschen hatte, stand der Rancher oben auf der Veranda vor dem Haupthaus. Es war ein großes, stabiles Haus aus Holz, mit vielen Nebengebäuden.

Matt trocknete sich mit seinem Flanellhemd ab, während er Garett abwartend anblickte.

„Du reitest mit sieben Mann zu unserer nördlichen Weide“, sagte der Rancher. „Wir haben im Schuppen Draht liegen. Troger versucht immer wieder, Rinder auf unser Land zu treiben. Er macht das nur, um mich zu provozieren. Deshalb bauen wir einen Zaun.“

„Und wenn er ihn niederreiten lässt?“, erkundigte sich Matt.

Der Rancher lächelte dünn.

„Darauf warte ich ja“, meinte er. „Wenn sie ihn abreißen, brennen wir seine Ranch an. Der Zaun hat also nur symbolischen Charakter. Er soll nichts abgrenzen. Er soll nur dastehen, damit Troger sich darüber ärgert, ist dir das klar?“

„Ja.“

„Dann ist alles in Ordnung.“ Der Rancher wandte sich ab. Er ging ins Haus zurück. Unter der Tür blieb er noch einmal stehen und schaute über die Schulter.

„Hal Spears brauche ich hier“, sagte er. „Er bleibt auf der Ranch.“

„Okay.“

Garett ging ins Haus.

Eine halbe Stunde später hatten die Männer ihren Kaffee getrunken und ritten über die Prärie nach Norden.

Drei Mann standen im Hof und blickten ihnen nach. Es waren Hal, Ric und Ace. Aus einem Fenster des Haupthauses schaute der Rancher seiner Mannschaft nach.

Als sich die Staubwolke langsam senkte, kam der Rancher aus dem Haus. Er lächelte, als er die Stufen herunterstieg.

Hal zeigte ein grimmiges Gesicht.

„Ich frage mich, wieso ausgerechnet er Vormann geworden ist“, knurrte er.

„Er ist Rindermann, Hal.“

„So, und was sind wir?“

„Ihr seid auch Rinderleute, Hal. Aber nicht solche wie er. Außerdem geht es um etwas anderes. Er ist ein Mann von harter, aber selbstgerechter Art. Er ist nicht bereit, alles und jedes mitzumachen. Wir müssen ihn langsam dazu bringen. Nach und nach, verstehst du?“

„Nein.“

„Ich will es euch erklären: Er ist ein Mann, der immer einen geraden Weg gegangen ist. Man merkt das an seiner Art, an seinem Auftreten, und man hört es aus jeder seiner Reden heraus. So einen Mann krempelt man nicht so einfach um. So einen Mann schickt man nicht einfach los, um etwas zu tun, was er für ein Verbrechen hält.“

„Wie willst du ihn dann so auf unsere Seite ziehen, dass er zu etwas nütze ist?“

„Das will ich doch gerade erklären, Hal. Du musst nicht immer dazwischenreden. Also: Er muss vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Er sitzt in seinem Sattel. Wenn er wiederkommt, muss er sehen, dass alles anders ist, als er es sich dachte. Dann muss Maude Freese, die wir gestern schnappen wollten, hier sein. Er hängt dann, wie jeder andere in der Sache, weil der Sheriff weiß, dass er nun zu uns gehört. Hast du es jetzt verstanden?“

„So ungefähr. Du meinst, er wird, wenn er das Mädchen hier sieht, einsehen, dass es für ihn zu spät ist, auszusteigen.“

„Ja. Er wird einfach mitmachen müssen. Ihr wisst also, was ihr zu tun habt. Es soll möglichst gar nicht auffallen.“

„Aber Troger weiß doch, dass wir so etwas vorhaben. Vielleicht behält er Maude Freese auf seiner Ranch.“

„Kann er nicht. Sie muss heute den Store wieder eröffnen. Ihr nehmt einen Wagen und holt Draht. Eine Ranch braucht immer Draht. Einer wartet mit zwei Pferden hinter der Stadt. Ihr werdet ja sehen, ob Troger ein paar seiner Leute bei ihr gelassen hat. Es ist eure Sache, wie ihr mit ihnen fertig werdet.“

Zehn Minuten später verließen sie die Ranch. Ace lenkte den flachen Ranchwagen, während Hal und Ric auf ihren Pferden saßen.

Garett blickte ihnen mit einem zufriedenen Grinsen nach.



15

Sie hielten hinter einer Buschgruppe, die sich über die Kuppe eines Hügels zog. In der Senke sahen sie den roten Weg, der zu Trogers Ranch führte. Auf diesem Weg kamen sie: Troger, daneben Maude Freese. Dahinter drei Männer aus Trogers Mannschaft. Sie ritten langsam und blickten wachsam nach allen Seiten. Aber sie sahen die Männer auf der Hügelkuppe, hinter den Mesquitebüschen, nicht.

Hal Spears ging langsam an den Büschen entlang, bis er zu einer dünnen Stelle kam. Er bog die Äste vorsichtig auseinander und blickte hinunter. In der Ferne sah er die Dächer der Stadt.

„Ich schätze, wir warten hier“, sagte er. „Wir wollen zunächst einmal feststellen, ob sie alle in der Stadt bleiben. Ich kann mir das nicht denken. Vermutlich wird Troger nur einen, höchstens zwei seiner Leute dort lassen.“

„Gut, warten wir“, meinte Ric.

Die Reiter in der Senke ritten arglos vorbei und weiter auf die Stadt zu.



16

Matt Wister hatte mit seinen Leuten den in der Weidehütte liegenden Draht und die zurechtgeschnittenen Pfähle herausgeholt. Er blickte nach Norden, sah in der Ferne die Herde und wusste, dass dies Trogers Herde war. Sie wurde von vier Männern umkreist. Das Knallen der Peitschen schallte weit über das Land.

Einer der Cowboys brachte einen schweren Hammer aus der Weidehütte. Sie begannen, die Pfähle in den Boden zu treiben und spannten den Draht dazwischen.

Matt Wister wusste noch nicht, dass er von Garett nur hierher geschickt worden war, um so, wie dessen Mannschaft, voll für seine Pläne eingespannt zu werden.

Matt wusste nur, dass er hier seine eigenen Pläne verfolgte. Aber noch wusste er nicht, wie er Troger des damaligen Mordes überführen sollte. Er dachte immer wieder an das blonde Mädchen, und er fragte sich, wie Troger zu ihr kommen konnte.

Die Sonne stieg höher. Der Zaun wurde länger. Als sie einen Streifen von fast vierhundert Yard gezogen hatten, war der Draht verbraucht.

Sie räumten die Geräte wieder in die Hütte hinein. Sie blickten zu der Herde im Norden.

Entweder hatten die Cowboys nichts von dem Zaun bemerkt, oder sie wollten nichts merken. Sie umkreisten weiter die Herde.

„Zwei Mann bleiben in der Nähe“, bestimmte Matt. „Sie beobachten, was geschieht, Dice und Oliver, ihr übernehmt das.“

„Gut, Matt.“

„Wir anderen reiten zur Ranch zurück.“

Sie sattelten die Pferde und ritten wenig später in westlicher Richtung davon. Eine Meile vom Zaun entfernt blieben Oliver und Dice zurück. Die anderen ritten weiter.



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