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Werft die Gläser an die Wand

Über die Autorin

Juliane Inozemtsev ist freie Journalistin aus Berlin. Sie hat Diplom-Journalistik und Russistik MA in Leipzig, Halle, Berlin und auf der ukrainischen Halbinsel Krim am Schwarzen Meer studiert. Während der Studienjahre (2001–2007) ist sie viel durch Russland und die Ukraine gereist. Inzwischen arbeitet sie unter anderem für die Berliner Zeitung, wo sie in der Rubrik Global Village Kolumnen über ihre zweite Heimat, die Krim, veröffentlicht. Von dort, aus der Stadt Sewastopol, kommt ihr Mann, ein russischer Seeoffizier.

Matroschka

Inhalt

  1. Mein Mann, der russische Seeoffizier
  2. I Unter weißen Segeln

    1. Zwei Stewardessen auf hoher See

    2. Sindbad, der Seefahrer

    3. Irren ist menschlich

  3. II Ich auf der Krim

    1. Mit Landstreichern unterwegs

    2. Kulturschock in Kertsch

    3. Wiedersehen mit Wanja

  4. III Jede Menge Stolpersteine

    1. Stapelweise Telefonkarten

    2. Nicht immer ist der Weg das Ziel

    3. Schon wieder Kertsch

    4. Alles anders als gedacht

    5. Hunde am Zebrastreifen

    6. Nowy God – Neujahr in Sewastopol

    7. Nur die Ruhe

    8. Eine Kirche auf Wolken

    9. Krebse in der Sauna

  5. IV Wanja in Deutschland

    1. Nicht ohne offizielle Einladung

    2. Erst einmal ankommen

    3. Die ganze Sippe an einem Wochenende

    4. Man hat nicht nur Freunde

    5. Eine Bratwurst zum Geburtstag

    6. Wenn deutsche Akademiker feiern

    7. Bratkartoffeln halb roh

  6. V Ein Semester in Sewastopol

    1. Kann man ohne Schrank leben?

    2. Schrammen vom Baden

    3. Prototyp Austauschstudentin

    4. Absatzschuhe statt Turnschuhe

    5. Puschkin ist an allem schuld

    6. Wie hält man diesen Bus bloß an?

    7. Die Glocke am Meer

    8. Wodka und der russische Stolz

    9. Eine Auszeit

    10. Der Boulevard am Meer

    11. Eine Jacke aus echtem Fell

  7. VI Im Hafen der Ehe

    1. Schnitzeljagd ins Glück

    2. Zu kurzfristig – sagen nur Deutsche

    3. Gibt es ein Pünktlichkeitsgen?

    4. Genug in Reserve

    5. Mama Walja und Papa Igor

    6. Doppelt hält besser

    7. Schaschliki im Februar

    8. Der Mandelbaum

    9. Mama Waljas Kochstudio

    10. Herbst ohne Haus

  8. VII Leben in zwei Welten

    1. Wenn Männer zu Vätern werden

    2. Die Kreißsaal-Frage

    3. Das haut den stärksten Seemann um

    4. Auf gute Nachbarschaft

    5. Tränen in Sewastopol

    6. Kirills erster Flug

    7. Meine Sonne, meine Freude

  9. VIII Glück ist eine Reise

    1. Das goldene Fischlein

    2. Musik für Heldenstädte

    3. Bloß nicht krank werden!

    4. Der Stein des Anstoßes

    5. Kleine Königinnen und Könige

    6. Das sterbende Pferd

  10. IX So vergeht die Zeit

    1. Abhärtung mit Dr. Komarowskij

    2. Der Deutsche

    3. Kleiner Panzerfahrer

    4. Enten füttern oder essen?

    5. Wir hauen nicht zurück – oder doch?

    6. Deutsche Höflichkeit

    7. Kertsch – zehn Jahre später

  11. X Kleines Glossar der »falschen Freunde« in der deutsch-russischen Verständigung

Matroschka

Mein Mann,
der russische Seeoffizier

Ich erinnere mich noch gut an den Nachmittag, als ich meinen Eltern offenbarte, dass ich mich in einen russischen Seemann verliebt habe. »Wanja kommt von der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer, und ich glaube, er ist der Mann fürs Leben«, sagte ich, damals zwanzig Jahre alt und frisch zurück aus dem Sommerurlaub, wo ich ihn kennengelernt hatte. Meine Eltern hielten sich mit Glückwünschen erst einmal zurück. »Hätte es nicht ein netter Junge aus Berlin sein können?«, fragte meine Mutter stirnrunzelnd. »Schließlich leben wir in einer Millionenstadt.« Mein Vater trommelte mit den Fingerkuppen auf die Lehne seines schwarzen Ledersessels. »Die russische Kultur ist in vielem doch ganz anders als die deutsche, denk nur mal an die Wodka-Trinkerei«, sagte er. »Und dann noch ein Seemann! Es ist doch bekannt, dass viele in jedem Hafen ein Mädchen haben.« Und so weiter und so fort.

Das ist nun mehr als zehn Jahre her, und mittlerweile lassen meine Eltern auf ihren Schwiegersohn nichts mehr kommen. Mit ihrer anfänglichen Skepsis waren sie aber nicht allein. Ich weiß noch, wie mich eine gute Freundin mit der Frage verunsicherte, ob ich mir wirklich sicher sein könne, dass dieser junge Russe nicht nur eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland wolle. Und Wanja erzählte mir, er sei ins Grübeln gekommen, als ihn ein Landsmann warnte, dass Hausarbeit in Deutschland reine Männersache sei. Deutsche Frauen fänden es unter ihrer Würde zu kochen und zu putzen. Unvorstellbar für Wanja, der mit einer klaren Rollenverteilung aufgewachsen ist: Die Frau ist für den Haushalt zuständig und der Mann hilft ab und zu mal mit. Doch frisch Verliebte sind ja selten zu belehren, und so schoben auch wir alle Bedenken zur Seite. Zum Glück. Zwar blieben die von anderen prophezeiten Missverständnisse und Probleme nicht aus, aber bisher haben wir alle Klippen heil umschifft. Wenn ihn seine Mutter am Telefon wieder einmal fragt, was ich heute Leckeres für ihn gekocht habe, denkt er sich mir zuliebe etwas aus. Im Gegenzug nehme ich es ihm nicht übel, wenn er unser Wohnzimmer ab und zu mit der Schiffsbrücke verwechselt und in der Manier eines Ersten Offiziers auch zu Hause den Ton angeben will.

Anfangs haben wir selbst nicht daran geglaubt, dass unsere Beziehung halten würde. Aber nun sind wir schon sechs Jahre glücklich verheiratet und Eltern geworden. Unser Sohn Kirill ist inzwischen vier Jahre alt, und unsere Tochter Karina hat vor kurzem ihren ersten Geburtstag gefeiert. Lange haben wir überlegt und diskutiert, wo wir als Familie leben wollen: in Sewastopol oder in Berlin. Die beiden Städte liegen etwa zweitausendvierhundert Kilometer auseinander, und an beiden hängt unser Herz. Sewastopol ist eine geschichtsträchtige Heldenstadt mit einem Zentrum aus leuchtend weißem Kalkstein direkt am Schwarzen Meer. Aber sie hat auch dunkle Seiten, zum Beispiel ist die medizinische Versorgung viel schlechter. Und Berlin? Ist eben Berlin und mir sehr vertraut. Hier bin ich geboren und aufgewachsen, hier kenne ich mich aus. Inzwischen haben Wanja und ich einen guten Kompromiss gefunden: Wir pendeln. Die meiste Zeit des Jahres leben wir in Berlin, aber etwa drei Monate verbringen wir auf der Krim: bei »Baba Walja«, meiner an sich sehr lieben Schwiegermutter, die nur leider meine ehelichen Fähigkeiten auch an der Qualität meiner selbst gebackenen Piroggen misst, und bei »Djeda Igor«, meinem Schwiegervater, einem russischen Kapitän, wie er im Buche steht, der auch gehörig poltern kann. Mit dabei sind auch immer Andrej und Nastja, mein Schwager und dessen Frau. Die beiden sind auch junge Eltern, und sie härten ihren Sprössling Jura nach russischer Sitte ordentlich ab. Das Badewasser wird jedes Mal ein Grad kühler gemacht, damit das Baby gesund und munter bleibt. Das war zum Beispiel so eine Sache, die ich zuerst sehr seltsam fand. Aber dann sah ich: Dem Kleinen bekommt die Kur prima, er strotzt nur so vor Gesundheit.

Wanja ist abwechselnd vier Monate auf See und zwei Monate bei uns. Wir sind an dieses Leben zwischen Wasser und Land, zwischen Berlin und der Krim schon so gewöhnt, dass wir uns immer wundern, wenn andere sich wundern. Immer wieder werde ich gefragt, wie das mit der Treue sei, ob wir keine Angst davor hätten, uns auseinanderzuleben, und wie die Kinder die Trennungen vom Papa verkraften würden. Den Satz »Ach, das ist doch bestimmt sehr schwer, wenn der Mann so viel weg ist« kann ich wirklich nicht mehr hören, denn man muss mich nicht bedauern. Das Leben in einer Seemannsfamilie ist eine Herausforderung, aber dafür wird es nie langweilig. Das Schönste jedoch ist: Bei jedem Wiedersehen habe ich Schmetterlinge im Bauch.

Matroschka

I
Unter weißen Segeln

Kennengelernt habe ich Wanja auf einem großen, weißen Segelschiff. Das war im Sommer 2000, auf dem Seeweg vom französischen Brest nach Göteborg in Schweden. Er war damals Kadett, studierte Navigation und wollte Seeoffizier werden. Und ich machte an Bord zusammen mit meiner Freundin Susa eine Art Segelurlaub. Ansonsten verdiente ich mein Geld in dieser Zeit als Flugbegleiterin.

Ich erinnere mich, dass ich anfangs von Susas Idee, Urlaub als Trainee auf einem Segelschiff zu machen, gar nicht begeistert war. Als Berliner Stadtkind kann ich mir darunter einfach nichts vorstellen. Bei einem Abendspaziergang im Treptower Hafen schwärmt sie: »Siehst du den Mann auf dem Steg dort, der das Boot streicht? Wir können an Bord auch richtig mitarbeiten: die Reling streichen, Planken schrubben, Rost klopfen und natürlich die Segelmanöver mitmachen – bei Wind und Wetter –, ist das nicht toll?« – »Ähm, ich weiß nicht«, entgegne ich. »Lass uns doch lieber ans Mittelmeer fliegen, in ein schönes Hotel am Strand. Dort könnten wir schwimmen, in der Sonne liegen und abends feiern gehen.« Aber für Susa ist das viel zu langweilig. »Nein, ich möchte unbedingt auf dieses Schiff. Aber mit dir zusammen. Bitte, komm doch mit!« Ihre Hartnäckigkeit imponiert mir. »Also gut, wenn es dir so wichtig ist, dann machen wir das eben«, gebe ich nach. Da weiß ich allerdings noch nicht, dass sie sich ein Ausbildungsschiff der ukrainischen Handelsmarine ausgeguckt hat, auf dem angehende Offiziere ihr Seepraktikum absolvieren. Ich gehe vielmehr davon aus, dass wir im Nordatlantik mit deutschen Urlaubern segeln werden. Dass außerdem siebzig ukrainische und russische Kadetten und noch einmal dreißig Mann der Stammbesatzung an Bord sein werden, ahne ich nicht. Das erzählt mir Susa nämlich erst, nachdem sie schon fest gebucht hat. »Im Ernst?«, frage ich ungläubig. »Wir werden mit hundert russischen Seemännern auf diesem Schiff sein? Das klingt irgendwie unheimlich.« Aber Susa ist unbekümmert wie immer. »Ach, da ist doch nichts dabei«, meint sie. »Du tust ja geradezu so, als wären das lauter Wilde. Warte mal ab, vielleicht verliebst du dich sogar noch in einen.« Eine Romanze unter weißen Segeln? Um Himmels willen! »Susa, ich glaube, du verwechselst da etwas«, sage ich lachend. »Das ist nicht das Loveboat!« Von mir aus können wir dort mitarbeiten und segeln lernen, aber mehr bitte nicht. Außerdem könnte ich mir eher einen charmanten Franzosen oder Italiener als Freund vorstellen, aber jemanden aus der Ukraine oder aus Russland? »Das würde nicht passen«, sage ich. Susa sieht mich erstaunt an: »Woher willst du das denn wissen? Du kennst doch überhaupt niemanden aus Osteuropa. Und wer weiß schon, wo die Liebe hinfällt?« – »Ach Susa«, sage ich, »du bist wirklich eine unverbesserliche Romantikerin.«

Es ist der französische Nationalfeiertag, der 14. Juli, als wir nach Paris fliegen und von dort mit dem Zug weiterfahren in den Norden Frankreichs, nach Brest. Vor der Abreise hatte ich mich ehrlich gesagt nicht weiter damit befasst, wie unser Schiff genau aussehen wird. Die Khersones wird eben irgendein mittelgroßes Segelschiff sein. Die Hauptsache ist doch, dass sie nicht sinkt. Als ich das schneeweiße Schiff mit seinen drei hohen Masten dann aber in Brest am Kai liegen sehe, bin ich wie geblendet. Einhundertneun Meter ist die Khersones lang und vierzehn Meter breit. »Wow, Susa, das ist ja unglaublich schön! Ich hatte es mir viel kleiner vorgestellt.« Susa ist völlig aus dem Häuschen. »Ich habe dir doch gesagt, das wird toll!« Jetzt glaube ich es auch. Dieses Schiff und ich: Das ist wirklich Liebe auf den ersten Blick.

Zwei Stewardessen auf hoher See

An Bord machen wir uns erst einmal auf Flugbegleiterinnen-Art frisch. Für den richtigen Look haben wir in einer Boutique am Frankfurter Flughafen extra noch zwei Oberteile in blau-weiß gestreiftem Marinelook gekauft. Ich knete Schaum in meine künstlichen Locken und tusche die Wimpern kräftig nach, während Susa sich meinen Lippenstift mit Goldschimmer ausborgt – er heißt tatsächlich Summer of Love. Noch etwas Bronzepuder auf Wangen und Nase – nun können wir uns an Deck sehen lassen. Susa klemmt sich das Bordhandbuch unter den Arm. Ehrgeizig, wie wir sind, wollen wir uns noch vor dem Abendessen die wichtigsten Seefahrtsbegriffe einprägen.

Wir setzen uns aufs Achterdeck, das fast leer ist, weil die Besatzung gerade beim Essen ist. Die Abendsonne taucht alles in ein warmes, mildes Licht, und mich durchströmt ein Glücksgefühl. Hier kann man sicher toll entspannen, denke ich. Doch Susa gönnt uns keine Ruhe und schlägt wie geplant das Buch auf. Ich sehe, dass alle Begriffe sowohl in lateinischen als auch in kyrillischen Buchstaben dastehen: jedes Tau, jedes Segel, jede Position auf dem Schiff. »Zum Glück müssen wir das nur auf Deutsch lernen«, sage ich. Russisch scheint mir überhaupt eine wahnsinnig schwere Sprache zu sein. Und sie klingt in meinen Ohren auch nicht besonders schön, irgendwie zu hart und abgehackt. »Hatte ich etwa noch nicht erwähnt, dass die Bordsprache Russisch ist?«, fragt Susa unschuldig. Nein, hatte sie noch nicht. »Na dann sage ich es dir jetzt: Beim Segelalarm werden die Kommandos nur auf Russisch durchgegeben.« Ich verstehe schon jetzt nur Bahnhof. »Was bitte ist denn ein Segelalarm?«, frage ich. Susa lacht und erklärt mir, dass die Segelmanöver so bezeichnet werden, einfach weil es dabei schnell gehen muss. »Aber ich kann kein Wort Russisch!«, wende ich noch ein. »Ach, keine Sorge!«, sagt sie leichthin. »Ich hatte mal zwei Jahre Russisch in der Schule. Das kriegen wir schon hin.«

Auf dieser Reise sind außer uns kaum Frauen an Bord, dadurch fallen wir natürlich auf. Bald hat sich herumgesprochen, dass zwei Stewardessen mitsegeln, die ihren Urlaub dazu nutzen, hier mitzuarbeiten. Für die Ukrainer und Russen klingt das ziemlich verrückt: Mädchen, die sich freiwillig schmutzig machen und dafür auch noch Geld bezahlen. Auch Wanja hat von unserer Ankunft gehört. Sein erstes Urteil: Die jungen Leute in Deutschland müssen echt zu viel Kohle haben. Er weiß, dass eine Woche in unserer Kabine gut tausend DM kostet. In der Ukraine sind das zu dieser Zeit zehn durchschnittliche Monatsgehälter. Wir kommen uns trotzdem nicht dekadent vor. Schließlich wirbt die Reederei damit, dass mit dem Geld der Trainees auch die Kadettenausbildung finanziert wird.

Wanja ist zwar skeptisch, aber auch neugierig, wer diese deutschen Mädchen wohl sind. Doch als er uns mit den teuren Sonnenbrillen und im maritimen Best-Friends-Look an Deck entlangflanieren sieht, steht seine Meinung schnell fest: Das sind nur zwei verwöhnte Mädchen, die mal Matrose spielen wollen. Meine langen, rosa lackierten Fingernägel bestärken seinen Eindruck nur. Damit will sie die dicken Taue aufwickeln und das schwere, steife Segeltuch greifen? Wanja findet das albern – und er hat recht. Ehrlich gesagt, finde ich sie selber schrecklich. Eigentlich habe ich immer kurze Nägel. Erst auf meinem letzten Flug haben mich zwei Kolleginnen zu diesen Plastikkrallen überredet. Und jetzt kleben die Teile hoffnungslos fest. Wanjas Interesse, uns kennenzulernen, ist jedenfalls wieder verflogen. Wahrscheinlich hätten wir auch nie miteinander gesprochen, wenn Bootsmann Sascha nicht ausgerechnet ihn ausgesucht hätte, um uns in die Bordarbeiten einzuweisen. »Wanja, du kannst doch Englisch«, spricht er ihn an. »Zeig den Mädchen mal, wie man die Messingschilder blank putzt. Da können sie nicht viel falsch machen.« Wanja ist sauer: »Blin!« – »Schöner Mist!«, denkt er. »Jetzt muss ich für die auch noch den Unterhalter spielen!« Aber eine Anordnung vom Bootsmann kann er nicht einfach ignorieren. Und so macht er sich auf die Suche nach uns.

Er findet uns an Deck. »Girls, I am Wanja. Follow me and look!«, sagt er mit einem nicht gerade freundlichen Gesicht. Dann zeigt er uns im Zeitlupentempo, wie man die Schilder mit einer speziellen Paste putzt. »Like this. You understand?« Ich ärgere mich: »We are not stupid.« Dann nehme ich ihm energisch den Lappen und die Tube aus der Hand und mache mich ans Werk. »Dem werden wir’s zeigen! Tut so, als sei es eine Wissenschaft, so ein Schild zu putzen.« Susa schnappt sich auch einen Lappen. »Wenn die alle so langsam arbeiten, ist es kein Wunder, dass die Wirtschaft den Bach runtergeht«, meint sie. Wir lachen beide. Dann bestreichen wir alle Schilder großzügig mit der Paste, schön weit über den Rand hinaus. So geht es doch viel schneller, das Überschüssige können wir ja hinterher wieder abwischen. Doch das ist leider ein Irrtum. Die Paste verändert an der Luft ihre Farbe und bildet hässliche grüne Schlieren auf der weißen Schiffswand. Dummerweise gehen die nicht mehr weg. Je mehr wir wischen, desto schlimmer sieht es aus. Nun ist mir klar, warum Wanja das Zeug so vorsichtig aufgetragen hat. »Was machen wir denn jetzt?«, frage ich Susa kleinlaut. Da steuert unser Kadett schon mit hochgezogenen Augenbrauen auf uns zu. »Na, jetzt können wir uns etwas anhören!«, fürchtet Susa. Doch er sagt nur: »Wait here for a moment!«, und kommt wenig später mit einem Kanister Terpentin zurück. Dann beseitigt er die Sauerei. »Thank you!«, sage ich. »Spasibo!« – »Danke!«, sagt Susa. Dann schleichen wir erst einmal davon.

»Parusny Awral!« – »Segelalarm!«, schallt es aus den Lautsprechern. »Jetzt wird es spannend«, sagt Susa und zieht mich am Ärmel. »Die Segel werden gesetzt.« Binnen drei Minuten sind alle Kadetten und die Stammbesatzung an Deck und stehen in Reih und Glied am Fuß der drei Masten. Es folgen wieder Kommandos von der Schiffsbrücke, dann entern die Kadetten in ihren blauen Overalls auf Masten, um die Knoten zu lösen. Der Wind steht günstig, und schon bald blähen sich alle Segel im Wind. Weißes Segeltuch wohin man schaut, fast dreitausend Quadratmeter wölben sich über uns. »Susa, das ist großartig!«, rufe ich. »Ein Glück, dass du mich zu dieser Reise überredet hast!« In diesem Moment läuft Wanja an uns vorbei, und ich muss ihn einfach anstrahlen. Er lächelt zurück.

Sindbad, der Seefahrer

Susa und ich dürfen die Mahlzeiten zusammen mit den Kadetten in der Schiffsmesse einnehmen. Eigentlich ist es üblich, dass die Trainees eine halbe Stunde nach der Besatzung und den Kadetten essen, aber wir haben um eine Ausnahme gebeten. Wir wollen einfach so tief wie möglich in dieses Leben eintauchen und uns wenigstens für ein paar Wochen wie echte Kadettinnen fühlen.

Ich sitze Wanja gegenüber, es gibt Borschtsch, gekocht aus Weißkohl, Kartoffeln, roten Beeten und Fleisch. »Ich hätte nie gedacht, dass die Ukrainer so gut kochen«, sagt Susa noch mit halbvollem Mund. »Willst du auch noch eine Kelle?« Doch ich bin gerade mit anderen Dingen beschäftigt. Wanja hat die Ärmel seines Overalls hochgekrempelt, und ohne dass ich es will, schießt mir durch den Kopf: Was für tolle Arme! Und diese Hände! Ein Kadett lacht. Ich zucke leicht zusammen. Habe ich das etwa laut gesagt? Nein, zum Glück nicht. Ich merke, wie ich trotzdem ein bisschen rot werde. Verstohlen schaue ich mir Wanja noch einmal an: die kurzen dunklen Haare, die gebräunte Haut, die dichten Wimpern. Und seine Augen: die sind wirklich verwirrend grün-grau-blau. Er sieht aus wie Sindbad der Seefahrer, denke ich. Bestimmt ist er ein richtiger Herzensbrecher. Na, mir kann es ja egal sein. Ich lasse mich hier sowieso auf nichts ein. »Hörst du mir überhaupt zu?« Susa stupst mich an. »Ähm, ja, ich habe nur gerade überlegt, wie es den Kadetten hier an Bord gefällt.« Genau, das wollte Susa auch gerade wissen, und so wendet sie sich an Wanja: »Bist du das erste Mal an Bord?« – »No, second time«, sagt er. »Möchtest du später Kapitän werden?« – »Maybe.« – »Warst du schon mal in Deutschland?« – »No.« Susa ist beleidigt. »Der ist ja nicht gerade gesprächig«, sagt sie. Ich lächle. »Vielleicht spricht er nur nicht gern beim Essen. Die anderen sind ja auch ziemlich still«, sage ich. Doch als Wanja zu Ende gegessen hat, steht er einfach auf und geht. Kein »See you later« oder »Bye« wie von den anderen. Ich bin ein bisschen enttäuscht. Doch plötzlich steht er wieder neben uns und klopft zweimal kräftig auf die Tischplatte: »Girls, you have to eat faster!«, sagt er mit tiefer Stimme und russischem Akzent. Und weg ist er zum zweiten Mal. »Was bildet der sich denn ein? So ein ungehobelter Klotz!«, mache ich meiner Verwirrung Luft. Susa ist ganz meiner Meinung. Dabei wissen wir beide, dass er eigentlich recht hatte. Gleich kommen die anderen Trainees zum Essen, und die Küchenhilfe wartet darauf, dass wir endlich fertig werden, damit sie neu eindecken kann.

So ein Schiff ist eine Welt für sich. Und manches, was ich an Land wahrscheinlich albern finden würde, passt hier einfach her. Es ist unser zweiter oder dritter Abend an Bord, als wir zufällig an Deck kommen und sehen, wie Wanja Klimmzüge an einer Querstange macht. Seine Kameraden stehen um ihn herum, feuern ihn an und zählen laut mit: »Fünfzehn, sechzehn, siebzehn …« Susa und ich stellen uns etwas abseits an die Reling und schauen zu. »Eigentlich ist es doch lächerlich, so vor allen die Muskeln spielen zu lassen«, sage ich zu ihr. Sie grinst. »Eigentlich schon, aber trotzdem irgendwie beeindruckend, oder?« Ich nicke mit einem breiten Lächeln. Nach dem Training verschwindet Wanja zum Duschen. Als er zurückkommt, ist es draußen schon ziemlich frisch, und er trägt einen grob gestrickten grauen Wollpullover. Er sieht ziemlich gut aus. Das liegt aber weniger an seinen Sachen als an ihm selbst. Der graue Pullover macht einen etwas ausgeleierten Eindruck – er scheint schon ziemlich alt zu sein. Oder er hat ihn einfach nur zu heiß gewaschen, überlege ich. Aber als ukrainischer Kadett kann er sich wahrscheinlich keinen neuen leisten.

Der Abendhimmel ist schöner als auf jeder Ansichtskarte: Schwaden aus Orange und Rot durchziehen das Dämmerungsblau, und an einigen Stellen mischen sich Spuren von Lila und Silbergrau hinein. Über uns ziehen ein paar längliche, fast durchsichtige Wolken hinweg, ein leichter Wind geht in den Segeln. Sascha und Kolja, zwei Kadetten, beginnen Gitarre zu spielen, und wir setzen uns auf die Holzplanken, um ihnen zuzuhören. Als sie anfangen zu singen, bekomme ich sofort eine Gänsehaut. Das klingt ganz anders als das, was ich bisher auf Klassenfahrten oder am Lagerfeuer gehört habe. Die Stimmen der jungen Männer sind nicht nur außergewöhnlich klar und kräftig. Sie sind so voller Gefühl, Wärme und Wehmut, dass ich merke, wie mir Tränen in die Augen steigen. Schnell schaue ich nach unten und kneife mir in den Finger. Reiß dich zusammen, denke ich. Du kannst doch nicht vor allen einfach losheulen. Ich bin fassungslos, wie tief mich diese Lieder berühren, obwohl ich doch nicht einmal den Text verstehe. Als ich mich wieder gefangen habe und aufblicke, sehe ich, dass Tränen über Susas Wangen rollen. Sie schämt sich dafür nicht. An ihrer Seite sitzt schon ein Tröster. Es ist Kostja, ein kräftiger Kadett mit braunen Augen und Goldkettchen, von dem sie schon kurz nach unserer Ankunft angetan war. Wanja blickt zu uns herüber. Er bläst Ringe aus Rauch in die Luft, während er uns zu beobachten scheint. Wie macht er das nur? In Filmen habe ich immer gedacht, da sei ein Trick dabei. Mein Herz klopft, ich merke, wie meine Wangen heiß werden. Als das kleine Konzert vorbei ist und alle wieder auseinanderlaufen wollen, ruft Susa plötzlich: »Wanja, please wait! I want to make a picture.« Noch ehe wir uns versehen, hat sie uns vier zum Grüppchen aufgestellt: Kostja neben Susa, Wanja neben mich. Die Kamera drückt sie einfach einem anderen Kadetten in die Hand. Wanja steht ganz dicht neben mir und schaut mich von der Seite an. Mein Herz klopft gleich doppelt so schnell. »Kak djela?« – »Wie geht’s?«, fragt er – so viel Russisch verstehe ich inzwischen schon. »Otlitschno« – »Ausgezeichnet!«, antworte ich. Dieses Wort haben Susa und ich vorhin extra noch im Wörterbuch nachgeschlagen. Wanja guckt ein bisschen erstaunt. Vielleicht habe ich es nicht richtig ausgesprochen? Und wie geht es ihm? »Normalno«, sagt er. Normal? Soll das heißen eher gut oder eher schlecht?, rätsele ich. Für mich klingt es wie unser »geht so«, also nicht gerade umwerfend. Dabei sieht er ziemlich froh aus. Irgendwann werde ich wissen, dass »normalno« so viel heißt wie »gut«. Und dass meine Antwort etwas übertrieben klingt, weil Russen auf die Frage nach dem Befinden nur selten »ausgezeichnet« antworten. Doch dass wir einmal die Sprache des anderen lernen werden, dass ich eines Tages Russistik studieren werde und Wanja einen Sprachkurs nach dem anderen belegen wird, wissen wir in diesem Moment noch nicht.

Nach fünf Tagen, die Hälfte der Reise ist schon herum, machen Susa, ich und noch einige andere deutsche Trainees eine Mastbesteigung. Wir wollen die Aussicht von oben genießen – natürlich sind wir alle gut mit Bergsteigergurten gesichert. Obwohl wir nur bis zur ersten Plattform in etwa zehn Metern Höhe klettern, habe ich butterweiche Knie und einen rasenden Puls. Mit jedem Meter spürt man das Schwanken des Schiffes und den Wind stärker, und als ich oben stehe, klammere ich mich erst einmal an das Metallgeländer. Als ich mich schließlich an den Gedanken, hier oben zu stehen, gewöhnt habe, sind das Gefühl und die Aussicht einfach unbeschreiblich. Susa ist genauso euphorisch. »Wahnsinn!«, kreischt sie gegen den Wind. »Und die Kadetten gehen bis zu dreißig Meter hoch, wenn sie die Segel setzen oder bergen. Echt krass!«

Kaum haben wir wieder festen Boden unter den Füßen, wollen wir sofort wieder hoch – aber diesmal ganz nach oben – so wie die Kadetten. Vielleicht können wir ja bei den Segelmanövern auch da oben mitarbeiten. »Wanja, can you help us to learn it?«, frage ich ihn. Er findet die Idee blödsinnig. »Satschjem?« – »Wozu?«, fragt er. »Das ist nichts für Mädchen, das ist Männerarbeit, und wir schaffen es ganz gut ohne euch.« Die Kadetten benutzen beim Auf- und Abstieg ihre Sicherheitsgurte nicht, und Wanja befürchtet, dass wir abstürzen. »Man braucht viel Kraft und eine sehr gute Kondition«, sagt er in seinem russisch klingenden Englisch. Natürlich macht das die Sache für uns nur noch reizvoller. »Wir haben Ausdauer«, sage ich. »Kraft nicht so viel, aber das können wir bestimmt über eine gute Technik ausgleichen. Wir wollen es unbedingt versuchen«, bitte ich. Wanja schüttelt unwillig den Kopf. Doch er ahnt, dass wir jemand anderen bitten werden, wenn er uns nicht hilft. Das will er nicht, dann macht er es schon lieber selbst. Innerhalb von wenigen Tagen bringt er uns alles übers Klettern bei, was er weiß. Dann setzt er sich beim Bootsmann und beim Kapitän für uns ein und hat Erfolg: Wir dürfen bei den Manövern mit aufentern und fühlen uns wie kleine Heldinnen.

Natürlich sind die Kadetten schneller als wir, und nachts und bei schlechtem Wetter habe ich oben im Mast sogar ziemliche Angst, aber wir schlagen uns tapfer und lassen uns unsere Erschöpfung nicht anmerken. Es ist eine dieser stürmischen Nächte, als Wanja am Fuße des Masts auf mich wartet. »Julie, wenn du mein Mädchen wärst, würde ich das nicht erlauben«, sagt er. Noch außer Atem frage ich: »Du würdest es einfach verbieten?« – »Natürlich«, sagt er, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. »Ein normales russisches Mädchen würde das aber auch nicht machen wollen. Ich kann nicht verstehen, warum du und Susa unbedingt beweisen müsst, dass ihr das genauso gut könnt wie wir Männer.«

Der Segelalarm ist vorbei, und es wird langsam wieder ruhig an Deck. Die meisten haben sich in ihre Kojen verkrochen. Nur Wanja und ich sitzen noch unter einem Vordach und schauen auf das schwarze, aufgewühlte Meer. Es gefällt mir, dass er sich so viele Gedanken macht und kein Blatt vor den Mund nimmt. Ohne groß darüber nachzudenken lege ich meinen Kopf an seine Schulter. Das fühlt sich unglaublich gut an. Und noch ehe ich ganz begriffen habe, was passiert, küssen wir uns zum ersten Mal.

Irren ist menschlich

An einigen Abenden sitzen wir noch in der kleinen gemütlichen Schiffsbibliothek. Sie ist einer der wenigen Orte, wo man halbwegs ungestört sein kann, aber ein paar Bullaugen, durch die man vom Gang hineinschauen kann, gibt es trotzdem. Ich habe Wanja gebeten, mir die wichtigsten Seemannsknoten und ein paar Basics in Navigation beizubringen. Er bemüht sich auch redlich, aber in Naturwissenschaften bin ich leider keine Leuchte. Wir sitzen einander gegenüber, und über Wanja hängt eine Landkarte der Krim, die ich schon die ganze Zeit immer wieder betrachte. »Weißt du, bis zu dieser Reise hatte ich von der Krim ehrlich gesagt noch gar nichts gehört«, gebe ich zu. »Ich kannte nur Moskau mit den berühmten Zwiebeltürmchen, Sankt Petersburg und Reportagen über die transsibirische Eisenbahn.« Wanja lacht. »Aber das ist alles Russland, und die Krim gehört schon eine Weile zur Ukraine.« Ach, so ist das. Eigentlich ja ganz schön peinlich, dass mir die Halbinsel im Schwarzen Meer in all den Jahren bis zum Abitur auf der Europa-Karte nie aufgefallen ist. Sie ist zwar nicht groß, aber ihre Fläche entspricht immerhin etwa der von Brandenburg. Von Wanja erfahre ich, dass sie zwar der Regierung in Kiew untersteht, aber auch den Status einer Autonomen Republik und ein eigenes Parlament hat. »Der größte Teil der Bevölkerung auf der Krim hat russische Wurzeln«, erzählt Wanja. »Meine Familie auch. Wir kamen ursprünglich aus den Gegenden um Kursk, Brjansk und Rjasan.« Ich habe keine Ahnung, wo das genau liegt. »Und wie spricht man deine Heimatstadt noch mal richtig aus? Heißt sie Sewástopol?«, frage ich ihn mit der Betonung auf dem A. »Eigentlich Sewastópol«, sagt er und betont dabei das vordere O. Die Stadt liegt im Südwesten der Krim, direkt am Meer, und hat ungefähr dreihundertfünfzigtausend Einwohner.

Wanja will wissen, wie ich mir das Leben und die Menschen dort so vorstelle, und er bittet mich, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Also antworte ich ihm ganz offen und ehrlich. »Also, bis vor kurzem dachte ich, die Russen sind immer etwas laut und ungehobelt. Das lag vielleicht auch an der Sprache, die klingt für deutsche Ohren nämlich ziemlich hart«, bekenne ich freimütig. Dann lächele ich ihn an. »Aber nun habe ich ja zum Glück einen sehr kultivierten russischen Seemann kennengelernt, und seitdem gefällt mir auch die Sprache.« Trotzdem könnte ich mir nicht vorstellen, dort zu leben, sage ich. »Diese extreme Kälte im Winter würde ich nicht lange aushalten.« Wanja sieht kurz aus, als würde er etwas sagen wollen, aber er hält sich zurück und hört mir erst einmal weiter zu. Dass ich noch nie in Russland oder der Ukraine war und mein gesammeltes Wissen nur aus den deutschen Medien habe, weiß er. Und dort scheint Russland oft nur aus Moskau und Sibirien zu bestehen und aus zwei Arten von Russen: Entweder sind sie bitterarm und dem Alkohol verfallen – das scheint die große Mehrheit zu sein –, oder es sind superreiche Oligarchen, die arrogant und rücksichtslos sind und ihr Geld nur so verprassen. Wanja lässt meine landeskundlichen Ausführungen gelassen über sich ergehen. Auch meine Vermutung, die meisten russischen Frauen seien Heimchen am Herd, deren Ehrgeiz hauptsächlich darin besteht, den Männern zu gefallen, quittiert er lediglich mit einer hochgezogenen linken Augenbraue. »Und neulich habe ich gelesen, dass die Männer eine fast zwanzig Jahre niedrigere Lebenserwartung haben als die Frauen, weil sie so oft an Leberzirrhose sterben. Das fand ich wirklich erschreckend«, runde ich mein nicht sehr fundiertes Russlandbild ab. Wanja holt tief Luft. Mir scheint, er weiß nicht so recht, wo er anfangen soll. Vielleicht war das doch zu viel der Offenheit? Schnell füge ich noch an: »Aber die russische Gastfreundschaft ist natürlich weltberühmt. Und fast jeder kennt Tolstoj und Puschkin, eure literarischen Meister, und natürlich auch Tschaikowsky und seine Nussknackersuite.« Wanja nickt. »Du musst nichts wiedergutmachen. Einiges stimmt ja auch, aber einiges auch nicht«, sagt er. Die Armut sei wirklich ein großes Problem, gibt er zu, besonders die Alten seien davon betroffen, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet haben. »Aber es gibt auch eine wachsende Mittelschicht«, sagt er. »Das sind Leute, die ganz normal arbeiten gehen und sich auch ein paar Dinge leisten können.« Und natürlich werde viel getrunken, das sei ja kein Geheimnis, aber deshalb seien nicht alle Alkoholiker. Viele Männer würden deshalb früh sterben, weil sie ihr Leben lang unter schwersten Bedingungen gearbeitet hätten und die medizinische Versorgung nicht gut genug sei. »Außerdem trinkt man bei euch letztlich nicht weniger Alkohol«, sagt er. »Bier und Wein sind natürlich schwächer als Wodka, aber die Weltgesundheitsorganisation hat festgestellt, dass sich die reine Alkoholmenge pro Kopf nichts nimmt.« Das höre ich zwar zum ersten Mal, aber wenn das stimmt, wäre das wirklich ein Ding. Dann müsste unser Bild von Russland als Trinkernation wohl mal revidiert werden. Dann erzählt Wanja mir noch, dass es nicht überall im Osten sibirisch kalt ist. »Die Krim liegt auf dem Breitengrad von Bordeaux und Bologna«, sagt er und zeigt es mir auf der Karte. »Im Sommer haben wir oft fünfundvierzig Grad im Schatten, und die Winter sind in Sewastopol manchmal so mild, dass man im Pullover gehen kann.« Dass er doch ein bisschen gekränkt ist, merke ich, als er sagt: »Bei uns finden übrigens auch viele, dass die deutsche Sprache hart klingt. Man vergleicht sie sogar mit dem Bellen eines Hundes. Ich glaube, das liegt an den alten Kriegsfilmen, in denen deutsche Soldaten die ganze Zeit herumbrüllen.« Jetzt ist es raus. War ja klar, dass das Thema Zweiter Weltkrieg irgendwann kommen musste, denke ich. Auch wenn ich längst zu einer anderen Generation gehöre, ist das für mich immer wieder ein wunder Punkt. Wanja bereut schon, was er gesagt hat, und schlägt einen versöhnlichen Ton an: »Wenn du sprichst, klingt das immer sehr angenehm«, sagt er. Außerdem gibt er zu, dass er auch nicht frei von Vorurteilen ist. »Bis zu dieser Reise habe ich die Deutschen zwar für ordentlich, fleißig und zuverlässig gehalten«, sagt er. »Aber auch für langweilig, humorlos und unterkühlt. Und über die deutschen Mädchen dachte ich, dass sie sehr stämmig und groß sind – so wie echte Bäuerinnen – mit rotblonden Haaren, Sommersprossen und kleinen Augen. Das war nicht gerade mein Ideal.« Ich muss lachen. Gerade habe ich mir vorgestellt, wie so eine rotblonde Hünin Wanja auf dem Feld knechtet. Da hat er es mit mir ja vergleichsweise gut getroffen. Ich glaube, er ist auch ganz froh darüber.

Erst als die Khersones in den Hafen von Göteborg einläuft, wird mir richtig bewusst, dass die unbeschwerten Tage mit Wanja vorbei sind. Wie gern hätte ich ihn nach seiner Adresse oder Telefonnummer auf der Krim gefragt, aber ich traue mich nicht, und er sagt auch nichts. Die Vorstellung, ihn nie wiederzusehen, macht mich plötzlich sehr traurig, aber ich will keine Klette sein. Die letzten Stunden an Bord vergehen quälend langsam. Wir wissen nicht, worüber wir noch sprechen sollen, und halten uns einfach an den Händen, bis die Fähre da ist. Susa dagegen gibt sich ganz ihrem Trennungsschmerz hin und weint ohne Unterlass. Dann ist der Moment des Abschieds gekommen. Wir küssen uns noch ein letztes Mal, dann gehe ich schnell von Bord. Auf dem Rückflug bin ich wie benommen. Und als ich zu Hause die Wohnungstür aufschließe, wird mir klar, dass es trotz aller guten Vorsätze nun doch passiert ist: Ich habe mich in einen russischen Kadetten verliebt. In den nächsten Wochen und Monaten habe ich den schlimmsten Liebeskummer meines Lebens.

Matroschka

II
Ich auf der Krim

Susa und ich schwelgen in den nächsten Wochen immer wieder in Erinnerungen an die Zeit auf dem Schiff. Wir nippen an süßem Krimsekt und sind uns einig, dass wir unsere Stewardessen-Uniform am liebsten sofort wieder gegen einen Blaumann eintauschen würden. Im Briefkasten haben wir am Vormittag eine Postkarte von Jochen, einem ehemaligen Mitsegler, gefunden. Er hat gerade auf der Krim Urlaub gemacht und schreibt, dass die Khersones dort in der Stadt Kertsch in einer Werft überwintern wird. »Kertsch«, überlegt Susa laut, »ist das nicht dort, wo auch die Kadetten studieren?« – »Hm«, mache ich nur. Alles, was irgendwie mit Wanja zu tun hat, vermeide ich, es macht mich einfach zu traurig. »Komm, lass uns mal nachschauen, wo dieses Kertsch genau liegt«, bohrt Susa weiter. »Wenn Jochen da hinfahren kann, warum nicht auch wir?« – »In die Ukraine?«, frage ich, als ob mir Susa vorgeschlagen hätte, ins Reich der Finsternis zu fahren. »Bis Kertsch sind es doch von hier fast dreitausend Kilometer.« Susa ist nicht so eine Bedenkenträgerin wie ich. »Also, willst du das Schiff nun wiedersehen oder nicht?«, fragt sie und sieht mich verschwörerisch an.

Mit Landstreichern unterwegs

Es ist Ende Oktober, als wir nach Kiew fliegen. Unser Plan ist es, von dort mit dem Zug weiter auf die Krim zu fahren. Aber das stellen wir uns zu leicht vor. Am Kiewer Hauptbahnhof sagt man uns, dass es für diese und auch für die nächste Woche keine Zugfahrkarten mehr nach Kertsch gibt. Wir sind wie vor den Kopf gestoßen. Damit hatten wir nicht gerechnet. Schließlich ist nicht etwa August, wo es immer viele Badegäste auf die Krim zieht und man so einen Engpass noch verstehen könnte. Deprimiert sitzen wir auf unseren Koffern und überlegen, was wir machen können, als plötzlich ein älterer, kräftiger Kerl mit schwarzer Lederjacke und tief ins Gesicht gezogener Schiebermütze vor uns steht. Ich zucke zusammen. In der Bahnhofshalle ist das Licht ausgefallen, alles spielt sich im Halbdunkeln ab. Überhaupt ist der Kiewer Hauptbahnhof damals, vor der großen Renovierung im Jahr 2004, ein ziemlich düsterer Ort und Tummelplatz vieler zwielichtiger Gestalten. »You tickets to Kertsch?«, fragte der Mann mit heiserer Stimme. Wir nicken. »Give your passports, I bring back in twenty minutes«, nuschelt er. »Aber wir können ihm doch nicht einfach unsere Pässe geben!«, sage ich erschrocken zu Susa. »Was ist, wenn er damit abhaut?« – »Aber welche Alternative haben wir denn?«, fragt sie und sieht ziemlich verzweifelt aus. »Mit den zehn Tagen Urlaub, die wir haben, können wir keine Zeit vertrödeln. Sonst schaffen wir es nicht mehr nach Kertsch.« Das darf nicht passieren, schießt es mir durch den Kopf. Ich freue mich so sehr darauf, Wanja wiederzusehen. Also dann eben doch. Wir geben dem Mann unsere Pässe und schicken ein Stoßgebet gen Himmel, er möge damit wiederkommen. Während Susa die Stellung hält, mache ich mich auf die Suche nach etwas zu essen. Schließlich wissen wir ja nicht, ob es in ukrainischen Zügen einen Speisewagen gibt – falls wir überhaupt noch einen Zug von innen zu sehen bekommen! Doch erst muss ich Geld wechseln. Ich stelle mich vor ein Fensterchen, über dem »obmjen valut« – »Geldwechsel« steht. Diesen Begriff kenne ich zwar noch nicht, aber auf einer Tafel sind verschiedene Länderflaggen und Wechselkurse abgebildet. Beim Anblick der ukrainischen blau-gelben Flagge muss ich lächeln.

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