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Wer trauert um Apoll

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Das Römische Reich
  8. Stammbaum
  9. Zitat
  10. Erstes Kapitel
  11. Zweites Kapitel
  12. Drittes Kapitel
  13. Viertes Kapitel
  14. Fünftes Kapitel
  15. Sechstes Kapitel
  16. Siebtes Kapitel
  17. Achtes Kapitel
  18. Neuntes Kapitel
  19. Zehntes Kapitel
  20. Elftes Kapitel
  21. Zwölftes Kapitel
  22. Nachwort des Autors

Über den Autor

Paul Waters ist in England geboren und riss mit siebzehn von zu Hause aus, um zur See zu fahren. Irgendwo auf dem Indischen Ozean fiel ihm ein Exemplar von Herodots Historien in die Hände, was seine Faszination für die Antike weckte. Später studierte er Latein und Griechisch am University College London. Danach lebte und lehrte er in Frankreich, Griechenland, Amerika und im südlichen Afrika. Er wohnt heute in Cambridge, England.

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Denn dein Reich ist nicht fort, nur vergangen,

Von der Stätte dein Licht nicht verglüht;

Aus dem Himmel soll den Tag man nicht stoßen,

Aus der Welt nicht verstoßen das Lied.

Algernon Charles Swinburne, Das letzte Orakel

Erstes Kapitel

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Wenn ich als Knabe allein sein wollte, kletterte ich in den alten Apfelbaum hinter unserem Haus und von da auf das Dach über der Küche. Über dem Portikus gegen den Giebel gelehnt, schaute ich über die Gerstenfelder zu den Schiffen in der fernen Flussmündung und träumte von Abenteuern und Flucht.

Der Hochsommer war das Beste, denn die Seewege waren stark befahren und mein Lehrer nicht in der Stimmung, mir etwas beizubringen. Dann verbrachte ich die warmen Nachmittage dösend in der Sonne, sah den Kauffahrern nach, die mit der Flut flussaufwärts nach London kamen oder aufs Meer hinaussegelten, nach Gallien, Spanien oder zu anderen Ländern am Mittelmeer.

Ich war ein Einzelgänger, sage aber gleich, dass dies nicht meine Entscheidung war. Ich war einsam und sehnte mich nach Freundschaft. Mit den Knechten zu spielen war mir jedoch verboten, da mein Vater der Ansicht war, sie hätten ihre Arbeit zu erledigen und ich die meine. Er erziehe einen Römer von Stand, keinen Landarbeiter. Und obwohl ich ihm häufig nicht gehorchte, war mir stets bewusst, dass meine Mutter noch gelebt hätte, wenn ich nicht gewesen wäre, und dass ich ihm schon Kummer genug bereitet hatte. Denn sie war bei meiner Geburt gestorben.

In seinem Arbeitszimmer hatte er ein Bild von ihr, ein kleines Gemälde auf Holz. Er muss sie vermisst haben, auch wenn er nie darüber sprach. Er war einsam, streng und unnahbar. In vieler Hinsicht war er mir sogar fremd. Eines wusste ich aber genau, nämlich dass er viel von Anstand und Disziplin hielt, für die ich scheinbar ungeeignet war. Bevor er mich schlug, pflegte er zu sagen, dass der Charakter mit der Rute geformt wird wie das Schwert mit dem Hammer.

Mein einziger Gefährte in jener Zeit war Sericus, mein Lehrer. Er sagte zwar, er ziehe die Gesellschaft seiner Bücher vor, und hatte eine strikte Art, aber ich glaube trotzdem, dass er mich mochte und die Strenge nur um meines Vaters willen an den Tag legte. Er ließ mich umherstreunen. Und wenn er fand, ich sei zu lange weg, kam er mich suchen, und von meinem Adlerhorst auf dem Dachfirst hörte ich ihn im Hof die Sklaven fragen, wohin ich gegangen sei. Dann stand ich seufzend auf, trottete über die warmen Dachziegel, staubte mir am Fuß des Baumes die Tunika ab und ging nach vorn zu ihm.

Sericus war schon damals ein alter Mann. Er hatte schon meine Mutter unterrichtet, als sie noch ein kleines Mädchen im Hause ihres Vaters im gallischen Autun gewesen war, und war mit ihr in unsere Familie gekommen. Er hatte sie am längsten gekannt, länger noch als mein Vater, und er war es, der sie für mich lebendig werden ließ, mir ihr Lächeln schilderte, beschrieb, wie sie beim Lachen ihre langen dunklen Haare zurückwarf und wie sehr sie mich geliebt hatte, als sie mich im Bauch trug.

Diese Geschichten wurde ich niemals leid. Ich muss ihn tausendmal gebeten haben, sie zu wiederholen. Wenn ich meine Mutter nur klar genug im Traum sehen könnte, so dachte ich immer, würde ein Zauber sie mir zurückbringen.

Aber natürlich geschah das nicht, denn es gibt keinen Zauber, der Tote zurückbringt, ganz gleich, was die Christen behaupten.

In jenem Jahr kurz vor dem Hochsommer sah ich etwas Neues auf dem Wasser: dunkle, bauchige Schiffe, die sich schwerfällig und langsam in Kolonne aufs Meer hinausbewegten, um unsere Soldaten nach Gallien zu bringen.

Ich fragte Sericus, wer uns vor den Sachsen beschützen werde, wenn das Heer fort sei. Doch er wies mich harsch ab und befahl mir, meinen Vater zu fragen. Ich zog die Brauen zusammen und beugte mich wieder über meine Wachstafel und meine Übungen. Man ging nicht ungerufen zu meinem Vater, wie Sericus sehr wohl wusste.

Solange ich zurückdenken konnte, waren hochrangige Besucher in unsere Villa gekommen, denn Vater war der Stellvertreter des Kaisers in Britannien und somit ein bedeutender Mann. Wir empfingen einen stetigen Strom von Comes und Tribunen, fetten Finanzbeamten, reichen Landbesitzern und Dekurionen aus den Städten mit ihren Soldateneskorten und vornehmen Wagen. Der Haushalter empfing sie an der Tür und führte sie herein, und ich lief in den Hof und unterhielt mich mit den wartenden Soldaten, die ihre Pferde striegelten oder sich neben dem Brunnen ausruhten.

Das waren raue Männer, die nach Schweiß und Leder rochen; sie scherzten und spuckten und verwuschelten mir die Haare, befühlten meine kindlichen Armmuskeln und fragten, während die wichtigen Männer im Haus ihre Angelegenheiten abhandelten, wann ich zu ihnen ins Heer kommen werde. Sie erzählten mir von Schlachten und fremdländischen Orten, die weit weg waren, wühlten manchmal aus ihren Satteltaschen irgendeinen Tand für mich hervor – das abgebrochene Stück einer Lampe, eine grobe Votivfigur aus Ton oder ein Stück geschliffenes Glas – und sagten, das habe den ganzen Weg von Spanien oder Thrakien oder aus dem glühend heißen Ägypten hierher genommen und sei älter als die Zeit.

Ich könnte mir denken, dass diese Erinnerungsstücke nicht weiter gereist waren als von der nächsten Schenke bis in die Soldaten-Baracke. Doch für mich waren sie rätselhaft und verheißungsvoll, und ich reihte sie auf dem Fensterbrett meines Schlafzimmers auf, wo ich sie betrachten und dabei von Helden träumen konnte.

Wir hatten unseren eigenen Anleger am Ufer bei einem Weiler, der gegen Angriffe von See befestigt war. Dort beluden wir jedes Jahr zur Erntezeit Kähne mit Getreide für London. Das übrige Jahr über machte dort selten ein Schiff fest; doch kürzlich gegen Ende des Sommers, als ich mich auf dem Dach sonnte, sah ich einen Kutter von der Mitte des Stroms abbiegen und anlegen. Ich beobachtete es, und bald darauf erschienen zwei Reiter auf der Straße. Sie verhielten wie Hunde, die eine Witterung aufnehmen, dann gaben sie ihren Pferden die Sporen und jagten in einer großen Staubwolke durch die Gerstenfelder, ritten im Galopp über die Lindenallee, die zu unserem Haus führte, und sprengten in den Hof – zwei Männer in Uniform mit der steifen Haltung des Offiziers. Doch als sie näher ans Haus kamen, sah ich, dass sie ihre Rangabzeichen von der Uniform entfernt hatten.

Sie riefen nach dem Stallburschen und befahlen ihm, bei den Pferden zu warten, sie würden nicht lange brauchen. Dann stiegen sie die Stufen unter dem Vordach hinauf.

Der Stallbursche stand noch mit den Zügeln in der Hand beim Brunnen, als sie wieder herauskamen. Sie saßen auf und wendeten ihre Pferde, um sie durch den Torbogen zu lenken. Dabei schaute einer zum Dach hinauf und entdeckte mich. Einen Moment lang hielt er mit finsterer Miene kopfschüttelnd inne. Dann wandte er sich ab und ritt weiter.

Ich zögerte, während mir die ersten kalten Fühler der Angst in die Haare krochen. Eine ungewohnte Stille hatte sich über das Haus gelegt, und eben wollte ich vom Dach steigen, als unten eilige Schritte zu hören waren.

Ich reckte den Kopf über den Dachrand und blickte in das Gesicht von Sericus.

»Komm sofort herunter, Drusus«, rief er, »und beeil dich! Dein Vater wartet.«

Als der Sklave mich in das Arbeitszimmer ließ, stand mein Vater halb abgewandt an dem großen Fenster und blickte über die Gerstenfelder. Er hörte mich sicherlich eintreten, gab das aber durch nichts zu erkennen. Also wartete ich ab, stand mit den Händen an den Seiten da, wie es sich gehörte und wie man es mir anerzogen hatte, spürte den kalten Marmor unter den Füßen und dachte, dass ich vor lauter Hast vergessen hatte, mir die Sandalen anzuziehen. Ich würde mich dazu äußern müssen und auch zu meiner staubigen Tunika. Mein Vater machte zu solchen Dingen immer eine Bemerkung.

Das Schweigen zog sich in die Länge. Ich trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Da er sich noch immer nicht rührte oder mich ansprach, sagte ich: »Vater, ich bin hier.«

Ich hörte ihn Luft holen, dabei fuhr er zu mir herum. Er stand im Gegenlicht, sodass sein Gesicht im Dunkeln lag. Dann schritt er von einem plötzlichen Entschluss ergriffen durch das Zimmer, so schnell, dass ich fast glaubte, er werde mich schlagen. Doch ich wusste, das war nicht seine Art. Stattdessen fiel er vor mir auf ein Knie, fasste mich bei den Schultern und berührte meine Haare, meine Stirn wie ein völlig verstörter Mensch. Ich blickte verwirrt und ängstlich auf das Muster des Marmorbodens. Ich hatte es noch nie erlebt, dass er eine Empfindung so deutlich zeigte, auch nicht Freude oder Zorn; selbst wenn er mich schlug, war er immer ruhig und zweckgerichtet gewesen wie jemand, der ein Pferd zureitet.

Als er sich anschickte zu sprechen, klang seine Stimme so fremd und verstört, dass ich aufblickte. Seine Augen schwammen in Tränen, und Tränen liefen ihm über die Wangen. Ich holte erschrocken Luft, denn es bestürzte mich unsäglich, meinen Vater weinen zu sehen.

Sowie er meinen Gesichtsausdruck sah, rang er sich Beherrschung ab. Er atmete tief durch, ließ mich sogleich los und stand auf. Als er mich wieder anredete, war seine Stimme die alte: gemessen und sachlich.

»Du bist zu jung für das, was ich dir sagen muss. Aber es kann nicht warten, und ich möchte, dass du gut zuhörst. Heute waren zwei Besucher hier, Männer, die mir in alter Freundschaft verpflichtet sind. Sie überbrachten mir eine Warnung. Unser neuer Kaiser will sich anscheinend nicht mehr darauf beschränken, mich aus dem Amt zu entfernen. Ich werde nach Gallien gerufen, an den Hof von Trier. Man wird mich … einer Befragung unterziehen.«

Bei den letzten Worten verzog er spöttisch das Gesicht.

In meiner Unschuld fragte ich: »Wann wirst du zurückkehren, Vater?« Ich kannte die Sprache des Hofes noch nicht, wo jede Grausamkeit einen hübschen Namen trug.

Er sah von mir weg, schaute über die Bücher seiner Bibliothek und zu dem verblassten Gemälde meiner Mutter auf dem Bord.

»Das weiß ich nicht … nach langer Zeit vermutlich. Es müssen gewisse Vorkehrungen getroffen werden. Ich werde dich zu deinem Großonkel nach London schicken, Lucius Balbus. Er ist der Onkel deiner Mutter und wird sich um dich kümmern.«

Von dem hatte ich noch nie gehört, und ich wollte nicht fortgeschickt werden. »Aber Vater!«, rief ich aus. »Sericus und die Sklaven können sich doch um mich kümmern.«

Er schüttelte den Kopf. »Du kannst nicht hierbleiben. Ich habe Sericus angewiesen, dich zu begleiten, um deines Studiums willen. Vernachlässige deine Bildung nicht. Nach allem, was man hört, legt Balbus auf derlei Dinge keinen Wert. Aber ohne sie gibt es keine Freiheit. Wie alt bist du jetzt?«

»Vierzehn.« Das vergaß er immer wieder.

»Gut. Meines Wissens hat Balbus einen Sohn in deinem Alter, der dir ein Freund sein wird. Nun hör auf zu gaffen wie ein Idiot und hör zu, was ich dir sage. Ich vermute, dass du es in Zukunft nicht leicht haben wirst: Ein Mann wie ich hat nicht nur Freunde, sondern auch Feinde, und nur in Zeiten wie diesen erkennt man, wer wer ist. Du wirst den Schwierigkeiten nach besten Kräften begegnen müssen. Und bei alldem, Drusus, hoffe ich, dass du daran denkst, dich wie der Sohn deines Vaters zu betragen. Es liegt nun in deiner Hand, aus dir einen Ehrenmann zu machen und zu lernen, was das heißt. Nun geh, und mache dich bereit! Du wirst heute vor dem Dunkelwerden abreisen.«

Ich stand schweigend da, während er sich in Einzelheiten erging, an die ich mich nicht mehr erinnere. Aber dann, als er meinen Blick auf sich ruhen sah, stockte er und holte tief Luft.

»Also gut«, sagte er, »ich werde dir die Wahrheit sagen, obwohl ich sie dir wirklich gern ersparen würde. Jemand bei Hofe, ein Intrigant, hat eine Anschuldigung gegen mich vorgebracht, und ich muss hinreisen und dazu Stellung nehmen. So sind meine Feinde: kleine Männer, die sich nicht offen zu zeigen wagen, die im Verborgenen agieren, um mich zu Fall zu bringen. In der Zwischenzeit wirst du woanders sicherer aufgehoben sein. Ist das klar?«

»Aber Vater«, weinte ich, »was hast du getan?«

»Getan?« Er lachte bitter. »Ich habe meine Pflicht getan und dem Kaiser gedient. Und nun, wo er tot ist, zanken sich seine Söhne um ihr Erbe wie Hunde um einen Knochen. Meine Loyalität ist mein Verderben, denn was für den einen loyal ist, ist für den anderen Verrat …«

Er unterbrach sich und wandte sich mit ungeduldiger Geste ab. Mit dem Rücken zu mir stand er vor dem großen Onyxschreibtisch.

»Nun geh! Die Sklaven packen bereits deine Sachen, und Sericus wartet.«

Das war das Ende meiner Kindheit. Ich habe meinen Vater nicht wiedergesehen.

Zweites Kapitel

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Wir kamen von Süden her, an Bauernhöfen und Villen vorbei, nach London und machten bei der Tränke an der Brücke Halt, wo sich die Fuhrunternehmer und Sänftenträger einfinden.

Das Haus von Balbus lag inmitten des Kaufmannsviertels an der Straße der Zimmerleute nahe dem Isis-Hain. Wo man hinschaute, wimmelte es von Menschen. In der Hitze roch es nach Staub und ungewaschenen Leibern. Von der Rückseite der Häuser hörte man es aus den Werkstätten hämmern und sägen und meißeln.

Ein alter Haussklave ließ uns herein. Er fragte nach unserem Gepäck, das wir auf dem Wagen gelassen hatten, und versprach, es holen zu lassen. Dann nahm er Sericus mit sich und überließ mich einer mürrischen Dienerin, die noch ein Mädchen war. Sie führte mich an Zimmern mit seidenen Vorhängen vorbei, in denen viele verspielte, vergoldete Möbel standen. Mein Zimmer jedoch lag im obersten Stock unter dem Dach und war kahl und niedrig und weiß getüncht.

»Die Herrin sagt, du musst hier schlafen«, nuschelte die Dienerin, die meinem Blick beständig auswich, und trat an mir vorbei, um die Läden zu öffnen. Ich sah mich um. Es gab ein schmales Bett mit einer grauen Decke und in der Ecke unter allerhand Spinnweben einen Waschtisch. Davon abgesehen sah es aus wie auf einem Dachboden. Solch einen Raum hätte mein Vater keinem noch so geringen Gast angeboten.

In dem Moment entfuhr der Dienerin ein erstickter Schrei. Der Wind hatte ihr den Fensterladen aus der Hand gerissen und gegen die Hauswand geschlagen. Ein unbedeutendes Versehen, doch sie biss sich auf die Unterlippe und schaute zur Tür.

»Das war nur der Wind«, sagte ich lächelnd, um sie zu beruhigen. »Komm, ich helfe dir.« Ich beugte mich hinaus und machte die rostige Öse fest. »Siehst du, schon geschehen.«

Die Dienerin nickte, wandte sich dann dem Waschtisch zu und machte sich dort zu schaffen, indem sie den Staub wegwischte.

Ich fragte gut gelaunt, ob meine Tante daheim sei. Bei dieser Frage, hielt sie abrupt inne. Sie war eingeschüchtert wie ein gefangener Vogel. Die Herrin, antwortete sie, den Blick auf den Boden gerichtet, ruhe in ihren Gemächern und dürfe nicht gestört werden.

»Und mein Vetter?«, fragte ich stirnrunzelnd. »Wie steht es mit ihm?«

»Albinus ist außer Haus, Herr. Er ist beim Bischof.«

Sie redete so leise, dass ich sie nicht gleich verstand. »Aber was hat er mit solch einem Mann zu schaffen?«, fragte ich mit großen Augen. Ich hatte meinen Vater mit seinen politischen Freunden über Christen reden hören. Sie seien aufdringliche Eiferer, meinte er, die in einem fort für Unruhe sorgten. Und unsere Knechte hatten ihre käsigen Wanderprediger mit Stöcken fortgejagt, sobald sie an unser Tor kamen.

Die Dienerin warf mir einen raschen Seitenblick zu und presste die Lippen aufeinander, als hätte ich sie verlocken wollen, mehr zu sagen, als ihr gestattet war.

»Das musst du ihn selbst fragen«, antwortete sie. Noch ehe ich darauf etwas erwidern konnte, huschte sie hinaus.

Ich hörte, wie sich ihre Schritte über den Dielenboden entfernten, und setzte mich, den Blick auf meine staubigen Stiefel gerichtet, auf das Bett. Ich rieb mir die Augen. Ich war müde, das merkte ich jetzt.

Die vorige Nacht hatten wir in einer elenden Herberge abseits der Straße verbracht, in schmutzigen, flohverseuchten Betten. Ich hatte Sericus gefragt, ob die Familie des Kaisers wirklich so schrecklich sei, dass wir als Hinterwäldler verkleidet und heimlich wie die Diebe reisen müssten. Er befahl mir ärgerlich zu schweigen; mein Vater habe gute Gründe für diese Anweisung gehabt, und wir würden uns danach richten.

Danach ließ ich ihn in Ruhe. Er war schon unglücklich genug.

Die Flohstiche hatten sich entzündet. Ich zog mir die Stiefel aus und kratzte mir die Fersen. Der Lärm der Stadt drang zu mir herauf und mit ihm ein widerlicher Kochgestank – Holzkohle gemischt mit Gänsefett. Ich stand auf und ging ans Fenster, um hinauszusehen.

Unter mir, zwei Stockwerke tief in einem gepflasterten Hof stand ein kränklicher Haferpflaumenbaum und reckte sich dem Licht entgegen. Der alte Haussklave lief durch den Säulengang, er hastete mit seinem Greisenschritt zu den Küchen und Dienerquartieren hinüber.

Beim Einlassen hatte er gesagt, mein Onkel Balbus sei im Hafen, um Geschäfte zu erledigen. Ich dachte daran zurück, wie abschätzig mein Vater über ihn gesprochen hatte: Er sei irgendein Händler, der mit Schiffen zu tun habe, der alles Mögliche kaufe und verkaufe. Andererseits, dachte ich achselzuckend, hatte mein Vater auch über mich wenig Gutes gesagt. Also würden mein Onkel und ich einander vielleicht trotz allem mögen.

Ein Sklave brachte mir einen Tonkrug mit Wasser. Ich zog mich aus und wusch mich an der Schüssel; und bald darauf klopfte die kleine Dienerin an die Tür, um mir zu sagen, dass mein Onkel zurückgekehrt sei und mich jetzt empfangen werde.

Ich hatte mir etwas Feines anziehen wollen, um zu zeigen, dass ich kein Niemand war. Doch meine Kleidertruhe war noch nicht heraufgebracht worden, und so musste ich mir am Ende sagen, dass nicht die Kleider den Menschen machen. Ich zog mir meine schmutzige, schlichte Tunika wieder über und machte das Beste daraus.

Bei allem, was ich mir während der Reise ausgemalt hatte, war mein Onkel Balbus ein männliches Ebenbild meiner Mutter gewesen, da er ihr Blutsverwandter war. Und tatsächlich hatte er die gleichen braunen Augen wie sie und ich, aber seine lagen tief in einem aufgeschwemmten, feisten Gesicht.

Als ich eintrat, schaute er von einem Durcheinander an Schriftrollen und Schreibtafeln auf. Er erinnerte mich an einen Bullen, der im Gras liegend gleichgültig den Kopf hebt. Doch als sein Blick auf mir ruhte, fiel mir ein, was sich gehörte, und so sagte ich: »Ich bin Drusus, Sohn des Appius. Mein Vater übermittelt dir seine Grüße, Herr.«

»Tatsächlich? Nun, dann komm her, Junge, und lass dich ansehen!«

Er blieb sitzen. Mein Vater wäre aufgestanden.

Ich trat zu ihm. Durch ein schmales, hohes Fenster fiel ein wenig Tageslicht herein. An einem Bronzeständer in der Ecke hingen etliche Lampen und beschienen die Steinplatte seines Schreibtisches.

Mein Onkel lehnte sich zurück und musterte mich anerkennend, während er mit der Zunge schnalzte wie ein Bauer, der auf dem Markt eine Ziege begutachtet.

»Wie ich sehe, hast du das Stirnrunzeln von deinem Vater übernommen«, bemerkte er schließlich. »Aber wenigstens hast du die schwarzen Locken und die feinen Züge deiner Mutter.«

»Sie starb bei meiner Geburt. Ich habe sie nicht gekannt.«

»Nein, natürlich nicht. Aber ich erinnere mich noch gut an sie, obwohl es schon lange her ist, dass wir zusammen in Gallien lebten. Nachdem die barbarischen Franken uns das Land geraubt hatten, waren wir gezwungen, jeder für sich woanders Fuß zu fassen. Hat dein Vater dir nicht davon erzählt? … Nein, vermutlich nicht. Er war stets der vornehme Mann, und was waren wir schon für ihn? Doch nicht immer gewinnt das eigensinnige Pferd das Rennen, hm? Und nun hat sich das Rad des Schicksals gedreht, und du bist hier.«

Es war deutlich, dass dieser Mann und mein Vater wenig gemeinsam hatten, doch da ich sein Gast war, sagte ich: »Ich bin sicher, mein Vater hat dich immer mit Hochachtung betrachtet.«

Darauf riss er die Augen auf, klopfte sich auf die Schenkel und lachte schallend. »Nun, immerhin hast du sein diplomatisches Gespür geerbt … Wie alt bist du, Junge?« Und als ich es ihm sagte, meinte er: »Alt genug, um sich nützlich zu machen. Da du nun hier bist, kannst du etwas über den Handel lernen. Das wird Appius freuen.«

Er kratzte sich leise lachend und griff nach einer Wachstafel, die er mir zuschob. »Schau her, ich habe heute eine Schiffsladung aus Gallien bekommen, eine hübsche Sendung Glas aus dem Rheinland. Wie gut kannst du lesen?«

Ich schaute auf die eingeritzte Schrift. Es handelte sich um eine Liste, die ich nun laut vorlas: »Zehn-Zoll-Teller – dreihundert; Weinkrüge – einhundertfünfzig; Reliefkrüge – fünfzig; Trinkbecher – einhundert …« So ging es bis zum Ende des Frachtverzeichnisses. Während ich las, beugte mein Onkel den Kopf über den Schreibtisch und beschrieb mir jedes Stück und welchen Preis ich erzielen solle und wo es am besten zu verkaufen sei.

Dabei entging mir das Geräusch des Türriegels. Mein Onkel stockte plötzlich, und ich drehte mich um.

Eine Frau war hereingekommen, begleitet von dem alten Haussklaven, der Sericus und mich eingelassen hatte. Sie war viel jünger als mein Onkel, doch der Blick, mit dem sie mich bedachte, hatte nichts Weiches oder Mädchenhaftes. Er traf mich wie ein kalter Windstoß.

Mein Onkel, mit einem Mal unterwürfig, sagte: »Ach, Lucretia, hier ist der Knabe … Ich war gerade dabei, ihm unsere soeben eingetroffene Schiffslieferung …«

Sie fiel ihm ins Wort. »Das Kind hat seinen Sklaven mitgebracht. Warum wurde mir das nicht gesagt?« Und zu mir: »Nun, du kommst unerwartet. Ich glaubte uns von Appius gänzlich unbeachtet … wie schnell sich das Blatt doch wenden kann.« Sie verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln. Ihre Augen jedoch blieben ohne Glanz wie Dochtflammen bei Tage.

Ich betrachtete sie. Ihre Abneigung war mir unverständlich, da sie mich gar nicht kannte. Heute verstehe ich sie. Ich bin inzwischen älter geworden und habe mehr von der Menschheit gesehen.

Sie trug ein langes seidenes Kleid, das so dünn war, dass ihre Beine durchschienen, und um den Hals eine Kette mit einem großen, eingefassten Stück Bernstein. Die Farbe machte sie blass, als ob man Stroh neben Gold legte. Ihre schwarzen Haare waren nach der neusten Mode hochgesteckt, an ihren Ohren hing eine Traube von Edelsteinen.

»Er ist kein Sklave«, widersprach ich, »sondern ein freier Mann und mein Lehrer. Er heißt Sericus. Aber wenn er hier nicht willkommen ist, dann werde auch ich gehen, denn er ist alt, und ich will ihn nicht sich selbst überlassen.«

Natürlich hatte ich genau das Falsche gesagt. Ich nehme an, dass sie gar nicht die Absicht hatte, Sericus auf die Straße zu setzen. Sie wollte sich bloß beklagen und vorsorglich Zähne zeigen wie ein Hund, der sein Territorium verteidigt. Doch nun, als ich aufrecht dastand und ihr in die Augen sah, wurde mir klar, dass ich jedes ihrer Vorurteile bestätigt hatte.

Sie blickte mich wütend an, und ich blickte wütend zurück.

»Sieh ihn dir an«, meinte sie über meinen Kopf hinweg. »Kann er sich nicht besser kleiden?«

Ich holte Luft, um ihr zu sagen, dass noch andere Sachen in meiner Kleidertruhe lägen und mein Vater mir befohlen habe, so zu reisen. Doch das konnte sie sich selbst denken, und ich hatte schon genug geredet.

Mich ergriff eine tiefe Niedergeschlagenheit. Zum ersten Mal empfand ich das ganze Ausmaß meines Verlusts. Ich wünschte mich von ganzem Herzen in meine gewohnte Umgebung zurück: zu den Haussklaven, die mich kannten, den Hunden im Hof, die neben dem Stall herumlungerten, in mein eigenes Zimmer mit den kindlichen Schätzen und in mein Bett aus geöltem Buchenholz. Zugleich wurde mir klar, dass ich, sollte ich als Gast hierbleiben, mit dem Widerstand meiner Tante leben müsste, und das ließ sie mich wissen. Zu all dem anderen war das ein schwerer Schlag.

Die Zugluft von der offenen Tür erfasste die Hängelampen. Der feine Rauch stach mir in die Augen, und ich sah weg, da sie nicht denken sollte, sie könnte mich zum Weinen gebracht haben.

Balbus redete unterdessen weiter, beruhigte, beschwichtigte wie ein Mann, der zum Frieden aufruft, nachdem das Schlachtfeld von Leichen übersät ist. Ich glaube, er war sogar um meinetwillen verlegen, und dafür mochte ich ihn.

»Das alles kann in Kürze geregelt werden«, sagte er in heiterem Ton, »und davon abgesehen wollen wir doch den Jungen so kurz nach seiner Ankunft nicht beunruhigen. Appius hat ihm eine beträchtliche Summe zu seinem Lebensunterhalt mitgegeben, und zweifellos wird sich die Angelegenheit bald lösen … Meinst du nicht auch, Drusus?«

Ich sah ihm ins Gesicht und antwortete, dass ich darauf hoffte. »Und ich danke dir, dass du mich aufnimmst, solange mein Vater fort ist. Doch ich halte dich von deinen Geschäften ab und sollte meinerseits einmal nach meinem Lehrer sehen.«

Ich wollte klingen wie ein Mann, wie mein Vater, wenn er zu seinen politischen Freunden sprach; doch meine junge Stimme zitterte und verriet mich. Ich kniff die Lippen zusammen und kam mir töricht vor.

Lucretias Ohrgehänge bimmelten. Ich drehte nicht den Kopf nach ihr. Aber Balbus lachte und sagte: »Ja, ja, natürlich, tu das nur.« Er schnippte mit den Fingern nach dem Sklaven, der an der Tür wartete. »Patricus, gib dem Jungen etwas zu essen und bring ihn wie gebeten zu seinem Lehrer.«

Und so ging ich hinaus. Hätte ich gewusst, wie lange ich in diesem Hause bleiben und welches Elend ich zu ertragen haben würde, wäre ich womöglich in das Dachzimmer gerannt und hätte mich aus dem Fenster gestürzt. Nicht umsonst verweigern uns die Götter den Blick in die Zukunft.

Und außerdem hatte ich mich um Sericus zu kümmern.

Ich traf ihn in einem Zimmer an, das neben einem Durchgang hinter der Küche lag. Er saß gebeugt auf dem Bett und griff sich in die weißen Haare wie ein Verzweifelter.

Als ich hereinkam, richtete er sich eilig auf. »Ach, Drusus, ich wollte gerade nach dir suchen.«

Ich blickte mich bestürzt in dem Raum um. Es roch feucht, und die Wände hatten grüne und schwarze Schimmelflecke. In der Ecke stand die Reisetruhe mit seinen Habseligkeiten. Sie war geöffnet, aber nicht ausgepackt. Es gab auch nichts, wohin er seine Sachen hätte legen können.

»Was ist das?«, rief ich und deutete auf die schmutzigen Wände. »Halten sie dich für einen Hund?« Mein Vater hätte nicht das gemeinste Tier in diesem Schmutz hausen lassen, geschweige denn einen Menschen, ob Sklave oder frei geboren.

Doch Sericus erwiderte: »Still, und lass es gut sein! Ordentlich belüftet wird es schon gehen, und ich vermute, dass sie wenig Platz haben. Schau nur, der Hof immerhin ist hübsch. Lass uns nach draußen gehen und die letzte Abendsonne genießen!«

So schlenderten wir hinaus in den kleinen rechteckigen Garten mit dem Rasenfleck und dem Haferpflaumenbaum, den ich von meinem Fenster aus gesehen hatte. Der Wind hatte sich gelegt. In der Luft hing der Rauch von den Küchenöfen.

»Was gibt es Neues?«, fragte er, sobald wir uns auf die Steinbank gesetzt hatten. »Hast du schon mit deinem Onkel gesprochen?«

»Ja, und mit seiner Frau auch. Sie heißt Lucretia. Sie verabscheut mich.«

Er seufzte. »Aber, aber, Drusus, was redest du da? Was treibt dich zu dieser Vermutung? Sie kennt dich doch gar nicht.«

Ich riss einen hohen Grashalm ab und wollte aufgebracht erwidern, dass ich diese Frau sehr wohl einschätzen könne. Doch dann dachte ich an den stinkenden, dunklen Raum, in den man ihn gesteckt hatte, welche Beleidigung davon ausging und dass er bisher nur das sichere Leben in unserer Familie gekannt hatte. Da ahnte ich zum ersten Mal, was es hieß, machtlos in einer feindseligen Welt zu leben.

Und darum antwortete ich, was er hören wollte. »Ja, Sericus, du hast sicher recht. Morgen wird es mir schon besser erscheinen.«

»Braver Junge.« Er tätschelte mein Knie. »Bedenke, wir dürfen ihnen keinen Grund zur Klage geben.«

Ja, dachte ich, wir können sonst nirgendwohin. Doch das sagte ich nicht, und eine Weile saßen wir da und betrachteten still die Trümmer unseres Lebens.

Eine Taube flog herab und setzte sich vor mich auf einen Zweig des Baumes. Sie schloss die Klauen um das Holz und ruckte hin und her und beäugte mich mit geneigtem Kopf. Dann flatterte sie ärgerlich auf und verschwand. Die Sonne war hinter die hohe Hofmauer gesunken, sodass wir im Dämmer saßen.

»Hast du deinen Vetter schon kennengelernt?«, fragte Sericus.

»Er ist ausgegangen.« Und mit einem Blick in sein Gesicht fügte ich hinzu: »Zum Bischof.«

»Ach, ja.«

»Das wusstest du?«

»Ich hörte es von der Köchin, während du bei deinem Onkel warst. Die Leute hier sind wohl Christen.«

Ich blickte ihn verblüfft an. Das war schlimmer als befürchtet. »Aber Sericus, wie konnte Vater uns in solch ein Haus schicken? Die Christen trinken Menschenblut und küssen Knochen – das weiß ich von den Bauernjungen. Und sie zaubern, damit Leichen aus ihrem Grab aufstehen!«

»Aber, aber, Drusus! Warum hörst du denn auf solchen Unsinn? Die Knechte denken sich solche Geschichten aus, damit du dich gruselst.«

»Aber mein Vetter …«

»Beruhige dich und lass mich ausreden! Der Bischof ist ihr Hoher Priester, und vermutlich erweisen sie ihm von Zeit zu Zeit ihren Respekt. Also, komm, ich weiß ein bisschen über die Christen Bescheid. Du hast von ihnen nichts zu befürchten. Merke dir nur, dass sie es nicht gut aufnehmen, wenn man über die Götter oder über Opfer spricht, denn das sehen sie als Beleidigung ihres eigenen Gottes an. Sei also umsichtig bei dem, was du sagst, aus Höflichkeit; denn wir sind Gäste hier und müssen ihre Lebensweise anerkennen.«

An dem Tag sah ich Albinus nicht mehr. Aber am nächsten Morgen, während ich mich ankleidete, hörte ich eine schroffe, ungeduldige Stimme im Hof meinen Namen rufen. Ich hatte unruhig geschlafen wegen der ungewohnten Geräusche der Stadt – von der Straße plötzlich der Schrei einer Frau, ständiges Hundegebell, gegen Morgen dann die Zurufe der Kutscher, die zum Markt fuhren. Die Truhe mit meinen Sachen war endlich auf mein Zimmer gelangt, und ich zog mir meine elegante kastanienbraune Tunika an, die eine Bordüre aus Efeublättern hatte.

»Wo bleibst du denn, Transuse?«, rief Albinus, als ich am Fenster erschien. »Hast du mich nicht rufen hören?« Das war seine Begrüßung. Dann drehte er sich zur Seite und schrie in den Durchgang: »Beeil dich, Patricus! Ich warte und werde noch zu spät kommen.«

Er hatte das verkniffene Gesicht und den gelblichen Teint seiner Mutter; doch wo sie sich mit Karmesinrot und Kohle schminkte, war er nur vom Schlaf verquollen. Seine Haare waren strähnig und ungewaschen, und obschon größer als ich, nahm er eine schlechte Körperhaltung ein, als hätte ihm niemand beigebracht, wie man sich zu halten hat.

Der alte Sklave kam angehastet. »Trag meine Tasche!«, befahl Albinus und deutete fingerschnippend auf einen braunen Lederbeutel, der auf den Steinplatten lag. Und zu mir gewandt: »Vater sagt, ich soll dich zum Kontor bringen. Kann mir allerdings nicht denken, was du dort zu suchen hast. Jedenfalls werde ich schon wieder zu spät zum Bischof kommen, und das ist nur deine Schuld.«

Wir machten uns auf den Weg. Der alte Sklave ging uns voraus.

»Und?«, fragte Albinus neben mir. »Wie lange wirst du bleiben?«

»Nicht lange.«

»Wirklich? Wenn dein Vater den Kaiser gegen sich aufgebracht hat, kann es länger dauern, als du denkst. Das sagt Mutter jedenfalls.« Er stieß ein kurzes helles Lachen aus, das sich anhörte wie Fuchsgebell.

»Soll sie nur reden. Sie kennt meinen Vater gar nicht.«

»Was denn? Es weiß doch jeder, was mit Leuten passiert, die den Kaiser verärgern.«

Das brachte mir die Ängste wieder zu Bewusstsein, die mir während der Nacht zu schaffen gemacht hatten. »Mein Vater wird mich bald wieder holen lassen, du wirst sehen.« Ich trat heftig einen Stein weg und ließ ihn über das Straßenpflaster hopsen. Albinus beobachtete amüsiert die Sprünge des Kiesels, der klappernd im Rinnstein landete, sagte aber nichts mehr, und so liefen wir eine Zeit lang unbehaglich schweigend nebeneinander her.

Dann kam ihm ein neuer Gedanke. »Weißt du was? Der Bischof sagt, ich soll bald Lektor werden.«

»Was soll das sein?«

»Wenn ich Lektor bin, kann ich eines Tages Priester werden … meine Mutter wünscht sich das sehr.«

Ich dachte an die Geschichten der Bauernjungen und an Sericus’ Mahnung, taktvoll zu sein.

Mit einem vorsichtigen Seitenblick fragte ich ihn, warum er Priester werden wolle.

»Warum? Warum? Was für eine Frage ist das?« Er schnaubte spöttisch. Doch dann machte er eine geistesabwesende Miene und brachte einen langen, knochigen Finger an den Mund, um an dem Nagel zu kauen und zu lutschen. »Auf jeden Fall bin ich dann von staatsbürgerlichen Pflichten freigestellt, und die Familie braucht keine Steuern zu zahlen. Das wird uns reicher machen.«

Ich dachte darüber nach. »Dann ist es ja gut, dass nicht jeder Priester wird, sonst würde niemand die Städte regieren oder die Barbaren zurückschlagen.«

»Dummkopf«, meinte er naserümpfend. Aber ich merkte, dass ihm keine andere Antwort eingefallen war, und stellte befriedigt fest, dass ich ihn für eine Weile zum Schweigen gebracht hatte.

Er ging mürrisch mit seinem plumpen Gang neben mir her. Es war ein feuchter, wolkenloser Morgen und noch früh. Entlang der Straße öffneten die Händler gerade ihre Läden und spannten die bunten Markisen auf.

»Nun«, fragte Albinus schließlich, »was willst du denn einmal werden? Ich wette, du weißt es noch gar nicht. Das solltest du dir besser überlegen, wo du jetzt auf dich allein gestellt bist.«

Die Gehässigkeit traf. Ich zog die Brauen zusammen und sah geradeaus, während ich nach einer Erwiderung suchte.

Der Sklave Patricus hatte bei einem Brunnen Halt gemacht und wartete auf uns. Hinter ihm an der Straßenecke stand ein junger Legionär vor einer Schusterwerkstatt. Er hatte sich einen Stiefel ausgezogen, der zerrissen war, und lehnte am Türpfosten, den breiten, sonnengebräunten Fuß auf die Steinstufe gestellt, während der Schuster an dem Stiefel arbeitete. Der Soldat schaute in die Gegend, und als sich unsere Blicke begegneten, bekam ich ein strahlend weißes Lächeln von ihm.

Ich lächelte zurück. Unter all den geschäftigen Leuten, die an ihm vorbeieilten, um ihren tristen Geschäften nachzugehen, wirkte er stark und frei und schön, wie ein geschmeidiges Pferd in einer Herde Esel.

Albinus hatte bemerkt, dass ich seinetwegen verärgert war, war aber nicht gewillt, das Thema fallen zu lassen. »Na?«, fragte er. »Du weißt es also nicht, stimmt’s?«

»Und ob«, brauste ich auf. »Ich werde Soldat.«

»Ein Soldat?« Er lachte spöttisch und verdrehte die Augen. »Wie albern! Welcher Mann entscheidet sich denn dafür? Aber davon abgesehen, weißt du etwa nicht, dass es eine Sünde ist, für das Imperium zu kämpfen? Weißt du denn gar nichts?«

Ich ignorierte ihn. Er redete sinnloses Zeug. Inzwischen hatte sich der Legionär abgewandt. Ich sah ihn den Schuster bezahlen und den Stiefel nehmen. Dann bückte er sich am Bordstein und zog ihn über den Fuß, um mit flinken, geübten Bewegungen die Lederschlaufen zu schließen.

Albinus stieß mir in die Seite. »He, hast du mich nicht gehört?«

»Doch«, sagte ich und schlug seine Hand weg.

»Also, du tust mir leid. Mehr nicht.«

»Ich will dein Mitleid nicht, Albinus, und es kümmert mich nicht, was dein Bischof sagt. Ich werde Soldat und kann etwas Gutes tun.«

Das brachte ihn ebenfalls zum Lachen, und er kicherte noch vor sich hin, als wir beim Kontor seines Vaters ankamen.

Wir fanden Balbus zwischen einer Schar aufmerksamer Schreiber, die eine Frachtliste prüften. Er entließ sie, als wir eintraten, und begrüßte mich mit seiner lauten, schroffen Stimme. Er wirkte ehrlich erfreut, mich zu sehen. Seine Glaslieferung, sagte er, sei in der Frühe ausgeladen worden, und wir würden gemeinsam zum Kai gehen, um sie in Augenschein zu nehmen. Er warf Albinus einen fragenden Blick zu.

»Nein, Vater, du weißt, der Bischof wartet, und ich bin schon spät dran. Ich bin nur hier, weil ich ihn zu dir bringen sollte.«

»Ja, natürlich, der Bischof.« Und einen Moment lang war sein mächtiges Gesicht von Resignation überschattet.

Albinus zuckte die Achseln und wandte sich zum Gehen. »Auf Wiedersehen, kleiner Krieger«, sagte er abfällig lächelnd. Dann verschwand er durch die Tür. Ich konnte ihn bei seinem Gang durch das Vorzimmer lachen hören.

Balbus und ich machten uns auf.

Unterwegs zeigte er mir die Werkstätten und Geschäfte der Männer, die er kannte, grüßte sie mit lauter, gut gelaunter Freundlichkeit und blieb auch mal auf ein Wort stehen – bei Schiffsausrüster Lampadius, Böttcher Maltius, bei den Seilern Arminius und Phason und beim Kupferschmied Gabinius, der an der Rückseite der Straße einen großen Hof voller Arbeiter hatte.

Durch die Gasse, die zum Kai führte, wehte eine feuchte Luft heran, die nach Teer und Tauen, Fisch und schalem Wein roch. Doch anstatt dort einzubiegen, liefen wir weiter zum Befestigungswall und durch das Osttor zu einem weiten Platz mit Wagen und Maultierkarren. Dort rekelte sich ein Fahrer meines Onkels neben seinem Gig. Er sprang auf, als er uns sah, aber Balbus winkte ihn beiseite und sagte, er werde heute selbst fahren.

»Siehst du die Schiffe dort?«, fragte er, als sich das Pferd in Bewegung setzte.

Ich schaute über die ebenen Wiesen. In der Ferne bei einer Flussschleife lagen einige Handelsschiffe vor Anker.

»Ja, Onkel. Aber warum haben sie nicht im Hafen angelegt?«

»Das können sie nicht – nicht die ganz großen Frachter. Sie haben zu viel Tiefgang. Darum ankern sie dort. Und dort habe ich auch mein Lagerhaus.«

Am Kai beim Lagerhaus waren lauter barbrüstige Schauerleute mit dem Entladen beschäftigt und reichten Kisten von Hand zu Hand weiter, sangen keltische Arbeitslieder und oben auf der Poop stand ein kahlköpfiger Vorarbeiter und brüllte seine Anweisungen hinab – »Vorsichtig damit, du Hurensohn … Du da! Ja, du! Heb die Kiste auf, starr sie nicht an!«

»Was ist mit meiner Ladung?«, rief Balbus.

»Eine Kiste ist zu Bruch gegangen, Herr, und eine schwimmt im Fluss. Ich hab die Bastarde gleich hinterher geschickt.«

Mein Onkel blickte wütend aufs Wasser. »Achtlose Tölpel. Was da unten schon im Schlamm liegt, würde einen zum Krösus machen. Eines Tages wird das jemand heraufholen und ein gemachter Mann sein.«

Im Lagerhaus packten Männer Kisten mit Glaswaren aus, befreiten jedes zerbrechliche Stück von seiner Strohverpackung und stellten es auf eine lange Bank, wo ein Schreiber es auf der Frachtliste abhakte. Balbus nahm eine kirschrote Flasche in die Hand und drehte sie im Licht, nickte und brummte zufrieden.

»Gut, gut«, sagte er und zeigte sie mir. »Erstklassige Arbeit, keine Fehler. Heutzutage kann man nie sicher sein, bei all den marodierenden Barbaren in Gallien und den vielen guten Handwerkern, die auswandern. Für Stücke dieser Güte gibt es immer einen Markt.«

Er stellte die Flasche hin und ging weiter, um das Übrige zu begutachten: reich verziertes Geschirr und Weinkelche, eine breitrandige Obstschale aus klarem Glas, zwei zierliche Lampen aus gelbem, girlandengeschmücktem Glas. Als er endlich zufriedengestellt war, begab er sich ins Innere des Lagerhauses, in die Gänge zwischen den aufgestapelten Frachtgütern, und zeigte mir Ballen spanischer Wolle, staubige Platten geäderten Marmors aus der Toskana, hohe Amphoren aus rotem Ton, die Wein aus Italien und Sizilien oder Fischsoße von der Küste bei Cádiz enthielten.

Ich staunte und betastete alles und fragte ihn, was er damit vorhabe.

»Das meiste«, erklärte er zufrieden, »werde ich an meine Handelskontakte in der Provinz verkaufen. Ich habe Agenten in York, Lincoln, Colchester und in den Städten im Westen.« Er tippte sich an die Nase und schmunzelte. »Aber das Beste behalte ich für meinen Laden am Forum.«

Mein Interesse schien ihn zu freuen. Er hob einen Stock auf und zeichnete eine Karte in den Staub. »Wir sind hier«, sagte er und bezeichnete eine Stelle neben meinem Fuß, »und hier ist das Mittelmeer. Das ist Rom, und da drüben – ja dort, richtig –, das ist Arabien.« Die meisten Waren, erklärte er, führe er aus Gallien, Spanien und Italien ein. »Aber wenn ich eine Ladung Gewürze aus dem Osten bekomme, ist die mehr wert als alles Übrige zusammen.«

Ich ging staunend in die Hocke und wollte wissen, wie lange es dauere, dorthin zu segeln.

»Bei gutem Wetter zwanzig Tage.«

Er zog die Route mit dem Stock: Alexandria in Ägypten, durch das Mittelmeer an Afrika oder Sizilien vorbei, an den Säulen des Herkules vorbei und dann entlang der tückischen Küste von Spanien und Gallien.

»Bald werde ich Geldmittel für solch eine Reise haben«, erzählte er. »Und die wird mich reich machen.« Seine Augen leuchteten, als er sich das vorstellte.

Ich dagegen betrachtete die sandigen Kringel und Kurven vor meinen Knien, sah Ozeane und bemalte Schiffe und wundersame Städte. Das regte meine Fantasie an. Ich fragte ihn, wie häufig er zu diesen Orten fahre.

»Dorthin fahren?« Er schaute überrascht auf. »Aber überhaupt nicht, warum sollte ich? Dafür bin ich viel zu beschäftigt.« Er kenne nur Britannien, und das sei für ihn mehr als genug.

Als wir wieder nach draußen traten, war ein dickbauchiger Truppentransporter mit der Flut hereingekommen. Unbeladen lag er hoch im Wasser. Die Mannschaft reffte das große Segel und machte sich bereit zum Leinenauswerfen.

Der kahlköpfige Vorarbeiter trat an uns heran. »Wie viele noch?«, fragte er und beäugte stirnrunzelnd das Schiff. »Die Sachsen wissen, dass ein unbewachtes Haus am leichtesten auszurauben ist, auch wenn der Kaiser das vergessen hat.«

Balbus blickte ihn scharf an. »Hüte deine Zunge, Gaius! Willst du dem Jungen mit deinem törichten Hafengeschwätz Angst einjagen? Achte nicht auf ihn, Drusus! Seit drei Jahren waren keine Sachsen mehr hier, höchstens ein paar verirrte Schiffe, und der Befehlshaber der Garnison hat mir persönlich versprochen, dass wir nichts zu befürchten haben.«

»Aber ich habe keine Angst«, widersprach ich.

Es folgte eine Pause. Der Vorarbeiter grinste mich an und zeigte seine schwarzen Zähne.

»Niemand hat Angst«, stellte mein Onkel ärgerlich fest. »Wir haben den Sachsen damals Gold gegeben, und sie haben versprochen, nicht wiederzukommen. Hast du nichts zu tun, Gaius? Ich bezahle dich nicht fürs Herumstehen und Tratschen. Komm weiter, Drusus!«

Als ich über die Schulter zurückblickte, zuckte der Vorarbeiter die Achseln, räusperte sich laut und spuckte ins Wasser. Dann drehte er sich um und schleuderte den verdreckten Schauerleuten, die laut mit den Matrosen des neu angekommenen Schiffes scherzten, einen Haufen Schimpfwörter entgegen.

Der Sommer schritt voran. Auf den Feldern außerhalb des Befestigungswalls holten die Bauern die Ernte ein, und ich richtete mich in meinem Exil ein wie ein Mann, der sich an eine Lähmung gewöhnt, weil ihm nichts anderes übrig bleibt.

Nachmittags half ich meinem Onkel im Kontor oder am Kai bei den Schiffen oder in seinem vornehmen Laden an den Forumkolonnaden.

Er wusste, dass die Vornehmen auf ihn herabsahen, doch das kümmerte ihn nicht, solange er nur reicher wurde. Er hatte keine Zeit, etwas zu lernen außer dem, was er für geschäftsfördernd hielt, und machte sich über meinen morgendlichen Unterricht bei Sericus lustig. Er sagte, er sehe keinen Sinn darin. Ich könne rechnen und eine Frachtliste lesen; was bräuchte es noch mehr?

Er übertrug mir Aufgaben und meinte, ich würde alles durch selbstständiges Handeln lernen. Anfangs glaubte ich, die Schreiber im Kontor würden mir helfen, wenn ich einmal nicht weiterwüsste. Aber das war, bevor ich sie durchschaute.

Nach außen hin wirkten sie gehorsam, beschränkt und eingeschüchtert wie eine Herde Schafe. In ihrer Gesellschaft merkte ich jedoch, dass ihr Leben von Streit, erbitterter Eifersucht und komplizierten Intrigen bestimmt wurde. Wenn ich Hilfe brauchte, waren sie plötzlich zu beschäftigt oder, was schlimmer war, sie gaben vor, es mir zu erklären, um mich dann absichtlich noch mehr zu verwirren. Das begriff ich recht schnell, da ich sie höhnisch grinsen sah und ihre Blicke, die sie sich untereinander zuwarfen, verrieten, dass das Spiel sie amüsierte und sie mich scheitern sehen wollten.

So waren sie alle, bis auf einen. Den nannten sie boshaft Ambitus, den Streber, weil er hart arbeitete und weil er über ihre Lästereien nur lachte. Aber er trug den Namen mit Stolz. Wenn sie ihn verspotten wollten, weil er etwas aus sich zu machen versuche, so sagte er, dann sei das seine geringste Sorge.

Er war klein geraten, hatte kurz geschnittene schwarze Haare und ein kluges, äffisches Gesicht. Sein Beispiel hielt den Faulen und Dummen einen Spiegel vor, und dafür hassten sie ihn. Ihm war das gleichgültig. Er hatte seine eigenen Pläne und war auf die Kollegen nicht angewiesen.

Als ich mich einmal schwertat, kam Ambitus zu mir und sagte, ich brauche ihn nur zu bitten, wenn ich Hilfe nötig hätte. Und so wurde er mein erster Freund in London.

An manchen Vormittagen geriet mein Onkel wegen jeder Kleinigkeit in Wut. Ein winziger Fehler im Bestandsverzeichnis, eine verlegte Schriftrolle oder Schreibtafel, eine verspätete Lieferung, und er schlug mit der Faust auf den langen Schreibertisch, schimpfte und fluchte.

Als ich Ambitus fragte, was der wahre Grund sei, antwortete er: »Das solltest du besser wissen als jeder andere.«

»Ich bin der Grund?«

»Nein, du nicht. Dich mag er. Es ist ihretwegen. Nichts, was er tut, ist gut genug. Sie behandelt ihn so.« Dabei tat er mit dem Daumen, als zerquetsche er eine Fliege auf der Bank.

Doch Balbus’ Ausbrüche waren wie ein Sommergewitter: schnell wieder vorbei. Man wartete ab und zog den Kopf ein. Er war eigentlich kein jähzorniger Mensch, sondern hatte ein großes Herz. Das traf auf meine Tante allerdings nicht zu.

Sie fühlte sich andauernd gekränkt und brütete darüber, bis sie sich selbst in Rage gebracht hatte. Sie beschuldigte die Haussklaven, ihre Absichten zu hintertreiben und hinter ihrem Rücken über sie zu lachen. Die Christen behaupten, untereinander wie Brüder und Schwestern zu sein, ob arm oder reich, freier Mann oder Sklave – sogar die wilden Sachsen, die gern Gemetzel anrichten und uns alle töten wollten. Doch ich habe noch nie erlebt, dass jemand einen anderen mit solch gewohnheitsmäßiger Härte behandelte wie Lucretia ihre Dienerschaft. Sie tat das, weil sie die Macht dazu hatte und niemand sie hinderte. Und die Diener schluckten die Beschimpfungen und steckten die Schläge duldsam ein, weil ihnen nichts anderes übrig blieb.

Sie nahmen woanders Rache und ließen es wie ein Versehen erscheinen: Sie machten das Badewasser zu heiß und hörten sie dann in heilloser Wut durchs ganze Haus schreien; sie verdarben das Essen, wenn Lucretia ihre Freunde mit einem üppigen Gelage beeindrucken wollte; sie schütteten Wasser auf die Holzkohle in der hübsch verzierten Feuerschale, sodass sich das Zimmer ihrer Herrin mit beißendem Rauch füllte.

Ihre Freunde, über die sie in schamlosester Weise herzog, verdächtigte sie der Falschheit und unterstellte ihnen, sie nur wegen ihres Geldes zu schätzen. Dieses Jahr jedoch, so erklärte Ambitus trocken, betraf ihre Hauptklage das Haus. Balbus entehre sie, weil er damit zufrieden sei, im Ostteil der Stadt zu wohnen, obwohl er sehr wohl wisse, dass sie den verabscheue. Das Viertel sei nicht vornehm; alle ihre Freunde – Volumnia, Placentia, Maria – wohnten in einer besseren Gegend als sie. Ob er nicht verstehen könne, wie sie unter deren Höflichkeitsfloskeln und mitleidigem Lächeln litt? Volumnia habe sogar eine Bemerkung zu dem Geruch gemacht, als einmal der Wind vom Fluss her wehte. Wie könne Balbus sie nur so leiden lassen? Die Demütigung mache sie krank.

In den meistens Fällen fügte Balbus sich ihren Launen. Doch in diesem einen blieb er unerbittlich. Er mochte das Haus und das Viertel. Er wollte in der Nähe des Hafens bleiben, wo er seine Freunde hatte und viele Kaufleute kannte, die nicht die Nase über ihn rümpften. Umzuziehen kam für ihn nicht in Frage.

Als ich ihn anfangs jeden Tag zum Kontor begleitete, war Lucretia froh gewesen, mich aus dem Haus gehen zu sehen, weil sie glaubte, die niedere Arbeit müsse mich unglücklich machen und demütigen. Denn sie war ungerechtfertigt und grundlos zu der Ansicht gelangt, ich sei ein nutzloses, verwöhntes Balg.

Sie war nicht mehr ganz so froh, als sie mitbekam, dass mir die stumpfsinnige Arbeit nichts ausmachte und sogar eine gelegene Ablenkung war. Danach verging kaum ein Tag, wo sie mich nicht in ihr privates, üppig eingerichtetes Wohnzimmer rufen ließ, um sich über meine Schlechtigkeit zu beschweren. Warum ich die Wände in Sericus Zimmer abgewaschen habe; ob ich glaube, dass mir nun das Haus gehöre; warum ich zu Albinus abfällig über den Bischof gesprochen habe, der ein geschätzter Freund der Familie sei; was ich mit Claritas, der Hausmagd, im Hof zu tuscheln gehabt habe und was der Koch über sie, Lucretia, redete.

Wenn ich zu ihren Ausbrüchen schwieg, warf sie mir vor, mürrisch und aufsässig zu sein. Wenn ich ihr antwortete, beschwerte sie sich, ich sei frech.

Eines Nachmittags, als ich mit Sericus im Hof unter dem Baum saß, überlegte ich laut und verärgert, was mein Onkel an einer solchen Frau finden könne.

Sericus blickte von der Schriftrolle auf, die er über seinen und meinen Schoß ausgebreitet hatte, und sagte: »Er bekommt schütteres Haar und wird dick. Sie dagegen ist jung.«

Für Sericus war das eine scharfzüngige Bemerkung. Aber wir hatten gerade Terenz gelesen, was ihn in gute Laune versetzt hatte.

»Dann scheint mir das ein schlechter Handel zu sein«, meinte ich. »Ich bliebe lieber ohne Frau, als mit so einer leben zu müssen.«

»Ja, nun, du würdest so entscheiden. Es gibt aber Männer, für die die Blüte der Jugend alles ist.«

Mehr sagte er dazu nicht, und so beugten wir uns wieder über die Schrift.

Doch irgendwann, als er glaubte, ich sähe nicht hin, huschte ein verstohlenes Lächeln über sein altes, faltiges Gesicht.

Wer jung ist, der hofft. Wann immer es während der ersten Monate an die Haustür klopfte oder eine Kutsche über die Straße heranfuhr, spitzte ich die Ohren und horchte, ob ein Bote die Aufforderung meines Vaters überbrachte, ich solle nach Hause kommen. Doch die Zeit verging, und kein Bote kam. Und als der Herbst nahte, hörte ich auf, jeden Morgen zu denken: vielleicht heute.

Eines Tages, als der erste Wintersturm die Seewege geschlossen hatte und Balbus sich häufiger zu Hause aufhielt, als ihm lieb war, schluckte ich meinen Stolz hinunter und fragte ihn, ob er etwas von meinem Vater gehört habe.

Er schüttelte den Kopf und strich mir übers Haar. »Vielleicht bald, mein Junge, vielleicht bald. Ich glaube, dass wir im Frühjahr etwas von ihm hören werden.«

Sein Ton war freundlich, aber mir fiel auf, dass er meinem Blick auswich.

Nach meiner Ankunft in seinem Hause hatte er mir einmal erzählt, dass einhunderttausend Menschen in London lebten. Auf einem Fleck zusammengenommen eine unvorstellbare Zahl. Das beste Viertel zum Wohnen befand sich im Westen. Es lag ein wenig höher, auf der anderen Seite des Wasserlaufs namens Walbrook. Es war der von Lucretia begehrte, vornehme Stadtteil, in dem sich hinter hohen Mauern große Villen und Gärten befanden. Das alte Hafenviertel, dessen Lärm bis ins Haus zu hören war, verabscheute sie am meisten. Es war ein Labyrinth dunkler Gassen, die zwischen Mietshäusern, Spelunken, Bordellen und billigen Speisehäusern bergab führten.

Sobald es dunkel war, wimmelten die fackelbeschienenen Gassen von Schiffsarbeitern und Kahnführern und allen, die es vorzogen, einen Kauf oder Verkauf im Schutz der Nacht zu tätigen. Und wenn sie die Bäuche mit Getränken gefüllt hatten, leerten sie ihre Geldbeutel in den Spielhöhlen und Hurenhäusern, wo zu jedem Preis Gespielen beiderlei Geschlechts zu haben waren.

Was meinen Onkel betraf, so galt sein Interesse allein den Geschäften am Kai, nicht den Vergnügungen in den Gassen dahinter – so erklärte er es mir selbst ausführlich viele Male. Eines Morgens jedoch, als wir ein steiles Sträßchen zum Fluss hinuntergingen, um einen Lastkahn mit Waren aus Samos abzufertigen, beugte sich anzüglich lächelnd ein derbes Mädchen aus dem Fenster und fragte, wann er wieder zu ihr kommen werde.

»Sie muss mich mit jemandem verwechselt haben, die blinde Schlampe«, rief er aus und ging schleunigst weiter. »Wahrscheinlich ist sie betrunken. Kennt sie keine Scham?«

Ich pflichtete ihm bei und schaute schmunzelnd weg.

Als wir am späten Vormittag zurückgingen, nahm er mit Bedacht einen anderen Weg.

Wenn Albinus etwas von mir wollte, forderte er meine sofortige Aufmerksamkeit; die übrige Zeit ignorierte er mich. Seine Mutter war in ihn vernarrt, aber es kam auch vor, dass sie stritten, und dann beanspruchte er mich als Verbündeten gegen sie und versicherte mir in vehementem Ton, dass er sie hasse.

Da ich mich einsam fühlte, war ich anfangs noch vertrauensselig und verstand diese Annäherungen als Zeichen der Freundschaft. Sobald ihr Streit jedoch beigelegt war, wandte er sich wieder gegen mich. Und wenn ich während jener Zeit so töricht gewesen war, mich ihm anzuvertrauen, so stellte ich später fest, dass er dieses Wissen im Hinterkopf verwahrte, um es gegen mich zu verwenden, sobald das seinen Zwecken diente.

Seine Verschlagenheit hatte er von der Mutter abgeschaut; aber während sie von Ehrgeiz und Groll getrieben war, blieb er vollkommen gleichgültig. Er war faul und liederlich, lag bis Mittag im Bett, wenn sie keinen Sklaven zum Wecken zu ihm schickte, wusch sich nur auf Aufforderung und verzichtete auf körperliche Ertüchtigung. Schon der Anblick solcher Zügellosigkeit hatte erzieherische Wirkung auf mich.

Lucretias Lebenszweck war Albinus’ Aufstieg innerhalb der Kirche, für den sie sich unablässig einsetzte.

Sie machte dem Bischof heimlich teure Geschenke, und wenn mein Onkel dahinterkam, hörte ich sie beide in seinem Arbeitszimmer streiten, das heißt, er machte ihr in begütigendem Ton Vorhaltungen, während sie ihn ankeifte.

Am Ende war sie stets der Sieger. Denn nachdem sie ihn stunden- oder tagelang schmollend angeschwiegen hatte, erklärte er brummig: »Ach, soll der Bischof die Silberschatulle behalten«, oder: »Meinetwegen bring ihm die Seide, wenn du unbedingt willst«, oder: »Ja, ich werde ihm die Amphore mit Moselwein schicken lassen; Patricus wird sich darum kümmern.« Hinterher herrschte eitel Sonnenschein bis zum nächsten Anlass.

Ich kenne keinen geschickteren Taktierer als sie. Sie wusste, wann sie ihre Gunst gewähren und wann sie sie verweigern sollte. Ambitus hatte recht. Sie trieb meinen Onkel vor sich her wie einen Kreisel.

Ich schenkte dem wenig Beachtung und ahnte nicht, dass ich bald selbst ein Werkzeug in ihrem großen Plan werden sollte. In jenem Winter an einem grauen Morgen ließ sie mich in ihre Gemächer rufen.

»Ich habe eine kleine Aufgabe für dich«, sagte sie und stellte das Schälchen mit Konfekt hin, von dem sie aß. »Ich möchte, dass du Albinus begleitest.«

Ich hatte an dem Morgen mit Balbus zu seinem Laden am Forum gehen sollen, um seinen Agenten aus Colchester kennenzulernen, der sich gerade in London aufhielt.

»Er braucht dich dabei nicht mehr«, sagte sie barsch, als ich sie daran erinnerte. Sie begann, an den Perlen ihrer Halskette zu zupfen, und wich meinem Blick aus. »Lass dir nicht einfallen, mit mir zu streiten. Mein Friseur wartet, und Volumnia und Maria kommen zum Essen.«

Albinus, den ich gestiefelt und im Wintermantel antraf, verhielt sich einsilbig. »Komm mit, dann siehst du es selbst.« Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen. Aber er bemühte sich zu lächeln. Da hätte ich mir denken können, dass er etwas im Schilde führte.

»Kommst du nun oder nicht?«, fragte er.

»Ja, ich komme.«

Wir machten uns in westlicher Richtung auf den Weg durch die Stadt, nahmen die Straße, die am Steintor des Forums vorbeiführte, gingen über den Walbrook und in das alte Viertel mit schäbigen Häusern, die ein wenig höher gelegen rings um das Fort standen. Das Viertel war einmal vornehm gewesen, bevor die reichen Bürger in geräumigere Stadtteile gezogen waren. Jetzt war alles heruntergekommen und die Villen in Wohnungen unterteilt.

»Hier entlang«, sagte Albinus und schritt voran.

Wir kamen an einem Brunnenhaus vorbei, wo einige Frauen Wäsche wuschen und sich lautstark halb auf Latein, halb auf Britisch unterhielten. Kinder starrten uns aus offenen Torwegen an. Voraus konnte ich über den Dächern die alten Türme und Mauern der Festung aufragen sehen, wo büschelweise Steinkraut aus dem bröckelnden Mörtel wuchs.

Wieder fragte ich mich, in welcher Angelegenheit Lucretia uns hergeschickt haben konnte und welche Rolle ich dabei zu spielen hätte. Gerade wollte ich Albinus etwas zurufen, als wir oben auf dem Hügel um die Ecke bogen und auf einen weiten, freien Platz gelangten, auf dem an zwei Seiten Linden standen.

Ich sah mich um. Der Platz musste einmal sehr schön gewesen sein. Die Nordseite beherrschte eine Tempelruine. An ihrem Fuß standen wertlose Holzhäuser. Von den Linden waren einige gefällt worden, sodass nun Lücken klafften wie in einem schadhaften Gebiss.

»Wo sind wir hier?«, rief ich Albinus zu.

Er warf den Kopf zurück und antwortete höhnisch: »Beim alten Diana-Tempel. Aber diese Ruine wird auch bald verschwunden sein, Gott sei Dank!« Er spuckte aus, um seinen Abscheu zu zeigen.

Ich ging über den Vorplatz und stieg die Tempelstufen hinauf. Die hohen Türen unter dem Portikus fehlten, und in dem grauen Licht sah ich, dass die Innenwände ihres Marmors beraubt worden waren, sodass man jetzt auf die nackten, roten Ziegelsteine blickte.

»Komm da weg!«, rief Albinus von draußen.

Er stand an einer hohen Mauer neben einer Tür. Sie war angelehnt. Als ich zu ihm hinüberging, sah ich dahinter einen gepflasterten Vorhof und ein niedriges, langgestrecktes Gebäude. Beim Errichten der Ziegelmauern waren in derber Weise Marmorstücke verwendet worden, die von einer Bildhauerarbeit stammten.

»Hier entlang«, sagte er und winkte mich heran. »Da ist jemand, der dich sprechen will.«

Ich blickte ihn misstrauisch an. »Mich sprechen? Wer kann mich sprechen wollen?«

»Ach, nur der Bischof.«

Ich sah ihn mit aufgerissenen Augen an, dann schaute ich zu dem gedrungenen, hässlichen Bauwerk im Hintergrund.

»Der Bischof?«, rief ich aus. »Bist du verrückt, Albinus? Was habe ich mit dem zu schaffen?«

Ich wich zurück, aber er packte mich beim Ärmel.

»Du kannst jetzt nicht gehen! Er erwartet dich. Was soll ich ihm sagen – dass du Angst hattest und davongerannt bist wie ein Mädchen?«

Er hatte recht: Ich hatte Angst. Ich malte mir alle möglichen Gräuel aus. Doch ehe ich etwas erwidern oder mich losmachen konnte, öffnete sich gegenüber eine Tür, und eine hagere Gestalt im schwarzen Umhang trat heraus.

»Wer ist das?«, fragte ich gaffend. Der Mann hatte uns bereits entdeckt. Mit einem eigentümlichen Zehengang, als suchte er sich einen Weg über ein schlammiges Feld, kam er auf uns zu. »Ist er das?«

»Nein, natürlich nicht. Das ist Faustus. Er ist der Diakon. Komm jetzt, kleiner Soldat, oder willst du doch noch weglaufen und ihn glauben lassen, du seist ein Feigling? Er will nur mit dir sprechen. Hast du selbst vor Worten Angst?«

Der Bischof von London erhob sich von seinem gepolsterten Sofa. »Sei gegrüßt, mein lieber Drusus! Wie ich mich freue, dich zu sehen. Ich warte schon seit einiger Zeit auf eine Gelegenheit zu plaudern.«

Er war ein kleiner, dicker Mann mit kirchlicher Haartracht. Ein süßlicher asiatischer Duft umwehte ihn. Er deutete mit plumper Hand auf den Sessel gegenüber und bat mich, Platz zu nehmen. An seinen Fingern prangten etliche Ringe, wie ich sah, breite Gold- und Silberbänder mit großen, funkelnden Edelsteinen. Er sah aus wie ein reicher Kaufmann.

Ich ließ mich voll Unbehagen auf der Sesselkante nieder. Er bedachte mich mit einem freundlichen Lächeln, aber seine Äuglein unter den dünnen schwarzen Brauen taxierten mich.

Albinus stand etwas abseits bei einem Wandtisch aus geschnitztem Ebenholz. Ich warf ihm einen wütenden Blick zu, doch er beachtete mich nicht. Dann schnippte der Bischof mit den Fingern, und ein Diener kam mit einem Silbertablett hinter einem bestickten Vorhang hervor.

Aus einer geschliffenen Glaskaraffe schenkte er goldgelben Wein in zwei Becher und stellte sie auf den niedrigen Tisch zwischen uns. Albinus bot er nichts an, wie ich bemerkte, und ebenso wenig dem Diakon, der neben der Tür stand.

Der Bischof trank, nahm eine seidene Serviette und tupfte sich den Mund ab. »Seit einiger Zeit schon«, begann er, »nachdem mir die gute Lucretia von deinem Aufenthalt in London erzählte, habe ich gehofft, du würdest einmal zu mir kommen. Ich habe viel an deinen armen Vater Appius denken müssen.«

»Du kennst meinen Vater?«, fragte ich überrascht.

»Aber natürlich. Das scheint dich zu wundern. Dabei ist doch zu erwarten, dass bedeutende Männer einander kennen. Hat er nie von mir gesprochen? – Nein? Nun, vielleicht nicht. Dennoch waren wir miteinander bekannt und hatten häufig Grund, wichtige Fragen zu erörtern.«

Ich betrachtete ihn aus schmalen Augen. Seine salbungsvolle Art gefiel mir nicht und auch nicht sein Lächeln, das jedes Mal so rasch erstarb, und die geschmeidigen, selbstgewissen Gesten seiner beringten Hände.

Er hielt inne, dann beugte er sich vor. »Und jetzt ist dein Vater in Schwierigkeiten«, sagte er strahlend. »Das ist höchst bedauerlich. Darüber wollte ich gewissermaßen mit dir reden. Aber was ist denn? Du bist ja ganz blass geworden. Hier, trink deinen Wein! Du hast keinen Durst? Wie du meinst. Die Küchensklaven werden sich zweifellos an den Resten bedienen.«

Er lächelte, trank einen Schluck und betupfte sich diesmal besonders ausgiebig den Mund.

»Die Kirche«, fuhr er fort, »hat großen Einfluss. Schließlich ist Kaiser Constans einer der unseren und hört auf uns wie alle guten Diener des Einen Gottes. Vieles ist möglich. Ein Wort hier, ein Brief da. Der Bischof von Trier könnte sich überzeugen lassen, sich für deinen Vater einzusetzen. Du siehst, Drusus, ich bin ein Mann, dem man Gehör schenkt, und ich habe viele Freunde.«

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