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Wer sich in Gefahr begibt

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Lizzie-Martin-Romanen, knüpft sie mit der Serie um Inspector Jessica Campbell wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

ANN GRANGER

WER SICH IN
GEFAHR BEGIBT

EIN FALL FÜR LIZZIE MARTIN
UND BENJAMIN ROSS

Kriminalroman

Aus dem Englischen
von Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

 

 

 

Dieses Buch, welches in der Vergangenheit spielt,
ist meinen Enkelkindern William und Josie Hulme gewidmet.
Ihnen gehört die Zukunft.

 

Ich möchte all jenen danken, die mir bei den Recherchen
zum Hintergrund dieses Buchs geholfen haben,
insbesondere (und in alphabetischer Reihenfolge!)
Catherine Aird, David Bell, Joe Burrows und Joan Lock.

KAPITEL EINS

Elizabeth Martin

Die Maschine stieß einen langgezogenen Seufzer aus wie eine ältere Lady, die ihr Korsett löste, und hüllte alles und jeden in eine Wolke aus schwefeligem Rauch und Dampf. Er wirbelte den Bahnsteig entlang und in die Höhe, wo er sich unter dem Dach des Bahnhofs fing. Der Geruch erinnerte mich an Mary Newlings Küche, wo ich als kleines Mädchen die Aufgabe gehabt hatte, hart gekochte Eier zu schälen.

In unerwarteten Abständen teilte sich der Rauch, und eine Gestalt erschien kurz darin, nur um gleich wieder zu verschwinden und von einer anderen ersetzt zu werden wie in einer flimmernden Laterna-magica-Vorstellung. Hier eine Frau mit einer großen Tasche in der einen und einem Jungen in einem Matrosenanzug an der anderen Hand. Als sie verschwanden, tauchte an einer anderen Stelle ein Mann in Jacke und Hose aus grellem Karomuster mit einem verwegen auf dem Kopf sitzenden Hut auf. Ich muss so unerwartet für ihn in Sicht gekommen sein wie er für mich. Er bedachte mich mit einem scharfen Raubtierblick, und ich fand gerade genügend Zeit zu sehen, wie er einen abfälligen Blick aufsetzte, bevor der Rauchvorhang sich wieder über ihm schloss.

»Nun aber, Lizzie Martin!«, schalt ich mich forsch. »Du bist weder hübsch genug noch gut genug gekleidet, als dass du dich sorgen müsstest, belästigt zu werden.«

Trotzdem verletzte es meine Eitelkeit, so schnell abgetan zu werden.

Der Rauch wurde rasch dünner, und die nächste Gestalt, die vor mir erschien, trug zu meiner großen Erleichterung die Uniform eines Kofferträgers. Ein kleiner, drahtiger Mann unbestimmbaren Alters, der mich angrinste und sich in einer Geste an die Mütze tippte, die seinen Respekt signalisieren sollte, doch unglücklicherweise stark an das konspirative An-die-Stirn-tippen erinnerte, welches die Einfältigkeit einer anderen Person signalisierte.

»Darf ich Ihren Koffer nehmen, Miss?«

»Ich habe nur diesen einen«, sagte ich entschuldigend. »Und eine Hutschachtel.«

Doch er griff bereits nach beidem, und ehe ich mich versah, stapfte ich munteren Schrittes hinter ihm her in Richtung Bahnsteigsperre. Mein Fahrschein wurde von dem wichtig aussehenden Beamten dort beiseitegewischt, und ich betrat die Haupthalle.

»Werden Sie abgeholt, Miss? Oder brauchen Sie eine Droschke?« Der Kofferträger schaute erwartungsvoll zu mir hinauf.

»Oh, ja, eine Droschke, aber …«

Zu spät. »Dann folgen Sie mir bitte, Miss. Ich bringe Sie zum Stand.«

Mrs Parry hatte mir ausführlich geschrieben und bedauert, dass es nicht möglich sei, mich von irgendjemandem abholen zu lassen, und mir gleichzeitig ausführliche Anweisungen gegeben, wie ich mich bei meiner Ankunft in der Hauptstadt verhalten sollte. Ich sollte meine Habseligkeiten nur einem Kofferträger anvertrauen, der (die nächsten Worte waren dick unterstrichen) ein Angestellter der Eisenbahngesellschaft war, und niemand anderem! Wenn ich jemand anderem meine Koffer gäbe, sollte ich nicht überrascht sein, falls ich sie niemals wiedersähe. Wenigstens diese Anweisung hatte ich befolgt.

Ich war auf dem besten Weg, auch der zweiten Folge zu leisten: eine Droschke zu nehmen – und zwar eine, die von einem Pferd in gutem Zustand gezogen wurde – und mich zuerst beim Kutscher nach dem Fahrpreis zu erkundigen. Ich sollte mich von ihm auf dem kürzesten Weg zu Mrs Parrys Adresse fahren lassen. Droschkenfahrer seien zuzeiten höchst impertinent, hatte sie geschrieben, wenn sie mit allein reisenden Damen zu tun hätten, und ich dürfte sie unter keinen Umständen zu diesem Verhalten ermutigen.

Eine kleine Bande abgerissener Kinder tauchte wie aus dem Nichts auf und rannte neben mir her, um mich hartnäckig um Pennys anzubetteln.

»Los, machtdasserwegkommt, Lumpenpack!«, donnerte mein Kofferträger sie mit unerwarteter Heftigkeit an. Während sich die Bande unter Spottrufen an seine Adresse zerstreute, fügte er an mich gewandt hinzu: »Passen Sie bloß gut auf diese Gören auf, Miss! Und nehmen Sie niemals vor ihren Augen Ihre Geldbörse hervor.«

»Nein, gewiss nicht!«, stimmte ich ihm atemlos zu. Ich war neu in der Stadt, und ich kam eindeutig aus der Provinz, doch ich war nicht dumm, und dort, wo ich herkam, gab es ebenfalls Banden kindlicher Diebe.

Ein neuer Geruch gesellte sich zu dem des Qualms, der Asche und der ungewaschenen Menschen: der Geruch nach Pferden. Wir hatten einen Stand mit vierrädrigen Gespannen von der Sorte erreicht, die ›Growler‹ genannt werden wegen des Lärms, den ihre Räder machen.

»Das ist angemessener für eine allein reisende Lady«, vertraute mir mein Träger an. »Sie würden sicher keine zweirädrige Kutsche mieten wollen. Wo wollen Sie überhaupt hin, Miss?« Und bevor ich antworten konnte, rief er: »Aufgepasst, Wally! Hier ist eine Lady, die eine Kutsche benötigt!«

Der fragliche Droschkenlenker hatte gegen sein Pferd gelehnt gestanden und sich gemächlich ein Stück Kuchen genehmigt. Nun schob er sich den Rest des krümelnden Gebäcks in den Mund und richtete sich aufmerksam auf. Das machte ihn bei weitem nicht vertrauenerweckender. Er war stämmig und kräftig, und seine Gesichtszüge waren so zerschlagen, dass es den Eindruck erweckte, er sei irgendwann einmal im Leben mit einem massiven Gegenstand kollidiert. Allein auf mich gestellt, hätte ich sicherlich gezögert, mich diesem Fahrer zu nähern, geschweige denn ihn anzusprechen.

Er bemerkte meinen verblüfften Gesichtsausdruck und sagte: »Angst wegen meiner verbeulten Visage, Miss?« Mit einem dicken kurzen Finger deutete er auf seine schiefe Nase. »Das kommt von meiner glänzenden Karriere im Boxring, jaja. Glänzend, aber kurz, wenn ich das sagen darf. Es war eine Frau, die mich dazu bewogen hat, damit aufzuhören. ›Wally Slater!‹, hat sie geschimpft. ›Entweder der Boxring oder ich!‹, und weil ich damals jung und dumm war«, fügte er in vertraulichem Ton hinzu, »habe ich sie genommen, und heute ist sie meine liebende Ehefrau, und ich fahre diese Droschke, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen!« Er kicherte ausdauernd und schlug sich auf den Schenkel. Das Pferd stieß ein boshaftes Schnauben aus.

»Das interessiert die Lady nicht«, tadelte mein Kofferträger den Fahrer. Wie das Pferd, so hatte auch er diese Geschichte wohl schon unzählige Male gehört. Er wandte sich an mich. »Wohin möchten Sie, Miss?«

Ich nannte die Adresse, Dorset Square, und fügte hinzu: »Das ist in Marylebone.«

»Und eine sehr hübsche Gegend außerdem«, bemerkte der Droschkenfahrer und nahm meinem Kofferträger das Gepäck ab.

»Wie viel macht das?«, beeilte ich mich, Mrs Parrys Instruktionen zu gehorchen.

Der Mann blinzelte mich an, was ihn noch furchteinflößender aussehen ließ, und nannte seinen Fahrpreis. Ich bemerkte den Blick des Trägers, und er nickte mir ermutigend zu, was ich in dem Sinne auffasste, dass der Preis angemessen sei. Oder vielleicht steckte er auch nur mit dem Droschkenfahrer unter einer Decke. Sie waren offensichtlich alte Bekannte. Die nächsten Worte des Fahrers schürten mein Misstrauen nur umso mehr.

»Es könnten noch Sixpence zusätzlich werden, Miss – für den Fall, dass wir außen herum fahren müssen wegen all der Baukarren.«

»Ich möchte, dass Sie den kürzesten Weg fahren«, sagte ich in strengem Ton.

»Hören Sie, Miss, Sie haben das wohl falsch verstanden«, erklärte Mr Slater ernst. »Sie machen Platz für den neuen Bahnhof, sehen Sie, reißen Häuser ein und fahren den ganzen Abraum weg. Die Straßen ringsum sind völlig verstopft, und wir Droschkenfahrer müssen es ausbaden und haben ohne Ende Scherereien. Stimmt’s etwa nicht?«, fragte er an meinen Träger gewandt.

Der Kopf des Letzteren tanzte auf und ab wie bei einem Nick-Automaten. »Das ist richtig, Miss. Die Midland Railway baut ihren eigenen Bahnhof, verstehen Sie, anstatt mit anderen zu teilen. St. Pancras soll er heißen, wenn er fertig ist. Die Eisenbahngesellschaft hat sämtliche Häuser gekauft und die Leute vertrieben, die dort gewohnt haben, und jetzt wird alles abgerissen und hübsch plattgemacht. Stellen Sie sich vor, selbst die Kirche muss weichen.«

»Sie wird an irgendeiner anderen Stelle wieder aufgebaut – jedenfalls habe ich das so gehört«, sagte der Droschkenfahrer.

»Bauen sie auch die Häuser für die Menschen irgendwo anders wieder auf? Das würde mich nämlich mehr interessieren«, konterte der Träger.

»Es ist der Friedhof«, vertraute uns der Droschkenfahrer traurig an. »Sie schätzen, dass der ihnen Probleme machen wird. Sie haben versucht, drunter zu graben, als Hexperiement quasi, aber sie finden ständig irgendwelche menschlichen Skeldette, wie ich gehört habe.«

Beide richteten ihre erwartungsvollen Blicke auf mich, wie um sicherzustellen, dass ich diese gruslige Tatsache angemessen zu würdigen wusste. Es war, wie ich durchaus erkannte, ein Versuch, mich von meinen Einwänden abzubringen.

»Also schön«, räumte ich schließlich ein und bemühte mich, geschäftsmäßig zu klingen. Ich drückte dem Träger eine Münze in die Hand. Er bedachte mich mit einem weiteren von seinen merkwürdigen Grüßen und eilte davon.

Bevor ich mir in die Droschke helfen (oder besser, mich hineinbugsieren) ließ, hatte ich gerade noch genug Zeit, um einen Blick auf das Pferd zu werfen. Es erschien meinem unerfahrenen Auge einigermaßen gesund, obwohl mir, wäre es der erbärmlichste, überarbeitetste, unterernährteste Klepper in den Straßen Londons gewesen, keine Gelegenheit geblieben wäre, deswegen Einwände zu erheben. Wir fuhren los.

Ich muss zugeben, dass ich neugierig war auf die große Stadt, und so spähte ich nach draußen, während wir durch die Straßen rumpelten. Ich hoffte außerdem auf ein wenig frischere Luft, denn der Growler roch in seinem Innern verschwitzt und muffig, auch wenn er einigermaßen sauber wirkte. Doch schon bald entschied ich mich dagegen, weiter den Kopf aus dem offenen Fenster zu stecken. Der Lärm auf den Straßen war ohrenbetäubend, und rings um uns herum war eine erschreckende Zahl anderer Fuhrwerke in diese oder jene Richtung unterwegs, und die Fahrer brüllten einander unablässig an, den Weg frei zu geben und gefälligst aufzupassen. Das Gebot, sich möglichst links zu halten, schien für sie eher theoretischer Natur zu sein, und die meisten zogen es vor, mitten auf der Straße zu fahren, sobald sich die Gelegenheit dazu bot, häufig genug, um langsame Omnibusse zu überholen, die von müden, schwitzenden Pferden gezogen wurden. Was das andere Gebot betraf – dass Droschken privaten Fuhrwerken auszuweichen hatten –, so schien auch dies mehr übertreten als beachtet zu werden.

Als wäre dies nicht genug, riskierten Fußgänger Leib und Leben, während sie zwischen unbarmherzigen Rädern hindurchrannten, die sie mit Schmutz und Schlimmerem bespritzten und mich, wäre ich dumm genug gewesen, weiter den Kopf nach draußen zu strecken, sicher ebenfalls besudelt hätten. Hier und da bemühten sich Straßenkehrer nach besten Kräften, einen Pfad für die besser Gekleideten von Unrat zu befreien; doch die meisten Passanten schienen resigniert zu haben, was den Dreck anging. Also begnügte ich mich damit, hinter dem Fenster zu bleiben und eine verwirrende Parade von Bildern an mir vorbeiziehen zu lassen, die, kaum dass sie auftauchten, auch schon wieder verschwunden waren.

Unter die Fußgänger mischten sich Menschen, die aus Bauchläden alles mögliche Zeugs feilboten, von Zeitungsblättchen für wenige Pennys bis hin zu Bändern und Streichhölzern, während andere Straßenhändler Obst und Gemüse in Ständen oder aus Handkarren verkauften. Ein strenger Geruch nach Fisch, der für kurze Zeit in den Innenraum der Droschke drang, ließ mich vermuten, dass eine Frau, die neben einem großen Fass saß, Heringe feilbot. Ein weit angenehmerer Duft erreichte meine Nase von einem Stand mit zwei großen Kupferkesseln, aus denen heißer Kaffee ausgeschenkt wurde.

Wir passierten die Stelle, wo allem Anschein nach der neue Bahnhof errichtet werden sollte. Ich konnte erst wenig davon erkennen bis auf die zahllosen Karren mit Schutt, die sich in den übrigen Verkehr mischten. Eine Staubwolke lag über der Gegend und drang bis in meine Droschke vor, was mich zum Husten reizte. Man hatte mich gewarnt, welches Ärgernis diese Karren darstellten, doch selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, war ihr Mangel an Beliebtheit nicht zu übersehen. Fußgänger verliehen vehement ihrer Frustration Ausdruck, und Droschkenfahrer stießen lästerliche Flüche aus, während die knarrenden Vehikel langsam ihres Weges rumpelten und sich lange Schlangen anderer Fuhrwerke hinter ihnen stauten. Ich für meinen Teil fand diese Karren und ihre Ladungen höchst mitleiderregend. Stofffetzen, die einst ein billiger Vorhang oder Teppich gewesen waren, klebten an Klumpen von zerschlagenem Mauerwerk und Fliesen, und gelegentlich thronte ein zertrümmerter Stuhl unsicher auf dem Haufen oder eine verbogene eiserne Bettstatt. Die Überreste eines dürren Rosenbusches waren Zeugnis für den Wunsch einiger ehemaliger Bewohner nach einem kleinen Gärtchen. Geborstene Dielen, Tür- und Fensterrahmen ragten aus dem Schutt wie knochige Finger, als wollten sie sich jeden Moment aus ihren Schuttgräbern ins Freie wühlen. Unvermittelt blieben wir holpernd stehen, und ich fragte mich bereits, ob wir angekommen waren.

Sicher war eine Form von Gedankenübertragung am Werk, denn auf der mir gegenüberliegenden Seite der Droschke flog eine kleine Klappe an der Decke auf. Wally Slater spähte zu mir herunter. »Nur ein Karren, Miss. Ein Bobby steht auf der Kreuzung und hat uns angehalten, damit der Karren passieren kann.«

»Ein Bobby?«

»Ein Bulle, Miss. Ein Vertreter des Gesetzes, der es auf sich genommen hat, die Sache in die Hand zu nehmen. Sie sind sehr gut darin, diese Bobbys, irgendwelche Sachen in die Hände zu nehmen und sich in die tagtäglichen Angelegenheiten ehrlicher Bürger einzumischen, Miss«, schloss der Droschkenfahrer grollend.

Nun wagte ich es doch, meinen Kopf aus dem Fenster zu strecken und zu betrachten, was an diesem Karren so anders war, dass das Gesetz sich genötigt gesehen hatte einzuschreiten, um sein Vorankommen zu fördern. Eine Wolke frischen Staubs drang in meine Nüstern und brachte mich zum Niesen. Ich wollte soeben meinen Kopf wieder nach drinnen ziehen, als das neue Fahrzeug aus einer Straße zu unserer Rechten kam. Es war ein weiterer Karren, ganz ähnlich denen, die den Schutt transportierten, doch auf diesem stand nur ein einzelnes mysteriöses Objekt, verhüllt von einer Abdeckplane. Im Gegensatz zu den Pfiffen und Buhrufen, welche die anderen Karren begrüßten, senkte sich ein neugieriges, beunruhigtes Schweigen über die Menge, als das Fuhrwerk in Sicht kam. In der Nähe nahm ein älterer Mann die Mütze ab.

Die Droschke schaukelte unvermittelt, und ich sah, dass mein Fahrer von seinem Kutschbock gestiegen war und sich zu einem stämmigen Mann in Arbeiterkleidung begab, den er zu kennen schien. Die beiden unterhielten sich gedämpft miteinander.

»Ist das ein Unfall?«, rief ich nach draußen.

Beide drehten sich zu mir um. Der Arbeiter öffnete den Mund zu einer Antwort, doch mein Fahrer kam ihm rasch zuvor. »Es ist nichts, weswegen Sie sich sorgen müssten, Miss.«

»Aber das ist ein Leichnam auf diesem Karren, oder etwa nicht?«, beharrte ich. »Hat es vielleicht irgendwo einen tödlichen Unfall auf dieser Baustelle für den neuen Bahnhof gegeben?« Ich erinnerte mich daran, dass einige der Grabungsarbeiten einen Friedhof betrafen. »Oder ist es ein Sarg vom Kirchhof?«

Walter Slater, Expreisboxer, betrachtete mich auf eine Weise, die schockiert und missbilligend zugleich war. Ob er mich als eine einfach praktische oder vom Morbiden faszinierte Person betrachtete, es war beides nicht das Benehmen, das sich für respektable junge Damen im Angesicht des Todes geziemte. Ein wenig mehr Betrübtheit war angebracht. Doch ich war niemand, der schnell jammerte oder in Ohnmacht fiel. Trotzdem hatte er möglicherweise eine Erklärung verdient.

»Ich bin die Tochter eines Arztes«, sagte ich zu ihm, »und mein Vater wurde häufig zu schweren Unfällen gerufen in den …«

An dieser Stelle brach ich ab. Ich wollte ›in den Minen‹ sagen, doch das hier war London und nicht Derbyshire, und was wussten diese Menschen schon von Kohlenminen?

Also vervollständigte ich meinen Satz: »… auf Bitten der Behörden.«

»Ja, Miss, das sieht man«, entgegnete mein Kutscher, doch er ließ mich merken, dass mein Mangel an Takt nicht übersehen worden war.

Also wirklich, Lizzie!, schalt ich mich einmal mehr. Du musst deine Zunge besser im Zaum halten! Das hier ist London, und provinzielle Unverblümtheit gilt wahrscheinlich nicht als anständiges Benehmen! Wenn du selbst diesen Kutscher so weit bringst, dass er Anstoß an dir nimmt, was für grauenvolle Fehler mögen dir dann erst in Gesellschaft gebildeterer Menschen unterlaufen?

Den Arbeiter schien dieser Wortwechsel indes zu amüsieren. »Wo denken Sie hin, Miss?«, sagte er munter. »Das ist kein alter Leichnam, sondern ein junger, ganz frisch.«

Slater knurrte ihn an, seine Zunge im Zaum zu halten, doch ich stand bei meinem Kutscher ohnehin schon im Ruf, jemand zu sein, der sich unangemessen für derart grausige Dinge interessierte. Also konnte ich meine Neugier genauso gut befriedigen.

»Was meinen Sie mit ›ganz frisch‹«, erkundigte ich mich bei dem braven Arbeiter. »Dann war das also ein Unfall?«

»Sie haben die Leiche einer Frau gefunden«, antwortete er mit sichtlichem Vergnügen. »Grausig ermordet. Sie war in einem der Abrisshäuser. Sie haben ihren Leichnam unter einem alten Bett entdeckt. Sie hat seit Wochen dort gelegen, schätzen sie. Sie war so grün wie ein Salat, und die Ratten haben schon an ihr …«

Ich spürte, wie ich erbleichte, während der Kutscher fauchte, »Das reicht jetzt wirklich!«, und damit jedes weitere unwillkommene Detail unterband.

Aber ich denke, er war höchst zufrieden damit, dass die wenigen enthüllten Fakten sich selbst für eine Person meines Schlages als zu viel erwiesen hatten. Er musterte mich mit einem Blick, der höchst deutlich »Das geschieht Ihnen ganz recht, Miss« sagte. »Warum zeigen Sie auch ein so undamenhaftes Interesse an Dingen, die Sie überhaupt nichts angehen?«

Der Constable, der den Verkehr aufgehalten hatte, ersparte mir einen weiteren Gesichtsverlust, indem er sich uns zuwandte. »Los, weiter!«, rief er ungeduldig.

Die Verzögerung war vorbei. Mr Slater kletterte auf seinen Kutschbock zurück, stieß einen Pfiff aus, und das Pferd trottete los. Wir fuhren unseres Weges.

Ich lehnte mich zurück, nachdem ich die Hutschachtel, die bei der unvermittelten Bremsung heruntergefallen war, wieder neben mir auf den Sitz gestellt hatte, und versuchte angestrengt, die grausige Beschreibung aus meinen Gedanken zu verdrängen. Doch kaum waren meine Bemühungen von Erfolg gekrönt, da erschien das Bild einer anderen Leiche vor meinem geistigen Auge, die vor vielen, vielen Jahren ebenfalls in einem Karren weggefahren worden war. Doch das war kein Mord gewesen … oder vielleicht doch, je nachdem, von welcher Warte aus man die Sache betrachtete. Mein Vater hatte damals stets gemeint, dass es durchaus einer hätte gewesen sein können.

Ich verdrängte diese Erinnerungen, auch wenn ich nicht anders konnte, als zu sinnieren, welch einen gewalttätigen Empfang London mir bei meinem ersten Besuch bereitete. Erneut musste ich an die Vorhangfetzen denken, die auf den Ziegeln und dem zerbrochenen Mauerwerk geflattert hatten. Wohin sind all diese Menschen gezogen?, fragte ich mich. Die Leute, die in den abgerissenen Häusern gewohnt haben? Hatte man sie vor ihrem Rauswurf lange genug vorgewarnt? Wahrscheinlich nicht. Sie waren im Namen des unaufhaltsamen Fortschritts des Eisenbahnzeitalters vor die Tür gesetzt worden, und sie hatten ein furchtbares Erbe hinterlassen, so viel stand fest.

Das Pferd war unterdessen in einen forschen Trab gefallen. Der Verkehr hatte deutlich abgenommen, und wir befanden uns in einem weit hübscheren Teil der Stadt. Wir passierten Wohnstraßen mit eleganten Gebäuden und bogen zu guter Letzt auf einen rechteckigen Platz, der von herrschaftlichen Stadthäusern inmitten großer Rasenflächen gesäumt war. Es war, als wären wir aus dem hektischen Betrieb der einen Welt in eine andere übergetreten, wo das Leben in einer sehr viel besser zu kontrollierenden Weise verlief. Vor einem dieser Herrenhäuser hielten wir an.

Mr Slater machte Anstalten, zu meiner Tür zu kommen und mir beim Aussteigen behilflich zu sein. »Dies ist die Adresse, nicht wahr?«, erkundigte er sich, als könnte ich ihm falsche Anweisungen gegeben haben. »Sehr schick. Wenn ich je an ein Vermögen gelangen sollte, werde ich mir auch ein Haus wie dieses leisten. Aber wie heißt es doch so schön? Die Wahrscheinlichkeit ist nicht sonderlich hoch.«

Sein Tonfall war philosophisch. Das Pferd stieß ein arrogantes Wiehern aus.

»Und was ist der Grund für Ihren Besuch in diesem Haus, Miss?«, erkundigte sich Mr Slater.

Wie es schien, hatte Mrs Parry gut daran getan, mich davor zu warnen, dass Londoner Kutscher bei allein reisenden Ladys zuweilen impertinent sein konnten. Ich öffnete den Mund, um ihm zu sagen, dass ihn das überhaupt nichts angehe, doch ich bemerkte einen so unendlich neugierigen Blick in seinen Augen, dass ich stattdessen laut lachen musste.

»Ich arbeite als Gesellschaftsdame für die Herrin des Hauses, Mr Slater.«

Er saugte die Luft zwischen den gelben Zähnen hindurch, und das Pferd stampfte ungeduldig mit den Hufen auf dem Pflaster, sodass gelbe Funken von seinen Hufeisen stieben.

»Ich hoffe, dass es Ihnen dort gefällt«, sagte Mr Slater ernst.

»Danke sehr, Mr Slater. Wenn Sie jetzt noch so gütig sein würden, mir meine Tasche und meine Hutschachtel zu bringen?«

»Sehr hübsch gesagt«, entgegnete er. »Sie sind eine junge Dame, die sich die Mühe macht, höflich zu einem Kutscher zu sein. Das verrät ein angenehmes Wesen – auch wenn Sie ein merkwürdiges Interesse für kürzlich Verstorbene an den Tag legen. Wissen Sie was? So eine Person wie Sie ist selten«, schloss er. »So was wie Sie ist wirklich ganz selten.«

Er nahm meine Tasche und stapfte zur Vordertür, um laut den Klopfer zu betätigen.

Als sich von drinnen Schritte auf dem gefliesten Boden des Flurs näherten, fügte der Kutscher in heiserem Flüstern hinzu: »Mir will scheinen, Sie sind ganz allein in London, Miss. Falls Sie jemals Hilfe benötigen, gehen Sie zum Droschkenstand am King’s Cross und geben dort eine Nachricht für Wally Slater ab. Wer auch immer sie erhält, er gibt sie bei nächster Gelegenheit an mich weiter.«

Ich war so überrascht angesichts dieses Angebots, dass ich um eine Antwort verlegen war. Ich fand jedoch nicht die Zeit, mir zu überlegen, womit ich mir dieses großzügige Angebot verdient hatte, denn in diesem Moment öffnete sich auch schon die Tür.

KAPITEL ZWEI

Der Hüter der Tür war ein Butler von beängstigendem Gleichmut. Er empfing die Nachricht, wer ich denn sei, ohne jeden Kommentar, und warf kaum einen Blick auf meine einfache Reisekleidung und die robusten Balmoral-Schnürstiefel, bevor er mich in die Halle führte, wo ich einen Moment warten sollte, während er den Droschkenfahrer entlohnte.

Ich konnte die beiden nicht sehen, während ich wartete, doch ich hörte Wally Slaters vergnügtes »Danke sehr!«, und als die Tür sich wieder schloss, seinen Pfiff an die Adresse des Pferdes und das Klappern und Rumpeln, als der Growler davonfuhr. Obwohl ich erst kurze Zeit in London weilte, hatte ich das Gefühl, einen Freund gefunden zu haben und wieder von ihm getrennt worden zu sein.

Ich hatte die wenigen Minuten genutzt, um mich mit lebhafter Neugier umzusehen. Soweit ich das beurteilen konnte, schien das Haus kostspielig und gemäß der neuesten Mode möbliert zu sein. Mein Wissen über derartige Dinge war beschränkt. Es gab eine Menge türkischer Teppiche, von denen ich wusste, dass sie eine Stange Pennys kosteten. Ich hatte schon Mühe gehabt, genug Geld zusammenzukratzen, um meinen durchgewetzten Wohnzimmerteppich zu Hause zu ersetzen, und ich war gezwungen gewesen, etwas sehr viel Bescheideneres zu nehmen. Außerdem gab es eine Vielzahl von Pflanzen in kunstvollen Jardinieren. Die Wände waren behängt mit einer Reihe von – meiner Meinung nach – fehl am Platz wirkenden Gemälden von Highland-Rindern und Aquarellen von italienischen Seen. In der Luft hing der Geruch nach Bienenwachs vermischt mit etwas, das ich erst zu identifizieren vermochte, als ich den Gasanschluss entdeckte, der aus der Wand ragte. Das war wirklich äußerst modern. Wir hatten zu Hause nur Öllampen und Kerzen. In einer Ecke tickte leise eine Standuhr vor sich hin.

»Wenn Sie mir bitte folgen würden, Miss?« Der Butler war zurück und starrte mich ohne jede Gefühlsregung an. »Mrs Parry wird Sie in ihrem Privatsalon empfangen.«

Das klang immens eindrucksvoll. Ich war inzwischen zutiefst beeindruckt und außerdem müde von meiner langen Reise.

Ich würde diese Treppe später viele Male auf und ab steigen und wusste, dass es kein weiter Weg war, doch als ich am Nachmittag meiner Ankunft in Dorset Square dem Butler nach oben folgte, schienen die Stufen kein Ende nehmen zu wollen. Er ließ sich Zeit, und ich war gezwungen, meine Schritte den seinen anzupassen. Ich fragte mich, ob er sich immer in diesem Schneckentempo bewegte und ob es allein an seiner gehobenen Stellung unter dem Personal lag oder ob er mir wohl absichtlich Zeit lassen wollte, meine Umgebung in mich aufzunehmen und gebührend beeindruckt zu sein. Wir ließen mein Gepäck in der Halle zurück, und wie erbärmlich und abgewetzt meine Tasche und meine Hutschachtel von hier oben aussahen! Verlegen wendete ich den Blick ab.

Ich hatte Zeit genug, eine Galerie weiterer Gemälde an den Wänden zu betrachten. Ein oder zwei waren hübsche Skizzen italienischer Landschaften, doch wie unten in der Halle waren sie auch hier unangemessen eingestreut in düstere Highland-Szenen mit Vieh und blauen Bergen im Dunst. Es gab keine Familienporträts. Vielleicht hingen sie woanders. Weitere Jardinieren übersäten den Treppenabsatz mit grünen Blattpflanzen und langen Wedeln. Auf einem Podest thronte eine Statue bis in meine Augenhöhe. Es war ein junger Mann mit einem Turban, der elegant einen Kerzenleuchter hielt. Die blicklosen Augen des Kerzenträgers waren auf mich gerichtet und seine vollen Lippen zu einem Lächeln verzogen. Ich empfand echte Dankbarkeit für dieses Bronzelächeln.

Die Masche des Butlers zeigte Wirkung, und als wir die Tür des Salons im ersten Stock erreichten, war in mir zwar nicht gerade der Wunsch zu flüchten erwacht – schließlich gab es nichts, wohin ich hätte flüchten können –, doch ich war nervös und ängstlich gespannt auf das, was ich dort drinnen vorfinden würde. Doch sobald ich den Raum betreten hatte, gab es ein Rascheln von Seide, und eine kleine, stämmige und äußerst lebhafte Frau eilte mir entgegen und umarmte mich herzlich.

»Da bist du ja, meine liebe Elizabeth! Hattest du eine gute Reise? War der Eisenbahnwaggon sauber? Es kommt ja immer so viel Schmutz von der Lokomotive, ganz zu schweigen von der Gefahr, dass fliegende Funken einem Löcher in die Garderobe brennen!«

Sie blickte mich von oben bis unten an auf der Suche nach Ruß oder Schäden an meiner Kleidung.

Mrs Parry war ein gutes Stück jünger, als ich sie mir vorgestellt hatte, kaum drei- oder vierundvierzig. Da ich wusste, dass ihr Ehemann gleich alt gewesen war wie mein Vater, hatte ich sie mir ebenfalls in diesem Alter vorgestellt. Ihre Haut war sehr glatt, ohne Falten und von jener milchigen Qualität, die man hin und wieder bei jungen Frauen auf dem Lande findet. Ihr Haar zu beiden Seiten des Mittelscheitels war glatt und größtenteils unter einer Spitzenhaube verborgen; nur im Nacken waren kastanienrote Löckchen zu erkennen. Auch wenn ihre Gestalt alles andere als modisch war, so entstammte ihre Garderobe der Hand eines exzellenten Schneiders, und der Gesamteindruck war der einer attraktiven Dame in gesetztem Alter.

»Mir geht es gut, Ma’am, danke für Ihre freundliche Nachfrage.«

Meine Nervosität von der Treppe war verflogen. Trotzdem fühlte ich mich, als würde ich von allen Seiten zugleich bestürmt. Der Salon war übersät mit Nippes und Bildern, genau wie die Halle und das Treppenhaus. Es war ein heller Tag Ende Mai und zwar kühl, jedoch nicht kalt; trotzdem brannte ein Kohlenfeuer im Kamin, das den Raum meiner Meinung nach überheizte. Ich kam aus einem Haushalt, wo die Entscheidung, ein Feuer zu entfachen, erst nach Überprüfung der Außentemperaturen getroffen wurde und ich innerlich häufig bis auf die Knochen durchgefroren war, und so erschien mir diese Hitze als Verschwendung. Doch der Anblick der brennenden Kohlen beschwingte mich, und ich fragte mich, wo sie wohl gefördert worden waren und ob sie durch irgendeinen Zufall genau wie ich die Reise von Derbyshire nach London gemacht hatten.

»Als Erstes trinken wir eine Tasse Tee«, sagte Mrs Parry, während sie mich zu einem Sessel führte. »Ich habe Simms bereits gebeten, das Tablett vorzubereiten, sobald du an die Tür geklopft hast. Du musst sehr durstig sein und hungrig obendrein. Wir essen um acht. Kannst du noch so lange warten?« Sie musterte mich aufmerksam. »Oder soll ich Simms bitten, zusätzlich zum Gebäck eine leichte Mahlzeit zu bringen? Vielleicht ein paar pochierte Eier?«

Ich versicherte ihr, dass ich bis acht Uhr warten könne und ein Stück Gebäck völlig ausreichend sei.

Mrs Parry schien ihre diesbezüglichen Zweifel zu hegen, doch ihre Stimmung hellte sich auf, als der Butler erschien. Sie begrüßte das Tee-Tablett mit entzückten Rufen und klatschte in die molligen Hände. Obwohl das Tablett ein wahres Monster seiner Art war, beladen mit zwei verschiedenen Sorten Gebäck und einer Schale mit einem Silberdeckel, handhabte Simms es ohne eine Miene zu verziehen und mit großem Geschick. Nachdem er es abgestellt hatte, nahm er den Deckel von der Schale und enthüllte einen Stapel heißer Muffins mit tropfender Butter.

»Es ist nur ein einfacher Tee«, vertraute Mrs Parry mir an, »aber nach deiner beschwerlichen Reise wage ich zu behaupten, dass du für fast alles bereit bist.«

Ich fing allmählich an zu glauben, dass ich in diesem Haushalt tatsächlich für fast alles würde bereit sein müssen, und dass Nahrungsmittel und die damit in Verbindung stehenden Mahlzeiten eine gewichtige Rolle im Alltag von Mrs Parry spielten. Sie aß jedenfalls wesentlich mehr Muffins und Gebäck, als ich es tat, während sie mich gleichzeitig unablässig drängte, mich nicht zu zieren, und sich dabei das Kinn mit einer Serviette betupfte, um die herunterlaufende geschmolzene Butter aufzufangen.

Endlich lehnte sie sich mit einem zufriedenen Seufzer zurück, und ich sah, dass sie nun zum Geschäftlichen kommen wollte.

»Nun, Elizabeth, als Patentochter meines verstorbenen Ehemannes bis du ja mehr oder weniger ein Familienmitglied und nicht nur eine bezahlte Gesellschafterin wie …« Sie stockte für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie weitersprach, als wäre nichts geschehen. »… eine beliebige andere junge Frau.«

Ich war sicher, dass sie etwas anderes hatte sagen wollen, und ich fragte mich, was es wohl war, das Besonnenheit ihr verboten hatte zu erwähnen, zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Doch ich erkannte auch, dass dies der Augenblick war, sie meiner aufrichtigen Dankbarkeit dafür zu versichern, dass sie mir, als meine Situation verzweifelt geworden war, ein Heim angeboten hatte.

»Nun aber wirklich, meine Liebe!«, sagte Mrs Parry und tätschelte meine Hand. »Das war doch wirklich das Mindeste. Mr Parry hat stets in den höchsten Tönen über deinen verstorbenen Vater gesprochen – auch wenn er immer seinen mangelnden Sinn für das Finanzielle bedauert hat. Es tat ihm leid, weißt du, dass sich dein Vater als Arzt in einer so abgelegenen Gegend niedergelassen hatte, dass er ihn nicht einmal mehr besuchen konnte.«

Ich war nicht ganz sicher, ob sie mir damit sagen wollte, dass mein Vater Mr Parry oder dass der verstorbene Mr Parry meinen Vater hätte besuchen sollen. Wie dem auch sei, meiner Meinung nach lag Derbyshire nicht ganz so abgelegen; doch Mr Parrys Beruf hatte ihm nicht die Zeit zum Reisen gelassen, und der Beruf meines Vaters hatte meinem Vater überhaupt keine Zeit gelassen. Mr Parry – so viel wusste ich, weil mein Vater es mir erzählt hatte – hatte viel Geld mit dem Import von exotischen Tüchern und Stoffen aus allen Ecken der Welt verdient sowie mit einer Reihe von scharfsinnigen, nicht näher spezifizierten Investitionen. Er hatte seine Witwe jedenfalls begütert zurückgelassen.

»Ich habe darüber nachgedacht«, sagte Mrs Parry nun, »wie wir uns anreden sollen. Unter den gegebenen Umständen habe ich beschlossen, dass du mich Tante Parry nennen darfst. Unter vier Augen darfst du mich selbstverständlich auch duzen. Nur in Gesellschaft erwarte ich ein wenig mehr Formalität.« Sie strahlte mich an. Ich war verlegen, doch ich dankte ihr.

»Du wirst selbstverständlich als Mitglied der Familie hier leben. Aber weil du zugleich den Schein wirst wahren wollen, ist mir durchaus bewusst, dass du ein Taschengeld benötigst; außerdem bekleidest du die Stellung meiner Gesellschafterin. Du hast kein eigenes Geld, oder, meine Liebe?«, fragte sie mitfühlend.

Ich konnte nur elend den Kopf schütteln.

»Dann, was würdest du sagen zu …«, sie musterte mich mit erfahrenem Blick, »… vierzig Pfund im Jahr?«

Das war kein Vermögen, doch ich musste nichts für mein Essen und meine Unterkunft bezahlen, und so sollte es möglich sein zurechtzukommen, wenn ich mich ein wenig in Sparsamkeit übte. Obwohl, wenn ich ›den Schein wahren‹ sollte, dann bedeutete das wahrscheinlich eine Menge Sparsamkeit.

Ich dankte ihr erneut und fragte sie ein wenig nervös, worin denn meine Pflichten bestanden.

»Nun, meine Liebe«, antwortete Tante Parry vage, »du musst mir vorlesen und als Partnerin Whist mit mir spielen. Du spielst doch Whist, oder?« Sie beugte sich in Erwartung meiner Antwort vor.

»Ich weiß, wie das Spiel geht«, antwortete ich vorsichtig.

»Gut, gut! Aus deinen Briefen entnehme ich, dass du eine geschickte Hand besitzt. Ich brauche jemanden, der mir meine Briefe schreibt, eine Sekretärin. Ich finde es sehr ermüdend, mit meiner Korrespondenz auf dem Laufenden zu bleiben. Du wirst mich begleiten, wohin auch immer nötig, und in diesem Haus sein, wenn ich Besuch empfange, und vielleicht die ein oder andere Besorgung erledigen. Dergleichen Dinge eben.«

Mrs Parry hielt inne, betrachtete die Überreste des Biskuitkuchens und schien einen inneren Kampf auszufechten.

In mir reifte allmählich die Überzeugung heran, dass ich meine vierzig Pfund im Jahr verdienen würde. Es klang, als würde ich wenig Zeit für mich selbst haben.

»Und du wirst mich unterhalten«, sagte Mrs Parry unvermittelt. »Ich hoffe doch, du bist eine gute Gesellschafterin.«

Ich war sprachlos, doch ich nickte – überzeugend, wie ich hoffte.

»Und nun denke ich, willst du dich sicher erst einmal ein wenig ausruhen. Sind deine Kleider in den Koffern arg zerdrückt? Gibt es eins, das Nugent vor dem Abendessen für dich bügeln kann? Ich werde Nugent sagen, dass sie zu deinem Zimmer gehen und es abholen soll.«

»Kommt Besuch zum Abendessen, Mrs – äh, Tante Parry?« Ich fing an, mich ernstlich ob des mageren Inhalts meiner Reisetasche zu sorgen.

»Heute ist Dienstag«, antwortete Mrs Parry. »Also wird Dr. Tibbett zum Essen kommen. Dienstags und donnerstags sind die Abende, an denen der gute Doktor bei uns speist. Er ist kein medizinischer Doktor, wie dein Vater einer war, sondern ein Geistlicher und ein höchst vornehmer Mann obendrein. Frank ist noch in London; also wird er ebenfalls kommen. Er weiß, dass ich es nicht mag, wenn er dienstags oder donnerstags mit seinen Freunden isst. Der arme Junge, er ist beim Foreign Office, weißt du?«

»Ich wusste nicht … ich meine, ist Frank dein Sohn, Tante Parry? Verzeih meine Unwissenheit.«

»Nein, Liebes, Frank ist mein Neffe, der Junge meiner unglücklichen Schwester Lucy. Sie hat einen Major Carterton geheiratet, der leider an Spielsucht litt. Frank wurde, genau wie du, ohne einen Penny zurückgelassen; doch wie ich bereits sagte, ist er beim Foreign Office und auf dem Weg nach oben, und es heißt, dass er in Kürze ins Ausland gehen wird. Wenn es so weit ist, hoffe ich, dass er nicht in ein zu kaltes oder zu heißes Land kommt oder irgendwohin, wo es gefährlich ist. Außerdem ist das Essen in diesen abgelegenen Ecken der Welt manchmal äußerst eigenartig. Die Menschen dort essen widerliche Dinge und würzen sie mit allen möglichen Merkwürdigkeiten. Wenn er in London ist, kommt er häufig hier essen, wo er zumindest ein ordentliches englisches Mahl genießen kann.«

Tante Parry stieß einen Seufzer aus und gab der Versuchung nach, indem sie sich ein letztes Stück vom Biskuitkuchen genehmigte.

Simms, der Butler, war irgendwann im Laufe des letzten Teils unserer Unterhaltung lautlos aufgetaucht.

»Wenn Sie mir bitte folgen würden, Miss?«, sagte er nun an mich gewandt.

Er führte mich ins nächste Stockwerk hinauf und über einen Gang; dann deutete er auf eine Tür. »Ihr Zimmer, Miss.«

Das war alles. Er ließ mich dort stehen, und ich öffnete die Tür. Irgendjemand war bereits vor mir eingetreten: eine scharfgesichtige Frau in dunkelgrauer Garderobe, die umgeben war von einer einschüchternden Aura der Respektabilität. Sie hatte meine Garderobe aus der Reisetasche genommen und alles flach auf dem Bett ausgebreitet. Als ich eintrat, unterbrach sie ihre Arbeit und wandte sich zu mir um.

»Ich bin Nugent, Miss. Mrs Parrys Kammerzofe.«

»Danke sehr, Nugent«, sagte ich, »dass Sie meine Sachen ausgepackt haben. Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen.«

Es war nicht nur freundlich, sondern darüber hinaus auch äußerst peinlich. Nugent konnte kaum die Stopfflecken in meinen Strümpfen übersehen haben oder die verbrannte Stelle an einem meiner Hausmäntel, Resultat eines Augenblicks der Unbesonnenheit, als eine hastige Bewegung das Steifleinen, welches den Stoff stützte, zu nah ans Feuer geschwungen hatte, ganz zu schweigen von dem in einem Schottenmuster karierten Kleid, das sorgfältig aufgetrennt und auf links gedreht wieder zusammengenäht worden war, um noch eine Weile getragen zu werden. Doch wenn Nugent meine Garderobe als abgerissen und abgetragen befand, so sagte sie zumindest nichts dergleichen.

»Soll ich dieses hier bügeln, Miss?« Sie hielt mein bestes Kleid in die Höhe, das ich eigentlich für besondere Gelegenheiten hatte aufbewahren wollen.

»Ja, bitte tun Sie das«, antwortete ich schwach.

Nugent huschte mit meinem Kleid über dem Arm davon. Sie hatte meine persönlichen Sachen unten in der Tasche gelassen. Ich nahm meine Haarbürste und meinen Kamm hervor sowie einen kleinen, in Elfenbein gefassten Handspiegel und legte alles auf die Frisierkommode. Die Kommode war bereits älteren Datums – aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts in etwa, schätzte ich. Ursprünglich ein sehr hübsches Stück mit Intarsienarbeiten, doch von den Holzscheibchen eines Füllhorns fehlten inzwischen einige. Ich vermutete, dass dieser Mangel und der verwohnte Zustand dazu geführt hatten, dass sie in dieses Zimmer verbannt worden war, um von der Gesellschafterin benutzt zu werden.

Als Nächstes holte ich die kleine mit Japanlack überzogene Schachtel hervor, die meinen wenigen Tand enthielt; Schmuck konnte ich es wohl kaum nennen. Ich besaß lediglich eine Bernsteinhalskette und einen Ring mit einem winzigen Rubin, und beides hatte meiner Mutter gehört.

Meine Mutter war dann das Letzte, was ich aus der Tasche nahm, oder besser, ihr Porträt. Ich hielt es in der Hand und betrachtete es eine Weile. Es war ein kleines Aquarell von ovaler Form und etwa fünfzehn Zentimeter hoch und zehn breit. Es war in einen schwarzen Samtrahmen gefasst, und ich vermutete, dass es nach ihrem Tod in diesen Rahmen gekommen war. Es hatte über dem Bett meines Vaters gehangen. Ich besaß nur wenige Erinnerungen an meine Mutter, und nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob ich ihr wohl ähnlich sah. Der Maler hatte ihre Augen grau-blau dargestellt. Meine waren grau. Ihr Haar hatte einen leichten Rotton, doch meines war dunkelbraun. Mary Newling, unsere Haushälterin, hatte mir erzählt, dass mein Vater nie über den Tod seiner geliebten Frau hinweggekommen sei. Ich glaubte ihr gerne. Auch wenn er ein ausgeglichener, freundlicher Mann gewesen war, hatte ich stets eine tiefe Traurigkeit hinter jedem Lächeln gespürt. Ich legte das Porträt flach auf die Frisierkommode, bis ich Zeit fand, es an der Wand aufzuhängen.

Auch in diesem Zimmer hingen zahlreiche Bilder an den Wänden, genau wie sonst überall im Haus. Wenigstens blieben mir hier langhaarige Highland-Rinder erspart, die mich aus blauem Dunst heraus anstarrten. Stattdessen gab es mehr italienische Landschaften und eine ganz besonders hässliche Darstellung in Öl von einer weinenden Gestalt in schwerem Flor, umgeben von dunklen Bäumen und etwas, das aussah wie Grabsteine. Ich nahm mir vor, dieses Bild bei der ersten sich bietenden Gelegenheit abzuhängen und zu verstecken.

Ich öffnete die lackierte Schachtel und sah inmitten meines Schmucks ein kleines Stück aus grauem Schiefer. Es war mein Talisman, der mir vor langer Zeit geschenkt worden war und mir Glück bringen sollte. Es war auf seine Weise ein höchst ungewöhnliches Stück, mit dem Abdruck eines winzigen Farns auf der Vorderseite. Ich nahm es hervor und drehte es so, dass sich das Licht darin fing; dann legte ich es behutsam wieder zurück. Von nun an würde ich mir mein Glück selbst erschaffen müssen, sollten sich mir in Zukunft weitere Hindernisse in den Weg stellen. Das erste davon war gleich an diesem Abend zu erwarten, wenn ich dem Rest des Haushalts vorgestellt wurde.

Ich seufzte. Ich war so voll mit Kuchen und Muffins, dass ich mir nicht vorstellen konnte, an diesem Tag noch etwas herunterzubringen. Zu Hause hatten wir unsere tägliche Hauptmahlzeit auf altmodische Weise mittags eingenommen. Dies war meinem Vater zupassgekommen, der morgens Patienten in seiner Praxis empfangen hatte und nachmittags zu seinen bettlägerigen Patienten gefahren und häufig erst spät in der Nacht wieder nach Hause gekommen war. Wir pflegten dann ein einfaches Abendessen vor dem Kamin einzunehmen, meistens Toast und vielleicht, wenn es Winter war, eine von Mary Newlings deftigen Suppen aus Wurzelgemüse in Fleischbrühe. Der Gedanke an die ›gute englische Küche‹, die mich an diesem Abend erwartete, erfüllte mich mit Furcht.

Auch fürchtete ich, dass ich als Bauerntölpel erscheinen könnte, selbst in meinem besten Kleid. Doch ich trug noch immer Halbtrauer wegen meines Vaters, und deswegen konnte niemand von mir erwarten, dass ich mich herausputzte wie eine Modepuppe.

Kurz nach sieben ging ich hinunter. Ich hatte mein Haar zu einem einfachen Knoten zusammengesteckt und mir einen Schal aus Nottingham-Spitze über das Miederoberteil meines Kleids gelegt, das Nugent wunderbar gebügelt zurückgebracht hatte. Ob es reichte oder nicht, ich hatte nichts anderes. So früh ich auch war, die übrige Gesellschaft hatte sich bereits eingefunden.

Ich fand sie im großen Salon vor, der noch größer war als der Privatsalon, den ich bereits kannte, und noch kostbarer möbliert. Erneut brannte ein prächtiges Feuer in dem mit Marmor eingefassten Kamin. Tante Parry begrüßte mich überschwänglich. Sie war, was Mary Newling als einen Anblick für müde Augen beschrieben hätte. Ihr seidenes Kleid war in einer der noch immer neuen Farben gehalten: Magenta. Ihre Spitzenhaube war verschwunden und ihr kastanienbraunes Haar dank Nugents Geschick auf außergewöhnliche Weise frisiert. Es war zu beiden Seiten des Kopfes über ihren Schläfen in je eine dicke Locke gelegt, und hinten hingen zahlreiche falsche Löckchen herunter. Von den Ohrläppchen baumelten Ringe mit großen grünen Edelsteinen darin. Eine dazu passende Halskette und mehrere Armreifen vervollkommneten ihren Putz. Ich hoffte, dass alles nur Tand war, und glaubte es auch – selbst ein indischer Radscha hätte Mühe gehabt, derart viele echte Smaragde zu finden.

Vor dem Kamin standen zwei fremde Gentlemen. Sie waren in eine angeregte Unterhaltung vertieft, als ich eintrat, doch sie wandten sich unverzüglich um und starrten mich an. Der ältere von beiden, zur Rechten, hatte den Fuß auf die Messingstange vor dem Kamin gestellt, und sein rechter Arm ruhte auf dem Sims mit seiner Dekoration aus Samt und Spitzen. Der jüngere der beiden, zur Linken, hatte eine dazu spiegelbildliche Pose eingenommen. Es war unmöglich, die beiden nicht mit den King-Charles-Spaniels aus Porzellan zu vergleichen, die auf dem Kaminsims hinter ihnen thronten. Der zur Rechten hatte irgendein Argument unterbreitet, und der andere hatte aufmerksam gelauscht. Doch nun verstummten sie, während mich Tante Parry mit den Worten vorstellte: »Das hier ist Elizabeth Martin, die als Gesellschafterin zu mir gekommen ist. Sie war die Patentochter des verstorbenen Mr Parry. Ihr ebenfalls verstorbener Vater und Josiah waren Jugendfreunde.«

Die beiden Männer besaßen keinerlei Ähnlichkeit mehr, nun, da sie ihre Posen am Kamin aufgegeben hatten. Der ältere Mann war, so schätzte ich, um die sechzig und musste Dr. Tibbett sein. Sein dichtes silbergraues Haar lockte sich auf dem Kragen, und mit den üppigen Koteletten war er eine imposante, löwenhafte Gestalt. Seine Kleidung war pechschwarz, und ich erinnerte mich daran, dass er ein Geistlicher war.

Der andere musste demzufolge Tante Parrys Neffe sein, Frank Carterton, der aufgehende Stern des Foreign Office. Ich sinnierte ironisch, dass Frank zwar laut Mrs Parrys Aussage genau wie ich mit nichts zurückgelassen worden war, doch unsere jeweilige Lebenssituation hatte sich völlig unterschiedlich entwickelt. Ich war abhängig von Mrs Parrys Mildtätigkeit und davon, dass sie mich angestellt hatte. Frank hatte eine Karriere angefangen. Ich vermutete, dass seine Tante ihm außerdem großzügige Zuwendungen machte. Er war in einen gut sitzenden schwarzen Cutaway-Mantel gekleidet mit Schwalbenschwänzen und eine Brokatweste von exotischem Schnitt. Sein schwarzes Seidenhalstuch wurde von einem großen böhmischen Knoten gehalten. Sein Haar war lockig, vermutlich durch Zuhilfenahme einer Brennschere, und er war unzweifelhaft ein gut aussehender junger Mann. Er ließ den Blick über mich gleiten, und ich fühlte mich unangenehm an jenen Mann auf dem Bahnsteig erinnert, der so kurz im Qualm aufgetaucht war und mich so abfällig gemustert hatte. Ich war sofort gegen ihn eingenommen. Außerdem hatte ich Dandys noch nie ausstehen können.

Dr. Tibbett, der geistliche Gentleman, hatte mich ebenfalls von Kopf bis Fuß gemustert und meldete sich nun zu Wort. »Ich hoffe doch, dass Sie eine gute christliche junge Lady sind, Miss Martin.«

»Jawohl, Sir, das bin ich, nach bestem Wissen und besten Kräften.«

Frank Carterton legte die Hand auf den Mund und wandte sich zur Seite.

»Starke Prinzipien, Miss Martin, starke Prinzipien sind das, was uns in Zeiten der Not stützt. Sie haben Ihren Vater verloren, wenn ich richtig informiert bin. Ich hoffe, Sie wissen Mrs Parrys Freundlichkeit zu schätzen, die Ihnen ein so behagliches Zuhause bietet.«

Ja, ich wusste es zu schätzen, und das hatte ich Tante Parry bereits gesagt; deswegen erwiderte ich lediglich: »Selbstverständlich!«

Es kam ein wenig harscher heraus, als ich beabsichtigt hatte, und Frank Carterton hob die Augenbrauen und bedachte mich mit einem zweiten, eingehenderen Blick.

»Und eine demütige Haltung!«, mahnte Dr. Tibbett streng.

»Nun denn, Frank!«, unterbrach Mrs Parry ein wenig nervös, »erzähl uns doch bitte, was du heute so gemacht hast.«

»Ich habe an meinem Schreibtisch gesessen, Tante Julia. Ich war verantwortlich für die Verschwendung einer großen Menge Papier und Tinte.«

»Ich bin sicher, du arbeitest sehr hart, Frank. Du darfst nicht zulassen, dass sie deine Gutmütigkeit ausnutzen.«

»Die Arbeit ist kaum anstrengend, Tante. Ich schreibe ein Memo und schicke es zur nächsten Abteilung, die ein weiteres Memo verfasst und es an mich zurücksendet. So geht es hin und her, den größten Teil des Tages, wie bei einem Pfänderspiel auf einer Party. Das Amüsante daran ist, die beiden Abteilungen liegen Tür an Tür, und jeder der Schreiber muss nur seinen Schreibtisch verlassen und den Kopf durch die Tür des nächsten Zimmers stecken, um seine Erkundigungen einzuziehen. Doch so arbeitet die Regierung nicht! Ich habe übrigens ein paar Neuigkeiten«, fügte Frank ein wenig zu sorglos hinzu.

Aha!, dachte ich. Was auch immer diese Neuigkeiten sein mögen, seine Tante wird sie nicht gerne hören.

»Wie ich Dr. Tibbett hier bereits erzählt habe, wurde mir heute mitgeteilt, dass man mich in Kürze als Verstärkung nach St. Petersburg zu unserer dortigen Botschaft entsenden möchte.«

»Nach Russland!«, kreischte Mrs Parry entsetzt. Magentafarbene Seide raschelte; grüne Ohrringe tanzten aufgeregt, und das Licht glitzerte und funkelte auf sämtlichen Anhängern und Armreifen, als sie die plumpen weißen Arme hob. Die Geste mochte theatralisch ausgesehen haben, wäre ihr Entsetzen nicht so offensichtlich real gewesen.

»Das ist unmöglich! Das Klima dort ist grauenvoll! Monatelang nichts als Schnee; das Land ist voller Wölfe und Bären und verzweifelter Kosaken wie jene, die unsere Soldaten auf der Krim niedergemetzelt haben. Die Bauern sind ungeschlacht und ständig betrunken; Krankheiten herrschen allerorten, und wie willst du dich dort überhaupt unterhalten?«

Carterton beugte sich beruhigend über sie herab. »Ich werde mein Bestes tun, um mich von alldem fernzuhalten, Tante. Keine Sorge, ich denke, meine Anstellung dort wird ganz angenehm werden. St. Petersburg ist eine feine Stadt mit Theatern und Bällen. Ich werde bestimmt keinen ungeschlachten Bauern begegnen. Die russische Oberschicht ist äußerst kultiviert und gleich ob Mann oder Frau, alle sprechen ein exzellentes Französisch – jedenfalls hat man mir das erzählt.«

Doch Mrs Parry war nicht zu besänftigen, und obwohl Dr. Tibbett ihrem Neffen Frank zu Hilfe kam, beklagte sie noch immer sein Schicksal, als Simms erschien und verkündete, dass das Dinner angerichtet sei. Dr. Tibbett bot Mrs Parry seinen Arm, und das bedeutete, dass ich notgedrungen den Arm akzeptieren musste, den Frank mir reichte.

»Eigenartiger alter Knochen, nicht wahr?«, flüsterte Frank mir mit einem Nicken auf Tibbetts Rücken zu, als der Geistliche und Mrs Parry vor uns her in den Speiseraum gingen. »Kommt zweimal die Woche zum Essen hierher, spielt an zwei weiteren Tagen Whist mit Tante Parry und findet ständig eine neue Entschuldigung, um an den verbleibenden Tagen auch noch vorbeizukommen. Sie wissen sicher, was das bedeutet, oder?«

»Dass er ein Freund von Mrs Parry ist«, murmelte ich und wünschte mir, er würde nicht auf diese Weise reden, insbesondere, weil die nicht geringe Möglichkeit bestand, dass man ihn hörte.

»Keine Sorge«, sagte er, als hätte er geraten, was mir durch den Kopf ging. »Der alte Tibbett hört keine Stimme außer seiner eigenen. Meiner Meinung nach macht er Tante Julia den Hof. Na ja, viel Glück wünsche ich ihm.« Und Frank kicherte, obwohl ich nicht wusste, was daran so lustig sein mochte.

»Wann fahren Sie nach Russland, Mr Carterton?«, erkundigte ich mich.

»Autsch! Das dauert noch eine Weile. Entschuldigung, bin ich Ihnen etwa zu nahe getreten? Ich hatte gehofft, Sie wären nicht so eine Spielverderberin wie Maddie. Als Sie Tibbett vorhin fast den Kopf abgebissen haben, hatte ich die größten Hoffnungen. Enttäuschen Sie mich jetzt nicht, Miss Martin, bitte nicht.«

Er verdrehte die Augen. Das sollte wohl komisch sein.

Ich war jedoch nicht amüsiert; stattdessen erwachte meine Neugier. Wer war Maddie? Ärgerlicherweise erreichten wir just in dem Augenblick, als ich endlich eine Frage hatte, die ich ihm stellen konnte, den Speiseraum, und ich musste mich zunächst in Geduld üben.

Bald wurde offensichtlich, dass Dr. Tibbetts dröhnende Stimme den Esstisch dominierte, als er anfing, uns mit seiner Meinung über jedes Thema des Tages zu beglücken. Frank hatte großes Geschick darin, gerade ausreichend viel zu sagen, um Tibbett in Fahrt zu halten, und Mrs Parry akzeptierte jedes von Tibbetts Worten mit verzücktem Respekt. Ich musste daran denken, was Frank mir erzählt hatte, dass der alte Gentleman zweimal in der Woche zum Essen herkam und auch sonst regelmäßig zu Besuch war, und meine Stimmung sank. Da Mrs Parry ihrer Hoffnung Ausdruck verliehen hatte, ich wäre eine gute Gesellschafterin, nutzte ich die erste sich bietende Gelegenheit, um selbst das Wort zu ergreifen und Dr. Tibbett zu fragen, ob er vielleicht zufällig Pfründe in der Gegend besaß.

Ich musste erfahren, dass der gute Doktor nach seiner Priesterweihe abgesehen von einer kurzen Amtszeit als Assistenzkurator nie ein Gemeindepfarrer gewesen war. Er hatte fast sein ganzes Leben als Lehrer verbracht, in der Tat sogar als bedeutender Schulmeister. Wenn er keinen einflussreichen Gönner gehabt hatte, um seine Karriere als Pfarrer zu fördern, war es wahrscheinlich klüger gewesen, sich einem anderen Beruf zuzuwenden. Ein schlecht bezahlter Kurator ohne Hoffnung auf eine Pfründe war wenig mehr als eine arme Verwandte wie ich. Doch ein Schulmeister einer guten Schule ist eine angesehene Persönlichkeit, der man Respekt entgegenbringt. Es erklärte zumindest eine Sache, nämlich die, woher er seine überheblichen Manieren hatte. Er redete mit uns wie mit einer Klasse faszinierter kleiner Buben.

Nun machte er sich daran, mich in meine Schranken zu weisen, weil ich es gewagt hatte, ihn in seinem Redefluss zu unterbrechen. »Ich hoffe sehr, Miss Martin, dass Sie sich in die Gewohnheiten dieses Haushalts einfinden und all das sein werden, was Mrs Parry von Ihnen erwartet.«

»Ich werde mein Bestes tun«, versprach ich ihm.

»Sie wissen sicherlich«, fuhr er fort und richtete den Blick grimmig auf mich, »dass unsere gütige Lady bereits eine große Enttäuschung erlebt hat.«

Ich erschrak, weil mir beim besten Willen nicht einfallen wollte, womit ich meine Wohltäterin in der kurzen Zeit enttäuscht hatte, die ich im Haus weilte.

Doch Frank meldete sich zu Wort und erlöste mich. »Dr. Tibbett meint damit nicht Sie, Miss Martin.«

Mrs Parry blickte verwirrt drein. Sie ließ die Gabel fallen, mit der sie ein Stück Steinbutt seziert hatte, und tupfte sich mit einer Serviette den Mund. »Ich habe Miss Martin diese elende Geschichte bisher noch gar nicht erzählt, fürchte ich. Ich dachte, dass ich es vielleicht morgen …«

»Ah«, sagte Dr. Tibbett, nicht im Mindesten verlegen, dass er ins, wie es so schön heißt, Fettnäpfchen getreten war. »Peinliche Erklärungen werden nicht dadurch einfacher, dass man sie hinauszögert.«

»Nein … nein, in der Tat nicht«, stammelte die arme Mrs Parry.

Frank beeilte sich, die Unterhaltung weiterzuführen. Seinem Blick nach zu urteilen, war er ungehalten wegen Dr. Tibbetts tadelndem Ton gegenüber seiner Tante.

»Hören Sie«, sagte er. »Es ist kein Geheimnis und, na ja, es ist eigentlich auch kein Skandal. Es ist nämlich so, Miss Martin: Vor Ihnen gab es schon einmal jemanden, der die Stellung der Gesellschafterin von Tante Julia innehatte. Ihr Name war Maddie Hexham.«

»Miss Madeleine Hexham«, korrigierte ihn Dr. Tibbett gereizt. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, dass man ihm so den Wind aus den Segeln nahm. »Eine junge Person aus der Provinz, aus dem Norden, genau wie Sie, Miss Martin.«

»Sie hatte exzellente Referenzen«, sagte Mrs Parry ziemlich kleinlaut für meinen Geschmack. »Sie kam auf eine Empfehlung von einer Freundin von Mrs Belling.«

»Das Leben in London …«, sagte Dr. Tibbett und fixierte mich streng, »… das Leben in London war nichts, woran sie gewohnt war. Zu ihrer Unerfahrenheit in Bezug auf diese große Stadt und ihre Versuchungen kam ihr eigener beklagenswert schwacher Charakter und, wie wir leider feststellen mussten, ein gewisses Talent, andere zu täuschen. Ganz ohne Zweifel hat sie ihre exzellenten Referenzen auch auf diese Weise erhalten. Durch Heuchelei, Ma’am! Durch Heuchelei!«

»Tatsache ist«, sagte Frank laut, »dass Miss Hexham ohne Vorankündigung aus diesem Haus verschwunden ist, und niemand hat sie seither gesehen! Sie hat nichts mitgenommen, und wir alle dachten zuerst, sie hätte einen Unfall gehabt. Wir informierten die zuständige Polizei. Genutzt hat es nichts. Wie sich dann herausgestellt hat, hätten wir uns die Mühe sparen können.«

»Sie hat geschrieben«, erklärte Mrs Parry. »Ungefähr zehn Tage später, Elizabeth, erhielt ich einen Brief von ihr. Keinen langen Brief, doch ausreichend, um uns, nein, ich kann nicht sagen zu beruhigen, aber doch genug, um uns zu berichten, was sich ereignet hatte. Ich muss sagen, ich war äußerst überrascht. Wenigstens hat sie es für nötig befunden, uns über ihre Handlungen zu informieren.«

»Und was für Handlungen waren das, Ma’am?«, grollte Dr. Tibbett, und seine Augen leuchteten triumphierend. »Sie war in Sünde und Unzucht gefallen. Das hat sie uns in ihrem Brief berichtet.«

»Sie ist mit einem Mann durchgebrannt«, übersetzte Frank für mich.

»Sie schrieb, dass es ihr leid täte, wenn ich ihretwegen Unannehmlichkeiten hätte«, sagte Mrs Parry traurig. »Sie hätte ihre Sachen nicht mitgenommen, weil es Fragen nach sich gezogen hätte, wäre sie mit einer Tasche beim Verlassen des Hauses gesehen worden. Sie bat mich, mit den Sachen zu machen, was ich für richtig hielt.«

»Keinerlei Gefühl für Verantwortung!«, schimpfte Dr. Tibbett. »Moralische Schwäche, Ma’am, moralische Schwäche ist leider, leider heutzutage bei jungen Leuten weit verbreitet!«

»Wann war das?«, wagte ich zu fragen.

»Oh, warten Sie … vor sechs bis acht Wochen, schätze ich«, antwortete Frank. »Eher vor zwei Monaten. Ich muss sagen, ich war ebenfalls ziemlich überrascht. Sie kam mir immer wie so eine kleine graue Maus vor, wissen Sie? Wer hätte so etwas von ihr gedacht?«

»Eine Heuchlerin!«, schimpfte Dr. Tibbett einmal mehr.

Die Unterhaltung wurde durch das Abräumen der Reste vom Steinbutt und der Ankunft eines gegrillten Kalbsschenkels unterbrochen. Als sie wieder anfing, war das Thema meiner verschwundenen Vorgängerin wie durch stummes Einverständnis vom Tisch.

Nach dem Essen gingen Dr. Tibbett und Frank in die Bibliothek, um dort Zigarren zu rauchen, und Mrs Parry und ich kehrten in den Salon zurück. Ich war inzwischen sehr müde nach einem langen, anstrengenden Tag, und es kostete mich viel Anstrengung, wach zu bleiben, geschweige denn, Konversation zu betreiben.

Mrs Parry nutzte die Gelegenheit, um noch einmal auf das Thema von Franks Versetzung nach St Petersburg zurückzukommen.

»Ich wusste natürlich, dass Frank irgendwohin geschickt werden würde, keine Frage. Allerdings hatte ich sehr gehofft, dass es ein angenehmes, zivilisiertes Land sein würde, beispielsweise Italien. Mr Parry und ich waren auf unserer Hochzeitsreise in Italien. Das Klima war so angenehm mild und die Landschaft so wunderbar, dass ich mich sogleich in dieses Land verliebt habe. Wir wohnten in einer entzückenden Villa am Ufer eines herrlichen Sees, umgeben von Bergen. Von Zeit zu Zeit gab es spektakuläre Gewitterstürme, und die Blitze zuckten von Gipfel zu Gipfel. Aber Russland … Was um alles in der Welt will er denn in Russland? Allein der Gedanke, dass es gerade mal zehn Jahre her ist, seit wir diesen schrecklichen Krieg am Schwarzen Meer mit ihnen ausgefochten haben! Franks Vater war ein Offizier der Kavallerie und hätte vielleicht ebenfalls an diesem Krieg teilgenommen, wenn er sich nicht ein paar Jahre zuvor das Gehirn aus dem Schädel geschossen hätte!«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, um sie zu trösten, doch es dauerte nicht lange, bis die Gentlemen zurückkehrten und ich von der Notwendigkeit erlöst wurde, es zu versuchen. Als sie das Zimmer betraten, hatte ich den Eindruck, dass Frank ein wenig errötet wirkte und die Contenance verloren zu haben schien. Ich fragte mich, ob es vielleicht einen Streit gegeben hatte. Falls ja, hatte er Dr. Tibbett jedenfalls kaltgelassen, der mit geübter Bewegung seine Schwalbenschwänze beiseitewischte, als er sich setzte und mühelos die Konversation an sich riss wie schon zuvor.

Wir wurden nun mit seinen Ansichten bezüglich der gegenwärtigen Situation der Kirche von England vertraut gemacht, die – wenn man seinen Worten Glauben schenken durfte – von allen Seiten belagert wurde. Die Mächte, welche die Trennung von Staat und Kirche betrieben, hatten ihre Truppen in Bewegung gesetzt und unterwanderten das Parlament. Mehr noch, informierte Dr. Tibbett uns, die Kirche wurde von außen unterminiert durch den wachsenden Einfluss der Methodisten und von innen durch die unheilvollen Intrigen der Traktarianer, von den Angriffen der Darwinisten und ihren verderbten Theorien gar nicht erst zu reden.

»Ich habe Darwins Buch über den Ursprung der Arten gelesen«, sagte ich unbekümmert, da ich hier eine Gelegenheit sah, mich als gute Unterhalterin zu profilieren und Dr. Tibbetts nahtlose Hetztiraden für ein, zwei Augenblicke zu unterbrechen. Seine dröhnende Stimme verursachte mir Kopfschmerzen. Mrs Parry saß dort und nickte wie eine Puppe, und Frank starrte zur Decke hinauf und murmelte von Zeit zu Zeit seine Zustimmung, obwohl er offensichtlich keine Idee hatte wozu. Ich vermutete, dass er mit den Gedanken ganz woanders war.

Eine betäubte Stille folgte meinen Worten.

Mrs Parry sah verwirrt aus. Frank nahm den Blick von der Decke, hob die Augenbrauen und grinste. Dr. Tibbett legte die Fingerspitzen zusammen.

»Das ist kein angemessenes Werk, um es in die Hände einer Lady zu legen«, bemerkte er.

»Mein Vater hat es kurz vor seinem Tod erworben. Er las tatsächlich noch an seinem letzten Abend darin.«

»Ah!«, rief Dr. Tibbett aus, als würde das alles erklären.

»Nun ja«, warf Frank ein. Sein Interesse an der Konversation war offenbar wieder geweckt, und ein spitzbübisches Leuchten trat in seine Augen. »Ich habe es nicht gelesen wie Miss Martin hier, aber wenn ich recht informiert bin, haben Darwin und seine Naturforscherkollegen herausgefunden, dass die Schöpfung, wie die Bibel sie lehrt, nichts als Humbug ist. Die Welt wurde nicht in sechs Tagen erschaffen, und es hat alle möglichen Arten eigentümlicher und wundervoller Tiere gegeben, bevor Wesen wie Sie und ich den Fuß auf diese Erde gesetzt haben. Ist das nicht so, Miss Martin?«

Dr. Tibbett räusperte sich. »Ich für meinen Teil stimme zu, dass wir nicht wortwörtlich nehmen dürfen, was das Alte Testament uns erzählt. Es spricht von sechs Tagen, wo möglicherweise sechs Epochen gemeint sind. Doch was Monster angeht, die über die Erde gestreift sind … Wir müssen die Mehrzahl davon genauso einordnen wie die Meerjungfrauen und Riesenreptilien aus der Phantasie unwissender Seeleute.«

»Selbst wenn dem so wäre, muss die Welt früher anders ausgesehen haben«, sagte ich. »Es heißt, wo sich heute Kohlenflöze unter der Oberfläche befinden, waren einst große Wälder, und ich habe ein Stück Schiefer …«

Ich durfte nicht zu Ende sprechen.

»Meine Liebe!«, unterbrach mich Dr. Tibbett. »Derartige Dinge lassen sich durch die Sintflut erklären, in deren Verlauf die Welt zerstört wurde und danach neu geschaffen. Sie leiden eindeutig unter der Verwirrung, die so leicht entsteht, wenn man ein Werk wie das dieses Darwin in die Hand so junger Menschen legt. Mein Rat an Sie, Miss Martin, lautet, geeignete Werke zur Erbauung zu lesen, wenn Sie mit Ihrer täglichen Bibelstunde fertig sind. Davon gibt es eine ganze Reihe, sollte ich meinen.«

»James Belling besitzt eine Fossiliensammlung«, sagte Frank. »Er fährt regelmäßig nach Dorset und zu ähnlichen Orten und gräbt sie dort aus. Es gibt ein paar ziemlich eigenartige Kreaturen darunter, von denen heutzutage keine mehr lebt. Darwin kann sich nicht völlig irren.«

»Ich bestreite nicht die Existenz dieser Knochen«, räumte Dr. Tibbett ein. »Ich habe selbst einige davon gesehen. Sie sind wirklich äußerst eigenartig. Doch ich bezweifle, dass sie so alt sind, wie behauptet wird. Selbst die extravagantesten Berechnungen vermögen es nicht, die Welt mehr als ein paar Tausend Jahre alt zu machen. Ich bezweifle auch, dass so viele verschiedene Spezies aus so wenigen gemeinsamen Vorfahren entspringen können. Der junge Belling mag durchaus ein paar interessante Spezimen gefunden haben, und ich bestreite nicht, dass manche Spezies bereits vor der Sintflut ausgestorben sein könnten …«

»Man fragt sich, wie unsere eigenen Vorfahren …«, setzte Frank an.

Er durfte ebenfalls nicht ausreden. Dr. Tibbett, der bis zu diesem Augenblick in ganz vernünftigem Ton seinen Standpunkt vertreten hatte, wurde knallrot im Gesicht und setzte zu einer Tirade an.

»Ich werde nicht zulassen, dass Dinge wie diese gesagt werden! Der Mensch ist der restlichen Schöpfung überlegen! Es ist unvorstellbar, dass der Mensch ein Tier sein soll, wie ein … ein … ein Affe! Wenn er es tatsächlich wäre, würde er nicht zur Kreativität fähig sein! Was ist mit Musik, Kunst, Literatur und Philosophie? Glauben Sie im Ernst, dass all die Zivilisationen, die die Welt bisher gesehen hat, nichts als Zufall sind? Hat etwa ein Affe die Pyramiden erbaut? Hat ein Affe Rom zum Glanz geführt? Wurden die unsterblichen Worte Homers von einem Schimpansen niedergeschrieben? Unterschiedliche Spezies von Tieren und Fischen mögen gekommen und wieder verschwunden sein, aber der Mensch selbst war stets ein Wesen von überlegenem Intellekt und überlegenen Fähigkeiten! Der Mensch allein hat einen Sinn für das Spirituelle. Der Mensch allein kann sich Dinge jenseits seiner unmittelbaren Erfahrung vorstellen, wozu kein gewöhnliches Tier je imstande wäre!«

»Nun ja, Sir, ich gestehe, dass ich es selbst nicht wirklich verstehe«, ging Frank vor dem Feuer in Dr. Tibbetts Augen und der Art und Weise seiner Erregung in Deckung. »Die Vermutung, dass unsere Vorfahren in kaum aufrechtem Gang herumgerannt sind, von oben bis unten behaart, ohne Sprache und, verzeihen Sie mir, meine Damen, ohne auch nur ein Mindestmaß an Kleidung, erscheint auch mir ein wenig weit hergeholt.«

»Weit hergeholt?«, polterte Dr. Tibbett. »Das ist mehr als das! Das ist, wenn überhaupt irgendetwas, Sir, der reinste Humbug!«

»Haben wir nicht vielleicht Zeit«, warf unsere Gastgeberin ein, »für eine Partie Whist, bevor Sie gehen müssen, lieber Doktor?« Während wir gestritten hatten, war sie zunehmend nervös geworden. Der Darwinismus war ohne jegliches Interesse für sie, und wir verloren kostbare Zeit, die wir viel besser mit ihrer Lieblingsbeschäftigung ausfüllen konnten.

Aber wie es schien, blieb noch genug Zeit. Frank stellte den Kartentisch auf, und obwohl ich keine Expertin war im Kartenspiel, war meine anfängliche Müdigkeit verflogen, und ich hatte meine ›zweite Luft‹ bekommen. Ich schlug mich einigermaßen wacker. Der Rest des Abends verging auf recht angenehme Weise. Selbst Dr. Tibbetts förmliche Art ließ ein wenig nach, obgleich ich ihn das ein oder andere Mal dabei überraschte, wie er mich nachdenklich studierte, wenn er glaubte, ich wäre ganz bei meinen Karten. Sein Blick war weder antagonistisch noch freundlich, sondern völlig neutral. Scharfsinnig, ja. Ich spürte, dass ich in eine Kategorie einsortiert wurde. Dr. Tibbett mochte ja die Theorien Darwins ablehnen, doch er hatte seine eigenen Theorien über Männer und Frauen, so viel stand fest.

Der Besucher verließ das Haus gegen elf. Frank ging mit ihm nach unten, doch er kehrte sofort wieder zurück. Übellaunig warf er sich in einen der Sessel beim Kartentisch, nahm willkürlich einige Karten zur Hand und begann, sie in peinlich genauen Reihen auszulegen, deren Sinn ich nicht zu erkennen vermochte. Mrs Parry war nach oben in ihr Schlafzimmer gegangen, wo Nugent geduldig gewartet hatte, um ihre Herrin auszuziehen und ihr den bemerkenswerten Kopfputz abzunehmen. Was bedeutete, dass ich mich ebenfalls zurückziehen konnte. Ich öffnete den Mund, um Frank eine gute Nacht zu wünschen, doch er blickte nicht auf und schien überhaupt nicht zu ...

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