Logo weiterlesen.de
Wer reinkommt, ist drin

Verena Carl: Wer reinkommt, ist drin

Dieser Roman ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder schon toten Personen, mit realen Namen oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

BASTEI ENTERTAINMENT

Ranke

Nachher

Am Tag, an dem die Sonne verschwand, verschwand auch München.

Natürlich war die Stadt nicht einfach weg, so wie in einer Szene aus einem Science-Fiction-Film. Die Frauenkirche stand noch, der Englische Garten und auch die Postfiliale gegenüber Ulrike Beckers türkisfarbenem Haus in der Bergmannstraße. Aber als Ulrike Becker an diesem Augusttag auf die Straße trat, war es, als könnte sie die Wände nicht mehr berühren, als schwebten ihre Fußsohlen einige Millimeter über dem Asphalt, als würden selbst die Staubpartikel, die in der spätsommerlichen Luft flirrten, nicht mehr auf ihrer Haut landen.

Seitdem ihre Bücher in Kisten verstaut, das Geschirr in alte Seiten der Abendzeitung verpackt und die Koffer vollgestopft waren mit Mänteln und selten getragenen Skistiefeln, alles fertig für einen Winterschlaf unbekannter Dauer, ging sie wie eine Museumsbesucherin durch die vertrauten Straßen. Lange war es her, dass sie mit so leichtem Gepäck gereist war. Sie dachte daran, dass sie München mit weniger verlassen würde als vor zehn Jahren ihr Elternhaus.

Sie schlenderte durch die Stadt, die weiter ihren Geschäften nachging, als wäre nichts, und stellte sich vor, wie nach ihrem Wegzug alles verstauben würde. Kupferdächer würden sich grünlich verfärben, und irgendwann würde einer kommen und eine Plastikplane über München legen, so wie über ein Puppenhaus, dessen Besitzerin zu groß geworden war, um mit ihm zu spielen. Die absurde Vorstellung gefiel ihr.

Lange hatte sie am Abend zuvor am Fenster ihrer Dachwohnung gestanden, die Räume leer bis auf einen einsamen Futon, unter sich die schlafenden Autos, auf der anderen Straßenseite der griechische Gemüseladen. Die braun-orange gestreifte Markise war aufgerollt, das staubige Schaufenster von innen mit Zeitungspapier verklebt. Der Besitzer hatte sein Leben angehalten und gegen ein paar Wochen am Meer bei der Familie eingetauscht, so wie jedes Jahr im August. Diesmal schien es ihr, als wäre es für immer.

Ihr Zustand erinnerte Ulrike Becker an das unwirkliche Gefühl, wenn man in einem stehenden Zug saß und die Bahn auf dem Nebengleis schon anfuhr. Die Illusion, unterwegs zu sein, bis einen der Bahnsteig gegenüber wieder an den momentanen Stillstand erinnerte. Restalkohol versetzte sie in einen ähnlichen Limbo, wattig und leicht im Kopf. Vielleicht fühlte sich auch Sterben ähnlich an, oder jemanden Verlassen. Aber damit kannte sie sich nicht aus. Verlassen war nicht ihr Metier. Verlassen war Saschas Metier.

In den letzten Tagen hatte sie wieder viel an ihn gedacht, aber sie war sich selbst nicht mehr böse deswegen. Sascha war ein Teil dieser Stadt. Das war der Unterschied: Sascha blieb. Sie ging. Endlich konnte sie aufhören zu warten. Und sich endlich eingestehen, dass sie nie damit aufgehört hatte. Trotz allem. Zu warten auf einen Anruf, sonntagvormittags aus der Badewanne, Saschas hallende Stimme in dem weiß gekachelten Raum am anderen Ende der Leitung. Zu warten auf eine zufällige Begegnung in einem dieser Cafés im Glockenbachviertel. Auf die Bewegung seiner Augenbrauen, die so geschwungen waren, dass sein Blick immer etwas spöttisch wirkte. Warten auf eine Hand, ein Wiedersehen, Wiederfühlen mit dieser tiefen Senke unter seinem Brustbein. Ulrike Becker dachte, dass sie diese Stelle unter Hunderten heraustasten könnte, genau so, wie sie noch immer eine Karte von den Leberflecken auf seinem Rücken hätte zeichnen können. Eine Körperkarte. Nutzloses Wissen, nicht einmal geeignet für einen Auftritt in einer Talentshow. Seltsam, dass sie ihm nie über den Weg gelaufen war in all der Zeit. Nur dieses Foto hatte es gegeben, schwarz-weiß im Wirtschaftsteil der Süddeutschen, ein zu großer Mann in einem zu weiten Anzug.

Und dann war da noch etwas, auf das sie endlich nicht mehr warten musste. Auf den Moment, in dem sich die S-Bahn-Türen öffnen und zufällig Jo dastehen würde, Jo Sedlacek, oder wie auch immer sie jetzt mit Nachnamen heißen mochte. Jo, die Hände am Griff eines Buggys, das Gesicht teigig vor Müdigkeit, der Mund ihres Jungen keksverschmiert. Wem der Kleine wohl ähnlich sah?

Keine von ihnen hatte bekommen, was sie gewollt hatte. Vielleicht, dachte Ulrike Becker, war diese Tatsache das Letzte, das sie noch immer mit Jo verband. München, diese Glücksversprechungsmaschine, dieser einarmige Bandit mit den bunten Knöpfen. Was hatten sie da alles hineingeworfen, und was war schon alles hinausgefallen. Nur nicht das, was sie sich gewünscht hatten, in diesem lang vergangenen Sommer, damals.

Aber das war Vergangenheit. Vor ihr lag die Zukunft, noch getrennt von ihrem Leben, einen ganzen Ozean entfernt. Sie dachte an New York, die Taxis, die wie ein gelber Blutstrom durch die Straßen zirkulierten, die unübersichtlichen Getränketafeln der Coffeeshops. An den kühlen Marmor der Empfangshalle des Bürogebäudes auf der Sixth Avenue, die Aufzugtüren mit ihrem satten Schließgeräusch. In der neuen Stadt würde alles unverbraucht sein und unvertraut riechen, so wie Möbel, die man eben erst Teil für Teil aus Luftpolsterfolie befreit und selbst zusammengebaut hatte. Währenddessen würde sich München in ihrer Erinnerung immer weiter verkapseln, so wie eine dieser Sammlerboxen, von denen sie in der New York Times gelesen hatte, am Nachmittag nach ihrem Vorstellungsgespräch.

Kurz vor der Jahrtausendwende, diesem willkürlichen, mit künstlicher Bedeutung aufgeladenen Datum, war es in Mode gekommen, Alltagsgegenstände in Behältern zu archivieren. Disketten und tragbare CD-Player, modische Sneakers und Babywindeln, jeder New Yorker der Kurator seiner eigenen Ausstellung für die Zukunft. Ihr war die Pappkiste in ihrem Münchner Schreibtisch eingefallen, darin eines von Saschas Zopfgummis, an dem noch ein paar Haare hingen, eine Streichholzschachtel aus einem Biergarten, Übersee am Chiemsee, eine Plastikbox mit den Einwickelpapierchen von Billigpralinen. Endlich konnte sie die wegwerfen.

Sie hatte keine vierundzwanzig Stunden warten müssen, bis ihr neuer Chef eine Nachricht für sie hinterließ. So war diese Stadt, dort dauerte selbst ein Haarschnitt nur zwanzig Minuten und ein Geschäftsessen fünfundvierzig. Das Jobangebot kam per E-Mail, die sie an einem Computer in der Hotellobby las, mit zitternden Fingern herunterscrollte, ob es nicht doch noch einen Haken gab, eine Fußangel, eine Befristung, eine Abweichung vom geforderten Gehalt. Nichts davon. Noch am gleichen Nachmittag hatte sie ihren Vertrag unterzeichnet, in einem Lokal im Central Park, am Seeufer mit Blick auf Trauerweiden, die ihre Äste matt ins Wasser tauchten. Danach hatte sie keinen Termin mehr gehabt, sich für ein paar Stunden auf eine Weise frei gefühlt wie schon lange nicht mehr, vielleicht zuletzt als Kind, beim letzten Gong vor den Sommerferien.

Sie war zu Fuß durch die halbe Stadt gelaufen, vom Central Park bis ganz in den Süden zur Brooklyn Bridge, wo sich der East River hinter kathedralenhaften Brückenbögen mit dem Meer vereinte. Schön. Eine vergängliche Schönheit, leider, das wusste sie nur zu gut.

Wenn man sich nämlich entschloss, in einer Stadt zu leben, veränderte sich diese augenblicklich. Man konnte niemals die Stadt bewohnen, in die man sich verliebt hatte. Sobald man eine Adresse dort hatte, einen Briefkasten, ein Klingelschild, zeigte sich die Stadt ungeschminkt, mürrisch und verschlossen. Wege, auf denen man schlenderte, wurden zu Arbeitswegen, auf denen jede Minute zählte; der Tag wurde nicht mehr aufgespannt zwischen Cafés, Boutiquen und Theatern, sondern zwischen Supermärkten, U-Bahn-Stationen und Tankstellen. So schön wie an diesem Tag würde Manhattan nie wieder sein. Nicht für sie.

Und noch etwas dachte Ulrike Becker, während sie der Fähre nach Staten Island nachsah, dem entfernten, hellen Wellengekräusel hinter dem Heck. Dass es nämlich durchaus möglich war, dass sie Sascha nur lieben konnte, weil er immer ihr privates New York, ihr inneres Paris, ihr persönliches Venedig geblieben war.

Jetzt war es also so weit. Jetzt würde nichts mehr kommen, jetzt waren sie fertig miteinander. Sie alle. München, Sascha, Jo und sie.

Ulrike Becker reihte sich in den Pulk der Sonnenfinsternis-Gucker ein, der von der U-Bahn-Station Olympiazentrum in Richtung Süden drängelte. Ein letztes Spektakel an diesem Ort, der zehn Jahre lang ihr Leben gewesen war, ihre Bühne. Ein letztes Drama, ein kosmisches, eines, mit dem sie nichts zu tun hatte.

Erst als sie sich einen Platz auf der Wiese gesichert hatte, oben auf einem Hügel mit Blick auf den Olympiasee, wurde ihr klar, dass das Drama woanders stattfinden würde. Irgendwo da oben, von einer diskreten Wolke versteckt. Jedenfalls sah sie nichts von einer schwarzen Scheibe, die sich vor die Sonne schob. Die Wolke saß am Himmel wie eine fette Henne, und in zehn Minuten würde alles zu spät sein. Ein Himmel wie an einem hundsgewöhnlichen, trüben Tag, das Wasser im Olympiasee flüssiges Blei. Ein Langhaariger im weißen Gewand hüpfte beseelt durchs Gras und blies auf einer Flöte. Ulrike Becker bezweifelte, dass das etwas nutzen würde.

Nur die Vögel. Die waren tatsächlich verstummt, so wie es vorher in der Zeitung gestanden hatte.

Vielleicht hatten ihre ehemaligen Kollegen ja mehr Glück, die auf der Dachterrasse des Verlagsgebäudes im Arabellapark standen und durch ihre violett getönten SoFi-Brillen in den Himmel starrten. Kistenweise standen die Dinger im Sekretariat, mit der neuen Internetadresse bedruckt und massenhaft den Print-Titeln beigelegt. Das Give-away, wie es die Chefredakteurin nannte, war Ulrike Beckers letztes Projekt gewesen. Ihr Abschiedsgeschenk.

Sie musste an die esoterisch angehauchte Praktikantin denken, die seit einigen Wochen in der Online-Redaktion hospitierte. Die würde wahrscheinlich gerade auf den Außenkanten ihrer Plateauturnschuhe herumhibbeln und wieder ihre unausgegorenen Theorien von sich geben, von wegen kosmisches Zeichen und dass sie sich alle noch wundern würden. Dass mit der Sonnenfinsternis ein Zeitalter der Dunkelheit begänne, dass Flugzeuge aus dem Himmel fallen und Aktienkurse stürzen und der Krieg zurückkommen würde. Lachhaft, dachte Ulrike Becker. Lachhaft wie Plateausohlen und Bauchfrei-Shirts.

Ein Handy piepte neben ihr, unablässig, und jedes Mal, wenn es das tat, begann die Besitzerin ein hektisches Fingerspiel auf der winzigen Tastatur. Eine merkwürdige Mode war das, dieses SMS-Verschicken. Nichts, das sich lange halten würde, höchstens unter Teenagern. Der Weißgekleidete versuchte noch immer, die Wolke wegzuflöten, Brillenbügel aus Pappe wurden zum wiederholten Mal hinter Ohren festgeklemmt, Weinflaschen kreisten.

Und als es wieder hell wurde war da plötzlich dieser Schatten über ihr, auf ihrem Gesicht, und sie hob den Kopf und blinzelte durch lila Plastikfolie, und eine vertraute Stimme fragte: »Uli?«

Ranke

Ranke

Rein

Diese Tür war all die Jahre nur für dich bestimmt.

Ich gehe jetzt und schließe sie.

Franz Kafka, »Der Prozeß«

River, River, carry me home

To the place where I come from

Peter Gabriel, »Washing of the Water«

Damals. So lange her und immer noch den Geruch in der Nase, das Gefühl auf der Haut. Ein Sommer, in dem etwas Großes beginnen sollte.

Der Sommer der frisch gewaschenen Deutschlandfahnen und des Fußballs, der Sommer der großen Ferien, der Sommer, in dem sie lernte, das Wort Caipirinha richtig auszusprechen.

Ein Sommer, in dem sie noch nicht Ulrike Becker war, nicht einmal Ulrike, sondern einfach nur Uli oder Rike oder Rikchen, die kleine Große, Papas Mäuschen.

Ihren zwanzigsten Geburtstag hatte sie noch zu Hause bei ihren Eltern gefeiert, auf der Terrasse mit Blick auf die Weinberge. Am Nachmittag ging ein Gewitter mit Hagel über dem Tal nieder, aber der Vater schleppte unbeirrt Grillkohle aus dem Keller, und die Mutter fuhr extra nach Mannheim in den Asia-Laden, um eine Currymischung für die Saté-Spieße zu besorgen. Tatsächlich riss um kurz vor sieben der Himmel auf, und die Sonne warf dramatische Spotlights auf tropfende Rebstöcke.

Erst kurz bevor die ersten Gäste kamen, hörte Uli unten das Surren der automatischen Garagentür, dann die atemlose Stimme der Mutter und die vorwurfsvolle Antwort des Vaters. »Edith? Ich hab dir doch gesagt, du sollst in die Parkgarage gehen!« Wenn jemand später kam, vor allem nach einem Ausflug in die Stadt, glaubte ihr Vater jedes Mal an ein Parkplatzproblem. Er konnte sich stundenlang darüber ereifern, wie teuer und zeitaufwendig es war, in Mannheim einzukaufen. »Fünf Mark, dafür krieg ich doch beim Kaufhof schon ein Dreierpack Tennissocken! Oder die Tagessuppe im Bistro!«

Während die Mutter noch geschäftig durch die Küche wirbelte, die Haare ein feuchtes Gekräusel auf dem Kragen ihres taillierten Blazers, klingelte es zum ersten Mal. Martin stand vor der Tür, in der einen Hand eine Flasche Söhnlein Brillant, in der anderen einen schwarz-weiß-melierten Plastikeimer mit einer roten Geschenkschleife um den Henkel.

»Was willst du denn mit dem Ding?«, fragte Uli, und Martin sah ein bisschen beleidigt aus.

»Na, ich dachte, du musst ja dann selbst putzen. Wenn du dann in München wohnst und so.«

Später kamen Elli und Tscheppo mit einem Pappkarton voller achteckiger Teller, Becher und Untertassen, zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiß. Tscheppo hielt einen Teller neben Martins Plastikeimer und sagte: »Cool, passt.«

Elli drückte ihr ein flaches Kästchen in die Hand. Ein Kartenspiel? Im Vordergrund ritt ein lachendes, nacktes Kind auf einem Pferd, im Hintergrund standen Märchenfiguren mit groben, schwarzen Umrisslinien.

»Das ist ein Tarot«, flüsterte Elli, »also, mir hat das echt schon unheimlich viel geholfen, bei schwierigen Entscheidungen.«

»Was machst du eigentlich noch hier?«, fragte Martin Tscheppo. »Ich dachte, du wolltest nach Australien?«

Tscheppo grinste, fummelte sein Portemonnaie aus der Potasche seiner Jeans und zog etwas heraus, das aussah wie eine labbrige Bibliothekskarte.

»Behelfsmäßiger Personalausweis«, las Martin, »Großbeerenstraße, 1000 Berlin 62. Aber da wohnst du doch gar nicht, oder wie jetzt?«

»Nee, was soll ich denn da wohnen?«, fragte Tscheppo angeekelt. »Die ganze Stadt ist voll verpestet von Trabis, und die Leute stellen sich Stücke aus der Mauer auf den Küchentisch, dabei sind die Dinger total asbestverseucht. Da wohnt bloß mein Cousin aus Landau, und ich habe mich da mit angemeldet. Wegen dem Bund, das muss ich nicht haben.«

»Geht das denn noch?«, fragte Elli. »Jetzt, wo die richtiges Geld haben in der DDR? Ist doch jetzt alles Deutschland, oder?«

»Das schon. Aber noch nicht wiedervereinigt. Wegen mir müssten sie diesen Aufwand ohnehin nicht betreiben. Hat mir bisher nicht gefehlt, dass ich nicht nach Leipzig reisen konnte oder nach Bitterfeld.«

Elli lachte übertrieben. »Ach, Tschep«, sagte sie und streichelte ihm die Wange. Hätte ich einen Freund, dachte Uli, ich würde nicht denselben Spitznamen für ihn verwenden wie alle anderen. Auch wenn es eine Abkürzung seines unaussprechlichen Nachnamens Sczceponik war.

»Kennt ihr das Sportmodell vom Trabi?«, fragte Martin, und weil niemand reagierte, schob er schnell hinterher: »Es hat Turnschuhe im Kofferraum.«

In die Stille hinein quietschte die Terrassentür, und Ulis Mutter trat heraus, die Platte mit den Saté-Spießen auf zwei Händen balancierend, im Schlepptau Netti. Netti trug ein Stretchtop in Neonrot, dazu Jeans mit Rissen unter den Pobacken. Die Risse fielen besonders dann ins Auge, wenn sie sich bückte. Und dazu fand sie immer wieder eine Gelegenheit.

Uli betrachtete Nettis Aufzug als Kompliment. Scheinbar glaubte ihre Schwester, dass sie auf dieser Grillparty jemand Interessanten treffen könnte. Seit Ulis Umzug nach München feststand, hatte sie zum ersten Mal jene bewundernden Blicke von Netti bekommen, die sie sich schon als kleines Mädchen gewünscht hatte.

Aber Netti, eigentlich Annette, war anders als andere Schwestern. Sie hatte nie zu Uli aufgeblickt. Vielleicht lag es an dem geringen Abstand von gerade mal anderthalb Jahren. Wahrscheinlich würde Netti enttäuscht sein, dass wieder nur Tscheppo und Martin einen Blick auf ihre sorgsam enthüllten Hautpartien warfen.

Noch im Stehen griff Netti nach der Zigarette, die hinter ihrem rechten Ohr klemmte, und klopfte den Filter kurz auf dem weißen Terrassentisch ab. Kein Grund zum Wundern. Nicht einmal mehr darüber, dass die Eltern die schlechte Angewohnheit ihrer Jüngsten fraglos akzeptierten, ihr sogar einen blau schimmernden Glasaschenbecher von Leonardo zu Weihnachten geschenkt hatten. Vor ein paar Jahren hatte der Vater noch auf einem gemeinsamen Gespräch mit der Klassenlehrerin bestanden, weil Uli auf einem Klassenfahrtsfoto mit einer Weinflasche zu sehen war. Netti hielt eine Flamme an die Spitze ihrer Zigarette. Einen Moment lang wunderte sich Uli, dass sie kein Feuerzeug benutzte, sondern Streichhölzer. Dann sah sie den Schriftzug auf dem länglichen Streichholzpäckchen: »Select – the Club.« Netti ging dort ein und aus und neuerdings auch mit dem DJ.

Netti inhalierte tief, warf das Streichholzpäckchen dann beiläufig auf den Campingtisch neben dem Grill und drückte Uli schließlich ein flaches, weiches Päckchen in die Hand, das sie unter ihren Arm geklemmt hatte. Jetzt war Uli doch gerührt. Ein offizielles Abschiedsgeschenk hatte sie ihrer kleinen Schwester gar nicht zugetraut.

Uli zerriss das golden glänzende Papier und hielt ein schwarzes, ärmelloses Kleid in der Hand, das nach Dachboden roch. Der Kragen war speckig, der Stoff steif. Das ganze Ding sah ein bisschen aus wie ein Kaffeewärmer.

»Geil, gell?«, fragte Netti. »Hab ich aus dem neuen Secondhand in Ludwigshafen. Ich dachte mir, du brauchst mal was Ausgefallenes, zum Weggehen. Wegen den Türstehern.«

»Was für Türsteher denn?«, erkundigte sich die Mutter und stellte die Platte mit den Spießchen im rechten Winkel zum Tablett mit den Sektgläsern. Dann richtete sie eine der zum Dreieck gefalteten Papierservietten wieder auf, die der Wind zu Fall gebracht hatte.

»Das wirst du vielleicht nicht wissen, Mama«, sagte Netti, »aber München ist bekannt dafür, dass die Türen unheimlich hart sind. Also, da kommt nicht jeder rein. Meistens nur die Stammgäste.«

Die Mutter versuchte ein unsicheres kleines Lächeln, bei dem nur der eine Mundwinkel sich hob, und blickte zwischen ihren beiden Töchtern hin und her.

»Discos, Mama«, sagte Uli, »Netti redet von Discos.«

»Du meinst, Rikchen kann in München nicht einfach so in die Disco gehen?«, fragte die Mutter verwirrt.

»Du sollst mich doch nicht Rikchen nennen«, murmelte Uli verlegen.

»Doch, schon«, sagte Netti, »aber die machen halt Gesichtskontrolle.«

»Gesichtskontrolle? Und sie wird aussortiert bei der Gesichtskontrolle, oder was?«

»Mama«, sagte Uli beschwichtigend, so als redete sie mit einem Kind. »Mama, das ist München.«

Die Mutter sah nicht überzeugt aus. Im Gegenteil. »Seit über zwanzig Jahren schaff ich jetzt in der Gastronomie«, sagte sie und schüttelte den Kopf, »aber so etwas habe ich noch nie gehört. Gesichtskontrolle! Ja, was, bitte schön, wollen die denn da kontrollieren?«

»Es geht um Clubs«, sagte Netti. »Das ist was anderes als die Traube.«

Immer noch kopfschüttelnd verschwand die Mutter im Haus, und Uli hielt sich das schwarze Kleid an. Es hatte eine merkwürdige Länge, genau bis zum Knie, wie es die Buchhalterinnen im Büro über dem Lokal trugen. Aber wenn ihre Schwester das sagte, war es genau das Richtige für München.

Netti war eine, die Bescheid wusste.

»Kommst du denn dann mal am Wochenende, wenn du in München bist?«, fragte Martin am Abend, als sie sich in zwei Autos gequetscht hatten, um in der Blue Bar in Neustadt noch etwas trinken zu gehen. Er saß hinter Uli in dem metallic-roten Renault 5, den ihre Eltern ihr zum Abitur geschenkt hatten. Sie hörte, wie er mit den Fingernägeln an einem Marsupilami-Aufkleber auf der Rückseite der Kopfstütze knibbelte.

»Ich weiß nicht«, sagte Uli, »ich glaube, ich komme irgendwann zurück hierher. Ich meine, ganz. Aber erst später, wenn ich mal Familie habe.«

»Es ist wegen der Traube, oder?«, fragte Martin. »Dein Vater will, dass du die übernimmst.«

»Mal sehen«, sagte sie vage. Sie dachte an das Chefbüro über dem großen Schankraum, den schweren Schreibtisch und die Fotos von Weinfässern und Weinköniginnen dahinter und sah sich nicht dort sitzen. Sie sah sich in weiß gekachelten Bars in München, und sie sah sich auch im Garten ihres Elternhauses, die Haare mit einem Baumwolltuch hochgebunden, sodass ein paar vorwitzige Strähnchen darunter hervorlugten, neben sich ein blondes Kind, das in einer Sandkiste saß und einen Turm aus Matschpampe baute. Sie konnte sich nicht entscheiden, welches Bild ihr besser gefiel.

»Vielleicht gehst du ja auch ins Ausland«, sagte Martin. »Wenn man so was studiert wie du, mit Tourismus, muss man ja sicher auch viel reisen.«

Uli nickte wichtig, sagte aber nichts. Im Stillen hoffte sie, dass Martin recht hatte mit dem Reisen. Unter Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Touristik konnte sie sich noch immer nicht mehr vorstellen als das, was in der bunten Broschüre gestanden hatte, die ihr Vater eines Abends mit nach Hause gebracht hatte. »Das wäre doch was für dich«, hatte er gesagt, und die Mutter hatte gestrahlt. »Schau mal, die haben auch einen Schwerpunkt Hotellerie und Gastronomie.«

»Und du, weißt du schon, für was du dich einschreibst?«, fragte Martin Elli, die neben ihm auf der Rückbank saß.

»Nein, noch nicht«, sagte Elli. »Aber ich würde gerne was mit Menschen machen.«

In der Blue Bar tranken sie Gin Tonic, saßen auf hohen Hockern, die Beine übereinandergeschlagen, spielten Erwachsensein. Beim Abschied versuchte Martin, Uli zu küssen, doch sie wandte den Kopf ab. Er roch nach der Art von Rasierwasser aus der Drogerie, die Rentner benutzen, wenn sie sich weltmännisch geben wollen. »Noch mal danke für den Eimer«, sagte sie, und Martin sagte: »Ich schreib dir.«

Nachts um zwei, unter der japanischen Ballonlampe ihres Zimmers, nahm sie sich das Tarotkartendeck zur Hand. Keine komplizierte Technik, nur eine Karte. Was wird mein Leben in München bringen? Sie blickte auf das Bild, dann las sie die Erklärung im Handbuch nach. Zwei nackte Gestalten, weiblich und männlich, eine pralle Sonne am Himmel. Die Liebenden.

Zwei Tage später fuhren sie im Konvoi über die A 8, Ulis Eltern mit dem Passat Kombi voraus, sie mit dem R 5 hinterher, vollgepackt mit zwei Kleiderkoffern, den Geschenken ihrer Freunde, einem mannshohen Ficus Benjamini und einer stabilen Papiertüte mit Büchern. »Richtig reisen – München« hatte sie eingepackt, zwei Taschenbuch-Romane, eine Rezeptsammlung mit dem Titel »Food for Lovers«.

Bayern 3 spielte Simply Red. Das gefiel ihr. Wenn jemand sie fragte, was sie so hörte, sagte sie »gemischt«. Auch wenn ihr klar war, dass das keine coole Antwort war. Aber es war nun mal die Wahrheit. »If you don’t know me by now, you will never know me«, sang Mick Hucknall.

Uli weinte ein bisschen, vergaß aber trotzdem nicht den Blick in den Innenspiegel, wenn sie sich vor einem Fleischtransporter oder einem Tanklaster wieder auf der rechten Spur einordnete. Sie fühlte sich sehr stark, eine Träne im Auge und trotzdem den Verkehr im Blick. Als sie die Donau überquerten, empfing sie dichter Dunst. Für ein paar Minuten sah Uli nur die rötlichen Nebelscheinwerfer des Kombis, und sie dachte, so ist das jetzt, von nun an bin ich unterwegs.

Als ihre Eltern sich am nächsten Morgen verabschiedeten, weinte sie nicht. Zu dritt standen sie in der Einfahrt ihrer Tante in Starnberg, bei der sie die ersten Wochen verbringen konnte, bis sie in München eine Unterkunft fand. Es wollte sich kein richtiger Platz für ihre Hände finden, weder verschränkt noch herabhängend, und schließlich legte sie ihre Rechte auf das Heck ihres R 5, als tätschelte sie einen treuen Hund. Es fühlte sich nicht perfekt an. Aber es ging.

»Du solltest zusehen, dass du was bekommst mit einem Stellplatz für das Auto«, sagte der Vater zum Abschied, und die Mutter hing an ihrem Hals und sagte: »Gell, Rikchen, nächstes Wochenende kommst du aber heim.«

Sie machte sich los. »Weiß noch nicht«, sagte sie, »ich muss mir ja auch Zimmer anschauen.« Die Mutter nickte langsam, als hätte sie erst in diesem Moment verstanden, dass Uli nicht nur verreist war. »Aber zum Weinfest«, fing sie wieder an, »da bist du doch da?« Der Vater ließ seinen Autoschlüssel um seinen Zeigefinger kreisen und nickte. »Hmhm«, sagte er immer wieder im Rhythmus seines Nickens. »Hmhm, hmhm.« Uli wusste nicht, was er so vehement bestätigen musste, und sie hatte den Eindruck, er wusste es selbst auch nicht.

Schließlich trat er an die Beifahrertür und hielt sie seiner Frau auf. Diese Geste hatte Uli noch nie bei ihm gesehen, und sie konnte nur nicken, nichts mehr sagen, bis das dunkelrote Heck aus ihrem Blickfeld verschwand und sie nur noch die Berge sah, deren Spitzen sich im Sommerhimmel verloren.

Starnberg kannte sie. Als Kind hatte sie oft einen Teil der Sommerferien dort verbracht, manchmal gemeinsam mit Netti, aber immer ohne ihre Eltern. Schicksal eines Gastronomenkindes. Am wohlsten gefühlt hatte sie sich, als sie ungefähr zehn oder zwölf war. Ihre Cousinen sahen samstagnachmittags die gleichen Fernsehserien, spielten mit Monchichis, sausten auf Rollerskates mit neonfarbenen Stoppern um die Hausecken. Seitdem war sie nicht mehr hier gewesen.

Auch zehn Jahre später erinnerte Starnberg mit seinen Lüftlmalereien, dem Eiscafé gegenüber des Bahnhofes und den Kiosken an der Seepromenade Uli mehr an ihren eigenen Heimatort als an die Großstadt, die sie erwartete. Die Biergartenwirte zerrten Fernsehgeräte an langen Verlängerungskabeln ins Freie, damit die Gäste die Spiele der Fußball-WM unter Kastanienbäumen anschauen konnten, und an Litfaßsäulen warb ein Volksschauspieler mit Gamsbart am Hut für eine Weißbiermarke.

Umso merkwürdiger war, wie sich jetzt die Cousinen und ihre Freunde von Ulis Clique in der Pfalz unterschieden. Zwar hatte auch Uli sich sehr erwachsen gefühlt, als sie vor einigen Wochen auf ihrem Abiball die Urkunde aus steifem Papier entgegengenommen und in ihrem Abendtäschchen zusammengerollt hatte. Aber die zwanzigjährigen hier waren auf eine ganz andere Weise souverän, wie sie mit in die Haare geschobenen Sonnenbrillen auf den Parkplätzen der Seelokale vorfuhren, die gebräunten Unterarme mit Besitzerattitüde auf die Lenkräder ihrer Audis und Golfs gelehnt.

Obwohl es die gleichen, jungen Körper waren, die Uli von zu Hause kannte, von Martin oder Tscheppo, schienen diese hier auf eine ganz andere Weise in ihrer Haut zu Hause zu sein. Wie sie da auf Bootsstegen standen oder am Ausschank des Mühltaler Biergartens, die Hände in den Taschen, cremefarbene Pullover um die Schultern gelegt, waren sie schon ganz die künftigen Rechtsanwälte und Oberärzte. Es schien nur ein unwichtiges Detail zu sein, dass ihnen noch das nötige Fachwissen fehlte. Wenn sie spätabends aufbrachen und ihre weichen Lederslipper im Kies knirschten, vermied Uli es, in Richtung der Gaststube zu sehen. Die schmiedeeisernen Gitter, die geschnitzten Fensterläden im oberen Stock, das alles erinnerte sie schmerzhaft an zu Hause, an die Abende, in denen sie als kleines Mädchen im Schankraum der Traube gespielt, Kartenhäuser aus Bierdeckeln gebaut, übrig gebliebene Schmalzbrote gegessen hatte. Durch die getönten Scheiben drang gedämpftes Licht, drinnen bewegten sich schattenhaft feierabendschöne Menschen. Direkt daneben immer das Küchenfenster mit den Neonröhren und den weißen Kacheln. Irgendetwas musste passieren, damit sie aus der Küche hinauskam, hinein ins Leben, in die gute Stube, dort, wo es warm war und wo andere dafür bezahlt wurden, nach den Wünschen der Gäste zu fragen. Sie wusste nur nicht, was.

An den Nachmittagen blieben die Mädchen unter sich. Manchmal breiteten sie ihre Handtücher im Gras am Seeufer aus und wateten übertrieben kreischend ins Wasser, damit ihre durchtrainierte Schönheit auch niemandem verborgen blieb. Die Landschaft machte ihnen harte Konkurrenz, die Wattewölkchen, die steilen Hänge rings um den See, hier und da das vorwitzige Türmchen einer Villa, das zwischen dichtem, grünem Laub hervorragte. Uli erfand immer neue Ausreden, um nicht ins Wasser zu müssen. Schwimmbäder waren kein Problem, aber sie hatte Angst vor Seen, Flüssen, dem Meer. Vor seinen unberechenbaren Tiefen, vor all dem Unsichtbaren, das geisterhaft an den Füßen vorbeistrich, Pflanze oder Tier, so genau wollte man es gar nicht wissen.

Wenn sie nicht am See waren, lagerten sie an Pools hinter weißen Villen, mixten sich Drinks an der Hausbar und planten die Zukunft. »Also, mein Daddy wollte ja, dass ich ein Praktikum in Paris mache«, erzählte ein Mädchen, während es sich Wattebäuschen zwischen die Zehen klemmte und ein Fläschchen mit pinkfarbenem Nagellack schüttelte, auf dessen schwarzem Deckel zwei verschlungene Dreiviertelkreise prangten. »Nee, hab ich gesagt, Daddy, du weißt doch, ich will lieber in die Staaten.« Uli schwamm derweil ihre Runden und sah zu, wie die Sonne auf der bewegten Wasseroberfläche die dunkelblauen Streifen auf dem Beckengrund in zitternde, zuckende Schlangen verwandelte.

In der gleichen, nonchalanten Art, in der sie über Studienplatzvergabe und Sportwagen sprachen, verhandelten diese Menschen auch ihre Liebesdinge. Mehr als einmal wurde Uli Zeuge dieser Gespräche auf Autorücksitzen, wenn noch besprochen wurde, wer an welchem Gartentor aussteigen und wer ihn begleiten würde.

»Willst du?«

»Hast du denn was dabei?«

In solchen Momenten zweifelte sie sehr daran, ob sie diesen Ton jemals beherrschen würde. Und ob das schwarze Kleid von Netti den Münchner Türstehern gut genug sein würde.

Es gab Abende, an denen keiner das Wort an sie richtete. Aber wenn die anderen mit ihr sprachen, merkte sie erst recht, wie sehr sich ihre Welt von deren Welt unterschied. Zu Hause war sie die verwöhnte Tochter gewesen, das Lieblingskind vom Traube-Wirt, eine Tatsache, die ihr Vater nicht einmal zu verbergen suchte. Hier war sie die arme Verwandte aus der Provinz. »Du suchst also eine Wohnung?«, fragte einmal der Freund der älteren Cousine, und als sie sagte: »Ein Zimmer«, sah er sie an, als hätte sie erklärt, sie wollte sich eine Wellblechhütte hinter dem Lärmschutzwall an der A 8 bauen.

»In einer WG?«, fragte er und schüttelte den Kopf. »So was könnte ich ja nicht.«

»Und wo wohnst du?«, fragte sie zurück.

»Ach, meine Eltern haben letztes Jahr das Dachgeschoss ausbauen lassen. Ich hab da meinen eigenen Eingang und muss mich um nichts kümmern. Ist cool.«

»Voll cool«, kicherte die Cousine, »vor allem, weil deine Ma jede Woche zum Putzen hochkommt, wenn du nicht da bist.«

Der Junge zuckte die Achseln. »Lass sie halt. Sie macht das so gerne.«

Im Stillen beneidete Uli ihn ein wenig, denn das mit der Zimmersuche klappte überhaupt nicht. Dabei ging sie die Angelegenheit mit der Tapferkeit einer Zwölfjährigen an, die schon weiß, dass ihr der Scheibenkäse und die Vierfruchtmarmelade im Landschulheim nicht schmecken werden, die aber entschlossen ist, sich nichts anmerken zu lassen. Es war ihr klar, dass sie nicht wieder ein Zimmer mit Aussicht über Weinberge und einen eigenen Balkon haben würde. Aber dafür sollte es wenigstens in Schwabing liegen. Oder in Haidhausen. Die Vierzig oder die Achtzig im Absender, Trümpfe im München-Lotto.

Schon zwei Mal hatte ihr Vater in der Wochenendausgabe der Süddeutschen eine Anzeige geschaltet (»Solventer Gastronom sucht Zimmer oder kleine Wohnung für seine Tochter, Studentin, 20«), aber nichts davon war infrage gekommen. Die Leute, die daraufhin die Telefonnummer der Tante wählten, hatten entweder Einliegerwohnungen in weit entfernten Vororten von München zu bieten. Oder möblierte Zimmer in den zwei bis drei sozialen Brennpunkten der Stadt, wie es die Tante bezeichnete.

Ein Mal traf Uli sich mit einem Hausmeister, der ein Jackett trug, auf dessen Schultern unablässig Schuppen rieselten, als würde es mitten im Juli schneien. Stumm stand sie mit etwa zehn anderen Leuten in einem Sechzehn-Quadratmeter-Zimmer an einer vierspurigen Straße und war fasziniert, was man alles auf so kleinem Raum unterbringen konnte. Schreibtisch und Schrank, Bett und Tisch, ein Waschbecken und ein Resopalschrank mit Zweiplattenkocher darauf. Die Möbel hatten gerade so Platz, man hätte nur nicht gewusst, wo der Bewohner des Zimmers sich hätte aufhalten sollen.

»Das läuft aber direkt über die Hausverwaltung?«, erkundigte sich einer.

Der Hausmeister schüttelte den Kopf und machte gleichzeitig eine verneinende Geste mit dem Zeigefinger. »Nein, nein, das macht ein Makler, ich sortier nur vor. Die Selbstauskunft füllen Sie dann direkt dort aus. Zwei Monatsmieten plus Mehrwertsteuer.«

Uli war verblüfft. Ein Makler, der nicht einmal selbst zu einem Besichtigungstermin auftauchte, erschien ihr wie ein Kellner, der mit dem Daumen auf den Zapfhahn zeigte, wenn ein Gast ein Bier bestellte. Das fand sie so komisch, dass sie nach dem Besichtigungstermin ein Fünf-Mark-Stück aus dem Geldbeutel kramte und in die Telefonzelle an der Straßenecke ging, um ihre Mutter anzurufen.

»Rikchen!«, schrie die Mutter in den Hörer. »Ist was passiert?«

»Nein, wieso?«, fragte Uli. »Ich wollte nur was erzählen.«

»Aber da führt man doch am helllichten Tag kein Ferngespräch«, gab die Mutter empört zurück.

Am liebsten hätte Uli gleich wieder aufgelegt, aber dann wären die fünf Mark futsch gewesen. Außerdem tat es gut, eine vertraute Stimme zu hören, selbst wenn sie einem Vorwürfe machte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie den ganzen Tag noch mit fast niemandem geredet hatte. Nur mit dem Hausmeister bei der Wohnungsbesichtigung und mit einer Verkäuferin bei Vinzenz Murr, die nicht wusste, was ein Fleischkäsebrötchen war. Erst fünf Minuten und mehrere Fragen später hatte sie den Laden mit einer Leberkässemmel verlassen.

Es war die Cousinenfreundin mit den Wattebäuschchen und dem Chanel-Nagellack, die ihr schließlich den ersten brauchbaren Tipp für die Zimmersuche gab. »Du musst donnerstagabends zum Ostbahnhof fahren, da werden um sieben die druckfrischen Freitagszeitungen mit den Wohnungsanzeigen angeliefert«, sagte sie.

»Ostbahnhof«, sagte die ältere Cousine, »wenn du in der Gegend bist, dann musst du unbedingt ins Julep’s gehen, die haben tolle Nachos und super Caipirinha.«

Uli fragte lieber nicht, was Nachos waren.

Wenn die Sache mit der Zeitungslieferung am Donnerstagabend ein Geheimtipp war, dann war es jedenfalls ein Geheimnis, in das viele eingeweiht waren. Ein Grüppchen von Leuten drängte sich auf dem Bürgersteig, manche rauchend, andere einhändig lesend. Männer mit weißen Hemden, Schweißflecken unter den Achseln, Frauen in kurzen Röcken mit Blumenmuster. Wenn einer schaute, schaute der andere weg. Nur zwei Männer in der Ecke unterhielten sich, halblaut, so als wären sie auf einer Beerdigung.

»Das hat man doch g’wusst, dass der schwul war.«

»Also, wenn ich die Brauerei wär, ich hätt mich auf nichts eingelassen mit so einem.«

»Geh her, das konnte doch keiner ahnen, dass er deshalb gleich mit solchen Leuten verkehrt. Bloß, weil er vom anderen Ufer war.«

»War ja mehr als das. Hat’s ja auch noch gemocht, wenn ihm der Arsch versohlt wurde. Mindestens. Und dann noch dafür bezahlen.«

»Des is a ganz a andere Welt.«

Um kurz vor sieben hielt tatsächlich ein Kleintransporter vor dem wartenden Menschengrüppchen. Zwei Männer in roten Kitteln mit weißen Buchstaben auf dem Rücken sprangen heraus, einer mit einem Stapel der Abendzeitung, einer mit der Süddeutschen. Der Zweite hielt seinen Stapel hoch in die Luft wie ein Kellner ein Tablett mit Espressotassen, damit die Wartenden ihm die Zeitungen nicht aus der Hand rissen. Der Erste ließ sich von seinem schweren Paket wie in Zeitlupe zu Boden ziehen, federte kurz nach und löste dann mit der Hand das schwarze Kunststoffband.

»Hammer-Mord – Privatsekretär packt aus!« stand in fetten schwarzen Lettern über dem Bruch der Abendzeitung. Vor ein paar Tagen erst war der Schauspieler aus der Weißbierwerbung getötet worden. Schon heute hatte Uli auf dem S-Bahnhof kein einziges Plakat mit seinem Gesicht mehr gesehen.

Weil sie das Geld für die Zeitung abgezählt in der Hand hielt, war sie trotz des Gedränges als eine der Ersten zurück im Bahnhofsgebäude, auf dem Weg ins Untergeschoss, wo die Telefonsäulen waren. Schon auf der Rolltreppe nach unten versuchte sie, die Seiten der Zeitung so elegant umzuschlagen, wie sie es bei manchen Leuten in der S-Bahn gesehen hatte.

Doch der Versuch auf der Rolltreppe scheiterte, denn schon beim Aufschlagen sausten ihr bunte Prospekte entgegen, und als sie sie schnell wieder einsammeln wollte, lösten sich die Bogen der Zeitung voneinander. Auf den hinteren Stufen begannen Leute zu schimpfen, und sie hörten auch nicht auf, als sie das Papier zusammengeklaubt hatte. »Links gehen, rechts stehen, junge Dame«, raunzte eine Frau sie an.

Als Uli schließlich im blau gekachelten Untergeschoss ankam, stellte sie fest, dass alle vier Telefone besetzt waren. Erst ärgerte sie sich, doch dann wunderte sie sich. Zwar standen dort überall Leute, die Hand am Hörer, als könnten sie jederzeit abheben. Aber nur ein Mädchen telefonierte tatsächlich. Immer wieder fuhr sie sich mit der Hand durch die dicken Locken, und dabei blinkte der Silberreif um ihren Oberarm auf, eine kleine Schlange mit Kopf und rot funkelnden Steinchen als Augen.

»Ja«, hörte Uli sie sagen, »ich weiß schon, ich sollte Schluss machen, aber ich bring es einfach nicht übers Herz.«

Der Person am anderen Ende schien eine ganze Menge dazu einzufallen, denn das Mädchen schwieg lange, nickte und drehte immer wieder ihren rechten Fuß hin und her, dass Uli das Knacken des Gelenks bis zu sich herüber hören konnte.

»Mei«, sagte sie schließlich und dann: »Hast recht, das wird mich auf andere Gedanken bringen. Bist ein Schatz, Jo.«

Die rote Digitalanzeige an ihrem Telefon begann zu blinken, und Uli hoffte, dass sie kein Kleingeld mehr dabeihatte. Das Mädchen klemmte sich den Hörer zwischen Schulter und Ohr und kramte in ihrem winzigen Kunstfellrucksack. Zuerst sah es aus, als hätte Uli Glück. Aber schließlich förderte das Mädchen zwei Zehnpfennigstücke zutage und ließ sie in den Schacht fallen, wo sie sich laut klackernd ihren Weg ins Innere des Apparates bahnten.

Jetzt kamen nacheinander zwei Männer und eine Frau angelaufen, die sich mit Uli um den Zeitungsverkäufer gedrängt hatten, stellten sich neben die Wartenden an den Telefonhörern und begannen in den riesigen Seiten zu blättern. Uli verstand. Echte Wohnungssuchprofis schickten ihre Freunde vor, um Telefone zu besetzen, damit es schnell ging mit dem Anruf beim neuen Vermieter.

Für einen kurzen Augenblick vermisste sie Martin. Drei Mal hatte er sie gefragt, ob er mitkommen sollte nach München, um ihr bei der Zimmersuche zu helfen. Drei Mal hatte sie Nein gesagt. Und nun stand sie da, allein und ohne Platzhalter.

»Hey! Du da!«

Sie blickte auf. Das Mädchen mit dem Schlangenreif kramte schon wieder in ihrem Rucksack und winkte Uli mit der anderen Hand heran.

»Ist mir ein bisschen unangenehm, aber hast du zufällig zwanzig Pfennig übrig? Kriegst sie auch zurück!«

»Ehrlich gesagt, eigentlich wollte ich ...«

»Bitte!«, das Mädchen legte ihre Stirn in dramatische Falten, »ich muss wirklich ganz dringend jemanden anrufen, wenn ich das jetzt nicht mache, mach ich’s nie!«

Dann lauschte sie wieder in den Hörer und lächelte. »Ach, Jo«, sagte sie, »wenn ich dich nicht hätte!«

Im gleichen Moment hörte Uli erneut das Klacken der Münzen im Apparat, dann ein gedämpftes Besetztzeichen. Die Verbindung war unterbrochen.

»Ich muss ganz dringend jemandem etwas sagen«, flehte das Mädchen. Dabei wickelte sie sich die Telefonschnur um den Zeigefinger, bis die Spitze weiß anlief.

Uli sah sich um. Alle anderen telefonierten noch. Keiner von ihnen sah aus, als würde er so bald damit aufhören. »Zwei Monatsmieten«, hörte sie, »ja, in ungekündigter Stellung.«

»Und wenn wir uns abwechseln?«, schlug sie vor. »Erst mache ich einen Anruf, dann bekommst du deine zwanzig Pfennig. Ich suche nämlich dringend ein Zimmer. Oder eine Wohnung.«

Das Mädchen sah Uli überrascht an, so als käme ihr plötzlich eine Idee. »Mensch«, sagte sie, »dann hätte ich da vielleicht was für dich! In zwei Wochen fängt mein Auslandssemester an, und ich hab noch keine Nachmieterin für mein WG-Zimmer.«

»Wo ist das denn?«, fragte Uli, aber das Mädchen streckte schon die Hand aus.

»Bitte«, sagte sie, »ich muss jetzt ganz dringend telefonieren.«

Überrumpelt gab Uli ihr zwei Zehnerle und sah ihr beim Wählen zu. Das Mädchen räusperte sich mehrmals, dann drang undeutlich eine Stimme aus dem Hörer. »So«, sagte sie nach einer Weile, »und jetzt hör mir mal gut zu. Das ist nämlich das letzte Mal, dass ich deinen Anrufbeantworterspruch mit der Helmut-Kohl-Stimme ertragen muss. Und das war auch das letzte Mal, dass wir gefickt haben. Und du weißt auch genau, warum.«

Dann hängte sie geräuschvoll auf und strahlte Uli an. »War ich gut?«, fragte sie. Uli nickte stumm. Sie war fasziniert. Wie beiläufig das Mädchen dieses Wort ausgesprochen hatte, ohne dabei vulgär zu klingen!

Das Mädchen atmete einmal tief durch, schüttelte sich dann wie ein nasser Hund im Regen und trat beiseite, um eine weitere Frau mit aufgeschlagener Zeitung ans Telefon zu lassen. Bereits eine ganze Weile hatte sie neben ihnen gestanden und hektisch Kringel und Ausrufezeichen auf dem dünnen Papier platziert.

»Das Zimmer hat fünfzehn Quadratmeter, unsere WG ist in Sendling, und auf dem Balkon ist genügend Platz für zwei Leute und eine Flasche Wein«, zählte sie auf. »Übrigens, ich bin Tina.«

»Mar- oder Be-?«

Tina lachte. »Du wirst es nicht glauben: Augus-. Augustina. Keine Ahnung, was meine Eltern da geritten hat. Vielleicht hat es was mit der Bauerei zu tun.«

Schade, dachte sie. Innerhalb von fünf Minuten hatte sie eine Frau kennengelernt, die ihre beste Freundin hätte werden können, wenn sie nicht schon auf gepackten Koffern gesessen hätte. Aber dafür hatte sich ihr Wohnungsproblem gelöst. Das war mehr, als man für zwanzig Pfennig erwarten konnte. Sendling war zwar bisher nicht auf ihrer Wunschliste aufgetaucht, aber vielleicht war das Viertel ja so was wie ein Geheimtipp.

»Was für ein München ist das denn?«, fragte sie, und Tina sah sie fragend an.

»Vierzig, achtzig, neunzehn?«, half sie nach.

Tina überlegte. »Siebzig, glaub ich«, sagte sie dann. »Weißt du was, ich lad dich einfach für morgen Abend zu unserer Party ein.«

Uli war verwundert über das Wort. Sie und ihre Freunde hatten Fete gesagt. Nur die Eltern sprachen von Party, wenn sie vom Feiern redeten. Ein Begriff, der sie an getäfelte Hobbykeller mit Postern von Pin-up-Girls und Salzstangen in Porzellangefäßen denken ließ. München musste man lernen, genau wie man eine neue Sprache lernte.

»Soll ich was mitbringen?«, fragte sie.

»Jo hat Essen vom mexikanischen Bringdienst bestellt«, erzählte Tina, »es gibt Nachos und so. Aber Wein wäre nicht schlecht.«

Immerhin wusste Uli jetzt, dass Nachos ein mexikanisches Essen waren. Damit war sie schon einen Schritt weiter. Sie beschloss, eine Flasche aus der Kiste zu opfern, die der Vater ihr mitgegeben hatte. Als Erinnerung an die Heimat, zu besonderen Gelegenheiten. Sie würde ihr neues Zimmer kennenlernen. Und außerdem diesen geheimnisvollen Jo. Eine Frau und ein Mann, die zusammenlebten, ohne ein Paar zu sein – das war cool. Davon musste sie unbedingt Elli erzählen, mit der sie im City-Kino in Mannheim im vergangenen Frühjahr ungefähr sieben Mal »Harry und Sally« angeschaut hatte.

Sie stellte sich Jo groß vor, mit einer markanten Nase und einem glänzenden Pferdeschwanz. Und sie würde seine neue Mitbewohnerin werden.

Mindestens.

Später, in der S-Bahn, schlug sie die Cosmopolitan auf. Sie versuchte zu lesen, aber es gelang ihr nicht. Ältere Frauen mit jüngeren Liebhabern, asiatische Sextricks. Geistesabwesend blätterte sie durch Modestrecken. Dieser Herbst, so sah es aus, würde romantisch werden, mit langen Röcken im Folklorestil, Blumenstoffen, ein Herbst in Senfgelb, Lindgrün und Lila. Lange blieb sie an einem Foto hängen, auf dem sich ein Model in langem Rock und Lederjacke auf einem weißen Swingerstuhl rekelte, im Hintergrund undeutlich etwas, das aussah wie ein verlassener Rummelplatz. Die Frau gefiel ihr, in ihrem Aufzug, der gleichzeitig kämpferisch aussah und romantisch, verletzlich und tough.

Uli blickte kurz auf und sah ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe, die blonde Dauerwelle, asymmetrisch geschnitten, und sie wusste, was an diesem Bild nicht stimmte. Gleich morgen, vor der Party, würde sie zum Friseur gehen und sich auch diesen Haarschnitt machen lassen: kurz und knabenhaft, mit Pony wie eine Frau aus einem französischen Film. So sollte München sie kennenlernen. Und Jo. Sie dachte an Hände, die sich beim Küssen unter Haare schoben, und sie überlegte, wie es sich anfühlen würde, mit einem Mann zu knutschen, der längere Haare hätte als sie selbst. Sie sah sich in einem langen Rock über den Odeonsplatz laufen, die gelbe Fassade der Theatinerkirche von der tief stehenden Sonne angestrahlt, und sie lächelte ihrem Spiegelbild zu.

Draußen flogen Zwiebeltürme und sattes Grün vorbei, Maibäume und Neubausiedlungen. Über der S-Bahn-Tür hing das Werbeplakat eines Sonnenstudiobetreibers. Eine tiefbraune Blondine grinste triumphierend einen Zulu mit Nasenring und Baströckchen an, der neben ihr ziemlich blass wirkte. Sendling, also. Sie war angekommen.

Die Implerstraße war keine der Vorzeigestraßen, die es in München-Spielfilme zur besten Sendezeit schafften. Eitergelbe Nachkriegshäuser, Drogeriemärkte, Boutiquen mit Blusen in Übergrößen. Eine Tankstelle, ein Getränkemarkt, in dem ein verstaubtes Plüschtier mit langer Nase und Hasenzähnen zwischen zwei bayerischen Bierseideln saß. Immerhin war die Nummer 65 ein hübscher Altbau, weiß mit rosafarbenen Fenstereinfassungen. Im zweiten Stock brannte Licht, und durch ein gekipptes Fenster drang Musik. Schemenhaft konnte man Leute hin und her laufen sehen, eine Party-Pantomime. Schon bald würde sie Teil dieser Gesellschaft sein. Wenn Netti sie so sehen könnte!

Ein kleiner Schauer ging über ihren Hinterkopf, dort, wo die halblangen Locken harten Stoppeln gewichen waren. Sie leckte zwei Fingerkuppen an, um ihre neuen Koteletten über den Wangenknochen glatt zu streichen. Dann drückte sie den Klingelknopf.

Der Boden im Treppenhaus war ebenfalls weiß und rosa gefliest, die Holztreppen ausgetreten. Man sah dem Haus an, wie viele Menschen hier schon gelebt hatten in beinahe hundert Jahren, ein Haus wie ein Lieblingskleidungsstück, das schon ein bisschen verschossen war, von dem man sich aber nicht trennen konnte. Sie wusste sofort, dass sie es mögen würde.

In einer geöffneten Wohnungstür im zweiten Stock lehnte Schneewittchen. Jedenfalls sah die Frau genau so aus, wie Uli sich Schneewittchen als Kind immer vorgestellt hatte: groß, blass, mit giraffenhaft langen Gliedern, einer prominenten Nase und dunklem Haar. Alles in ihrem Gesicht ein bisschen zu groß, um für sich genommen wirklich hübsch zu sein, aber als Gesamtbild so, dass der Blick unwillkürlich angesaugt wurde. Schneewittchen rauchte. Über ihrem kurzen, schwarzen Kleid trug sie einen Mantel aus einem so durchsichtigen Stoff, dass man ihn fast nicht sah, außer wenn sie ihre Hand mit der Zigarette bewegte. In ihrer rechten Augenbraue trug sie einen winzigen Silberring.

»Na?«, fragte Schneewittchen mit unbewegtem Gesichtsausdruck. »Willst du etwa auch zu Frank?«

»Zu Frank? Ich dachte, das hier ist die Party von Jo und Tina.«

»Stimmt auch«, sagte die Frau, trat zur Seite und blies Uli den Rauch ins Gesicht. »Komm rein.«

Der Rauch duftete süßlich, nach verwesenden Blumen und irgendeinem Gewürz, das man im Weihnachtsgebäck verwendete.

»Wer ist denn Frank?«, fragte Uli vorsichtig.

»Ich kenne überhaupt keinen Frank. Aber heute haben schon zwei nach ihm gefragt.« Die Frau rauchte und zwirbelte an ihrem Augenbrauenring.

Uli wartete, aber die andere sah nicht so aus, als würde sie das Rätsel lösen wollen. Also streckte sie ihr die Hand hin. »Ich bin jedenfalls Ulrike«, sagte sie, »die meisten sagen Uli zu mir.«

»Auch ein guter Name«, sagte die Frau. »Fast so gut wie Frank. Ich bin Jo.«

Uli war so verdutzt, dass sie ihren Blick endlich von dem Augenbrauenring lösen konnte.

»Du bist Jo? Ich hatte mir dich irgendwie ... anders vorgestellt«, stammelte sie.

»Uli«, sagte Jo sinnierend, »ach ja, jetzt weiß ich auch. Du bist diejenige, die das Zimmer will.«

»Ja. Deine neue Mitbewohnerin.«

»So sieht’s wohl aus.«

Jo und griff nach der Weinflasche. Sie blickte auf das Etikett, ein Aquarell einer Weinrebe mit buntem Laub. »Was Deutsches«, sagte sie, »na ja, wer’s mag.«

Dann schob sie Uli in einen hell erleuchteten Flur. Neben der Tür befand sich ein seltsames Möbelstück, ein Dreisitzer mit einer s-förmigen Rückenlehne. Die beiden äußeren Sitzflächen zeigten nach links, die innere nach rechts. Weiter vorne stand ein antikes Nähmaschinentischchen mit einem roten Tastentelefon, daneben ein Notizblock. Sonst war der Flur leer. Eine Schrecksekunde lang dachte Uli, dass sie doch zu früh gekommen war, dass noch keiner da war und die Gestalten, die sie von draußen gesehen hatte, zu einem anderen Fest gehörten. Einem aufregenden, geheimen Fest, bei dem sie niemals auf der Gästeliste stehen würde. Dann hörte sie Musik, und in den stampfenden Discosound mischten sich Stimmen.

»Sind alle in der Küche«, sagte Jo.

Uli versuchte, sich mit hineinzuquetschen, was gar nicht so einfach war. Bis auf einen Gasherd mit eingebrannten Kaffeeflecken war kaum etwas von dem Raum zu erkennen, denn mindestens dreißig Leute standen sich dort gegenseitig auf den Füßen, tranken Bier aus braunen Halbliterflaschen und rauchten. Dabei aschten sie in winzige Kronkorken, die überall verteilt lagen, auf den Stühlen, neben der Spüle und auf dem Küchenregal, das aus losen Brettern und Ziegelsteinen zusammengebaut war. Undeutlich war eine große Platte auf dem Küchentisch zu erkennen, darauf etwas, das aussah wie Kartoffelchips mit einer kalt gewordenen, fettig glänzenden Käsekruste.

Dann entdeckte sie Tina. Sie stand draußen auf dem Balkon, fast verdeckt von einem Vorhang aus Plastiktulpen, und unterhielt sich mit einem Jungen in einem weißen T-Shirt, der so groß war, dass sie dabei ständig den Kopf in den Nacken legen musste. Uli winkte Tina zu, aber sie war ganz in eine Diskussion vertieft. Mühsam drängelte Uli sich durch die Menge, bis sie fast an der Balkontür angelangt war.

»Aber es ist erwiesen!«, sagte Tina gerade. »Saddam Husseins Soldaten haben in einer Geburtsklinik Babys aus Brutkästen gerissen, die sind alle gestorben! Das ist doch pervers.«

»Klar ist das pervers«, sagte der Junge, »deswegen haben die Amerikaner das ja auch lanciert. Die haben sich wahrscheinlich überlegt, wie sie ihr Eingreifen in Kuwait am besten legitimieren können. Das gibt Krieg da unten, einen Krieg um Rohstoffe. Aber dafür brauchen sie eine moralische Begründung.«

»Schmarrn«, entgegnete Tina entschieden und schüttelte den Kopf, dass ihre schweren Locken flogen.

»Steht dir gut, wenn du so was sagst. So was Bayerisches«, entgegnete der Junge. Es sah aus, als würde er spöttisch blicken, aber es war wohl eher die Form seiner Augenbrauen, hoch und gewölbt, die ihm diesen leicht überlegenen Gesichtsausdruck verliehen.

Weil Tina sie weiterhin nicht beachtete, sah Uli sich den Jungen genauer an. Seine Haare hatte er im Nacken zusammengebunden, sein weiches Kindergesicht stand in einem seltsamen Kontrast zu seinem breiten Brustkorb und seiner Körpergröße. Diesen hier konnte sie sich nicht mit einem pastellfarbenen Pullover um den Hals auf einem Bootssteg vorstellen.

Später, viel später musste sie manchmal daran denken, wie sie Sascha zum ersten Mal gesehen hatte. Und an dieses irreführende Gefühl, das sie bei seinem Anblick gehabt hatte. Nach all den Abenden in den überteuerten Seelokalen kam Sascha ihr vor wie ein Mensch aus einer bekannten Welt. Ein alter Freund in einem Raum voller Fremder.

Schließlich wandte Tina den Kopf, bemerkte Uli und hob grüßend die Hand. »Neue Haare?«, fragte sie. »Komm, ich zeig dir gleich mal das Zimmer.«

Sie legte dem Jungen im weißen T-Shirt zwei Finger auf den Oberarm. Die Härchen darauf glänzten im Lichtschein, der aus der Küche drang. »Lauf nicht weg«, sagte sie, »das müssen wir noch ausdiskutieren.«

»Ist das dein Freund?«, fragte Uli, als Tina sich mithilfe ihrer Bierflasche am ausgestreckten Arm einen Weg durch die Menge Richtung Gang bahnte.

»Was für ein Freund denn?«, fragte sie, und im gleichen Augenblick fiel Uli wieder ein, was Tina am Telefon gesagt hatte, am Ostbahnhof. »Ach ja«, stammelte sie, »ist mir jetzt total unangenehm, also ...«, und Tina unterbrach sie: »Nee, der Große ist Sascha.«

Dann überquerte sie den Gang und riss die Tür des Zimmers auf, das direkt der Küche gegenüberlag. Parkettboden, ein hübsches Fensterkreuz, ein großer, prall gefüllter Campingrucksack und ein Schreibtisch, auf dem sich große Stapel türmten. Uli stellte sich vor, wie sie ihren Ficus in die eine Ecke stellen würde und den Futon in die andere legen. Kein überflüssiger Schnickschnack. Keine Poster wie in ihrem Jugendzimmer, keine Erinnerungen an Busreisen zur Costa Brava. Vielleicht noch eine Flasche Wein auf der Fensterbank, für alle Fälle.

»Ist gut«, sagte sie, »ich nehm’s.«

Tina nickte. »Dann sag ich Jo Bescheid. Vierhundertfünfzig im Monat, Telefoneinheiten gehen extra, und im Kühlschrank hat jeder ein eigenes Fach.«

In dem Moment kam Sascha aus der Küche, Jo im Schlepptau.

»Bier ist alle«, sagte Jo im Vorbeigehen zu Tina, »ich schick ihn schnell mal los zur Tanke.«

»Was, jetzt schon?«, sagte Tina und blickte auf die Uhr. Es war kurz nach halb zehn.

»Beeil dich«, sagte Jo zu Sascha, »wenn die Getränke aus sind, sind in zehn Minuten alle Leute weg.«

Sascha nickte und ließ die Wohnungstür hinter sich zufallen.

»Der tut auch alles für dich«, grinste Tina, und Jo sagte: »Ja, den muss ich mir warmhalten.«

Uli machte noch einen Versuch. »Also ist Sascha Jos Freund?«, fragte sie, und wieder schüttelte Tina den Kopf. Uli wartete, ob sie noch etwas sagen würde, aber sie fingerte nur nach einer Zigarette.

»Wer ist denn eigentlich Frank?«, erinnerte sich Uli.

»Frank?«, fragte Tina verblüfft, dann lachte sie auf. »Ach ja, der gute Frank. Ganz alter Partytrick, wenn man nirgends eingeladen ist und beim Vorbeigehen zufällig sieht, dass irgendwo gefeiert wird. Wenn es schon richtig voll ist und die Leute nicht mehr ganz nüchtern, einfach reingehen und sagen, dass man zu Frank gehört. Oder zu Thomas. Oder zu Stefan. Irgendeinen davon gibt es immer.«

Bald stand eine frische Kiste Bier auf dem Balkon, und noch eine Stunde später war die Küche so voll, dass das Fest sich notgedrungen auf die anderen Zimmer verteilte. Auf dem Kühlschrank langweilte sich eine Flasche »Le Filou rouge«, auf der noch ein Preisetikett mit der Aufschrift 2,99 klebte. Uli beschloss, ein Helles zu probieren. Früher oder später musste sie sich ohnehin an den bitteren Geschmack gewöhnen, wenn sie nicht nur noch Apfelschorle trinken wollte. Wein konnte sie sich hier nicht leisten, das hatte sie schon bei den Ausflügen in die Seelokale gemerkt. Sie dachte an zu Hause, an die grün geriffelten Stiele der Gläser, den Geschmack von Weißherbst, und dann dachte sie, dass sie unbedingt ihrem Vater davon erzählen musste. Dass sie Heimweh bekam, wenn sie an Wein dachte, würde ihm gefallen.

Es hatte immer geheißen, dass man mit Münchnern schwer ins Gespräch kommt. In dieser Runde war das nicht so, was vielleicht auch daran lag, dass kaum Münchner unter den Gästen waren. Eine Germanistikstudentin schimpfte auf die Seidentuch-Fraktion in den Einführungsseminaren, auf Frauen, die angeblich nur an der Uni waren, um sich einen Mann zu angeln. Ein Maschinenbaustudent erzählte von den billigen Getränken in der Disco im Studentenwohnheim des olympischen Dorfes. Zwei angehende Betriebswirte sprachen übers Tandem-Fallschirmspringen.

Irgendwann saß Uli auf der Matratze in dem Zimmer, das ihres werden sollte, und lauschte Gesprächen, die mit jedem weiteren Bier persönlicher wurden.

»Wenn eine mir gleich am ersten Abend einen bläst, dann wird das nicht meine Freundin«, sagte gerade einer der BWLer, und die Germanistin erzählte von einer Wette, bei der es darum gegangen war, eine Frau zu küssen. Neben ihr saß ein Mädchen, das betrunken an die Decke schielte und mit dem Daumen das Schildchen von ihrer Flasche pulte. In der Ecke faltete Sascha seine langen Beine.

»Und du?«, fragte die Germanistin unvermittelt und grinste Uli an. »Was magst du im Bett?«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Wer reinkommt, ist drin" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen