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Werde mein in Luxor

PROLOG

Das Foto ließ ihn nicht los. Eine auffallend schöne junge Frau mit ebenmäßiger, beinahe durchscheinend wirkender Haut. Ihr Haar war hell, ihre Augen ebenso. Blau? Grau? Er konnte es nicht erkennen, das Bild war schwarz-weiß. Am meisten aber beeindruckte ihn ihr Gesichtsausdruck: Ein vorsichtiges Lächeln, ein scheuer und dennoch neugieriger Blick … erwartungsvoll. Scheich Khalid Fehz las den Text neben dem faszinierenden Bild ein zweites Mal.

Amerikanerin im Nahen Osten vermisst.
Seit zwei Wochen ist Olivia Morse spurlos verschwunden.
Sie ist dreiundzwanzig Jahre alt, blond, 1,56 m groß, sehr schlank. Jeder, der Informationen über ihren Aufenthaltsort hat, melde sich bitte telefonisch oder per E-Mail umgehend bei ihrem Bruder, Jake Morse. Ihre Familie ist verzweifelt.

Bei diesem letzten Satz wurde Khalid das Herz schwer. Er wusste aus Erfahrung, was ein solcher Verlust für eine Familie bedeutete. Er kannte das Gefühl, sich um seine Schwester zu sorgen. Immerhin hatte er selbst zwei jüngere Schwestern verloren.

Während er an seinem Laptop nach weiteren Informationen über Olivia Morse suchte, entdeckte er, dass Jake Morse schon eine Woche zuvor eine Vermisstenanzeige ins Internet gestellt hatte. Khalid klickte zurück auf die vorherige Seite und wartete, während sich das Foto erneut aufbaute. Hier draußen in der Wüste war die Satellitenverbindung nicht gerade schnell. Deshalb wurden große Datenmengen wie Internetfotos zur Geduldsprobe.

Wieder betrachtete er das Bild. Eine plötzliche Enge in seiner Brust zwang ihn, sich in seinen Schreibtischstuhl zurückzulehnen.

Genau so hatte seine Schwester Aman in die Welt geblickt. Sie war viel scheuer gewesen als ihre Zwillingsschwester Jamila. Amans Zärtlichkeit und ihr feiner Sinn für Humor hatten stets seine besten Seiten zum Vorschein gebracht, und diese Wirkung hatte sie auf nahezu jeden, der sich mit ihr umgab. Als Aman eine Woche nach Jamila gestorben war, hatte es ihm das Herz gebrochen. Seitdem war er nicht mehr derselbe.

Er strich sich mit der Hand übers Kinn, den Blick immer noch nachdenklich auf den Monitor gerichtet. Seine kurzen harten Bartstoppeln kratzten an seiner Handfläche. Während er wieder in die Augen der vermissten Olivia schaute, versuchte er sich vorzustellen, wo sie sich aufhielt. War sie krank oder verletzt – oder gar tot?

Hatte man sie entführt? Vergewaltigt? Ermordet?

Oder war sie vielleicht aus freien Stücken untergetaucht? Gab es womöglich irgendetwas oder jemanden, vor dem sie davonlief?

Er verbot es sich, noch länger darüber nachzudenken. Es ging ihn nichts an. Entschlossen stand er auf. Er hatte der Großstadt den Rücken gekehrt, um in der Wüste zu leben, weit weg von Gewalt, Lärm und Verbrechen. Seit dem tragischen Tod seiner Schwestern hatte er sich für ein Leben in Einsamkeit entschieden.

Doch was, wenn diese junge Frau hier seine Schwester wäre?

Was würde er tun?

Auch er hatte seine Schwestern nicht vor Unheil bewahren können. Die Prinzessinnen waren auf Schritt und Tritt von Leibwächtern begleitet worden. Trotzdem waren sie heute nicht mehr am Leben.

Dieser fremde Mann, Jake, und seine vermisste Schwester gingen ihm nicht aus dem Sinn. Obwohl er den Verfasser der Vermisstenanzeige nicht kannte, berührte ihn dessen Hilferuf tief.

Bevor er das Zelt verließ, drehte sich Khalid noch einmal um und schaute auf seinen aufgeklappten Laptop mit dem Schwarz-Weiß-Foto. Olivia Morse, 22 Jahre, und – der Beschreibung nach zu urteilen – eine kleine, verletzliche Person.

Da wusste er plötzlich, was er zu tun hatte.

Auch wenn er wie ein Einsiedler in der Wüste lebte, war er doch Mitglied eines reichen und einflussreichen Königshauses, ein Prinz mit vielfältigen Verbindungen. War er nicht geradezu prädestiniert dafür, diese junge Amerikanerin aufzuspüren? Wenn er es nicht schaffte, wem sollte es dann gelingen?

1. KAPITEL

Es hatte ihn drei Wochen und ein kleines Vermögen gekostet. Außer zwei Privatdetektiven war die Hilfe eines Staatssekretärs ebenso erforderlich gewesen wie viele geheime Abmachungen und Versprechen – ganz zu schweigen von den Drohungen, denen er ausgesetzt worden war. Doch jetzt hatte er es endlich geschafft. Scheich Khalid Fehz wurde zu Olivia Morse geführt.

Das Gefängnistor war so niedrig, dass er den Kopf einziehen musste. Der Weg zum Frauentrakt führte am Männertrakt vorbei, wo es so durchdringend nach menschlichen Körperausdünstungen und Urin stank, dass sich Khalid fast der Magen umdrehte.

Am Eingang zum Frauentrakt wurde er von einer Aufseherin in Empfang genommen, die seine Papiere einer langen und gründlichen Prüfung unterzog.

Die Frau war vom Scheitel bis zur Sohle in ein schwarzes Gewand gehüllt. Sie ließ sich so viel Zeit mit der Betrachtung seines Passes und seines Besucherscheins, dass Khalid es kaum schaffte, seine Ungeduld zu zähmen. Doch er wusste, dass harsche Worte ihn hier nicht weiterbringen würden. Ozr stand in dem Ruf, eines der schlimmsten Gefängnisse der Welt zu sein, ein Ort, an dem die Menschenrechte keine Gültigkeit besaßen. Endlich schaute die Aufseherin auf und nickte. „Kommen Sie mit.“

Enge, niedrige Gänge führten tiefer hinein in den Bauch der alten Festung, die man vor Jahrzehnten zu einem Gefängnis umgebaut hatte. Immer wieder streckten sich Khalid aus den vergitterten Zellen Hände entgegen, und heisere Stimmen flehten auf Arabisch, Ägyptisch, Farsi und einmal sogar auf Englisch um Hilfe, um Gnade, um einen Arzt oder Anwalt. Nach Ozr gebracht zu werden, war eine Reise ohne Wiederkehr. Wer einmal hier landete, war für die Welt verloren. Was musste diese Erkenntnis für eine Frau, noch dazu mit westlichen Anschauungen, bedeuten?

Jabal war eine gefährliche Diktatur. Immer wieder wurden Touristen vor einer Reise in dieses Nachbarland Ägyptens gewarnt. Diese Warnungen hatte Olivia Morse offensichtlich in den Wind geschlagen.

Die Gefängniswärterin blieb vor einer vergitterten Zelle stehen. Dort hockte auf einer schmalen Pritsche eine schwarz gekleidete Frau. Sie hatte die Beine hochgezogen, ihr ganzer Körper drückte Abwehr und Hilflosigkeit aus. Obwohl ihr Haar mit einem schwarzen Kopftuch verhüllt war, wusste Khalid sofort, wen er vor sich hatte.

Olivia Morse.

Khalid bekam plötzlich Schwierigkeiten zu atmen. Auf dem Passfoto war sie hübsch gewesen, mit einem ebenmäßigen wachen Gesicht und einem erwartungsvollen Leuchten in den Augen. Jetzt konnte man mit einem Blick erkennen, dass sie alle Hoffnung aufgegeben hatte.

„Olivia Morse?“, fragte er leise, während er an die Gitterstäbe trat.

Sie hob kurz den Kopf, aber sie schaute ihn nicht an.

„Sie sind doch Miss Olivia Morse, nicht wahr?“

Die Frau auf ihrer Pritsche hatte die Arme ganz fest um ihre Knie geschlungen und wünschte sich verzweifelt, unsichtbar zu sein.

Vielleicht war das alles ja nur ein böser Albtraum, und sie war gar nicht wirklich hier. Und der Mann hier vor ihrer Zelle war nicht wieder einer dieser grausamen Folterknechte, die Informationen aus ihr herauspressen wollten, über die sie nicht verfügte. Jedes Verhör endete unweigerlich mit Schlägen, weil sie nicht sagen konnte, was ihre Peiniger von ihr hören wollten.

Warum glaubte ihr niemand, dass sie nichts wusste? Dass sie eines Verbrechens bezichtigt wurde, das sie nicht begangen hatte? Dass man sie benutzt hatte? Dass sie unschuldig war?

Liv schloss die Augen, senkte den Kopf und presste die Stirn gegen ihre spitzen Knie. Vielleicht wachte sie ja auf, wenn sie die Augen nur lange genug geschlossen hielt. Zu Hause, in ihrem Bett in Alabama.

Oh Gott, wenn sie doch bloß daheim wäre. Sie hatte so schreckliche Sehnsucht nach ihrer Mom und ihrem Bruder Jake.

Hätte sie doch bloß nie von den Pyramiden und dem herrlichen goldenen Wüstensand geträumt, hätte sie sich bloß nie gewünscht, wenigstens ein einziges Mal auf einem Kamel zu reiten und im Tal der Könige die berühmten Grabkammern zu sehen.

Sie hätte zu Hause bleiben und sich damit begnügen sollen, für andere Leute Reisen in ferne Länder zu buchen. Sie hatte einfach zu viel gewollt.

„Olivia.“

Der Mann nannte sie leise und drängend bei ihrem Namen. Das hatte hier noch niemand gemacht. Was für eine Schikane war das jetzt wieder? Sofort bekam sie Angst.

Sie wandte den Kopf ab und sagte erstickt den einzigen Satz, der ihr auf Arabisch geläufig war: „Ich weiß nichts … Sie müssen mir einfach glauben.“ Das war ihr Standardsatz, mit dem sie versuchte, sich vor Gebrüll und Schlägen zu schützen, doch meist vergebens.

„Über die Anklage reden wir später“, unterbrach er sie akzentfrei in fließendem Englisch. „Vorher müssen wir noch ein paar Dinge klären.“

Liv erschauerte. Dass plötzlich jemand Englisch mit ihr sprach, erschreckte sie noch mehr. „Wenn ich etwas wüsste, würde ich es Ihnen sagen, wirklich! Sie müssen mir einfach glauben! Ich will nur nach Hause …“ Sie brach ab, schnappte panisch nach Luft. Sie konnte nicht mehr, sie fühlte sich dem Sterben nah. Nachts ließ man sie nicht schlafen und weckte sie ständig. Mit dieser Folter durch Schlafentzug sollte ihre Kraft völlig gebrochen werden. Oder man ließ sie hungern, um die gewünschten Informationen aus ihr herauszupressen. „Ich versuche wirklich, Ihnen zu helfen“, beteuerte sie. „Sie müssen mir glauben.“

„Ich glaube Ihnen“, gab er fast sanft zurück. Sein Tonfall, der so auffallend anders war, gab ihr den Rest.

Die Tränen schossen ihr in die Augen und rannen ihr heiß über die Wangen. Schnell hob sie die Hand und wischte sie weg. „Ich will nach Hause“, flüsterte sie mit bebender Stimme.

„Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, um Sie hier herauszuholen.“

So etwas hatte noch keiner zu ihr gesagt. Niemand hatte ihr auch nur die leiseste Hoffnung gemacht, dass sie diesen schrecklichen Ort je wieder verlassen könnte.

Liv wandte langsam den Kopf. Der Flur war dunkel und voller Schatten, aber sie konnte erkennen, dass der Mann hochgewachsen war – nicht klein und untersetzt wie die Männer, die sie seit Wochen quälten. Und er schien auch beträchtlich jünger zu sein.

Er trug ebenfalls einen Umhang, aber seiner war schwarz und mit Gold bestickt. Seinen Kopf zierte eine blütenweiße Kopfbedeckung, die sein Haar verdeckte und seine scharf geschnittenen Gesichtszüge betonte.

„Ich bin gekommen, um Sie hier herauszuholen“, fuhr er fort. „Aber wir haben nicht viel Zeit.“

Hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Bangen, umklammerte Liv ihre Knie noch fester und presste sie gegen ihre Brust. Ihr fadenscheiniger Burnus, die Kleidung aller Gefangenen, fühlte sich rau an auf ihrer Haut. Bei ihrer Festnahme hatte man ihr alles abgenommen, sogar die Kleider, die sie auf dem Leib getragen hatte. Dafür hatte man ihr diesen Umhang und eine Art Unterkleid gegeben, sonst nichts. „Wer schickt Sie?“ Das Gesicht des Mannes gab nichts preis. „Ihr Bruder.“

„Jake?“

Erregt sprang sie auf, aber ihr wurde sofort so schwindlig, dass sie sich an der Wand abstützen musste. „Jake weiß, dass ich hier bin?“

„Er weiß, dass ich nach Ihnen suche.“

Liv atmete tief ein und aus. „Man hat mir gesagt, dass ich nie freikomme. Außer wenn ich gestehe und Namen nenne.“

„Da wusste man noch nicht, dass Sie Verbindungen haben“, gab er zurück.

Liv blinzelte. In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander. „Was denn für Verbindungen? Davon weiß ich nichts.“

„Jetzt wissen Sie es.“

Sie ging nach vorn und umklammerte die Gitterstäbe. „Wie? Warum? Ich verstehe nicht …“

„Ich bin Scheich Khalid Fehz aus Sarq.“

„Sarq grenzt an Jabal“, dachte sie laut.

„Und an Ägypten“, ergänzte er. „Es war nicht ganz leicht, bis hierher zu gelangen, und jetzt sitzt uns die Zeit im Nacken. Ich muss noch ein paar Dinge klären, aber ich bin bald zurück …“

„Nein!“ Liv wollte nicht schreien, aber seine Worte hatten sofort Panik in ihr ausgelöst. „Nein“, wiederholte sie leiser. „Bitte … gehen Sie nicht weg!“

„Es dauert nicht lange, höchstens eine halbe Stunde …“

„Nein“, flehte sie mit brechender Stimme, während sie eine Hand durch die Gitterstäbe schob und verzweifelt seinen Ärmel umklammerte. „Bitte! Lassen Sie mich nicht allein.“

Einen Moment lang schaute er nur schweigend auf ihre Hand, die gegen seine golden gebräunte Haut besonders zart und blass schien. „Ohne die erforderlichen Formalitäten wird man Sie nicht freilassen.“

Ihre Finger krallten sich noch fester in seinen Ärmel. „Bitte … bitte … gehen Sie nicht.“

„Ich bin gleich wieder da, versprochen.“

„Ich habe Angst“, flüsterte sie. „Ich fürchte mich vor den Aufseherinnen. Ich fürchte mich vor der Dunkelheit. Ich fürchte mich vor allem. Hier verschwinden Gefangene, hören Sie?“ Ihr flehender Blick weigerte sich, ihn loszulassen. „Man hört Schreie, schreckliche Schreie, und manchmal kommen die Gefangenen nach einem Verhör nicht zurück.“

„Es ist gleich hier, am Ende des Flurs“, erklärte er geduldig. „Ich bin bald zurück.“

„Aber man wird Sie nicht mehr zurücklassen. Bestimmt nicht. Ich weiß, wie das hier läuft. Irgendwann war der amerikanische Botschafter da, dann ging er weg und kam nie zurück.“

„In Jabal gibt es keinen amerikanischen Botschafter“, erwiderte er. „Es war nur ein Trick, mit dem man versucht hat, Sie weichzuklopfen.“

Immer noch hielt sie ihn am Ärmel fest. „Und jetzt? Ist das jetzt auch alles wieder nur ein Trick?“

„Das kommt ganz darauf an, was Sie darunter verstehen.“

Ein eisiger Hauch streifte sie. Sie riss den Kopf hoch und starrte ihn an, als ob sie so die Wahrheit erkennen könnte. „Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll.“

„Fürs Erste reicht es, wenn Sie mir glauben, dass ich so schnell wie möglich zurückkomme.“

„Bitte, lassen Sie mich nicht im Stich“, flüsterte sie.

„Bestimmt nicht. Wahrscheinlich bin ich schneller wieder da, als Sie denken.“

Sie konnte ihren Blick nicht von ihm losreißen. „Und was ist, wenn man mich vorher wegbringt?“

„Das wird nicht passieren.“

„Es gibt hier unzählige unterirdische Gänge. Man könnte mich …“

„Niemand wird Sie wegbringen.“

„Woher wissen Sie das?“

Er schaute wieder auf ihre Hand, die sich noch immer in seinen Ärmel krallte. „Weil es zu riskant wäre, nachdem ich bei Ihnen war. Ich kann bezeugen, dass Sie hier waren, und ich habe Sie nicht nur gesehen, sondern auch mit Ihnen gesprochen.“

Sie nickte automatisch. Sie hörte zwar seine Worte, aber getröstet fühlte sie sich davon nicht. Dafür war sie schon zu lange hier und hatte zu viel gesehen. Die Aufseherinnen machten, was sie wollten. Offensichtlich brauchten sie keine Angst zu haben, dass man sie zur Rechenschaft zog.

Er machte sich behutsam von ihr los und verschmolz mit den Schatten auf dem Flur. In ihrem Kopf wiederholten sich wieder und wieder dieselben Worte. Komm zurück … bitte … bitte … komm zurück. Bitte.

Nach einer halben Ewigkeit kehrte der Scheich in Begleitung zweier Wärter zurück.

Liv wusste nicht, was sie davon halten sollte, als einer der Wärter ihre Zelle aufschloss und sie herausrief. Sobald die Tür offen war, flüchtete sie sich in blindem Vertrauen an die Seite ihres Besuchers. Was hätte sie auch sonst tun sollen? Hier drin würde sie nicht überleben. Alles war besser als Ozr.

Gleich darauf ging Liv dicht neben dem Scheich leicht schwankend durch die engen gewundenen Gänge zum Ausgang. Der Sonnenschein draußen war so grell, dass sie zurückprallte.

Aber Scheich Fehz hielt sie geistesgegenwärtig fest, als sie taumelte. So verhinderte er, dass sie auf die Steintreppe fiel. Liv hatte instinktiv den Arm nach ihm ausgestreckt, und jetzt fand sie sich an seinem harten Brustkorb gepresst wieder.

„Oh“, keuchte sie. „Haben Sie sich wehgetan?“, fragte er mit tiefer, leicht heiserer Stimme.

Sie schüttelte den Kopf und versuchte, sich aus seinen Armen herauszuwinden. Sie wollte auf eigenen Beinen stehen, ohne die Hilfe dieses dunklen, wortkargen Mannes, den sie nicht einschätzen konnte.

„Es ist so hell hier draußen“, sagte sie verlegen.

Er ließ sie los, legte nur seinen linken Arm sanft und beschützend an ihren Rücken. Dann nahm er seine Sonnenbrille ab und setzte sie ihr auf die Nase. „Ihre Augen sind empfindlich. Sie haben schon eine ganze Weile kein Tageslicht mehr gesehen.“

Er wartete nicht auf ihr Einverständnis, sondern tat einfach, was er für richtig hielt. Liv bekam wieder ganz weiche Knie. Sie wusste nicht, ob das mit der plötzlichen und seltsam intim anmutenden Nähe zu diesem einschüchternden Mann zusammenhing oder mit dem grellen Sonnenlicht.

Als sie den Kopf senkte, rutschte ihr die Sonnenbrille, die für ihr schmales Gesicht viel zu groß war, nach vorn auf ihre Nasenspitze. „Besser, Sie nehmen die Brille wieder an sich. Sie ist mir viel zu groß.“

Aber Scheich Fehz schob ihr die Brille einfach wieder nach oben. „Das macht nichts. Hauptsache, Ihre Augen sind geschützt“, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Während er sprach, sah Liv eine kleine Wagenkolonne auf sie zukommen.

Nachdem die Autos vor ihnen gestoppt hatten, stiegen mehrere Männer in langen Gewändern aus. In diesem Moment hätte sich Liv, die sofort wieder mit dem Schlimmsten rechnete, vor Angst am liebsten in Scheich Fehzs Arme gerettet.

Er legte ihr in einer beschützenden Geste einen Arm um die Schultern und sagte beruhigend: „Keine Angst. Das sind meine Leute. Sie werden uns zum Flughafen bringen.“

Sie nickte, aber ihre Angst verflüchtigte sich nicht. Liv wusste, dass sie sich erst wieder sicher fühlen würde, wenn sie zu Hause bei Jake und ihrer Mom war. Hier kannte sie sich nicht aus, es gab einfach zu vieles, was ihr fremd und unvertraut war. Sie hatte das Fremde gesucht – das war immerhin der Grund für ihre Reise in einen anderen Kulturkreis gewesen –, aber mit derartigen Gefahren hatte sie nicht gerechnet.

Ägypten und Marokko hatten in den Reiseprospekten so malerisch und exotisch gewirkt. Sie hatte die von der Spätnachmittagssonne vergoldeten Pyramiden von Gizeh sehen wollen, die Kamele, die in der Wüste majestätisch einem blutroten Sonnenuntergang entgegenschritten, und all die Schätze und Kunstwerke, die im Ägyptischen Museum in Kairo auf Besucher warteten.

Jahrelang hatte sie Erlebnisberichte der Nilkreuzfahrten regelrecht verschlungen. Dabei hatte sie sich ausgemalt, wie es wohl sein mochte, jeden Tag in einem anderen Hafen Station zu machen. Man konnte in Basaren stöbern, bunte Wollteppiche und kunstvollen Schmuck erstehen, bei Straßenhändlern orientalische Köstlichkeiten kaufen und das Abenteuer seines Lebens finden.

Sie hatte nie ernsthaft erwogen, dass sie in Schwierigkeiten geraten könnte. Noch nie zuvor war ihr etwas zugestoßen. Liv war immer ein braves Mädchen gewesen, das sich stets an die Regeln gehalten und getan hatte, was man ihm sagte.

Einer von Scheich Fehzs Bodyguards öffnete den hinteren Wagenschlag der Limousine mit den dunkel getönten Scheiben. Liv drehte sich zu dem Scheich um und versuchte, in seinem scharf geschnittenen Gesicht zu lesen. Sie lieferte sich ihm aus, obwohl sie ihn nicht einmal kannte. „Kann ich Ihnen vertrauen?“, fragte sie so leise, dass es kaum zu hören war.

Er schaute sie ernst und eindringlich an. „Vielleicht sollte besser ich Ihnen diese Frage stellen. Ich setze meinen guten Namen und meinen Ruf für Sie aufs Spiel. Kann ich Ihnen vertrauen, Olivia Morse?“

Irgendetwas in seinen dunklen Augen jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Einem Mann wie ihm war sie noch nie begegnet. Obwohl sie zugeben musste, dass ihre Erfahrung mit Männern sowieso sehr begrenzt war. Der einzige Mann, den sie näher kannte, war ihr Bruder Jake, und der war so unkompliziert, wie es ein Mann nur sein konnte.

Scheich Fehz hingegen schien ziemlich kompliziert zu sein.

„Ja. Natürlich können Sie mir vertrauen“, antwortete sie heiser. In ihrem Bauch war ein seltsames Kribbeln, aber sie versuchte, es zu ignorieren.

„Dann sollten wir jetzt fahren. Hier sind Sie nämlich nicht sicher.“ Er deutete auf den offenen Wagenschlag.

In dem großzügigen Innenraum des Autos senkte Liv den Kopf und steckte sich das strähnige blonde Haar hinter die Ohren. Sie fühlte sich ungepflegt. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so sehr nach einem Bad gesehnt wie in diesem Moment.

„Tut mir leid“, sagte sie tödlich verlegen, als sie die Blicke des Scheichs auf sich spürte, während der Wagen durch die verödete Landschaft in Richtung Hauptstadt fuhr. „Ich weiß, dass ich dringend ein Bad brauche.“

„Ich musste gerade daran denken, dass Ihr Bruder bestimmt überglücklich sein wird, wenn er die gute Nachricht hört.“

„Ja“, stimmte Liv zu, plötzlich mit Tränen in den Augen. „Ich hatte schon fast alle Hoffnung aufgegeben, da je wieder heil rauszukommen.“

„Sie haben Glück gehabt“, gab Khalid zurück. „Mehr Glück als die meisten anderen.“ „Ja. Und das habe ich nur Ihnen zu verdanken. Warum helfen Sie mir?“

„Wir sind jetzt gleich in Hafel, der Hauptstadt von Jabal“, sagte Scheich Fehz statt einer Antwort. „Waren Sie vor Ihrer Festnahme dort?“

Liv schüttelte den Kopf. Sie schaute auf ihre Handgelenke, auf die Blutergüsse dort. Auf den Oberarmen waren noch mehr, aber die wurden von ihrem Umhang verdeckt. „So weit bin ich gar nicht gekommen.“

„Wo hat man Sie festgenommen?“

„Auf dem Weg zwischen der Grenze und Hafel.“ Sie gab einen ungläubigen Laut von sich. „Eben saß ich noch im Bus und im nächsten Moment schon befand ich mich in einem Gefangenentransport nach Ozr.“

Als der Scheich nichts erwiderte, fragte Liv: „Halten wir jetzt in Hafel?“

„Nein“, erwiderte Khalid, als die mehr als tausend Jahre alte Hauptstadt vor ihnen auftauchte. „Obwohl es eine faszinierende Stadt ist, über die man in der westlichen Welt kaum etwas weiß.“

„Waren Sie schon oft dort?“, fragte sie.

„Früher.“

„Was hat sich seitdem verändert?“

„Alles.“ Er zögerte. „In meiner Kindheit verband meinen Vater eine enge Freundschaft mit dem König von Jabal, der vor zwanzig Jahren gestürzt wurde. Seitdem wird das Land von einem gänzlich anderen Menschenschlag regiert.“ Sein Mund verzog sich verächtlich. „Ich war zuletzt vor vier Jahren hier, und bis vor zwei Stunden war es nicht einmal sicher, ob sie mich überhaupt ins Land lassen.“

„Warum nicht?“

„Ich hole manchmal Leute aus dem Gefängnis und bringe sie in Sicherheit. Das sehen die Machthaber natürlich nicht gern.“ Er zuckte die Schultern. „In Regierungskreisen bin ich kein gern gesehener Gast.“

Livs Magen schlug einen doppelten Purzelbaum. „Und warum lässt man Sie dann überhaupt ins Land?“

Er wandte den Kopf und schaute aus dem Fenster, dann zuckte er die Schultern. „Ich habe mehrere hochrangige Regierungsbeamte für ihre Dienste bezahlt.“

Sie holte schnell Atem. Dabei fragte sie sich, ob sie sich in ihrem Leben je wieder sicher fühlen würde. „Heißt das, Sie haben sie bestochen?“

Ich hatte keine Wahl.“ Er musterte sie grimmig. „Einen längeren Gefängnisaufenthalt hätten Sie nicht überlebt, glauben Sie mir.“

Liv biss sich auf die Lippen und schaute aus dem Fenster. Sie näherten sich der alten Innenstadt mit ihren kleinen Häusern und den engen Gassen. Überall an den Straßenecken sah man Verkaufsstände, an denen Speisen auf offenen Feuern zubereitet wurden. „Es wäre schlimm geworden“, sagte sie.

„Tödlich“, stellte er klar.

„Dabei wollte ich doch nur ein Abenteuer erleben“, sagte sie mit leiser Stimme. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass das so ein Albtraum wird.“

Der Fahrer fuhr langsamer, gleich darauf bremste er. Das Mobiltelefon des Scheichs klingelte. Er meldete sich, dann schaute er auf mehrere Polizeiautos in einiger Entfernung vor ihnen.

„Der Albtraum ist noch nicht beendet“, informierte er sie, nachdem er aufgelegt hatte.

Liz erschrak und beugte sich vor, um besser sehen zu können. „Was ist?“

„Sie haben Fragen“, erwiderte Scheich Fehz kurz angebunden mit hartem Gesicht, bevor er sie einen Moment lang musterte.

„Ziehen Sie das Kopftuch so weit ins Gesicht, dass von Ihrem Haar nichts mehr zu sehen ist“, wies er sie an. „Und legen Sie sich den Stoff über Mund und Nase, lassen Sie nur die Augen frei.“ Er nahm die Sonnenbrille vom Sitz und reichte sie ihr. „Setzen Sie die auf und nehmen Sie sie erst wieder ab, wenn ich es Ihnen sage.“ Nach diesen Worten öffnete er den Wagenschlag, stieg aus und warf die Tür hinter sich wieder zu.

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