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Wer wagt, gewinnt

Über den Autor

Jenke von Wilmsdorff ist Journalist, Schauspieler und Autor. Seit 2001 steht er für Extra – Das RTL-Magazin vor der Kamera. Der Reporter ist bekannt für seine mutigen Reportagen, übernimmt die außergewöhnlichsten Rollen, reist an die gefährlichsten Orte und ist stets Teil des Geschehens. Für seine Reise mit nordafrikanischen Flüchtlingen auf dem Weg nach Lampedusa wurde er 2012 für den International Emmy nominiert. Mit seinen Fernsehsendungen Das Jenke-Experiment und Jenke – Ich bleibe über Nacht sorgt er regelmäßig für großes Aufsehen.

Mehr über Jenke auf: www.facebook.com/JenkesOffizielleSeite; www.jenke.tv

JENKE VON WILMSDORFF

WER
WAGT,
GEWINNT

Leben als Experiment

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meinen über alles geliebten Sohn Jánik!

Motto

Vorwort + Update

Wer wagt gewinnt! Aber was?
Freiheit, Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstachtung, Glück, Erfahrung, erfüllte Lebenszeit, verwirklichte Träume und Respekt sind nur der Anfang. Aber es winkt noch mehr.

Wer wagt, der kann nur gewinnen. Aber Sie müssen davon überzeugt sein, es wagen zu wollen. Wenn Sie diesen Punkt für sich geklärt haben, Sie etwas verändern oder angehen wollen, dann stellen Sie sich endlich Ihren Ängsten und wagen Sie es!    

Wer bin ich, Ihnen das zu raten?

Ich war das Kind, das vor allem Angst hat. Doch irgendwann hatte ich diese lähmende Angst satt! Ich wollte frei sein! Von Ängsten und Grenzen. Wahlweise habe ich mich mit meinen Ängsten verbündet, sie ignoriert, sie rausgeschmissen, sie akzeptiert. Heute lebe ich mit ihnen, aber lasse mich von ihnen nicht mehr in die Knie zwingen.

Meist verschwenden wir sehr viel Energie damit, uns unsere Träume klein- und auszureden, indem wir uns die Gefahren und Risiken für deren Umsetzung vor Augen führen. Das kann Jahre dauern, und am Schluss resignieren wir, und unsere Träume bleiben unerfüllt. Ab sofort lautet die Devise: umdenken! Die Kraft nicht verschwenden und von falschen Ängsten aufsaugen lassen, sondern für positive Gedanken und die Umsetzung unserer Ziele nutzen!

Ich kenne sie, die Hürden, die es zu überwinden gilt, um den Weg aus der Angst und zu sich selbst zu finden. Ich habe mich ihnen jahrelang gestellt. Doch ich kenne auch den Lohn dafür, habe erfahren, wie es ist, Schritt für Schritt sicherer zu werden, Stück für Stück die Herangehens- sowie Denkweisen zu verändern und neue Strategien zu erkämpfen. Natürlich ist es ein Wagnis, denn der Weg ist nicht immer eben, nicht alles funktioniert, schon gar nicht beim ersten Versuch. Aber jeder kann Veränderung herbeiführen, wenn er es nur will. Und umso mühevoller die Befreiung von den Ängsten ist, umso stärker wird die positive Veränderung sein.

Meine Geschichte zeigt, dass es sehr lohnend ist, wenn statt Angst immer mehr positive Energie freigesetzt wird. Vom ersten wackeligen Schritt bis hin zum Selbstläufer, der eine Eigendynamik entwickelt, und schließlich dem Gewinn von mehr Selbstvertrauen durch Selbsterfahrung. Dabei ist es nicht nötig, das ganze Leben auf den Kopf zu stellen. Selbst Veränderungen in kleinen Dosen sind wohltuend und befreiend.

Den Mut aufzubringen, sich selbst zu hinterfragen, ist der erste Schritt! Tief und ehrlich in sich hineinzuhören, von Zeit zu Zeit ein Querdenker sein, Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten und allen voran seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu erkennen, gehört unbedingt dazu.

Nutzen wir also unsere Lebenszeit, um erfüllt zu sein, statt uns von Ängsten beherrschen und ausbremsen zu lassen!

Der Weg ist das Ziel!

Sie können das, wenn Sie wollen! Nur Mut! Denn wer wagt, gewinnt!

Köln/Leipzig, im Januar 2014






UpdateEs ist viel passiert, seit das gebundene Buch im März 2014 erschienen ist:

Ich war mit »Wer wagt, gewinnt« auf Lesetour und habe Menschen kennengelernt, die mich von meiner Arbeit aus dem Fernsehen kannten, dieses Buch gelesen hatten und mich mal »in echt« sehen wollten. Als wäre ich ein alter Bekannter, vertrauten sie mir ihre persönlichen Geschichten an, die mal zum Lachen, oft zum gemeinsamen Kopfschütteln und mitunter auch zum Weinen waren. Einzelne Geschichten aus meinem Buch, so verrieten sie mir, hatten sie ganz ähnlich erlebt, und die meisten der beschriebenen Ängste waren ihnen vertraut. Andere Ängste wiederum hatten sie als solche vorher nicht identifiziert, denn Ängste sind nicht immer auf den ersten Blick als Ängste zu erkennen. Ein Schmunzeln konnte ich mir immer dann nicht verkneifen, wenn mir Ehemänner gestanden, dass sie meine Lesung niemals besucht hätten, wären sie nicht von ihren Frauen dazu gezwungen worden. An dieser Stelle gebührt mein großer Dank diesen Frauen. Nicht nur, weil sie ihre Männer zu meiner Lesung geschleppt haben, sondern vielmehr, weil sie ihnen damit den Impuls versetzt haben, über ihr Leben nachzudenken und Situationen, Bedürfnisse und ihre Verantwortung in einer Beziehung mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Denn das machen Männer leider nicht so gern wie Frauen. Lieber nörgeln sie an allem und damit selbstverständlich auch an ihren Frauen herum, als sich mit ihren eigenen anerzogenen und eingeübten Mustern zu beschäftigen. Ist ja auch einfacher so.

Die Auseinandersetzung mit sich selbst ist harte Arbeit und tut oft weh. Aber, wer glücklicher und befreiter leben will, hat keine Alternative. Auch darum geht es in diesem Buch.

Meine Zeilen richte ich an all die Menschen, die wissen, dass viel mehr in ihnen schlummert, als sie zulassen und an die Bedürfnisunterdrücker unter ihnen. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie befreiend es sein kann, im positiven Sinne selbstbezogener zu werden. Nicht auf Kosten anderer sollte man auf sich achten, viel mehr, weil man auch Verantwortung sich selbst gegenüber trägt.

Grotesker Weise stellen wir uns zu oft hinten an, richten uns nach den Bedürfnissen unserer Mitmenschen und Lebenspartner und bleiben dabei selbst auf der Strecke. Warum ist das so? Warum schaffen wir es nicht, unsere mentale Landkarte, unser persönliches Programm dahingehend zu ändern, dass wir im Reinen mit uns und unseren Bedürfnissen sind und sie dementsprechend auch klar äußern und verteidigen? Wir haben Angst, abgelehnt und bewertet zu werden – und bremsen uns deswegen selbst aus. Dieses Muster haben wir von unseren Eltern übernommen, unsere Eltern von ihren Eltern und die von deren Eltern ... Und auch, wenn wir oft das Gefühl haben, anders zu sein als sie, sind wir es doch meist nur im Kleinen. Dabei geht es mir nicht um eine Schuldzuweisung, sondern um das Erkennen dieser Programme, die zusätzlich durch das Verhalten früherer Lebens- und Liebespartner geprägt wurden. Doch wenn man das erkennt und hinterfragt, ist schon der erste Schritt in die richtige Richtung getan.

In meinem Buch erzähle ich Ihnen aus meinem Leben und wie sich der ängstlichste aller kleinen Jungen, der vor lauter Unsicherheit die Nahrung verweigerte, zu dem Mann entwickeln konnte, der heute in der Öffentlichkeit steht und sich von den meisten seiner überflüssigen Ängste befreien konnte. Der dorthin geht, wo es auch mal wehtun kann, um zu erfahren, zu berichten und um aufzuklären. Dessen Mutter heute noch sagt: »Muss das sein, mein Junge? Mach das lieber nicht!«

Und wie damals, als kleiner Kerl, höre ich noch immer nicht auf meine Mutter, wenn ich das Gefühl habe, etwas unbedingt machen und erfahren zu müssen. Denn nur wer es selbst fühlt, versteht andere. Das ist auch mein mich antreibendes Motiv für die »Jenke-Experimente«. Ich habe das große Bedürfnis, zur Aufklärung beizutragen und den Menschen und ihren Nöten eine Stimme und dadurch mediale Aufmerksamkeit zu geben, die sie sonst sehr wahrscheinlich in dieser Art nicht bekommen würden. Und auch wenn es Kritiker gibt, die mir nach meinem Alkohol-Experiment »Komasaufen für die Quote« vorwarfen oder nach dem Cannabis-Experiment schrieben »Nichts als heiße Luft« und mich gern pauschal als Selbstdarsteller kritisierten, berühren mich solche Worte nicht mehr. Ich bin überzeugt von dem, was ich tue, und nur das zählt, denn irgendjemand hat immer an irgendetwas herumzumeckern. Das werden Sie kennen. Der Versuch, allen gefallen zu wollen, ist kindlich naiv und hinterlässt doch nur die Fragen: Warum? Und wozu? Es geht um Ihr Gefühl, Ihre Ängste und Ihre Bedürfnisse im Leben und nicht um die der anderen.

Allein die positive Entwicklung, die nach dem Jenke-Experiment in der Legalisierungsdiskussion von Cannabis für Schmerzpatienten in Deutschland stattgefunden hat, bestätigt mich in meiner Arbeit auch mal provokativ an Themen heranzugehen, solange es der Sache dient und ich niemanden dabei vorführe und verletze. Einzelne Folgen meiner Experimente, übrigens auch zu den Themen »Cannabis« und »Alkohol«, gehören mittlerweile zum Unterrichtsmaterial einzelner Schulen – mehr Bestätigung ist nicht möglich. Und auch wenn man sich in 50 Fernsehminuten einem Thema nur nähern kann und es niemals perfekt ausleuchten wird, lässt sich trotzdem ein wichtiger Impuls setzen und zum Nachdenken anregen. Wer sich von seinem Anspruch, alles perfekt abliefern zu wollen, zu sehr bremsen lässt, muss damit rechnen, ein Opfer der Zeit zu werden und niemals etwas zu bewegen. Legen Sie lieber gleich los. Das ist viel besser, als nur zu reden und immer nur zu beteuern. Bei uns im Rheinland heißt der knackige Appell: »Quatsch nit! Maaach!«

Als wir in einer Redaktionskonferenz über das aktuelle Thema »Cannabislegalisierung in Deutschland« diskutierten und beschlossen, uns mit diesem Thema in einem Jenke-Experiment auseinanderzusetzen, waren die Bedenken groß. Anfangs auch auf meiner Seite, denn ich war nie ein Kiffer und mein Bild aus der Zeit als ich mit 15 Jahren, eingehüllt in der großen Cannabiswolke meiner Freunde, diverse Joints inhalierte, um dazuzugehören, hatte sich seit dem nicht verändert. Schon damals wunderte ich mich regelmäßig, was sie an dem mich nur träge machenden Kraut so toll fanden. Statt aktiv und lebenshungrig durch die Gegend zu ziehen, hockten wir kollektiv apathisch auf den durchgelegenen Matratzen in einem Keller und kicherten darüber, dass wir zu nichts mehr imstande waren. Was also sollte sich an diesem Bild verändert haben? Je intensiver ich mich im vergangenen Jahr mit der Legalisierung dieser Droge in Deutschland auseinandersetzte, desto mehr erfuhr ich von den vielen Schmerzpatienten, für die Cannabis das einzige nebenwirkungsfreie Arzneimittel ist, das ihnen Krankheiten wie Krebs, multipler Sklerose, ADHS, Morbus Crohn, Tourette und viele andere Leiden erleichtert. Auch der Großteil dieser Patienten, mit denen ich sprach, hatte vorher eine eher kritische Meinung zum Thema Cannabis, doch die jahrelange Einnahme chemisch hergestellter Medikamente mit schweren Nebenwirkungen, hatte ihre Sicht verändert. Und selbst die Ärzte, die ich interviewte, plädierten mittlerweile für die Legalisierung von Cannabis als medizinische Therapieform. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, sah das damals jedoch völlig anders. »Alkohol ja, Cannabis nein«, entgegnete mir die Landwirtin und Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft auf ihrem Hof in Bayern und war partout zu keiner konstruktiven Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema bereit. Nach sehr viel Kritik an ihren Äußerungen und Rücktrittsforderungen, sieht die CSU-Politikerin Mortler das heute anders. Jetzt will sie den Cannabiskonsum für Schwerkranke zur Kassenleistung machen. Es sei ihr Ziel, »dass in Zukunft mehr Menschen als bisher Cannabis als Medizin bekommen können«. So viel dazu. Unser Jenke-Experiment zu diesem Thema hatte also rückblickend auch dazu beigetragen, dass sich etwas verändert hat und weiterhin verändern wird: meine Sicht, Frau Mortlers Sicht und die Sicht anderer Kritiker und Bedenkenträger. Und diese Geschichte ist ein Beispiel dafür, was sich alles bewegen lässt, im Großen wie im Kleinen, wenn man etwas verändern will, wenn man dazu bereit ist und dies aus seiner Überzeugung heraus angeht.

In diesem Sinne würde es mich sehr glücklich machen, wenn ich Sie mit diesem Buch motivieren könnte, Umstände und Situationen, die Sie in Ihrem Leben nicht mögen, zu ändern und dass Sie anhand meiner Erlebnisse etwas aus diesem Buch mitnehmen, so wie es andere Leser vor Ihnen taten.

Mein großer Dank gilt an dieser Stelle den vielen lieben Nachrichten und Beziehungs-Updates, die ich bekommen habe. Auch wenn »Wer wagt, gewinnt« kein Ratgeber sein soll, hilft es Ihnen hoffentlich, in vielen Bereichen klarer zu sehen und zu erkennen, dass die Hürden oft viel unüberwindbarer erscheinen, als sie es in Wirklichkeit sind.

Wir haben nur dieses eine Leben und wir selbst sind dessen Baumeister. Eine große Arbeit, aber auch eine große Chance. Für uns selbst! Alles Gute!

Jenke von Wilmsdorff, Juni 2015

Frei sein am Ende der Welt

»Jede Ausrede,
sogar jene, die uns
selbst überzeugt, ist
eine Chance weniger.«

Franz Simon

Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich auf dem Weg zu einem außergewöhnlichen Menschen, einem Extrem-Aussteiger. Er lebt mit Frau und zwei Kindern seit zwanzig Jahren im australischen Regenwald und soll dort sehr glücklich sein.

Was für ein Spinner! – Könnte man denken. Ich finde solche Menschen allerdings sehr interessant, ihre Geschichten meist hoch spannend. Denn auszusteigen und ans andere Ende der Welt zu ziehen, ist eine gewaltige und mutige Entscheidung, zu der sich nicht nur flüchtige Schwerverbrecher entschließen.

Spielen wir nicht alle von Zeit zu Zeit mit dem Gedanken auszusteigen? Ich persönlich bewege oft genüsslich Bilder im Kopf herum und stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich mein Leben radikal verändern und an einen Ort gehen würde, der für mich ein Traumziel ist. Aber wer von uns zieht das durch?

Gito von Schlippe hat es durchgezogen. Er hat nicht nur geredet, sondern gehandelt. Heute ist er Mitte fünfzig, seine Frau knapp zehn Jahre jünger, die gemeinsamen Kinder sind acht und sechzehn Jahre alt und wurden beide im tropischen Regenwald geboren; in einem selbst gebauten Wasserbecken zwischen Eukalyptusbäumen und Farnsträuchern. Das große Holzhaus der Familie liegt paradiesisch auf einer Anhöhe, versteckt am Rande eines Vulkankraters an der Ostküste Australiens, und von den wenigen Fenstern und den vielen Freiflächen aus genießt man einen traumhaften Blick über die dampfenden Wälder, sieht Koalabären in Eukalyptusbäumen klettern und bunte Papageien bei ihren abenteuerlichen Flugübungen.

Der Weg dorthin ist beschwerlich, und den steilen Hang hinauf in den Wald kann man nur passieren, wenn das Wetter es erlaubt. Regelmäßig fluten starke Regenfälle den Bach, der die Zivilisation von dem Leben in völliger Abgeschiedenheit trennt. Dann sind die Menschen auf beiden Seiten auf unbestimmte Zeit füreinander nicht zu erreichen.

Der Jeep, in dem ich sitze, stöhnt mitleiderregend, während er sich Meter für Meter den Hang hochfrisst. Ich danke dem lieben Gott für das gute Wetter und Carl Benz für die Erfindung des Automobils. Und während ich unaufhörlich durchgeschüttelt werde, stelle ich mir diese Familie bildlich vor, und auch ich habe natürlich die üblichen Klischeebilder vor Augen: ungepflegte Menschen, die extrem alternativ mit Körnermühle und veganen Lebensmitteln den Großteil des Tages in der Hängematte verbringen. Weit weg von Internet- und iPhone-Sucht, werden sie als Selbstversorger jeden Kontakt zur Außenwelt abgeschnitten haben, weltfremd und total verpeilt.

Schamesröte macht sich in meinem Gesicht breit, gleich nach meiner Ankunft. Hier leben keine zotteligen Freaks in einer Kommune, sondern sehr offene, sehr freundliche Menschen, denke ich, als mir der ältere der beiden Söhne in seinen neuen NIKE-Turnschuhen entgegenkommt, die iPod-Kabel im Ohr, die Haare mit Gel cool gestylt. Er begrüßt mich herzlich, stellt sich vor, fragt lächelnd, wie das Wetter zurzeit in Deutschland sei, und verabschiedet sich auch gleich wieder, weil er zum Skaten ins Dorf will. Ich schäme mich ein wenig, mit welchen Vorurteilen ich hier angereist bin. Als Gito mir bei der Baumhausführung das große Zimmer der Kinder zeigt, entdecke ich einen Achtjährigen, der gerade die kleinen bunten Fische in seinem Aquarium füttert, vor einer Fototapete, die keine ist. Es ist die Wirklichkeit, der traumhafte Ausblick aus seinem Kinderzimmer in den tropischen Regenwald. Als mich der Kleine entdeckt, greift er umgehend zu einem kleinen Block und seiner Geldbörse. Er sammle für die Schultombola, plappert er mich fröhlich an, und würde sehr gern derjenige sein, der die meisten Lose verkauft hat. Denn dann bekäme er eine tolle Prämie. Ich muss innerlich laut lachen, weil auch Fritz ein Junge wie jeder andere ist, und kaufe ihm ein paar Lose ab, die ich ihm gleich wieder schenke, damit er den eventuellen Gewinn, einen MP3-Player, auf den er ganz scharf ist, im Glücksfall behalten kann. Diese beiden Jungs wirken so wunderbar normal und sympathisch, dass ich sehr berührt bin.

In den 24 Stunden, die ich mit der Familie im Regenwald verbringe, spüre ich die Ausgeglichenheit der Kinder, beobachte sie beim Klettern auf den Bäumen und verbringe mit ihnen Zeit in ihren Zimmern, die nicht anders aussehen als die Kinderzimmer Gleichaltriger in Deutschland. Immer wieder erzählen sie mir, wie glücklich sie in der Abgeschiedenheit und mit ihrem Leben sind. Sie wissen sehr genau, wie die Welt draußen aussieht, und können sich ihr auch nur bedingt entziehen. Beide wollen später zeitweise auch in der Stadt leben, ihr Dschungelleben mit der Zivilisation verknüpfen. Das wäre ihr Ideal, sagen sie. Irgendwann in der Zukunft.

Nein, man braucht nicht viel Geld, um eine solche Entscheidung zu treffen. Man braucht Mut und Entschlossenheit. Gito zum Beispiel hatte sich während einer Backpacker-Reise nach Australien 2000 DM von seinem Vater geliehen, kaufte mit seiner jetzigen Frau ein Stückchen Land und baute eine kleine Hütte darauf. Der studierte Biologe wurde zum Selbstversorger, pflanzte Gemüse an, legte quer durch den Wald eine Leitung zum nächsten Wasserfall und wurde Schritt für Schritt immer unabhängiger.

Im Laufe der Jahre folgten vier weitere Menschen mit ähnlichen Träumen seinem Beispiel und zogen zu ihm in die Einöde. Neben Geld brachten sie unterschiedliche Fähigkeiten mit und so entstand eine Zweckgemeinschaft, die noch immer hält. Heute ist ihr gemeinsamer Besitz im australischen Regenwald rund 500000 Quadratmeter groß, und aus den kleinen Holzhütten sind schöne Stelzenhäuser mit selbst erzeugtem Strom, Warmwasser, Internetanschluss und Satellitenschüssel geworden. Den beschwerlichen Weg zum nächsten Dorf legen sie auch nicht mehr zu Fuß zurück, sondern im geländetauglichen Toyota-Jeep, denn Gito fing an zu malen und lebt mittlerweile, nach eigenen Angaben, vom Verkauf seiner Bilder. Und wenn das mal nicht reicht, bietet er Massagen oder Gästezimmer auf seinem Grundstück an. Irgendwie geht’s immer.

Ich bin selten an einem Ort, an dem ich mich in so kurzer Zeit entspannen kann. Schon nach zwölf Stunden spüre ich, wie die Gelassenheit von Gito und seiner Familie auf mich übergeht. Und das, obwohl ich hier nicht einmal im Urlaub bin, sondern eine intensive Reportage über ihn drehen möchte. Allein die Art und Weise, wie er spricht, das entschleunigte Tempo in seinem Alltag, die stets fröhliche und entspannte Stimmung steckt mich an. Das ist übrigens der Hauptgrund, warum er so oft von Stressmenschen aus aller Welt besucht wird. Mittlerweile bietet er für die »Zivilisations-Menschen« Gästezimmer an und für die ganz gestressten unter ihnen sogar Yoga- und Meditationsübungen.

Gut, jede seiner Entspannungs- und Findungsprozeduren muss ich nicht auf Dauer mitmachen. Den Besuch in der Schwitzhütte, zum Beispiel. Aus dicken Ästen und mehreren alten Leinentüchern baut er zusammen mit seinen Söhnen eine Art Zelt. Innen, auf dem lehmigen Boden, stapelt er große Steine, die er vorher über Stunden in einem Feuer fast zum Glühen gebracht hat. Steine ins Zelt, etwas Wasser darübergeschüttet und somit Dampf erzeugt, die Klamotten vom Leib gerissen, hinein in die Hitze und dann wird geschwitzt. Und zwar ordentlich! Es wird so lange und intensiv geschwitzt, bis man glaubt, das Bewusstsein zu verlieren. Dabei soll es sich nur verändern, das Bewusstsein, sagt Gito. Von einem irdischen Zustand in einen alles überblickenden. Ist jetzt ein bisschen viel Esoterik, oder?!

Erlernt hat er diese Schwitzhütten-Bewusstseinsveränderungs-Technik bei den Indianern Nordamerikas, sagt er. Auf seiner langen Suche nach sich selbst, die vor dreißig Jahren begann und bis heute eigentlich kein Ende gefunden hat. Sie führte ihn durch indische Ashrams, machte ihn zum Anhänger einzelner Gurus und brachte ihn eben auch zu den unterschiedlichen Indianerstämmen. Viele Monate lang hatte Gito mit ihnen in Zelten gelebt und sich jede Menge Schamanisches angeeignet.

Er hat getrommelt, sein Bewusstsein verloren oder verändert und tagelang in Schwitzhütten verbracht. Auch allerhand Indianerdrogen habe er ausprobiert, verrät er mir, schwöre denen aber heute ab – durch sie sei er eher zum Drogengegner mutiert, sagt er. Er habe für sich in all den Jahren und nach all den halluzinogenen Substanzen entdeckt, wo die Ruhe, die Sicherheit und die Erfüllung in seinem Leben liegt: in ihm selbst! Er wurde süchtig nach Abgeschiedenheit, Harmonie und seiner rostigen Badewanne, die er hinterm Haus auf ein paar Steine gebockt hat. Wenn er darunter ein Feuer geschürt hat, sitzt er stundenlang im Regenwasser und glotzt in die Wälder. Das ist seine Droge. Da seine Frau dieselbe Leidenschaft pflegt, stehen zwischen Eukalyptusbäumen und Farnen zwei alte Emaillebadewannen in stiller Eintracht nebeneinander – Romantik pur! Und in diesen Badewannen sitzen jetzt wir und führen ein offenes, sehr interessantes Gespräch. Hier ist die Kurzversion davon:

»Was ist mit deinen Ängsten, Gito?«

»Ängste? Wovor?«, fragt er.

»Vor Krankheiten?«

»Im nächsten Dorf gibt es doch Ärzte. Also, nein. Keine Angst!«     

»Vor finanzieller Not?«

»Meine Frau und ich brauchen nicht viel Geld zum Leben. Die einzigen Sonderausgaben fallen für die Kinder an. Wenn das Geld mal knapp wird, müssen wir sparen. Das wissen die Kinder. Ansonsten haben meine Frau und ich mittlerweile so viele Fähigkeiten entwickelt, dass wir im Dorf unsere Dienste anbieten können. Also, auch hier: nein!«

»Vor dem Alleinsein denn? Was ist, wenn deine Kinder eines Tages aus dem Haus sind und sich deine Frau von dir trennen will?«

»Ich werde mir darüber Gedanken machen, wenn es so weit ist. Nicht jetzt. Also, auch in diesem Punkt: nein!«

Gito ist kein Spinner, er ist ein Entschlossener. Vielleicht aus unserer Sicht ein wenig naiv, ein wenig zu entspannt. Doch er hat aufgehört, sein Leben im Voraus zu planen, und lebt bewusst im Hier und Jetzt. Das hat ihn befreit, sagt er. Seitdem kann er alles sehr viel mehr genießen. Und diese Ruhe und Gelassenheit überträgt sich positiv auf seine Kinder. Das kann ich bestätigen. Er holt sich aus beiden Welten, was er und seine Familie zum Glücklichsein brauchen.

Ich finde das beneidenswert und auf jeden Fall überdenkenswert. Für mich bot die Lebensart der Familie und ihre Sicht auf das große Ganze einen Impuls, auch einmal völlig quer und anders zu denken. Wir sollten öfter Dinge in unserem Kopf zulassen, die wir uns so noch nie ausgemalt haben. Wir denken zu viel! Aber nicht unbedingt immer in die richtige Richtung. Sie, ich und der Rest von uns engen sich so gedanklich ein. Klar, sollte man gewisse Dinge im Kopf mal durchgegangen sein, bevor man sie umsetzt. Aber wir sollten uns nicht durch zu viele Bedenken und Ängste davon abbringen lassen, das anzugehen, was wir eigentlich wollen. Sicherlich werde ich in absehbarer Zeit nicht in den Regenwald ziehen, aber die Erkenntnisse, die ich von dem Treffen mit Gito und seiner Familie mitgebracht habe, werde ich ganz sicher in vielen Bereichen meines Lebens anwenden können.

Gitos Leben und seine Vorstellungen davon haben mit meinem Leben und meiner Sicht sehr viel gemeinsam. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag. Er ist seinem Grundbedürfnis nach einem selbstbestimmten Dasein gefolgt, er hat die Warnungen und Bedenken der Menschen um ihn herum wahrgenommen, sich von seinem Ziel aber nicht abbringen lassen. Das finde ich beispielhaft! Gito hat sich seinen Ängsten gestellt und ist seinen Bedürfnissen gefolgt. Das hat ihn zu einem ausgeglichenen, in sich ruhenden und glücklichen Menschen gemacht. Er ist zu einem Menschen geworden, der nicht angstfrei ist, sich aber mit seinen Ängsten verbündet hat.

Und genau das verbindet uns.

Gitos und Jenkes Meditationsübungen

Ich habe von Gito gelernt, wie man sich schnell und sehr effektiv entspannt. Das dauert nur wenige Minuten und sorgt für jede Menge Gedankenfrische und Ruhe im Geist. Mich hat das so beeindruckt, dass ich mich, als ich wieder zu Hause war, mit Meditationen oder, wem das zu esoterisch klingt, mit »sich sammeln« intensiver auseinandergesetzt habe.

Da ich persönlich nicht stundenlang auf der Isomatte hocken will, umgeben von sphärischen Klängen und indischen Räucherstäbchen, sind mein Übungen recht kurz, knapp, schnell umsetzbar und ziemlich pragmatisch. Und dabei höchst effektiv!    

Ich sorge für eine ruhige Umgebung, schalte das Telefon ab und die Türklingel aus und setze mich gemütlich und aufrecht in einen Schneidersitz. Das Becken sollte leicht nach vorne gekippt sein, um zehn bis fünfzehn Minuten mit geradem Rücken, aber schmerzfrei sitzen zu können. Wem das zu unbequem ist, der kann auch liegen. Viele raten davon ab, weil die Gefahr einzuschlafen zu groß sei, aber bei mir funktioniert es auch. Wenn ich bei dem »sich Sammeln« nicht einschlafen will, dann gelingt mir das auch. Los geht’s:

Ich atme tief in den Bauch. Das beherrschen viele Menschen gar nicht mehr und atmen hauptsächlich in die Brust. Je gestresster und angespannter ich bin, desto mehr atme ich in die Brust, flach und viel zu schnell. Mit der tiefen Bauchatmung kehrt die Ruhe in meinen Körper zurück. Mein Bauch hebt und senkt sich mit jedem Atemzug. Ich versuche immer länger aus- als einzuatmen. Mit jedem neuen Atemzug inhaliere ich frische, energiegeladene Luft tief in meinen Körper. Dabei stelle ich mir vor, wie Sonnenschein mein Gesicht wärmt. Bei jedem Ausatmen mache ich mir bewusst, wie verbrauchte, energieentleerte Luft meine Lunge verlässt. Ich verfolge den Atemzug frischer Luft auf seinem Weg durch die Nase, durch den Hals, wie er sich in der Lunge breitmacht und weiter in den Bauchraum fließt. Dort halte ich den Atem kurz an und genieße das erfrischende und kraftgebende Gefühl. Sobald ich immer ruhiger werde und mein Atem immer harmonischer fließt, konzentriere ich mich auf das erste Geräusch, das ich höre. Dabei höre ich aber nicht auf, meinen Atem bewusst auf seinem Weg in und durch meinen Körper zu verfolgen. Ich konzentriere mich auf beides gleichzeitig. Das entspannt und lässt die Gedanken zur Ruhe kommen.    

Wenn mein Kopf vor lauter Gedankenverkehr zu platzen droht, also in seltenen Extremsituationen, dann erweitere ich die Übung, indem ich mich zusätzlich noch auf ein zweites Geräusch in meiner Umgebung konzentriere. Auch das natürlich gleichzeitig zum ersten Geräusch und zum Atmen. Das macht den vollsten Kopf nach wenigen Minuten wieder frei. Denn spätestens dann ist im Kopf kein Platz mehr für das Gedankenkarussell. Das hilft mir immer.

Neben der tiefen Bauchatmung empfiehlt Gito, sich die Gedanken wie vorbeifahrende Autos vorzustellen. Jedes Auto ein Gedanke. Man beobachtet sie, denkt aber nicht über sie nach. Man lässt sie einfach nur vorbeiziehen. Auch das habe ich ausprobiert, und es funktioniert sehr gut und sehr schnell. Endlich wieder Ruhe im Kopf.

Noch ein Tipp: Lächeln Sie bei diesen Übungen. Denn lächeln entspannt den gesamten Körper, sorgt für gute Gefühle und gibt verlorene Energie zurück. Das funktioniert übrigens auch, wenn Sie nicht meditieren, in jeder Situation und zu jeder Tageszeit!

Als ich die Angst kennenlernte

»Angst haben wir alle,
Der Unterschied liegt in der Frage,
wovor.«

Frank Thiess

Ich habe Angst,

große Angst!

Vor nahezu allem!

Ich habe Angst vor der Dunkelheit, Angst vor dem Alleinsein, ich habe Angst vor dicken Erzieherinnen, Angst vor dem Essen, und meinen Weg in den Kindergarten starte ich jeden Morgen mit einem durch Angst verkrampften Magen. Mein großer Bruder tritt umso kräftiger in die Pedalen, je lauter sich mein Flehen, mich nicht dort abzuliefern, von hinten in seine Ohren bohrt.

Ich kauere auf dem Gepäckträger, meine kleinen Ärmchen umklammern ihn fest, meine Tränen wische ich an seiner Jacke ab. Ich bin vier, mein Bruder ist neun Jahre alt. Wir sind beide traurig und von der Situation völlig überfordert.

Damals lernte ich zum ersten Mal bewusst die Angst kennen. Ein Gefühl, für das ich als kleiner Junge noch keinen Namen hatte, aber den Schmerz und die Ohnmacht mit voller Wucht spürte. Es tat weh. Sehr weh sogar. Und schon als Vierjähriger wusste ich, dass ich dieses Gefühl nicht mochte und nicht wollte. Die Angst lähmte mich, hielt mich gefangen und versperrte mir den Blick auf die schönen, die erfreulichen Ereignisse des Tages. Es dauerte jedes Mal Stunden, bis ich mich mit dem Gefühl irgendwie arrangiert hatte, und so verbrachte ich im Kindergarten die erste Hälfte des Tages als stiller Beobachter Halt suchend an einer Wand angelehnt, und keinem der anderen Kinder gelang es, mich zum Spielen zu motivieren. Erst nachdem sich meine Lähmung nach und nach aufgelöst hatte, ich die Angst als meinen unvermeidlichen Begleiter angenommen hatte, stürzte ich mich in meinen Kinderalltag. Jeden Tag aufs Neue.

Je weiter der Nachmittag voranschritt, desto fröhlicher, aber auch unruhiger wurde ich. Meine Mutter holte mich immer zwischen vier und fünf Uhr ab und war auf dem hügeligen Fußweg in der Ferne schon viele Minuten vor ihrer Ankunft zu sehen. Ich baute mich ab drei Uhr am Kindergartenzaun auf, um auf sie zu warten, und je mehr Zeit verstrich, umso spürbarer packte mich wieder die Angst. Verpasste sie einmal den Bus oder wurde mit ihrer Arbeit im Büro nicht rechtzeitig fertig, verharrte ich mit Herzschmerz am Zaun. Jedes Mal aufs Neue.

Wovor hatte ich Angst? Meine Eltern hatten sich kurz zuvor scheiden lassen, und mein Vater verließ die Familie, vorerst ohne jeden weiteren Kontakt zu uns Kindern. Er ging ohne erklärende Worte und ohne einen letzten Gruß. Für mich war er plötzlich von einem auf den anderen Tag verschwunden. Er war einfach nicht mehr da. Wie weggerissen. Und die Angst, dass meine Mutter es ihm gleichtun könnte, versetzte mich in diesen Zustand der Hilflosigkeit. Da halfen auch die beruhigenden Worte meiner Mutter nicht oder nur sehr wenig. So ist das mit der Angst.

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