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Wer ist der andere, Alissa?

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

In dem Augenblick, als er das Büro betrat, wusste sie schon, dass er es war.

Er hatte weder etwas gesagt, noch war er sonst zu hören gewesen, als er den dicken Teppich überquerte. Sie hatte nicht einmal von der Arbeit hochgesehen. Das brauchte sie auch nicht. Das ihr bereits vertraute Prickeln unter der Haut zeigte es ihr an.

Alissa seufzte. Es schien ganz so, als hätte sie ihr eigenes Radarsystem entwickelt, wenn es um Dirk Matheson ging.

Sie setzte eine gleichmütige Miene auf, ehe sie vom Bildschirm des Computers hochsah, als er neben ihrem Schreibtisch stehen blieb. Wie immer versetzte es ihr einen kleinen Schock, als ihr Blick seinen silbergrauen Augen begegnete.

„Guten Morgen, Mr Matheson. Kann ich Ihnen helfen?“

„Ist Henry beschäftigt? Ich müsste ihn schnell sprechen“, sagte er so kurz angebunden wie auch sonst immer.

„Einen Moment, bitte. Ich erkundige mich.“

Ungeduldig klopfte er mit einer zusammengerollten technischen Zeichnung gegen sein Bein, während Alissa durch die Sprechanlage mit gedämpfter Stimme ihren Boss verständigte.

Henry Battle war der Präsident der Firma Texas Consolidated Electronics, auch als Tex-Con bekannt, und Alissa Kirkpatrick arbeitete bereits seit fast fünfzehn Jahren als seine Sekretärin. Es gab nur eine Handvoll Menschen, gleichgültig ob innerhalb oder außerhalb des Unternehmens, die Henry Battle ohne vorherige Vereinbarung zu sehen bekamen. Dirk Matheson, einer der Top-Leute von Tex-Con, gehörte zu ihnen.

Alissa nahm den Finger vom Knopf der Sprechanlage und sagte mit einem freundlichen Lächeln: „Mr Battle erwartet Sie, Mr Matheson.“

Der nickte, drehte sich um und marschierte auf Henrys Tür zu. Seine Haltung drückte Autorität und Selbstsicherheit aus.

Alissa blickte ihm nach. Dieses Prickeln, das sie seit einiger Zeit empfand, wann immer er in ihre Nähe kam, hatte sich noch nicht gelegt.

„Also wirklich, Alissa. Was um Himmels willen ist nur los mit dir? Jemandem wie Dirk Matheson hinterherzuträumen …“, murmelte sie vor sich hin, als sie sich wieder dem Bildschirm zuwandte. „Du kennst den Mann seit fünfzehn Jahren, und während all dieser Zeit hat er in dir kein einziges Mal etwas anderes gesehen als einen Teil der Büroeinrichtung.“

Doch auch sie hatte Dirk Matheson bis vor Kurzem kaum größere Beachtung geschenkt. Nicht, dass sie ihn nicht attraktiv gefunden hätte. Welche Frau würde das nicht tun? Groß, schlank und doch muskulös, schwarzes Haar, das an den Schläfen ein paar Silbersträhnen zeigte, graue Augen und ein scharf geschnittenes Gesicht mit fast harten Zügen. Er war ein dynamischer, maskuliner Typ, gegen den die meisten anderen Vertreter seines Geschlechts verblassten, sobald er nur in ihre Nähe kam. Sein unergründliches, grüblerisches Wesen wirkte auf Frauen geheimnisvoll. Gern hätten Alissa herausgefunden, was sich hinter den undurchdringlichen Gesichtszügen und den silbergrauen Augen verbarg.

Natürlich war er ihr bereits an ihrem ersten Tag bei Tex-Con vor fünfzehn Jahren aufgefallen, aber auf eine eher objektive Weise … Vielleicht so, wie man einen faszinierenden Kunstgegenstand bewunderte. Zu der Zeit war sie auch noch glücklich verheiratet gewesen und hatte kein Interesse an anderen Männern gehabt.

Wie die Dinge sich doch verändert haben, dachte sie traurig. Es war nun etwas länger als ein Jahr her, dass sie nach sechzehn Ehejahren Witwe geworden war.

Sie war noch immer nicht an anderen Männern interessiert. Jedenfalls nicht ernsthaft. Doch zu ihrem Leidwesen fühlte sie sich neuerdings zu dem jüngsten Vizepräsidenten des Unternehmens hingezogen. Ihr Herz fing an wie wild zu klopfen, sobald er in ihre Nähe kam, und sie ertappte sich des Öfteren dabei, wie sie sich in ihren Tagträumen mit ihm beschäftigte. Was einfach albern ist, hielt sie sich vor und klickte die Computermaus härter als nötig an. Als ob Dirk Matheson ihr auch nur einen zweiten Blick schenken würde. Mit seinen vierzig Jahren gehörte er zu Houstons begehrtesten Junggesellen. Er traf sich mit weltgewandten, schönen Frauen und nicht mit jemandem, der so unerfahren und häuslich war wie sie.

Und dafür sollte ich meinem Glücksstern dankbar sein, sagte sich Alissa. Auch wenn Dirk sie aus irgendeinem undurchschaubaren Grunde wirklich wahrnehmen sollte, würde nichts daraus werden können. Sie hätte nicht die geringste Ahnung, wie sie mit ihm umgehen sollte, nicht einmal in einer rein platonischen Beziehung. Seit mehr als siebzehn Jahren, seit sie mit neunzehn Tom Kirkpatrick geheiratet hatte, war sie nur mit einem Mann, mit ihm, zusammen gewesen.

Ein kleines Lächeln zuckte um Alissas Lippen. Sie bezweifelte, dass irgendeine von Dirks Beziehungen als platonisch eingestuft werden könnte.

Bei der Arbeit war er immer sehr sachlich und gründlich – sogar hart, wie manche behaupteten. Ganz sicher war er kein Mann, der sich etwas vormachen ließ. Er war bekannt dafür, dass er mit Faulpelzen und inkompetenten Angestellten erbarmungslos verfuhr. Die unvoreingenommene, nüchterne Art und Weise, mit der er ein Projekt oder ein Problem anpackte, war legendär unter den Arbeitnehmern und den Kunden von Tex-Con. Doch ihr weiblicher Instinkt sagte Alissa, dass sich hinter dem strengen Gesicht und den rätselhaften Augen ein leidenschaftlicher und sinnlicher Mann verbarg.

Als Alissa damals bei Tex-Con angefangen hatte, war Dirk ein aufstrebender leitender Angestellter, der den Mitarbeiterinnen viel Stoff zu frivolen Überlegungen und zum Fantasieren bot. Fünfzehn Jahre und eine Vizepräsidentschaft später hatte sich in der Beziehung nur wenig geändert. Dirk war immer noch Single, und die weiblichen Angestellten von Tex-Con waren noch immer hingerissen von ihm … jetzt sogar noch mehr als früher.

Allein der Gedanke, der Horde in Dirk verknallte Frauen anzugehören, machte Alissa fassungslos. Es war so erniedrigend!

Lieber interpretierte sie die plötzliche Faszination als ein Zeichen dafür, dass sie sich endlich erholt hatte. Immerhin war sie eine junge Frau. Toms unerwarteter Tod hatte sie schwer getroffen, aber nach mehr als einem Jahr der Trauer war es nur natürlich, dass sie sich irgendwann auch wieder für einen anderen Mann interessieren würde.

Wie dem auch sei, jedenfalls ist es einfach dumm und sinnlos und eine reine Zeitvergeudung, sich zu intensiv mit Dirk Matheson zu beschäftigen, hielt Alissa sich vor und konzentrierte sich darauf, für Mr Battle die Briefe zu Ende zu tippen.

Sie war eine vernünftige sechsunddreißigjährige Frau und kein unreifes Schulmädchen. Von jetzt ab würde sie Dirk Matheson aus ihrem Kopf verbannen.

Den restlichen Vormittag hindurch blieb sie ihrem Vorsatz treu. Sogar dann, als Dirk etwa eine halbe Stunde später aus Mr Battles Büro herauskam. Sie hielt den Blick auf den Bildschirm geheftet und fuhr mit dem Tippen fort, ohne auch nur eine Sekunde lang aus dem Takt zu kommen.

Später, als sie mit ein paar Kolleginnen, mit denen sie auch gut befreundet war, in einem nahe gelegenen Restaurant zu Mittag aß, beglückwünschte sie sich zu ihrer Selbstbeherrschung. Unglücklicherweise hatte sie ganz vergessen, wie gern sich ihre Kolleginnen am Mittagstisch über Männer im Allgemeinen und über Tex-Cons sexy Vizepräsidenten im Besonderen ausließen.

Sie waren noch mitten beim Essen, als Dorothy Ames, eine Elektroingenieurin, beim saftigsten Teil ihrer Lästerei über einen männlichen Chauvinisten aus der Produktionsabteilung auf einmal innehielt. „Schaut mal!“, flüsterte sie eindringlich. „Ist das nicht Dirk Mathesons Neueste?“

Sie wies mit der Salatgabel in ihre Blickrichtung, und alle fünf um den Tisch sitzenden Frauen folgten mit den Augen der sagenhaften Brünetten, die sich hastig den Weg durch das voll besetzte Restaurant bahnte.

„Stimmt. Das ist Diedre Hollingsworth“, bestätigte Jolene Greer.

Neben ihr neigte Margo Dutton den Kopf zur Seite und kniff die Augen mit den schwarz getuschten Wimpern zusammen. „Bilde ich es mir nur ein, oder sieht sie tatsächlich so aus, als ob sie über irgendetwas schwer verärgert wäre?“

„Hm … Ich glaube fast, du hast recht“, murmelte Annie Mimms, die Sekretärin aus der Verkaufsabteilung. „Die hat eine Mordswut im Bauch. Die fängt gleich an, Feuer zu speien. Ich frage mich nur, was der Anlass dafür sein kann.“

„Wer weiß?“, sagte Jolene gedehnt. Und mit deutlicher Verachtung in der Stimme fügte sie hinzu: „Vielleicht wollte ihr Mercedes heute Morgen nicht anspringen. Oder vielleicht hat der Oberkellner ihr den Salat nicht gut genug durchgemischt. Meine Güte, vielleicht hat sie sich auch ’nen Fingernagel abgebrochen. Ihr wisst schon, wie das ist, wenn man zu den oberen Zehntausend gehört. Das Leben ist eine einzige verheerende Katastrophe nach der anderen.“

Jolenes Kindheit und Jugendzeit waren von Armut gezeichnet gewesen. Sie hatte gleich nach der Highschool geheiratet, und ein Jahr später war sie mit ihrem Baby vor ihrem grausamen Mann geflohen. Frisch geschieden, mittellos und ohne Ausbildung hatte sie vor zwanzig Jahren bei Tex-Con in der Briefabfertigung als Hilfskraft angefangen. Doch sie war entschlossen genug gewesen, sich in Abendkursen fortzubilden und sich in der Firma ihren Weg nach oben zu erarbeiten … bis zu ihrer heutigen leitenden Position in der Personalabteilung. Jolene hielt demnach nur wenig von dem müßigen Leben der Reichen.

„Was würde ich darum geben, eine solche Figur zu haben“, seufzte Dorothy. „Stattdessen muss ich mich mit strammen Waden und ausladenden Hüften bei einer Größe von ein Meter fünfzig begnügen. Das ist einfach nicht fair.“

„Nun hör mal, Dorothy, du hast doch eine absolut nette Figur.“ Die immer mütterliche Anne sprang ihrer Freundin bei. „Du bist nur ein wenig rundlich, das ist alles. Und glaub mir, es gibt genügend Männer wie meinen Brian, die es gernhaben, wenn eine Frau ein wenig Fleisch auf den Knochen hat.“

„Ein wenig Fleisch? Meine Süße, ich trage hier fast eine ganze Metzgerei mit mir herum.“

„Was ist denn schon dabei? Jeder kann die Figur eines Models haben, wenn er einen persönlichen Trainer hat und den ganzen Tag nichts Besseres zu tun.“

Dorothy warf Jolene einen kurzen Blick zu. „Vielleicht. Du musst aber zugeben, dass Diedre Hollingsworth wunderschön ist.“

„Na und? Pah! Dirks Frauen sind alle wunderschön.“

„Wen wundert’s? Ich meine, seien wir doch mal ehrlich. Frauen umschwärmen diesen Mann wie die Motten das Licht. Er hat eben die freie Wahl. Stimmt’s?“

„Und ob das stimmt!“ Margos Augen bekamen einen träumerischen Glanz. „Ich wünschte nur, seine Wahl würde irgendwann mal auf mich fallen. Was für ein Mann!“

„Du sagst es“, stimmte Annie atemlos zu. Sie ließ die Wimpern flattern. „Es sind seine Augen … der Blick in seinem steinernen Gesicht geht mir einfach unter die Haut. Sobald er in meine Nähe kommt, ich schwör’s euch, da überläuft es mich.“

Alissa war da absolut gleicher Meinung. Seit einiger Zeit konnte sie nicht mit Dirk im selben Raum sein, ohne eine Gänsehaut zu bekommen. Obwohl sie es keineswegs zugeben würde. Auch nicht ihren Freundinnen gegenüber.

„Hey! Und ich dachte immer, du wärst glücklich verheiratet!“

„Das bin ich auch.“ Annie warf Jolene einen hochnäsigen Blick zu. „Aber nur weil ich verheiratet bin, heißt das noch lange nicht, dass ich blind bin. Oder tot.“

„Ich weiß, was du meinst.“ Dorothy seufzte. „Grüblerische Männer haben so etwas Anziehendes. Sie sind so geheimnisvoll, so … so faszinierend.“

„Hm …“ Annie stützte das Kinn in die Hand. „Er ist der einzige Mann, der es schaffen könnte, mich von meinem Brian wegzulocken.“

Jolene schnaufte verächtlich. „Vergiss es. Während der ganzen Zeit, die ich in dieser Firma bin, hat Dirk kein einziges Mal eine ernsthafte Beziehung zu einer dieser Frauen, mit denen er sich trifft, gehabt. Sie bleiben gewöhnlich nicht länger als ein halbes Jahr, seine Freundinnen. Allerhöchstens.“

„Ein Mann ganz nach meinem Herzen“, sagte Margo gedehnt. „Ich persönlich finde, dass es absolut schrecklich ist, sich für ewig an einen Mann zu binden.“

„Ach, ich weiß nicht.“ Annies rundes Gesicht nahm einen versonnenen Ausdruck an. „Ich finde es eigentlich ziemlich romantisch.“

Margo musterte ihre jüngere Kollegin ironisch. „Natürlich denkst du so. Ich frage mich nur, wie du nach zehn Ehejahren und zwei Kindern noch immer so vernarrt in deinen Mann sein kannst.“

„Das ist leicht. Ich liebe ihn ja auch. Was dir nur solche Schwierigkeiten macht, ist dein Sarkasmus. Du hast keine blasse Ahnung, worum es in der Liebe wirklich geht.“ Annie rümpfte die Nase.

Alissa zwinkerte ihr zu. „Hör nicht auf Margo. Wir alle wissen, was für eine Zynikerin sie ist.“

Die dreimal geschiedene Margo Dutton war die Assistentin des Personalchefs bei Tex-Con. Sie wirkte weltgewandt und raffiniert, und nach ihren eigenen Worten gab sie sich nur mit Männern ab, um sich von ihnen im Bett befriedigen zu lassen. Alissa nahm allerdings an, dass Margo sich mit ihrer Einstellung nur vor noch weiteren schmerzhaften Enttäuschungen schützen wollte.

„Das stimmt nicht. Ich bin nur Realistin.“

„Ach so.“ Alissa verkniff sich ein Lächeln und schaute am Tisch in die Runde, während sie eine Gabel voll Salat nahm. Manchmal wunderte sie sich noch immer darüber, dass fünf so unterschiedliche Frauen so gut befreundet sein konnten.

„Dass Dirks Affären alle so kurz und knapp ausfallen, ist übrigens nicht das einzig Bemerkenswerte daran“, meldete Dorothy sich plötzlich wieder zu Wort. „Mir ist auch nicht bekannt, dass er sich jemals mit einer Frau getroffen hat, die für Tex-Con arbeitet.“

„Mir würde eine heiße Nacht genügen“, sagte Margo in ihrer erotischsten Stimme. „Ach, versucht euch nur einmal vorzustellen, wie sein Körper unter all diesen tadellosen Maßanzügen aussehen muss … und wie er wohl als Liebhaber ist.“

„Und ob ich mir das vorstellen kann! Mindestens zehnmal am Tag.“ Dorothy schloss die Augen und tat, als ob sie erschauerte. „Er ist bestimmt umwerfend.“

„Du bist so still, Alissa.“ Margo warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Was hältst du denn eigentlich von Dirk?“

Vier Augenpaare waren auf Alissa gerichtet. Jetzt nur nicht die Beherrschung verlieren! dachte sie sich. „Nun ja … Ich halte ihn für einen sehr intelligenten Mann … und einen hervorragenden Chef.“

„Ach, papperlapapp!“, warf Jolene verärgert ein.

Dorothy und Annie rollten die Augen und stöhnten.

„Blablabla. Das wissen wir doch alles“, sagte Margo ungeduldig. „Aber wie findest du ihn als Mann?“

Alissa knetete ihre Serviette auf dem Schoß. „Na ja … Er … er scheint sehr nett zu sein.“

„Nett! Meine Süße, Schokoladenkuchen ist nett. Dirk Matheson ist ein Sexualobjekt in höchster Potenz.“

„Margo!“ Alissa war entsetzt, während die anderen am Tisch laut lachten. „Wie kannst du nur so etwas sagen?“

„Wie ich es kann? Es ist wahr, und das weißt du. Erzähl mir nicht, dass du noch nie einen erotischen Gedanken bei diesem Mann gehabt hast.“

Alissa rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her. Es hatte keinen Zweck, es zu leugnen. Es war ihr noch nie gelungen, zu lügen, ohne sich etwas anmerken zu lassen, das wussten ihre Freundinnen sehr wohl. Und im Moment war ihr Gesicht knallrot.

„Komm schon, Alissa. Spuck’s aus. Hat er dich noch nie erregt?“

„Dorothy!

„Er reizt dich, nicht wahr?“

„Ich weiß wirklich nicht, was …“

„Stimmt’s?“, drängte Jolene.

„Ich … ich …“

„Ja oder nein? Was gibt’s da lange zu überlegen?“

„Na gut, ich sag’s euch. Ja, er reizt mich schon. Sehr sogar. Zufrieden?“

„Und, warum unternimmst du nichts?“

„Ihr seid witzig. Als ob das etwas bringen würde!“

„Warum sollte es nicht?“ Margo blickte Alissa abschätzend an. „Wenn irgendjemand in der Firma eine Chance bei Dirk hat, dann bist du es.“

Ich! Das ist doch lächerlich!“

„Ach, das kann ich aber nicht finden. Du hast doch Zugang zur Chefetage. Du kommst also leicht … hm … vier-, fünfmal am Tag mit ihm in Kontakt. Öfter jedenfalls, als irgendeine andere Frau in unserer Firma … mit Ausnahme seiner Sekretärin. Und Lucy Garrett ist ganz sicher um die sechzig rum.“

„Meine Güte, Margo. Dirk kommt durch mein Zimmer, um mit dem Boss zu verhandeln, nicht um mich zu sehen. Er weiß wahrscheinlich nicht einmal, dass es mich gibt!“

„Na klar. Wer’s glaubt, wird selig“, spottete Dorothy. „Du hast ein Engelsgesicht und eine Bombenfigur. Und du willst mir weismachen, dass ein Mann von Dirks Geschmack für Frauen dich nicht bemerkt haben soll? Erzähl mir doch nicht so was!“

„Aber es ist wahr! Außerdem bin ich nicht sein Typ.“

Jolene johlte höhnisch. „Quatsch!“

„Du bist eine sehr attraktive Frau, Alissa. Ein Mann, der das nicht mitbekommt, muss schon blind sein.“

„Danke, Annie. Das ist echt süß von dir. Aber glaub mir, Mr Matheson hat noch nicht einmal mitbekommen, dass ich eine Frau bin. Für ihn bin ich nur ein Teil der Büroeinrichtung. Seit fünfzehn Jahren arbeite ich für die Firma, aber ich bezweifle, dass er überhaupt meinen Vornamen kennt.“

Ihr Boss war fast siebzig und hielt sich seinen Mitarbeitern gegenüber konsequent an gewisse Formalitäten. Alissa war für ihn immer Mrs Kirkpatrick gewesen, und Dirk hatte es stets genauso gehalten … wenn er sich denn überhaupt die Mühe gab, sie anzusprechen.

„Weißt du was?“, meldete sich Margo wieder zu Wort. „Selbst wenn das tatsächlich so ist, könntest du doch immer noch etwas daran ändern.“

„Margo, bitte, könnten wir nicht einfach das Thema wechseln?“

„Du bist viel zu reserviert, eben die perfekte Sekretärin. Wenn du doch nur … Oh, Mamma mia! Ich kann’s nicht glauben!“

„Was? Ist was passiert?“, fragte Alissa in einem Anflug von Panik und war sich dabei gar nicht sicher, was ihr auf einmal solche Angst machte.

Margo senkte die Stimme zu einem kaum vernehmlichen Murmeln. „Das kannst du wohl sagen.“ Sie duckte den Kopf und versuchte, ihr Gesicht mit der Hand abzuschirmen. „Guckt mal, wer auch hier ist“, zischte sie und wies mit dem Kinn auf die Reihe von eingetopften Palmen, die ihren Tisch von dem nächsten trennten.

Vier Augenpaare wandten sich in eine Richtung, und die Frauen gaben wie im Gleichklang einen überraschten Laut von sich.

Nie zuvor hatte Alissa sich so sehr gewünscht, dass der Boden sich unter ihr auftun und sie verschlucken würde.

Neben dem angrenzenden Tisch gleich hinter den Palmen stand Dirk Matheson und zog aus einem Bündel Geldscheinen einen Schein für das Trinkgeld hervor.

„Ach, du liebe Güte“, flüsterte Dorothy entsetzt. „Ob er uns gehört hat?“

„Vielleicht nicht. Es hängt davon ab, wie laut wir geredet haben. Wenn er in ein Gespräch vertieft war, hat er wahrscheinlich auf alles andere nicht geachtet.“ Jolene, die mit dem Rücken zu Dirks Tisch saß, holte aus ihrer Handtasche eine Puderdose heraus, und während sie vorgab, sich die Nase zu pudern, überprüfte sie im Spiegel, was sich hinter ihr tat. „Verflixt! Ich kann wegen der blöden Palmen nichts sehen. Kann einer von euch erkennen, ob jemand bei ihm ist?“

„Er scheint allein zu sein“, raunte Annie betroffen. „Oh, wie peinlich!“

Peinlich? Dieses schwache Wort konnte nicht im Geringsten beschreiben, was Alissa fühlte. Am liebsten wäre sie unter den Tisch gekrabbelt und niemals wieder herausgekommen.

„Natürlich!“ Dorothy schlug sich mit der Handfläche gegen die Stirn und stöhnte. „Was sind wir bloß für ein Haufen Schwachköpfe! Wahrscheinlich hat er mit Dierdre Hollingsworth hier gegessen. Das hätte uns sofort klar sein sollen, als sie hier herausstürmte.“

„Oje, er kommt“, zischte Margo.

Alissa hielt den Atem an und verkrampfte die Hände auf dem Schoß ineinander.

Dirks Verhalten verriet nichts, was ihnen einen Anhaltspunkt hätte geben können. Sein Gesichtsausdruck blieb gleichmütig wie eh und je. Als er an ihrem Tisch vorbeikam, glitten seine Augen über die Gruppe, und er nickte höflich. „Ladies“, murmelte er im Vorübergehen.

„Guten Tag, Mr Matheson“, erwiderten die fünf Frauen etwas verschämt.

Stillschweigend blickten sie ihm nach, bis er aus der Tür des Restaurants ins Freie trat.

„Also? Was meint ihr?“ Jolene blickte zweifelnd in die Runde.

„Er wirkte nicht anders als sonst“, antwortete Annie mit hoffnungsvoller Stimme. „Vielleicht hat er uns nicht gehört.“

„Ha! Das hat nichts zu bedeuten. Habt ihr’s jemals erlebt, dass sich Dirk Matheson seine Gedanken anmerken lässt?“

„Dorothy hat recht“, murrte Margo. „Wer weiß schon, was sich hinter dieser versteinerten Miene verbirgt?“

Annie war merklich niedergeschlagen. „Ich kann wohl die Beförderung vergessen, auf die ich gehofft habe. Und Brian und ich könnten das Geld wirklich gut gebrauchen.“

„Beförderung … Du lieber Himmel! Wir können von Glück sagen, wenn wir unsere Jobs behalten.“

„Hör auf, Dorothy. Dirk würde uns nie rausschmeißen. Er ist kein Kleingeist“, entgegnete Jolene. „Vielleicht findet er die Geschichte ja sogar ganz lustig.“

„Na klar. Wann hast du ihn das letzte Mal lachen hören?“

„Nun gut … Dann ist er halt nicht der lustigste Mensch weit und breit, aber es ist doch immerhin noch möglich, dass er kein Wort gehört hat.“

Alissa stützte die Ellbogen auf den Tisch, umfasste mit den Händen den Kopf und stöhnte. „Oje, ich kann’s einfach nicht glauben. Das kann doch nicht wahr sein! Ich werde ihm niemals wieder in die Augen sehen können!“

„Komm schon. Beruhige dich, Alissa.“ Margo tätschelte ihren Rücken. „Es ist sinnlos, sich aufzuregen, solange du nicht weißt, ob er uns gehört hat. Warte ab, wie er sich benimmt, wenn du wieder im Büro bist.“

Alissa hob abrupt den Kopf und starrte ihre Freundin entsetzt an. „Wenn ich wieder im Büro bin? Bist du verrückt? Ich kann unmöglich wieder zurück und ihm gegenübertreten! Jedenfalls nicht jetzt. Das kann ich nicht!“

„Natürlich kannst du das. Trag den Kopf hoch, und tu so, als ob gar nichts geschehen wäre“, riet Jolene.

„Sie hat recht“, stimmte Margo ihr zu. „Ich meine, was wird er schon tun können? Hast du ihm etwas angetan? Wie auch immer, du musst zurück in dein Büro. Du kannst dich nicht einfach von einer Arbeit entfernen, die du seit fünfzehn Jahren ausübst, nur weil es dir ein bisschen peinlich ist.“

„Ein bisschen peinlich! Ein bisschen peinlich? So nennst du das? Margo, um Himmels willen, ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so geschämt!“

„Na gut, na gut, aber steiger dich da nicht hinein. Immerhin ist er nur ein Mann. Ein ganz unglaublicher Mann zwar … aber doch nur ein Mann. Du wirst sehen, es wird sich bald alles legen. In einem Monat ist alles schon wieder vergessen. Lasst uns jetzt gehen. Je eher du ihm gegenübertrittst, desto schneller ist alles vorbei.“

Alissa schüttelte den Kopf. „Nein. Ich kann nicht. Ich … ich kann einfach nicht.“

„Du musst aber. Dir bleibt nichts anderes übrig. Also komm schon.“

Margo nahm Alissas Tasche und schob sie ihr in die Hände, dann stand sie auf. Die anderen drei Frauen folgten ihr. Sie zogen Alissa vom Stuhl und drängten sie zum Ausgang.

Auf dem Weg zurück zum Büro sprachen sie ihr Mut zu. Es half aber nicht. Alissa fühlte sich wie eine zum Tode verurteilte Frau, die dem Henker zugeführt wurde.

„Du musst nur an eines denken … Würde bewahren. Wenn er das Thema nicht anspricht, dann nimm es als gutes Zeichen auf“, riet Jolene ihr im Aufzug, der zur Chefetage hinauffuhr.

Ihre Freundinnen hätten schon früher aussteigen sollen, aber sie blieben bei Alissa, um sie zu unterstützen, wie sie sagten. Alissa hatte jedoch den Verdacht, die vier wollten nur sicher sein, dass ihre Freundin auch tatsächlich an ihren Schreibtisch zurückkehrte.

„Und sollte er doch unser Gespräch erwähnen, dann stell das Ganze als einen dummen Scherz hin“, fügte Margo hinzu, als der Etagenanzeiger anschlug.

Das kurze, aber schrille Klingeln sandte Alissa Schauer über das Rückgrat.

„Ach, das sagt sich so leicht. Keiner von euch hat mit ihm jeden Tag zu tun. Ihr könnt euch davonmachen und euch verstecken, wenn er in eurer Abteilung auftaucht.“

„Tja, dafür hast du aber auch den Vorzug, auf der Chefetage zu arbeiten.“

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