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Wer loslässt, hat zwei Hände frei

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Motto
  8. Vorwort
  9. Unternehmer
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
  10. Überlebender
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
  11. Mönch
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
  12. Nachwort
  13. Danksagung
  14. Anhang
    1. Der Blick nach innen – Aufmerksamkeitsübung
    2. Universelle Liebe
    3. Nava Disa – das Retreat

Über dieses Buch

Als der erfolgreiche Unternehmer Hermann Ricker einen dramatischen Autounfall unverletzt überlebt, wird er plötzlich mit seiner eigenen Vergänglichkeit konfrontiert. Er verschenkt seine millionenenschwere Firma und lässt sein altes Jet-Set-Leben von einem Moment auf den anderen hinter sich. Schon länger von der Lehre Buddhas fasziniert, entschließt er sich, Mönch zu werden. Mit lediglich drei safranfarbenen Roben, einem Moskitozelt und einem Vorrat Instant-Nudeln zieht er sich auf eine einsame Insel in Thailand zurück. Dort sucht er in seiner neuer Lebensweise und der Meditation den Sinn des Lebens – und findet ihn!  

Über den Autor

Master Han Shan wurde 1951 als Hermann Ricker in Hessen geboren. Im Alter von 23 Jahren wanderte er nach Asien aus. Nachdem er dort einige Jahre gearbeitet hatte, gründete er 1978 seine erste eigene Firma und wurde ein erfolgreicher Manager. 1995 entschied er sich, buddhistischer Mönch in Thailand zu werden. Nach zehn Jahren legte er die Mönchskutte wieder ab und führt nun ein Retreat Center in Thailand, in dem er Menschen anleitet, die universelle Wahrheit in sich selbst zu entdecken. Im Anklang an einen alten chinesischen Meister, der mehrere Werke über Buddhas Lehre geschrieben und diese kommentiert hat, nahm er den Namen Han Shan an, was übersetzt »großer Berg« bedeutet.

Master Han Shan

Wer loslässt,
hat zwei Hände frei

Mein Weg vom Manager zum Mönch

Motto

Dauerhaftes Glück können wir nur in uns selbst finden und verankern. Wenn wir das wahre Glück in uns selbst realisiert haben, dann haben wir es bei uns, wo immer wir auch sind und was immer wir auch tun.

Unser Wohlbefinden ist nicht mehr abhängig von äußeren Umständen und Begebenheiten. Wir sind wahrhaftig frei.

Vorwort

Ist es möglich, dauerhaftes Glück in uns zu verankern?

Können wir inneres Wohlbefinden erlangen, das nicht von

äußeren Umständen abhängt?

Gibt es wahres Glück, das nur uns alleine gehört?

Über einen langen Zeitraum hinweg wurde in unserer Gesellschaft das Streben nach materiellem Reichtum gleichgesetzt mit Glück, Wohlbefinden und Sicherheit. Hat andererseits aber nicht gerade das Verlangen nach immer mehr materiellem Wohlstand und dem Festhalten daran uns zu Sklaven dieses selbst kreierten Systems gemacht, das all unser Denken und Handeln bestimmt? Was gehört uns denn wirklich?

Hat uns die neueste Krise nicht wieder einmal deutlich gezeigt, dass materieller Besitz im Grunde nichts als eine Illusion ist und uns lediglich eine scheinbare Sicherheit verleiht? Wer heute noch viel besitzt, kann es morgen schon verlieren. Und mitnehmen können wir nach unserem physischen Tode keines von den angehäuften Gütern.

Und überhaupt: Wer weiß schon, was im nächsten Moment passiert? Kann es überhaupt jemand wissen? Ist die Zeit nicht endlich reif, ehrlicher mit uns selbst zu sein und einzugestehen, dass wir es eigentlich nicht wirklich wissen können? Diese Erkenntnis gründet auf Weisheit. Das Wissen um das Nichtwissen anzuwenden, damit richtig umzugehen, ja, sein Leben danach auszurichten, ist die hohe Kunst der Lebensführung.

Wahres persönliches Glück und Wohlbefinden können nur in jedem Einzelnen begründet werden. Den Schlüssel zum Glück trägt jeder bei sich, auch wenn er es nicht weiß. Die Entscheidungsträger der Gesellschaft, in welcher Position auch immer, sollten danach trachten, ein Umfeld zu gestalten, das es jedem Einzelnen ermöglicht, diesen Schlüssel bei sich selbst zu finden. Zugleich sollten wir nicht darauf warten, dass uns andere Menschen diesen Schlüssel in die Hand geben. Wir sollten stattdessen anfangen, ihn bei uns selbst zu suchen um neue Türen zu öffnen und wahre Erkenntnisse und ethische Werte in uns wachzurufen und zu verankern.

Als ich in den Siebzigerjahren nach Asien ging und meine erste Firma gründete, herrschte eine wirtschaftliche Aufbruchstimmung. Fasziniert von dem Zusammenhalt und der Flexibilität der Menschen in Singapur, versuchte ich, mich auf die örtlichen Gegebenheiten einzulassen, statt meine Angestellten und Arbeiter in eine ihnen fremde Struktur zu pressen. Ich tauchte ein in die östliche Lebensweise, und im Gegenzug erschlossen sich mir völlig neue Perspektiven. Menschen in ärmeren Regionen Asiens zeigten mir, dass Glück eben nicht immer mit unserer Vorstellung von Wohlstand oder Reichtum einhergehen muss. In ihren einfachen Hütten, die nur notdürftigen Schutz vor Regen und Sonne boten, und mit nicht mehr zu essen, als die Natur rundum ihnen gab, strahlten sie eine tief verinnerlichte Freundlichkeit und Zufriedenheit aus, die ich in meinem früheren Leben in Deutschland oft vergebens gesucht hatte. Jeder half jedem auf irgendeine Art, denn jeder fühlte sich mit dem anderen verbunden.

Diese Beobachtungen führten dazu, dass ich in meiner Firma die Grundzüge eines ethischen Managements umsetzte, das meinen Mitarbeitern und mir Erfolg sowie ein hohes Wohlbefinden bescherte. Ich war im Fluss, und was immer ich anpackte, gelang. Schon damals ging es mir nie um Profit um des Geldes willen. Es war stets mein Bestreben, Geschäfte im Einklang mit allen Beteiligten zu tätigen, und der Profit war lediglich das Resultat diese Haltung.

Während mein Unternehmen expandierte, häufte ich Besitztümer an, die das Leben angenehm machten. Ich wurde zum sogenannten Millionär, und auch die Menschen, die in meinen Firmen arbeiteten, hatten ihren Anteil am Wohlstand.

Dass all der äußere Reichtum mir in Wahrheit nichts brachte und im Grunde genommen nur eine Illusion war, erfuhr ich eines Nachts, als ich mit meinem Jaguar unterwegs war und einen schweren Autounfall hatte. Mein Wagen überschlug sich mehrfach, Fenster splitterten, und das Blech drückte sich rund um mich herum ein. Ich selbst blieb völlig unversehrt.

Von diesem Augenblick an war nichts mehr so, wie es noch Sekunden zuvor gewesen war. Ich fragte mich plötzlich, was im Leben wirklich wichtig ist. Die Antwort darauf fand ich, als ich alles, was mir gehörte, fortgab und als Bettelmönch auf einer Insel fernab von Business und Konsum lebte. Dort wurde ich wirklich reich.

Mein Weg mag extrem gewesen sein. Für mich funktionierte er nur so. Doch nicht jeder, der sich auf die Suche nach innerem Reichtum begibt und sich dem zuwenden möchte, was wirklich Sinn für ihn und die Welt macht, muss denselben Weg einschlagen wie ich. Allerdings können die Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich mir auf meinem Weg erarbeitet habe, Ansatzpunkte für jeden Einzelnen bieten, der bereit ist, wirkliches Glück und Wohlbefinden in sich selbst zu suchen.

Alles ist vergänglich, nichts ist von Dauer. Alles fließt und ist damit stets wandelbar. Das Einzige, was immer bleibt, ist die Vergänglichkeit.

Wenn wir festhalten an dem, was wir besitzen oder zu sein glauben, machen wir uns selbst zu einem Sklaven, der unaufhörlich damit beschäftigt ist, den Strom der Vergänglichkeit aufzuhalten. Wir werden zu einem Damm, der vergeblich versucht, das Wasser zu stauen, anstatt uns fröhlich und glücklich von der Strömung des Flusses tragen zu lassen.

Wer aber loslässt, der hat zwei Hände frei. Loslassen macht uns frei und unabhängig. Es erlaubt uns, unsere Kraft nicht mit dem Festhalten von oder an Dingen zu vergeuden, die wir ohnehin nicht bewahren können. Stattdessen können wir sie dazu nutzen, um uns so tief wie möglich in den Fluss zu begeben. Wer weiß schon, welche Reichtümer flussabwärts noch auf uns warten?

Unternehmer

Ziele limitieren Fähigkeiten.

Ziele, die mit unserem limitierten menschlichen Verstand gesetzt werden, spiegeln die Limitationen unseres Verstandes wider.

Unsere wahren Fähigkeiten wurzeln in der tief in uns eingebetteten Kraft. Diese klare Kraft ist überlagert und verdeckt von Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen.

Die wahre Kraft in uns freizulegen heißt, unser wahres Potenzial zum Wirken zu bringen, ohne die Limitationen, die der Verstand uns auferlegt.

Diese wahre Kraft ist mit allem verbunden, zu jeder Zeit.

Sie ist im Fluss.

Nicht das Ziel heiligt die Mittel, sondern die Mittel bestimmen das Ziel.

1

Tropische Hitze schlug mir entgegen, als ich aus dem Flugzeug stieg. Es war der 2. März 1974, zwei Tage vor meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag. Ich war in Singapur gelandet – der Löwenstadt. Tief sog ich den Duft der weiten Welt in mich ein. Ich war voller Hochgefühl, denn ich stand am Beginn eines neuen Abschnitts in meinem noch recht jungen Leben. In vier Tagen sollte ich eine Stelle als Produktionsleiter der Firma Rollei antreten, die einen großen Teil ihrer Fertigung nach Asien verlegt hatte.

In der Ankunftshalle des alten Paya-Lebar-Flughafens von Singapur erwartete mich mein neuer Vorgesetzter – ein Deutscher – mit seiner Sekretärin. Sie fuhren meine Frau und mich in ein Hotel ein wenig außerhalb des Stadtzentrums und ließen uns für einige Stunden allein, damit wir uns nach dem langen Flug ausruhen konnten.

Biene war erschöpft, sie blieb auf dem Zimmer, um ein paar Stunden zu schlafen. Mich aber hielt dort nichts, ich konnte es kaum erwarten, Land und Leute kennenzulernen. Ich ging hinunter in die Lobby, bestellte etwas zu trinken und ließ die Menschen an mir vorbeiströmen. Singapur war eine multinationale Stadt, in der Chinesen mit rund zwei Dritteln Bevölkerungsanteil das Gesamtbild dominierten. Ich hatte Mühe, die einzelnen Gesichter zu unterscheiden. Für mich sahen sie alle gleich aus. Wahrscheinlich ging es ihnen umgekehrt ebenso; in ihren Augen war ich wohl nur einer der hochgewachsenen Fremdlinge aus Europa, die an der Südspitze der Malaiischen Halbinsel gestrandet waren, um nach dem Willen der Regierung technisches Know-how ins Land zu bringen.

Ich hatte einen Zweijahresvertrag mit der Firma Rollei abgeschlossen, obgleich ich mir sicher war, dass ich so schnell nicht nach Deutschland zurückkehren würde. Als Produktionsleiter würde ich für die Fertigung sämtlicher Metall- und Plastikteile der Kameras, die von der Firma seit Kurzem in Singapur fabriziert wurden, verantwortlich zeichnen. Die Expansion nach Asien war in jenen Jahren noch ein relativ neuer produktionstechnischer Trend, ein Umstand, der meinen Bestrebungen nur zupasskam. Seit ich die Anzeige in der Zeitung gesehen und mich für den Auslandsposten beworben hatte, waren gerade mal vier Wochen vergangen.

Im Gegensatz zu den alteingesessenen Angestellten der Firma, die lieber zu Hause bei ihren Familien in gesicherten Verhältnissen bleiben wollten, war ich ganz erpicht auf einen Auslandsvertrag gewesen. Rollei hatte sich an dem Projekt der Regierung von Singapur beteiligt, lokale Arbeitskräfte auszubilden, um deutsche Präzisionsarbeit mit asiatischer Flexibilität und den deutlich geringeren Lohnkosten zu verbinden. Schon früh begriff die singapurianische Regierung, dass wirtschaftliches Wachstum nur mit gut geschulten Fachkräften möglich ist, und bemühte sich deshalb, geeignete Investoren ins Land zu holen. Das schien mir ein ausgewogenes System zu sein, von dem beide Seiten profitieren konnten und das dem Land und seinen Bürgern zugutekommen würde. Es hörte sich ehrlich und integer an – und es hatte mir die Möglichkeit verschafft, Deutschland den Rücken zu kehren und aufzubrechen in ein völlig neues Leben.

Und wie faszinierend dieses Leben war! Ich trat aus der Lobby auf die Straße und sog all die neuen Eindrücke in mich auf. Autos brausten an mir vorüber, die ein deutscher TÜV niemals auch nur begutachtet hätte. Doch sie fuhren, wenn auch ratternd und qualmend. Zwischen den Autos suchten sich Fahrradrikschas und Mopeds ihren Weg. Ich lief ein Stück zu einem nahen Park. Unter Palmen fand ich ein schattiges Plätzchen. Da saß ich und ließ die Umgebung auf mich einwirken. Wir waren in einem Gartenhotel in einer guten Wohngegend untergekommen. Die Häuser wirkten solide, doch als mein Blick über die ein- und zweistöckigen Bauten schweifte, entdeckte ich ärmliche Hütten aus Holz und Schilf in den abgelegeneren Straßen.

Je länger ich dort saß und schaute, desto weiter rückte Deutschland mit all seinen Verordnungen und festen Strukturen in die Ferne. Es war mir leichtgefallen fortzugehen, ja, ich hatte mich förmlich nach einem Tapetenwechsel gesehnt. Auch wenn ich zu meiner Familie und meinen Freunden ein gutes Verhältnis gehabt hatte, war ich doch meist der stille, eher unergründliche Außenseiter gewesen. All der Small Talk hatte mich nie wirklich interessiert, ich hatte nie Teil einer Gesellschaft sein wollen, die vergleicht und urteilt und die Menschen mit all ihren starren Regeln einengt. Im Grunde war ich ein Nestflüchter, hatte jahrelang nur auf den passenden Augenblick gewartet und die erste sich bietende Gelegenheit am Schopf gepackt, um die Flügel zu spreizen und davonzufliegen.

Meine Frau war sogleich bereit gewesen, mich zu begleiten. Wir zwei waren voller Enthusiasmus, was unsere gemeinsame Zukunft betraf. Auch wenn Biene als Sekretärin in Singapur kaum auf eine Anstellung hoffen konnte, freute sie sich wie ich darauf, ein neues, fremdartiges Land und seine Menschen kennenzulernen.

Sie schlief noch, als ich ins Hotel zurückkehrte. Leise schloss ich die Tür zu unserem Zimmer und ging in die Lobby zurück. Dort suchte ich mir einen Platz, der mir einen Blick auf den Garten bot. Auch ich war müde, aber mein Geist war viel zu aufgewühlt, als dass ich die Augen hätte schließen wollen. Die Sonne schien, Pflanzen wucherten in allen Schattierungen von Grün, und im Schatten der Bäume wuchsen Orchideen in all ihrer Pracht. Tief atmete ich durch.

Ich war angekommen.

2

Die folgenden Tage verbrachten Biene und ich mit der Suche nach einer passenden Wohnung und lernten mehr und mehr die Stadt kennen.

Ein Gefühl von Freiheit machte sich in mir breit, wenn ich durch die verschiedenen Viertel streifte. Ich ließ mich treiben.

Der Duft von Rosen und Jasmin drang in meine Nase; hier standen die Villen aus der Kolonialzeit mit ihren gepflegten englischen Gärten. Zum Hafen hin änderte sich die Szenerie, es roch nach Curry und Kardamom. Unverkennbar näherte ich mich Little India. Stoffe waren vor den Häusern auf provisorischen Ständen ausgelegt; dahinter saßen Frauen in ihren Saris und schneiderten exotisch anmutende Gewänder. Straßenverkäufer boten Essen feil, es duftete nach Gebackenem, Gekochtem und Gegartem. Die Menschen ergossen sich wie ein bunter Strom auf die Straßen. Dazwischen staute sich der Verkehr, es wurde gehupt und gerufen und geschrien. Vor den Geschäften standen kleine Schreine, mit Blumen und Opfergaben geschmückt.

Ein Stück die Straße hinunter gelangte ich zum Hafen, dem Tor zum Südchinesischen Meer. Hier lagen Schiffe aus aller Welt vor Anker, die Waren jeglicher Art umschlugen. Alte chinesische Dschunken, mit abschreckenden Drachengesichtern bemalt, glitten über das stille Wasser und brachten die Handelsgüter von den großen Frachtern zu den Piers. Dort wurden sie mit einfachen Kränen und mit viel menschlichem Einsatz auf bereitstehende Laster verladen oder in die Godowns geschafft, die direkt am Wasser liegenden Lagerhäuser.

Bei genauem Hinsehen erkannte ich in dem geschäftigen Treiben ein System. Die Arbeiter waren in verschiedene Teams eingeteilt, die sich gut zu verstehen schienen. Ihre Zusammenarbeit basierte auf gegenseitiger Unterstützung, die es ihnen ermöglichten, die schweren Lasten effektiv zu entladen. Sie schienen miteinander im Fluss zu sein. Jeder wusste, was zum richtigen Zeitpunkt zu tun war, und das ohne große Worte. Ich war beeindruckt.

Mein Blick schweifte über das Meer. Ein Stück abseits des geschäftigen Hafens sah ich einen Kelong, einen auf Holzpfählen im Meer stehenden Fischfang-Platz mit einer Hütte für den Fischer, der von dort sein Netz auswarf. Das Bild schien aus einer anderen Zeit zu stammen und bildete mit der Ruhe, die es ausstrahlte, einen großen Gegensatz zum geschäftigen Hafen; und doch passte beides irgendwie zusammen.

Ein paar Schritte weiter drückten sich kleine Spelunken in die engen Gassen. Hier und dort saßen Seeleute, betranken sich oder tanzten auf den Dächern der Hafenbuden.

Und erst die Bugis Street! Am Tag wurde hier der Markt abgehalten. Doch wenn die Sonne sank, verwandelte sich die Straße in einen Platz voller Leben. Fliegende Händler boten ihre Waren in Bauchläden feil, und aus allen Himmelsrichtungen strömten die Einheimischen mit ihren Garküchen herbei. Hier wurde die Nacht zum Tag gemacht. Noch um drei konnte man durch die Straßen ziehen, sich auf einen der wie aus dem Nichts aufgetauchten Stühle setzen und mit Menschen aller Hautfarben und Religionen plaudern. Es war wie ein Bilderbogen aus einer exotischen Welt, und ich sog die Gerüche und Farben und mit ihnen all die Vielfalt des Lebens in mich auf. Leichtigkeit lag in der Luft. Türen öffneten sich, und ich sah hindurch und entdeckte, wie unterschiedlich wir Menschen auf diesem Erdball doch leben und dass man Glück und Zufriedenheit offenbar auch anders erlangen kann, als ich es bisher gewohnt war. Wie froh war ich, die Chance bekommen zu haben, fern von zu Hause arbeiten zu können.

Je mehr ich das Leben rund um mich herum beobachtete, desto klarer wurde mir, dass in diesem unglaublichen Durcheinander eine gewisse Struktur erkennbar war. Im größten Gewühl auf den Straßen behandelten sich die Menschen mit Achtung, wichen einander aus, nahmen Rücksicht und vermieden es, sich im Weg zu stehen. Das gab mir zu denken. Hier schien man sich untereinander auf unausgesprochene Weise zu verbinden, die vorhandenen Energien aufzunehmen und im Fluss zu halten, statt die Energieströme nach dem eigenen Willen strukturieren zu wollen oder sie Gesetzen und Verordnungen zu unterwerfen.

Schon bald fanden Biene und ich eine schöne Etagenwohnung in einem der neuen Hochhäuser, deren Fenster einen atemberaubenden Blick über die Stadt boten. Doch am liebsten saß ich am Meer und atmete den salzigen Geruch der See tief ein, der sich mit dem von gebratenem Fleisch und Sateysoßen vermischte. Der Gedanke an Arbeit rückte in jenen ersten Tagen in Singapur immer mehr in die Ferne. Wer wollte sich schon in geschlossene Räume zwängen, wenn draußen die Sonne schien und das Leben pulsierte …

3

Vier Tage nach meiner Ankunft war es so weit: Ich trat meine neue Stelle in der Firma an.

In meiner Abteilung arbeiteten rund zweihundertfünfzig Männer und Frauen. Mit meinen dreiundzwanzig Jahren war ich jung für eine Position als Produktionsleiter, und ich hatte noch nicht viel praktische Berufserfahrung gesammelt, mit Ausnahme meiner ersten Arbeitsstelle in Berlin. Dennoch hatte sich die Firma für mich entschieden und setzte Vertrauen in meine fachlichen Kenntnisse und meine zwischenmenschlichen Fähigkeiten.

Was Letzteres betraf, so war ich selbst es, der den Maßstab hoch ansetzte, denn ich erinnerte mich nur zu gut an eine Begebenheit bei meiner Anstellung in Berlin. Dort hatte es während der ersten Wochen meiner Zeit als Ingenieur einen Wechsel auf den höheren Etagen gegeben. Ein junger Manager hatte einen hoch dotierten Posten übernommen. Die Belegschaft bekam eine bittere Kostprobe seines schlechten Führungsstils, als eines der älteren Mitglieder des Betriebes geehrt werden sollte. Zweifellos ein bedeutsames Ereignis im Leben eines Mannes, der über vierzig Jahre seines Lebens damit verbracht hatte, die Firma mit am Laufen zu halten. Der Jungmanager hielt die Rede zum Dienstjubiläum, doch er kannte nicht einmal den Namen des Mannes. Während er da stand und sich verhaspelte, sein Skript durchblätterte und vergeblich den Namen suchte, fühlte ich einen ungeheuren Zorn in mir aufsteigen. Mein Blick streifte den alten Mann, er hatte Tränen in den Augen. Damals gab ich mir selbst das Versprechen, niemals in eine ähnliche Situation zu geraten oder dergleichen bei einem meiner Mitarbeiter durchgehen zu lassen. Vor dem Hintergrund dieser negativen Erfahrung war leicht zu verstehen, dass ich viele Stunden investierte, um die Angestellten meiner Abteilung kennen- und verstehen zu lernen.

Zum anderen half mir meine Begeisterung für das Neue, das Fremdartige immens dabei, mich auf die Einheimischen einzustimmen und ihre besonderen Fähigkeiten des Miteinanders in die Arbeit einfließen zu lassen.

In Gesprächen mit einigen Deutschen, die ich in den ersten Tagen in Singapur getroffen hatte, war ich mit vielen Gerüchten konfrontiert worden. Allgemein wurde den lokalen Arbeitern nachgesagt, sie seien unorganisiert und arbeiteten nicht nach Plan, so wie man es von daheim gewohnt war.

Nun – der Unterschied zu Deutschland war in der Tat in jeder Ecke der Stadt zu spüren, in jedem Gebäude, in jedem Atemzug. Selbstverständlich ließen sich die Leute aus Singapur nicht mit den Deutschen vergleichen. Aber was sollte mir ein Vergleich überhaupt bringen?, fragte ich mich. Kein Mensch ist besser oder schlechter, jeder ist einfach nur anders.

Und so nahm ich mir vor, meine Mitarbeiter nicht in ein Schema zu pressen, sondern erst einmal herauszufinden, wer und wie sie waren, was sie antrieb, wie sie die Arbeit angingen. Ich war mir sicher, dass ich von ihnen etwas lernen konnte und wir uns gegenseitig unterstützen würden, wenn erst einmal Vertrauen Einzug in unsere Arbeitsbeziehung hielt. Und es dauerte nicht lange, bis ich eine erste Kostprobe von ihrer Lebensart und Denkweise bekam.

Es war an einem Nachmittag, als eine der Spritzgussmaschinen ausfiel. Eine heikle Angelegenheit, schließlich stand der Zusammenbau der Kameras für den nächsten Morgen auf dem Programm. Die Bänder sollten niemals stillstehen – Zeitverlust bedeutete Einkommensverlust –, und so war ich immens unter Druck. Gleich zu Beginn meiner Laufbahn wollte ich mir keinen solchen Fehler leisten. Ich rief die Arbeiter zusammen, in der Hoffnung, wenigstens eine Handvoll zum Bleiben animieren zu können. Gestenreich sprach ich von der Bedeutung, die Termine einzuhalten. Und auch wenn das Versagen der Maschine nicht unsere Schuld war, würde es ein schlechtes Licht auf unsere Abteilung werfen, wenn wegen fehlender Kleinteile der Zusammenbau der Kameras aussetzen müsste. Kurz gesagt: Ich brachte mein gesamtes rhetorisches Talent ein, verdrängte jeden Gedanken an die murrenden Bemerkungen von Kollegen, die ich aus meiner Zeit in Deutschland in ähnlichen Situationen gewohnt war, und bat die Männer um Hilfe.

Ich staunte nicht schlecht, als jeder Einzelne von ihnen wie selbstverständlich an seinem Arbeitsplatz blieb und bis tief in die Nacht ausharrte – bis die Maschine repariert war und wir unser Soll erfüllt hatten. Diejenigen, die nicht zu müde waren, lud ich zum Essen ein. Es war nachts um drei, aber in Singapur fand man immer noch ein lauschiges Plätzchen zum Essen und Trinken.

In jener Nacht begriff ich, dass die Arbeiter in mir weit mehr sahen als einen Vorgesetzten, dem sie gefallen wollten. Gewissermaßen war ich das Oberhaupt einer großen Familie, in der sich einer um den anderen sorgte. Gemeinsam waren wir stark; es war das Prinzip der Synergie, das hier zum Tragen kam. Wir waren mehr als die Summe der Einzelnen.

Mit der Zeit gestaltete sich das Verhältnis zu den Männern und Frauen, die in meiner Abteilung arbeiteten, erstaunlich leicht und fließend.

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