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Wer ist da?

Die Minutenanzeige des Digitalweckers sprang von 05: 44 auf 05: 45 und der polyphone und ins Mark dringende Weckton begann sein Tagwerk. Doch auch an diesem Morgen erstarb die Melodie nach knapp drei Sekunden, nachdem eine Hand auf der Snoozetaste landete. Kurz danach wurde die Weckwiederholung deaktiviert. Dunkle mittellange Haare verließen das Kissen und wurden mit ins Bad getragen. Ein trockener Husten schallte durch den Flur und Kater Theodor öffnete für einen kurzen Moment die Augen, um gleich darauf wieder in weiteren Schlaf zu fallen. Er kannte den genauen Ablauf und wusste, ab wann sein Aufstehen Sinn machte und mit frischem Essen belohnt wurde. Die Badezimmertür fiel zu und einen Moment später hörte man das Wasserrauschen aus der Duschkabine. Sieben Minuten später blickte Luisa auf ihre Armbanduhr, während sie sich die Zähne putzte. Heute hatte sich ein Kunde angemeldet, um ein Marketingangebot von Stierling anzufordern. Sie verließ das Bad in ihrer Jeans und dem weinroten Hoodie. Auf dem Weg zur Küche zog sie den Pferdeschwanz durch das Spiralhaarband. Zum richtigen Zeitpunkt gesellte sich Theodor zu ihr und drückte sich mit langsamen Bewegungen an ihren Knöcheln herum. Mit aufgestelltem Schwanz ähnelte er einem Autoskooter.

„Hey, mein Dicker. Möchtest du mit frühstücken?“

Gleich darauf folgte das Mauzen, welches als Antwort zu verstehen war, und jedem Haustierbesitzer das Gefühl vermittelte, dass sein Tier früher einmal ein Mensch gewesen sein musste.

Ein kleines Lächeln überflog Luisas Gesicht, während sie die geöffnete Dose Katzenfutter aus dem Kühlschrank holte und den Rest in Theodors Napf füllte. Sie selber schmierte sich zwei Toastbrote mit Nutella und schlenderte um zehn nach sechs mit diesen ins Wohnzimmer. Luisa schaltete den Fernseher ein und schaute, während sie die Toast und den Kaffee zu sich nahm, Frühstücksfernsehen. Als die Nachrichten um sieben begannen, machte sie sich auf und verließ die Wohnung. Jeden Morgen hoffte sie dabei, den Nachbarn über ihr, im Hausflur oder an der Bushaltestelle zu treffen. Irgendwie hatte er jedoch stets wechselnde Arbeitszeiten, so dass sie nur selten in den Genuss seiner Gegenwart kam. Nun ja, was heißt in den Genuss, mehr als ein „Hallo“ und „Schönen Arbeitstag“ war zwischen ihnen nicht kommuniziert worden, aber das dazugehörige Lächeln von ihm, bedeutete bestimmt mehr. Er war vor einem dreiviertel Jahr eingezogen, ist auch fast Anfang Mitte Dreißig, trägt Brille, sieht nett aus und ist Single. Naja, laut Türschild und ihrer Nachfrage beim Vermieter. War damals eine komische Situation, an die Luisa sich im Nachhinein ungern erinnerte. Vor knapp vier Wochen jedoch hatte sie ihren Müllbeutel neben der Wohnungstür stehen und durch den Türspion geguckt, da sie wusste, dass er jeden Donnerstagabend zum Sport ging. Als sie ihn sah, war sie zufällig gerade mit dem Müll raus. Er lächelte sie flüchtig an und sagte –Hallo-. Sie ist hinter ihm die Treppe runter und hatte seinen Po betrachtet und überlegt, welchen Sport er wohl machte. Sie selber hatte dafür keine Zeit, Nerven und Lust. Ihre Figur würde es ihr zwar danken, aber die beiden Rollen an der Hüfte konnte sie noch ganz gut kaschieren. Luisa glaubte, dass auch er ein schüchterner Mensch war und daher wird die Zeit ihr Nötigstes tun. Es musste sich nur die Gelegenheit bieten.

Doch heute Morgen begegneten sie sich nicht und schon durchschritt Luisa die Haustür und stand auf dem Bürgersteig. Parkende Autos neben der einspurigen Straße trennten sie von ihrer Bushaltestelle, die gleich schräg gegenüber ihrer Wohnung eine separate Linienspur hatte. Schon zu dieser Zeit herrschte ein hektischer Verkehr in ihrem Stadtteil. Sie suchte und fand eine Lücke zwischen den schleichenden Fahrzeugen und erreichte ihre Haltestelle. Der Bus kam um zehn nach sieben, und brauchte nur dreißig Minuten um bei Ihrer Arbeitsstelle anzukommen. Auch dort war direkt davor eine Haltestelle. Sie konnte auch den Bus später nehmen, der sie dann um zehn vor acht ankommen ließ. Luisa war es so jedoch sicherer. Es vergangen nur wenigen Augenblicke, da erreichte der Bus die Haltestelle und Luisa stieg ein. Aufgrund ihrer Monatskarte konnte sie direkt durchgehen und bekam noch einen freien Platz, gleich hinter dem Mittelgelenk des Busses. Während der nächsten zwei Busstopps füllte sich das Fahrzeug um etliche Fahrgäste. Luisa bemerkte eine ältere Dame Ende siebzig, die, nachdem sie dem Fahrer ihren Seniorenberechtigungsschein präsentierte, den Blickkontakt mit ihr erwiderte. Luisa winkte ihr zu und griff nach ihrer Tasche. Sie stand auf und verließ den Sitzplatz. Dabei löste sich der Riemen ihrer Tasche, rutsche ihr über die Schulter und fiel in den Fußraum des Bodens. Als sie sich danach bückte rutsche ein junger Mann, mit Undercuthaarschnitt und Kopfhörer im Ohr, an ihr vorbei und nahm ihren Platz ein. Sie bemerkte diese schnelle Handlung erst, als sie den Haken ihres Riemens wieder sicherte. Fassungslos und mit leicht geöffnetem Mund starrte sie den Mann an, der gelangweilt an ihr vorbeischaute. Mittlerweile hatte sich die ältere Dame zu ihr durchgeschoben und wechselte nun ihren Blick von Luisa zu dem besetzten Sitzplatz. Luisa schürzte die Lippen und zog ihre Schultern hoch. Ein grimmiger Blick traf sie von der Alten, die sich anschließend kopfschüttelnd abwendete und mit wenigen Schritten Abstand von ihr nahm. Luisa sah wieder zu dem neuem Platzhalter, der immer noch Kaugummi kauernd demonstrativ an ihr vorbeischaute. Den Rest der Busfahrt fühlte sie sich schlecht und unwohl. Ihr Körper heizte sich auf und so zog sie des Öfteren an dem Kragenausschnitt ihres Hoodies, um die warme Luft ausströmen zu lassen. Fast auf die Minute genau erreichte der Bus die Haltestelle vor ihrer Arbeitsstelle und Luisa drängte sich durch die Fahrgäste ins Freie. Sie spürte überdeutlich den Blick der älteren Dame im Nacken und ihre Hand strich unbewusst über die Stelle. Hinter ihr ertönte die Pneumatik der schließenden Türen und der Bus setzte seine Fahrt fort. Langsam reduzierte sich ihre Körperwärme und Luisa blieb stehen und atmete langsam ein und aus. Sie schulterte ihre Tasche als sie sah, wie eine ältere Dame fast mit dem Fahrrad in eine Hecke kippte.

„Huch“, sagte die Frau und konnte sich und das Fahrrad gerade noch mit einem Bein abfangen.

„Was ist das denn?“, folgte als Frage, während sie zu ihren Pedalen schaute.

Luisa kam langsam auf sie zu. Ihre Hilfsbereitschaft für ältere Damen an diesem Tag, war eigentlich schon erfüllt, dennoch fragte sie.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Die kleine Frau schaute sie an.

„Irgendwie kann ich nicht mehr treten!“. Ihr Blick wanderte erneut zu den Pedalen. Sie beugte sich und nahm eine davon in die Hand.

„Sehen Sie? Es hakt auf einmal!“

Luisa sah zum hinteren Zahnkranz und erkannte die Ursache. Die Kette hatte sich zwischen dem kleinsten Ritzel und der Hinterradgabel geklemmt.

„Mein Fahrrad ist in der Wartung und daher hat meine Tochter mir ihr Rad geliehen. Doch diese Schaltung ist irgendwie anders als bei meinem!“

„Sie haben bestimmt eine Narbenschaltung und das hier ist eine Kettenschaltung. Da gehen die Gänge nicht immer so sauber rein!“, erklärte Luisa, hielt den Lenker und hockte sich hin.

„Ja. Ich habe auch nur drei Gänge. Das reicht völlig“. Die ältere Dame ließ das Fahrrad los und ging einen Schritt zurück.

„Kann man das wieder hinkriegen?“

Luisa schaute die Frau an und anschließend auf ihre Uhr. 07: 41 Uhr. Sie war noch gut in der Zeit. Sie klappte den Fahrradständer raus, öffnete ihre Handtasche und holte eine Packung Papiertaschentücher hervor. Sie nahm ein Taschentuch und griff damit vorsichtig einige Kettenglieder, die kurz vor der Unglückstelle hingen. Durch den Kraftaufwand der älteren Frau waren die Kettenglieder sehr stark in den Zwischenraum getrieben worden, und benötigen einen noch größeren Kraftaufwand dort wieder herauszukommen. Die dünne Baumwolle zwischen ihren Finger saugte das Kettenfett auf und riss beim kraftvollen Ziehen ein. Luisa holte weitere Taschentücher aus der Packung und wickelte diese um die Kette, während sie bereits die schwarzen Streifen auf ihren Finger bemerkte. Schräg gegenüber standen zwei Schüler, die sie bei ihrer Arbeit beobachteten. Einer der beiden holte sein Smartphone aus der Tasche und tippte auf das Display. Vielleicht gibt es ja ein Tutorial, wie man diese Situation einfacher lösen kann. Sie hoffte, dass die beiden ihr einen Tipp geben könnten, doch eine Sekunde später hielt er es bereits hoch und zoomte sie mit zwei Fingern größer. Ein neuer Versuch brachte das gleiche Ergebnis und Luisa strich sich eine Haarsträhne, die sich mittlerweile aus ihren Pferdeschwanz gelöst hatte, zurück.

„Wenn es nicht geht, dann frag’ ich jemand anderen!“, kamen die Worte aus ihrem Rücken.

Noch einmal gab sie sich nicht geschlagen.

„Nein, kein Problem!“, knirschte sie die Worte hervor und griff nun mit der ganzen Hand zu und umschloss somit die Kette. Ein kraftvoller Zug schaffte es die Verankerung zu lösen, wobei sie sich leicht den Zeigefinger an einem Ritzel aufriss. Luisa legte die Kette auf das kleinste Ritzel, schaltete vorne auf einen niedrigeren Gang und ließ vorsichtig den Kettenschieber seine Aufgabe erfüllen. Während sie den Sattel hochzog und das Hinterrad seinen freien Lauf hatte, ratterte die Kette auf ein größeres Ritzel und folgte den Pedalbewegungen.

„So, das müsste es gewesen sein!“, erklärte Luisa und ließ das Hinterrad wieder ab.

Die Schüler an der Haltstelle steckten ihr Handy wieder ein und Luisa versuchte mit dem letzten Papiertaschentuch die Schmiere von ihren Fingern zu wischen. Leider erfolglos.

„Oh, ich danke Ihnen, Herzchen. Allein hätte ich das nicht geschafft“. Die ältere Dame strahlte Luisa an und nahm die Startposition beim Fahrrad ein. Es war viel zu groß für sie, sodass sie erst auf dem Sattel Platz nehmen konnte, als sie sich in Bewegung gesetzt hatte.

„Und jetzt am besten nicht mehr schalten!“, rief ihr Luisa hinterher.

Die ältere Dame winkte und schlenderte bei dieser Bewegung mit dem Lenker. Luisa hoffte, dass sie sicher dort hinkam, wo sie wollte. Erneut wischte sie mit dem Taschentuch ihre Fingerkuppen, bevor sie auf ihre Uhr sah. Es war kurz vor acht. Sie schnappte sich ihre Tasche und eilte zur Arbeitsstätte. In dem Gebäude gab es ein Foyer, welches an einer großen Wand, die einzelnen Firmen und deren Etagen dem Gast offenbarte. Ihr Arbeitsgeber, die Werbeagentur Stierling, befand sich im zweiten Stockwerk. Luisa eilte zum Fahrstuhl und schaffte es noch vor dem Schließen der Schiebetüren in die Kabine zu gleiten. Die Photozelle bemerkte diese Bewegung und ließ daraufhin die Türen wieder auffahren. Ein erneutes Zufahren der Türen verzögerte sich daraufhin und schien endlos zu brauchen, um die Freigabe des gefahrlosen Transportes zu gewährleisten. Doch irgendwann schlossen sich die Türen und die Kabine setzte sich in Bewegung. Mittlerweile war es zwei Minuten nach acht als sie aus dem Fahrstuhl trat und durch den Flur die große Glastür des Marketingunternehmens aufstieß. Mit großen Schritten eilte sie in ihr Büro, welches sie sich mit fünf Kolleginnen teilte. Luisa stellte ihre Tasche auf den Schreibtisch und machte sich auf zur Damentoilette. Mit einer großen Ladung Flüssigseife versuchte sie die Kettenschmiere von ihren Finger zu schrubben, welches nur mit Teilerfolgen gekrönt war. Sie gab diese Maßnahme nach wenigen Minuten auf und ging zurück ins Büro. Sie blickte zum Schreibtisch ihrer Vorgesetzte.

„Ist Frau Lehmkuhl schon im Meeting?“, fragte sie die Kollegen.

Die rothaarige Diana sah zu ihr hoch.

„Ach, du hast es ja noch nicht mitgekriegt. Sarah Lehmkuhl ist krankgeschrieben. Sie hat gestern beim Einkaufen frühzeitige Wehen bekommen und ihr Frauenarzt musste ihr einen Ring setzen. Sie ist ab sofort im Mutterschutz.“

Luisa schaut ratlos zu den anderen.

„Und wer ist jetzt im Meeting?“, fragte sie in die Runde.

„Ich glaub’ der Chef hat die Neue mit ins Gespräch genommen!“

Luisa griff sich einen Block und Kugelschreiber. Die Neue, war eine junge Kollegin, die seit zwei Wochen das Team unterstütze. Sie war frisch aus der Ausbildung gekommen. Luisa eilte aus dem Büro den Flur entlang, bis sie den Meeting Raum erreichte. Sie klopfte kurz an, bevor sie die Tür öffnete.

Drei Köpfe drehten sich in ihre Richtung.

„Ah, Frau Kemmer. Da sind sie ja.“ Dieter Richter, ihr Chef, stand auf und kam auf sie zu. Sein Blick war neutral und sie konnte daraus Nichts ableiten. Er reichte ihr die Hand, doch Luisa präsentierte ihre Handflächen und er zog die Begrüßung zurück.

„Kleiner Unfall, daher auch die Verspätung. Entschuldigen Sie!“ Ihrer Erklärung folgte ein kurzer Husten. Der Kunde, Herr Bantel, seinerseits Geschäftsführer eines mittelständischen Röstereiunternehmens, nickte nur kurz und lächelte. Kira Ballack, die neue Kollegin, saß neben dem Kunden und lächelte vor sich hin.

„Frau Kemmer und Frau Ballack sind für ihr Projekt zuständig, da Frau Lehmkuhl für einen längeren Zeitraum ausfällt. Sie sind bei den Damen auch in guten Händen“, pries ihr Chef seine Angestellten an.

„Soll ich nochmal kurz aufführen, um was für ein neues Produkt es sich bei dieser Kampagne handelt?“, fragte Herr Bantel. Herr Richter nickte und der Kunde drehte sich zur Seite, bückte sich, hob einen kleinen Karton vom Boden und stellte ihn vor sich auf den Tisch.

„Das ist unser Produkt. Wir haben noch keinen richtigen Namen. Das wollten wir auch von Ihnen einfordern. Es handelt sich um …“. Herr Bantel klappte die beiden Deckelseiten auf und brachte einen Kaffeebecher aus Weißblech zum Vorschein. Oben war der Becher mit einem Aludeckel, wie bei Joghurtbechern, versehen.

„…einen selbstaufbrühenden Kaffee!“ Er reichte die Tasse Kira.

„Hier fassen Sie mal den Becher an! Er ist kalt, nicht wahr?“

Kira nickte und lächelte. Anschließend reichte sie den Becher weiter an ihren Chef. Und der daraufhin zu Luisa.

„ Aber, wenn Sie nun …“, der Kunde forderte den Becher zurück.

„…die untere Ebene im Uhrzeigersinn drehen wird eine chemische Reaktion freigesetzt, die die obere Kammer nach kurzer Zeit erhitzt. In dieser Kammer befindet sich eine bereits vorgefilterte Kaffeemischung! So, nun nehmen Sie den Becher nochmal in die Hand, aber vorsichtig!“

Bei der zweiten Kaffeebecherrunde veränderte sich Kiras Gesichtsausdruck. Mit überschwänglicher Begeisterung hielt sie den Becher vor sich.

„Das ist ja der Wahnsinn!“ Ihre langen Wimpern klapperten aufgeregt zu ihrem erstaunten Blick auf und ab.

Herr Bantel strahlte zurück und wirkte sichtlich stolz über diesen Überraschungseffekt.

„Das wird sogar richtig heiß!“, sagte Kira und stellte den Becher auf den Tisch.

„Und dafür gibt es diesen integrierten Hitzeschutz!“

In der Bechermitte gab es einen weiteren Pappring, der, wenn man ihn ebenfalls im Uhrzeigersinn drehte, sich aufschob und entfaltete. Dieser Kranz war wie eine Manschette und verhinderte den direkten Kontakt mit der Becheraußenwand. Kira griff erneut zu und nutzte jetzt diese Sicherheitsvorkehrung.

„Der Hammer!“, kam es über ihre Lippen.

„Und wann ist der Kaffee fertig?“, fragte Dieter Richter.

„Eigentlich bereits nach wenigen Sekunden. Das Tolle daran ist, dass die chemische Reaktion eine gute halbe Stunde anhält. Somit wird der Kaffee auch über diesen Zeitraum heiß gehalten.“

Kira reichte den Becher weiter.

„Jetzt hat der Nutzer die Möglichkeit den Deckel entweder nur ein kleines Stück aufzureißen. So wie es viele mit Mehrwegbecher fürs Auto anwenden, damit bei Bewegung nicht der ganze Inhalt verschüttet wird. Oder aber den ganzen Deckel abzureißen, um das ganze Aroma zu genießen.“

Herr Bantel präsentierte beide Optionen bei seiner Erklärung und hielt Herrn Richter anschließend den dampfenden Becher hin.

„Und er schmeckt außerdem noch!“

„Na, mal sehen“, sagte der Marketingchef und pustete in den Becher.

Er nahm einen Schluck, schürzte die Lippen und nickte beeindruckt.

„Haben Sie noch mehrere Exemplare, die sie uns zur Verfügung stellen können?“, fragte Luisa und blickte dabei schreibbereit auf ihren Block.

„Ähh…“, der Kunde schaute zu seinem Karton. „…ich habe nur einen Becher mitgebracht!“

„Das ist in Ordnung. Vielleicht können Sie uns diesen hier und noch fünf weitere Exemplare vorbeibringen lassen?“ Luisa war jetzt in ihrem Geschäftsmodus und arbeitete ihre innere Liste ab.

„Sollen wir ein Konzept für Print- sowie TV- Werbung erstellen, mit Zeit- und Kostenplan der Idealfernsehzeiten und Zeitschriftenauswahl?“

Herr Bantel nickte nur stumm und sah zu Luisas Chef. Luisa bemerkte den unsicheren Blick und begann ihre Erklärung, immer noch mit gesenktem Kopf auf den Schreibblock.

„Wir erstellen Ihnen für Ihr Produkt eine entsprechende Kampagne und geben Ihnen Vorschläge, wie wir Ihre Zielkundschaft mit geeigneten Printmedien und Fernsehsendern am effektivsten ansprechen können. Zu dieser Übersicht erhalten Sie einen geschätzten Kostenplan für die jeweiligen Zeitschriften nach Größe der Anzeigen und auch für die jeweiligen Fernsehsender nach Spotlänge und Uhrzeiten.“

„Ja, das wäre super!“, gab Herr Bantel von sich.

Kira strahlte über das ganze Gesicht und griff sich den Becher. Ein gemeinsames Aufstehen der Teilnehmer signalisierte das Ende des Termins und man verabschiedete sich per Handschlag. Herr Richter versprach dem Kunden einen fertigen Kampagnenplan in den nächsten vierzehn Tagen. Luisa eilte voran und steuerte ihr Gemeinschaftsbüro an. Kira war noch bei dem Kunden und begleitete ihn den Flur entlang zum Ausgang. Man hörte dabei öfter ihr Kichern. Nach einer kurzen Weile kam sie ebenfalls ins Büro, ließ sich auf ihren Stuhl fallen und schnaufte erschöpft.

„Das wird nicht leicht, ist aber ein tolles Produkt, nech?“

„Ja, das Gute daran ist, dass es kein Allerweltsprodukt ist! Hier kann man mit der eigentlichen Funktion werben und muss nicht etwas hervorheben, was die anderen Produkte scheinbar nicht haben!“, antwortete Luisa.

Luisa war im Moment planlos. Sie war gewohnt, von Sarah Lehmkuhl einen Aufgabenbereich zugeteilt zu bekommen. Nun jedoch musste sie die notwendigen Aufgaben selektieren, priorisieren und verteilen. Was war als erstes zu tun?

„Ich geh’ erst mal Rauchen“, sagte Kira, kramte in ihrer Handtasche und förderte eine Schachtel zu Tage.

„Melanie, kommst du mit, eine rauchen?“, rief sie durch das Büro und kurz darauf verschwanden die beiden Frauen auf die Terrasse.

Der Vor- und Nachmittag verlief schleppend. Es ging darum, eine passende Marketingidee zu dem Produkt zu finden. Alle weiteren Maßnahmen waren Routine. Die Kostenpläne konnte man aufgrund älterer Referenzkampagnen ableiten. Hier wäre nur die Aktualisierung zu erfragen, aber im Großen und Ganzen handelte es sich um dieselben Abläufe. Luisa war in diesem Zweierteam die Betriebsältere und somit verantwortlich. Dennoch war sie mehrmals versucht, bei Sarah Lehmkuhl privat anzurufen und einen möglichen Ablauf zu erfragen. Ihr erschien jedoch die Kernbotschaft des Produktes zu finden, als das Wichtigste. Also ging es als erstes in die Ideenschmiede.

„Wollen wir nach draußen auf die Terrasse? Dort wird man nicht von dem Telefon und den Stimmen der Anderen abgelenkt?“, fragte Kira.

„Okay. Vielleicht ist das ganz gut!“

Draußen angekommen nahmen sie auf den Chill-Out Möbeln Platz und Kira steckte sich als erstes eine Zigarette an. Im nächsten Moment ging die Tür auf und zwei Kolleginnen kamen heraus, um ihre Raucherpause zu genießen.

„Hi Kira, du hast ja eine schöne Bluse an?“, begann die Konversation, schlug anschließend in aktuelle Bademode um und setzte sich mit dem überraschenden Mutterschutz von Sarah Lehmkuhl fort. Luisa starrte auf ihren leeren Block vor sich. Nach einer weiteren Viertelstunde und etliche neuen Themen stand Luisa auf und deutete Kira, dass sie wieder ins Büro zurückging. Kira lächelte, nickte und holte eine neue Zigarette aus der Schachtel. Die beiden Frauen sahen sich erst kurz vor Feierabend wieder.

„Was für 'n langer Tag, was?“ Kira warf ihren Block auf den Tisch.

Luisa hob den Kopf und fragte gleich. „Hast du ‘ne Idee?“

Ihre Arbeitskollegin fuhr sich mit der Hand durch das Haar, hob den Block und begann zu erzählen.

„Also, ich hatte mir gedacht, dass mehrere junge Leute mit 'nem Cabrio an 's Meer fahren und dort bei lauter Musik eine Party feiern. Dabei halten alle diesen Kaffeebecher in der Hand und tanzen.“

Und rauchen dabei, zwei bis dreizehn Zigaretten!“, dachte Luisa.

„Ich weiß nicht, ob dass die richtige Zielgruppe ist?“, gab sie von sich.

„Unsere Zielgruppe sind Personen Mitte bis Ende Dreißig bis Fünfzig, Berufstätige mit mittlerem bis gutem Einkommen. Sowohl Singles als auch Familienmenschen! Diese Menschen sollten in dem Spot oder der Printanzeige als Werbeträger eingesetzt werden. Kaffee ist kein Partygetränk. Kaffee wird zum Wachmachen sowie als Genussmittel zum Frühstück oder Kuchen gereicht. Es ist ein Getränk der Etikette, welches bei Veranstaltungen, Meetings oder Einladungen angeboten und serviert wird. Über sechzig Prozent der Deutschen konsumieren Kaffee. Wir sollten versuchen, Situationen darzustellen, in denen die Zielgruppe sich wiederfinden kann. Situationsbedingt als auch emotional ansprechend.“

Kira saß ihr mit großen Augen gegenüber und lauschte.

„Ich habe mir Folgendes gedacht, dass man eine eigentlich ungemütliche Situation darstellt, wie morgens in einem klammen Zelt aufzuwachen, oder in einer vollen S-Bahn sitzt, im Wartezimmer, oder einer Behörde mit einer gezogenen Nummer, die endlos lange Wartezeit darstellt. Dann schließen die Protagonisten die Augen, drehen an der Dose, öffnen sie und beim ersten Schluck fühlen sie sich wie zu Hause, in Ruhe am Frühstückstisch sitzend, oder beim nachmittäglichen Kaffee.“

Luisa holte einige selbst entworfene Skizzen und Szenenausschnitte aus der Mappe vor sich und präsentierte sie Kira, die sie nacheinander betrachtete. Hier war eine Handskizze über das Innere eines U-Bahnwaggons, gefüllt mit etlichen Insassen. In der Mitte saß ein Mann im Anzug mit zerzausten Haaren und einer herunter gezogenen Krawatte. Er hielt das Produkt in der Hand, hatte die Augen geschlossen und grinste. Auf den anderen Skizzen war die Person immer an der gleichen Stelle positioniert, allerdings in anderen Räumlichkeiten, gesäumt von Chaos oder weiteren Passanten. Die Person hatte jedoch immer den gleichen Gesichtsausdruck. Glücklich und entspannt.

„Ich dachte mir, mit dem Coffee to go, den man nicht irgendwo heiß kaufen und ihn dann solange wie möglich warmhalten muss, kann man sich hiermit zu jeder Zeit eine »Auszeit« nehmen. Man hat an all' diesen Orten die Möglichkeit, die Augen zu schließen und kann sich vorstellen, dass man an einem entspannten Ort ist und einen frisch aufgebrühten Kaffee trinkt.“

Kira nickte stumm und gab Luisa das wohlige Gefühl, dass sie eine mögliche Strategie kreiert hatte. Jetzt lächelte sie und nahm die Skizzen wieder an sich.

„Oh, so spät schon. Ich will los. Morgen können wir ja dann mit dem Zeichner sprechen, der soll uns das schöner und bunter darstellen. Außerdem können wir dann gleich mit den Kostenplan anfangen“, sagte Luisa und schnappte sich ihre Tasche.

„Ja, alles klar. Ich glaube, dass wird toll!“, antwortete Kira. „Wir werden die Lehmkuhl noch überholen!“

Luisa blickte etwas verwundert, hob die Hand und verabschiedete sich von ihrer Kollegin.

Als sie zu Hause ankam, begrüßte sie schon Theodor, der ihr um die Beine strich.

„Du hast doch nicht mich vermisst, sondern nur den Inhalt deines Napfes!“

Luisa hielt sich die Hand vor den Mund und hustete erneut, bevor sie in die Küche ging und dem Kater den Rest des Nassfutters gab. Sie freute sich schon auf ein heißes Wannenbad. Daher fiel ihr Abendessen spärlich aus und bestand nur aus zwei Schwarzbrotscheiben. Eine knappe halbe Stunde später rutschte sie langsam in den Badeschaum und schloss die Augen. Das Wasser war so heiß, dass ihr Kopf glühte und Schweiß an ihrer Stirn runterlief. Die ätherischen Öle im Badewasser stiegen im Dampf auf und Luisa spürte die Wirkung in ihren Nasenflügeln und Lungen. Sie nahm sich ihr Buch vom Beckenrand und tauchte wenige Sekunden später in den packenden Thriller ein. Seite um Seite wurde sie vom Protagonisten mitgenommen, doch bald schon musste sie einige Sätze zweimal lesen, da ihre Lider schwerer und die einzelnen Wörter vor ihren Augen immer undeutlicher wurde. Sie legte das Buch auf den Beckenrand und quälte sich aus der Wanne. Sie schnappte sich den Bademantel, warf ihn schnell über und schlenderte ins Schlafzimmer. Ohne die Decke aufzuschlagen, fiel sie auf die Matratze und war Sekunden später bereits eingeschlafen.

Es war bereits dunkel, als Luisa wieder erwachte. Sie schaute auf den Wecker. Es war eine Viertelstunde vor Mitternacht und ihre Kehle verlangte etwas zu Trinken. Sie rappelte sich auf und ging im Dunkeln durch den Flur zur Küche. Sie vermied dabei das Licht anzuschalten und tastete sich zum Kühlschrank. Das Kühlschranklicht, welches beim Öffnen ansprang, befahl ihren Augen Schlitze zu formen, während sie eine Wasserflasche aus der Tür nahm. Drei große Schlucke brachten den Durst zum Stillen und sie schlich wieder den Flur entlang. Auf Höhe des Badezimmer blieb sie stehen und betrat den Raum, ebenfalls ohne das Licht zu betätigen. Sie schob den Ärmel des Bademantels hoch, tauchte die Hand ein und zog den Stöpsel der Wanne. Der Geruch des Badezusatzes erfüllte immer noch den ganzen Raum. Luisa war bereits zu Tür raus, als sie nochmal umdrehte und den Roman mitnahm. Ein paar Seiten wollte sie sich noch gönnen, bevor sie erneut einschlief. Sie verließ das Badezimmer und ließ die Tür offen, damit die Luftfeuchtigkeit sich verteilen konnte. Sie war jetzt wieder im Flur auf dem Weg zum Schlafzimmer. Auf einmal durchzog sie ein starker Schmerz an der Stirn, der anschließend auch den Oberkörper traf. Ihr Lauf wurde abrupt gestoppt, als sie ungebremst gegen eine Tür prallte. Dieser Schlag war so stark und überraschend, dass sie nach hinten geschleudert wurde und das Gleichgewicht verlor. Ihre Arme versuchten den Sturz abzufangen, wobei sie mit der linken Hand die Schlüsselschale vom Garderobenschrank riss. Das Buch flog durch die Luft und landete, nachdem sie rücklings auf dem Laminat des Flurs fiel, auf ihrer Schulter. Luisa griff reflexartig an ihre Stirn, da sie dort der erste und härteste Schlag traf. Ihr Kopf schmerzte und sie merkte, wie sich zwischen Haut und Schädeldecke eine Beule bildete. Gegen was war sie denn gestoßen? Die Türen gingen alle vom Flur ab und schwenkten in die jeweiligen Räume. Es war zwar dunkel, aber ihre Augen hatten sich an die geringen Lichtverhältnisse gewöhnt und sie konnte alle Möbel im Flur schemenhaft erkennen. Da war nichts im Weg. Luisa stand langsam auf und betätigte den Lichtschalter.

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