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Wer bin ich und warum?

Einleitung

Geburt, Kindheit und Jugend

Günters Geburt im Jahre 1957

Günterchen, das Omi-Kind

Bruderschaft

Oma Sophie und Opa Jakob

Wie Günter erzogen wurde

Günter im Kindergarten

Einschulung in Mülheim

Vom Dorf in die Stadt

Schenkendorfschule

Max von Laue-Gymnasium

Günter, der Puber-Bär

Günter beim Bund

Studium und Beruf

Johannes-Gutenberg Universität Mainz

Mein erster Job als Jurist, in Mainz

Mein zweiter Job als Jurist, in Leipzig

Günter und die Frauen

Schüchternheit schadet!

Manuela

Guck-Schatz Nicole

Eine Krankenschwester

Petra

Ute Geyermann

Petra Martens will und bekommt mich

Wieder eine weibliche Durststrecke

Barbara will und bekommt mich

Ute Klingbeil, meine erste Ehefrau

Exkurs: Partnerschaft, Liebe und Trennung

Sahar, Ehefrau und Lieblingsmensch

Weggefährtinnen

Günter – zweifacher Papa

Meine Gedanken über Kinder

Fabian

Tara

Günters Freunde

Der Wert guter Freundschaften

Bernd, der eigentlich nicht mein Freund war

Detlef, mein erster Koblenzer Freund

Peter Noga und Peter Larusch

Gerd und Georg, beste Studienfreunde der „Belle Etage“

Roland

Michael Tullius - Tully

Andreas

Zen-Freunde: Alex und Frank

Gesundheitsbaustein Ernährung

Vom Leben und Essen im westlichen Nachkriegsdeutschland

Dr. med. Bruker - Frischkornbrei

Zen und Askese

Vergiss den Kochtopf! Helmut Wandmaker

Ur-Kost nach Franz Konz

Zurück zur Ess-Norm

Teilfasten – Prof. Dr. Andreas Michalsen

Kurt Tepperwein und Rüdiger Dahlke

Meine neuen Ess-Gewohnheiten

Mensch, beweg dich!

Allgemeines zu Bewegung und Sport

Spielen und toben

Turnen

Schwimmen

Basketball

Marschieren und laufen

Karate

Joggen (altdeutsch „Langlauf“)

Bodybuilding (Krafttraining, Muskeltraining)

Aikido

WingTzun

Gelenkgymnastik, erneut Muskelaffe, Trampolin-Schwinger und Geher

Günters religiöses und spirituelles Leben

Am Anfang: Wie die Eltern, so die Kinder – katholisch

Günter sehr katholisch

Fragen und Zweifel im Glauben

Atheistische Phase

Neue Sinnsuche

Zen-Buddhismus

Zen in Wiesbaden

Günter und Meister Tenryu

Zen-Gruppe Mainz

Zen-Dojo Kyodaizan, Leipzig

Mujo – Ewiger Wandel

Transformation „Von der Raupe zum Schmetterling“

Kurt Tepperwein läutet meine Verwandlung ein

Und jetzt?

Wir ALLE sind Götter? Günter, hebst du gerade ab?

Was unterscheidet nun Zen von meinem gewandelten „Weg“?

Neue Einsichten

Lebende Leuchttürme

Alte Super-Leuchttürme

Danke!

Einleitung

Um wen und was geht es in diesem Buch?

Ich schreibe in diesem Buch über „mich“. Meine Eltern und alle um mich herum nannten „mich“ Günter. Sie redeten mir erfolgreich ein, indem Sie auf meinen Körper zeigten, dieser Körper sei ich, also Günter.

Mein wahres Selbst hingegen ist nicht dieser Körper, hat aber diesen Körper, wurde nie geboren und kann und wird niemals sterben. Daran habe ich mich erst 60 Jahre nach meiner Geburt erinnert. Immer wieder vergesse ich das, gehe also erneut in die Ich-Illusion und muss mich dann erneut daran erinnern.

In meinem Buch gehe ich besonders auf die Themen Gesundheit (Ernährung und Bewegung), Religion und Spiritualität ein. Diese Themen haben mich jahrzehntelang beschäftigt und beschäftigen mich noch immer, mehr denn je. Dabei haben sich meine Ansichten und Erkenntnisse immer weiter gewandelt und entwickelt. Wegen dieser Darstellung meines irdischen Daseins tauchen viele liebe Menschen, Familienangehörige und Freunde, in diesem Buch kaum oder gar nicht auf, sorry. Ich hab euch trotzdem lieb!

Warum dieses Buch?

Ich habe dieses Buch geschrieben, weil es für mich stimmig war, dieses Buch jetzt zu schreiben. „Stimmig“ heißt, mein Herz wollte es. Darüber hinaus hat mir das Schreiben Spaß gemacht und ich habe mich an viele Lebens-Episoden vergnüglich erinnert. Soweit ich weniger vergnügliche Dinge dargestellt habe, hat es mir geholfen, diese ein Stück weit loszulassen.

Geburt, Kindheit und Jugend

Günters Geburt im Jahre 1957

Mutti

Vati

Inkarnation

Das nächtliche Schauspiel meiner Inkarnation fand am Mittwoch, den 13. November 1957, im Evangelischen Stift, St. Martin, zu Koblenz statt. Hannelore, meine Mutti, behauptete, nicht abergläubig zu sein. Aber sie hatte trotzdem gehofft, ihr Erstgeborener käme am 12ten November 1957 zur Welt und nicht am 13ten. Das hätte beinahe auch geklappt. Günterchen hatte es aber nicht eilig und ließ Mama schmerzhaft wehend lange warten. Um 0.45 Uhr des 13ten war es soweit.

Ich muss damals einen doppelten Geburtsschock erlitten haben.

Schock 1: Jede Geburt ist wie die Vertreibung aus dem Paradies. Glückselig im Fruchtwasser von Mamas Bauch treibend und bestens über eine Versorgungspipeline, namens Nabelschnur, versorgt, wurde ich plötzlich mit starken Muskelkontraktionen durch ein Nadelöhr herausgepresst. Ich kann mich nicht erinnern, aber wahrscheinlich hatte ich Angst zerquetscht zu werden. Und in meinem Fall dauerte das Stunden über Stunden. Nicht schön! Für mich nicht und für Mutti auch nicht.

Schock 2: Dabei wurde auch noch mein Gesicht schief gedrückt. Klingt nach Zangengeburt. Komisch, dass ich meine Mutter nie danach gefragt habe. Ich muss mal wieder in den Spiegel schauen, ob heute wirklich alles in Ordnung ist.

Meinen Namen Günter hatte sich Vati ausgedacht, also Walter. Walter ist germanischen Ursprungs und bedeutet Heeresverwalter. Passt! Vati war den allergrößten Teil seines Lebens beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung beschäftigt, also bei der Zivilbehörde der Bundeswehr.

Der Name Günter ist ebenfalls germanischen Ursprungs und bedeutet „Heerführer“. Sollte ich in meinem Leben einmal Menschen führen? Na ja, beruflich war ich viele Jahre Chef, wenn auch nur mit kleiner Mannschaft (12 bis 20 Menschen). Auf meinem buddhistischen Weg leitete ich ein Zen-Dojo, war also der „Lokomotivführer“ im Zen-Zug „Kyodaizan“. Kyodaizan ist der Name des Dojos, das ich viele Jahre leitete. Auf meinem aktuellen spirituellen Weg bin ich erst dabei, mich selbst zu sortieren. Aber auch hier „führe“ ich einen Freundeskreis, in dem wir Vorträge halten und zusammen vergnügt sind. Vor allem bemühe ich mich aber, mein eigenes Leben zu „führen“.

Mutti ging es nach der Geburt ziemlich schlecht. Und es wurde in den folgenden Tagen immer schlimmer. Sie wurde immer kraftloser und fiebriger. Die Ärzte waren ratlos und guckten sich besorgt an. Als meine Oma Sophie (die Mutter Vatis) zu Besuch ins Krankenhaus kam, machte sie das Personal und die Ärzte rebellisch. Sie erinnerte sich mit flauem Gefühl im Magen daran, dass eine ihrer Verwandten im Wochenbett nach ähnlichem Verlauf gestorben war. Grund war ein faulendes Stück Nachgeburt gewesen, das sich bei der Geburt nicht gelöst hatte. Sollte es bei Mutti auch so sein? Aufgrund der Penetranz meiner Oma und der Ratlosigkeit der Ärzte massierte dann eine Hebamme tatsächlich ein Stück stinkende Nachgeburt heraus. So überlebte meine Mutti das schmerzliche Ankommen meines Körpers auf der Erde und ich behielt meine Mutti lebend.

Das Fieber hatte dann aber zur Folge, dass Mutti keine Milch für mich hatte. Und so wurde Günterchen ein Flaschenkind. Ich hoffe, es hat mir nicht zu sehr geschadet. Heute weiß ich, dass Kuhmilch artfremde Milch ist und allein für Kälbchen der Kuh-Muttis gedacht ist. Manche Menschlein, große wie kleine, vertragen Milch auch schlecht. Zum Verdauen der Milch braucht es Lab, was der menschliche Magen nicht bieten kann. Deshalb reichert die Milchwirtschaft die Milch mit Lab an, also mit Enzymen, damit es nicht zu Verdauungsrülpsern beim Homo sapiens kommt. Die Kuhmilch sicherte trotzdem komfortabel mein Überleben. Ich hatte als Säugling zwar heftigen Milchschorf auf dem Kopf. Ich habe aber nie recherchiert, ob es da Zusammenhänge gibt.

Neben meiner schiefen Visage sollte ich im Krankenhaus nochmals verletzt werden. Ich erlitt eine Wunde an der linken Backe. Das Krankenhauspersonal erzählte meiner Mutti, Günterchen habe sich selbst mit seinen feinen Fingernägelchen im Gesicht gekratzt. Da ich heute weiß, wie dünn und zerbrechlich die Fingernägel von Neugeborenen sind: welch ein Wunder! Weniger wundern würde es mich, wenn das Pflegepersonal in einem klitzekleinen Moment der Unachtsamkeit den Schaden selbst gesetzt hätte, sei es mit deren eigenen Fingernägeln oder einem gerade benutzten Gegenstand. Sei`s drum. Ich besitze heute deswegen eine 3 cm lange und 3 mm breite Narbe auf der linken Backe. In meiner Studentenzeit und danach wurde ich gelegentlich gefragt, ob ich Mitglied in einer schlagenden Verbindung oder Burschenschaft sei oder war. War ich aber nie und hätte das auch rein gar nicht gewollt.

Günterchen, das Omi-Kind

Mutti ging, nachdem sie sich von dem Geburtsstress ihres Erstgeborenen erholt hatte, wieder als Lebensmittelverkäuferin nach Neuendorf (heute Stadtteil von Koblenz) zur Arbeit, wo ihre Mutter, also meine Omi, wohnte. Omi wurde meistens „Änni“ oder „Ännche“ gerufen. Seine ersten beiden Lebensjahre lebte Günterchen daher unter der Woche bei Omi in Neuendorf und an den Wochenenden zu Hause bei Mutti und Vati in Mülheim, also immer auf dem Dorf.

Etwas Heimatkunde: Mülheim und Neuendorf liegen nah dran an Koblenz. Neuendorf wurde irgendwann Stadtteil von Koblenz, während Mülheim sich mit Kärlich zu Mülheim-Kärlich verband. Koblenz hieß früher Kobolentz und zur Römerzeit Confluentes, also übersetzt: „die Zusammenfließenden.“ Wer floss oder fließt denn da zusammen? Nun ja, Vater Rhein und Mutter Mosel. Und ganz genau da, wo die Fusion stattfindet, befindet sich das „Deutsche Eck“. Am deutschen Eck steht ein riesiger Granitsockel, den man über viele Stufen nach oben erklimmen kann. Oben drauf steht seit dem Jahre 1897 der alte Kaiser Wilhelm I, hoch zu Ross. Wegen des zweiten Weltkrieges war er mal kurz weg. Seine Bronze war kriegsbedingt sehr wertvoll geworden und so wurde Wilhelm eingeschmolzen. Heute ist er aber wieder - neu erschaffen - da. Apropos Wilhelm. Mein zweiter Vorname lautet Wilhelm, nach meinem Patenonkel Horst Willi Schlager. Horst war der Bruder meiner Mutti.

Von Neuendorf zu Mülheim: Mülheim war ein kleines Kuhdorf. Im Umkreis lag und liegt unter der Erde viel Bims, also Vulkan-Asche, die sich zu Bimssteinen verarbeiten lässt und die in der Baubranche sehr begehrt ist. Das brachte dem kleinen Dörfchen hohen Reichtum und so konnte sich „Müllem“ (dialektische Aussprache von Mülheim) immer wieder einer Eingemeindung durch das arme Koblenz (dialektisch Kowelenz) widersetzen. Zu guter Letzt rettete eine Fusion mit der Nachbargemeinde Kärlich eine Eingemeindung und so heißt Müllem heute Mülheim-Kärlich. Ende des Einschubs „Heimatkunde“.

Günterchen wohnte also unter der Woche bei Omi in Neuendorf und an den Wochenenden mit Vati und Mutti in der Neustraße 16 im Haus seiner Großtante „Tante Böbbie“ (auf Hochdeutsch: Tante Barbara). Vorher hatten dort die Eltern von Vati gewohnt, also meine Oma Sophie und Opa Jakob. Vati, Mutti und Günterchen bewohnten im Haus der Großtante Böbbie zwei Zimmer. Das war nicht sehr viel für drei Menschen und ab Frühjahr 1959 für Viere, als mein Bruder Jürgen sich zu uns gesellte. Der Wohnraum war in dem Nachkriegsdeutschland sehr knapp. Die alliierten Bomber hatten nämlich unzählig viele Häuser in Schutt und Asche gelegt.

Unser Zwei-Zimmer-Komfort war sehr minimalistisch. Im Erdgeschoss befand sich ein unbeheiztes Schlafzimmer für alle und im ersten Stock eine Wohnküche für alle, mit Kohleherd zum Kochen und Heizen. Waschen funktionierte an einem Kaltwaschbecken im Treppenhaus und das Plumps-Klo war im Hof. Wäschewaschen funktionierte in der Waschküche, die über den Hof erreicht werden konnte. Anstatt einer Waschmaschine kamen Waschbretter zum Einsatz. Warmes Wasser gab es auch nicht direkt aus dem Wasserhahn. Also musste kaltes Wasser auf dem Kohleherd heiß gemacht werden. Töpfchen und Eimer warteten nachts auf drückende Blasen oder End-Därme. Toll.

Im Haus wohnten also neben Ohligs Tante „Böbbie“ (Barbara Löhr), ihr Mann „Pitt“ (Peter), „et Fritsche“ (die Elfriede; älteste Tochter) und „et Usch“ (die Ursula, jüngste Tochter). Elfriede und Ursula waren einige Jahre älter als Jürgen und ich, also als Spielkameraden für mich eher nicht zu gebrauchen.

Großonkel Peter erzog seine Töchter mit Härte. Peter hatte eine siebenschwänzige Katze (können auch weniger oder mehr Schwänze dran gewesen sein). Ich meine so einen Holzstiel mit Lederriemen dran, also eine Peitsche. Mit dieser Katze versuchte Peter, seinen Willen auf Ursula und Elfriede zu übertragen. Gelegentlich bekam ich mit, wie Ursula oder Elfriede schreiend durch das Haus liefen, um der „Katze“ zu entkommen.

Im Haus gab es aber auch eine echte Katze, einen Kater. Der hieß auch Peter und er stank, wenn es draußen regnete. Und vor dem hatte Günterchen Angst. Warum? Einfach so. Katzen sind zwar im Verhältnis zu erwachsenen Menschen eher kleine Tiere, aber im Verhältnis zum kleinkindlichen Günter doch erstaunlich groß und gefährlich.

Und vor einem anderen Tiger – kein „Stubentiger“ - hatte ich besonders Angst. Dieser Tiger hauste bei Ohligs in der Wohnstube und hatte grüne Glasaugen, die leuchteten, wenn Licht drauf fiel. War ich dazu verdammt, in der Wohnstube alleine zu schlafen, starrten mich diese grünen Augen bedrohlich an. Ach so, der Tiger war ein Plüschtier.

Zurück zu Omi nach Neuendorf. Wegen Muttis Job als Feinkost-Fach-Verkäuferin (Käse und Wurst) verwöhnte meine Omi mich an den Werktagen so gut sie konnte. Dafür musste sie sich ein wenig anstrengen, da sie überwiegend arm wie eine Kirchenmaus war. Aber für „Bobbesje“, wie sie mich peinlicherweise lange Zeit nannte und was übersetzt „kleiner Po“ bedeutet, gab sie alles. Ihr Mann Willi (schon wieder ein Willi), also mein Opa, hatte seinen Einsatz als Soldat an der Ostfront mit dem Leben bezahlt. Er war wohl übel verwundet worden und sollte nach Hause entlassen werden. Dann kam aber doch die Todesnachricht. Das Ausmaß seiner Verletzungen hat Omi nie erfahren. Einen letzten Brief hat er – so Omi – jedenfalls nicht eigenhändig geschrieben, will wohl heißen, schreiben können.

Omi war nicht besonders intelligent, aber sie besaß enorme Bauernschläue. Mit der kam sie stets durch ihr Leben, manchmal gerade so, später passabel und im späteren Lebensabschnitt durchaus gut. Sie konnte mit einer Nähmaschine umgehen, hatte sogar eine und damit besserte sie in der Nachkriegszeit ihre karge Witwenrente auf. Von ihrem zweiten Mann, Hans, konnte sie nicht viel erwarten. Der arbeitete an einer Tankstelle und bekam freitags nach Schicht seinen Wochenlohn in einer Lohntüte überreicht. Leider hatte er nach so einer Woche Arbeit immer großen Durst. Und wenn der gestillt war, war nicht mehr viel drin in der Lohntüte. Das gab regelhaft Stress. Und meine Omi „missbrauchte“ Bobbesje dann auch ein wenig.

Wie, Omi missbrauchte Bobbesje? Sie hoffte, wenn Günterchen bei ihr zu Besuch sei, wäre es mit dem Durst ihres Hans nicht so schlimm. Daher holte sie mich oft und nicht ganz uneigennützig an den Wochenenden zu sich nach Neuendorf. Hans Durst ließ sich von meinen Besuchen nicht beeindrucken. Und so erinnere ich mich, wie Omi einmal mit Bobbesje im Kinderwagen bei einbrechender Dunkelheit eine Kneipentour machte, um ihren Hans zu finden und nach Hause zu locken. Das war wahrscheinlich meine erste Kneipentour. An das Ergebnis des Events kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Ich meine aber, dass sie ihn schließlich fand. So arg viele Kneipen gab es in Neuendorf damals sicher nicht.

Als ich ins lauffähige Alter kam, begleitete ich Stief-Opi Hans sonntags gelegentlich zum Frühschoppen in seine Stammkneipe. Opi war also kein Kirchgänger, sondern Kneipengänger. Dort bekam ich Apfelsaft, Salzstangen oder Schokolade von Opi oder von einem seiner Frühschoppenfreunde. Und ein paar Pfennige oder Groschen waren meistens auch drin, um damit an der Musikbox Schallplatten zu hören oder um an Spielautomaten Geld zu gewinnen oder – meistens – zu verlieren.

Omi

Neben ihrer Bauernschläue besaß Omi auch einen enormen Lebenswillen. Ohne den hätte Günterchen nicht im Jahre 1957 im Bauch Muttis inkarnieren können. Dazu, lieber Leser, mache ich nochmals einen Sprung zeitlich zurück:

Opa Willi, gefallen im 2. Weltkrieg

Also: Opa Willi war im Krieg gefallen und Omi hatte als Kriegerwitwe zwei kleine Kinder zu versorgen, Mutti und ihren Bruder Horst. Und in diesem Kontext wurde Omi sehr, sehr krank. Es war so schlimm, dass die Ärzte sie aufgegeben hatten und ihr Krankenbett hatten sie schon mal ins Sterbezimmer geschoben. Dort schlug Omi irgendwann ihre Augen auf und erkannte erstens das Sterbezimmer und damit zweitens den Ernst der Lage. Und nun? Konnte sie ihre zwei kleinen Kinder als Vollwaisen zurücklassen? Nein! Also half ihr Geist, ihre Seele, ihrem Körper und sie blieb! Super Leistung! Daran erkennt man leicht: Der Geist führt, nicht der Körper! Zeitsprung zurück Ende.

Omi hatte in ihrem Leben immer ein erfolgreiches Händchen bei den Männern. Das war auch notwendig, denn sie überlebte viele von ihnen. Okay, ich glaube nicht, dass sie etwas damit zu tun hatte, echt jetzt. Die Auswahl ihrer männlichen Lieblingsmenschen war nicht immer optimal. Aber wer weiß schon wirklich, was für sie richtig war.

Jedenfalls war sie nie lange Zeit alleine und das wollte sie auf keinen Fall. Sie liebte das Leben, ging gerne in die Wirtschaft, um dort ein Schöppchen Wein zu trinken. Meistens hatte sie gute Laune. Nur alleine sein, das wollte sie nicht.

Und ihre Männer – einer nach dem anderen - machten das finanziell möglich. Meine Eltern und auch ihr Sohn Horst, also mein Patenonkel, fanden Omis Männergeschichten dagegen nicht so spannend.

Für sie war das moralisch leicht außerirdisch. Was Hans, ihren ersten Nachkriegsmann, angeht, gab es noch andere erhebliche Kritikpunkte. Horst, Muttis Bruder, hatte es sehr schwer mit ihm und es gab heftiges Konfliktpotenzial zwischen den Beiden, das nicht nur verbal ausgelebt wurde. Hans war dann auch der Grund, weshalb Horst so früh als möglich zur Bundeswehr ging und so dem verhasst gewordenen Zuhause noch vor Eintritt seiner Volljährigkeit entkam.

Bei den weiteren Männerbekanntschaften Omis regten sich dann immer mehr moralische Widerstände meiner Eltern. Wir lebten schließlich im damals erzkatholischen Rheinland. Ich selbst verstand die Bedenken meiner Eltern nicht wirklich. Ich hörte mir das Genörgel meiner Eltern wegen Omi an, sagte aber nichts dazu.

Zurück nach Neuendorf in den Endfünfzigern und zum Anfang der sechziger Jahre. Für ihren Lieblingsenkel hatte Omi immer ein ganz großes Herz. Das spürte ich und war sehr gerne bei ihr. Omi beschenkte mich trotz chronischen Geldmangels so gut sie konnte. Bei jeder Kirmes gewannen Omi und Opi Plüschtiere für mich und sogar Tretroller. Alles für mich! Bruderherz Jürgen bekam von dem Reichtum nichts ab. Stimmt nicht ganz. Einen süßen kleinen Teddy nahmen meine Eltern mir einfach weg und gaben ihn Jürgen. Mutti und Vati waren eher für Gleichbehandlung ihrer Kinder und wollten so für einen gewissen Ausgleich sorgen.

Neben Plüschtieren und Rollern hatte Omi auch immer Süßigkeiten und andere Leckerlis für mich süße Schnauze. Ich erinnere mich an steinharte, lange Riesenlutscher, an denen man gefühlt tagelang lecken oder kauen konnte. Kauen sollte ich aber am Lutscher nicht. Das sei schlecht für die Zähne, sagten Mutti und Omi unisono.

Ansonsten konnte Omi schlecht kochen. Gewürztechnisch fand man in ihrer Küche neben Pfeffer und Salz jedenfalls nichts. Damit würzte sie immer Bobbesjes Kotelett, was dieser sich immer wieder zum Mittagessen wünschte. Einerseits schmeckte es mir wirklich und zweitens hatte ich in meinem kindlichen Gehirn noch keine Ess-Optionen abgespeichert.

Ich wusste also gar nicht, was ich mir alternativ hätte wünschen können. Später lernte ich, dass Schnitzel keine Knochen haben und ab dann waren mir Schnitzel lieber als Koteletts. Half aber nix. Omi war mittlerweile der festen und unwiderruflichen Überzeugung, dass ihr Bobbesje nur Kotelett essen wollte.

Bruderschaft

Etwa 1 ½ Jahre nach Günters Inkarnation, im April des Jahres 1959, gesellte sich mein Bruderherz Jürgen zu Ohligs Kernfamilie. Meine Mutter gab jetzt ihre Berufstätigkeit auf, rief mich bei Omi ab und übernahm selbst meine Erziehung. Das fand ich echt nicht witzig. Denn nun sollte ich, mittlerweile ein verwöhnter Balg, alles mit Jürgen teilen. Und im Mittelpunkt – wie bei Omi – stand ich nicht mehr.

Ich wurde so eifersüchtig, dass ich einmal von Mutti erwischt wurde, als ich vor Jürgens Bettchen stand und mit einem Auto auf ihn drauf hauen wollte. Mutti verhinderte meine Mordattacke gerade noch rechtzeitig, ist also nochmal gut gegangen. Beim Spielen mit Jürgen gab es dann später häufig Kampf: „Das ist meins!“ „Nein, das ist meins!“ „Gib mir mein Auto zurück!“ Und es blieb selten bei dieser verbalen ersten Eskalationsstufe. Okay, das ist wohl unter Geschwistern keine Seltenheit und normal.

Dagegen gab es beim Essen keine Verteilungsprobleme. Jürgen mochte eher saure Gurken als Lutscher und Kekse. Mutti und ich waren die Süßen, Vati und Jürgen eher die sauren Gürkchen.

Nach meinen wenigen Erinnerungen und von den Erzählungen von Mutti und Vati war ich in meiner frühesten Kindheit sehr energiegeladen, energisch, extrovertiert und wurde schnell zornig und aufbrausend. Kurz gesagt: Ich war ein kleiner Tyrann. Oder vielleicht doch ein normales Kleinkind? Im Zusammenspiel mit der anderthalbjährigen Verwöhn-Kur durch meine Omi resultierte daraus ein mächtiges Konfliktpotential.

Da meine Eltern die Meinung vertraten, zwischen Kindern müsse alles gleich und gerecht verteilt werden, Omi mich aber weiterhin und ihr Leben lang verwöhnte, machte ich bei Geschenken von ihr immer den deutlich besseren Schnitt. Das gefiel Jürgen – und Vati und Mutti - gar nicht. Mutti und Vati grollten Omi wegen ihrer Ungleichbehandlung und nahmen mir manchmal Geschenke weg, um ihre empfundene Ungerechtigkeit etwas auszugleichen.

Ich erinnere mich daran, dass das Schenkverhalten meiner Omi einmal das gesamte Weihnachtsfest in Neuendorf bis ins Mark verdarb. Das Christkind hatte mir ein blaugraues, blechernes Tretauto mit batteriebetriebenem Licht gebracht. Das war herrlich und ich war überglücklich. Jürgen hingegen war stinkesauer. Er hatte nur eine Holzeisenbahn bekommen. Mein Auto fand er viel interessanter und wollte unbedingt auch in meinem Auto sitzen und damit spielen. Das ließ ich kämpfend und schreiend nicht zu: „Das ist mein Auto!“

Irgendwann wurde Jürgen sehr wütend und schleuderte sein blödes Holzeisenbahn-Dings durch die Luft und krachte es an die Wand. Jegliches Zureden von Mutti, Vati oder meiner Omi halfen nicht. Das Weihnachtsfest war stimmungsmäßig zerstört. Ich weiß nicht mehr, welche Erziehungsmethoden meine Eltern neben den Überredungsversuchen noch angewendet haben. Im Allgemeinen waren die eher rabiat.

Mit dem Blech-Tretauto durfte ich nach Weihnachten ab und an zum Milchbauern in der Mülheimer Neustraße fahren, um dort Milch abzuholen, lose Milch in einer mitgebrachten Kanne. Einmal musste ich dort warten, weil die Kühe noch nicht gemolken waren. Also, da kannst du über Milch denken wie du willst, aber „frisch“ war Ohligs Milch.

Mutti kochte die Milch stets ab und es bildete sich eine dicke Rahmschicht („Schmand“), die Ohligs gerne auf dem Brot aßen. Der Schmand einer Milchkanne reichte aber nicht für vier Münder. Und so gab es immer mal wieder Streit, wer jetzt „dran“ ist, die Lust des Schmandes genießen zu dürfen. Okay, ich selbst war der einzige, der gar nicht so sehr auf das gekochte Fett stand. Aber da es der Familie schmeckte, redete ich mir ein, es sei gar nicht so übel.

Später wurde die Milch industriell immer mehr verarbeitet, entrahmt, getötet und es gab jedenfalls keine dicke Rahmschicht mehr. Und einige Jahre später (wir wohnten schon in Koblenz) konnte man lose Milch gar nicht mehr kaufen. Und die dann erhältliche, entrahmte Milch bildete beim Kochen maximal noch ein dünnes Häutchen. Igitt, das konnte ich dann aber wirklich nicht mehr haben/ essen. Der Koblenzer Milchmann hieß Graf und Herr Graf wurde später mein Kunstlehrer am Max-von-Laue Gymnasium, das ich besuchte.

Oma Sophie und Opa Jakob

Stolzer Opa mit Auto

Günter, Teddy und Oma

Vatis Eltern, also die „Remagener Oma“ und der „Remagener Opa“, wie Jürgen und ich die beiden nannten, lebten - richtig - in Remagen, am wunderschönen Rhein.

Oma Sophie und Opa Jakob hatten den Krieg komfortabler überstanden als Omi. Opa war sehr stark, war ein guter Ringer gewesen und im sog. dritten Reich war er Mitglied Hitlers SA. Opa war also ein politischer Schläger gewesen. Seine Gesinnung hielt er in den Jahren nach 1945 geheim, änderte diese aber nie grundlegend. Da Kinder bei Erwachsenengesprächen nicht zugelassen waren, erfuhr ich nur sehr wenig über Opas Vergangenheit und wie er den Wechsel in den Jahren nach 1945 schaffte. Ich weiß aber, dass Opa und Oma in Mülheim Nachbarn hatten, die an der gemeinsamen Brandmauer angeblich lauschten, was bei Ohligs so gesprochen wurde. Die lieben Nachbarn waren vermutlich politische Widersacher. Opa hatte daher nach Kriegsende „Schiss“, als NS-Mann verraten zu werden. Opa musste also seine NS-Spuren beseitigen und entsorgte alles Verräterische im Plumps-Klo seines Hauses, einschließlich seiner Schusswaffen.

Opa konnte zupacken und hatte einen großen unternehmerischen Geist, der bis an die Grenze des Maßlosen reichte. Mit diesem gelang es ihm, am Aufschwung Deutschlands teilzuhaben. Zuerst eröffnete er ein Textilgeschäft in Mülheim, dann ein Restaurant in Koblenz und danach ein Restaurant in Remagen. Das Restaurant in Remagen nannte er „Zum Rippchen“. Warum?

Weil das Essen im Krieg und insbesondere direkt danach knapp war, dachte und sagte er einmal: „Man müsste einfach so in ein Restaurant gehen und sich dort ein Rippchen bestellen können.“

Diese Idee griff er, kaufte in Remagen ein Haus mit Restaurant und nannte es „Zum Rippchen.“

Im „Rippchen“ verdienten sich Mutti und Vati an den Wochenenden Geld hinzu. Dann nämlich konnten Oma und Opa Hilfe hinter dem Tresen, in der Küche oder im Service am Tisch gebrauchen.

Jürgen und Günter ließen sich mit Malzbier, Apfelsaft, Salzstangen und Schokolade von Oma und Opa verwöhnen oder von Gästen, denen Opa stolz wie Oskar seine Enkel präsentierte. Und geschenkte Groschen steckten wir in die Musikbox. Und Opa hatte sogar eine Musikbox mit Filmchen dazu, also die ersten Videoclips.

Viel essen zu können und das auch zu tun, war für Oma und Opa wichtig. Und die Familie sollte daran teilhaben. Oma lud also immer wieder gerne die Familie nach Remagen ein. Familie, das hieß: Tante Renate (Vatis Schwester) mit Ehemann Siegfried plus Kinder Manuela und Sonja, dann Onkel Horst (Vatis jüngerer Bruder) mit damaliger Ehefrau Ursula und Kindern, Claudia und Andrea. Und wenn alle in Remagen zusammen kamen, war Oma glücklich. Hungern brauchte bei den Familien-Festen keiner. Oma ermutigte ständig alle zuzugreifen. Der Schlachtruf von Oma war: „Esst Kinderchen, esst! Damit ihr groß und stark werdet!“.

Und wenn alle nach einem üppigen Mittagessen mit Suppe, Schweinebraten und Co. nebst Nachtisch noch in der Fressnarkose auf der Couch oder sonst wo rumhingen, tischte sie schon wieder Torten und andere Leckereien auf, die unmöglich alle aufgegessen werden konnten. Machte nix. Damit die Kinder und Enkelkinderchen nicht verhungern konnten, verteilte sie den Rest an alle auf zum Mitnehmen. Widerstand war zwecklos. Ich erinnere mich, dass es einmal nach der Aufteilung noch immer viel zu viel übrig war.

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