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Wer das Schweigen bricht

Ein Mann auf den Spuren seines verstorbenen Vaters. Eine verbotene Liebe in den Wirrungen des Zweiten Weltkriegs. Und ein mörderisches Verbrechen mit weitreichenden Konsequenzen.

Der Familien- und Firmenpatriarch Friedhelm Lubisch ist tot. Sein Sohn findet in seinem Nachlass das Foto einer attraktiven Frau und den SS-Ausweis eines Unbekannten. Robert Lubisch’ Neugierde ist geweckt. Mit Hilfe der ehrgeizigen Journalistin Rita Albers begibt er sich auf die Spurensuche – und schlägt ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte auf. Als auch Rita der Wahrheit näher kommt, bezahlt sie dies mit ihrem Leben. Welche alten Wunden wurden hier wieder aufgerissen?

„… ihre Stimme ist einzigartig in der deutschen Krimilandschaft. Nicht weichgespült, nicht marktkonform, sondern eigen. Eine Autorin, die etwas zu sagen hat – und dafür auch noch die richtigen Worte, Sätze und Erzählweisen findet.“

Ulrich Noller, Deutsche Welle

über „Mitten in der Stadt“

Mechtild Borrmann wurde 1960 geboren und lebt heute in Bielefeld. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie am Niederrhein – wo auch viele ihrer Krimis angesiedelt sind. Sie arbeitete u.a. als Tanz- und Theaterpädagogin. Bereits bei Pendragon erschienen: „Morgen ist der Tag nach gestern“ (2007) und „Mitten in der Stadt“ (2009).

Mechtild Borrmann

Wer das Schweigen bricht

PENDRAGON

Personen

Damals:

Die Jugendfreunde:

Therese Pohl geboren 1922
Leonard Kramer geboren 1921
Hanna Höver geboren 1921
Jacob Kalder geboren 1920
Alwine Kalder geboren 1922
Wilhelm Peters geboren 1920

 

Siegmund Pohl Arzt und Vater der Therese Pohl
Margarete Pohl Mutter der Therese Pohl
Gustav Höver Bauer und Vater der Geschwister
Hanna und Paul Höver
Hollmann Hauptsturmführer der SS

1998:

Robert Lubisch Arzt und Sohn des
Friedhelm Lubisch
Rita Albers Journalistin
Karl van den Boom Hauptwachtmeister
Steiner Hauptkommissar im K11
Brand Kommissar im K11
Theo Gerhard Polizeiobermeister a.D.
Thomas Köbler Journalist und Freund der Rita Albers
Tillmann und
Therese Mende Unternehmer

Für Peter Gogolin

„Zu denken ist die Geschichte leicht, einzusehen aber schwer für all jene, die sie am eigenen Leib erfahren.“

Albert Camus (1913 –1960)

Kapitel 1

12. November 1997

Wie still. War es hier immer so still gewesen? Robert Lubisch stand am Fenster und sah hinaus in den Garten.

Am Ende des weitläufigen Grundstücks schimmerten die hohen Douglastannen fast blau vor einem milchigen Himmel. Frühnebel lag wie gezupfte Watte auf dem Rasen, waberte um die Rhododendronbüsche und den Sockel der lebensgroßen marmornen Diana, die wehrhaft, mit einem Bogen in der Hand, fror. Immer hatte sie so gefroren, nur manchmal, wenn im Sommer die Mittagssonne senkrecht in den Garten fiel, hatte der Stein golden und warm geschimmert.

Er erinnerte sich noch an den Tag, an dem sie aufgestellt worden war. Ein Teil des Gartenzaunes musste abgerissen werden, damit der Lastwagen in den Garten fahren konnte. Er war elf oder zwölf Jahre alt gewesen. Ihr Gewand ließ die rechte Brust frei, und in den ersten Wochen, immer wenn er sich unbeobachtet glaubte, stieg er auf den Sockel und fuhr mit den Fingern über die perfekt modellierte Brustwarze. Die kleinen Unebenheiten und die glatte kühle Kuppe unter den Fingerspitzen, hatten seine ersten sexuellen Phantasien angeregt.

Er stellte sich Diana in seinem kleinen Garten in Hamburg vor, eingepfercht zwischen Terrasse und der Hecke zum Nachbargrundstück. Er lächelte.

Zu groß. So war es mit allem, was er mit seinem Vater verband. Alles war ihm, Robert, immer zu groß vorgekommen. Die Gesten, das Haus, die Feste, die Reden, die Ansprüche und Erwartungen.

Um Diana sollte sich der Kunst- und Antiquitätenhändler kümmern, der den Verkauf der Bilder, Skulpturen, Bücher und Möbel bereits in die Hand genommen hatte. Vielleicht wollten sie ja auch die Käufer des Hauses übernehmen.

Robert Lubisch trug einen Karton mit Unterlagen, der Schmuckschatulle seiner Mutter und Büchern, von denen er sich nicht trennen wollte, in die Halle. Einige wenige Bilder und Skulpturen standen, eingewickelt in luftgepolsterte Folien, an der Wand. Das waren die Dinge, die er mit nach Hamburg nehmen würde.

Das Haus zu verkaufen war ein nüchterner und logischer Entschluss gewesen, aber jetzt schmerzte es. Der Mutter war er, bis zu deren Tod vor sechs Jahren, nahe gewesen, aber den Ansprüchen des Vaters hatte er nie genügt. Und jetzt, hier in diesem langsam sich leerenden Haus, wurde ihm bewusst, dass er sich nicht mehr mühen musste, dass es vorbei war. Aber eben auch, und das war der Schmerz, dass er jetzt für immer ungenügend bleiben würde.

Sein Blick blieb an der mahagonifarbenen breit geschwungenen Holztreppe hängen, die von der Eingangshalle hinauf in den ersten Stock führte. Als Kind war er auf dem polierten Handlauf einen perfekten Bogen gerutscht.

Dem Vater war diese Villa am Stadtrand von Essen, zwischen Schellberger Wald und Baldeneysee, wichtig gewesen. Ein Statussymbol, das sich nur wenige leisten konnten. Im Laufe der Jahre waren seine Eltern hier wohl wirklich heimisch geworden, und nach dem Tod der Mutter blieb der Vater wohnen. Acht Zimmer. Über dreihundert Quadratmeter.

Er ging zurück in das Arbeitszimmer.

Hier hatte Frau Winter, die Haushälterin, die schon seit dreißig Jahren im Haus zuständig war, ihn vor zehn Tagen gefunden. In seinem Sessel sitzend, die Lesebrille auf der Nase und die Tageszeitung auf dem Schoß. „Einen beschäftigten Eindruck hat er gemacht“, hatte sie am Telefon auf seine Frage, ob er friedlich gestorben sei, geantwortet, „ganz beschäftigt, bis zuletzt.“

Die Todesanzeige im Namen der Familie, die er aufgegeben hatte, war untergegangen neben den halb- und ganzseitigen Anzeigen des Stadtrates, des Vertriebenenverbandes und der Lubisch AG.

Über zweihundert Trauergäste erwiesen dem Vater die letzte Ehre. Der Kirchenchor sang „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt“, und am Grab bliesen drei Trompeter den Zapfenstreich. Kränze stapelten sich, sodass man die Aufschriften auf den Schleifen kaum lesen konnte. Der Bürgermeister, das Bauamt, der Stadtrat, diverse Firmen, mit denen er zusammengearbeitet hatte, der Vertriebenenverband, dem er schon zu Lebzeiten einen Teil seines Vermögens überschrieb, und natürlich die Lubisch AG, die der Vater vor fünf Jahren als Lubisch GmbH verkaufte. Der Name war geblieben, darauf hatte der Alte bestanden.

Er strich mit den Fingern über die hochglanzpolierte Schreibtischplatte aus Nussbaum. Nach dem Tod der Mutter war er nicht oft hergekommen. Der Geburtstag und die obligatorischen Besuche an Ostern und Weihnachten. Sein Vater hatte in ihm den Nachfolger im Bauunternehmen gesehen. Als er sich für ein Medizinstudium entschied, war es zum Bruch gekommen, und obwohl sie beide in den Jahren danach das Thema mieden, stand es immer zwischen ihnen, hörte er den Vorwurf in der Stimme des Alten, wenn das Gespräch auf das Unternehmen kam.

Der Vater leitete die Firma noch bis zu seinem 74. Lebensjahr, stur daran festhaltend, dass sein Sohn es sich anders überlegen würde, dass er doch noch „vernünftig“ würde.

Robert Lubisch sah auf die Uhr. Der Makler kam um 9.00 Uhr mit den ersten Kaufinteressenten. Wenn sie das Haus besenrein übernehmen wollten, würde er eine dieser Entrümplungsfirmen beauftragen.

Das Wort versetzte ihm einen Stich, er kam sich grob vor. Was würde bleiben von dem großen Friedhelm Lubisch? Ein Firmenname und die Symbole, die hier in der Halle standen, und die er in Hamburg ab und an zur Hand nehmen würde.

Er räumte die Schreibtischschubladen aus. Ganz unten fand er Briefe der Mutter, sorgfältig gebündelt. Er lächelte. So war er auch gewesen, der alte Sturkopf. Wenn er noch lebte, würde er diese kleine Sentimentalität vehement leugnen und wahrscheinlich behaupten, dass er sie der Mutter zuliebe verwahrt habe.

Neben den Briefen fand er ein Zigarrenkästchen aus fein gemasertem, dunklem Holz. Auf der Deckelmitte, in einem eingelassenen Oval aus Perlmutt eingefräst, zog ein Pferd mit breiten Hufen schwer an einem Planwagen. Der eingebrannte Schriftzug „Brasil 100% Tobacco“ war abgegriffen. Im Inneren fand er einen SS-Ausweis, einen Passierschein und einen Entlassungsschein aus der Kriegsgefangenschaft. Ganz unten lag ein sepiafarbenes Porträtfoto mit vergilbten, gezackten Rändern. Es zeigte eine junge Frau. Das Bild im Ausweis war unkenntlich, aber der Namenszug lautete: Wilhelm Peters. Der Passierschein trug keinen Namen. Nur der Entlassungsschein aus der Gefangenschaft trug den Namen des Vaters.

Robert betrachtete die Papiere. Die schwarzen Flecken im Ausweis waren durch Blut entstanden. Der Vater stammte aus Schlesien. Er war einfacher Soldat gewesen und kurz vor Kriegsende in Gefangenschaft geraten. Aber wieso besaß er die Papiere eines Fremden?

Er hörte den Wagen des Maklers die Einfahrt hinaufkommen, legte die Dokumente zurück, schloss das Kästchen und warf es in den Umzugskarton, zu den Fotoalben und Unterlagen, um die er sich zu Hause kümmern wollte.

Als er nachts in Hamburg ankam, stellte er den Karton in die hintere Ecke seines Arbeitszimmers. Es sollten drei Monate vergehen, ehe er sich wieder damit beschäftigen würde.


Kapitel 2

18. Februar 1998

Maren Lubisch saß abends im Wohnzimmer über eines der Fotoalben gebeugt. Robert setzte sich dazu und betrachtete erstaunt die Bilder, die den Vater mit Mitte vierzig zeigten. Maren lachte. „Wenn ich es nicht wüsste, würde ich sagen, das bist du.“ Die gleiche hohe Stirn mit den viel zu früh ergrauten Haaren. Die gerade Nase und der etwas strenge, schmale Mund. Nur die Gestalt hatte er mütterlicherseits geerbt. Während der Vater auf den Bildern eher bullig wirkte, waren seine Glieder lang und dünn.

Ein Foto zeigte sie beide im Arbeitszimmer hinter dem Schreibtisch. Er als Neun- oder Zehnjähriger auf der Armlehne des alten Mahagonisessels, neben dem Vater.

Beide mit überraschtem Blick. Als Maren umblättern wollte, hielt er die Hand zwischen die Seiten und zog das Album näher heran.

Auf dem Foto sah man auf der Schreibunterlage ein geöffnetes Zigarrenkistchen.

„Warte mal.“

Er holte das Kästchen und stellte es neben das Album.

„Siehst du das?“ Er deutete auf das Bild und spürte diese Unruhe, die sich einstellt, wenn längst Vergessenes schemenhaft Gestalt annimmt. Er wusste etwas über diese Papiere.

Er strich über das Oval aus Perlmutt und öffnete den Deckel. Der vage, süßlich-herbe Restduft eines edlen Tabaks strömte ihm entgegen. Der Geruch, so schien es ihm, brachte die Erinnerung zurück. Er meinte, den Druck der Armlehne auf Pobacke und Oberschenkel zu spüren und sah diese wenigen vertrauten Augenblicke, die er mit dem Vater gehabt hatte, vor sich.

„Ich bin desertiert“, hörte er die Stimme des Alten aus weiter Ferne.

Er hatte am Niederrhein in einer Panzerdivision gekämpft, und als die Großoffensive der Alliierten begann und seine beiden engsten Kameraden innerhalb von Minuten tot neben ihm zusammenbrachen, verlor er die Nerven.

Ja, jetzt wusste er es wieder.

Der Vater hatte gesagt: „Ohne Verstand bin ich gelaufen, nur weg, weg von der Front. Weg von all den Toten.“

Und einer dieser Toten war der SS-Scharführer Wilhelm Peters gewesen. In der Brusttasche steckte der Ausweis, ein gefaltetes DIN-A4-Blatt auf dem das Foto durch eingetrocknetes Blut unkenntlich geworden war. In der Manteltasche fand er den Passierschein, ein kleines in Leinen eingebundenes Mäppchen. Er zog dem Toten Mantel und Jacke aus, nahm die Papiere an sich und schaffte es als SS-Scharführer Wilhelm Peters durch die deutschen Linien bis ins Ruhrgebiet. Eigentlich wollte er nach Hause, nach Breslau, aber man sagte, dass dort die Russen seien und die Zivilbevölkerung in großen Trecks die Heimat verließ. Im Ruhrgebiet trennte er sich von dem Mantel und der Jacke und geriet unter seinem richtigen Namen Friedhelm Lubisch in Gefangenschaft. Erst 1948 wurde er entlassen.

Er hatte versucht die Eltern und die Schwester ausfindig zu machen und erfuhr zwei Jahre später über das Rote Kreuz, dass sie in Breslau geblieben und dort umgekommen waren.

Robert Lubisch saß lange schweigend da.

Viele Abende war er damals in das Arbeitszimmer seines Vaters gegangen und hatte sich die Geschichte erzählen lassen. Immer und immer wieder. Wie vertraut sie miteinander gewesen waren.

Maren nahm das Porträtfoto der Frau aus dem Kästchen. „Was ist mit der Frau? Hat er dazu nichts gesagt?“

„Nein“, Robert schüttelte den Kopf. „Das Bild hat er mir nie gezeigt, jedenfalls kann ich mich daran nicht erinnern.“

„Könnte es deine Großmutter sein? Oder deine Tante?“

„Vielleicht.“

Maren drehte das Foto um. Auf der Rückseite stand: „Fotoatelier Heuer, Kranenburg“.

„Sieh mal.“ Sie hielt ihm die Rückseite des Fotos hin. „Liegt Kranenburg nicht am Niederrhein? Vielleicht gehörte das Bild auch zu den Papieren von diesem Peters. Vielleicht war das seine Freundin oder Frau?“

Sie saßen bis tief in die Nacht, und während sie redeten und spekulierten, wer die Frau wohl war, und wer der Mann, dieser SS-Scharführer – und Maren sagte SS-Scharführer immer wieder, und das SS zischte zwischen ihren Zähnen, als müsse sie die Buchstaben auspusten – wurden diese Dokumente auf einmal wichtig. Gewichtig. Schwer. Der Mann war tot, die Frau vielleicht auch. Sie griffen immer wieder abwechselnd nach dem Foto, auf dem diese Frau auf eine fast intime Weise lächelte. So lächelte man doch keinen Fremden an. Auch keinen Fotografen. Wer war dabei gewesen? Dieser Wilhelm Peters? Oder Roberts Vater? Schließlich war auch er zum Ende des Krieges dort gewesen.

Maren sagte: „Vielleicht lebt sie noch?“

Sie sprachen nicht weiter und er fasste keinen Entschluss. Aber es arbeitete in ihm. Vielleicht war sie wirklich die Freundin von diesem Peters gewesen, aber vielleicht hatte sie seinem Vater nahegestanden, und zwar so nahe, dass er ihr Bild all die Jahre aufbewahrte. Aber warum hatte er es nie her gezeigt, die Frau nie erwähnt?

Der über jeden Verdacht erhabene Vater hatte vielleicht doch ein Geheimnis. Der Gedanke gefiel Robert. Vielleicht würde sich eine Schwäche offenbaren, eine kleine Delle in der glatten Unantastbarkeit des Alten, mit der er so viele Jahre gekämpft hatte.

Robert lächelte. Er spürte, dass es für ihn wie eine Befreiung wäre, wenn er den übermächtigen Vater auf eine normale Größe zurechtstutzen könnte. Er wollte es wissen. Nur für sich.

Kapitel 3

20. April 1998

Der Frühling hatte nach einem milden Winter nicht lange auf sich warten lassen, und in den letzten Tagen war das Thermometer auf sommerliche 25 Grad gestiegen. Am Niederrhein zeigten sich die Wiesen in sattem Grün, übersät vom Gelb des Löwenzahns, und dazwischen hielt Wiesenschaumkraut an langen Stielen kleine rosafarbene Blüten hoch. Die Höfe und Dörfer wirkten wie willkürlich und mit großer Hand in die Ebene gestreut, Häusergruppen, die in der flachen Weite kauerten.

Robert Lubisch war zu einem Kongress an der Raboud Universität in Nimwegen eingeladen und nutzte die Gelegenheit, sich in Kranenburg nach dem Fotoatelier Heuer zu erkundigen.

Gegen Mittag erreichte er den Ort. Ein Kreisverkehr und dann eine Straße wie ein breiter Schnitt, an dem sich die Häuser aus dunkelroten Backsteinen zu beiden Seiten wie Schaulustige in die erste Reihe drängten. Kleine Geschäfte und Ladenlokale unter spitzen Dächern. Es waren nur wenige Menschen unterwegs.

Er stellte den Wagen in einer der Parkbuchten am Straßenrand ab und betrat ein Lokal mit blütenweißen Stores vor den Fenstern. Auf den Tischen standen, auf gestärkten cremefarbenen Tischdecken, kleine Porzellanvasen mit bunten Plastiksträußchen, die man mit einem Staubwedel frisch halten konnte. Eine Schiefertafel neben der Theke pries in geschwungener Schrift Spargelgerichte an. Es war noch früh, das Restaurant menschenleer.

Eine rundliche Frau stand hinter der Theke, öffnete mit einem Steakmesser Briefe und ließ die leeren Umschläge achtlos in den Papierkorb zu ihren Füßen fallen. Ihr gegenüber saß ein älterer Mann vor einem halbvollen Glas Bier und rauchte filterlose Zigaretten. Als Robert Lubisch sich an den Tresen stellte, sahen die beiden ihn erwartungsvoll an. Er grüßte.

„Essen“, sagte die Frau, „gibt es erst in einer Stunde. Um zwölf.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Essen wollte ich nicht, vielen Dank.“

Er bestellte Espresso und zog das Porträtfoto aus der Tasche seines Leinenjacketts.

„Ich wollte Sie fragen“, begann er umständlich, „ob Sie mir vielleicht weiterhelfen können?“

Er legte das Foto mit der Rückseite nach oben auf den Tresen und wies auf den Stempel. „Ich suche diese Adresse. Fotoatelier Heuer.“ Er lächelte verlegen: „Vielleicht gibt es das heute gar nicht mehr, aber …“

Die Frau, wahrscheinlich die Wirtin, unterbrach ihn. „Heuer, ja Mensch, der ist doch schon mindestens zwanzig Jahre nicht mehr.“ Der Mann beugte sich über die Fotorückseite und nickte zustimmend. „Mindestens!“, pflichtete er bei, drehte sich auf seinem Hocker um und wies in eine unbestimmte Richtung. „Der war doch da am Eck, wo jetzt der Linnen sein Versicherungsbüro hat.“

„Richtig.“ Die Frau schenkte der Post jetzt keine Beachtung mehr. „Aber vor Linnen war ja noch die Wiebke Steiner mit den Kindermoden da drin.“ Sie verschränkte die Arme und musterte Lubisch misstrauisch. „Warum wollen Sie das denn wissen?“

Er zögerte, hatte für einen Augenblick das Gefühl, er dürfe die Frau auf dem Foto nicht einfach herzeigen. Das war albern. Er wusste das.

Er drehte das Foto um. „Wissen Sie, wer diese Frau ist?“

Die Wirtin nahm das Bild und betrachtete es eingehend. „Soll die von Kranenburg sein?“

Lubisch zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass dieses Foto im Atelier Heuer gemacht worden ist.“

Sie reichte das Bild an den Alten weiter, der es in seinen nikotingelben Fingern hielt und mit ausgestreckten Armen und zusammengezogenen Augenbrauen begutachtete. Er zuckte mit den Schultern: „Ich bin ja nicht von hier, bin erst 1962 hergezogen, und das Bild ist sicher älter. Aber der alte Heuer, der lebt doch noch … Muss schon an die neunzig sein, der Heuer.“

Die Wirtin war jetzt unverhohlen neugierig. „Was ist denn mit der Frau? Ich mein, wieso suchen Sie die?“

Robert Lubisch log, ohne genau zu wissen warum. Es war eine Art Unbehagen, das sich in ihm breitmachte. „Meine Mutter ist verstorben, und diese Frau war in ihrer Jugend ihre beste Freundin. Ich bin zufällig in der Gegend und dachte, vielleicht kann ich sie ausfindig machen“, sagte er eine Spur zu eilig.

Die Kaffeemaschine ließ ein abschließendes Zischen und Brodeln hören. Die Wirtin stellte ihm den bestellten Espresso hin.

„Wie heißt sie denn?“, fragte sie nach einer längeren Pause, in der sie zu überlegen schien, ob sie dem Fremden glauben sollte.

„Das weiß ich leider nicht.“

Sie verschränkte ihre Arme unter einem fülligen Busen. „Tja. Da weiß ich jetzt auch nicht …“ Sie musterte Robert Lubisch ungeniert und dann traf sie eine Entscheidung. „Aber der Heuer, der wohnt bei seinem Sohn in Nütterden.“ Sie griff nach hinten, öffnete im Rückbuffet eine kleine Schranktür und holte ein Telefonbuch hervor. Die Finger immer wieder anleckend, blätterte sie die Ecken des dünnen Papiers zügig durch.

„Hier. Norbert Heuer. Das ist sein Sohn.“ Sie schrieb die Adresse und Telefonnummer auf einen Kellnerblock, riss den Zettel ab und reichte ihn Robert.

Er kippte den Espresso hinunter, bedankte sich und ließ ein großzügiges Trinkgeld zurück.

Als er hinaustrat, hatte die Sonne weiter an Kraft gewonnen. Er zog das Jackett aus, legte es auf die Rückbank seines Wagens und krempelte die Hemdsärmel bis zu den Ellbogen auf. Angespornt durch diesen Erfolg im ersten Versuch entschied er sich, auf gut Glück nach Nütterden zu fahren.

Das Einfamilienhaus mit gepflegtem Vorgarten lag in einem Wohngebiet, das wohl in den Sechzigerjahren entstanden war.

Als er vor der Nummer 23 ausstieg, überfiel es ihn wieder, dieses Unbehagen. Dieses Gefühl, sich in Dinge einzumischen, die ihn nichts an gingen. Er schüttelte den Kopf. Wie nannte Maren ihn immer: Mein Bedenkenträger!

Auf sein Klingeln öffnete eine Frau um die sechzig die weiße Kunststofftür mit dem goldenen Klopfer in der Mitte, der nur Zierrat war. Er erklärte sein Anliegen und plötzlich war ihm das alles unangenehm. Was fiel ihm denn ein, die Leute wegen eines mindestens fünfzig Jahre alten Fotos zu belästigen.

Für einen Augenblick hoffte er, sie würde ihn einfach wegschicken. Dann würde er sich in seinen Wagen setzen und auf direktem Weg nach Nimwegen fahren.

Sie sagte: „Ach, na wenn Sie da mal Glück haben.

Wenn das schon so lange zurück ist … Aber kommen Sie, fragen Sie ihn selber.“

Im Wohnzimmer hockte ein schmächtiger Mann mit einer Lupe über der Tageszeitung. Die Polstermöbel waren braun und zu schwer für das kleine Zimmer, und der Alte wirkte in dem großen Sessel wie ein Kind.

Er stand mühsam auf und sie gaben einander die Hand. Robert überragte ihn um fast einen halben Meter und setzte sich eilig.

Die Schwiegertochter bot Kaffee an und ging hinaus.

Heuer schaute mit großen wässrig, grauen Augen und wartete. Robert dachte an Heuers Beruf, an den Blick durch die Linse, an das Warten auf den richtigen Moment. Diesen Bruchteil einer Sekunde, den einzufangen sich lohnte.

Er beugte sich vor und schob das Foto über den Tisch.

„Vielleicht haben Sie dieses Bild aufgenommen?“, fragte er leise. „Jedenfalls stammt es aus Ihrem Atelier“, und er wusste nicht, warum er fast flüsterte.

Heuer nahm die Lupe, betrachtete das Porträt und die Rückseite eingehend. Robert Lubisch sah die wässrigen Augen für einen Moment durch die Lupe vergrößert und dachte an einen See, auf dem sich Nebel sammeln, um sich nie wieder aufzulösen.

„Ja, das ist von mir“, sagte der Alte und legte Bild und Lupe zurück. Robert hatte Stolz auf diese Arbeit erwartet, aber dieses „Ja, das ist von mir“ klang resigniert.

Frau Heuer kam mit einem Tablett, verteilte rosageblümtes Kaffeegeschirr und goss Kaffee aus einer bauchigen, dazu passenden Kanne ein. Sie schwiegen. Dann zog sie sich wieder zurück und die leise Nachdrücklichkeit, mit der sie die Tür hinter sich schloss, gab diesem Treffen etwas Heimliches.

Der Alte rührte in seinem Kaffee und schien dem hellen gleichmäßigen Klang, wenn der Löffel gegen die dünnwandige Tasse stieß, nachzulauschen.

Robert wartete.

„Das ist Therese“, sagte Heuer, und auch er sprach leise. Seine Stimme mischte sich mit dem Porzellanklang und Robert meinte, der Alte habe den Namen gesungen.

Heuer legte den Löffel beiseite und sah auf. „Therese Pohl. Später Therese Peters.“

Robert rutschte in seinem Sessel ein Stück vor. „Die Frau von Wilhelm Peters?“

„Ja“, sagte er. „Wilhelm Peters.“

Robert spürte Enttäuschung.

„Der Wilhelm ist vermisst“, sagte Heuer und nahm einen Schluck Kaffee. „Seit damals ist der vermisst.“

Lubisch runzelte die Stirn.

„Wilhelm Peters ist nicht gefunden worden?“, fragte er skeptisch.

Der Alte schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Nie.“

„Wissen Sie vielleicht, ob Frau Peters noch lebt und wo ich sie finden kann? Oder hatten sie vielleicht Kinder?“

Er wusste nicht, warum er das fragte. Eigentlich war seine Suche hier zu Ende. Er hatte keine heimliche Geliebte des Vaters gefunden. Aber jetzt hatte die Frau einen Namen und es war, als sei sie dadurch ein Stück näher herangerückt, herausgetreten aus dieser sepiafarbenen Ferne.

Heuer nahm das Bild auf und es schien, als spräche er zu dem Foto.

„Die ist dann auch weg. Nicht lange danach … Hat man nie mehr was von gehört. Und … nein, Kinder hatten die keine.“

„Wo haben die Peters damals gewohnt?“, versuchte Robert die aufkommende Enttäuschung zu bremsen.

„Zuletzt haben die draußen gewohnt.“ Er machte eine schwache Armbewegung. „Auf dem Höverkotten.“

Dann sah er Robert direkt an.

„Aber sagen Sie, woher haben Sie das Bild?“

Robert Lubisch zögerte kurz, dann entschied er sich für eine Teilwahrheit. „Es war in den Unterlagen meines Vaters.“

Auf dem Gesicht des Alten zeigte sich zum ersten Mal ein Lächeln. „Ja, ja. Die Therese. Das war ein hübsches Mädchen. Die ist sicher nicht lange allein geblieben. Vielleicht hat sie ja doch noch ihr Glück gemacht.“

Als Robert sich verabschiedete, blieb er noch einmal stehen. Er musste das einfach fragen. „Herr Heuer, können Sie sich an diesen Fototermin erinnern? Wissen Sie noch, ob Therese alleine kam oder in Begleitung?“

Die schwimmenden Augen wichen aus und er starrte sekundenlang vor sich hin. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein. Ich meine, sie kam alleine, aber das ist lange her, ich kann mich nicht mehr genau erinnern.“

Robert stand mit Heuers Schwiegertochter schon am Gartenzaun, als er nach dem Weg zum Höverkotten fragte. Sie erklärte ihm den Weg. „Aber der ist erst seit einigen Jahren wieder bewohnt“, sagte sie nachdenklich, „der hat ja bald vierzig Jahre leer gestanden. Also ich würde meinen, wenn es um so alte Geschichten geht, da fahren sie besser direkt zum Höverhof. Paul und Hanna Höver. Die sind hier aufgewachsen. Die wissen da sicher besser Bescheid.“

Robert Lubisch bedankte sich.

Der Höverhof lag hinter Kranenburg und machte einen gepflegten Eindruck. Ein schmaler Asphaltweg führte von der Landstraße weg, an einer hohen Hecke vorbei zum Wohnhaus. Dahinter lagen weiß getünchte Stallungen. In der offenen Scheune standen ein alter Trecker und zwei Anhänger.

Am Wohnhaus führten vier breite Stufen zu einer schweren Eichentür hinauf. Zu beiden Seiten des Eingangs standen Terrakottatöpfe in denen üppige Geranien blühten. Noch bevor er den Klingelknopf drücken konnte, begann ein Hund im Innern des Hauses zu bellen.

Er schellte zwei Mal und das Tier schien mit jedem Klingelzeichen aufgeregter, kläffte jetzt unmittelbar hinter der Tür. Robert wich einen Schritt zurück.

Sonst war nichts zu hören. Er sah sich um. In der Scheune neben dem Trecker war reichlich Platz und auf dem Betonboden waren Ölflecke zu erkennen. Vermutlich parkte dort normalerweise ein Pkw.

Er sah auf die Uhr. Viel Zeit hatte er nicht mehr. Auf der Wiese, direkt am Haus, weideten Pferde, daneben lag ein Voltigierplatz und im Westen, hinter den Feldern, duckte sich ein kleines, alleine stehendes Haus vor einem Waldstück.

Das musste der Höverkotten sein. Das könnte er noch probieren.

Kapitel 4

20. April 1998

Rita Albers pflanzte auf der Terrasse den Oleander und die beiden Orangenbäumchen, die den Winter im Haus verbracht hatten, in größere Töpfe.

Vor neun Jahren, unmittelbar nach ihrer Scheidung, hatte sie Köln den Rücken gekehrt und war hierher gezogen. Sie hatte diesen Kotten – am Ende der Welt, wie ihre Freunde behaupteten – auf Lebzeit gepachtet. Die Freunde hatten auch geunkt, dass sie hier vereinsamen würde, und dass sie bald zurückkäme. Aber stattdessen hatte sie ihre Festanstellung bei dem Frauenmagazin gekündigt und arbeitete seither als freie Journalistin. Es gefiel ihr, nach ausgedehnten Recherchereisen hierher zurückzukommen und in Ruhe an den Artikeln zu arbeiten. Ihren Entschluss hatte sie nie bereut.

Sie war gerade dabei, die Teakgartenmöbel mit Laugenwasser abzuschrubben, als es klingelte.

Sie rechnete mit dem Postboten und rief: „Auf der Terrasse.“

Als sie aufblickte, sah sie einen Fremden auf dem Plattenweg in den Garten kommen.

Sie stellte den Eimer mit dem Laugenwasser auf den Gartentisch.

„Ja, bitte“, sagte sie in leicht genervtem Ton und stützte sich mit ihren behandschuhten Händen auf die halbhohe, gemauerte Terrassenbalustrade. Sie hatte in der Einfahrt ein unübersehbares Schild mit der Aufschrift „Privatgrundstück“ angebracht. Es passierte immer wieder, dass Radfahrer und Wanderer sich hierher verirrten, ihren Wildgarten mit der großen Obstwiese dahinter für eine Touristenattraktion hielten und ungeniert hinein spazierten. Als sie eines Tages nach Hause kam und eine Gruppe Radfahrer auf der Wiese ein Picknick veranstaltete, war ihr der Kragen geplatzt und sie hatte das Schild aufgestellt.

Der Mann, der jetzt auf die Terrasse zukam, passte nicht so ganz ins Bild. Er trug weder Wanderschuhe noch diese mit Werbung übersäten Körperkondome, in denen Radfahrer daherkamen.

„Entschuldigen Sie die Störung. Mein Name ist Robert Lubisch.“ Etwas verlegen stand er vor dem Terrassenaufgang.

Er räusperte sich. „Ist das hier der Höverkotten?“

„Ja“, antwortete sie jetzt weniger schroff, zog ihre Gummihandschuhe aus und fuhr sich durch die kurzen, dunklen Haare.

„Ich war schon auf dem Höverhof, aber da ist niemand zu Hause.“ Er räusperte sich erneut. „Ich weiß auch gar nicht, ob Sie mir da weiterhelfen können.“

Er hielt ein kleines Foto hoch. „Es geht um diese Frau. Sie hat hier mal gewohnt.“

In Rita Albers erwachte berufsbedingte Neugier. „Kommen Sie rauf“, sagte sie spontan. „Es ist sowieso Zeit für eine Pause.“

Sie zog die Gartenschuhe aus, reichte ihm die Hand und stellte sich vor. Dann ging sie voraus in eine großzügige, helle Küche. Ihre schlanke Gestalt bewegte sie sicher um den schweren Holztisch, der in der Mitte stand und von acht beigen Schalensitzen umgeben war. Sie bat ihn Platz zu nehmen, stellte Gläser, einen Krug mit Orangensaft und eine Flasche Mineralwasser auf den Tisch. Als sie sich gesetzt hatte, sah sie ihn erwartungsvoll an.

Er legte das Foto auf den Tisch.

„Das ist Therese Peters“, erklärte er, „und sie hat mit ihrem Mann wahrscheinlich bis Kriegsende hier gewohnt.“

Rita Albers zog die Augenbrauen kritisch zusammen und betrachtete das Bild. Dann blickte sie den Mann an.

„Das kann schon sein, aber ich habe das Haus erst vor neun Jahren gepachtet. Ich mein, ich verstehe nicht ganz, was sie wollen. Ist das eine Verwandte von Ihnen, oder was?“

Robert Lubisch schüttelte den Kopf. „Sie ist keine Verwandte. Ich weiß nicht mal, ob sie überhaupt noch lebt.“ Für einen Moment dachte er: Was mach ich hier? Therese Peters war nicht die Geliebte meines Vaters. Es ist vorbei.

Er schüttelte den Kopf und erhob sich. „Es tut mir leid, bitte entschuldigen Sie mein Eindringen.“

Rita Albers musterte ihn und stand ebenfalls auf. „Jetzt warten Sie doch mal. So geht das nicht. Erst machen Sie mich neugierig und dann gehen Sie einfach wieder?“

Jetzt lächelte sie breit. „Ich meine … ich bin Journalistin, vielleicht kann ich Ihnen helfen.“

Robert blieb unschlüssig an der Küchentür stehen und ließ sich ihr Argument durch den Kopf gehen. Eine Journalistin wusste wahrscheinlich wie man vorgehen musste, und käme schneller an Informationen. Außerdem lebte sie hier, kannte die Leute. Und wenn nicht, auch gut. Eigentlich war die Sache für ihn erledigt, aber jetzt, wo die Frau auf dem Foto einen Namen hatte, interessierte ihn doch, was aus dieser Therese Peters geworden war.

Er setzte sich wieder und berichtete, was er bisher herausgefunden hatte. Die Albers fragte geschickt weiter und bald erzählte er von Heuer, von den Papieren des Wilhelm Peters und welche Rolle sie auf der Flucht seines Vaters gespielt hatten.

Rita Albers bot an, sich ein bisschen umzuhören, witterte eine Geschichte die sich vielleicht verkaufen ließ.

„Haben Sie die Papiere dabei?“

„Im Auto.“

Für einen Moment saßen sie schweigend da. Im Garten zwitscherten Meisen in die Stille.

„Hören Sie“, nahm Rita den Faden wieder auf. „Das interessiert mich jetzt auch. Schließlich haben die hier“, und dabei klopfte sie mit der Handfläche sacht auf den Tisch, „gelebt. Zumindest muss sich ja herausfinden lassen, was aus dieser Frau geworden ist.“

Sie schwieg.

Als er immer noch zu zögern schien, sagte sie: „Wissen Sie, dieses Haus hat seit 1951 oder 1952, so genau wussten die Hövers das nicht mehr, leer gestanden. Eine richtige Ruine war das. Eingeschlagene Fenster, Löcher im Dach, zertrümmerte Möbel und überall Unrat.“ Sie klopfte mit der flachen Hand wieder leicht auf den Tisch. „Nur dieses Schätzchen hab ich noch retten können.“

Robert Lubisch betrachtete den soliden, groben Tisch. Vielleicht hatten die Peters an diesem Tisch gesessen, so wie er jetzt mit dieser Frau hier saß. Das Foto war spätestens Anfang der Vierzigerjahre aufgenommen worden und das bedeutete, Therese Peters musste heute um die achtzig Jahre alt sein. Vielleicht würde es ihr etwas bedeuten, dieses Bild noch einmal in den Händen zu halten.

Dann stand er auf, ging zum Auto und holte die Papiere.

Er folgte Rita Albers durch einen breiten Bogen in ein großes Zimmer mit Schiebetüren, die auf die Terrasse führten. Zwei Glasplatten auf Metallböcken standen im rechten Winkel zueinander und bildeten eine Art modernes Büro. An den Wänden zogen sich Bücherregale bis zur Decke. Der helle Holzfußboden, nackt und unverstellt, schimmerte im einfallenden Sonnenlicht fast golden.

Rita Albers scannte das Foto, den Ausweis und den Passierschein ein. Das Gerät brauchte mehrere Minuten. Sie druckte das Foto aus und gab ihm die Originale zurück. Ein verschwommenes Schwarz-Weiß-Bild schob sich langsam aus dem Drucker.

Robert sah auf die Uhr. Er hatte sich über eine Stunde aufgehalten. Eilig tauschten sie Visitenkarten aus und er fuhr in Richtung Nimwegen.

Rita vergaß den Eimer mit dem Laugenwasser und die Gartenmöbel. Sie fuhr ihren Laptop hoch und machte sich im Internet auf die Suche nach Therese Peters. Das Telefonbuch Deutschland enthielt 21 Einträge.

Es war Zeit für die Tagesschau, als sie den Telefonhörer ein letztes Mal auflegte. Sie hatte, bis auf zwei, alle Therese Peters telefonisch erreicht. Keine hatte im Höverkotten oder auch nur in Kranenburg gewohnt, und auch was die beiden noch nicht erreichten anging, machte sie sich wenig Hoffnung. Die Frau war nicht mal dreißig gewesen, als sie fortging. Bestimmt hatte sie wieder geheiratet.

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