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Wer eine Frau begehrlich ansieht

Karl Plepelits

Wer eine Frau begehrlich ansieht

Liebesroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

WER EINE FRAU BEGEHRLICH ANSIEHT

von KARL PLEPELITS

ROMAN

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

VERLAG: EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

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www.editionbaerenklau.de

WER EINE FRAU BEGEHRLICH ANSIEHT, Eine Novelle von KARL PLEPELITS, 2014

Cover: Steve MayerI, 2014

Wer eine Frau begehrlich ansieht

... hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen? Aber was ist, wenn weder sie noch er verheiratet ist? Antwort: Der Ausspruch Jesu ist nur falsch übersetzt.

Und was ist, wenn eine Frau einen Mann (oder eine andere Frau) begehrlich ansieht? Daran hat Jesus offensichtlich nicht gedacht. Die Frauen sind ja keusch. Und auf die Idee, eine andere Frau zu begehren (und sie dem Ehemann wegzunehmen), kommen sie nicht. Was aber, wenn doch?

Und schließlich, was ist, wenn Gott mich mit der falschen Frau verbunden hat? Man weiß ja, Irren ist göttlich. Antwort: Sie sieht andere Männer begehrlich an und begeht nicht nur im Herzen Ehebruch.

Ein amüsanter, erotischer, philosophisch angehauchter Liebesroman.

1

Erwürgen oder nicht erwürgen, das ist hier die Frage.

Donnerstag, 26. Mai 2011. Nachmittag. Delos.

Yvonne, meine junge und attraktive Lebensgefährtin, und ich haben soeben die anstrengende, aber lohnende Besichtigung beendet. Nun warten wir unter sengender Sonne inmitten einer Menschenmenge vor der Schiffsanlegestelle auf das Boot, das uns nach Mykonos zurückbringen soll.

Ja, die Sonne strahlt. Nicht ganz so strahlend ist unsere momentane Stimmung. Der sogenannte Haussegen hängt schief, wie üblich aus lächerlich geringfügigem Anlass. Yvonne hatte sich verlaufen. Und warum? Weil sie nicht an meiner Seite geblieben war. Uns war eine schwarz-weiß gemusterte Katze über den Weg gelaufen, und Yvonne hatte sich sofort über sie hergemacht, um „das süße Tierchen“ zu füttern und zu streicheln, und ich war unterdessen langsam weitergegangen. Auf Delos heißt es mit der Zeit haushalten, um möglichst viel zu sehen und trotzdem rechtzeitig zum letzten Boot zurechtzukommen. Und jetzt ist mir meine Holde gram.

Wie Fremde stehen wir in beträchtlichem Abstand zueinander, schweigen uns beharrlich an, blicken verbittert aneinander vorbei. Und die Folge? Ich hätte es mir fast denken können. Ein junger Mann – nun ja, jung im Vergleich zu mir. Also: Ein mittelalterlicher Typ macht sich geschickt an Yvonne heran, stellt sich, ohne mich zu beachten, neben sie, beginnt ihr auf Englisch mit süßem Getändel die Ohren voll zu blasen. Und dann tut er etwas, wofür ich ihn erwürgen könnte. Er zückt eine Zigarettenpackung und hält sie Yvonne auffordernd hin. Wie erwartet lehnt sie ab. Sie ist ja auf ihre Schönheit bedacht und meidet daher (zu Recht) alle Gifte, die diese beeinträchtigen könnten. Doch er selber steckt sich eine Zigarette an und verpestet uns die Atemluft. Der Wind trägt den Rauch und den Gestank genau in unsere Richtung.

Erwürgen oder nicht erwürgen, das ist, wie gesagt, die Frage. Oder besser doch die Schillersche Methode?

Hier wendet sich der Gast mit Grausen:

So kann ich hier nicht ferner hausen.

Wendet sich Yvonne mit Grausen? Nein, sie wendet sich nicht, lächelt den Kerl sogar an, geht bereitwillig auf sein Geschwätz ein. Und was das bedeutet, ist mir ohne weiteres klar. Er gefällt ihr, und mit ein bisschen Glück landet er in ihrem Bett.

Ich aber wende mich mit Grausen. Wortlos ziehe ich mich zurück und suche mir ein freies Plätzchen auf der Windseite, der Seemann nennt sie Luvseite, des Rauchers und steige in dem Gedränge einer Dame etwa meines Alters auf die Zehen. Zerknirscht entschuldige mich höflich, erkläre ihr (auf Englisch) in kurzen Worten den Grund meiner Hektik. Sie entschuldigt sich ebenfalls, so als wäre es ihre Schuld, mir im Weg zu stehen, und blickt mich unverwandt an. Sie schafft es kaum, den Blick von mir abzuwenden. Und ich schaffe es kaum, den Blick von ihr abzuwenden. Irgendetwas an ihrem Gesicht, irgendetwas an ihrer Stimme zieht mich in seinen Bann, scheint eine bestimmte Saite tief in meinem Innern zum Klingen zu bringen.

Plötzlich werden ihre Augen groß und rund, und im Ton einer Beschwörung flüstert sie (jetzt auf Deutsch): „Benedikt?“

Im gleichen Augenblick geht mir ein Licht auf, und ich flüstere im selben Ton: „Irmi?“ und glaube vor Überraschung das Gleichgewicht zu verlieren.

Und wieder breitet sich über Benedikt und Irmi, die vermeintlich Unbekannte, mystisches Schweigen aus. Ihre Augen glänzen verdächtig. Auch ich habe mit den Tränen zu kämpfen und muss an mich halten, um ihr nicht um den Hals zu fallen, sie an mich zu drücken, sie stürmisch zu küssen. Zugleich scheue ich eben davor zurück, und nicht nur, weil Yvonne in Sichtweite ist (und mit einem wildfremden Mannsbild flirtet). Nein, wir kannten uns in ferner Vergangenheit, Irmi und ich. Wir kannten uns unglaublich gut – und doch nicht so gut, wie ich's mir gewünscht hätte, und auch nicht so lange, wie ich's mir gewünscht hätte. Aber wir kannten uns gut genug, dass ich ihretwegen jahrelang gelitten habe wie eine Mutter, die ihr Kind verloren hat. Und genaugenommen leide ich jetzt, nach so vielen Jahrzehnten, immer noch, nur dass sich das Leiden mittlerweile, wie es eben im menschlichen Leben zu gehen pflegt, mehr ins Unterbewusste zurückgezogen hat. Und wer weiß, vielleicht hat es einiges zum Scheitern meiner bisherigen Beziehungen beigetragen (denn auch meine Lebensgemeinschaft mit Yvonne ist im Grunde längst gescheitert).



2

September 1967.

Mein Studium der Altertumswissenschaften in Wien war abgeschlossen, und ich wurde als Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften an das Bayerische Schwesterinstitut entsandt, um am Jahrhundertprojekt des Thesaurus linguae Latinae mitzuarbeiten. So heißt das umfassendste Lateinlexikon aller Zeiten, das unter internationaler Beteiligung in den Räumlichkeiten der Münchner Residenz entsteht.

Zu Recht behauptet ein Sprichwort, aller Anfang sei schwer. Doch ich hatte unglaubliches Glück – mehr Glück als Verstand, wie der Volksmund sagt. Eine bezaubernde Kollegin namens Irmi, ebenso jung wie ich, nahm sich meiner an und half mir unermüdlich. Sie war für mich der Inbegriff weiblicher Anmut, eine der drei Grazien, vom Olymp herabgestiegen, um einem Anfänger am Thesaurus das Leben zu erleichtern und mit ihrem Anblick seine Augen zu erfreuen und zugleich sein einsames Herz zu erwärmen, nein, in heißer Liebe entbrennen zu lassen. Lichterloh brannte es schon bald, durchbohrt von den Pfeilen jenes kecken Knäbleins, von dem Sophokles sagt: O Eros, der du in den weichen Wangen des Mädchens lauerst. Und ich erkannte die Wahrheit dieser Worte, wenn sich Irmi über mich beugte, um mir im Flüsterton etwas zu erklären, und bewunderte den Schwung ihrer weichen Wangen und spürte beinahe körperlich die Pfeile, die der in ihnen lauernde Eros gegen mein Herz abschoss.

Oh, wie gern hätte ich Irmis Wangen berührt und gefühlt, wie weich sie sind. Dass sie weich sind, wusste ich aus Sophokles, und meine Augen glaubten es bestätigen zu können. Aber meine Hände? Nein, für die waren Irmis Wangen „off limits“, wie man im Englischen sagt. Dasselbe galt für ihre aphrodisischen Lippen. Oh, wie lachten die mich an! Sie schienen den meinen zuzurufen: Berührt uns doch und fühlt, wie weich wir sind. „Off limits“ waren ihre Hände, ihre Arme, ihre Schultern, kurz, alles an ihr, ihr ganzer Körper. Nicht einmal einhängen wollte sie sich bei mir, wenn ich sie nach der Arbeit zu Fuß bis zum Eingangstor ihres Wohnhauses begleitete, obwohl dies für mich einen enormen Umweg bedeutete. Sie wohnte nämlich nahe der Theresienwiese, ich hingegen in einem Untermietzimmer in der Thierschstraße nahe der Lukaskirche. Es war zwar relativ billig, hatte aber den Nachteil, dass Damenbesuche strengstens untersagt waren. Dieser Nachteil war freilich bloß theoretischer Natur; denn Irmi wäre es nie eingefallen, mich zu besuchen. Sie lud mich ja auch ihrerseits nie ein, mit in ihre Wohnung zu kommen, wenn wir vor dem Eingang ihres Wohnhauses angelangt waren, sei es per pedes apostolorum oder auch mit dem Fahrrad. Da sie nämlich gern mit dem Fahrrad fuhr, legte ich mir bald auch selbst ein solches zu, um sie möglichst oft begleiten zu können. Nutzte ich doch jede Gelegenheit, um ihr körperlich nahe zu sein. In Gedanken war ich ohnedies ständig bei ihr. Gleich einem Träumenden, der dem Gegenstand seines Begehrens nachjagt und ihn nicht erhaschen kann, jagte mein brennendes Herz in der verzweifelten Hoffnung, die Flammen würden irgendwann überspringen, dem ihren nach, konnte es aber nicht erhaschen, geschweige denn entzünden.

Und doch, so schien es nur. In Wahrheit brannte ihr Herz gewiss nicht weniger lichterloh als das meine. Hätte sie sich sonst so liebevoll meiner angenommen? Ein Sprichwort sagt: „Wo Liebe ist, da ist Geduld.“ Und im Englischen heißt es: „All things come to him who waits.“ Ja, aber trotzdem. Warum durfte ich nicht einmal ihre Hand oder ihren Arm oder ihre Schulter berühren? Verdammt, warum ließ sie nichts von dem zu, was Liebende so zu tun pflegen? Ich wusste es nicht und weiß es, ehrlich gesagt, bis heute nicht.

Sie weigerte sich ja auch, mit mir auszugehen, ich meine, allein, zu zweit. Etwas anderes war es natürlich, wenn das ganze Kollegium aufgerufen war, gemeinsam auszugehen. Und so geschah es ein einziges Mal, dass ich mit Irmi in einem Lokal vergnüglich beisammensitzen durfte. So geschah es aber auch, dass das Schicksal seine Hand nach uns ausstreckte.



3

Fast zwei Jahre waren unterdessen vergangen, und Irmis selbstlose Hilfe bei meiner wissenschaftlichen Arbeit benötigte ich längst nicht mehr. Was ich allerdings immer noch und von Tag zu Tag dringender benötigte, das war ihre Gegenwart, ihr Anblick, ihr unnachahmliches Lächeln.

Samstag, 21. Juni 1969.

Ein heißer Sommertag.

Ein Kollege, der uns zu verlassen gedachte, hatte zu einem Abschiedsumtrunk im Hofbräuhaus eingeladen. Und da durfte ich nun stundenlang neben Irmi sitzen und nach Herzenslust ihre weichen Wangen, in denen Eros lauerte, aus nächster Nähe betrachten. Sie selber wurde, je länger, immer heiterer, gelöster, ja beschwipster. Ein paarmal lehnte sie sich, absichtlich oder unabsichtlich, an meine Schulter. Und einmal lehnte sie sogar wie zufällig ihr Knie an mein Knie. Absicht oder nicht, Zufall oder nicht – mir brachten diese allerersten Zärtlichkeiten das Blut in Wallung, und ich musste sehr an mich halten, um nicht vor allen leidenschaftlich meine Arme um sie zu werfen, und war hin- und hergerissen zwischen süßer Verzauberung und der Qual der Selbstbeherrschung.

Dieser Zwiespalt in mir dauerte auch noch fort, nachdem das Trinkgelage beendet war. Dass ich Irmi jetzt nicht allein den Gefahren der nächtlichen Großstadt aussetzen, sondern bis zu ihrer Haustür bringen würde, verstand sich ja von selbst. Es war zwar erst zehn Uhr. Trotzdem war es bereits stockfinster. Damals galt ja noch nicht die Sommerzeit.

Zunächst zwar hatten wir auf jeden Fall einen gemeinsamen Weg, nämlich zu unseren Fahrrädern, die wir der größeren Sicherheit halber auf dem gewohnten Platz unter den Arkaden des Apothekenhofes der Residenz nahe dem Eingang zur Akademie der Wissenschaften abgestellt hatten; von dort bis zum Hofbräuhaus sind es ja nicht viel mehr als ein paar Schritte. Die Frage war nur: Würde es mir weiterhin gelingen, an mich zu halten? Und was würde überwiegen, die Verzauberung oder die Qual? Um die Antworten gleich vorwegzunehmen: Die Verzauberung. Und nein, es gelang mir nicht. Da nämlich Irmis außerordentliche Heiterkeit ungebrochen war, erkühnte ich mich, sie aufzufordern, sich zum Schutz vor den Dämonen der Dunkelheit bei mir einzuhängen. Mein Herz trommelte freilich im Rhythmus eines Höllentanzes, als ich das sagte. Aber o Wunder, o Glück, o Seligkeit: Ohne jedes Zögern nahm sie meinen Arm und lehnte sich obendrein erneut an meine Schulter. Und da verlor ich mich, um mit dem Dichter zu sprechen, in himmlisches Entzücken und schwebte mit ihr auf einer goldenen Wolke.

So schwebend, erreichten wir die Residenz. Doch zu meiner Verblüffung schwebte Irmi, ohne unsere Fahrräder zu beachten, zielstrebig mit mir weiter in den unbeleuchteten Hof bis vor die Freitreppe, die zur Terrasse vor dem Herkulessaal hinaufführt. Hier machte sie halt, ergriff meine Hand, blickte mir viele Herzschläge lang in die Augen. Und ich schwöre, dies war das köstlichste Gespräch, das wir je geführt hatten. Und wie schnell ihr Atem ging! Und wie heftig sich ihre Brust hob und senkte!

Plötzlich begann sie, ohne meine Hand loszulassen, die Treppe hinaufzuschweben; ich ihr verwundert nach. Oben angelangt, fiel sie mir, leise aufseufzend, ohne Vorwarnung um den Hals und hob mir ihre aphrodisischen Lippen entgegen und schenkte mir ihren ersten Kuss. War ich bisher schon einigermaßen beschwipst gewesen, so war ich nun total berauscht. Um Jesus selbst zu zitieren: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Nein, ich wusste nicht, was ich tat. Ich wusste nur: Ich schwebe mit Irmi auf einer goldenen Wolke. Ja, ich schwebte in die Höhe, empor von der unbeleuchteten Terrasse, empor ins Licht, empor bis in den siebten Himmel, atmete den Duft, das Glück, die Seligkeit des Paradieses, hörte die Engelchöre jubilieren.

Irgendwann verstummten sie. Ich kam zu mir und erkannte, dass soeben meine sehnlichsten Wünsche, meine geheimsten Hoffnungen, meine kühnsten Träume wahr geworden waren. Nicht nur durch die Dunkelheit, sondern auch durch die Begrenzungsmauer der Terrasse vor unbefugten Blicken geschützt, lagen wir in inniger Umarmung auf dem Steinboden und waren, in den Worten der Bibel, ein einzig Fleisch geworden.

Schließlich kam jedoch der Zeitpunkt, da wir, wieder säuberlich getrennt, unsere Kleidung und wohl noch so manches andere in Ordnung zu bringen suchten und uns dabei immer wieder scheue Blicke zuwarfen.

„Du, Irmi, ich hoffe ...“, begann ich mit unsicherer Stimme.

Sie legte mir einen Finger auf die Lippen und flüsterte: „Sag nichts.“

Schweigen.

„Du, Benedikt? Soll ich dir was verraten? Das hier ... Das, was jetzt geschehen ist ... Ich hab's mir im Geheimen schon lang gewünscht.“

„He, ist das wahr?“

„Sag, liebster Benedikt, warst du schon einmal im Bayerischen Nationalmuseum?“

„Nein. Wieso?“

„Weißt du, das älteste Objekt dort ist die Reidersche Tafel, eine frühchristliche Elfenbeintafel aus der Zeit um 400 mit einem wunderschönen und zugleich hochinteressanten Relief: Christus wird von Gottvater einen Berghang hinaufgezogen, der fast wie eine Himmelstreppe aussieht. Gemeint ist natürlich die Himmelfahrt. Daran musste ich oft denken, wenn ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers schaute, und malte mir in Gedanken aus, wie das wohl wäre, wenn ich dich, wie Gottvater Christus, die Stufen dieser Himmelstreppe heraufzöge, und diese Terrasse hier würde zu unserem privaten Himmel.“

Vor Rührung versagte mir die Stimme. Wortlos umschloss ich mit beiden Händen Irmis Gesicht, presste meine Lippen auf die ihren und versuchte an Küssen all das nachzuholen, was uns bisher entgangen war, so lange, bis sie erklärte, nun müsse sie aber schleunigst nach Hause, sonst gebe ihre Mutter noch eine Abgängigkeitsanzeige auf.

Also stiegen wir von unserem privaten Himmel ab, schwangen uns auf unsere Räder und fuhren bis zu Irmis Wohnhaus, wo ich wie stets mit einem warmen Händedruck entlassen wurde. Nun aber protestierte ich gegen ein so unfeierliches Ende unserer gemeinsamen Himmelfahrt und verlangte, sie bis in ihre Wohnung begleiten zu dürfen. Aber nein, das gehe leider nicht; dafür sei es schon viel zu spät; ihre Mutter wolle sicher schlafen.

„Aber vielleicht möchtest du morgen zum Mittagessen kommen?“

Hochbeglückt und zugleich mit tiefem Bedauern, dass wir uns schon trennen müssen, sah ich zu, wie Irmi meinen Augen entschwand, stand danach noch lange vor der geschlossenen Haustür und glich vermutlich einem jener Unglücklichen, die der Blick der Gorgo Medusa in Stein verwandelt hat. Und sobald mein Denkvermögen wieder zu funktionieren begann, gingen mir der Reihe nach alle die Fragen durch den Kopf, die ich Irmi noch hätte stellen wollen.

Sonntag, 22. Juni 1969.

Also kam ich doch noch zur Ehre, Irmi besuchen zu dürfen und sogar ihrer Mutter vorgestellt zu werden. Und hernach konnte ich noch weniger verstehen, wieso mir Irmi dieses harmlose Vergnügen so lange missgönnt hatte.

Am Nachmittag besuchte sie mit mir das Bayerische Nationalmuseum und zeigte mir das von ihr gerühmte Elfenbeinrelief mit der Darstellung der Himmelfahrt Christi. Und ja, Jesus schwebt hier nicht wie sonst immer zum Himmel empor, sondern besteigt, rüstig ausschreitend, einen Berg und wird gleichzeitig von Gottvater, dessen Hand aus einer Wolke ragt, den Hang hinaufgezogen. (Erschöpfte Bergsteiger würden bei diesem Anblick wohl vor Neid erblassen.)

Nach Auffassung des Künstlers, bemerkte ich, sind also auch Gottvater und Jesus auf dem Olymp daheim, friedlich vereint mit den übrigen Göttern und Göttinnen.

Dem widersprach Irmi mit überraschender Heftigkeit. Dies sei ein eindeutig christliches Relief, das erkenne man daran, dass auch die drei Frauen am Grab Christi, einem Mausoleum nach römischer Art, dargestellt seien; und das schließe den Gedanken an die „übrigen Götter und Göttinnen“ aus.

Ja, aber vielleicht sei der Künstler im Herzen noch Heide gewesen. Er habe ja zu einer Zeit des Übergangs vom Heidentum zum Christentum gelebt. Und wie wolle man den Berghang anders erklären?

Indes, Irmi blieb hartnäckig bei ihrer Auffassung und schien meine Meinung sogar als Verstoß gegen das erste Gebot zu empfinden: Du sollst an einen Gott glauben. Sie selbst war, das wusste ich schon lange, streng katholisch. Das war ich zwar an und für sich auch, aber offenbar nicht ganz so streng wie sie. Immerhin wurde ich wegen unserer eigenen glückseligen Himmelfahrt in der vergangenen Nacht von einem schlechten Gewissen geplagt, nicht sehr, aber eben doch. Solche Himmelfahrten sind ja, zumindest laut katholischer Morallehre, ausschließlich Paaren erlaubt, denen zuvor ein Gottesmann den Segen der Kirche gespendet hat. Alles andere ist schwere Sünde, für die man, falls man sie nicht rechtzeitig beichtet, in das ewige Feuer der Hölle geworfen wird. Ob auch Irmi deshalb ein schlechtes Gewissen hatte? Ich wagte sie nicht zu fragen. Zugleich wünschte ich mir ja noch unendlich viele Wiederholungen dieser Sünde. Aber vermutlich ja. Und vielleicht hielt sie mich jetzt für einen verdammenswerten Ungläubigen, wer weiß.

Montag, 23. Juni 1969. Morgen.

Ich finde Irmi, bereits emsig arbeitend, in der Bibliothek. Freudig erregt, begrüße ich sie im Flüsterton. Sie blickt auf, wirft mir einen langen und, so scheint es, unendlich traurigen Blick zu.

„Komm, gehen wir hinaus“, murmelt sie anstelle einer Begrüßung. Und draußen, mit steinerner Miene und im Ton einer Grabrede: „Du, Benedikt, so kann das nicht weitergehen.“

„Ha? Was kann so nicht weitergehen?“, stammle ich, und mir schwant nichts Gutes.

„Das soll heißen, dass es aus ist. Es ist aus zwischen uns.“

Ich kann sie nur fassungslos anstarren und glaube zu ersticken. Mein Herz hört auf zu schlagen. Der Boden unter mir gibt nach. Die Wände des Ganges, in dem wir stehen, drehen sich in absurdem Tempo.

„Es tut mir leid“, höre ich sie wie aus weiter Ferne sagen. Sie wendet sich ab, verschwindet hinter der Bibliothekstür, lässt mich in einem Zustand völliger Bestürzung zurück. Glich ich in der vorletzten Nacht einem vom Blick der Gorgo Medusa Versteinerten, so gleiche ich jetzt wohl einem Menschen, der zusehen muss, wie die Welt untergeht.



4

Tatsächlich ging damals für mich die Welt unter. Durch nichts war Irmi zu bewegen, ihre Entscheidung rückgängig zu machen oder auch nur zu begründen. Ich glaube, ich hätte mir die Brust aufreißen und ihr mein gebrochenes Herz zeigen können; es hätte nichts genutzt. Homer würde sagen: Die Augen standen ihr wie Horn oder Eisen unbewegt in den Lidern. Aus purer Verzweiflung beendete ich meine Arbeit am Thesaurus – mein Stipendium lief ohnedies mit Ende August aus; allerdings hatte ich bereits um Verlängerung angesucht – und kehrte München den Rücken. Irmi hingegen (das weiß ich durch die regelmäßigen Rundbriefe an ehemalige Mitarbeiter) blieb am Thesaurus, und wir verloren uns gänzlich aus den Augen. Was nicht heißen soll, dass ich sie jemals vergessen hätte. Nein, die Erinnerung an sie und unsere Liebe ließ mich niemals los und hörte niemals auf, mich zu verfolgen. Und immer wieder fragte ich mich: Was habe ich nur falsch gemacht? Sie hat mich doch geliebt, vielleicht nicht so inbrünstig wie ich sie. Oder vielleicht doch? Einem mit mehr Erfahrung, als ich damals hatte, wäre solches sicher nicht passiert. Was hätte der anders, was hätte er besser gemacht?

Tatsache ist: Ich besaß praktisch null Erfahrung. Wo hätte ich mir auch eine solche erwerben sollen, aufgewachsen, wie ich bin, in streng katholischem Milieu: in einer frommen Familie und in einer geistlichen Knabenschule? Heutzutage sind ja schon die Kleinen mehr oder weniger aufgeklärt und haben zumindest eine dunkle Ahnung vom Unterschied zwischen Männlein und Weiblein und dessen Zweck. Wir hingegen – ach Gott, wir waren ja so was von unaufgeklärt. Unschuldig nannte man es damals. Wie „unschuldig“, soll ein Beispiel zeigen: Schon als Zehn-, Zwölf-, Vierzehnjähriger durfte (oder musste) ich des Öfteren mit einer Gleichaltrigen schlafen. Sie hieß Karin, und ihre und meine Eltern waren befreundet. Und immer dann, wenn ein Elternpaar am Abend ausging, wurden wir in der jeweils anderen Familie zusammengesteckt, soll heißen, mussten wir zusammen in einem Bett, unter derselben Decke, schlafen, fühlten uns wie ein richtiges Ehepaar und kamen uns ungeheuer erwachsen vor. Und da erhebt sich nun die Frage: Was trieben wir unter der Decke? Die richtige Antwort lautet: Nichts. Gar nichts. Wir waren ahnungslose Engel und wären nie auf die Idee gekommen, dass man da etwas treiben könnte, ebenso wenig wie anscheinend unsere Eltern.

Zum Glück kamen sie auch nicht auf die Idee, mich als Ministrant betätigen zu lassen oder in ein geistliches Internat zu stecken. In Melk, wo wir lebten, gab es ja ein solches, angeschlossen an das von mir besuchte geistliche Gymnasium in dem berühmten Kloster, das unsere kleine Stadt im buchstäblichen Sinne überragt. So kam ich nicht in Gefahr, durch das süße Begehren allzu kinderliebender Priester allzu früh meine sogenannte Unschuld zu verlieren, sondern wurde von der offiziellen katholischen Lehre geprägt, und die besagt: Meide die Frauen als Gefäß der Sünde und hüte dich vor jeder Unkeuschheit, sei es in Gedanken, Worten oder Taten; denn das wäre eine Sünde wider das sechste Gebot. Wobei uns nie erklärt wurde, was das Wörtchen unkeusch bedeuten soll; ich konnte mir darunter absolut nichts vorstellen, so sehr ich mich auch vor jeder Beichte bemühte, nicht einmal, als mich zu gegebener Zeit die sogenannten feuchten Träume heimzusuchen begannen.

Diese waren mir nämlich über alle Begriffe peinlich, schon zu Hause, noch mehr aber, als ich in Wien zu studieren begann und zunächst bei einer Tante, einer sogenannten alten Jungfer, Unterschlupf fand. Niemand hat sich jemals dazu herabgelassen, mir dieses Phänomen zu erklären (oder auch andere, etwa den Umstand, dass ich bei Zugfahrten regelmäßig von Dauererektionen gepeinigt wurde). Und mir zu verraten, was man dagegen unternehmen könnte, fiel natürlich niemandem ein – außer der Frau Jirka, einer Freundin meiner Tante.

Wie diese war Frau Jirka uralt, wohlgemerkt, in meinen damaligen Augen. Heute kann ich über eine solche Einschätzung nur lachen. Objektiv betrachtet, war weder die Tante noch Frau Jirka alt. Noch dazu war diese deutlich jünger als die Tante. Sie war Witwe. Ihr Mann war im Krieg gefallen. Damals, erzählte sie mir, habe man in der Regel besonders früh und besonders schnell geheiratet, nämlich für den Fall, dass der Mann nicht mehr heimkommen sollte, ein Fall, der bei ihr tatsächlich eingetreten sei. Und so habe der Sohn, der auf die Welt kam, als sein Vater nicht mehr unter den Lebenden weilte, wenigstens nicht als uneheliches Kind gegolten und habe seinen Namen tragen können. (Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie grausam damals die unehelichen Kinder und deren Mütter diskriminiert wurden. Um ein harmloses Beispiel zu geben: Ein Religionslehrer, zugleich Pfarrer der Gemeinde, legte sein Veto gegen ein Sehrgut in Betragen ein, das die übrigen Lehrer für das Zeugnis einer braven Schülerin vorgesehen hatten. Seine Begründung: Sie ist doch ein uneheliches Kind.)



5

Zurück zu Frau Jirka. Sie lud mich ein, sie zu besuchen und mich von ihr bewirten zu lassen, damit ich nicht ganz vom Fleisch falle; ein paar Kilo mehr könnte ich recht gut vertragen (womit sie nicht ganz unrecht gehabt haben dürfte). Und nachdem sie ihre Einladung mehrere Male wiederholt hatte, besuchte ich sie eines Abends und erlebte Unglaubliches, Unerhörtes, Ungeheuerliches.

Die Bewirtung sah nämlich so aus. Zuerst gab es ein wirklich köstliches Abendessen zu zweit (ihr Sohn war nicht zu sehen), gefolgt von einem kleinen Trinkgelage. Zu diesem Zweck zogen wir uns auf eine bequeme Couch zurück, in die man sich, wie damals üblich, förmlich fallen lassen musste, weil sie so niedrig war. Die Folge war, dass der Saum ihres Kleides über die Knie hinaufrutschte. Weibliche Knie hatten ja unbedingt bedeckt zu sein, und wann immer das Missgeschick passierte, dass sie sichtbar wurden, legten die Frauen größten Wert darauf, das Kleid augenblicklich wieder über die Knie zu ziehen, um nicht als unmoralisches Geschöpf verdammt zu werden.

Frau Jirka aber achtete nicht darauf. Wahrscheinlich war unsere Stimmung schon viel zu heiter, als dass sie sich um derartige Kinkerlitzchen gekümmert hätte. Mich störte es im Übrigen ebenso wenig. Im Gegenteil, ich konnte meine Augen kaum noch von ihren reizvollen Knien abwenden. Es war, als sende ihr bloßer Anblick eine geheime Botschaft an einen Bereich in mir, der mir bisher verschlossen gewesen war und sich soeben einen winzigen Spalt weit geöffnet hatte. Der Frau Jirka konnte das nicht verborgen bleiben.

„Oh, entschuldigen Sie“, sagte sie, scheinbar zerknirscht, und begann mit wenig Erfolg am Saum ihres Kleides zu zupfen (aber zugleich lachte ihr der Schalk aus den Augen). „Was werden Sie jetzt von mir denken?“

Ich beantwortete aber ihre Frage nicht. Angefeuert von jener geheimen Botschaft und wohl auch von Gott Bacchus, griff ich spontan nach ihrer Hand und hielt diese zurück und empfand mit einem Mal höchstes Entzücken, hervorgerufen durch die doppelte Berührung, nämlich ihrer Hand und zugleich ihrer Knie, genauer, ihrer Schenkel – ein nie gekannter Genuss. So überwältigend war er, dass ich es nicht über mich brachte, ihre Hand wieder loszulassen und die Berührung ihrer Schenkel zu beenden. Dabei war es gar nicht deren Haut selbst, die ich berührte, sondern ein zarter Seidenstrumpf.

„Was ich jetzt von Ihnen denke?“, stieß ich atemlos hervor; denn mich hatte eine merkwürdige Erregung ergriffen. „Dass ich noch nie so was Schönes gesehen habe. Und gespürt schon gar nicht.“

„Aber gehen Sie“, sagte sie lachend, „meine Knie sind doch alles andere als schön.“

„Sind sie aber“, sagte ich hitzig.

„Aber Sie können das ja gar nicht beurteilen. Sie halten ja Ihre Hand drauf. Da müssten Sie schon das Kleid noch ein bisserl hinaufziehen.“

„Ja, wenn ich darf. Darf ich wirklich?“

„Aber nicht, dass Sie schlecht von mir denken.“

„Aber ich bitte Sie. Nie im Leben.“

Statt einer Antwort ließ sie den Saum ihres Kleides los (und entzog mir zugleich ihre Hand). Dies betrachtete ich als Aufforderung, ihre Anregung in die Tat umzusetzen. Nach einigem Zögern, denn mein Herz hämmerte plötzlich wie verrückt, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und schob den Gewandsaum um wenige Millimeter nach oben, und mein Entzücken verdoppelte sich und verführte mich, zögernd noch ein paar Millimeter anzufügen. Ich hörte Frau Jirka vergnügt kichern, fasste mir ein Herz und schob den Stoff gleich um mehrere Zentimeter hinauf. Und damit lagen nicht nur Geheimnisse von faszinierender Schönheit unverhüllt vor meinen Augen und ließen mich ob ihrer Schönheit leise aufjubeln. Nein, meine vielleicht allzu kühne Hand berührte plötzlich weiche, unglaublich zarte Haut. Nahezu immateriell fühlte sie sich an. Ich hatte die Stelle erreicht, wo die Strümpfe zu Ende waren und am Strumpfbandgürtel hingen. Ich jubelte von neuem auf, und nun schon wesentlich weniger leise als zuvor. Zugleich durchzuckte mich ein wilder Schreck: Jetzt war ich ohne jeden Zweifel zu weit gegangen, und als Nächstes wird mich die Frau Jirka im hohen Bogen hinauswerfen und nie wieder zu einem köstlichen Abendessen einladen. Verwirrt zog ich meine vorwitzige Hand ganz schnell zurück und murmelte eine Entschuldigung, brachte es aber nicht über mich, die Augen von dem Anblick, der sich mir nun bot, abzuwenden und mich seiner geheimen Botschaft zu verschließen. Und zu meinem wachsenden Ärger spürte ich vor allem in meiner Körpermitte, welche Wirkung sie ausübte. Denn schon wieder peinigte mich eine Erektion, und sie peinigte mich sogar doppelt. Zu den körperlichen Qualen gesellte sich die Angst, Frau Jirka könnte etwas merken und sich zusätzlich über meinen Mangel an Anstand entrüsten.

Aber nein, sie kicherte erneut, griff nach meiner Hand und führte sie wie einen Fahnenflüchtigen dorthin zurück, von wo sie geflüchtet war, sogar noch ein schönes Stückchen weiter oben, so weit nämlich, dass sie ihre Körpermitte berührte, einen Bereich also, den eine männliche oder überhaupt fremde Hand nie und nimmer berühren durfte. Meine Verwirrung steigerte sich noch, als ich entdeckte, dass meine Hand in einem heißen See versank. Noch dazu begann Frau Jirka auf einmal schwer zu atmen, zu keuchen, zu stöhnen. Aber zu meiner Verblüffung hielt sie meine Hand nach wie vor fest, drückte sie sogar in den heißen See. Und als sie sie endlich losließ, flüsterte sie mir ins Ohr: „Tu mich ein bisserl streicheln, ja?“

Oho, sind wir auf einmal per Du? Und sie meinte offenbar, in dem heißen See zwischen den Schenkeln.

„Soll ich wirklich?“, flüsterte ich zurück. Und ich stellte fest, dass meine Stimme ähnlich atemlos klang wie die ihre.

„Ja, ja, bitte“, stieß sie hervor und legte ihren Kopf auf meine Schulter.

Also begann ich auftragsgemäß diesen geheimen Bereich zwischen ihren Schenkeln zu streicheln und stellte dabei zweierlei fest: Erstens, dass der heiße See immer tiefer wurde, und zweitens, dass sich in meiner Brust ein unbeschreiblich süßes Gefühl ausbreitete (und dass meine Erektion immer peinigender wurde).

„Nicht so grob, bitte“, hörte ich sie plötzlich stöhnen. Und dann: „Ah, so ist es gut. Du bist ein Schatz.“

Ich bin ein Schatz? Das hat bisher nur meine Mutter zu mir gesagt.

Und dann stieß sie unverhofft einen sonderbaren Schrei aus, zuckte ein paarmal heftig und lag dann schwer und wie gelähmt auf meiner Schulter. Vor Schreck war ich selbst gelähmt, wusste vor Verlegenheit nicht aus noch ein. Sollte ich ans Telefon eilen (sie besaß nämlich eines) und die Rettung alarmieren? Aber da hätte ich sie zuvor von meiner Schulter abschütteln müssen, um aufspringen zu können, und davor scheute ich auch wieder zurück. Und als sie endlich ihren Kopf hob, sprang ich noch immer nicht auf, um die Rettung zu alarmieren. Denn sie lächelte mich so süß an, dass ich wie gebannt sitzen blieb und ihr lächelndes Gesicht bewunderte, das mir auf einmal um zehn Jahre verjüngt erschien.


6

Offenbar lag also doch kein Notfall vor, und wenn doch, so eher bei mir, weil ich die Qual in meiner Körpermitte nicht mehr auszuhalten glaubte.

Hatte Frau Jirka meine Not erkannt? Ich kam aus dem Staunen nicht heraus: Mit der größten Selbstverständlichkeit, als wäre es die alltäglichste Sache der Welt, knöpfte sie mir das Hosentürl auf und streifte meine Unterhose über den darin eingezwängten geheimen Körperteil, den ich damals nur mit dem griechischen Wort Phallus zu bezeichnen pflegte. Aus seiner Bedrängnis war er damit erlöst, meine körperliche Qual war zu Ende. Aber dafür zeigte er sich jetzt unverhüllt und (wie es bei Goethe heißt) in allen seinen Prachten einem fremden und noch dazu weiblichen Auge; und das war mir so peinlich, dass ich vor Scham zu vergehen glaubte. Denn die Frau Jirka schaute nicht etwa weg, sondern betrachtete ihn ganz unverhohlen und mit der gleichen Miene, mit der man einen Leckerbissen betrachtet, den man sich in den Mund stecken will. Und dann berührte sie ihn sogar mit beiden Händen und begann ihn auf das Zärtlichste zu liebkosen, so zärtlich, dass ich selber schwer zu atmen, zu keuchen, zu stöhnen begann. Doch zugleich musste ich innerlich lachen. Ich hatte nämlich ein sogenanntes Aha-Erlebnis. Erst kürzlich hatte ich mich mit einer Homerstelle beschäftigt und nachgegrübelt, wie das konkret zu verstehen sein mochte, und war auf keinen grünen Zweig gekommen. Der Göttervater erblickt unversehens seine verführerisch geschmückte Gemahlin. Da umhüllte ihm süßes Verlangen die Sinne, wie damals, als sie zum ersten Mal sich in Liebe vereinigten, ins Bett steigend, heimlich vor den lieben Eltern.

Jetzt wusste ich's. Genau dieses „süße Verlangen“ spürte ich im Augenblick in meiner eigenen Brust, und es verlockte mich, befahl mir, zwang mich, eine Hand auf Frau Jirkas Brust zu legen und diese ebenso zärtlich zu liebkosen, wie sie meinen Phallus liebkoste.

Ihr schien das ganz gut zu gefallen. Denn sie selber intensivierte daraufhin ihre Liebkosungen. Und dann geschah etwas, was mich zutiefst schockierte: Sie ließ sich zu Boden gleiten und nahm meinen bereits glühenden Phallus in den Mund, als wäre er ein Leckerbissen, und biss zwar nichts davon ab, bearbeitete ihn aber nun zusätzlich mit den Lippen und sogar mit der Zunge. Der Erfolg war, dass die in ihm herrschende Glut zu meinem Entsetzen eine Stichflamme erzeugte. Er explodierte förmlich in ihrem Mund, und es geschah dasselbe, was bisher nur des Nachts in meinen feuchten Träumen geschehen war. So gelähmt fühlte ich mich vor Schreck, vor Überraschung, dass ich es nicht schaffte, ihn ihr rechtzeitig zu entziehen. Schlimmer noch: Der flüssige „Leckerbissen“, den ihr mein Phallus in den Mund spritzte, schien ihr sogar zu schmecken. Alles schluckte sie hinunter und machte dabei ein verklärtes Gesicht, als sähe sie den Himmel offen wie der heilige Stephanus, bevor er gesteinigt wurde.

„Aber Frau Jirka“, stammelte ich, sobald die Lähmung nachzulassen begann, konnte aber nicht weiterstammeln. Denn sie verschloss mir den Mund mit einem Kuss – einem Kuss, wie ich noch nie einen bekommen hatte.

„Ich heiße Ella“, flüsterte sie. „Und du Benedikt. Ja?“

Ich nickte und wusste nichts zu erwidern.

„Sag, liebster Benedikt, hast du schon einmal mit einer Frau geschlafen?“

Verwirrt von einer solchen Frage, schüttelte ich den Kopf.

„Und? Möchtest du?“

Ich zögerte. Meine Verwirrung stieg ins Unermessliche. Da aber jenes süße Verlangen noch nicht völlig geschwunden war, nickte ich unwillkürlich. Daraufhin sagte sie nichts mehr, sondern begann mich wortlos zu entkleiden, und durch ihr Beispiel angeregt, begann ich, kühn geworden, sie zu entkleiden, und geriet durch all das Wunderbare, was meine Augen zu sehen und meine Hände zu spüren bekamen, in eine derartige Erregung, dass das süße Verlangen in mir erneut die Herrschaft in meiner Brust übernahm und alle meine Sinne umhüllte. Ich merkte kaum, wie mir Ella, sobald wir beide nackt waren, um den Hals fiel, sich an mich schmiegte, mich abermals küsste, wie wir gemeinsam auf die Couch niedersanken, wie sie mich geschickt über sich zog, meinen Phallus in den heißen See zwischen ihren Schenkeln tauchte, weiter noch als vorhin meine Hände, und ihn veranlasste, ihr weiches Fleisch zu teilen, und wie dieser aufs Neue explodierte, wie sie aufs Neue einen sonderbaren Schrei ausstieß und wie sie aufs Neue zuckte und danach wie gelähmt unter mir lag und einer Schlafenden glich und wie ich zuletzt selber einschlummerte.

Irgendwann wachte ich wieder auf und fühlte mich total benommen, wusste nicht, wo ich war und bei wem und warum ich so unbequem lag. Nur eins wusste ich: Etwas Schreckliches ist passiert. Doch ehe ich noch verstand, was dieses Schreckliche war, spürte ich weiche, zarte, erregende weibliche Haut auf meiner Haut, verführerische weibliche Lippen auf meinen Lippen, eine verführerische weibliche Zunge in meinem Mund, verführerischen weiblichen Duft in meiner Nase und hatte sofort wieder eine Erektion, und süßes Verlangen umhüllte mir die Sinne, und meine Ahnung von etwas Schrecklichem, das passiert sein mochte, war umhüllt, verdunkelt, unsichtbar, aus meinem Bewusstsein verbannt.

Und wieder machte sich Ella mit bestürzender Leidenschaft über mich her und trieb meine eigene Leidenschaft in ungeahnte Höhen. Und wieder liebkoste und küsste sie meinen Phallus, und wieder tauchte sie ihn in ihren heißen See und in ihren dunklen, engen, heißen, feuchten, weichen, ach so süßen Tunnel und machte ihn glühen. Und wieder explodierte er in ihr, und wieder zuckte sie heftig und stieß ihren sonderbaren Schrei aus und lag danach wie gelähmt unter mir und schien zu schlafen.

Ich selber schlummerte freilich nicht wieder ein, sondern erinnerte mich dunkel an die Ahnung von etwas Schrecklichem, die mich zuvor beunruhigt hatte. Und sobald sich die Umhüllung meiner Sinne durch jenes süße Verlangen zurückgezogen hatte und ihr Blick frei war, erkannten sie mit voller Klarheit, was das Schreckliche war: Ich war der Sünde der Unkeuschheit verfallen. Wie sehr war uns in der Schule, im Religionsunterricht, in den jährlichen geistlichen Exerzitien, eingetrichtert worden, Unkeuschheit sei eine besonders schreckliche Sünde, eine Todsünde, die wie keine sonst folgenschwer ins Menschenleben eingreift, die wie keine andere Sünde dem Göttlichen im Menschen entgegengesetzt ist und ein Einfallstor des Dämonischen, des Satanischen bildet. Durch sie sinkt der Mensch unter das Tier hinab. Wie sehr hatte ich mich bemüht, Anneliese, meiner Studienfreundin, die ich seit langem verehrte und der ich schmachtende Gedichte widmete, nicht zu nahe zu treten, um unsere Beziehung rein zu erhalten! Auch sie ist ja gut katholisch erzogen worden. Und nun das hier. O teuflische Versuchung. O ewige Schande. O furchtbare Sünde.

Diese Sünde muss ich unbedingt gleich morgen beichten. Die Versuchung muss ich in Hinkunft unbedingt meiden. Der Verführerin muss ich in Hinkunft unbedingt aus dem Weg gehen. Oder bin ich der Verführer und habe sie durch meine unbesonnenen Worte und Handlungen zur Unzucht verleitet? Umso größer wäre in diesem Fall meine Sünde.

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