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Wer den inneren Schweinehund besiegen will, muss die Sau rauslassen

INHALTSVERZEICHNIS

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. VORWORT
  6. Was in diesem Buch steht – und warum Sie es lesen sollten!
  7. I WIE ALLES ANFÄNGT
  8. II FITNESS
  9. Lauftextilien. Die Hose meines Herzens
  10. Mein Personal Trainer. »Wie laufen Sie denn?«
  11. Das Fitness-Armband. Big Brother am Handgelenk
  12. Elektrostimulation. Als Couch-Potato zum Sixpack?
  13. Im Fitnessstudio. Männer, die in Spiegel starren
  14. Functional Training. Muskeln à la mode
  15. Zwischenbilanz
  16. III BEAUTY
  17. Man muss die Zähne zeigen, solange man welche hat
  18. Kosmetikstudio. Mein erstes (und wohl auch letztes) Mal
  19. Das Stoffwechselprogramm. Du misst, was du isst
  20. Schönheits-OP. Hey, Doc, ich brauch mehr Haar!
  21. Zwischenbilanz
  22. IV STYLE
  23. Schnörkel für die Ewigkeit. Wer unterschreibt, der bleibt
  24. Imageberatung. Du bist vielleicht ’ne Marke!
  25. Vom Gebrauch der Stimme. Dicke Fichten nicken tüchtig
  26. Betreutes Shoppen. Wenn Männer tragen, was Frauen sagen
  27. Mein Rad ist cooler als deins!
  28. Zwischenbilanz
  29. V BALANCE
  30. Yoga. Nicht ohne meine Matte
  31. Achtsamkeitsmeditation. Gib mir ein Om!
  32. »Wir müssen reden!« Audienz beim Beziehungspapst
  33. Das innere Zwiegespräch. »Ach, sei doch bitte lieb zu dir!«
  34. Zwischenbilanz
  35. VI ETHIK
  36. Mein ökologischer Fußabdruck
  37. Was darf man noch essen?
  38. Deutsch – korrekt. Korrekt – Deutsch
  39. Ich spende, also bin ich
  40. Zwischenbilanz
  41. FAZIT UND AUSBLICK
  42. Am Ende ein besserer Mensch?
  43. Killer, Könner oder Kuschler? Der Test für alle, die es wissen wollen
  44. Die Zehn Goldenen Regeln der Selbstoptimierung

Über den Autor

Peter Vollmer, Jahrgang 1962, ist Kabarett-Profi und gastiert als Solist deutschlandweit auf namhaften Bühnen. In seinen mehrfach ausgezeichneten Programmen hat er sich oft mit Lebensträumen und Lebenswirklichkeit männlicher Mittelschichtsangehöriger in den mittleren Jahren beschäftigt. Er arbeitete von 1995 bis 2005 als Autor des satirischen Fernsehbeitrags Im Haus der Hohen Tiere für das WDR-Politikmagazin Westpol und veröffentlichte die Bücher Wenn Männer zu sehr 40 werden und Darf’s noch eine Hüfte sein? Peter Vollmer ist verheiratet, Vater zweier Söhne und lebt in Köln. Weitere Informationen erhalten Sie unter www.peter-vollmer.de

Peter Vollmer

Image

Ein Selbstoptimierungsversuch

VORWORT

Was in diesem Buch steht – und warum Sie es lesen sollten!

Es kommt immer wieder vor, dass Sie mit sich und Ihrem Leben hadern, weil Sie sich als unzulänglich empfinden? Und für diese Unzufriedenheit lassen sich auch noch handfeste Gründe aufzählen? Sie haben auf dem Konto zu wenig, dafür auf der Waage zu viel? Sie laufen rum, als hätten Sie Ihre Garderobe beim Räumungsverkauf einer Reste-Rampe zusammengeklaubt? Und können Ihre Facebook-Freunde an den Fingern einer Hand abzählen? Selber schuld!

Ihre Lebensumstände, Ihr Aussehen, beruflichen Erfolg und persönliches Glück können Sie doch in beinahe jeder Lebensphase nach Idealbildern formen, wenn Sie nur das richtige Programm anwenden, dem passenden Mentor, Coach oder Lehrer folgen oder zu anderen Mitteln der Selbstoptimierung greifen, sei es eine Pille, eine Operation oder eine schlichte Smartphone-App.

Ich weiß, wovon ich rede, denn es ist noch gar nicht lange her, da bin ich selbst eher suboptimal durchs Leben getaumelt. War ein mittelgroßer Middle-Ager von mittlerem Gewicht und leicht vernachlässigtem Äußeren. Mister Unscheinbar. Wäre ich Ihnen zu der Zeit über den Weg gelaufen, Sie hätten mich vielleicht mitleidig belächelt oder mich schlicht und ergreifend übersehen.

Ich hatte, wie es so schön heißt, »den Schuss nicht gehört«. Hatte nicht realisiert, dass es heute nicht mehr ausreicht, seinen Job halbwegs vernünftig zu erledigen und ansonsten ein möglichst netter Kerl zu sein.

Dass irgendwann auch in meiner Umgebung immer mehr Menschen anfingen, ihr Leben nachhaltig zu ändern, um zu fitteren, besser aussehenden und glücklicheren Menschen zu werden, ließ mich zunächst unbeeindruckt. (Schlimmer noch: Als Kabarettist kommentierte ich es spöttisch und zog es ins Lächerliche.) Schließlich aber führte mir das Beispiel eines unserer Nachbarn vor Augen, dass selbst schlichteste Gemüter zu einem filmreifen Auftritt in der Lage sind – da war dann mein Ehrgeiz geweckt, und ein dunkler Drang wurde zum Entschluss: Okay, ich mache jetzt auch mit!

Wobei ich – ehrlich gesagt – davon ausging, dass ich halt hin und wieder etwas Sport treiben würde und die Sache damit erledigt sei. Aber wer mit der Selbstoptimierung einmal anfängt, der kann nicht wieder damit aufhören. Am Beginn stand bei mir der harmlose Kauf einer Laufhose. Doch zog dieser erste Schritt unweigerlich andere nach sich. Ob man von einer regelrechten Sucht sprechen muss, weiß ich nicht; eine Kettenreaktion war es allemal. Nach der Laufhose kam das Fitnessarmband. Nach diesem das Personal Training, das Muskelaufbau-Work-out und so weiter und so fort.

Um nicht nur fit zu sein, sondern dabei auch noch gut auszusehen, habe ich irgendwann Dinge getan, die ich mir vorher niemals hätte vorstellen können. Wie Sie sehen werden, war der Besuch eines Kosmetikstudios noch eines der harmloseren Beispiele.

Aber so umfassend alle Maßnahmen auch erscheinen mochten, auf der Leiter der Perfektionierung waren sie in Wahrheit nur die ersten Sprossen. Wer die erklommen hat, für den geht es überhaupt erst richtig los. Als bald schon viel beschäftigter High Performer musste ich nämlich zusehen, wie ich die Balance zwischen Beruf und Familie, privatem und öffentlichem Umfeld, Aktivität und Entspannung bewahren konnte. Wie man das hinbekommt? Nun, dafür gibt es natürlich auch die entsprechenden Kurse.

Was aber wären alle diese Anstrengungen überhaupt wert, wenn sie nur der öden Selbstbespiegelung dienten? Anders gefragt: Wofür macht man sich die Mühe? Glücklicherweise bewege ich mich in einem Umfeld, das mir genau im richtigen Moment auch diesbezüglich die entsprechenden Herausforderungen gestellt und Anleitungen gegeben hat.

So habe ich schließlich einen ganzen Kosmos der Persönlichkeitsveredelung durchschritten. Ich habe dabei gewiss manchen Plunder erworben und den einen oder anderen Scharlatan getroffen, aber eben auch viele wertvolle Anregungen erhalten und bin – tatsächlich! – ein neuer Mensch geworden, wenn auch ein wenig anders, als ich mir das zu Beginn vorgestellt hatte.

Und? Klingt das so, als könnte es auch für Sie eine Möglichkeit sein, aus dem tiefen Tal der Unzufriedenheit herauszukrabbeln? Na dann … begleiten Sie mich doch als Leser auf meiner Selbstoptimierungsreise, und gewinnen Sie dabei gleich eine ganze Reihe nützlicher Erkenntnisse: Welche Möglichkeiten der Markt der Selbstoptimierung heute bietet, wie diese Angebote funktionieren, und worauf Sie achten sollten, wenn Sie auch welche wahrnehmen wollen.

Am Ende jedes Reiseabschnitts ziehe ich eine Zwischenbilanz, für die ich freilich meine eigenen Kriterien entwickelt habe: Wen interessieren objektive Ergebnisse? Hauptsache, die unternommenen Schritte tragen dazu bei, dass ich mich besser fühle.

Die Maßnahmen sollen in meinem Umfeld Eindruck machen (und ja: gerne auch Neid erzeugen), z. B. in den sozialen Medien. Um hier meinen Erfolg zu messen, habe ich eigens einen absolut validen »Facebook-Check« entwickelt.

Der übers Lebensglück eigentlich entscheidende Satz aber lautet »Happy wife, happy life«. Heißt hier: Mit dem, was ich tue, muss vor allem meine Frau zufrieden sein. Dies zu erreichen hat sich dann tatsächlich auch als der schwerste Teil der Übung herausgestellt.

Wer sich verändern will, hat es leider oft mit einem »inneren Schweinehund« zu tun, der sich jedweder Entwicklung zum Besseren knurrend in den Weg stellt.

Den zu überwinden fällt leichter, wenn Sie sich Ihrer stärksten Motive bewusst sind. Deswegen möchte ich Sie dazu ermutigen, gerade jene Antriebskräfte für sich zu nutzen, die Ihnen als nicht besonders edel erscheinen; die Rede ist von so unsympathischen Charakterzügen wie Eitelkeit, Stolz und Geltungsdrang. Ich habe an mir selbst festgestellt, dass ausgerechnet
die eher »niederen Beweggründe« den besten Treibstoff für Veränderungen abgeben. Oder anders gesagt: Wer den inneren Schweinhund besiegen will, muss die Sau rauslassen.

Dieses Buch wird Ihnen also in jedem Fall weiterhelfen. Wenn Sie noch nicht auf dem Selbstoptimierungstrip sind, kann dieses Buch Sie dazu inspirieren. Wenn Sie direkt loslegen wollen, finden Sie konkrete Beispiele, an denen Sie sich orientieren können.

Apropos: Von meiner Transformation in einen überzeugend agierenden Supermann dürfen Sie sich bei Gelegenheit gerne selbst überzeugen. Meine Kabarett-Tournee führt mich nämlich bestimmt auch einmal in Ihre Nähe. Schauen Sie doch einfach vorbei!

I
WIE ALLES ANFÄNGT

Der Tag, an dem ich beschließe, ein anderer Mensch zu werden, ist ein Samstag. Ein Tag, der eigentlich ganz hervorragend beginnt. Als ich morgens aufwache, bin ich mit meinem alten Ich jedenfalls noch ziemlich zufrieden.

Ich freue mich sogar ein bisschen auf die Familienunternehmung, die heute angesagt ist: Wir erfüllen unseren Söhnen Felix und Jonas – sie sind acht und elf Jahre alt – den lang gehegten Wunsch, mal wieder ein Spaßbad zu besuchen.

Als meine Frau Marianne unsere Badesachen packt, wirft sie einen sehr sparsamen Blick auf meine siebzehn Jahre alte und, wie ich zugeben muss, wirklich schon sehr ausgeleierte Badehose. Jonas schleppt seinen Seepferdchen-Schwimmreifen an. Natürlich können unsere Jungen beide schwimmen, aber er will ihn aus nostalgischen Gründen dabeihaben und hat ihn
zu diesem Zweck extra und »Ganz alleine!« aufgepustet. Ich mache Anstalten, die Luft wieder herauszulassen, weil das Ding nicht in die Tasche passt; Marianne aber schaut mich vorwurfsvoll an: »Jonas ist so stolz, dass er den Reifen selbst aufgepustet
hat.«

»Und wie sollen wir ihn dann bitte transportieren?«

»Na, Papa soll ihn umziehen«, sagt der Kleine.

»Wenn ich der Mannschaft helfen kann.« Ich ergebe mich seufzend meinem Schicksal, steige in den Schwimmreifen und ziehe ihn – Seepferdchen vorne – bis zu den Hüften hoch.

Dort sitzt er ziemlich fest.

Als wir dann vor die Haustür treten, bekommt Felix plötzlich große Augen und meint: »Ey, guckt mal da!«

Er hätte gar nichts sagen müssen. Wir sehen – und hören – es auch so: Mit tief blubberndem Motorengeräusch kommt ein Ungetüm aus Blech und Chrom um die Ecke gerollt. Ein Auto, so breit, dass es kaum auf den schmalen Fahrweg vor der Häuserreihe passt, der von den Anwohnern zum Be- und Entladen benutzt werden darf. Es ist eines der Gefährte, die man als »SUV« bezeichnet. Und als wäre die Nutzung dieser Art von Fahrzeug in der Stadt und auf der Autobahn nicht ohnehin schon eine Ausgeburt gesteigerten Schwachsinns, hat man dieses Exemplar noch zusätzlich mit Heckreling, Dachspoiler und Trittbrettschweller aufgeplustert.

Der Mann, der dann aus diesem fabrikneu glänzenden Gefährt steigt, hat eine von Stolz geschwellte Brust und ein Grinsen, das aussieht, als würde man es auch durch die Explosion von zwei Tonnen TNT nicht aus seinem Gesicht pusten können – es ist unser Nachbar Holger.

Er wohnt noch nicht lange hier, betreibt irgendwie ein Büro für Versicherungs- und Finanzfragen, ist für meine Begriffe immer ein bisschen zu gut drauf, ein bisschen zu optimistisch, ein bisschen zu gut angezogen und immer deutlich zu laut. Aber mir wird in diesem Moment klar, dass die Sonne heute gar nicht für mich aufgegangen ist, sondern einzig und allein für ihn. Nicht nur das Wetter passt, auch der Zeitpunkt ist ideal gewählt, weil gerade jetzt viele zum Einkaufen oder zu sonstigen Unternehmungen aus den Häusern kommen. Und Holger genießt den Moment sichtlich. Genau wie sein unsinnig großes Auto scheint er selbst auch getunt zu sein: Er trägt eine Jeans, die gerade eben so ausgewaschen ist, dass sie lässig, aber immer noch teuer aussieht, hat ein T-Shirt an, das seinen mächtigen Brustkorb betont und den Blick auf die trainierten Oberarme lenkt. Und seine Zähne gleißen so gletscherweiß, als wären sie nicht von dieser Welt.

Einen Moment noch glaube ich, hoffe ich, bete ich, meinen Söhnen die nötige Charakterstärke vermittelt zu haben, sich von so einem Aufriss nicht blenden zu lassen. Schon aber sagt Felix mit Blick auf Holgers vierrädrigen Umweltkiller: »Alter, was für eine Hammerkiste!«

Obwohl das anatomisch eigentlich gar nicht möglich ist, wird Holgers Grinsen noch einmal vier Zentimeter breiter. »Morgen, Jungs! Wollt ihr euch mal reinsetzen?«

Mein schwaches »wir müssen aber los« verhallt ungehört. Die Jungs stürmen zu Holgers Auto, dürfen eine Ewigkeit darin herumklettern und sogar die Musikanlage laut aufdrehen, was dazu führt, dass sich um Holger und seinen SUV nach und nach eine Menschentraube bildet und dass aus den umliegenden Häusern Dutzende Schaulustige neugierig aus ihren Fenstern gucken.

Ich wiederum schaue hilfesuchend zu Marianne. Sie muss jetzt der Rettungsanker sein und zumindest eines tun: Dieses unwürdige Schauspiel mit ihrem unbestechlichen, leicht abfälligen Blick als das einordnen, was es ist: ein Affentheater. Marianne aber schaut überhaupt nicht abfällig, sie schaut im Gegenteil ziemlich lange und unergründlich ­auf Holger und sein neues Auto. Und dann sagt sie den unglaublichen Satz: »Och, ich glaube, zum Einkaufen ist so ein Ding schon ganz praktisch.«

Ich wende mich entnervt ab, sicher, dass Holger jedes dieser Worte genüsslich registriert hat und sich dabei innerlich vor Lachen kringelt.

Wie um mir zu bestätigen, dass er mit seiner Aufmerksamkeit tatsächlich ganz bei uns ist, ruft er hinter mir her: »Ach, übrigens …«

»Ja?«, antworte ich und drehe mich wieder zu ihm um. Er steht immer noch breit grinsend in der offenen Tür seines Vehikels. Zeigt mit ausgestrecktem Arm auf mich und den Körperschmuck, den ich mit mir trage, an den ich aber schon gar nicht mehr gedacht hatte, und ruft: »Cooles Seepferdchen!«

Die Schaulustigen, die sich eben noch um Holgers Auto gedrängt oder das Geschehen aus dem Fenster verfolgt haben, drehen sich nun – so kommt es mir zumindest vor – allesamt in meine Richtung und finden das, was sie da sehen, offenbar zum Brüllen komisch. Das Lachen will gar nicht mehr abebben. Und auch wenn es erst kurz nach zehn am Vormittag ist – für mich geht die Sonne jetzt endgültig unter. Meine Frau und meine Kinder tun, als gehörte ich nicht zu ihnen, und ich darf für mich verbuchen, im Dienste von Holgers Assi-Performance auch noch den äußerst erfolgreichen Schlussgag geliefert zu haben. Es ist dies der Moment, in dem ich denke, dass sich an meinem Leben etwas ändern muss. Und zwar gründlich.

Als wir abends bei einem Glas Rotwein auf der Couch sitzen, drängt es mich, Marianne etwas zu fragen: »Sag mal, findest du mich eigentlich noch attraktiv?«

»Aber ja. Das weißt du doch.«

»Wirklich?«

»Sagen wir so: Eine neue Badehose könntest du dir wirklich mal kaufen.«

»Mal abgesehen von der Badehose … Wenn du mich heute kennenlernen würdest, würdest du mich dann auch wieder heiraten?«

»Wie würde ich dich denn kennenlernen?«

»Na, vielleicht würde dir meine Kontaktanzeige auffallen: ›Ich suche dich, wenn du über mein schütteres Haar streichen, in meinen Bauchansatz kneifen und mir dabei helfen möchtest, mit meinem Durchschnittsgehalt über die Runden zu kommen. Was ich sonst noch zu bieten habe? Keine Muskeln, zu hohe Cholesterin-Werte und einen Musikgeschmack, der sich an vierzig Jahre alten Platten aus der Kategorie ›Schweinerock‹ orientiert. Neugierig geworden? Dann melde dich, ehe eine der zahlreichen Mitbewerberinnen dir deinen Traumprinzen vor der Nase wegschnappt!‹«

Marianne lacht. »Hör mal! Hat dir schon mal jemand gesagt, dass es gerade die kleinen Mängel und Macken sind, die einen Menschen liebenswert machen?«

»Okay, aber warum müssen das so verdammt viele Mängel sein?«

»Jetzt mach dich mal nicht kleiner, als du bist. Es läuft doch alles ganz gut. Wir haben doch alles, was wir brauchen.«

»Nur eben kein einkaufsfreundliches Großraumfahrzeug mit niedriger Ladehöhe.«

»Ach, bist du noch mit dem Auftritt von Holger beschäftigt? Da stehen wir doch drüber.«

»Dafür, dass wir da drüberstehen, hast du ihn aber ganz schön fasziniert angeschaut.«

»Fasziniert allenfalls von der Tatsache, was für Lebensformen auf diesem Planeten existieren können.«

»Wie würdest du denn die Lebensform Holger beschreiben?«

»Als muskulöse Lebensform, kurz MuLF.«

Darüber müssen wir beide lachen.

»Trotzdem«, sage ich nach einer Weile, »ich könnte ja auch mal anfangen, irgendeinen bekloppten Sport zu machen. Könnte mir mal was Großes vornehmen. Und eine Kontaktanzeige aufgeben, die so faszinierend ist, dass du dich einfach darauf melden musst.«

»Nämlich?«

»In meinem eleganten Sportwagen ist der Beifahrersitz noch frei: Solventer Middle Ager, beruflich erfolgreich, knackige Erscheinung, will seine Traumfrau zu den schönsten Plätzen dieser Welt entführen.«

»Ich möchte aber bitte nicht, dass du ein zweiter Holger wirst.«

»Nein, Baby, ich gehe die Sache so an, dass Holger ein Typ wie ich werden will.«

»Hui, da hast du dir ja einiges vorgenommen.«

Wäre nur eine kleine Prise Häme in der Art, wie sie es sagt, dann wäre ich vielleicht beleidigt verstummt oder würde das Thema wechseln, und alles liefe so weiter wie bisher. Aber sie sagt es nicht mit Häme, sondern mit Neugier. Im Grunde so, als würde sie mich eigentlich auffordern: »Ja, mach doch mal!«

Und es ist, als täte mein Herz in diesem Moment einen Sprung, als schösse eine Wunderdroge in meine Blutbahnen. Ich denke: Ja, verdammt – ich mache mal! Warum zum Teufel soll aus so einem Bild denn keine Wirklichkeit werden? Ich meine, was ein Sparflammen-Intelligenzler wie Holger fertigbringt, müsste mir doch dreimal gelingen. Ich sehe auch schon die ersten Highlights meines künftigen Lebens vor mir: Auf einer feierlichen Gala nehme ich unter Blitzlichtgewitter eine begehrte Auszeichnung entgegen, schließe meine überglückliche Frau und meine stolzen Söhne in die Arme, trete anschließend mit ihnen den Flug zu unserem idyllisch gelegenen Urlaubsquartier an, wo ich wenig später vor einer atemberaubenden Naturkulisse einen Marathon absolviere und als Altersklassenbester im Ziel ankomme. Über all das wird exklusiv in einer der führenden deutschen Illustrierten berichtet; ein gewisser Holger hält ein Exemplar in der Hand und blättert – quittegelb vor Neid – durch die reich bebilderten Seiten. So wird es aussehen, mein neues Leben. Und ich fange gleich damit an! Also gleich morgen …

II
FITNESS

Lauftextilien. Die Hose meines Herzens

Auch große Veränderungen beginnen mit einem kleinen Schritt. Mein Wandel zum Supermann bleibt kein Traum, sondern der Startschuss dazu fällt tatsächlich. In gewisser Weise jedenfalls, denn Startschuss bedeutet nicht etwa, dass ich mich direkt an die Startlinie eines Marathons begebe – sorry, aber so weit bin ich noch nicht! Ich muss mir doch erst einmal eine fürs Laufen geeignete Hose kaufen. Denn wenn ich die Leute aus der Nachbarschaft zu ihren abendlichen Trainingsrunden aufbrechen sehe (und wie es scheint, trainieren die eigentlich alle – außer mir), dann tragen sie dabei jetzt immer diese eng anliegenden, windschlüpfrigen Hochglanzdinger in signalfarbenem Technik-Design. Träger solcher Textilien scheinen sich in Laufmaschinen zu verwandeln, die quasi anstrengungslos ins Ziel getragen werden. Daneben werde ich mich natürlich nicht mit einer Nullachtfünfzehn-Billigfaser vom Discounter lächerlich machen. Nein, ich habe nicht nur die feste Absicht, dem Bild eines perfekten Athleten zu entsprechen, ich tue auch das, was dafür notwendig ist: Ich suche das führende Sportfachgeschäft der Stadt auf.

Dort wird mir allerdings klar, dass ich in Sachen »souveränes Auftreten in ungewohnter Umgebung« noch einiges zu lernen habe. Im ersten Moment bin ich vollkommen eingeschüchtert. Tausenderlei fremdartige und knallbunte Kleidungs- und Ausrüstungsgegenstände sind hier zu besichtigen, und es scheint von durchtrainierten Elitesportlern nur so zu wimmeln. Da fühle ich mich völlig fehl am Platz – und sehe wohl auch so aus. Keine Sau kümmert sich um mich. Man scheint mich für einen erbarmungswürdigen Deppen zu halten, der sein Versehen hoffentlich schnell bemerken und schleunigst wieder verschwinden wird.

Und wirklich überlege ich, ob es nicht das Beste wäre, einfach auf dem Absatz kehrtzumachen und den ganzen Quatsch zu vergessen, aber eine Stimme in meinem Kopf widerspricht: »Bursche, wenn es Überwindung kostet, dann ist es genau das Richtige! Dann heißt es, dass du jetzt und hier deine erste Bewährungsprobe bestehen kannst. Bleib dran, tu es, sorge dafür, dass dein neues Leben anfängt! Go!«

Also hole ich tief Luft, versuche, unter den hier anwesenden Gestalten diejenige ausfindig zu machen, die am ehesten den Eindruck erweckt, dass es sich bei ihr a) nicht um einen anderen Kunden und b) auch nicht um eine Schaufensterpuppe handelt. Ich entscheide mich für einen Mann, der in meinem Alter sein könnte, dabei aber ausgesprochen drahtig wirkt, und nenne ihm mein Anliegen: »Guten Tag, ich hätte gerne eine Laufhose. Größe M.«

Nun möchte man ja, selbst wenn man als offenkundig ahnungsloser Sportnovize daherkommt, vom dienstleistenden Servicepersonal nicht gerne veräppelt werden, genau das aber scheint der Verkäufer mit mir im Sinn zu haben, denn er fragt mich allen Ernstes: »Womit soll die Hose denn ausgestattet sein?«

»Also, wenn es nach mir geht«, sage ich, »sollte sie mit zwei Hosenbeinen ausgestattet sein. Für mehr als zwei habe ich im Moment keine Verwendung. Und in Hosen mit nur einem Bein komme ich immer so schwer vom Fleck. Es geht mir ja ums Laufen und nicht ums Sackhüpfen.«

Jetzt ist es der Verkäufer, der tief Luft holt. Es dürfte ihm gerade klar geworden sein, dass er es bei mir mit einem – sagen wir – anspruchsvollen Kunden zu tun hat.

»Sollen es Shorts sein oder Tights?«

»Worin besteht gleich wieder der Unterschied?«

»Shorts sind die kurzen, weit geschnittenen, Tights die langen, eng anliegenden.«

»Dann bitte Tights.«

»Dachten Sie an eine Hose mit Kompressionsfunktion?«

Hoppla, was ist das denn?, überlege ich. Kompression? Druck? Dieses Laufen ist doch sicher anstrengend genug. Da habe ich eigentlich nicht vor, mich noch mit zusätzlichem Druck in der Hose zu belasten. Dieser Druck könnte im schlimmsten Fall dazu führen, dass delikate Körperteile eingedrückt, gequetscht oder – man stelle sich das vor! – zusammengepresst werden, so wie man es früher mit Trockenblumen im Lexikon gemacht hat; die Körperteile taugten dann allenfalls noch zu Dekorationszwecken. Zu so einem bizarren Blödsinn habe ich eine klar definierte Haltung: »Nein, eine Kompressionshose möchte ich bitte nicht.«

»Soll es dann vielleicht ein Windblocker sein?«

Ich bin zwar nicht ganz sicher, was für Winde da blockiert werden, sage an dem Punkt aber sicherheitshalber »ja«.

»Legen Sie Wert auf ein besonderes Feuchtigkeitsmanagement?«

Nun scheint mir der Gesprächsverlauf in eine vollkommen falsche Richtung zu gehen, also erinnere ich mein Gegenüber daran, worum es mir eigentlich geht: »Feuchtigkeitsmanagement? Guter Mann, ich brauche eine Hose, keine Windel.«

Ich erwarte, dass die wichtigsten Fragen des Laufhosenkaufs damit geklärt sind, doch ich sehe mich getäuscht. Der Verkäufer arbeitet noch einen ellenlangen Katalog weiterer Kriterien ab: Welche Art der Klimafunktion? Wie sieht das Nutzungsprofil aus? Distance oder Shorttrack? Indoor oder Outdoor? Da ich ohnehin keine Ahnung habe, wovon die Rede ist, wähle ich von den angebotenen Möglichkeiten mal diese, mal jene aus und beginne bald verstohlen auf die Uhr zu schauen. Ich komme zu spät nach Hause, Marianne macht mir die Hölle heiß. Aber dann stellt der Verkäufer eine Frage, die all diese Probleme in den Hintergrund treten lässt: »Brauchen Sie die Hose für Training oder Wettkampf?«

Wettkampf! Also bin ich hier doch vollkommen richtig. Ich empfinde diese Zuschreibung als Ritterschlag: Der Verkäufer (es handelt sich ja nun um einen Mann von profundem Sachverstand und mit langjähriger Erfahrung) traut mir offenbar ohne Weiteres die Teilnahme an Wettkämpfen zu. Wieder sehe ich mich als Starläufer, der federnden Schrittes und von einer vielköpfigen Menge umjubelt bei einem Mega-Event die Ziellinie überfliegt, und bin von diesem Tagtraum so beseelt, dass der Verkäufer sich und seine Frage dezent in Erinnerung bringen muss: »Training oder Wettkampf – oder vielleicht eine Universal-Hose für wettkampforientiertes Training?«

»Was? Äh, ja. Das wäre wohl genau das Richtige.«

»Wie viele Wochenkilometer absolvieren Sie denn zurzeit?«

Die korrekte Antwort auf diese Frage wäre »null«, aber ein solches Eingeständnis kann ich hier natürlich nicht machen. Ich sage vielmehr: »Nach einer verletzungsbedingten Pause bin ich gerade dabei, die Umfänge langsam wieder zu steigern.«

Weiß der Geier, woher mir solche Wendungen zufliegen, aber der Verkäufer scheint mich auf einmal mit ganz anderen Augen zu sehen. Sagt sogar: »Ja, das kenne ich. Ich hatte auch gerade Probleme mit dem Innenmeniskus.«

Dazu wiederum nicke ich verständnisvoll, und einen Moment habe ich das Gefühl, als wären wir beide langjährige Laufkameraden, hätten Tausende Kilometer gemeinsam absolviert, und nur mit Mühe kann ich den Impuls unterdrücken, ihn wegen seines kaputten Innenmeniskus tröstend in den Arm zu nehmen.

Eine Hose habe ich allerdings immer noch nicht; mein neu gewonnener Sportsfreund muss jetzt erst einmal ins Lager gehen, um geeignete Beinkleider herbeizuschaffen. Weitere zehn Minuten vergehen, bis er endlich mit einem bunten Haufen von Textilien wieder auftaucht. Meine Güte, wenn ich die alle anprobieren muss, dann ist der Tag echt gelaufen.

Im gleichen Moment aber sticht mir ein Hosenexemplar mit ganz besonderem Design ins Auge: Auf schwarzem Untergrund sind bei diesem Modell die einzelnen Partien der Beine – Knie, Wade und Oberschenkel – anatomisch nachgezeichnet. Und zwar derart, dass man meint, Kniegelenke aus Edelstahl und Muskelstränge aus Carbonfasern vor sich zu haben. Vollkommen klar: Das ist meine Hose!

»Die da«, sage ich und zeige auf das Prachtstück, »können Sie mir gleich einpacken.«

»Ja, wollen Sie denn die Hose gar nicht anprobieren?«

»Wieso, ist doch Größe M?«

»Wie Sie gesagt hatten, ja.«

»Dann wird die schon passen.«

»Okay, und äh … wie ist es denn eigentlich mit Laufschuhen? Haben Sie die schon?«

»Oh ja. Die habe ich schon.« Vor etwa vier Jahren habe ich nämlich welche zum Geburtstag geschenkt bekommen. Von wem, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich aber, sie einmal angezogen zu haben. Sie haben gepasst und schlummern seitdem in ihrer Verpackung irgendwo in einem Kellerregal, was der Verkäufer natürlich nicht im Detail zu wissen braucht. Er begleitet mich jetzt mit der Hose meines Herzens zur Kasse und wünscht mir zum Abschied viel Erfolg.

Als dann ein dreistelliger Betrag auf dem Kassendisplay erscheint, glaube ich zunächst, es sei noch irgendjemand vor mir an der Reihe, der eine umfangreiche Läufer-Komplett-Ausstattung zu berappen habe, aber nein – ich bin derjenige, den die Kassiererin erwartungsvoll anschaut und an den sie die Frage »Sammeln Sie Punkte?« richtet. Ich sammle keine Punkte, aber ich sammle gerade wertvolle Erfahrungen. Beispielsweise die, dass es durchaus sinnvoll sein kann, vor dem Kauf eines Sportprodukts mal auf das Preisschild zu schauen. Ich muss ganz schön schlucken, sage mir dann aber, dass der Beginn eines neuen Lebens eben nicht umsonst zu haben ist.

Als die Kassiererin mir die Tüte aushändigt, habe ich das Gefühl, dass da außer dem Kassenzettel gar nichts drin ist. In Wahrheit ist die Hose ultraleicht – wenn ich nicht höllisch aufpasse, könnte es durchaus sein, dass sie mir vor der Nase wegschwebt.

Auf dem Weg nach Hause lese ich auf der beiliegenden Produktinformation, dass ich ein Textil erworben habe, mit dem man vermutlich auch die Sahara durchqueren, den Mount Everest bezwingen und den Mond umrunden könnte. Die Hose verfügt über eine ganze Reihe erstaunlicher Eigenschaften. Sie ist zum Beispiel »atmungsaktiv«. Ich weiß nicht genau, wie sie atmet; Atembewegungen sind zumindest nicht zu erkennen, wenn sie so zusammengefaltet in der Tüte liegt. Auch nach längerem Beobachten kann ich nicht herausfinden: Wo atmet die Hose ein? Wo atmet sie wieder aus?

Als ich später versuche, die Hose anzuziehen, stelle ich fest: Die ist so unglaublich eng, diese Hose muss atmen, denn ich kann es gar nicht mehr.

Und ist das nicht überhaupt eine unglaubliche Sache? Der menschliche Erfindungsgeist bringt Hosen hervor, die in der Lage sind zu atmen. Bestimmt gibt es irgendwann Hosen, die auch ganz alleine laufen. Ich sehe das vor mir: Eines Tages werden Wettbewerbe veranstaltet, bei denen laufen nur die Hosen. Da stehst du an der Tartanbahn und feuerst deine Hose an.

Gut, ganz so weit ist es noch nicht, und ich bin fest entschlossen, selbst zu laufen; was allerdings nicht ohne Überwindung weiterer Hindernisse funktioniert, denn der Karton mit meinen Laufschuhen, den ich irgendwo im Keller vermute, bleibt trotz einer intensiven und langwierigen Suche unauffindbar.

»Versager!«, beschimpfe ich mich. »Ewiger Schluffi!« Denn ich sehe die reale Gefahr, dass meine Sportlerkarriere enden könnte, bevor sie überhaupt angefangen hat. Dann aber – ich habe gar nicht mehr wirklich gesucht, sondern im Grunde nur noch verzweifelt überall rumgeguckt – finde ich den Karton an einer vollkommen unvermuteten Stelle, nämlich im linken unteren Eck meines Kleiderschranks. Versteckt unter einer Staubschicht von so imposanter Dicke, dass das Öffnen des Kartons erst einmal eine handfeste Niesattacke auslöst.

Bei der Gelegenheit entdecke ich noch ein Kleidungsstück, welches die neu erworbene Laufhose und die wieder aufgetauchten Schuhe in – wie ich meine – optimaler Weise ergänzt, nämlich ein weit geschnittenes (man könnte auch sagen: total ausgeleiertes), schwarzes Baumwoll-T-Shirt, das auf der Vorderseite von den Überresten eines Iron-Maiden-Emblems und auf der Rückseite von den im Einzelnen nicht mehr entzifferbaren Daten einer »World-Tour 1994/95« geziert wird.

In dieser Gewandung laufe ich im Flur dann Felix und Jonas über den Weg, und – man kann es nicht anders sagen – die Jungs sind echt geschockt.

»Mama, Mama«, ruft Jonas, »guck mal, wie Papa aussieht.«

»Wie denn?«, fragt Marianne aus dem Wohnzimmer zurück.

»Der sieht aus, als hätte man den Terminator mit einem Altkleidersack gekreuzt.« Es ist Felix, der diese Bemerkung macht, und nicht zum ersten Mal finde ich, irgendjemand hätte unseren Kindern im Laufe des Erziehungsprozesses deutlich machen müssen, dass man seinen Eltern doch bitte schön ein Mindestmaß an Respekt entgegenzubringen hat.

An Marianne gewandt sage ich so beiläufig wie möglich: »Ich gehe eine Runde laufen.«

Jetzt ist sie es, die mich in meinem Sportlerdress zu Gesicht bekommt, und ihre Reaktion ist wirklich beeindruckend. Ich wusste, dass sie als Ausdruck des Erstaunens die linke Augenbraue hochziehen kann, aber dass sie die Augenbraue, grob geschätzt, einen halben Meter hochziehen kann, sehe ich in diesem Moment zum ersten Mal.

Davon abgesehen zeichnet sich nicht nur Erstaunen in ihrem Gesicht ab, sondern auch ein Gefühl, das man wohl als tief empfundene Sorge bezeichnen muss: »Du übertreibst es aber nicht?«

»Keine Angst.«

Und dann geschieht es tatsächlich: Ich! laufe! los! Ich gebe dabei gewiss nicht das gleiche Bild ab wie Sylvester Stallone, der als Rocky Balboa den Philadelphia Parkway entlangjoggt, mich begleitet vorerst keine Horde halbwüchsiger Fans, die mich mit ihren Zurufen anfeuert und auf Trab bringt, aber das wird schon kommen – ist bestimmt nur eine Frage der Zeit. Eine vielstufige Treppe zu einem Kunstmuseum, die ich großtuerisch hinauflaufen könnte, habe ich leider auch nicht in meiner Nähe, was mich jedoch nicht die Bohne betrübt, sondern heilfroh stimmt, denn Treppenstufen würde ich in meinem aktuellen Zustand bestimmt nur zwei oder drei schaffen und diese Bemühungen dann wohl auch mit einem Kreislaufkollaps bezahlen.

Das, was ich hier betreibe – so ehrlich will ich dann schon sein –, kann man nämlich nur mit viel gutem Willen als »Laufen« bezeichnen. Es sind einige Senioren mit Rollator unterwegs, die ich nur mit Mühe überhole. Trotzdem ist das Iron-Maiden-T-Shirt nach einer knappen halben Stunde triefnass geschwitzt und dadurch gut und gerne drei Kilo schwerer geworden.

Als ich wieder zu Hause ankomme, ist Brigitte, die nebenan wohnt, gerade dabei, ihr Fahrrad abzuschließen. Sie sieht mich und sagt: »Hör mal, ich wusste gar nicht, dass du so sportlich bist.«

»Bin – auch – gerade – erst – wieder – eingestiegen.« Ich benötige ein halbes Dutzend Atemzüge, um diesen Satz vollenden zu können.

»Das finde ich echt bewundernswert. Ich wünschte, ich wäre auch mal so konsequent. Und so, wie du aussiehst, hast du ja richtig gefightet. Trainierst du auch für einen Marathon?«

Auf diese Frage kann ich nur noch mit einer äußerst vagen Geste antworten. Eine Handbewegung, von der ich selbst nicht weiß, ob sie verzweifelte Abwehr oder Bestätigung ausdrücken soll. Für Brigitte scheint es beschlossene Sache zu sein, dass ich fortan als Leistungssportler zu betrachten bin.

»Stark! Und deine Laufhose – wow! –, die ist der absolute Hammer!«

Vor meinem geistigen Auge mache ich einen dicken Haken an diesen Tag: Perfekt! Mag ich von ...

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