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Wer hat Alice umgebracht?

PROLOG

Alice Wright lächelte dem blinden, zersprungenen Spiegel zu.

Die junge Frau konnte die Umrisse ihres eigenen Gesichtes kaum erkennen. Ihr undeutliches Spiegelbild glich eher einer hässlichen Fratze. Aber Alice wusste genau, dass sie in Wirklichkeit eine außergewöhnliche Schönheit war. Und sie sah nicht nur sehr gut aus, sie war auch verflixt clever.

Der Plan, den sie sich ausgedacht hatte, war teuflisch raffiniert. Bisher lief alles wie am Schnürchen. Ja, schon bald würde Alice ihre hässliche Geburtsstadt Glasgow für immer hinter sich lassen. Dafür nahm sie sogar in Kauf, dass sie ein paar Tage lang in dieser miesen Absteige mit dem kaputten Badezimmerspiegel hausen musste. Hier kannte sie keine Menschenseele, und das war ein großer Vorteil.

Alice öffnete das Fenster, denn in der kleinen Nasszelle war es unerträglich stickig geworden. Trotz des Schimmelgeruchs hatte sie sich überwunden und die Dusche benutzt. Alice verabscheute Schmutz, und sie hasste Armut. Und von beidem gab es in Glasgow mehr als genug.

Das miese Pensionszimmer befand sich in Easterhouse. Dieser Stadtteil gehörte zu den gefährlichsten Gegenden der schottischen Großstadt. Eine Frau ging hier besser nicht allein auf die Straße. Schon gar nicht nachts. Aber Alice hatte auch gar nicht vor, sich die Umgebung anzuschauen. Sie wollte hier nur warten, bis ihr großes Vorhaben endlich Wirklichkeit wurde.

Einen Steinwurf weit von der schäbigen Pension entfernt, lungerten Typen, die zu einer Gang gehörten, auf einem Parkplatz herum. Sie dealten ganz offen mit Drogen, einer spielte angeberisch mit seinem Butterfly-Messer. Ein paar Rentner in zerschlissenen Klamotten gingen langsam zum Supermarkt am Ende der Straße, der wie ein Hochsicherheitstrakt mit Gittern und Überwachungskameras gesichert war.

In diesem Stadtviertel war Glasgow am hässlichsten. Alice hatte trotzdem gute Laune, denn in Gedanken war sie schon längst in der Südsee. Unter der pazifischen Sonne und den Palmenhainen würde sie ihren grauen, verregneten Geburtsort sehr schnell vergessen. Das Paradies der Korallenriffe und der coolen Surfer wartete auf sie. Sie freute sich auf ein Leben im Luxus. Nie mehr würde sie sich Sorgen machen müssen, woher ihr Geld kam.

Dann bin ich endlich Alice im Wunderland, dachte sie. Ob ihre Eltern sie wohl nach der gleichnamigen Romanfigur von Lewis Carroll benannt hatten? Alice wusste es nicht und konnte Mom und Dad auch nicht mehr fragen, denn ihre Eltern waren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Sie ließ niemanden zurück, wenn sie Schottland für immer den Rücken kehren würde – und zwar als vermögende Frau.

„Jung und schön bin ich schon, jetzt muss ich bloß noch reich werden“, sagte Alice arrogant zu ihrem grotesken Spiegelbild. Dann schloss sie schnell wieder das Fenster, bevor einer dieser Kerle auf dem Parkplatz noch ihren makellosen nackten Körper bemerkte. Diesen Losern gönnte sie nicht mal einen Blick auf ihren Luxusleib. In Alices Augen waren solche Typen nichtsnutzige Versager, die früher oder später durch ihre selbst gepanschten Drogen oder durch eine Revolverkugel zugrunde gehen würden.

Alice föhnte ihre langen blonden Locken. Dann stieg sie in hauchzarte Dessous und zwängte sich in ein enges Etuikleid von einem japanischen Designer. Coole Pumps rundeten das elegante Erscheinungsbild ab. Selbst wenn sie in dieser Bruchbude niemand zu Gesicht bekam: Sie wollte immer gut aussehen. Um das Risiko zu minimieren, lebte Alice nämlich momentan allein hier. Ihr Plan war zwar genial durchdacht, konnte aber immer noch schiefgehen. Sie musste sich, so gut es ging, unsichtbar machen.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Damit hatte Alice überhaupt nicht gerechnet.

Das Herz der jungen Frau krampfte sich zusammen. Wer konnte das sein? Etwa die achtzigjährige übergewichtige Pensionswirtin mit der lilastichigen Perücke? Eigentlich war Alice davon ausgegangen, dass diese alte Tante die steile Treppe überhaupt nicht mehr bewältigen konnte. Das war ja ein wichtiger Grund dafür gewesen, dass sie sich hier lebendig begraben hatte. Möglichst wenige Menschen sollten einen Blick auf Alice erhaschen.

„Mach auf, ich bin’s.“

Als sie die vertraute Stimme hörte, entspannte sie sich. Jetzt würde alles gut werden. Alice war sicher, dass ihr Vorhaben nun kurz vor der Vollendung stand. Lange musste sie nicht mehr auf die Erfüllung ihrer schönsten Träume warten.

Aber sie irrte sich.

Kaum hatte sie die Tür geöffnet, da überschlugen sich die Ereignisse. Ein Messer blitzte auf. Alice war so schockiert, dass sie noch nicht einmal mehr schreien konnte. Der Angriff kam schnell und überwältigend heftig. Von einem tödlichen Messerstich getroffen, stürzte die junge Frau auf den abgetretenen Teppich.

Alice erreichte das Wunderland niemals.

Stattdessen fiel sie in das pechschwarze Reich der Toten, aus dem es keine Wiederkehr gibt.

1. KAPITEL

Der pochende Kopfschmerz brachte mich beinahe um. Durch meinen Schädel schienen Blitze zu zucken.

Ich lag ganz ruhig auf einer weichen Unterlage, vermutlich meiner Matratze. Meine Nase steckte ich in den weichen Frotteestoff, um zu schnüffeln. Ja, es roch nach dem Weichspüler, den ich immer verwende. Wahrscheinlich lag ich in meinem eigenen Bett. So genau wusste ich das nicht. Ich hatte nämlich keine Ahnung, wie ich nach Hause gekommen war. Und noch wollte ich es nicht riskieren, die Augen zu öffnen. Bleigewichte schienen auf meinen Lidern zu liegen. Mein Brummschädel musste riesig sein.

Das Pochen hörte nicht auf, im Gegenteil: Es wurde zu einem lauten Klopfen.

Erst allmählich begriff ich, dass dieses verflixte Geräusch nicht aus dem Inneren meines Kopfes kam. Sondern von der Wohnungstür.

„Machen Sie auf, Miss Duncan. Hier spricht die Polizei!“

Ehrlich gesagt, hielt ich das für einen blöden Witz. Was hatte ich mit den Cops zu tun? Ich bin weder Taschendiebin noch Drogenkurierin, sondern Kunststudentin an der altehrwürdigen Glasgow School of Art. Sicher, gelegentlich hat die Polizei schon mal meine Personalien kontrolliert. Aber das ist völlig normal, wenn man am Wochenende mit einer feierwütigen Partymeute unterwegs ist, oder? Und bei den Kontrollen ist es geblieben. Jedenfalls habe ich mir noch nie etwas zuschulden kommen lassen. Eine Polizeistation habe ich nur ein Mal von innen gesehen, als mir nämlich mein Handy geklaut wurde. Noch nicht mal einen Strafzettel für Falschparken kann ich vorweisen – allein schon, weil ich mir überhaupt kein Auto leisten kann.

Deshalb glaubte ich nicht wirklich, dass echte Officers vor meiner Wohnungstür stehen würden. Ich meine, jeder Dummkopf kann doch rufen, dass er von der Polizei wäre. Leider kenne ich einige selbst ernannte Stimmungskanonen, die zu jedem Blödsinn fähig sind. Also blieb ich einfach liegen und hoffte, dass sie wieder weggehen würden.

Das war ein Fehler.

Wenig später vernahm ich ein lautes Krachen, Holz splitterte. Dann ertönten schwere, schnelle Stiefeltritte. Nun öffnete ich endlich die Augen. Aber es kam mir vor, als würde ich immer noch schlafen. Und einen Albtraum erleben.

Schwarze Gestalten drangen in meine Wohnung ein. Erst jetzt bemerkte ich, dass es Polizisten in Kampfausrüstung waren. Sie trugen Helme, schusssichere Westen und Handschuhe. Und sie hielten Maschinenpistolen in den Händen. Bevor ich etwas sagen konnte, hatte mir einer von ihnen die Arme auf den Rücken gedreht und Handschellen angelegt. Der Cop verströmte den Geruch eines aufdringlichen Parfüms. Ich drehte den Kopf und sah, dass mich ein weiblicher Officer verhaftet hatte. Aber das war nicht wirklich ein Trost.

„Was soll das? Was läuft hier eigentlich?“

Die raue Stimme, mit der diese Fragen gestellt wurden, war tatsächlich meine. Ich musste wirklich in der vergangenen Nacht ganz schön gebechert haben. Ob ich etwa auch geraucht hatte? Jedenfalls fühlte sich mein Mund an, als ob ich in einen Pferdeapfel gebissen hätte. Das sprach wirklich für Nikotinmissbrauch. Eigentlich hatte ich mir ja vor drei Monaten geschworen, für immer die Finger von den Kippen zu lassen. Aber offenbar war einiges geschehen, woran ich mich nicht mehr erinnern konnte. Die Cops hatten meine Bude ja sicherlich nicht grundlos gestürmt. Es musste etwas passiert sein, von dem ich momentan keine Ahnung hatte. Was hatte ich nur angestellt?

Während mir diese Gedankenfetzen durch den Kopf schwirrten, stellten die Uniformierten alles auf den Kopf. Ich bin noch nie eine Ordnungsfanatikerin gewesen, aber das hier ging zu weit: Sämtliche Schubladen wurden durchwühlt und alle Schränke geöffnet.

Ein älterer Beamter hielt mir ein sehr offiziell aussehendes Dokument vor die Nase.

„Miss Lindsay Duncan, wir haben einen Durchsuchungsbeschluss für Ihre Wohnung. Ich muss Sie darüber informieren, dass Sie die Beschuldigte in einer Morduntersuchung sind. Wir sind in Ihre Wohnung eingedrungen, weil Gefahr im Verzug war. Wenn Sie noch weitere Messer haben, dann sagen Sie das besser gleich.“

Nur ganz allmählich drangen die Worte des Polizisten in mein Bewusstsein. Morduntersuchung? Ich wusste ja noch nicht einmal, wen ich umgebracht haben sollte. Was war eigentlich in der vergangenen Nacht passiert?

Ich wollte mich erinnern – und musste zu meinem Schrecken feststellen, dass ich einen Filmriss hatte.

Ob ich wirklich jemanden getötet hatte? Aber wen?

Momentan war ich einfach nur sprachlos. Dabei bin ich normalerweise nicht auf den Mund gefallen. Da können Sie fragen, wen Sie wollen. Ich bin geradezu berüchtigt für meine große Klappe. Der Polizist schaute mich immer noch an, als ob er eine Antwort von mir erwartete.

„Ja, natürlich habe ich Messer. In der Küche, in der Besteckschublade.“

Das war vielleicht nicht die cleverste Aussage, die ich hätte machen können. Aber da bemerkte ich, dass die Cops mein Essbesteck sowieso schon beschlagnahmt hatten. Die Messer landeten in Beweismitteltüten, wie ich sie bisher nur aus Fernsehkrimis kannte. Aber die Dinger sehen in Wirklichkeit genauso aus, das weiß ich nun. Doch auf diese Erkenntnis hätte ich gern verzichten können.

„Miss Duncan, ziehen Sie sich bitte etwas an. Zum Verhör nehmen wir Sie mit auf das Präsidium. Sie haben das Recht, einen Anwalt hinzuzuziehen.“

Ich schaute an mir herab. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich nur mit einem Slip und einem lila Tanktop bekleidet war. Wie peinlich! Ich wollte den Polizisten fragen, wie ich mich mit Handschellen an den Gelenken anziehen sollte. Aber er nickte seiner Kollegin schon zu, die mir daraufhin die Fessel wieder löste. Doch sie blieb neben mir stehen und ließ mich nicht aus den Augen, während ich schnell in eine Jeans, ein Sweatshirt und eine Windjacke schlüpfte. Naja, auch auf Socken und Tennisschuhe verzichtete ich nicht.

Während ich mich so hastig ankleidete, erhaschte ich schnell einen Blick in meinen großen Wandspiegel.

Ich sah furchtbar aus. Meine Haare standen punkmäßig vom Kopf ab, mein Gesicht wirkte fahl und grau. Ich brauchte dringend Make-up, einen starken Kaffee und ungefähr dreißig Stunden Schlaf. Aber momentan war an nichts davon zu denken. Nachdem ich angezogen war, legte die Polizistin mir die Handschellen schnell wieder an. Zuvor waren natürlich auch meine Hosen- und Jackentaschen durchsucht worden. Die Beamten überließen nichts dem Zufall. Verständlich, denn sie glaubten ja, sie hätten eine Mörderin gefangen. Und – war ihnen das wirklich gelungen?

Erst ganz allmählich begriff ich den Ernst meiner Lage. Noch nie zuvor in meinem zweiundzwanzigjährigen Leben hatte ich mich in so einer miserablen Situation befunden. Ich hätte vor Verzweiflung heulen können. Immerhin wirkte diese Erkenntnis ungeheuer ernüchternd auf mich. Die Mordanklage schraubte meinen Restalkoholgehalt im Blut schneller herunter als ein großes Glas Tomatensaft mit Tabasco. Oder ein saurer Hering oder was es sonst für Ausnüchterungsideen gibt.

Wir verließen die Wohnung. Der ältere Uniformierte ging voran, während mich die Polizistin und ein rothaariger Beamter in die Mitte nahmen. Die übrigen Cops blieben in meiner Wohnung. Vermutlich wollten sie mit der Durchsuchung weitermachen.

Auf der Straße standen jede Menge Gaffer, die von anderen uniformierten Officers zurückgehalten wurden. Einige Typen fotografierten oder filmten mich mit ihren Handys. Ich musste auf dem Rücksitz eines Streifenwagens Platz nehmen, eingerahmt von meinen beiden uniformierten Begleitern. Ich wohne nicht im schlimmsten Stadtteil von Glasgow, deshalb ist eine Verhaftung hier kein allzu häufiger Anblick. Meine Eltern haben großen Wert darauf gelegt, dass ich eine Studentenbude in einer halbwegs zivilisierten Gegend beziehe. Schließlich komme ich aus der behüteten Welt eines schottischen Dorfes in den Highlands. Aber auch dort ist bekannt, was für üble Gegenden es in Glasgow gibt.

Für einen Moment dachte ich daran, Mom oder Dad anrufen zu lassen. Aber ich verwarf diesen Einfall sofort wieder. Falls ich das tat, konnte ich mein Studium endgültig knicken. Meinen Eltern war es sowieso nicht recht gewesen, dass ihr einziges Kind in einem „Sündenpfuhl“ wie Glasgow auf die Kunstakademie wollte. Wenn sie jetzt auch noch erfuhren, dass ich unter Mordanklage stand, würden sie völlig ausrasten. Und dann konnte ich die monatliche Geldspritze von zu Hause vergessen. Zwar fiel sie nicht allzu üppig aus, aber wenigstens musste ich nicht jobben und konnte mich auf mein Studium konzentrieren. Doch plötzlich wurde mir klar, dass es damit jetzt wohl vorbei war. Dieser Gedanke schockierte mich.

Ich war doch unschuldig! Oder?

Gewiss ließ die Polizei mich wieder gehen, sobald sie den wahren Mörder verhaftet hatten. Dann würden die Cops mir auch meine kaputte Wohnungstür ersetzen müssen. Mit dieser Vorstellung beruhigte ich mich selbst auf dem Weg zum Präsidium. Noch wusste ich ja gar nicht, wen ich um die Ecke gebracht haben sollte. Ich schaute in die verschlossenen Mienen der beiden Uniformierten links und rechts von mir. Sie sahen nicht so aus, als ob sie in Plauderlaune wären. Wer will sich auch schon mit einer Mörderin unterhalten?

Bevor ich mir weiter den Kopf über mein Schicksal zerbrechen konnte, hatten wir das Polizei-Hauptquartier auch schon erreicht. Meine Begleiter brachten mich in einen Verhörraum, dessen Einrichtung nur aus einem Kunststofftisch und einigen Stühlen bestand. Dort wurden mir immerhin die Handschellen wieder abgenommen.

„Der Inspektor kommt gleich“, sagte die Polizistin mit dem penetranten Parfüm. „Ich bringe Ihnen inzwischen einen Kaffee.“

Wenig später setzte sie ihr Versprechen in die Tat um. Als ich einige Schlucke von der heißen, aromatischen Flüssigkeit genommen hatte, ging es mir sofort etwas besser. Auch wenn ich mir immer noch das Gehirn darüber zermarterte, was in der vergangenen Nacht geschehen sein musste. Ich erinnerte mich vage daran, dass ich mit meinen Freundinnen Fiona und Allison Party machen wollte. Das war doch immerhin schon mal etwas! Wenn die beiden Mädels bestätigten, dass ich die ganze Zeit bei ihnen gewesen war, konnte ich ja niemanden umgebracht haben. Meiner Meinung nach war das ein sehr gutes Alibi.

Nun betraten ein Mann und eine junge Frau in Zivil den Verhörraum. Der Mann war mittelgroß und erinnerte mich mit seiner großen runden Brille an eine Eule. Seine Begleiterin hingegen hatte ein sehr schmales Gesicht und sah unscheinbar aus, was zu ihrem mausgrauen Kostüm passte. Und sie war so blass, als ob sie seit Monaten kein Sonnenlicht gesehen hätte.

„Ich bin Inspektor Ian Kennedy, das ist meine Assistentin Detective Sergeant Cynthia Edwards. – Sie sind Miss Lindsay Duncan?“

Bevor ich antworten konnte, ergriff die uniformierte Polizistin das Wort. Wie eine Leibwächterin stand sie einen Schritt hinter mir. Ich hockte am Tisch und hielt meinen Kaffeebecher umklammert.

„Das ist die Beschuldigte, Sir. Wir haben ihre Personalpapiere bei ihr gefunden.“

Mit diesen Worten legte sie meinen Personalausweis auf den Tisch. Erst jetzt bemerkte ich, dass er beschlagnahmt worden war. Der Kriminalist bedankte sich mit einem Kopfnicken bei der Polizistin, dann war ich mit den beiden Zivilisten allein. Nachdem die Uniformierte die Tür von außen hinter sich geschlossen hatte, blieb nur ein Hauch von dem penetranten Parfüm zurück.

Nun richtete Kennedy seine großen, unergründlichen Eulenaugen auf mich.

„Sie wissen, dass Sie des Mordes angeklagt werden, Miss Duncan?“

„Ja, Inspektor. Allerdings hat man mir noch nicht gesagt, wen ich überhaupt umgebracht haben soll.“

„Das Opfer hieß Alice Wright.“

Dieser einfache Satz brachte mich völlig durcheinander. Unbewusst hatte ich immer noch geglaubt, dass die ganze Geschichte nur ein fürchterlicher Irrtum wäre. Aber Alice kannte ich. Schließlich war ich an der Uni immer wieder mit dieser arroganten Zimtzicke aneinandergeraten. Und sie sollte nun tot sein? Obwohl ich Alice nie hatte ausstehen können, schockierte mich diese Information. Ein Mensch, den ich kannte, war ermordet worden. Das wünschte ich niemandem, noch nicht einmal dieser eingebildeten Pute. Allerdings musste ich mir eingestehen, dass ich Alice niemals hatte ausstehen können. Trotzdem traf mich die Nachricht von ihrem Tod – und das nicht nur, weil ich selbst unter Mordverdacht stand. Wie hatte es nur so weit kommen können?

„Miss Duncan, war Ihnen Alice Wright bekannt?“

Inspektor Kennedys Frage riss mich aus meinen traurigen Grübeleien. Jetzt durfte ich keinen Fehler machen. Wenn ich meinen Hals aus der Schlinge ziehen wollte, musste ich bei der Wahrheit bleiben. Jedenfalls durfte ich Alice nicht als meine beste Freundin darstellen, sonst würde ich mich nur noch verdächtiger machen. Es gab einfach zu viele Zeugen an der Uni, die mehr als ein Mal miterlebt hatten, wie Alice und ich uns gezofft hatten.

„Ja, Alice und ich haben zusammen studiert. Aber ich kannte sie nur oberflächlich.“

„Wirklich?“

Cynthia Edwards hakte nach. Der weibliche Detective Sergeant mochte klein und unauffällig sein. Aber ihre Worte waren hart und schneidend wie ein Steinbeil. Falls Inspektor Kennedy und sie das alte Spiel „good cop, bad cop“ aufführen wollten, dann hatte Cynthia Edwards zweifellos die Rolle der Schurkin übernommen. Und das schien ihr auch zu gefallen.

„Dafür, dass Sie das Opfer nur flüchtig gekannt haben wollen, sind Sie aber sehr oft mit Alice Wright aneinandergeraten. Oder wollen Sie das leugnen?“

Ich verteidigte mich, so gut es ging.

„Na ja, wir hatten ein paar Meinungsverschiedenheiten …“

„Meinungsverschiedenheiten nennen Sie das? Eine Woche vor Alice Wrights Ermordung haben Sie vor Zeugen wörtlich zu ihr gesagt: ‚Ich mache dich platt.‘ So war es doch, oder?“

Ich presste die Lippen aufeinander. Offenbar hatte die Polizei schon mit einigen Leuten an der Kunsthochschule gesprochen. Na ja, der Streit zwischen Alice und mir war ja auch nicht zu überhören gewesen. Immerhin hatten wir uns im Treppenhaus der Glasgow School of Art angeschrien. Um ein Haar wären wir auch handgreiflich geworden. Diese Kuh hatte absichtlich meinen Modellentwurf für das Dschungeltraum-Projekt zerstört, an dem ich drei Monate lang gearbeitet hatte. Natürlich konnte ich es ihr nicht beweisen, aber sie war die Schuldige. Alice hatte es nie ertragen können, dass meine künstlerischen Ideen besser waren als ihre. Ich habe sie für krankhaft ehrgeizig gehalten. Sie musste immer die Beste sein, und sie musste stets im Mittelpunkt stehen. Aber jetzt war sie tot.

„Hören Sie, Detective Sergeant – ich war stinksauer, okay? Das wären Sie auch gewesen, wenn jemand Ihr mühevolles Werk von mehreren Monaten einfach zerstört hätte.“

„Mag sein. Für mich klingen Ihre Worte, die Sie an Alice Wright gerichtet haben, jedenfalls nach einer direkten Morddrohung, Miss Duncan. Und ich bin nicht die Einzige, die das so sieht.“

Bevor ich protestieren konnte, ergriff Kennedy wieder das Wort. Irgendwie fand ich den Inspektor sympathischer als seine junge Assistentin. Oder war das nur eine Taktik, um mich zu einem Geständnis zu bringen? Ich glaubte, bei Cynthia Edwards eine gewisse Stutenbissigkeit mir gegenüber auszumachen. Aber vielleicht bildete ich mir das nur ein. Schließlich stand ich unter einem Wahnsinnsstress. Außerdem war ich noch völlig verkatert. Noch nie hatte ich mich in so einer Zwickmühle befunden, selbst bei den härtesten Uni-Klausuren nicht. Denn hier ging es ja nicht um eine verpatzte Note, sondern darum, ob meine Zukunft hinter Gittern stattfand.

„Miss Duncan, sagt Ihnen die Adresse 111 Shandwick Street etwas?“

„Nein, Inspektor. Warum fragen Sie?“

„Das ist eine Straße in Easterhouse. Dort befindet sich die Pension einer gewissen Ann O’Brian. Alice Wright wurde in einem Zimmer dieses Gästehauses tot aufgefunden. Sie sind also nie dort gewesen?“

„Nein, bestimmt nicht“, rief ich eifrig. „Und es passte auch überhaupt nicht zu Alice, sich in einem Elendsviertel wie Easterhouse herumzutreiben. Sie fühlte sich immer wie eine Lady, der nichts gut genug sein konnte. Alice würde ungefähr so gut nach Easterhouse passen wie ein Pinguin an den Äquator!“

„Offenbar kannten Sie die Ermordete ja wirklich gut“, meinte Cynthia Edwards giftig und machte sich eine Notiz. Am liebsten hätte ich mir auf die Zunge gebissen. Hatte ich mich gerade um Kopf und Kragen geredet? Aber dann führte ich mir vor Augen, wie viele Kriminelle es in Easterhouse gab. Gewiss war es nur eine Frage der Zeit, bis die Polizei den wahren Mörder dingfest machte. Jedenfalls hoffte ich darauf, dass die Suche nach dem Killer weiterging. Bis dahin musste ich es eben noch in diesem Verhörraum aushalten. Spätestens wenn meine Freundinnen mir ein Alibi gaben, mussten die Cops mich gehen lassen.

Kennedy schaute in seine Unterlagen.

„Sie bleiben also bei Ihrer Aussage, dass Sie noch nie in der Pension in der Shandwick Street gewesen sind?“

Ich nickte heftig. Meine Kopfschmerzen wurden dadurch noch stärker.

„Allerdings haben wir in Alice Wrights Zimmer im Studentenwohnheim ihr Tagebuch gefunden. Darin schreibt sie, dass sie sich von Ihnen verfolgt gefühlt hat, Miss Duncan. Alice Wright wollte umziehen, damit Sie ihr nicht mehr hinterherspionieren konnten. Ehrlich gesagt, klingt das für mich ganz nach Stalking. Dann verschwindet Alice Wright spurlos, bis einige Tage später ihre Leiche in einer billigen Pension gefunden wird.

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