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Wer glaubt wird selig

Inhalt

  1. 1. Darf ein Mönch plaudern?
  2. 2. Warum habe ich nie Zeit?
  3. 3. Ist Wallfahren heilsam?
  4. 4. Ist der Weg schon das Ziel?
  5. 5. Diesseits und Jenseits
  6. 6. Können Seelen wandern?
  7. 7. Prinzip Hoffnung
  8. 8. Leben und Sterben
  9. 9. Wonach sehne ich mich?
  10. 10. Hört mich Gott?
  11. 11. Ach ja, und: Amen
  12. 12. Das Herz öffnen
  13. 13. Kleine Bet-Werbung
  14. 14. Wenn Gott sich meldet
  15. 15. Himmel auf Erden
  16. 16. Oscar, Papst und Popstars
  17. 17. Gibt es Engel?
  18. 18. Fit for God
  19. 19. Leib und Seele – und Wellness
  20. 20. Licht an!
  21. 21. Heilmittel gegen die Traurigkeit
  22. 22. Martyrium Gemeinschaft
  23. 23. Wir sind Helden
  24. 24. Schaut, dass ihr weiterkommt!

1. Darf ein Mönch plaudern?

Ich bin ein glücklicher Mensch. Und ich bin ein noch glücklicherer Mönch. Darum bedrückt es mich, dass viele Menschen so unglücklich sind. In der letzten Zeit ist mir die Frage besonders heftig aufgestoßen: Warum begegne ich so vielen Menschen, die äußerlich reich und schön sind, innerlich aber frustriert und leer? Irgendetwas stimmt da nicht. Klar, nach dem Glück suchen alle. Aber könnte es vielleicht sein, dass diese Menschen zwar suchen, oft sogar gierig suchen, aber am falschen Ort? Könnte es sein, dass sie deshalb so enttäuscht sind, weil sie von ihrem Leben nur eine Art Reisebüro-Glück erwarten? Also, ich kenne das ja auch, diese Sehnsucht nach der großen Entspannung, nach dem großen Ausatmen in einen sorgenlosen Urlaub hinein. Ich kenne auch dieses Bauchgefühl des Begehrens nach einem ganz glücklichen Leben, das in einem aufsteigt, wenn man diese glänzenden Urlaubsprospekte durchblättert: herrliche Bilder von Wasser, Sonne, Meer und Palmen! Suggestive Verheißungen völliger Sorglosigkeit und Seligkeit. Ja, auch Mönche fühlen sich manchmal überarbeitet, auch Priester brauchen Erholung und auch ich mache mal Ferien. Aber entschuldigen Sie, ich bin nicht so blöd, zu meinen, dass so etwas mein letztes Glück und mein höchster Lebenssinn sein könnte. Nein, aus diesem Selbstbetrug bin ich schon lange ausgestiegen.

Seien wir ehrlich: Den Lebensurlaub im totalen Glück gibt es nicht. Das Leben hat große Verheißungen und kann wunderschön sein, aber es bleibt doch immer viel zu klein, viel zu eng, viel zu kurz. So wie das Sandstrand-Glück eben. Die Ferien sind ja fast nie das, was man sich zusammengeträumt hat. Statt unendlicher Sorglosigkeit wird man meist schnell von sehr endlichen Sorgen eingeholt. Da ist man endlich im Urlaub, und doch ist da immer etwas, das nicht passt: die Liegestühle besetzt, der Sand zu heiß, der Magen verdorben, die Nachbarn zu laut, der Service zu langsam … Die Wirklichkeit ist immer ein Nadelstich in den prallen Luftballon meiner Träume. Und außerdem wird jedes Gesuhle am noch so traumhaften Traumstrand mit der Zeit einfach fad. Einfach langweilig, tödlich langweilig. Wer das Blaue vom Himmel erwartet hat, wird durch das Graue des Gewöhnlichen bestraft. Gibt es das große Glück überhaupt? Ja, ich denke schon, denn ich habe das Gefühl, dass ich es für mich gefunden habe. Und ich glaube, dass wir in einer geistigen Zeitenwende leben, wo die Menschen wieder anfangen, am richtigen Ort zu suchen. Wir Menschen sind ja nicht dumm, denn Gott hat jedem von uns einen Verstand gegeben samt einem untrüglichen Instinkt des Herzens. Ich glaube, dass heute viele Menschen spüren, dass es so nicht weitergehen kann. Die Diskrepanz zwischen irdischem Glanz und geistiger Finsternis ist zu groß. Ich glaube, dass viele Menschen diesen stumpfen Materialismus immer mehr satt haben. Sie spüren: Das kann doch noch nicht alles sein. Da muss doch noch irgendwo ein großer Sinn und ein letztes Glück für mein Leben zu finden sein.

Wenn Milch zu kochen beginnt, dann geht sie über. Dieses Büchlein gebe ich nur mit intensivem Bauchweh an die Öffentlichkeit, denn ich bin es zwar gewohnt, in Predigten und theologischen Vorträgen »überzugehen« – aber nicht im Plauderton. Eigentlich sind mir Menschen, die so vor sich hin plaudern und schwätzen und plappern sogar suspekt. Natürlich hat gerade bei uns in Österreich das Plaudern eine hohe soziale Funktion, man setzt sich ins Kaffeehaus und redet bei einem kleinen Braunen über alles, worüber man halt so redet – also über alles. Bei uns sagt man: »Beim Reden kommen die Leute zusammen!« Beim Plaudern geht es nicht darum, Themen zu analysieren oder Probleme zu lösen, sondern einfach darum, sich mitzuteilen. Hier ist das Reden absichtslose Preisgabe: Ich erzähle dir über mich, ohne etwas von dir zu wollen; ich höre mir dich an, ohne dass ich fürchten muss, dass du etwas von mir willst … Ist es nicht gerade dieses Zweckfreie, das bewirkt, dass man wirklich »zusammenkommt«?

Freilich: Das Nachmittagsgeplaudere im Kaffeehaus ist ein Dialog, da tauschen sich zwei oder mehrere aus. Als ich gebeten wurde, in einem ausdrücklich nichttheologischen und nicht philosophischen Verlag ein Buch im Plauderton zu schreiben, musste ich mich erst kundig machen. Offensichtlich hatte ich im Kloster, wo ich ja schon mehr als ein Vierteljahrhundert bin, die Zeit verschlafen. Ich habe in Erinnerung, dass in meiner Jugend ein Sachbuch ein Sachbuch war; in einem solchen hatte Persönliches, also Geplaudere über sich selbst, nichts verloren. Aber die Zeiten haben sich offensichtlich geändert. Man kann nur staunen, wie sehr sich der Stil geändert hat und welche Unmassen von Büchern im Plauderton da auf dem Markt sind, und zwar wirklich über alle möglichen »ernsten« und »sachlichen« Themen: Naturwissenschaftliches, Philosophisches, Medizinisches, Psychologisches und sogar Theologisches gibt es im Plauderton.

Ich sollte ein Buch über Sinn und Glück schreiben. Aber ein Buch, das nicht mit der pedantischen Akribie eines zitateversessenen und fußnotenhäufenden Theologen ausgetüftelt wird, sondern mit der Leichtigkeit und dem Augenzwinkern eines Kaffeehausplauderers? Also ein Buch, in dem ich mich selbst nicht so ernst nehme, und in dem ich meine persönlichen Erfahrungen und Ansichten nicht möglichst tief hinter neutralen und klug abgewogenen Formulierungen verstecke? Das war neu. Das bereitete mir Bauchweh. Dazu brauchte ich viel Gebet und eine große innere Überwindung. Und nun habe ich mich also entschlossen, wirklich einfach darauf loszuplaudern. Aber nicht irgendwie über irgendwas, sondern aus den Tiefen meines Herzens. Ich bin seit meinem 19. Lebensjahr Mönch und erfahre täglich – zu meiner bleibenden Überraschung – das tiefe Glück eines sinnerfüllten Lebens. Wenn ich als Zisterziensermönch hier offen meine persönlichen Ansichten über Gott und die Welt, über Glück und Sinn des Lebens vorlege, so deshalb, weil einige gemeint haben, dass das vielleicht für suchende Menschen hilfreich sein könnte. Denn es geht mir nicht darum, einfach Neugierde zu befriedigen. Wie degoutant sind die vielen billigen Society-Talkshows, die uns die Fernsehkanäle heute bescheren, wo Hinz und Kunz über eine eventuelle Ehekrise von Angelina Jolie und Brad Pitt spekulieren, den neuesten Absturz von Amy Winehouse betratschen, die Frisur von Britney Spears beplappern und die Zuseher – warum sieht sich das überhaupt jemand an? – mit Belanglosem zumüllen.

Durch den Erfolg unserer Gregorianik-CD Chant – Music for Paradise habe ich erfahren, dass auch ein so extrem anderes Leben, wie wir als Mönche es führen, für heutige Menschen interessant sein kann. In der Fadesse des Einheitsfastfood unserer Mac-Donalds-Kentucky-Fried-Chicken-Burger-King-Kultur macht ein so abgehobener und zeitgeistresistenter Lebensstil die Leute offensichtlich neugierig. Doch mir geht es wie gesagt nicht darum, die Neugierde und Kuriositätensucht zu befriedigen. Ich gebe in diesem Buch vieles aus den Tiefen meines Herzens preis, weil ich hoffe – und bete –, dass die Eine oder der Andere davon profitieren kann. Mir ist bewusst, dass ich mich damit vielleicht lächerlich mache – auf jeden Fall verwundbar. Sei es drum! Ich wünsche mir, dass Sie dieses Buch, egal wo Sie gerade stehen, einen Schritt vorwärtsbringt in der größten und wichtigsten Aufgabe, die das Leben uns Menschen stellt: den Sinn des Lebens zu finden.

Doch ich muss Sie warnen. Zunächst einmal die Leser, die nicht so fest im christlichen Glauben sind. Natürlich würde ich mich freuen, wenn diejenigen Leser, die bisher noch keinen Zugang zu Gott, zum Christentum oder zur katholischen Kirche haben, dieses Buch nicht gleich nach den ersten Seiten frustriert in eine Ecke schleudern, weil sie meinen, dass hier einer nur fromm und naiv daherschwätzt. Wir sind nicht erst seit den geplatzten Bubbles der Aktienbörsen in einer Sinnkrise, wir sind es seit vielen Jahren. Das Gefühl eines Vakuums an Sinn und eines Defizits an Zufriedenheit und Freude ist zu unserer gesellschaftlichen Grundstimmung geworden, die wir mit Fun und Drogen zu betäuben versuchen. An der religiösen Suche der »postmodernen« Menschen bedrückt mich, dass sie überall suchen, nur nicht im christlichen Glauben. Es macht mich traurig, wenn viele Menschen im christlichen Glauben nur eine religiöse Lehre sehen, die auf einem angeblich längst bloßgestellten Mythos beruht und noch dazu ein Moralsystem vertritt, das unzeitgemäß und glücksfeindlich ist. Warum denken die Leute, wenn sie »Mönch« hören, sofort an safranrot gekleidete buddhistische Mönche, wo doch im eigenen Land die Klöster von »nebenan« seit Jahrhunderten Kultur und Spiritualität prägen? Für viele ist der christliche Glaube eine Liebhaberei, ein Hobby, ein Spleen von einigen wenigen Masochisten geworden, die noch nicht durchschaut haben, dass das Christentum eine Hochburg von Intoleranz und Scheinheiligkeit ist.

Ich kann so schreiben, weil es in meinem Leben Phasen gab, in denen ich sehr ähnlich dachte. Doch das ist vorbei. Hier möchte ich Zeugnis davon geben, dass es nicht so ist. Dass der Glaube frei macht, glücklich macht, das Leben abrundet. Für mich ist der Glaube an Christus nicht eine äußere Doktrin oder Ideologie, der ich mich ausliefere, und durch die ich Lebensqualität einbüße; er ist auch kein Ornament oder eine Dekoration, sondern er trägt mein Leben, macht es geradlinig, sinnvoll und schön. Der Prophet Jesaja kündet Israel die Zeit des Heils mit den Worten an: »Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken.« (Jesaja 40,4) Der christliche Glaube hat die Kraft, die Berge von Problemen, die uns fertigmachen, abzutragen, und die Tiefen der Traurigkeit, in die wir manchmal absinken, aufzufüllen. Warum stöhnen Jugendliche zuerst einmal kräftig auf, wenn sie »Kirche« hören? Aber dieselben Jugendlichen finden es dann sehr schnell »cool«, wenn sie merken, wofür Kirche wirklich steht, nämlich für eine geheimnisvolle Verbindung mit Gott. Die jungen Leute heute sind nicht dumm; sobald sie entdecken, dass man bei den christlichen Gottesdiensten eine Gänsehaut bekommen kann, weil man dort von der Nähe Gottes berührt wird, lassen sie sich gerne auf den Glauben ein! Glauben macht glücklich.

Ich möchte nicht, dass Sie das Gefühl haben, ich wollte Ihnen hier eine religiöse Doktrin aufschwatzen. Und Gott möge verhüten, dass der geneigte Leser abgeschreckt wird, weil er denkt, hier würde von einer Welt geredet, die mit der seinen nichts zu tun hat: von einem Wolkenkuckucksheim einer abgehobenen Phantasiewelt. Natürlich – ich bin ein besonders religiöser Mensch, ich bin ja mit Begeisterung Mönch. Dieses Buch schreibe ich als einer, der sich als glühend gläubig definiert. Ich bin kein Soziologe und kein Psychologe, kein Lebensberater und kein Guru, sondern einer, der selbst von etwas erfasst ist, das ihn glücklich macht. Hier schreibt einer, der zum Glauben gefunden hat und aus dem Gefühl heraus lebt, dass ihn eine größere Wirklichkeit gefunden und heimgeholt hat. Und darum hoffe ich, dass ich ein bisschen von dem verstehe, was die Menschen heute belastet. Wenn ich an die Flut von E-Mails, von Gebetsanliegen und Telefonaten denke, die mich täglich erreichen, bin ich betroffen über die Finsternis und Öde, die in vielen Seelen heute herrscht. Es kommt mir vor wie am Anfang der Weltschöpfung, wo im Buch Genesis der Zustand der Erde als »wüst und leer« geschildert wird; auf Hebräisch heißt es »tohu wa bohu«, was Martin Buber so eindrücklich mit »Irrsaal und Wirrsal« übersetzt. Weil Gott noch nicht seinen Logos, sein Wort, seinen Sinn gesprochen hat.

Das Wichtigste im Leben ist immer das Geistige. Geld kann man nicht festhalten, Aktienkurse fallen, Ehre verweht im Zeitgeist, Ansehen verdämmert … alles müssen wir irgendwann loslassen. Was unser Leben eigentlich wertvoll macht, das sind die »Dinge«, die keine Dinge sind, weil sie aus einer nichtmateriellen Welt herkommen: Die Erfahrung von Geborgenheit und Geliebtwerden, von Freude und Lebensstärke kann zwar von außen »angestoßen« werden, doch sie gehören zu einem Bereich, den wir nur mit den hilflosen Worten »geistig« oder »innerlich« bezeichnen können. Ich bin ein Mönch, der kein Gehaltskonto hat, weder Auto noch Fernsehapparat besitzt und der trotzdem – oder deswegen? – sehr glücklich ist. Denn meine Wurzeln sind in einer anderen Welt, und mein innerer Jubel kommt aus dem Glauben an die erfahrene Wirklichkeit Gottes. Vielleicht ist es ja sogar gut, Menschen, die zwar als postchristliche Erben einer christlichen Geistigkeit und Kultur aufgewachsen sind, die innere Dimension des christlichen Glaubens aber NIE richtig erfasst haben, mit dem zu konfrontieren, was ein überzeugter Christ, ja ein gläubiger christlicher Mönch so denkt. Es kann doch nicht sein, dass wir uns für den Inhalt der Spiritualität buddhistischer Mönche interessieren, dabei aber unser christliches Mönchtum nur mehr insofern wahrnehmen, als in den Klöstern Konzerte, kulturelle und akademische Tagungen und Sonstiges stattfindet. Alles schöne Veranstaltungen, die aber in meinen Augen doch nur zweit- oder drittrangig sind.

Ich bin weder Psychiater noch Lebenscoach, sondern nur ein einfacher Mönch, der in einer für viele Menschen sehr fremden und unvorstellbaren Lebensform lebt. Meine Erfahrungen sind die eines Mönches. Aber vielleicht ist es ja hilfreich, einmal eine ganz andere Perspektive kennenzulernen. Vielleicht hilft es Ihnen, sich selbst mit einer ganz anderen Weltsicht zu konfrontieren. Vielleicht hilft es, um selbst einmal auszusteigen aus den eingefahrenen Vorstellungen, die man von sich selbst und von Gott und der Welt hat. Die Vogelperspektive, die ich als Mönch bieten kann, kann hoffentlich ein Impuls sein, anders zu sehen, tiefer zu denken. Selbst zu ändern, was mit Gottes Hilfe geändert werden kann, und so glücklicher zu leben. Also bitte ich auch die Atheisten, so es solche im schwammigen postmodernen Milieu des Irgendetwas-wird-es-schon-geben überhaupt noch gibt, um ihr Wohlwollen. Bitte legen Sie dieses Buch nicht gleich weg. Ich bin ohnehin nicht klug genug, Ihnen Gott beweisen zu können. Ich möchte Sie aber sehr wohl dazu einladen, doch so mutig zu sein, es einmal zu versuchen, sich von Gott selbst beweisen zu lassen, dass es ihn gibt. Er kann das besser als ich.

Sodann muss ich auch die sehr Frommen und Gläubigen warnen, die dieses Buch zur Hand nehmen. Jene, die mich als »Dogmatikprofessor« kennen, der sich anstrengt, hundertprozentig den Glauben der Kirche zu vertreten, weil er selbst hundertprozentig davon überzeugt ist. Die Art und Weise, wie ich hier schreiben werde, ist so ganz und gar nicht »dogmatisch«. Das werden zwar all jene begrüßen, die nicht wissen, dass das Wort »Dogma« für überzeugte Katholiken, und dazu gehöre auch ich, einen absolut positiven Beigeschmack hat. Aber Hardcore-Katholiken kann es oft gar nicht dogmatisch genug sein. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist das etwas ganz anderes: »Dogma« riecht nach starrköpfiger Doktrin, nach uneinsichtiger Sturheit und ideologischem Fanatismus. »Dogmatisch« schimpfen wir jemanden, der unbeirrt wider bessere Einsicht an einer realitätsfremden Lehre festhält. Ich bin von Beruf Dogmatikprofessor, das traue ich mich aber manchmal gar nicht zu laut sagen, denn im weltlichen Verständnis ist ein »Dogmatiker« ein hohl- und holzköpfiger Ideologe. Wie schade, dass dieser Begriff so vermiest wurde. Uns Gläubigen ist das ja mit einigen zentralen christlichen Begriffen passiert. Sie wurden ihrer ursprünglichen Schönheit und Leuchtkraft beraubt und sind zu hässlichen Negativbegriffen verkommen. Besonders schlimm ist es allerdings dem »Dogma« ergangen! Was könnte uns kleinen endlichen und begrenzten Menschen Besseres passieren, als dass Gott sich auf unsere Seite schlägt, sich uns gegenüber nicht verschweigt und uns als die Wirklichkeit aller Wirklichkeiten sein Heil schenkt? Das verstehen wir nämlich ursprünglich unter »Dogma«. Ich bin – vom richtigen Verständnis her – zutiefst stolz, dass ich »Dogmatiker« bin, weil ich zutiefst darüber glücklich bin, dass es »Dogma« gibt. Unser Gott ist nicht ein Gott, der sagt: »Pst, ich bin Gott, aber ich sag es euch begrenzten Menschlein nicht! Krabbelt nur schön in eurer kleinen Welt mit verbundenen Augen herum und spielt Blinde Kuh, wenn ihr den Sinn des Lebens finden wollt.« Nein! »Dogma« ist jene wunderbare Wahrheit, in der sich Gott uns enthüllt. Und zwar in einer Wahrheit, die gerade nicht bloß eine Doktrin, ein Moral- oder Wertesystem ist. Im Dogma geht es um unser Heil, um unser letztes Glück, um das, was Gott selbst verbürgt. Also um die letzte Wahrheit über Gott und die Welt. Wahrheit meint hier bitte nicht bloß eine schlichte Information à la »Es gibt neun Planeten im Sonnensystem«. »Wahrheit« hat in unserem dogmatischen Sprachgebrauch immer etwas mit mir selbst zu tun, mit meinem Heil und mit meinem Lebensglück.

Die Wahrheit der Wahrheiten ist für uns Gläubige daher die Erkenntnis, dass Gott die Liebe ist. Der Satz »Gott ist die Liebe« ist keine »Wahrheit« im Sinn einer chemischen Formel oder einer belanglosen Information. Die Relativitätstheorie Einsteins oder die Quantentheorie Heisenbergs sind wichtige Wahrheiten zur Beschreibung der Welt, aber sie zu wissen oder nicht zu wissen entscheidet nicht über Gelingen und Scheitern meines Lebens. Das Dogma hingegen, wonach Gott die Liebe ist, ist eine Wahrheit in einer existentiellen Kategorie. Hier geht es nicht um »etwas«, hier zielt alles auf mich. Denn sobald ich im Glauben annehmen kann, dass Gott die Liebe ist, strömt eine letzte Geborgenheit, ein letzter Sinn in mein Leben. Das Dogma rettet mich also aus meiner Angst, dass ich in meinem winzigen kleinen kurzen Leben, das so beängstigend endlich ist, wie in einem engen Betonschacht begraben sein könnte. Mein Glaube an Gott befreit mich vor unserer bedrückenden Platzangst im Dasein und heilt die Klaustrophobie unserer globalisierten Weltsicht. Daher bitte ich die schon gläubigen Christen, die erwarten würden, dass ich meinem Metier treu bleibe und mehr über dogmatische Glaubensinhalte rede, um Entschuldigung. In diesem Buch geht es mir vor allem darum, zu zeigen, dass der Glaube frei macht, dass es schön und befreiend ist, sich von Gott Sinn und Ziel im Leben zusagen zu lassen. Wer glaubt, wird glücklich.

Ich finde also, dass auch jene Menschen, die dem Glauben und erst recht der Kirche mit Distanz, ja vielleicht mit einem Bauch voller Vorurteile gegenüberstehen, das Recht haben, zu erfahren, was ein gläubiger Mönch so denkt. Darum kann ich nur nochmals versichern, dass ich nicht versuchen werden, jemanden zu indoktrinieren, dass ich aber auch nicht die Wurzeln meines Lebensglückes verleugnen kann und mich sogar freuen würde, wenn andere ebenfalls zu diesen Wurzeln finden. Denn ehrlich gesagt: Ein Ungläubiger, der weiß, dass er ungläubig ist, und darunter leidet, ist mir lieber, als ein Frommer, der weiß, dass er fromm ist, und darauf stolz ist. Jedenfalls: Wenn Milch kocht, dann geht sie über. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund, sagt Jesus (Lukasevangelium 6,45). Und darum freue ich mich, dass ich hier von meinem Lebensglück plaudern darf.

2. Warum habe ich nie Zeit?

Wir sind immer unterwegs, wir sind immer in Bewegung. Unser Leben kennt keinen Stillstand, unser Leben ist ein beständiger Prozess, unser Leben entwickelt sich. Mittlerweile passiert es mir manchmal, dass ich erschrecke, wie alt ich mit meinen 45 Jahren schon bin. In meinem Zimmer gibt es ein Regal mit Fotoalben aus den 80er und 90er Jahren, also aus der schon versunkenen Zeit, wo unsere Fotos noch nicht in die Unsichtbarkeit von Computerfestplatten verbannt waren, sondern als Bilder in Alben gesammelt wurden. Eineinhalb Meter Fotoalben über mein Wirken als Kaplan und als Pfarrer, Fotos, die Erinnerungen hochblitzen lassen. Auf den Bildern Kinder, die schon lange erwachsen sind; Menschen, die schon gestorben sind; Gesichter, die ich nicht mehr identifizieren kann. Diese Fotoalben schaue ich mir nie alleine an, denn sie erwecken in mir das Gefühl, dass die Zeit viel zu schnell und viel zu unausgenützt verrinnt, und das macht mich traurig. Ehrlich! Es macht mir schon aus meiner persönlichen Stimmungslage heraus keine wirkliche Lust, über das Verrinnen der Zeit nachzudenken. Ich tue es mehr aus Disziplin und weil ich das Gefühl habe, dass es doch heilsam ist, ab und zu über die Zeit und ihre Flüchtigkeit nachzudenken.

Das Wort »Ich habe keine Zeit« höre ich sehr oft. Dabei ist es sprachlich absolut paradox: Das, was wir heute wirklich »zu jeder Zeit« zu wenig haben, das ist »Zeit«. Junge Leute »haben keine Zeit«. Ich erlebte als Pfarrer, dass die 7-jährigen Kinder, die zur Erstkommunionvorbereitung kommen, schon »keine Zeit« mehr haben. Schon da zückten die Eltern den Terminkalender, und es war eine endlose Prozedur, bis man einen wöchentlichen Termin für die Kids gefunden hatte, weil sie zugepflastert sind mit Schule, Nachhilfe, Ballett, Reiten, Turnen, Fechten, Kinderyoga und so weiter. Die armen Kinder! Und wir noch viel, viel ärmeren Erwachsenen! Ich selber erwische mich auch oft dabei, mich mit einem »Leider, da habe ich keine Zeit« zu entschuldigen. In letzter Zeit bin ich ein paar Mal erschrocken, nachdem ich diesen Satz gesagt habe, und zwar über dieses innere Gefühl der Erleichterung: Denn »Ich habe keine Zeit« ist eine unschlagbare Entschuldigung, die jeder versteht. Es entpflichtet einen sofort davon, eine Herausforderung anzunehmen, für jemanden da zu sein, sich um ein Problem zu kümmern. Das »Ich habe keine Zeit« ist, wie gesagt, sonderbar und paradox, denn Zeit haben wir ja immer. Im Prinzip wollen wir nur sagen: Ich kann nicht, denn da verwende ich meine Zeit für etwas anderes. Als Ausrede besagt »Ich habe keine Zeit« sogar: Das ist mir nicht wertvoll genug, dass ich meine Zeit damit verbringe. Oder: Dafür will ich meine Zeit nicht verschwenden. Tatsache ist, dass wir immer Zeit haben. Niemand kann sich herausstehlen aus dem Prozess des ständigen Vergehens und Werdens. Wir sind also immer auf dem Weg, und indem wir die Zeit verbringen, vergeht sie auch schon und wir mit ihr. Ist das nicht paradox: Wir haben zu jeder Zeit keine Zeit mehr! Ich denke, dass jeder instinktiv spürt, dass dieses Immer-Weiter-Treiben einen letzten Sinn haben muss, ein Ziel, eine Zukunft. Wohin rinnt der Sand in der Sanduhr unseres Lebens? Woher kommt die Traurigkeit, wenn wir das permanente Vergehen betrachten?

Der deutsche Mystiker Jakob Böhme sagt: »Der Mensch hat Heimweh, weil er Heimweh ist.« Ich glaube, dass er eine tiefe philosophische Einsicht getroffen hat, wenn er den Menschen als Sehnsuchtswesen definiert. Die sehnsüchtige Offenheit in Richtung einer Zukunft haben viele große – alte wie neue – Denker erspürt und auf verschiedenste Weise formuliert. Für die einen, die Existentialisten etwa, ist der Mensch gerade deshalb so elendiglich tragisch, weil er auf die Zukunft hin lebt und doch nur in die Endlichkeit hinein verdämmert. Die Offenbarung sagt uns, woher diese Sehnsucht kommt: Sie kommt von Gott, weil ein Funke des Göttlichen in uns liegt. Wir sind selbst ein Stück Unendlichkeit, weil Gott etwas von seiner Unendlichkeit in uns gelegt hat: unsere geistige Seele. Die Offenbarung verbürgt uns schließlich auch, dass diese Sehnsucht gestillt wird. Hier auf Erden, indem uns Gott berührt, wenn wir uns in einem gläubigen Leben mit ihm verbinden. Und dann vollends nach dem Tod. Der Mensch hat Heimweh, weil er Heimweh ist. Damit kann ich mich gut identifizieren. Ich habe wirklich das Gefühl, dass das Leben vorantreibt und dass man mit zunehmendem Alter immer schneller vom Fluss der Zeit vorwärtsgespült wird. Ich denke, dass die Frage eigentlich jeden Menschen betrifft, ob er sie nun ausdrücklich stellt oder nicht: Ob mein Heimweh auch je erfüllt wird? Ob mein Leben ein letztes Ziel hat? Ob es etwas gibt, das alle kleinen Lebenssinne, die doch immer vergänglich sind, zusammenfasst, bündelt und vielleicht sogar erlöst? Ich glaube, dass es notwendig ist, wieder zu beginnen, tiefer zu denken. Die materialistische Lösung, sich mit den letzten Fragen erst gar nicht zu beschäftigen, weil es – angeblich – keine Antwort darauf gibt, scheint mir nicht empfehlenswert. Wir tragen in unserem Geist diese Wunde, und sich nicht mit ihr zu beschäftigen, an ihr vorbeisehen zu wollen, kann zu Entzündungen und Infektionen führen. Zumindest bedeutet es einen Verlust an Lebensqualität, wenn man die Frage nach dem Ziel unseres dahinfließenden Lebens erst gar nicht zulässt oder von vornherein als sinnlos abtut. Sie ist einfach da, diese Wunde, diese permanente Frage: Wohin geht der Weg, was ist der Sinn, wo liegt das Ziel?

Natürlich kann man eine Zeit lang das Heimweh verdrängen, man kann sich selbst manipulieren und so tun, als könnte man es nicht zulassen. Jugendliche sind ein gutes Beispiel dafür, und in der Jugend funktioniert das phasenweise auch ganz »cool«. Schon aus einem entwicklungspsychologischen Grund: Der junge erwachsen werdende Mensch hat ja von Natur aus die Aufgabe, sich die Welt und das Leben »zu erobern«, seinen Platz in dieser Welt zu suchen: Bildung, Freundschaft, Liebe, Beruf, soziale Position, Weltanschauung, Erfolg, Anerkennung … all das muss erobert werden. Und es macht durchaus Sinn, Eifer und Anstrengung zu investieren, um eine gute Ausbildung zu bekommen; es gibt eine Fülle von kleinen Lebenssinnen. Das große Aber liegt darin, dass alle diese Sinne wortgemäß »klein« sind; so wichtig und richtig es ist, ihnen nachzujagen, so sind sie doch vergänglich. Und dieser Vergänglichkeit ist nun einmal jedes Glück und jeder Lebenssinn in dieser Welt unterworfen. Alles vergeht. Dem Philosophen Heraklit um 500 vor Christus wird die Formel »Pantha rhei«, »alles fließt, zerfließt«, zugeschrieben. Raphael hat ihn in den Stanzen des Vatikanischen Palastes als trübsinnigen Grübler dargestellt, und damit vermutlich Michelangelo portraitiert. Aber angesichts des ständigen Vergehens muss man ja depressiv werden. Plato hat es später mit den Worten formuliert: »Alles fließt und nichts bleibt.« Auch das Glück bleibt nicht, es zerfließt. Darum machen die einen Fehler, die meinen, dass sie eine endgültige Glückseligkeit erreichen können, indem sie alle ihre Wünsche erfüllen. Das funktioniert sicher nicht, denn man kann viele Wünsche erfüllen, aber nicht alle. Und kaum ist die eine Sehnsucht erfüllt, dämmert das Glücksgefühl schon wieder in die gewöhnliche Alltäglichkeit hinüber. Warum gewöhnt man sich so schnell an das, was man gestern und vorgestern noch so gierig und heißhungrig ersehnte?!

Das Leben treibt voran. Wie sehr man sein Herz an einen kleinen Lebenssinn hängen kann, habe ich als Jugendlicher erlebt, als ich mein erstes Auto gekauft habe. Mein Heimatdorf ist ein winziger Fleck im südlichen Umland von Wien mit dem originellen Namen Wampersdorf; es liegt zwar nicht am Rande der Zivilisation, aber doch weitab von guten Bus- oder Bahnverbindungen. Ein »Fortgehen« am Abend oder sonstige Unternehmungen sind da ohne Auto fast unmöglich. Der Führerschein war eine echte Befreiung, und die Erinnerungen an den Kauf meines ersten Autos sind unauslöschlich: Es handelte sich um einen rostigen, zehn Jahre alten Ford Escort, und als ich zum ersten Mal damit vor dem Elternhaus vorfuhr, kam mir das so toll vor, als hätte man alle Weihnachten und Ostern zusammengelegt. Schließlich hatte ich tagelang auf den Kauf des Autos hingefiebert, und da stand es nun: mein Auto! Endlich konnte ich die Welt erobern. So ähnlich muss sich Christoph Kolumbus gefühlt haben, als er nach langem Betteln und Ringen mit dem spanischen Königshaus endlich »seine« Santa Maria übernehmen durfte. Und dann? Die Begeisterung der Vorfreude war schnell der Gewöhnung gewichen. Heute ist das Autofahren für mich weder Befreiung noch Freude, sondern ein notwendiges Übel. Die Zeit drängt voran, und was uns heute als große Sensation erscheint, uns mental blockiert und dominiert, weil es uns als das einzig Wichtige und Wesentliche erscheint, ist morgen abgetaut wie der Schnee von gestern, ist alltäglich und banal.

Wer im Dahinstrudeln nicht stehen bleibt und in seiner Seele durchatmet, der wird den Weg verlieren oder erschöpft zusammenbrechen. Das Nachdenken über das Dahinfließen der Zeit und das Ziel, auf das wir zutreiben, nimmt uns nichts. Wehe uns, wenn wir nicht reflektieren und innehalten, dann sind wir bloß Getriebene, Fortgerissene und Taumelnde!

Alles, was uns hilft, aus diesem Fortgerissenwerden »Ich habe keine Zeit« auszusteigen, ist gut. Alles, was uns hilft, dieses Gefühl von Sehnsucht und Heimweh im Herzen zuzulassen, kann uns nur helfen, tiefer und erfüllter zu leben. Als Dogmatiker habe ich einige Artikel geschrieben, in denen ich sehr pointiert meine Frustration über den Esoterik- und New-Age-Boom zum Ausdruck gebracht habe. Ich habe das Gefühl, dass es dort vielfach nicht um Spiritualität geht, sondern um Naivität. Und um Abzocke. Den ins Alter gekommenen Jungen, Hungrigen und Erfolgssüchtigen, die sich plötzlich ausgepowert in der Midlife-Crisis wiederfinden, werden teure Seminare verkauft, wo sie tagelang auf Matten liegen müssen, um Urlaute auszustoßen; und die mentalen Zustände, in die man durch solche Übungen notgedrungen geraten muss, werden dann als Begegnung mit dem Göttlichen oder dem Ganzen oder sonst etwas verkauft. Ja schon die aufgeblähten Begriffe, die manche Gurus oder Esoteriker verwenden, kommen mir vor wie vergoldeter Müll. Pathos ohne Substanz. Ich habe in meinen Aufsätzen die christliche Spiritualität von der östlichen Spiritualität abgesetzt, so auch vom Buddhismus. Der Buddhismus ist für mich eine geniale Philosophie, die versucht, mit dem inneren Vakuum fertig zu werden, das jeder Mensch in seiner Seele vorfindet. Sie ist für jene, die im dumpfen Materialismus verdämmern, ein Fortschritt; aber für jene, die eigentlich schon die Erfüllung dieser Sehnsucht in Jesus Christus glauben dürften, ist sie nach meinem Urteil ein Rückschritt. Doch das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls erhielt ich auf meine scharfen Artikel zwei erstaunliche Reaktionen. Zum einen erzählte mir ein Manager, und zwar ein echter top-verdienender Manager, wie er durch ein esoterisches Wochenend-Seminar zum christlichen Glauben zurückgefunden hat: Tatsächlich bestand die Meditationsübung darin, dass die Seminarteilnehmer auf Matten liegend stundenlang den Urlaut »Om« halblaut ausstoßen mussten. Der Mann war Gott sei Dank Rationalist genug, dass ihm dieses Om-Om-Stöhnen nach einer gewissen Zeit zu blöd war. Um sich die Zeit zu vertreiben, begann er innerlich das einzige Gebet zu beten, das ihm seit seiner Kindheit in Erinnerung war: das Vaterunser. Und plötzlich erhielten die Worte, die er zuvor immer nur gedanken- und herzlos geplappert hatte, Sinn; ja mehr noch: sie begannen in einem tröstlichen Licht in der Seele zu leuchten. Nach meiner Interpretation hat hier Gott diesen Menschen innerlich berührt.

Noch aufregender für mich ist ein zweites Beispiel, aufregend deshalb, weil der junge Mensch, der damals mit fünfzehn gedankenlos den Fernseher einschaltete und dort einen buddhistischen Mönch vorgeführt bekam, heute ein promovierter Philosoph und Kandidat unseres Klosters ist. Der liebe Gott hat an sein Herz auf eine sehr eigentümliche Weise geklopft: zubetoniert im Materialismus wird er zuerst durch eine Sendung über den Buddhismus fasziniert. Äußere Faszination führt zu einem inneren Abenteuer, denn anhand des Mönches, der da im Fernsehen präsentiert wird, erfährt er, dass es eine andere Welt gibt. Nicht nur die Welt der Äußerlichkeiten, sondern eine Welt der inneren Erfahrungen, inneren Kräfte, inneren Abenteuer. Solche Erfahrungen haben viele Heilige gemacht, und oft waren sie mit schmerzhaften Endlichkeitserlebnissen verbunden: Der Tod von geliebten Menschen stellt alles Bisherige in Frage und entlarvt es als Oberflächlichkeit und Schein. Unser Kandidat hat mir einmal erzählt, was in diesem Augenblick für ihn als Fünfzehnjährigen passierte: Mit einem Schlag war seine Pubertät beendet. Aus dem Kind war ein Mann geworden, aus dem Taumelnden ein Voranschreitender, aus dem Träumer ein Denker. Damals hatte er den Gott, an den er heute glaubt, und dem er jetzt sogar als Mönch sein Leben lang dienen möchte, noch nicht gefunden, aber er war selbst gefunden worden. Er war angerührt worden von einer Erkenntnis, die die Voraussetzung für alles Wichtige im Leben ist: dass unser eigentliches Leben nur dann stattfindet, wenn wir geistige, ja geistliche Menschen werden. Gerade der Buddhismus ist eine große Suche des Geistes nach dem Einswerden mit dem Letzten; diese philosophischste aller Weltreligionen ist die programmatische Suche nach dem Einswerden, das methodische Sich-Öffnen für die Begegnung mit dem Unerkennbaren. Heute ist unser Kandidat einen Schritt weiter, weil er an Christus glaubt und damit daran, dass das Unausdenkliche geschehen ist: Der weite Horizont des Namenlosen, auf den der Kreislauf des Lebens zustrebt und mit dem der Buddhist eins werden möchte, hat sich von sich her uns Menschen zugesagt. Die östlichen Meditationen können der Seele das Atmen lehren; dass wir dann aber nicht tödlichen Stickstoff, sondern lebensspendenden Sauerstoff atmen, das verbürgt uns das Christentum, das daran glaubt, dass Gottes Göttlichkeit selbst zu uns herübergeweht ist, in unserer Endlichkeit sein Zelt aufgeschlagen hat und Mensch geworden ist (Johannesevangelium 1,14).

Die Zeit rinnt dahin. Für mich hat sie eine wunderschöne Zukunft, das ewige Leben bei Gott. Nicht, dass ich weltflüchtig bin. Jeder Augenblick, den ich hier auf dieser herrlichen Erde leben darf, ist ein Genuss. Auch als Christ darf ich sagen: Ja, das Leben ist schön. Ja, ich möchte möglichst lange leben! Gerade als Christ darf ich weltverliebt sein, weil ich ja die Welt nicht als Schein oder Prüfung sehe, sondern als ein Geschenk Gottes. Auch ich darf manchmal mit Goethes Faust sagen: »Verweile doch o Augenblick, du bist so schön!«

Für mich als Glaubenden gibt es Augenblicke, die mir besonders wertvoll sind, weil ich weiß, dass Gott »entlang« meines Lebens ist. In meinem Leben gab es einige Knotenpunkte, wo ich mich Gott besonders nahe wusste, wo ich fast handgreiflich gefühlt habe, dass Er da ist und sorgt und eingreift. Das sind aber alles Augenblicke, die in den seltensten Fällen durch ein Foto in meinen vielen Fotoalben dokumentiert sind. Manche solche Momente waren sehr traurig. Ich erinnere mich etwa an den Abschied von meiner sterbenden Großmutter Anna an einem herbstmilden Novembertag. Die ganze Familie hatte sich um das Krankenbett versammelt, und bei vollem Bewusstsein konnte Oma die Krankensalbung empfangen. Dieses Sakrament wird in der Heiligen Schrift definiert als das Sakrament des »Aufrichtens«: »Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben.« (Jakobusbrief 5,14 f.) Das Aufrichten ist sowohl im seelischen als auch im leiblichen Sinn zu verstehen. Oft durfte ich bei Kranken, Schwerkranken und Sterbenden miterleben, dass dieses Sakrament zu einem inneren Loslassen und Aufatmen geführt hat. Man konnte auch bei meiner Großmutter regelrecht sehen, wie sich der innere Frieden ausbreitete: »Jetzt ist alles in Ordnung.« Meine Großmutter war nach der Krankensalbung wirklich aufgerichtet: in ihrem Verhältnis zu Gott, an den sie ihr Leben lang geglaubt hatte, und in ihrem Verhältnis zu ihrer Familie. Dass sie als entscheidungsstarke Frau, die nach dem Tod ihres Mannes das strenge Kommandieren gewohnt war, die Kraft fand, um Verzeihung zu bitten, für das, was sie falsch gemacht hatte, hat uns zu Tränen gerührt. Was bei diesem unvergesslichen Augenblick spürbar aufgerichtet war, das war das Gefühl der Liebe.

Nach dieser Feier bin ich sehr rasch in das Kloster zurückgefahren. Getröstet und doch traurig, selbst aufgerichtet und doch belastet von der Angst, Oma auf dieser Erde nicht wiederzusehen. Angst vor dem Verlust, Trauer um das Vergehende, Wehmut einer sich unweigerlich ausbreitenden Leere. Der liebe Gott hat mir damals einen starken Trost geschickt, denn an diesem späten Novembernachmittag ging die Sonne mit tiefem roten Leuchten über den Alpen gerade unter, als ich Richtung Heiligenkreuz unterwegs war. Der Horizont strahlte mit der Verheißung eines hellen Dahinter, die Sonne ging mit der Zusage unter, dass wir ja doch niemals untergehen. Ich glaube, ich war in Tränen, aber doch in Frieden. Jedenfalls konnte ich damals die Hoffnung auf Unsterblichkeit am bebilderten Firmament gleichsam anschauen, diese starkmachende Hoffnung, die jeder noch so großen Leere trotzt. In derselben Nacht ist meine Großmutter dann gestorben, im Beisein meines Vaters, dessen Mutter sie war, und der mit den anderen Familienmitgliedern betend an ihrem Bett ausgeharrt hatte. Gott hatte durch diesen Abschied nicht nur die Seele einer Sterbenden »aufgerichtet«, sondern auch die ganze Familie. Aufgerichtet und ausgerichtet, denn nie wird das Ziel der Ewigkeit deutlicher als dann, wenn der vergängliche Horizont sich in die Weite des Todes ausdehnt. Ja, wenn es dieses Ziel wirklich gibt, dann kommt doch erst all dieses unausgegorene und so trügerische Sehnen und Streben in unserem Leben ins Lot. »Unruhig ist unser Herz«, sagt der große Augustinus, »bis es ruht in Gott.«

3. Ist Wallfahren heilsam?

Wir sind immer unterwegs – und wir sollten über dieses permanente Vorwärtsschreiten nachdenken. Damit nicht ein »Es« uns vorwärtstreibt, sondern wir selber diejenigen sind, die bewusst vorwärtsgehen. Eine Hilfe dazu ist das Wallfahren. Wer hätte gedacht, dass es einmal eine derartige Renaissance des Wallfahrens gibt! Überall wird gepilgert! Pilgerstraßen und Wallfahrtswege werden neu entdeckt und von gewieften Touristikern mit Euphorie beworben. Um die Revitalisierung des mittelalterlichen Jakobswegs ist ein regelrechter Hype entstanden, sodass man heute als Mittvierziger fast schon Komplexe bekommt, wenn man noch nicht auf dem Jakobsweg war. (Keine Sorge: Ich war natürlich schon auf dem Jakobsweg, freilich nur in der kürzest möglichen, gerade noch »gültigen« und vor dem Gewissen verantwortbaren Variante von drei Tagen!) Aber der Boom der Fußwallfahrten ist allgemein. In Österreich wird Mariazell überlaufen, in Bayern Altötting, in Norddeutschland Kevelaer usw. Dafür gibt es wohl ganz »banale« Gründe: Wallfahren ist die Alternative zu dem Dauerzustand des Sitzens, zu dem uns unser Lebensstil zwingt. Pilgern ist Protest gegen die Degeneration zu einer Gesellschaft von Sitzern: Wir sitzen vor dem Fernseher, im Auto, vor dem Computer – und halten Besprechungen ohne Ende, die wir sogar ausdrücklich »Sitzungen« nennen … Irgendwie spüren die Menschen, dass sie sich verlieren im »Ver-sessen-Sein«. Die Alternative zum Versitzen des Lebens ist der Aufbruch. Daher die Begeisterung auch für die Fußwallfahrt. Das Hinaus in die Natur ist die Alternative zum Versitzen des Lebens im Rhythmus des versessenen Konsumierens. Sie ist Protest gegen das »Versitzen« von wertvoller Lebenszeit durch bloßes »Be-sitzen-Wollen«.

Es gibt eine psychologisch heilsame Dimension des Wallfahrens, sonst könnte man nicht erklären, dass es in allen Religionen das Pilgern an heilige Orte gibt. Ich glaube, dahinter steckt eine Art von Platzangst im Dasein, die wir Menschen haben. Uns ist das Leben zu eng. Besonders eng wird es übrigens nach der Midlife-Crisis. Natürlich sind auch viele junge Leute auf den »Caminos« der Welt unterwegs, aber da geht es oft auch um Gemeinschaftserlebnisse mit Hilfe der Religion. Die wirklichen Wallfahrer sind für mich die, denen das Leben zu eng geworden ist, die noch einmal ihre Nase aus der Muffigkeit des Alltags hinausstecken wollen, ob sie nicht was Neues, etwas Tragenderes, etwas Sinnvolleres erschnuppern können. Wenn der deutsche Komiker Hape Kerkeling (ich halte ihn für noch genialer als unser kleines österreichisches Pendant Roland Düringer) sein Mega-Erfolgsbuch einer flapsigen Schilderung seiner Jakobswegerfahrung mit »Ich bin dann mal weg« betitelt, dann trifft er genau das Gefühl, das die Wallfahrer antreibt, sich hunderte Kilometer durch unluxuriöse Landschaften zu quälen. Dahinter steckt vielleicht ein noch existentielleres »Ich will dann mal raus – aus diesem Leben«. Aussteigertum und Abenteurertum begeistern sich für das Wallfahren, weil es hier die geheimnisvolle Verheißung eines Zieles gibt: Man geht wohin! Man hat etwas vor Augen! Man will nach Santiago de Compostela, nach Rom, nach Jerusalem – oder in den kleineren Varianten, mal schnell in drei Tagen nach Mariazell, Altötting oder Kevelaer … Wenn es nicht etwas tiefgründiges Allgemein-Menschliches gäbe, könnte man nicht erklären, warum es auch für wenig Religiöse oder sogar explizit ungläubige Menschen eine Versuchung ist, mal alles liegen und stehen zu lassen, um wochen- oder sogar monatelang den Jakobsweg dahinzutrampen. Wallfahren heißt wohl einfach: mit den Füßen die große Suche nachspielen, die das Leben nun einmal ist. Die Suche nach dem großen Sinn.

Auch ich habe das Wallfahren als eine Art Therapie für das banale Einerlei des Alltags erlebt. Das Leben wird gerade dann seicht, wenn es so angenehm ist, dass es keine Herausforderung mehr darstellt. Als Pfarrer bin ich jedes Jahr mit einer Gruppe nach Mariazell gewallfahrtet. Von meiner Pfarre Sulz aus waren das ca. 110 Kilometer, für die wir drei Tage brauchten. Ich erinnere mich noch, dass mich immer am Tag vor dem Abmarsch ein innerer Widerwille erfasst hat, denn ich wusste ja, dass mir jetzt drei Tage Schweiß, drei Tage schlechte Betten, drei Tage Erschöpfung bevorstanden. Noch dazu ist man als Priester bei solchen Wallfahrten besonders gefordert, weil man ja eine Art Motivator für die anderen sein soll. Und man steht mit Muskelkater vorne am Altar und feiert die tägliche heilige Messe, während die lieben Mitpilger bequem ihre Beine in den Kirchenbänken ausstrecken … Manchmal kommen dann auch Augenblicke, wo man völlig demotiviert ist: Man schwitzt sich einen steilen Alpenweg hinauf, eingepackt in einen Plastikregenmantel, weil es unangenehm kalt ist und der Regen niederprasselt. Da denkt man sich unweigerlich: Warum bin ich so blöd, mir das anzutun? Wie schön hätte ich es jetzt zu Hause. Doch gegen diese »Versuchungen« gibt es nur ein Mittel: die Zähne zusammenbeißen, Schritt für Schritt vorwärts, immer weiter. Stehenbleiben geht nicht, weil Stehenbleiben einfach keine Lösung ist. Mir hat in solchen Null-Bock-Stimmungen immer das Wort des heiligen Don Bosco geholfen, der seine Schüler mit dem Zuruf: »Nur Mut, ein Stückchen Himmel macht alles wieder gut!« zu motivieren versucht hat. Also mich hat es manchmal motiviert. Und dann gibt es da das große Ziel, den Gnadenort Mariazell. Man weiß, dass die innere Erhebung, der Augenblick, in dem man nach drei schweißreichen Tagen in die hohe, glänzende Basilika einzieht, für all das entschädigen wird … Man weiß, dass man einem kleinen Himmelsgefühl entgegenzieht. Und darum geht man immer weiter.

Das pilgernde, also zielmotivierte Weitergehen ist zutiefst ein Sinnbild für die Lebenseinstellung, die ein gläubiger Christ haben sollte. Nichts widerspricht dem christlichen Glauben mehr als der Stillstand, das Festsitzen, die Bewegungslosigkeit. Es ist sicher kein Zufall, dass das öffentliche Wirken Jesu darin besteht, dass er drei Jahre lang mit ein paar von ihm berufenen Jüngern durch das Land zieht. Den Lifestyle, in den Jesus seine ersten Jünger gerufen hat, muss man sich ganz konkret als permanente Wanderschaft vorstellen. Jesus zog als prophetischer Künder der Gottesherrschaft von Ort zu Ort: und hinter ihm her kamen die Prophetenjünger, also die Apostel. Wir lesen auch, dass Jesus manchmal freudig aufgenommen wird, manchmal aber einfach abblitzt und kein Nachtquartier findet. Jesus sagt einmal: »Die Füchse haben ihre Höhlen, die Vögel haben ihre Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.« (Matthäusevangelium 8,20) Das Christentum beginnt also mit dieser Weg- oder Wallfahrtsgemeinschaft. Übrigens wird sich Jesus selbst als »den Weg« bezeichnen, der zum Vater führt (Johannesevangelium 14,6). Darum liegt im Wallfahren eine Urkraft des Göttlichen, denn Stillstand bedeutet Resignation. Ja, wer kein Ziel vor Augen hat, ist schon irgendwie »tot«. Sich auf Jesus einlassen, bedeutet, das Festsitzen überwinden und sich auf den Weg machen. Das war den ersten Christen so klar, dass sie ihren Glauben schlicht und einfach »den Weg« (Apostelgeschichte 9,2 usw.) nannten.

Wallfahren ist daher etwas Ur-Christliches. Wer wallfahrtet, bewegt sich. Wer wallfahrtet, hört auf festzusitzen. Die Erfahrung ist faszinierend, schon rein psychologisch ist das Gehen und Pilgern heilsam und kraftgebend. Der Wallfahrer erlebt plötzlich, wie all das, was ihn bisher beschäftigt, bedrückt und vielleicht sogar erdrückt hat, zurückgelassen wird. Beim Wallfahren geht das übrigens viel schneller als beim »Erholungsurlaub«. Zumindest ist das meine Erfahrung. Neue Herausforderungen auf einer ganz anderen Ebene als im Alltagsleben führen psychologisch viel schneller in eine innere Distanz zum Normalen. Wer nur faul am Strand liegt, der braucht länger, bis er innerlich frei ist vom Druck seiner normalen Lebenswelt. Und so kann man allen nur auf das Herzlichste raten: Macht euch auf den Weg! Lasst den Ballast zurück, indem ihr auf ein Ziel hin ausschreitet. Wer geht, der bleibt ja eben nicht, wo er ist, der lässt ja etwas zurück. Er schreitet aus und richtet seinen Blick nach vorne auf ein neues Ziel. Mit dem Gehen spannt sich daher auch die Seele auf das aus, was vor ihr liegt. Paulus formuliert diese Wegerfahrung: »Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.« (Philipperbrief 3,13) Das Auf-dem-Weg-Sein wird so zur Heilung. Ich glaube, dass das Wallfahren auch deshalb so boomt, weil wir in den vergifteten Milieus, in denen wir leben, sosehr der Heilung bedürfen.

Ich möchte hier einen Schnitt machen und ein wenig weiter ausgreifen: Denn Wallfahren ist nicht bloß gehen. Wallfahren ist mehr als die heilsame Wirkung des Weges. Ein berühmtes Wort aus der östlichen Religiosität lautet: »Der Weg ist das Ziel«. Das stimmt – aber nur ein Stück weit. Richtig ist: Der Weg ist das Ziel, weil er ein Ausbrechen ist. Er kann sogar ein Genuss sein – selbst wo er mit körperlicher Mühe und Anstrengung verbunden ist. Wallfahrtserfahrungen in der Natur und in der Gemeinschaft einer Wallfahrtsgruppe sind etwas Herrliches! Ich habe die Weggemeinschaft beim Wallfahren immer über alles genossen. Es gibt ein automatisches »Fraternisieren«, auch wenn die Quartiere auf dem Weg nach Mariazell einfach sind, auch wenn die Blasen an den Füßen aufgegangen sind: Nichts kommt an die frohe und gelöste Gemeinschaft heran, die sich dann beim gemeinsamen Abendessen, bei einem Glas Bier oder Wein oder gar Schnaps bildet. Das gehört dazu, das ist christliche Lebensfreude. Und natürlich auch das Miteinanderbeten. Oft rührt es uns ja heute peinlich an, wenn wir außerhalb der Kirche miteinander beten sollen. Da setzt ein blöder Mechanismus der errötenden Scham ein, unseren Glauben im ungeschützten öffentlichen Raum – vor allen anderen (!) – zu zeigen. Das geht durchaus auch uns Priestern so. Beim Wallfahren ist es leichter, diese unangebrachte Scham zu überwinden. Unvergesslich wird mir ein Erlebnis auf meiner ersten Fußwallfahrt nach Mariazell sein, wo meine kleine Pfarrgruppe zusammen mit einer großen, fast hundertköpfigen Gruppe einer Weinviertler Pfarre unterwegs war. Das Weinviertel ist eine ländliche Gegend nördlich von Wien, wo der christliche Glaube mit seinen Traditionen noch tief verwurzelt ist. Im Unterschied zum Wienerwald, wo die großstädtische Scheu vor dem öffentlichen Bekenntnis schon bis ins Mark der Gläubigen eingedrungen ist. Jedenfalls beteten wir mit den Weinviertlern während des Gehens ganz selbstverständlich den Rosenkranz, also das einfache Meditationsgebet, das aus der rhythmischen Wiederholung der Grundgebete Vater Unser und Gegrüßet seist Du Maria besteht. Schon das ist eine eigene Erfahrung: Wenn man durch die Natur ausschreitet, in lockeren Reihen, und man sich eingebettet weiß in den Glauben derer, die da vor, hinter und neben einem zu Gott beten.

Das Unvergessliche dieser ersten Wallfahrt lag aber in einer so genannten »Meditation«, die wir am zweiten Tag des Pilgerns hielten. Schon den ganzen Vormittag waren die Weinviertler Frauen unruhig gewesen: »Jetzt müssen wir endlich meditieren!« Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir darunter nichts Rechtes vorstellen konnte, denn das Wort »meditieren« kann alles Mögliche bedeuten: betrachtendes Beten, stilles Nachdenken, aber auch für nichtchristliche geistige Übungen wird ja gerne das Wort »Meditation« verwendet. Ich war also sehr neugierig. Und dann meditierten wir wirklich auf Weinviertlerisch. Ein Mann gab die Order aus: Jetzt meditieren wir. Und alle schienen zu wissen, wie das geht. Außer mir. Heute muss ich sagen: So etwas Berührendes hatte ich selten vorher erlebt: die Hundertschaft der Pilger verteilte sich einfach im Wald, lagerte sich locker nebeneinander. Gott sei Dank war das Wetter trocken und schön. Ich war wie gesagt sehr neugierig, was jetzt geschehen würde. Und es geschah zunächst einmal gar nichts. Es wurde nur ganz still, plötzlich hörte man die Äste knacken, den Wind durch die Blätter spielen, die Vögel nah und fern. Wenn man versucht, an Gott zu denken, nimmt man ja auch die Welt viel bewusster wahr. Nach einer Stille, die ich gar nicht als drückend, sondern als leicht und doch intensiv empfand, hörte ich plötzlich eine Frau aus dem Hintergrund: »Gott, ich danke dir, dass ich hier sein darf. Du hast mir so viel Gutes geschenkt.« Stille. Dann kam aus einer anderen Ecke ein Seufzen: »Ich bete für meine Kinder und Enkelkinder und bitte den lieben Gott, dass er ihnen hilft.« Und so ging das weiter. Manche waren ganz emotional, manche nüchtern, manche waren natürlich auch ganz verstummt, denn frei etwas herauszusagen, das sich noch dazu an Gott richtet, ist nicht jedermanns Sache. Manche dankten, manche sagten Bitten. Es war alles so natürlich, dass man das Gefühl hatte, dass wirklich alle den lieben Gott ganz nahe spüren. Das war die Wallfahrts-Meditation, die ich später noch bei weiteren Wallfahrten ein paar Mal erleben durfte. Meditation kommt vom Lateinischen und hat etwas mit Mitte, »Medium« zu tun. Hineingehen in die Mitte, in das Zentrum, in das Wesentliche. Das ist für uns letztlich das Herz Gottes. Wir finden unsere Mitte, indem wir die Mitte Gottes finden.

Auf einer Wallfahrt wird man also keineswegs nur von Augenblicken des Verzagens gequält, sondern man wird mit sehr viel innerem Licht aus der doppelten Begegnung untereinander und mit Gott beschenkt. Aber das Schönste kommt am Schluss: die Ankunft am Ziel, das Erreichen des Wallfahrtsortes. Ich muss es offen sagen, dass mir das östliche Wort »Der Weg ist das Ziel« nicht zusagt, weil ich als Christ glaube, dass es mehr gibt als das stetige Unterwegssein. Es gibt die Gnade des Ankommens. Auf der Wallfahrt wie im Leben insgesamt. Mir gefällt der Satz besser: »Der Weg hat ein Ziel«. Ich meine, dass darin die christliche Religiosität besser ausgedrückt ist: Mein Lebensweg hat ein Ziel, ein Ziel, das Gott nicht nur gesetzt hat, sondern ein Ziel, das Gott selbst ist. So wird das Ankommen am Wallfahrtsort zur Metapher für unser einstiges Ankommen im Himmel. Deshalb hat man ja die Kirchen so prachtvoll gebaut, um in Stein und Bild und Stuck und Goldglanz ein bisschen von dem abzuspiegeln, was uns einst ganz anders und viel schöner erwarten wird.

Unser Leben ist, ob wir wollen oder nicht, ein Prozess, ein permanentes Weitergehenmüssen. Doch ewig können wir nicht weitergehen, denn es gibt eine Grenze. Irgendwann stehen wir vor dem unüberwindlichen Hindernis, das den Namen Tod trägt. Das ist die harte Wand, an die jeder irdische Wanderer prallt! Als Christ unterscheide ich mich nun gerade dadurch von allen anderen Gehern und Wanderern, dass für mich diese Wand im Glauben durchsichtig geworden ist auf ein Ziel, das jenseits des Weges liegt. Jesus sagt zu seinen Jüngern: »Wohin ich gehe: den Weg dorthin kennt ihr!« Darauf antwortet Thomas verständnislos: »Wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?« Und Jesus entgegnet: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater außer durch mich!« (Johannesevangelium 14,4 – 6) Das ist übrigens der Grund, warum bei einer Fußwallfahrt das Kreuz vorangetragen wird: Abbild unseres eigenen Lebens mit seinen Schwierigkeiten, mit Nägeln und Wunden gespickt. Der Blick auf den voranziehenden Herrn am Kreuz gibt Kraft!

Und dann kommt die Ankunft. Endlich! Bei unserer Mariazell-Fußwallfahrt haben die Organisatoren das immer klug geregelt: Wir zogen feierlich den letzten Berg hinunter in das von den hohen Alpen umschlossene Mariazell. Doch es ging noch nicht gleich in die Kirche. Zuerst hieß es Duschen und Sich-Schönmachen. Wir durften auch nicht gleich privat in die Kirche, denn als Gemeinschaft waren wir unterwegs, als Gemeinschaft wollten wir in die Basilika einziehen. Dann kam die Aufstellung vor dem hohen gotischen Portal, darüber die mächtigen drei Türme, die zum Himmel aufragten, als wollten sie mit den umliegenden Berggipfeln konkurrieren. Unsere Pilgerschar aufgestellt vor dem Gotteshaus. Erleichterung und Erwartung. Das Gehen hat ein Ende, hat sein Ziel gefunden. Der Superior der Basilika erscheint, spricht freundliche Begrüßungsworte. Wir sind wohl schon die fünfzehnte Pilgergruppe, die er heute begrüßt, doch die Routine stört uns nicht: Wir sind ja angekommen. Das Mittelportal öffnet sich und unter Gesängen ziehen wir ein in den hohen Raum, wo vorne in der Mitte über dem Altar die uralte Mariazeller-Marienstatue steht. Umgeben von Kerzen und barockem Silberglanz, hell beleuchtet, weil dort eben unser Ziel im Bild symbolhaft greifbar ist. Das Ziel, das unser Leben sinnvoll macht: Maria hält auf ihrem Arm Jesus und zeigt mit der anderen Hand auf ihn. Besser gesagt: Sie zeigt auf die »Frucht der Erlösung«, denn das Jesuskind hält einen saftigen Apfel in seiner Hand, auf den die Mutter Maria zeigt. Im Mittelalter war der Apfel eine Delikatesse, ein Genuss. Und eben das bietet uns Gott durch seinen Sohn, den Maria geboren hat: den Genuss des Göttlichen. Hier in dieser Zeit. Noch größer aber in der Ewigkeit.

Alle Strapazen sind vergessen, selbst die Blasen an den Füßen schmerzen nicht mehr, wenn man durch das Portal der Wallfahrtskirche schreitet. Dann darf man zu Füßen des Gnadenbildes stehen. Und aufschauen zur Muttergottes, zu Jesus, zu Gott dem Vater im Himmel: Im Goldglanz leuchtet einem die Erkenntnis entgegen: Mein Leben hat ein Ziel! Die tröstende Wirkung des Wallfahrens ist nicht nur psychologisch, sondern sie reicht in noch tiefere Schichten der Seele, denn hier wird das religiöse Sinnvakuum therapiert, das uns innerlich so bedrückt. Wallfahrt lässt uns emotional die Hoffnung erfahren, dass unser Weg nicht im Nichts endet. Trost breitet sich aus, denn jetzt wissen wir, dass die Anstrengung und der Schweiß des Lebens Sinn haben, weil sie am Ende in Gott erlöst werden. Am Ende jeder ordentlichen Fußwallfahrt steht eine echte Erlösungserfahrung. Von Lourdes, wo es ja mehrere Dutzende streng untersuchte und ärztlich beglaubigte Heilungswunder gibt, heißt es ja auch mit Recht, dass das größte Wunder darin besteht, dass jeder – auch der Kranke, der körperlich keine Verbesserung erfahren hat – in seinem Herzen ein Stück von jenem Heil und Trost mitnimmt, das die eigentliche Gnade einer Wallfahrt ist.

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