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Wer einmal den falschen Prinzen küsst …

Sandra Hyatt

Wer einmal den falschen Prinzen küsst …

1. KAPITEL

Eilig verließ Alexia Wyndham Jones die Ställe und betrat durch einen Hintereingang den Landsitz ihrer Familie in Massachusetts. Der Ausritt hatte länger gedauert als geplant, aber sie hatte noch Zeit, um sich zurechtzumachen.

Gleich hinter der Tür ließ sie sich auf einen Schemel fallen, um die Reitstiefel auszuziehen. Als sie ein Räuspern hörte, sah sie auf. Ihr Butler stand in unmittelbarer Nähe und sah ihr zu.

„Darf ich Ihnen behilflich sein, Miss?“ Mit stoischer Miene wartete er ihre Antwort ab.

„Nein, nicht nötig. Danke, Stanley.“ Er bot immer seine Hilfe an. Sie lehnte immer ab. Das war das Ritual seit ihrer ersten Reitstunde. Der erste Stiefel landete auf dem Boden. Als Stanley sich nicht wie üblich entfernte, sah Lexie erneut fragend zu ihm auf.

„Ihre Mutter sucht nach Ihnen.“

Seufzend richtete Lexie ihre Aufmerksamkeit auf ihren festsitzenden zweiten Reitstiefel. „Was habe ich jetzt wieder getan?“

„Ihr … Prinz ist angekommen.“

Für den Bruchteil einer Sekunde war Lexie wie erstarrt. Und Stanley, ganz gegen seine Natur als Butler, ließ sich seine Missbilligung anmerken. Zwar hatte er kein Wort gesagt und würde das auch niemals tun, aber er fand, dass sie und ihre Mutter einen Fehler machten.

Um die aufsteigende Freude zu verbergen, mühte Lexie sich noch heftiger mit ihrem Stiefel ab. Endlich löste er sich. Sie warf ihn neben den anderen Stiefel und stand auf. „Er ist früh dran.“ Vielleicht war er so erpicht darauf gewesen, sie wiederzusehen, dass er …

„Wenn ich die Sekretärin Ihrer Mutter richtig verstanden habe, gab es wohl eine Verwechslung im Zeitplan. Der Prinz war der Meinung, dass Sie ihn noch heute Nachmittag zurück nach San Philippe begleiten.“

„Aber das Dinner …?“

„Genau.“

„Mutter hat alles erklärt?“

„Natürlich. Sie werden morgen früh abreisen, wie geplant.“

„Oje.“ Sie nahm nicht an, dass es üblich war, die Pläne eines Prinzen zu durchkreuzen. Aber nichts war schlimmer, als ihrer Mutter einen Strich durch die Rechnung zu machen.

„Genau.“ In Stanleys grauen Augen blitzte es auf, und Lexie hatte das Gefühl, dass es etwas gab, das er ihr nicht sagte.

Zweifellos würde sie das noch früh genug herausfinden. „Wo sind sie jetzt?“

„Auf dem Krocketrasen.“

„Dann sollte ich wohl zu ihnen gehen.“ Sie wollte zur Tür hinaus, hielt jedoch inne, als Stanley sich erneut räusperte.

„Vielleicht möchten Sie sich zuerst etwas frisch machen?“

Lexie ließ den Blick über ihre mit Matsch bespritzte Reithose gleiten und lachte. „Heiliger …“ Sie hielt sich gerade noch zurück und zwinkerte Stanley zu. „Gütiger Himmel, ja“, ahmte sie den kultivierten Tonfall ihrer Mutter nach. „Danke, Stanley.“

Er senkte den Blick und entfernte sich.

Dreißig Minuten später nahm Lexie, die jetzt ein schlichtes – und sauberes – Sommerkleid trug, auf einem Stuhl im Gartenpavillon Platz. Eine dunkle Jacke hing über der Armlehne des Stuhls neben ihr. Wie magisch angezogen ließ Lexie die Finger über das sonnenwarme Leder und das weiche Seidenfutter gleiten.

Dann zog sie die Hand zurück und beobachtete das Krocketspiel, das gleich zu Ende zu sein schien. Es waren nur zwei Leute auf dem Rasen: der breitschultrige Adam, der – ihr den Rücken zugewandt – gerade zum Schlag ausholte, und Lexies gertenschlanke Mutter. Es war leicht, aus den gestrafften Schultern und dem allzu fröhlichen Lachen, das über den Rasen herüberwehte, zu schließen, dass Antonia dabei war zu verlieren. Kein gutes Vorzeichen.

Überrascht sah Lexie zu, wie Adam mit dem Holzhammer gnadenlos den Ball ihrer Mutter wegschlug, bis er meilenweit vom Ziel entfernt liegen blieb. Das war zwar nicht direkt unfair, aber Lexie hatte erwartet, dass er sich taktvoller verhalten würde. Er hatte schließlich den Ruf eines Meisterdiplomaten, und gewöhnlich gelang es ihm, ihre Mutter zu bezaubern. Das Gelächter, das seinem Schlag folgte, war alles andere als begeistert, und Lexie zuckte zusammen.

Ihr Herz schlug ein wenig schneller, als Adam sich aufrichtete und zu ihr umwandte. Dann erfasste sie sein Profil, und ihr stockte der Atem, als sie genauer hinsah.

Das war nicht Adam Marconi, der Kronprinz von San Philippe.

Sondern sein Bruder, Rafe.

Sie errötete heftig.

Als spürte er, dass er beobachtet wurde, drehte Rafe sich zu ihr um. Über den halben Rasen hinweg fing er ihren Blick auf. Langsam senkte er den Kopf, fast so wie Stanley es tat. Doch bei Stanley drückte die Geste, auch wenn sie ein Dutzend Bedeutungen haben konnte, normalerweise Freundlichkeit oder zumindest Respekt aus. Rafes steife kleine Verbeugung dagegen brachte selbst auf die Entfernung sein Missfallen klar zum Ausdruck.

Womit sie schon zu zweit wären. Sie wollte Rafe nicht sehen.

Um Fassung bemüht, rief sich Lexie ins Gedächtnis – wie ihre Mutter es so oft tat –, dass auch sie fürstliches Blut in den Adern hatte. Ihre Vorfahren hatten einst das kleine europäische Fürstentum regiert, über das Rafes Vater herrschte. Schon deshalb hieß es: Eine Wyndham Jones war jederzeit beherrscht und bewahrte einen kühlen Kopf. Angeblich.

Lexie war kein besonders gutes Beispiel dafür, aber sie tat ihr Bestes. Als der Schock, Rafe zu sehen, langsam abklang, gewannen Enttäuschung und Ärger die Oberhand. Adam, ihr Prinz, war nicht selbst gekommen, sondern sein zügelloser Bruder. Der Playboy-Prinz, wie ihn die Presse nannte. Oder, wie Lexie ihn heimlich titulierte, der Froschprinz.

Das hatte nichts mit seinem Aussehen zu tun – er war Adonis in Person. Selbst beim Krocketspielen war seine geschmeidige Sportlichkeit offensichtlich. Seine Selbstsicherheit, die von der einmaligen Kombination aus seiner Stellung in der Welt und seinem Aussehen herrührte, überstrahlte jedoch alles.

Als auch ihre Mutter auf Lexie aufmerksam wurde, brach sie das Spiel ab und kam über den Rasen herüber. Rafe folgte ihr. Und obwohl er entspannt wirkte, hatte Lexie das Gefühl, dass er sie regelrecht ins Visier nahm. Voller Misstrauen sah sie ihm entgegen.

Ihre Mutter musterte sie kritisch von Kopf bis Fuß, die Miene eine einzige Warnung, sich ja zu benehmen.

Während die beiden näher kamen, zwang sich Lexie zu lächeln und streckte die Hand aus. Rafe ergriff sie, führte sie an die Lippen und küsste ihr überaus sanft den Handrücken.

Eine Weile hielt er ihre Finger umschlossen, und zu ihrem Erstaunen geriet Lexie völlig durcheinander. Sie vergaß den Ärger, vergaß ihre Zukunftspläne, vergaß sogar ihre Mutter. Sie nahm nur wahr, dass sie von Empfindungen geradezu überschwemmt wurde, spürte warme Lippen und sanfte Finger und einen seltsamen Hitzeschauer, der sie durchfuhr.

Als Rafe den Kopf hob, hatte sie das Gefühl, der Blick aus seinen dunklen, gold gesprenkelten Augen würde sie verbrennen.

Nachdem er ihre Hand losgelassen hatte, kehrte Lexies Geistesgegenwart zurück, und sie erkannte in seiner Geste eine Art Machtspielchen. „Es ist mir ein Vergnügen, Sie wiederzusehen, Hoheit“, sagte sie und setzte ihr strahlendstes Lächeln auf.

Er erwiderte ihr Lächeln und überspielte die Verärgerung, die sie vorhin wahrgenommen hatte. „Rafe genügt. Es sei denn, Sie möchten, dass ich Sie Miss Wyndham Jones nenne.“

„Nein.“

„In diesem Fall, Alexia, ist das Vergnügen ganz meinerseits. Es ist viel zu lange her.“

Sie verkniff sich das Wort Lügner, weil es nicht nur schrecklich unhöflich gewesen wäre, sondern weil sie selbst gelogen hatte. Nichts an diesem Treffen war ein Vergnügen. „Und auch eine solche Überraschung. Ich muss zugeben, ich habe erwartet, dass Adam erscheint.“ Der aufmerksame, zuvorkommende, vernünftige Adam.

Rafe verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln. „Wie schon immer, wenn ich mich recht entsinne.“

Lexie wurde blass. Wie konnte er es wagen? Damals, vor vier Jahren, das war nur ein kleiner Irrtum gewesen. Sie hatte so gehofft, dass er diesen Irrtum vergessen hatte. Schließlich war es für einen Mann wie ihn ein Vorfall, den er sich kaum gemerkt haben konnte. Es hätte ihm nichts bedeuten sollen. Es war nichts, beschwor sie sich. Ein unglücklicher Zufall, ein Missverständnis.

Auf einem glanzvollen Maskenball, sie war gerade achtzehn geworden, hatte sie schlicht den einen maskierten Prinz mit dem anderen verwechselt. Das konnte doch passieren, besonders wenn sich zwei Männer in Haar und Statur so ähnlich sahen.

Und dann hatte dieser Prinz in einer ruhigen Ecke hinter einer Marmorsäule mit ihr getanzt und sie geküsst, zunächst sanft und dann als wäre sie reinste Ambrosia. Zu einem wilden, hemmungslosen Kuss hatte er sie verführt. Erst als er ihr die Maske abgenommen und erkannt hatte, wer sie war, war er leise fluchend zurückgewichen.

„Ich fürchte, ich muss mich für meinen Bruder entschuldigen.“ Rafe klang zwar immer noch formell, aber sein Ton war weicher geworden, und es hörte sich fast ehrlich an. Natürlich bedauerte auch Rafe, dass nicht Adam an seiner Stelle hier war. „Seine Pflichten als Prinz haben ihn abgehalten herzukommen, um Sie zurück nach San Philippe zu begleiten. Er sieht Ihrer Ankunft jedoch mit großer Freude entgegen.“

Lexie musste sich beherrschen, um nicht die Augen zu verdrehen. Er sah ihrer Ankunft mit großer Freude entgegen? Konnte er sich nicht noch formeller ausdrücken? Wieder kam ihr das Wort Lügner in den Sinn. Denn sie war zwar in Adam vernarrt, solange sie denken konnte, und wusste, dass er sie mochte und die Eltern eine mögliche Heirat seit Jahren befürworteten. Aber ihre bisherige Korrespondenz war kaum mehr als freundschaftlich gewesen.

Doch die Dinge würden sich bald ändern. Adam hatte sie seit vier Jahren nicht gesehen. Bald würde er die veränderte, erwachsen gewordene Alexia Wyndham Jones treffen.

„In der Zwischenzeit werden Sie bedauerlicherweise mit mir vorlieb nehmen müssen.“

„Oh, von Bedauern kann keine Rede sein“, warf ihre Mutter ein, ehe Lexie etwas erwidern konnte.

Vermutlich war es besser so. Dieser Mann, der womöglich ihr Schwager werden würde, war offenbar auch Lexies Weg in die Zukunft. Und sie würde alles Nötige tun, um sicherzustellen, dass jetzt nichts schiefging. Nicht, da sie so nahe daran war, ihr Leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Im Grunde war Rafe nichts weiter als eine vorübergehende Unannehmlichkeit.

„Alexia hat sich gerade gestern an ihren letzten Besuch in San Philippe erinnert“, sagte ihre Mutter. „Ich glaube nicht, dass Sie damals vor Ort gewesen sind.“

„Ich war die meiste Zeit über verreist, aber ich bin rechtzeitig zu ihrem letzten Abend und dem Maskenball zurückgewesen.“ Aus seiner Stimme war leichte Belustigung und eine gewisse Herausforderung herauszuhören.

Ein idiotischer, versehentlicher Kuss. Warum war er so versessen darauf, sie daran zu erinnern? „Ach, der Ball. Den hatte ich beinah vergessen.“ Lexie lächelte süß. „Er war so von all den anderen Dingen überschattet, die ich während meines Besuchs gesehen und erlebt habe.“

Rafe lächelte breit, und seine dunklen Augen funkelten. „Ich will sehen, ob ich Ihnen Einzelheiten ins Gedächtnis rufen kann, da es wohl unser einziges gemeinsames Erlebnis bei diesem Besuch gewesen ist. Ich erinnere mich besonders an Ihr Kleid, es war tiefrot, und es hatte …“

Lexie lachte auf, und es klang erschreckend nach ihrer Mutter. Aber wenigstens hielt es Rafe von weiteren Ausführungen ab. Das Kleid hatte einen gewagt tiefen Rückenausschnitt gehabt. Während des Tanzes hatte Rafe zärtlich ihre Haut berührt und damit ein wohliges Prickeln bei ihr hervorgerufen. „Ich kann mich kaum erinnern, was ich gestern getragen habe, geschweige denn vor vier Jahren. Und Sie brauchen mich nicht an diesen letzten Besuch zu erinnern, das ist nicht nötig. Ich bin sicher, ich werde mir in Zukunft genug neue Erinnerungen schaffen.“ Sie sah ihn direkt an.

Ihre Bemerkung oder ihr Blick schienen Rafe daran zu erinnern, warum er hier war. Nicht um ihr durch die Erinnerung an einen Kuss, der besser vergessen werden sollte, Unbehagen zu bereiten, sondern um sie in sein Land zu begleiten, damit sie seinen Bruder besser kennenlernen konnte. Und noch wichtiger, damit Adam sie kennenlernte.

Brautwerbung hatte ihre Mutter es genannt – aber nur einmal, weil Lexie das Wort „unpassend amüsant“ gefunden hatte.

Rafe straffte die Schultern und trat einen Schritt zurück. Das Funkeln in seinen Augen verschwand, seine Miene wurde königlich arrogant.

„Dinner wird um acht serviert“, erklärte ihre Mutter, ohne etwas von der Spannung und dem Unbehagen zwischen ihnen beiden zu bemerken. „Ich habe ein paar enge Freunde eingeladen und einige Landsleute von Ihnen.“

Es versprach ein langweiliger, steifer Abend zu werden. Lexie hätte Rafe fast bedauert, wäre sie nicht so verärgert gewesen – und wäre er nicht so meilenweit davon entfernt gewesen, ihr Mitleid zu brauchen. Er war derjenige, der an diesem Abend im Mittelpunkt stehen würde, nicht nur für seine Landsleute, auch für die Freunde ihrer Mutter, die damit prahlen wollten, mit einer Hoheit aus Europa diniert zu haben. Lexie dagegen würde sich relativ früh zurückziehen können.

„Ich freue mich darauf“, sagte Rafe, und es klang, als ob er das auch so meinte.

Lügner.

Rafe warf das Dinnerjackett über die Rückenlehne des Sessels in seinem Zimmer. In seinem Leben hatte er an mehr langweiligen Abendessen teilgenommen, als er aufzählen konnte. Aber das heutige gehörte zu den schlimmsten. Ohne Tony, ein alter Schulfreund, der jetzt ein angesehener Anwalt in Boston war, wäre der Abend unerträglich gewesen.

Aus reiner Neugier hatte er den Abend über die Frau beobachtet, die hoffte, sich einen Prinzen zu ergattern – die mögliche Braut seines Bruders. Sie hatte kaum eine Reaktion gezeigt, als ihre Mutter nicht allzu dezent einen Toast auf den Erfolg ihrer bevorstehenden Reise ausgebracht hatte.

Seine Beobachtungen bestätigten allerdings, dass sie eine perfekte Partie für Adam war. Ernst, anständig, still und eine liebenswürdige Gastgeberin. Mit einem Wort: langweilig.

Selbst ihr Kleid, ein silbernes hochgeschlossenes Teil, zu dem sie Perlen getragen hatte, war langweilig gewesen. Sie hatte eine gute Figur und Kurven da, wo sie sein sollten. Doch sie tat nichts, um ihre Vorzüge zu unterstreichen. Das schimmernde rotbraune Haar trug sie zu einem schlichten – langweiligen – Nackenknoten frisiert. Von dem Funkeln in ihren moosgrünen Augen, das er am Nachmittag entdeckt hatte, als sie versuchte hatte, ihn herauszufordern, war nichts übrig geblieben.

Sie war ganz klar ärgerlich gewesen, weil er sie abholen gekommen war. Pech. Wenn sie Adams Frau sein wollte, dann musste sie lernen, solche Gefühlsregungen zu verbergen. Und wenn sie in seine Familie einheiraten wollte, dann musste sie sich daran gewöhnen, dass die Belange des Fürstentums meistens Vorrang vor persönlichen Dingen hatten.

Seine Anwesenheit hier bestätigte das nur. Wäre es nach ihm gegangen, dann würde er den Tag über Polo spielen und am Abend mit der charmanten geschiedenen Frau, die er letzte Woche auf einer Wohltätigkeitsgala kennengelernt hatte, zum Tanzen gehen.

Doch Rafes Vater, Prinz Henri Augustus Marconi, hatte aus gesundheitlichen Gründen und aus ungeduldiger Sorge, die Thronfolge zu sichern, in einem Anfall fürstlicher Selbstherrlichkeit verfügt, dass es Adams Pflicht sei, sich zu verheiraten – und das gut und bald. Und dass die Erbin Alexia Wyndham Jones die perfekte Kandidatin sei.

Rafe hatte die Bekanntgabe zunächst für einen Scherz gehalten. Seine Schwester Rebecca war von der Vorgehensweise ihres Vaters regelrecht geschockt gewesen, wenn auch nicht von seiner Wahl. Sie mochte Alexia. Adam, ganz wie es seine Art war, hatte sich nichts anmerken lassen und nur gesagt, er könne nicht aus San Philippe weg. Und weil Rafe wohl noch für seinen letzten Skandal büßen musste – genauso wie für sein Gelächter nach der Bekanntgabe des Vaters –, durfte er nun Babysitter und Eskorte spielen.

Nicht lange nachdem das Abendessen beendet war, hatte sich Alexia mit Kopfschmerzen zurückgezogen. So hatte er sie nicht einmal mehr beobachten können, während er mit den Gästen ihrer Mutter Konversation betrieb. Am liebsten hätte er die gleiche Ausrede benutzt wie sie, um der endlosen Wichtigtuerei zu entgehen.

Als er ein Motorengeräusch hörte, sah er aus dem Fenster. Auf einer Harley Davidson fuhren zwei in Leder gekleidete Gestalten in die Nacht.

Rafe warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Wie gut, dass sein alter Freund Tony ihm bei ihrem Wiedersehen erzählt hatte, welches die angesagtesten Nachtclubs in Boston waren. Wenn er schon nicht in seinem Land sein konnte, dann konnte er zumindest das Beste aus dem Aufenthalt hier machen.

Zehn Minuten später saß er am Steuer des Wagens, der ihm zur Verfügung gestellt worden war, und fuhr die Auffahrt der Wyndham Jones’ hinunter.

Weitere dreißig Minuten später stand Rafe neben Tony auf der Empore des Clubs und beobachtete die Menschen auf der Tanzfläche unter ihm. Dabei überlegte er, ob es nicht ein Fehler gewesen war herzukommen. Sich zu unterhalten war praktisch unmöglich. Es war ein Uhr nachts. Die Tanzenden und die laute Musik brachten den Club geradezu zum Beben. Künstlicher Nebel waberte über die Tanzfläche, bunte Scheinwerfer tauchten die Menschen in gespenstisches Licht.

Nur eine Person – eine Tänzerin – erregte seine Aufmerksamkeit. Sein Blick wanderte immer wieder zu ihr, ohne dass er sich hätte erklären können, warum. Sie kam ihm bekannt vor und doch wieder nicht.

Sie trug einen klassischen Bob, das schwarze Haar umspielte ihr Gesicht im Takt der Musik. Der Haarschnitt und das dunkle Augen-Make-up erinnerten ihn an Cleopatra.

Ihr Tanzpartner war ein großer, muskulöser Mann, dunkles Haar, dunkle Haut, vielleicht ein Südamerikaner, der fast so gut tanzte wie sie. Und doch sah es eher aus, als tanze sie allein, denn sie hielt die Augen oft geschlossen, und ihr Partner ließ ständig den Blick über die Menge gleiten.

Es hatte etwas Betörendes, etwas angeboren Sinnliches, wie sie nur die Musik und ihren Körper wahrzunehmen schien – ein schlanker Körper in einem engen, dezent schimmernden schwarzen Kleid, das fast züchtig wirkte verglichen mit anderen Outfits.

Es ließ nur wenig Haut frei, ihre hübschen nackten Armen und ein großzügiger und zugleich enttäuschend kleiner Teil ihrer langen Beinen waren zu sehen. Aber der Stoff schmiegte sich aufreizend eng an die Kurven und die schmale Taille der jungen Frau an.

Rafe war nicht der Einzige, dem die Tänzerin auffiel.

„Wer ist das?“ Er musste Tony fast ins Ohr schreien, damit er ihn verstand.

Tony folgte seinem Blick. „Die Blonde? Eine Schauspielerin, glaube ich. Oder eine Sängerin? War sie letzte Woche nicht auf der Titelseite der Klatschblätter? Die Presse ist immer hinter ihr her.“

Tony meinte offenbar die Frau, die aussah wie eine Barbiepuppe. „Nein. Cleopatra. Etwas weiter rechts.“

„Keine Ahnung. Ich habe sie ein paarmal hier gesehen. Einmal wollte ich mit ihr tanzen, aber sie hat mir glatt einen Korb gegeben. Scheint große, kräftige Männer zu bevorzugen.“

Rafe beobachtete, wie sich ein Mann in einem knallroten Hemd an Cleopatra heranmachte. Doch ihr Tanzpartner sagte nach einem kurzen Blickwechsel mit ihr etwas zu dem Mann, der daraufhin stirnrunzelnd zu seinen lachenden und offenbar betrunkenen Freunden zurückkehrte.

Rafe konnte den Blick nicht von der Frau wenden. Irgendetwas an ihr kam ihm seltsam vertraut vor. Er hatte ein gutes Gedächtnis für Gesichter, und doch konnte er sie nicht einordnen.

„Ha! Der hat gerade dasselbe erlebt wie ich damals“, sagte Tony.

Rafe lachte. „Es ist alles eine Frage des Vorgehens.“

„Du glaubst, sie wird mit dir tanzen? Du bist gut, mein Lieber, aber so gut nun auch wieder nicht. Sie ist anders. Nicht interessiert.“

Es kam selten vor, das Rafe eine Herausforderung ausschlug. Und nach dem langweiligen Abend und angesichts des wohl langweiligen nächsten Tages, an dem er Babysitter für das „Schätzchen“ spielen musste, genoss er Tonys unausgesprochene Provokation umso mehr. „Pass gut auf, mein Freund. Von mir kannst du noch etwas lernen.“

Auf der Tanzfläche bahnte er sich einen Weg durch die Menge und näherte sich Cleopatra von der Seite. Die schlanken Arme hielt sie hoch über dem Kopf, die Augen hatte sie geschlossen. Dunkle, gebogene Wimpern ruhten auf ihren Wangen. Ein geheimnisvolles kleines Lächeln spielte um ihre kirschroten Lippen. Sie wirkte verletzlich und unberührbar zugleich.

Natürlich wollte er sie berühren.

Er fühlte sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen. Sie würde mit ihm tanzen, sie musste. Er wollte herausfinden, wie sie sich bewegen würde, wenn sie miteinander tanzten, welche Farbe ihre Augen hatten, wollte sie strahlend lächeln sehen. Er wollte …

Wie ein Eimer eiskaltes Wasser traf es ihn, als er sie plötzlich erkannte.

Alexia.

Sofort verwarf er den Gedanken. Das konnte nicht sein. Die ernste, langweilige Alexia lag mit Kopfschmerzen zu Hause im Bett.

Er trat näher. Sie drehte sich weg, und er konnte sie nicht mehr genau betrachten. Doch sie war es. Dessen war er sich absolut sicher. Diese zarte Haut, das beinah trotzig vorgereckte Kinn und dieses gewisse Etwas, das er nicht definieren konnte.

Jetzt war ihm auch die Rolle ihres athletischen Begleiters klar. Er war ein Bodyguard. Allerdings verstand Rafe nicht, was zum Teufel sie hier machte und, noch wichtiger, was er unternehmen sollte. Sollte er sie hierlassen oder sie von hier wegbringen? Er war nicht für sie verantwortlich. Noch nicht. Und aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie den Abend ohne Skandal überstehen.

Wieder torkelten ein paar Männer in roten Hemden in ihre Richtung.

Rafe warf ihrem Partner einen Blick zu und merkte, dass der Bodyguard ihn erkannte. Mit einem Kopfnicken bedeutete er ihm, dass er sich nun um Alexias mögliche Tanzpartner kümmerte. Der Riese nickte und trat beiseite.

2. KAPITEL

Rafe beobachtete Alexia beim Tanzen. Diese Frau, die sich da so geschmeidig und sinnlich bewegte, ganz versunken in die Musik, konnte unmöglich die gleiche farblose Frau sein, die ernst und still am Dinner teilgenommen hatte.

Sie spielte mit ihnen allen irgendein Spielchen.

Aber er hatte keine Zeit für Frauen, die Spielchen spielten, Frauen, die vorgaben, ein bestimmter Typ zu sein, während sie in Wirklichkeit ganz anders waren. Die Nachwirkungen seiner letzten Bekanntschaft mit einer solchen Frau hatte er immer noch nicht ganz überwunden.

Mit verschränkten Armen stand er da, als Alexia endlich die Augen öffnete und ihn anschaute. Er sah ihr Entsetzen, das sie jedoch gekonnt hinter einem strahlenden, falschen Lächeln verbarg.

„Tut mir leid, ich tanze nicht mit anderen Männern.“

Als ob sie damit bei ihm durchkäme. Ohne seine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und mischte sich unter die tanzende Menge. Weit kam sie nicht. Am Rand der Tanzfläche holte er sie ein und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Alexia wirbelte herum. „Gehen Sie weg!“, fuhr sie ihn zu seiner Überraschung heftig an.

Während sie sich umdrehte, hatte er die Hand über ihren nackten Arm abwärts gleiten lassen und umfasste jetzt ihren Ellbogen. Er beugte sich vor, damit sie ihn bei der lauten Musik verstand. „Nein.“

Sie versteifte sich.

„Es gibt Ärger, wenn Sie hierbleiben. Ich habe die Verantwortung übernommen, Sie sicher in mein Land zu bringen. Die ernsthafte Alexia Wyndham Jones, die die Leute lieben werden. Vielleicht ihre künftige Prinzessin.

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