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Wer auf die Liebe wartet …

1. KAPITEL

„Ich bin froh, dass du da bist, Annie, Schätzchen!“ Kieran Gray klang noch nicht ganz erholt von der Operation am Vortag. Mit seinen langen Beinen, die fast über den Bettrand hingen – das linke von der Hüfte bis zum Fuß eingegipst und auf drei Kissen gelagert –, wirkte er zu groß für das Krankenhausbett.

„Ich bin auch froh, Dad.“ Anne tätschelte ihrem Vater die Hand und prüfte dabei, ob die Infusionsnadel richtig saß und die Flüssigkeit stetig tropfte. Seit acht Jahren als Krankenschwester tätig, konnte sie einfach nicht anders.

„Kümmere dich um deine Mutter, bis ich wieder daheim bin“, murmelte er, während er eindämmerte.

„Das mache ich“, flüsterte sie. Gut, dass sie sich von ihrer neuen Arbeit freinehmen hatte können, bis ihr Bruder Lucas offiziell aus der Army ausschied.

Annes Handy vibrierte in ihrer Hosentasche. Sie warf einen Blick auf das Display. „Das ist die Notaufnahme, Dad. Mom kann anscheinend jetzt entlassen werden.“

Er nickte, ohne die Augen zu öffnen.

Von Lark war außerdem eine SMS gekommen:

Wie geht’s Mom und Dad? Gib ihnen einen Kuss von mir. Wünschte, ich könnte da sein, aber an der Uni ist die Hölle los! Alles Liebe euch allen :)

Auf gar keinen Fall erwartete jemand von ihrer Schwester Lark, dass sie mitten im Semester vom Medizinstudium nach Hause kam, wenn Anne und ihr Bruder Lucas doch für ihre Eltern da sein konnten. Sie schrieb zurück:

Es geht ihnen gut. Ich ruf dich später an.

Sie beugte sich über ihren Vater und küsste ihn auf die Stirn, wobei sie versuchte, keine seiner Schrammen zu erwischen oder die schlimm aussehende Platzwunde an einer Geheimratsecke. „Der ist von mir, und der ist von Lark.“

Er lächelte und verzog dann das Gesicht. „Ich schwöre, ich hab das Auto einfach nicht gesehen.“ Ihre Eltern waren mit dem Motorrad unterwegs gewesen, also hätte alles noch viel schlimmer ausgehen können.

Als Anne wenig später aus dem Aufzug trat, heulte in der Ferne eine Sirene. Anne näherte sich dem Empfang der Notaufnahme, und es fiel ihr auf, dass jeder Stuhl im Warteraum besetzt war. Ein Fernseher lief, und irgendeine Reality Show plätscherte monoton vor sich hin; außer der Dame am Empfang sahen nicht viele zu.

„Meine Mutter ist fertig für die Entlassung“, sagte sie. „Beverly Gray?“

Die etwas abgelenkte Rezeptionistin riss sich gerade lange genug vom Fernseher los, um auf ihre Liste zu sehen, drückte dann wortlos und ohne die Miene zu verziehen einen Knopf unter ihrem Tisch, und die Tür zum Behandlungsbereich ging auf.

Anne eilte zur Nische ihrer Mutter.

„Wie geht’s deinem Vater?“, rief Beverly sofort, als Anne hereinkam. In Jogginghosen mit verdrehtem Hosenbund und mit einem Jackenärmel, der über die Schulter baumelte, sah ihre Mutter ungewohnt aus, ganz anders als in den Jeans und schicken Oberteilen, die sonst ihr Stil waren. Ohne Make-up und Ohrringe hatte Beverly dann aber doch nicht ins Krankenhaus fahren wollen, und nun verhedderten sich die großen goldenen Reifen in ihren schulterlangen Haaren, und den Lippenstift hatte sie halb abgekaut.

„Es geht ihm gut, Ma. Die Schwestern sagen, dass er in ein paar Tagen nach Hause kann.“

„Das sind gute Neuigkeiten! Warum musste es bloß mein rechter Arm sein? Nur mit der linken Hand bin ich aufgeschmissen. Wie soll ich mich um ihn kümmern oder mich schminken?“ Sie schüttelte den Kopf, und ihre goldbraunen Haare wippten mit. „Hast du eine Ahnung, wie schwer es ist, einen BH mit einer Hand zu schließen?“

„Dafür bin ich ja da, weißt du noch?“ Anne verbiss sich ein Lächeln.

Beverly machte einen Schmollmund, zog die Brauen hoch und blickte schelmisch. „Zu welchen extremen Mitteln manche Eltern doch greifen, nur um ihre Tochter nach Hause zu bekommen!“

Anne schüttelte den Kopf und lächelte. „Eine Einladung hätte es auch getan.“

Beverly machte mit ihrem heilen Arm eine wegwerfende Handbewegung. „Du hast doch immer Ausreden.“ Ihre Mutter lachte trocken, und Anne stimmte mit ein, um so wieder einmal den Gedanken aus dem Weg zu gehen, die besser ungesagt blieben.

„Aber du und Dad habt mich doch gerne in Portland besucht.“ Außer vor drei Jahren zu Weihnachten war sie nicht mehr in Whispering Oaks gewesen, seit sie weg ans College gegangen war, um Krankenschwester zu werden. Und damals war sie auch hauptsächlich wegen Lucas gefahren, der ausnahmsweise über die Feiertage freibekommen hatte. Nicht, dass sie ihre Eltern nicht liebte – sie liebte sie von ganzem Herzen!

Dass sie so selten hier war, lag an den Schuldgefühlen und den schlimmen Erinnerungen, die alles andere an ihrer Heimatstadt zu überschatten schienen, immer wenn sie sich hierher wagte.

„Aber hier ist dein Zuhause, Annie.“

In Wahrheit fühlte sich Portland heute viel mehr wie ihr Zuhause an, doch sie hatte nicht den Mut, ihrer Mutter das zu sagen.

Das schrille Heulen einer Sirene kam näher und hörte kurz darauf beim Hintereingang der Notaufnahme abrupt auf.

Eine erschöpft wirkende Schwester schob einen Rollstuhl zu ihnen an die Nische; sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, und ihre hochgesteckten Haare waren verrutscht. „Fertig?“

Die Hintertüren der Notaufnahme flogen auf, und eine Gruppe von Feuerwehrmännern rollte zwei Verletzte auf Tragbahren herein. Aus einem Reflex heraus, den sie noch aus ihren eigenen Tagen in der Notaufnahme hatte, war Anne sofort alarmbereit, aber dann sagte sie sich, dass sie nun erstens auf einer Station arbeitete und zweitens heute nicht als Schwester, sondern mit einer Patientin hier war. Das war ein völlig anderes Erlebnis, und doch konnte sie ihre Neugier über die neueste Aufnahme nicht zügeln.

Anne inspizierte schnell die Finger ihrer Mutter, indem sie die Nagelbetten drückte, um sicherzustellen, dass sie weiß und gleich wieder rot wurden. „Kannst du deine Finger bewegen?“, fragte sie über den aufgeregten Lärm um sie hinweg.

„Annie, der hier fühlt sich hundert Mal besser an als der vorige Gips.“

„Gut, dann können wir.“ Anne lächelte die Schwester aufmunternd an.

Sie unterschrieb die Entlassungspapiere, half ihrer Mutter in den Stuhl und schob sie Richtung Ausgang.

„Lagern Sie den Gipsarm hoch!“, empfahl die Schwester, während sie schon zu den neuen Patienten auf den Tragen eilte. So viel zur Patientenbelehrung!

Auf der anderen Seite des Raums stand jemand breitbeinig und mit verschränkten Armen etwas abseits von dem Durcheinander aus Schwestern, Pflegern, Ärzten und Feuerwehrmännern. Anne konnte gar nicht anders, als hinzusehen.

„Da ist ja mein Held!“, rief ihre Mutter. Dann, zu Anne gewandt: „Jack war am Sonntag als Erster am Unfallort.“

Jack? Wie Jackson Lightfoot?

Wie von der Tarantel gestochen wandte Anne sich ganz um, genau in dem Moment, als er sie bemerkte. Tausend verrückte Gedanken schossen ihr durch den Kopf, während sie auf die Erscheinung starrte. Was um alles in der Welt machte er hier? Sie blinzelte, während der Herzensbrechergeist der Vergangenheit näher kam, bis schließlich jeder Zweifel schwand.

Bloß – er sah einfach so viel besser aus als der Highschool-Sportler, den sie in Erinnerung hatte. Als ob das überhaupt möglich wäre! Er trug die Standardkleidung der Feuerwehr: marineblaues T-Shirt und blaue Hose, glänzende Arbeitsstiefel – aber keine gelbe Überhose oder Hosenträger –, und er hatte einen ernsten Gesichtsausdruck. Seine blonden Haare waren kürzer und etwas dunkler, und von den jungenhaften Zügen war keine Spur mehr zu sehen. Zwölf Jahre war es nun her, und er entfachte noch immer ein Feuer in ihrer Brust – ein fremdes Gefühl, eher wie Angst.

„Mrs Gray, was machen Sie denn hier?“, sagte er zu ihrer Mutter, obwohl sein Blick Anne gefunden hatte und an ihr haftete.

„Annie meinte, ich bräuchte einen neuen Gips.“ Sie versuchte den schweren Arm zu heben, der in einen Glasfaserverband gehüllt war.

Anne wäre am liebsten hinter dem nächsten Behandlungsvorhang verschwunden, aber Jack sah sie durchdringend an und lächelte zögerlich, auf die Art, bei der er nur einen Mundwinkel hob.

„Anne.“

Sie nickte und kämpfte gegen den Ansturm an Gefühlen, der sie völlig unvorbereitet traf. Ihre Nerven standen unter Strom, das Blut schoss ihr ins Gesicht, und ihre Beine, eben noch im Gleichgewicht, fühlten sich wackelig an. Sie war dreißig, aber in Null komma nichts unsicher wie in der Highschool. „Hey, Jack. Hi.“ Ratlos, wie sie sich nun verhalten sollte, entschied sie sich für die Version hirnverbrannt. „Du bist Feuerwehrmann?“

„Ja, ehrenamtlich, zwei Mal die Woche.“

Sein Brustkorb war breiter und muskulöser geworden, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, und seine Stimme um eine halbe Oktave tiefer. Er war eindeutig zu dem Mann geworden, den sie in dem angeberischen Achtzehnjährigen schon ein bisschen sehen hatte können.

Er beugte sich hinunter und umarmte ihre Mutter. „Wie geht’s dem alten Herrn?“

„Dem geht’s gut, dank dir und deiner Geistesgegenwart. Der Arzt hat zu Annie gesagt, dass er in zwei Tagen nach Hause kann. Komm doch, und besuch ihn dann.“

„Das werde ich machen.“ Jacks Blick wanderte zurück zu Anne, und eh sie sich versah, umarmte er sie. Zugegebenermaßen war es nicht mehr als eine dieser unbeholfenen Rückenklopfaktionen, aber es wühlte sie trotzdem auf. Obwohl sie äußerlich gefasst wirkte, liefen ihr wohlige Schauer über den Körper; am liebsten hätte sie auf sie eingeschlagen und gerufen: Aufhören!

Wer hätte es gedacht, er verwendet immer noch Irish Spring.

Sie löste sich und bemerkte die Verwirrung in seinen Augen – sie spiegelte ihre eigene, wie sie annahm – und einen warmen, einladenden Gesichtsausdruck. Mann, er hatte noch immer so ein tolles Lächeln, nur dass es jetzt von Grübchen gesäumt war, und um seine Augen, diese unvergesslichen jadegrünen Augen, sah sie schon beginnende Fältchen, die ihn umso verführerischer machten.

Nein! Sofort aufhören damit! Wir kennen diese Geschichte, und sie hat ein mieses Ende.

„Also dann, ich werde da hinten gebraucht. Es war schön, dich zu sehen, Anne. Beverly, passen Sie auf sich auf! Ich besuche Kieran morgen nach der Schule.“

„Er freut sich sicher, dich zu sehen“, meinte Beverly.

Und weg war er, um den anderen Feuerwehrleuten zu helfen, die Patienten von den Tragen auf die Liegen der Notaufnahme zu hieven.

Sie wusste ja, dass er Lehrer war und in Whispering Oaks unterrichtete, aber seit wann war er denn mit ihren Eltern so dick befreundet?

Erinnerungsfetzen tauchten immer wieder auf und nahmen Annes Gedanken gefangen, während sie ihre Mutter zum Auto schob. Daran, wie Jack zuerst mit ihr befreundet gewesen war, wie sie ihn dann ihrer besten Freundin vorgestellt und ihn verloren hatte. Bald nur noch das fünfte Rad am Wagen und in die Kumpelrolle gedrängt, musste sie mitansehen, wie sich die Romanze anbahnte und weiter entwickelte, und ihre Gefühle für sich behalten. Und daran, wie sie später alle drei durch die schwerste Zeit ihres Lebens gegangen waren. Wie er ihr heimlicher Held wurde, den sie aus ganzem Herzen liebte … aber niemals haben konnte … ohne ihre beste Freundin zu hintergehen. Kummerfalten bildeten sich auf ihrer Stirn.

„Jack unterrichtet jetzt an der Highschool und ist ein Kollege von deinem Vater“, sagte Beverly, während sie sich vom Rollstuhl in den Autositz begab. „Englisch und in den unteren Klassen Mathematik.“

„Ja, das hast du schon das ein oder andere Mal erwähnt, Mom.“ Der fleißigste Schüler war Jack nicht gerade gewesen. Und nun ging er freiwillig täglich in die Schule.

Beverly schwieg, und Anne wusste auch, warum. Selbst wenn sie mit ihrer Mutter nie über ihren Liebeskummer geredet hatte, war der Schmerz damals für Beverly unmöglich zu übersehen gewesen. Man brauchte auch kein Genie zu sein, um herauszufinden, wer ihn verursachte. Anne schloss die Beifahrertür, schob den Rollstuhl zu einer Sammelstelle und setzte sich dann auf den Fahrersitz.

Kurz nachdem Anne Whispering Oaks den Rücken gekehrt hatte, war Jack ebenfalls weggegangen. Hin und wieder hatte er ihr von irgendwo auf der Welt eine Postkarte gesandt – ein schwacher Versuch, in Kontakt zu bleiben. Wenn er so empfunden hätte, wie er es beschworen hatte – du bist die Richtige, Anne –, warum war er dann nie in ihre Nähe gezogen? Irgendwann kamen gar keine Karten mehr.

Wie oft hatte sie sich selbst verrückt damit gemacht, alles verstehen zu wollen? Sie startete den Motor, voller Ungeduld, vom Krankenhaus und dem davor geparkten riesigen Feuerwehrauto wegzukommen.

Wegen Jackson Lightfoot hatte sie ihr Zuhause verlassen, und er war der Letzte, den sie jetzt wieder sehen wollte.

Am nächsten Nachmittag nickte Jack in der Schule ein. Seine Schüler hatten diese Tage „müde Mittwoche“ getauft, weil er am Abend davor immer seinen Freiwilligendienst hatte. Das Kichern seiner Schüler machte jede Hoffnung zunichte, dass sie es nicht bemerkt hatten.

„Gut, ist schon jemand fertig und möchte seinen Aufsatz vorlesen?“

Das brachte auf der Stelle die erwünschte Ruhe. Vielleicht hätte er sich nach dem Mittagessen seinen Bester-Lehrer-der-Welt-Kaffeebecher öfter mit Kaffee auffüllen sollen.

Während sich alle wieder auf ihre Arbeit konzentrierten, dachte er an Anne. Was war das denn gestern gewesen? Ein kleines Kind hätte ihn einfach so zu Boden schubsen könnten, als er sie sah.

Sie hatte ihn von Anfang an bei ganz verschiedenen Dingen herausgefordert, und in der Notaufnahme konnte er diese Aufforderung noch immer in ihren Augen sehen. In den braunen Augen, die genau dieselbe Farbe hatten wie ihre schulterlangen Haare. Er war froh, dass sie nicht wie viele andere Frauen mit Farbe herumprobiert hatte. Er hatte den natürlichen, muskatfarbenen Glanz schon immer gemocht.

Sie war reifer geworden – auf eine gute Art. In der Highschool war sie ihm ein bisschen zu knochig gewesen, nicht ganz sein Typ. Jetzt hatte sie ein paar Pfund zugenommen und ihre Kanten abgerundet.

Er lachte innerlich. Ihr Körper war nicht das Anziehende gewesen. Sondern ihre Direktheit. Ihre Ehrlichkeit. Er rieb sich das Gesicht und dachte an den Tag, als sie ihn beim Leichtathletiktraining in der elften Klasse zum ersten Mal angesprochen hatte.

„Lightfoot, also du erzählst ja einen Scheiß“, hatte sie gesagt. „Du lässt alle glauben, dass du halber Ureinwohner bist, dabei ist der Ursprung deiner Familie entweder deutsch oder englisch. Ich hab’s nachgeschlagen.“

Kein Mädchen hatte ihn je angezweifelt. Er stolzierte zu ihr hinüber und blitzte sie an. An ihrem unbeirrten Blick erkannte er, dass sie seine Angeberei durchschaut hatte.

Lightfoot war zwar ein genialer Name für den Spitzen-Hürdenläufer von Whispering Oaks, und die Leute glauben zu lassen, dass er indianische Vorfahren hatte, machte es noch cooler. Aber er war so weiß und bürgerlich, wie’s nur ging, und sie stellte ihn nun wegen dieser Tatsachenverdrehung zur Rede.

„Zehn Dollar, wenn du das für dich behältst.“

„Ich lass mich nicht bestechen. Aber ich kann gut Geheimnisse bewahren.“

Mann, sie konnte Geheimnisse nicht nur gut, sondern ausgezeichnet bewahren!

Auf den Tag genau eine Woche, bevor Brianne, seine Freundin, die Diagnose Leukämie bekam, war ihm selbst ein großes Geheimnis herausgerutscht: was er für Anne empfand. Noch schlimmer: Er hatte sie auch geküsst. Sie hatten eines Samstagabends herumgealbert, nachdem sie sich bei ihr zu Hause eine Star-Trek-DVD angesehen hatten. Bri war es nicht gut gegangen, und er hatte sie früh nach Hause gebracht. Im Nachhinein gesehen hätte er bemerken müssen, dass es ihr schon wochenlang nicht gut gegangen war. Aber er war blind gewesen; er hatte sich sogar darauf gefreut, mit Anne alleine zu sein. Was für ein Idiot er doch gewesen war!

Nach dem Film hatten sie Captain Kirk und Spock imitiert, und er hatte seine gespreizten Finger auf Annes Gesicht gelegt und gefragt: „Verschmelzen Sie Ihren Geist mit dem meinen?“ Sie hatte mitgespielt, wie immer, gekichert, aber seine Hand nicht weggeschoben. Und er hätte schwören können, dass sie durch diese Rehaugen etwas mitgeteilt hatte, nämlich: Küss mich!

Das tat er dann auch. Jack legte seine Lippen zärtlich, wie es sich für einen ersten Kuss gehörte, auf Annes Mund. Ihre Lippen waren weich und feucht, genau wie er es erwartet hatte. Sie zog sich nicht zurück, erstarrte aber. Er sollte aufhören – was war denn mit Bri? Er ignorierte diesen Gedanken und küsste Anne weiter, wollte sie erforschen – aber die Dinge langsam angehen. Er spürte, wie sich ihre Schultern langsam entspannten.

Anne drückte abwehrend gegen seine Brust, aber erst nachdem sie den Kuss erwidert hatte. Jack hörte auf und blickte fragend in ihre Augen. Er sah eine Mischung aus Schock und unterdrücktem Verlangen.

„Wir hätten das nicht tun sollen“, hauchte sie, und ihre Nasenflügel bebten leicht.

„Es tut mir leid!“ Tat ihm der süßeste Kuss aller Zeiten wirklich leid? Er war sich sicher, dass etwas zwischen ihnen war, das nur darauf wartete, dass sie es zuließen. Er wusste, dass sie es auch fühlte.

„Sie ist meine beste Freundin.“ Ihre Hand flog zu ihrem Mund, wie um den Kuss wegzuwischen.

Er starrte auf den Boden. „Wahrscheinlich hältst du nicht viel von mir als Bris Freund.“

„Ich weiß jetzt gerade überhaupt nicht, was ich denken soll.“

„Ich geh jetzt besser“, sagte er. Innerlich weigerte er sich zu bedauern, was sie getan hatten. Er hatte sie aufgewühlt und die Anziehung zwischen ihnen gespürt. Das war keine Einbildung.

Der Kuss war so leidenschaftlich gewesen, dass er das ganze Wochenende daran denken musste.

Am Montag nutzte Jack dann einen günstigen Moment. Er packte sie am Handgelenk und zog sie hinter die uralte Eiche auf der Campusmitte. Er hatte das ganze Wochenende daran gedacht. Und egal, welche Folgen das hatte, er musste sie noch einmal küssen.

Wie ein Besessener drückte er sie gegen den knorrigen Baumstamm und küsste sie leidenschaftlich. Fordernd erforschte er den Mund und die Lippen, an die er zwei Tage lang gedacht hatte. Sie ließ ihre Bücher fallen und erwiderte den Kuss, genau wie zwei Tage davor.

Nachdem er den Kuss seiner Träume bekommen hatte, löste er sich von ihren Lippen – aber auch nur, weil er das Johlen und die Kommentare anderer Schüler hörte.

Er wäre verdammt stolz gewesen auf diesen Kuss – sie wirkte so benommen und atemlos, mit aufgerissenen Augen und geweiteten Pupillen –, aber Verwirrung erfasste ihn. Wie sollte er denn nun damit fertig werden?

Eine Woche später bekam Briannas geheimnisvolle Krankheit einen Namen und stellte die Welt des Dreiergespanns auf den Kopf. Alles andere wurde plötzlich unwichtig.

Anne hatte die Küsse nie wieder erwähnt. Er würde sie unter diesen Umständen todsicher auch nicht zur Sprache bringen, und von da an war ihre Freundschaft nie wieder unbeschwert.

Ehrgefühl vermischt mit Schuldgefühlen und Enttäuschung konnte einen Mann zu verrückten Dingen verleiten. Nachdem Bri gestorben war, machte er sich nach Europa davon – und damit in die entgegengesetzte Richtung wie Anne, die nach Oregon ging. Aber das Leben hatte so eine Art, einem solche Fehler um die Ohren zu werfen. In Anne hatte er eine gute Freundin verloren und sich seither nicht einmal annähernd wieder verliebt.

Es gab tausend Dinge, über die er mit Anne reden wollte, aber er hatte keine Ahnung, wie und wo er anfangen sollte. Er wusste, dass er sich für all die widersprüchlichen Signale, die er gesandt hatte, entschuldigen musste – und für die Bombe, die er kurz vor Bris Tod hatte platzen lassen. Wenn ihre Reaktion bei diesem Wiedersehen jetzt ein Hinweis auf ihre Gefühle war, bezweifelte er, dass sie auch nur im Geringsten daran interessiert war, ihn zu treffen.

Jack verzog das Gesicht und bemerkte, wie zwei seiner Schüler ihn mit hochgezogenen Augenbrauen beim Grübeln beobachteten. Er peilte die Anführerin an – ein Mädchen, das er im Verdacht hatte, für ihn zu schwärmen.

„Amy, bist du schon so weit, dass du deinen Aufsatz vorlesen kannst?“ Er sprach mit seiner wohlwollenden Lehrerstimme, mit der er normalerweise erreichte, was er wollte. Sie schüttelte den Kopf, schnell wie ein Kolibri.

Alle Blicke senkten sich wieder auf die Pulte.

Nach dem Krankenhausbesuch bei Kieran Gray später am Nachmittag würde er vielleicht Beverly besuchen … und Anne.

„Lucas, wir verstehen das schon. Du kommst einfach nach Hause, sobald du kannst. Was sind schon ein paar Tage mehr?“, sagte Anne. Sie saß neben dem Bett ihrer Mutter und fuhr mit den Zehen gedankenverloren über das borstige braune Fell des Hundes.

Lucas durchlief gerade einige Tests wegen seiner Entlassung aus der Army und musste die Heimreise immer wieder verschieben. „Dad geht es relativ gut, wenn man bedenkt, wie schwer er verletzt wurde. Ich hab gestern mit ihm gesprochen und werde ihn morgen wieder besuchen. Mom geht es auch gut. Im Moment ruht sie sich ein wenig aus. Möchtest du mit ihr reden?“

Beverly lag ausgestreckt auf ihrem Bett, den pink eingehüllten Gipsarm auf einem Kissen über ihrem Brustkorb hochgelagert. Bart, der hübsche Rhodesian Ridgeback, der für das Bett zu groß war, ruhte brav auf dem Vorleger. Mit dem Körper eines Boxers und dem Gesicht eines Labradors war er wirklich ein gut aussehendes Hündchen – und der Neuzugang der Familie, seit alle Kinder offiziell ausgeflogen waren.

„Ich will sie nicht aufwecken“, meinte Lucas. Er wich Fragen nach seinem Befinden in letzter Zeit aus. Anne hatte den Eindruck, dass es etwas gab, worüber er nicht vollkommen ehrlich war. „Sie schläft nicht richtig. Ich geb sie dir.“ Anne tippte ihre Mutter sanft an. „Lucas ist dran.“

Sie reichte den Hörer ihrer schläfrigen Mutter, und als diese den Namen ihres Sohnes hörte, begann sie zu strahlen.

Wie sie hatte Annes Bruder sein Zuhause gleich nach der Highschool verlassen und dann neun Jahre lang in der Army gedient. Jetzt ließ er sich nicht mehr von den Ködern locken, die sie ihm immer wieder vor die Nase hielten, um ihn zum Verlängern zu bringen, und er würde endlich in ein paar Wochen entlassen werden. Dem Himmel sei Dank! Lucas hatte mehr Wüste und Leid gesehen, als er sich je hätte träumen lassen, und jetzt kam er nach Hause in einen neuen Schlamassel: Mom und Dad, die gerade erst einen Unfall mit dem Motorrad gegen ein Auto überstanden hatten, beide mit Gips.

Ein leises Klopfen ließ Anne aus dem Zimmer gehen und den Gang entlang Richtung Küchentür. Aus purer Neugier tappte Bart mit klackernden Pfoten hinterher. Als sie öffnete, stand da jemand hinter einem riesigen, bunten Blumenstrauß.

„Mrs Gray, wie geht’s?“ Anne erkannte die Stimme und grinste. Jocelyn Howard spähte am Strauß vorbei und fing an zu strahlen. „Annie, seit wann bist du denn wieder zu Hause?“

„Seit Montag.“ Sie umarmten sich herzlich – aber etwas unbeholfen, wegen der großen Vase zwischen ihnen –, und ein Gefühl von Vertrautheit kroch in Anne hoch. Als sie Whispering Oaks verlassen hatte, wäre sie am liebsten nie wieder zurückgekehrt, aber dabei hatte sie all die wunderbaren Menschen vergessen, die noch hier lebten. Wie oft erlebte sie in Portland denn so eine überschwängliche Begrüßung, die ernst gemeint war? „Komm rein, Mom hat sich in ihrem Zimmer hingelegt.“

Die Vase mit den Blumen in ihren Händen hielt Jocelyn nicht davon ab, Bart zu begrüßen, und er gab bei so viel Aufmerksamkeit ein fröhliches Brummen von sich.

Jocelyn hatte schon ihr ganzes Leben neben den Grays gelebt und war quasi Ehrenmitglied der Familie. Sie war für Anne wie eine kleine Schwester und Lucas’ erste Spielkameradin, bis er in den Kindergarten kam und lieber mit Jungs spielte.

Sie kamen in dem Moment ins Schlafzimmer, als Beverly auflegte.

Jocelyn war groß, hatte lange Beine und den schlanken Körper einer Läuferin. Sie beugte sich über das Bett und gab Annes Mutter einen Kuss. „Ach, Mrs Gray, es tut mir so leid, dass Sie einen Unfall hatten. Wenn Sie irgendetwas brauchen, sagen Sie es einfach.“

„Du bist so lieb, Jocelyn!“ Beverly gab ihr einen Kuss und tätschelte ihren Arm. „Ach, schau sich einer diese traumhaft schönen Blumen an!“

„Die sind aus dem Rosengarten meiner Mutter.“ Jocelyn stellte sie auf den Nachttisch unter dem Fenster. Die untergehende Märzsonne schien kaum noch auf die Blüten, die in den Farben von Pfirsichen und Cranberrys leuchteten, aber der intensive Duft stieg Anne in die Nase. Die Blumen erinnerten Anne an ihre neue Heimat Portland, die Stadt der Rosen, und sie fragte sich, wie es in der Klinik ohne sie lief.

„Ich mein’s ernst. Ich bin ja gleich nebenan. Wenn Sie ein paar helfende Hände brauchen – oder eine Auszeit für Ihre Pflegerin …“ Sie warf einen Blick über die Schulter zu Anne. „Ich helfe gern.“

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