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Wer Andern eine Grube gräbt

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Lizzie-Martin-Romanen, knüpft sie mit der Serie um Inspector Jessica Campbell wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

ANN GRANGER

WER ANDERN EINE GRUBE GRÄBT

Mitchell & Markbys fünfter Fall

Ins Deutsche übertragen von Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

›Geschichte … ein Verzeichnis der Verbrechen, Dummheiten und Missgeschicke der Menschheit.‹

Edward Gibbon

 PROLOG 

Noch einige Zeit, nachdem sie gegangen war, wartete er auf einen Brief von ihr und hielt frühmorgens von der Spitze der alten Wehrmauer nach dem Postwagen Ausschau. Dienstagabends war er ganz besonders ungeduldig, weil er hoffte, dass sie am Wochenende zuvor einen Brief geschrieben und diesen am Sonntagabend oder am frühen Montag eingeworfen hätte. Sie musste doch wissen, dass er sich Sorgen machte, ob es ihr gut ging und ob sie irgendwo untergekommen war und genügend Geld besaß, also wartete er zuversichtlich, dass der Brief ankäme.

So früh am Tag, im taufeuchten Gras, wirkten die Farben der umgebenden Landschaft wie frisch gewaschen. Weil der Wind kalt über den Wall wehte, trug er den letzten Pullover, den sie für ihn gestrickt hatte. Er fuhr mit den Fingerspitzen über das Zopfmuster und erinnerte sich, wie sie des besseren Lichts wegen am Fenster gesessen hatte, als sie ihn strickte.

Er wusste selbst sehr gut, dass er mit vierzehn kein Kind mehr war und in der Lage sein sollte, ohne sie zurechtzukommen – genau wie sie es gesagt hatte. Trotzdem spürte er noch immer einen eigenartigen Schmerz in sich, wenn er an sie dachte.

Er sah die kleinen roten Postwagen an den meisten Morgen, wie sie klappernd unten über die Straße und am Steinbruch vorbeifuhren. Manchmal brachten sie Briefe für die Farm. Dann bog der Wagen in die Auffahrt ein, und er rannte pochenden Herzens los, um ihn abzufangen. Doch der Fahrer schüttelte stets nur den Kopf, lächelte und fuhr weiter. Für ihn war kein Brief dabei. Die schreckliche Leere kehrte zurück, während er mit zerknitterten und taufeuchten Hosen hinunter zur Straße ging, um dort auf den Schulbus zu warten.

An den Abenden solcher Tage blätterte er verstohlen die geöffnete Post durch, die hinter die Kaminuhr geklemmt war, um zu sehen, ob sie seinem Vater geschrieben hatte. Doch wenn tatsächlich ein Brief angekommen sein sollte, hatte Vater ihn versteckt, vielleicht, weil eine Nachricht von ihr auch ihm kostbar war. Er sehnte sich danach zu fragen. Auch hätte er zu gerne gewusst, ob Vater seinen Schmerz teilte. Aber da Vater ihn höchstwahrscheinlich in beiden Fällen kurz abgefertigt hätte, behielt er seine Fragen genau wie seine Gefühle für sich.

Eines Dienstags, als er erwachte, wusste er ganz tief im Innern seines Herzens, dass der Brief niemals kommen würde. Er fragte sich, ob es seine Schuld war und ob er sie vielleicht ungewollt verärgert hatte. An jenem Tag kletterte er nicht in der Frühe vor der Schule auf den alten Wachturm, ebenso wenig wie an einem der folgenden Tage.

Das Leben ging weiter, und er wuchs heran, doch in all den Jahren vergaß er sie niemals und hoffte, dass sie, wo auch immer sie jetzt sein mochte, glücklich war, und dass sie vielleicht, und sei es nur ganz gelegentlich, einmal an ihn dachte.

 KAPITEL 1 

Ein kleiner Konvoi aus Lieferwagen, Wohnanhängern und umgebauten Bussen ratterte über die Hauptstraße. Einige der Fahrzeuge waren kaum mehr als Metallwracks, mehr Rost als Farbe, zusammengehalten von Trotz und Hoffnung, andere waren schrill bemalt mit leuchtend bunten Blumen. In allen keuchten kehlig alte Motoren, während sie mit der Steigung kämpften. Wolken schwarzer Auspuffgase verschmutzten die klare Spätsommerluft und erfüllten sie mit dem durchdringenden Gestank nach Öl.

Unvermittelt signalisierte die heisere Hupe des purpurnen Busses an der Spitze des Konvois, dass ein gesuchter Orientierungspunkt in Sicht gekommen war, und die nachfolgenden Vehikel antworteten mit einer freudigen Kakophonie.

Es war die Stelle, wo die Straße den unteren Hang von Bamford Hill überquerte. Zur Rechten ging es weiter bergab, zur Linken erhob sich steiles, offenes Weideland, durchsetzt von wogenden Weizenfeldern. Mit einem raubtierhaften Aufbrüllen der Maschine verließ der purpurne Bus die Straße und bog nach links in einen Feldweg ein, der mit »Mott’s Farm« beschildert war. Die übrigen Fahrzeuge folgten ihm unter dem protestierenden Gekreisch gequälten Metalls.

Der Anführer bog erneut nach links ab und verließ den Feldweg durch eine Lücke in der säumenden Weißdornhecke. Triumphierend führte der Bus sein Gefolge über trockenes Grasland auf eine eigenartig bewachsene Wehrmauer zu, die den Hügel auf halber Höhe horizontal überquerte.

Sie waren nicht die Ersten, die dort eintrafen. Eine Gruppe von Archäologen hatte sich bereits eingerichtet und ein Gewirr von Gräben ausgehoben. Sie hatten unter der warmen Sonne eifrig gearbeitet, doch jetzt sprangen sie hoch und starrten offenen Mundes und erschüttert auf die Eindringlinge, die sich mit lautem Hupen und dichtem Auspuffqualm an ihnen vorbei den Hügel hinauf und zur Wehrmauer wälzten. Unterhalb der grasbewachsenen Kuppe fuhr das wüste Durcheinander von Fahrzeugen schließlich zu einer Doppelreihe auf wie antike Belagerungsmaschinen, bevor alle anhielten.

Heraus schwärmten Männer mit buschigen Bärten und Frauen in langen Röcken, Jugendliche beider Geschlechter in abgerissenen Jeans, Kinder in jedem Alter und aufgeregt kläffende Hunde. Selbst eine Ziege entsprang ihrem Stall auf Rädern. Mit der unorganisierten Effizienz von Nomaden machten sich einige daran, die verwucherte Hecke nach Feuerholz abzugrasen; andere, mit Eimern bewaffnet, kletterten über einen Zaun, um Wasser zu holen, das durch eine zerbrechliche Rohrleitung über einen Hahn in eine Viehtränke floss. Die überraschten Kühe galoppierten in alle Richtungen davon.

Schließlich trottete ein großer schwarzer Labrador-Mischling den Hang hinunter zu der archäologischen Grabungsstelle, ließ sich ins Gras fallen, kratzte sich ausgiebig und beäugte gutmütig und mit heraushängender Zunge die entsetzten Arbeiter.

Doch Gegenwehr war unterwegs. Ein altersschwacher Land-Rover kam den Hügel hinab, der als Mott’s Farm ausgewiesen war. Schornsteinspitzen ragten hinter dem Hügel in den Himmel. Der Rover verschwand für kurze Zeit hinter der Wehrmauer und tauchte dann unvermittelt oben auf dem alten Wall wieder auf.

Zwei Männer sprangen heraus, ein eigenartig gegensätzliches Paar. Das Aussehen des älteren – groß, dünn und doch kräftig, mit einem hohen Nasenrücken und grauen Locken, die von einer steifen Brise zu einem wirren Geflecht gepeitscht wurden – erinnerte an einen alttestamentarischen Propheten. Die Schrotflinte in der Armbeuge diente lediglich der Übertragung des Bildes in die Moderne.

Der jüngere war untersetzt und kräftig, trug braune Kordhosen und einen weiten, grünen Pullover und sah aus, als wären seine Bestandteile in der umgebenden Landschaft aufgesammelt worden. Er trat nun vor, legte die Hände trichterförmig an den Mund und brüllte: »Sie befinden sich unerlaubt auf unserem Land!«

»Hört augenblicklich auf, diese Hecke einzureißen, oder ich schieß euch die verdammten Köpfe vom Hals! Verschwindet von unserem Land! Los, macht, dass ihr wegkommt!«, bellte der Grauhaarige. Seine Stimme drohte sich zu überschlagen, während er die Schrotflinte aus der Armbeuge nahm und sie schussbereit mit beiden Händen packte.

»Warte, Onkel Lionel!«, sagte der andere knapp. »Lass mich mit ihnen reden.«

Der Autorität in der Stimme des Jüngeren nach zu urteilen, duldete er keinen Widerspruch – zumindest kurzfristig. Die Holzsammler hatten mit ihrer Arbeit aufgehört und sich zu den restlichen Tramps gesellt. Sie bildeten eine schweigende, bunte Menge. Ein bärtiger Sprecher übertrat die unsichtbare Linie zwischen den beiden Parteien.

»Wir nehmen nur das tote Holz«, sagte er. »Wir machen nichts kaputt.«

»Ich sehe selbst, was ihr da macht!«, brüllte Lionel Felston, und der Lauf seiner Schrotflinte wackelte gefährlich.

Sein Neffe Brian streckte einmal mehr die Hand aus, um dem aufgebrachten Onkel zuvorzukommen. »Sie befinden sich unerlaubt auf unserem Land! Ich bitte Sie, es zu verlassen. Ich bitte Sie dieses eine und letzte Mal höflich darum. Nehmen Sie Ihre Frauen und Kinder, und machen Sie, dass Sie wegkommen!«

Ein anderer Mann – mit kahlrasiertem Kopf, drahtig, in abgerissenen Jeans und mit drei goldenen Ringen in einem Ohrläppchen – zeigte den Hügel hinunter zu der archäologischen Grabungsstelle.

»Und was ist mit denen da? Sind die vielleicht nicht unerlaubt auf Ihrem Land, wie Sie es nennen?«

»Nein! Sie führen eine Ausgrabung durch, und zwar mit unserer Genehmigung! Sie hingegen besitzen keine Genehmigung, und die werden Sie so sicher wie die Hölle auch nicht kriegen!«, giftete Brian. »Und jetzt machen Sie endlich, dass Sie verschwinden!«

»Sonst?«, fragte der Drahtige und grinste niederträchtig. »Wollen Sie uns vielleicht vertreiben?«

»Darauf kannst du Gift nehmen!« Lionel Felston hob das Gewehr.

»Sie haben das Recht, angemessene Gewalt anzuwenden«, sagte der bärtige Mann. »Uns mit einer Schrotflinte zu bedrohen ist alles andere als angemessen. Wenn Sie damit schießen, stecken Sie in Schwierigkeiten.«

»Hör bloß auf, mir die Gesetze zu zitieren!«, schnappte Lionel. »Das hier ist Privatbesitz! Unser Besitz! Ich habe gesehen, was Typen wie ihr mit dem Land machen, auf dem sie lagern, und das wird hier ganz bestimmt nicht geschehen. Ihr hinterlasst überall euren Dreck, vernichtet die Ernte, verletzt unser Vieh …«

Der Kahlköpfige kicherte boshaft, was ihm einen raschen tadelnden Blick seines sprachlich gewandteren Begleiters einbrachte.

»Wir graben vernünftige Latrinenlöcher und machen hinterher sauber. Wir nehmen unseren Abfall mit. Sie selbst nutzen dieses Land nicht. Wir sind niemandem im Weg. Warum lassen Sie uns nicht einfach ein paar Tage in Frieden hier verbringen? Wir haben unsere Familien und unsere Kinder bei uns. Wir brauchen einen Platz, an dem wir ein paar lausige Tage bleiben können, das ist alles!«

»Ein paar Tage, pah!« Lionels hagere Gesichtszüge verzerrten sich. »Vorher schicke ich euch alle zum Teufel!«

Ein plötzlicher, unerwartet starker Windstoß fing die Worte ein und wirbelte sie hoch hinauf in die Luft, zu den Möwen, die, von ihren weißen Flügeln getragen, im Inland nach Futter suchten und ihre seltsam schrillen Schreie ausstießen. Fast klang es, als feuerten die Seelen all derer, die kämpfend an der Wehrmauer gestorben waren, die gegnerischen Parteien an, sich erneut auf diesem uralten Schlachtfeld gegenüberzutreten.

 KAPITEL 2 

Unter Gefahr für Leib und Leben.

Ursula Gretton wünschte inbrünstig, diese trostlose Phrase hätte sich ihr nicht aufgedrängt. Sie war nun schon seit Jahren mit dem Fahrrad in den Straßen Oxfords unterwegs, obwohl es angesichts des immer stärker werdenden Verkehrs, der immer intoleranter werdenden Fahrer und der zunehmenden Abgase mehr und mehr zu einem selbst auferlegten Hindernisparcours geworden war. Eine Limousine schnitt ihren Weg, und Ursula wankte unsicher. Ein Doppeldecker-Bus hinter ihr hupte. Die Frau auf dem Bürgersteig neben ihr, die mit Einkäufen überladen war und einen Sportwagen schob, funkelte sie böse an. Ursula biss die Zähne zusammen und verfluchte Dan. Wehe, wenn er keinen triftigen Grund hatte, sie zu sich nach Hause zu bestellen!

Sie verfluchte auch ihr altes, klappriges Fahrrad, doch Archäologen hatten selten genügend Geld übrig. Es sei denn, sie arbeiteten an einem ganz besonders berühmten Projekt, vorzugsweise gefördert von irgendeinem großzügigen Konzern, und beabsichtigten, ein wichtiges Buch zu dem Thema zu schreiben. Ganz bestimmt jedenfalls nicht, wenn sie nur vom Ellsworth Trust finanziert wurden, einer kleinen, unabhängigen pädagogischen Stiftung mit Interesse an mittelalterlicher Archäologie und zugegebenermaßen beschränkten finanziellen Ressourcen.

Letzteres war darüber hinaus signifikant, weil der Ellsworth Trust die Grabung von Bamford Hill finanzierte. Die anderen Stiftungen, an die sie herangetreten waren, hatten sich außerstande gesehen zu helfen. Ellsworth hatte gemäß seiner Stiftungsurkunde zugestimmt, doch die Ressourcen waren gestreckt und die Fördergesuche zahlreich. Doch falls es Ian gelang …

Dan hatte gesagt – diesmal vielleicht sogar mit Recht –, dass Ian Jackson einer wichtigen Sache auf der Spur sei und möglicherweise richtig lag mit der Behauptung, dass Bamford eine wichtigere Begräbnisstätte sei als alle anderen bisher entdeckten. Im Großen und Ganzen war es Dan gewesen, der den Trust dazu bewegt hatte, die Grabung zu unterstützen.

Dan hatte gesagt! Ursula schüttelte den Kopf. Als hätte sie nicht schon genug Schwierigkeiten gehabt, weil sie immer wieder auf Dan Woollard hörte.

Ich bin eine richtige Närrin!, schalt sich Ursula und streckte den linken Arm aus. Und nicht nur, weil ich ausgerechnet an einem Samstag mit dem Fahrrad über diese Straße fahre. Ich bin eine Närrin, weil ich mich in diesen Schlamassel manövrieren musste!

Mit einem Gefühl der Erleichterung bog sie in die Seitenstraße ab. Wenn sie ehrlich war, machte ihr der starke Verkehr Angst. Sie fuhr langsamer, während sie nach dem Haus suchte und es fand, dann nahm sie die Füße von den Pedalen und ließ das Fahrrad ausrollen. Mit einem Fuß auf dem Boden und dem Rad aufrecht unter ihr, betrachtete sie zweifelnd die Vorderfront. Was auch immer es war – warum hatte er es nicht am Telefon erklären können?

Ursula stieg ab, bugsierte das Rad zwischen parkenden Wagen hindurch, schob es über das gesprungene Pflaster und den freien Raum, wo eigentlich ein Gartentor hätte sein sollen, und lehnte es schließlich im gefliesten Vorhof unter dem Erkerfenster an. Danach zog sie sorgfältig die lange Sicherheitskette durch das Vorderrad und schloss ab, obwohl sie sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass jemand mit klarem Verstand diesen alten Schrotthaufen stehlen würde.

Die Häuser stammten aus der spätviktorianischen Zeit und waren früher einmal bescheidene Wohnhäuser für Handwerker und Büroangestellte gewesen. Heute galten sie als chic, und die »plaudernden Klassen«, wie jemand sie getauft hatte, waren eingezogen. Als Adresse war die Straße »in Ordnung«, und die Preise hier waren im Verhältnis zum Besitztum über jedes vernünftige Maß hinausgestiegen. Die meisten Häuser waren von den neuen Besitzern sorgfältig renoviert worden. Dieses hier nicht. Die Fassadenfarbe blätterte ab. Die Tüllgardinen waren graustichig. Natalie besaß weder Neigung noch Talent zur Hausfrau, und Dan fielen derartige Dinge nicht auf.

Ursula seufzte und drückte auf den Klingelknopf.

Sie hörte, wie sich Dans Schritte durch die Eingangshalle näherten, und vor ihrem geistigen Auge entstand das Bild des unmöblierten, teppichlosen Raums. Gott allein wusste, warum die beiden so lebten. Natalie verdiente sicherlich gutes Geld mit diesen schwülen Romanen. Vielleicht reflektierte der Zustand des Hauses einfach den ihrer Ehe.

Die Tür ging auf, und er rief: »Sula!« Sein breites Gesicht hellte sich freundlich auf.

»Hallo«, murmelte sie.

»I-ich bin froh, dass du doch noch vorbeigekommen bist.« Er schenkte ihr einen wirklich mitleiderregenden Blick – mit dem einzigen Erfolg, dass sie zusammenzuckte.

»Besser für dich, wenn es ein richtiger Notfall ist, Dan. Ich hab dir gesagt, dass ich an diesem Wochenende meine Berichte fertig machen wollte.«

»Es ist ein Notfall!« Er klang grimmig. Vielleicht stimmte es ja tatsächlich.

Ursula setzte einen Fuß über die Schwelle, doch dann hielt sie inne. »Ist Natalie zu Hause?«

»Nein. Sie ist nach Bamford gefahren, um ihre Mutter zu besuchen.«

»Oh.« Ein verhängnisvolles Zögern.

»Jetzt dreh dich nicht gleich um und renn weg!«, sagte er ärgerlich. »Ich habe nicht vor, dir zu nahe zu treten! Außerdem ist Ian auf dem Weg hierher.« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Er müsste in zehn, fünfzehn Minuten da sein. Ich setz schon mal den Kessel auf.«

Gedemütigt, weil ihre Zweifel so offensichtlich gewesen waren, folgte sie ihm durch die Diele ins Wohnzimmer, das auf der Rückseite des Hauses lag. Morgens schien die Sonne auf diese Seite und fiel noch immer hell durch das Fenster in den Raum, den die Woollards in ein Allzweckarbeitszimmer verwandelt hatten. Auf einer Seite stand Natalies Schreibtisch, übersät mit maschinenbeschriebenen Blättern. Auf der anderen Seite stand der von Dan. Die Einrichtung erweckte den Eindruck, die beiden seien ein harmonisches Paar, das nebeneinander zu arbeiten pflegte. Wie so viele andere Dinge bei Dan und Natalie trog jedoch auch dieser Eindruck. Allerdings herrschte eine gemütliche Unordnung, und die hübschen alten, mit Pferdehaar gepolsterten Sessel waren bequem. Ursula setzte sich in einen davon und stellte ihre Umhängetasche an die Seite.

»Sind das die Korrekturausdrucke von Natalies neuem Buch?«

»Ja«, rief er aus der Küche und fluchte anschließend; wahrscheinlich hatte er sich am Griff des Wasserkessels verbrannt.

Oben auf dem Manuskriptstapel lag eine Notiz. Sie stammte von Natalies Redakteur und lautete: »Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Ich hätte sie gerne bis zum 12. August zurück. Danke.«

Es war bereits der Achte des betreffenden Monats. Wenn Natalie die Ausdrucke tatsächlich rechtzeitig wieder abliefern wollte, würde sie sich ziemlich beeilen müssen. Kaum der geeignete Zeitpunkt, die Kurve zu kratzen und ihre Mutter zu besuchen, es sei denn, diese hatte dringend darum gebeten. »Ist Natalies Mutter wieder krank?«, rief Ursula in Richtung Küche.

»Was?«

Dans Stimme klang ganz nah, und Ursula bemerkte, dass sie nicht hätte rufen müssen. »Natalies Ma«, wiederholte sie deutlicher, aber in leiserem Tonfall.

»Oh, Amy. Ich weiß es nicht. Sie ruft an, und Natalie lässt alles stehen und liegen und eilt nach Bamford. Ich hab keine Ahnung. Und ehrlich gesagt, ist es mir auch egal.«

»Sie wird eben langsam alt; wahrscheinlich ist sie inzwischen schon über siebzig?«

»Ihr fehlt nichts, falls du das vermutest, aber sie mag es, wenn Natalie um sie herumtanzt und ihr Aufmerksamkeit schenkt. Ich habe mich mit ihr … wir haben uns immer deswegen gestritten. Jetzt macht Natalie einfach, was sie will – wie bei allen anderen Dingen auch.« Er reichte ihr einen Becher.

»Danke.« Ursula zog sich mit ihrem Kaffee in den Sessel zurück. »Weswegen hast du mich eigentlich angerufen?«

»Ian wird alles erklären. Es handelt sich um einen Notfall.« Er verzog das Gesicht. »Du brauchst ganz schön lange heutzutage, wie? Ich meine, um dich überzeugen zu lassen, mich irgendwo außerhalb einer Grabung zu treffen. Ich sehe dich nur noch, wenn wir arbeiten. Es könnte sich alles ändern, weißt du? Ich könnte … dafür sorgen, dass es anders wird.«

»Wenn es sich um einen Notfall handelt, dann sag mir bitte, worum es geht«, erwiderte sie knapp.

»Es hat keinen Sinn, wenn ich dir jetzt alles erzähle und Ian dann später noch einmal von vorn anfängt. Seine Informationen sind aktueller als meine. Um es kurz zu machen – wir haben Besucher.«

Ursula stöhnte auf. Bei jeder Grabung musste man mit Störungen durch Außenstehende rechnen, manchmal gut gemeint oder aus reiner Neugier, manchmal nicht. »Schatzsucher? Irgendwelche Idioten mit Metalldetektoren?«

Das waren die schlimmsten. Wenn sie etwas fanden, verschwanden sie einfach mit ihrer Beute, und wertvolle Hinweise auf das Datum und die Art der Grabung waren unwiederbringlich verloren.

»Nein. New-Age-Nomaden. Laster, Hunde und Kinder, alles, was dazugehört. Dreißig oder mehr Leute, vorsichtig geschätzt, trampeln über das Grabungsgebiet. Zünden Feuer an. Kinder, die Nachlaufen spielen. Hunde, die Löcher buddeln.«

Sie starrte ihn entsetzt an. »Auf der Grabungsstätte?«

»Mitten auf dem Hang, genau über uns. Und zwischen uns und der Wehrmauer. Ian kann dir den Rest erzählen.«

Sie runzelte die Stirn. »Und was ist mit den Felstons? Können sie denn die Nomaden nicht verjagen? Sie werden doch ganz bestimmt keine Hippies auf ihrem Land wollen.«

»Natürlich nicht. Es gab bereits eine ziemlich haarige Konfrontation, kann ich dir sagen. Der alte Lionel hat mit einer Schrotflinte herumgefuchtelt, und Brian hat das Gesetz über Landfriedensbruch zitiert. Es hat überhaupt nichts genutzt. Offensichtlich brauchen sie erst eine richterliche Verfügung.«

Die Türklingel ging erneut. »Ian!«, sagte Dan und stand auf, um zu öffnen.

»Sind Karen und Renee etwa allein an der Grabungsstelle …?«, fragte Ursula.

Doch Dan war bereits im Hausflur, und sie konnte hören, wie er Ian Jackson einließ. Sekunden später platzte der Kurator des Bamford Museum, klein, mit rotem Gesicht und sandfarbenen Haaren, ins Zimmer.

»Sula? Ich nehme an, Dan hat dir schon erzählt, was passiert ist? Was, Dan? Oh, Tee, Kaffee, was auch immer, danke.« Jackson warf sich in einen Sessel, und der Kragen seiner braunen Tweedjacke schob sich bis zu den Ohren hoch. »Tut mir leid, dass ich so spät komme, aber ich habe vorher noch einen Abstecher nach Bamford gemacht. Ich war auf der örtlichen Polizeiwache und hatte eine Unterhaltung mit dem Dienst habenden Beamten, einem Chief Inspector namens Markby.«

Ursula zuckte zusammen, öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

»Ich habe betont, wie dringend die Angelegenheit sei und wie wichtig die Grabung für das Museum wäre, und ich habe ihn gebeten, ein paar von seinen Leuten vorbeizuschicken, um diese New-Age-Typen zu verjagen. Das kann doch nicht so verdammt schwer sein! Aber der Bursche war absolut keine Hilfe! Er meinte, er würde sehen, was er machen kann, aber es hinge von den Umständen ab, und manchmal würden Konfrontationen auch nicht weiterhelfen. Es könnte zu Gewaltanwendung kommen, und wir wollten doch sicherlich keine Prügelei direkt neben der Grabungsstelle, oder?«

Jackson nahm den Becher, den Dan ihm reichte. »Ich hätte fast die Geduld verloren! Ich hab ihm gesagt: ›Ich bezahle meine Steuern, und wenn ich meine lokale Polizeidienststelle um Hilfe bitte, dann erwarte ich ein wenig mehr Einsatz!‹ Er meinte, er fühle mit mir. Ich hab gesagt, er könne sich sein Mitgefühl sparen, und ob ihm denn nicht bewusst wäre, dass das Bamford Museum eine kulturelle Oase in seiner geistig umnachteten Stadt sei.«

Er verstummte für den Augenblick. Dan hatte sich während Jacksons Tirade unbeholfen auf die Kante von Natalies Schreibtisch gesetzt. Ursulas Blicke wanderten einmal mehr zu dem Stapel mit den Korrekturausdrucken.

»Was ist mit den Felstons?«, fragte sie hastig.

»Sie haben gesagt, sie könnten sich keine richterliche Verfügung leisten. Aber wir können uns nicht auf die schnelle Hilfe der Polizei verlassen! Der alte Lionel ist imstande und schießt einem von diesen Typen den Kopf weg! Es kann gar nicht schlimmer kommen; irgendjemand muss etwas unternehmen!«

Ian beugte sich vor, während er von seinem Tee schlürfte. »Ich will nicht unfair sein. Der Sprecher dieses Konvois, Pete, ist einer von der vernünftigen Sorte. Aber ich glaube wirklich nicht, dass all die anderen ebenso vernünftig sind. Ganz bestimmt ist einer dabei, der unbedingt das Skelett sehen will und sich bei der Grabungsstätte herumdrückt, um die Plane hochzuheben, wenn gerade niemand aufpasst. Ich sage dir, Sula, wir brauchen Augen im Hinterkopf, solange diese Leute da sind, und wir kriegen unsere Arbeit nicht getan! Wir verbringen die Zeit mit Aufpassen, während die Felstons und die New-Age-Leute König auf dem Hügel spielen. Auf gar keinen Fall dürfen wir die Grabungsstelle unbewacht lassen, solange diese New-Age-Nomaden da sind, und damit basta. Und damit meine ich auch in der Nacht.«

Schweigen breitete sich aus. Ursula brach es als Erste. »Was ist mit dem Bauwagen?«, fragte sie zaghaft.

»Daran habe ich auch schon gedacht. Wir könnten zwei Betten hineinstellen, kein Problem. Ich schätze, wenn sie glauben, dass zwei von uns jede Nacht dort schlafen, würde das ausreichen. Sie sind nicht gefährlich, wenn ihr versteht, was ich meine. Das Problem ist nur, dass sie die Grabung stören könnten oder etwas in Unordnung bringen. Wir müssen physisch präsent bleiben. Ich dachte, du und ich könnten heute dort schlafen, Dan. Aber morgen kann ich nicht, weil das Baby seine Zähne bekommt und ich Becky nicht ganz allein lassen möchte.«

»Ich kann morgen auch dort schlafen«, sagte Woollard schnell.

Die beiden anderen blickten ihn fragend an, und er errötete.

»Was ist mit Natalie?«, fragte Ursula unverblümt.

»Ich hab dir doch gesagt, sie ist bei ihrer Mutter in Bamford.«

»Ich übernehme eine Schicht«, sagte Ursula. »Montagnacht. Meinetwegen auch Dienstag, wenn ihr wollt. Vielleicht bleibt Karen mit mir zusammen da.«

Jackson hatte umständlich mit seinem Becher hantiert. »Seht mal, ich muss euch beide um einen Gefallen bitten. Ich meine, ihr steht in direkter Verbindung mit der Stiftung. Ich hätte gerne, wenn wir diese Sache noch ein wenig für uns behalten könnten. Es macht keinen Sinn, die Stiftung damit aufzuscheuchen. Wenn der Ellsworth Trust Wind davon bekommt, dass ein Hippie-Konvoi neben der Grabungsstelle die Zelte aufgeschlagen hat, könnte man auf den Gedanken kommen, dass dort Dinge geschehen, die nicht geschehen sollten.« Er errötete. »Ich meine Drogen und so weiter. Sie haben doch Drogen, oder nicht? Diese Art von Leuten? Oder der Trust könnte glauben, dass wir unter den gegebenen Umständen nicht vernünftig arbeiten können.«

»Können wir auch nicht«, sagte Dan einsilbig.

»Außerdem«, Jacksons Stimme wurde lauter, »außerdem habe ich die Stiftung gerade erst um eine Verlängerung gebeten. Wir sind in einem sehr verzwickten Stadium. Ihr wisst beide, wie fest ich davon überzeugt bin, dass wir dort Wulfrics Grab finden! Ein sächsischer Fürst mit allen Gewändern und allem Schmuck! Überlegt nur, was das für das Bamford Museum bedeuten würde!«

Jacksons Gesicht leuchtete abwechselnd vor Begeisterung und inbrünstiger Sehnsucht. »Ich dachte, ich hätte die Stiftung überzeugt. Sie waren erfreut, als wir ein vollständiges Skelett fanden, aber als es nicht Wulfric war, zweifelten sie allmählich daran, dass wir sein Grab finden werden. Ich weiß, dass ihr beide mich unterstützt habt, und ich bin euch wirklich dankbar dafür. Aber mir ist schmerzhaft bewusst, dass wir absolut gar nichts gefunden haben, das meine Theorie stützt und das wir dem Ellsworth Trust zeigen könnten. Ich brauche mehr Zeit, und es darf absolut nichts dazwischen kommen, was das Vertrauen der Stiftung noch weiter erschüttert.«

Er setzte seinen Becher ab. »Also gut, ich kehre nach Bamford zurück und sehe zu, was ich für heute Nacht organisieren kann. Und dann stellen wir einen Dienstplan auf, bis der verdammte Konvoi weitergezogen ist.« Jackson war bereits auf dem Weg zur Tür, während er noch sprach. Dan begleitete ihn, und ihre Stimmen schallten durch den Hausflur zu Ursula herein. Sie überlegten laut, woher sie Schlafsäcke und Spirituskocher nehmen sollten.

Ursula seufzte. Sie hatte sich zwar bereitwillig anerboten, doch war sie nicht gerade begeistert von der Aussicht, draußen auf dem Hügel zu schlafen, in enger Nachbarschaft mit einem Lager voller unbekannter Hippies, die sie von der Grabungsstätte fern halten sollte. Auch bedeutete Karens Gesellschaft für Ursula alles andere als ungetrübte Freude.

Sie ließ die Hand neben dem Sessel sinken und tastete nach ihrer Umhängetasche. Ihre Finger berührten einen offenen Reißverschluss, und sie wühlte nach ihrem Taschentuch. Es dauerte einen Augenblick, bevor ihr bewusst wurde, dass etwas nicht in Ordnung war und ihre Hand nicht in ihrer eigenen Tasche, sondern in der von jemand anderem steckte. Unabsichtlich hatte sie ihre Tasche neben einer anderen abgestellt. Neugierig geworden, hob sie die andere Tasche auf. Sie war offen, und so warf sie einen Blick hinein. Eine ledernes Etui mit Kreditkarten, ein Lippenstift, ein Notizbuch, Kugelschreiber, eine Geldbörse, zwei Rechnungen vom Supermarkt, Autoschlüssel …

Dan kam zurück, nachdem er hinter Ian die Tür geschlossen hatte. Ursula stellte die Tasche an ihren Platz und nahm gerade ihre eigene hoch, als er das Zimmer betrat.

»Ich glaube, ich gehe jetzt auch besser«, sagte sie und stand auf.

»Du musst nicht wegrennen, das weißt du, Sula.«

»Ich hab dir doch gesagt, meine Berichte …«

»Du wirst doch wohl noch fünf Minuten Zeit haben zum Reden!« Er brüllte ihr die Worte fast entgegen, und sie hallten durch den Raum.

»Und worüber?«, fragte Ursula leise.

Er ließ die Schultern hängen und sagte verdrießlich: »Über uns.«

»Es gibt kein ›uns‹. Ich habe dir gesagt, dass es vorbei ist. Es war schön, so lange es gedauert hat, aber es war ein Fehler.«

Starrsinn hatte kompromisslose Linien in seine niedergeschlagenen Gesichtszüge gezeichnet. »Ich hab dir doch gesagt, Natalie und ich bedeuten uns nichts mehr! Sie will es nur nicht zugeben. Aber sie wird einer Scheidung zustimmen, wenn wir nur lange genug durchhalten.«

»Ich will nicht, dass du dich wegen mir scheiden lässt. Ich würde dich bestimmt nicht heiraten, wenn du es tun würdest. Um Himmels willen, Dan! Wir haben das alles schon vor fast einem Monat besprochen! Ich dachte, du hättest inzwischen akzeptiert, dass es aus ist mit uns. Vorbei, Ende!« Sie wusste, dass sie wütend klang, doch es war, als hätte sie gegen eine Wand geredet. »Aber nein, du und Natalie, ihr seid wirklich vom gleichen Schlag! Keiner von euch beiden hört auf ein Wort, das irgendjemand anderes sagt!«

»Ich liebe dich!«, brüllte er sie mit rotem Gesicht an. Er trat einen Schritt vor, streckte die Hände aus, doch dann schien er sich wieder zu fassen und blieb stehen. Kraftlos sanken die Arme an den Seiten herab.

»Das tust du nicht! Du denkst nur, dass es so ist. Aber wenn du die Sache objektiv betrachten würdest, würde dir klar werden, dass du mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr liebst!«

»Das ist Unsinn!«, schoss er zurück. »Und außerdem, ich glaube dir nicht, dass du mich nicht mehr liebst! Wenn nur Natalie nicht hier wäre …«

»Nun, sie ist nicht hier«, fauchte Ursula. »Und ich werde jetzt ebenfalls gehen.«

»Ich lasse dich nicht gehen«, sagte er scharf. »Du kannst nicht so einfach gehen, nicht nach allem, was zwischen uns war.«

Sie hatte unterdessen die Tür erreicht, doch als sie die unterdrückte Wut in seiner Stimme hörte, drehte sie sich um und blickte ihn an. Er stand finster mitten im Flur, und in seinen Augen war so viel Zorn, dass sie sich einen Augenblick lang wirklich vor ihm fürchtete. Sie erblickte die Handtasche, die hinter dem Sessel hervorlugte. Es musste Natalies Tasche sein, ganz bestimmt.

»Wie lange ist Natalie eigentlich bei ihrer Mutter?«, fragte sie und wünschte im gleichen Augenblick, sie hätte, bevor sie zu Dan gefahren war, wenigstens die elementare Vorsichtsmaßnahme ergriffen herauszufinden, wo Natalie sich aufhielt.

»Ich … seit drei Tagen.« Er drehte den Kopf zur Seite.

»Und wann kommt sie zurück?«

»Ich weiß es nicht, und es ist mir auch egal! Am liebsten wäre mir, wenn sie überhaupt nicht mehr käme! Du weißt ja nicht, wie das Leben mit ihr ist! Und seit ich dich kenne, Sula, war es die reinste Hölle. Zu wissen, dass …«

Ursula unterbrach ihn. »Dan, es ist doch nichts passiert, oder?«

»Außer dass ich mich in dich verliebt habe – was soll denn passiert sein?«

»Zum letzten Mal, hör endlich auf, so zu reden! Du klingst wie eines von Natalies Büchern!« Das war nicht nett, und sie wollte ihn nicht verletzen. Sie wollte, dass er ehrlich war – falls er überhaupt wusste, was das bedeutete. »Ich meine, ist irgendetwas, etwas anderes als gewöhnlich, zwischen dir und Natalie vorgefallen?«

»Um Himmels willen, hör auf damit! Immer wieder Natalie!« Sein Gesicht war erneut rot angelaufen, und sein buschiger Bart schien sich aufzurichten. Die vollgestaubten Nischen des Flurs warfen das Echo seiner Stimme zurück. »Was versuchst du mir da anzutun? Ich liebe dich, und du hast gesagt, dass du mich auch liebst. Wir sind allein, und Natalie ist weg!«

»Wohin weg, Dan?« Trotz ihrer Vorsicht sprudelten die Worte aus ihrem Mund wie eine Anschuldigung.

»Das hab ich dir schon gesagt! Zu ihrer Mutter! Vielleicht kommt sie nie wieder zurück! Wenn sie nicht …«

»Was heißt, wenn sie nicht?« Misstrauen knisterte in ihrer Stimme.

»Was das heißt? Wenn sie nicht wiederkommen würde, könnten wir für immer zusammenbleiben! Die Dinge können sich ändern, genau wie ich gesagt habe. Ich kann dafür sorgen, dass sie sich ändern. Denk darüber nach, Sula.« Seine Stimme wurde leiser, und er trat einen Schritt nach vorn.

Automatisch wich sie zurück, und er flüsterte: »Ich würde alles tun, damit du und ich zusammen sein können. Alles, ich schwöre es!«

»Hör auf damit!« Sie wandte sich um und floh durch den Flur zur Tür, und ihre Finger fummelten hektisch am Riegel der Haustür. »Ich wollte nicht bei dieser Grabung mitarbeiten, weil ich gleich wusste, dass du immer wieder damit anfangen würdest!«

Ihr Fingernagel brach an dem halsstarrigen Riegel. Was war das für ein Mistding, warum klemmte es?

»Das war nur, weil Ian niemand anderen bekommen konnte und die Stiftung mich gefragt hat …«

Gott sei dank, endlich ging die Tür auf! Fast wäre sie die Stufen hinunter und in den Vorhof gefallen.

»Warte, Sula!«, rief er.

Doch sie hatte bereits ihr Fahrrad aufgeschlossen und schob es auf die Straße hinaus. Sie hörte ihn noch immer ihren Namen rufen, als sie davonradelte. In ihrem Kopf drehte sich alles, und ein neuer und schrecklicher Verdacht nahm langsam in ihren Gedanken Gestalt an.

»Dumm, so verdammt dumm!«, murmelte sie zu sich selbst, während sie mit gesenktem Kopf in die Pedale trat. Ein Autofahrer drückte auf die Hupe und brüllte sie an. Sie beachtete ihn nicht. »Wie konnte ich nur so dumm sein! Rot!« Sie hatte gerade noch rechtzeitig gesehen, dass die Ampel vor ihr rot war. Während sie darauf wartete, dass die Ampel auf Grün umschaltete, wiederholte sie es ein letztes Mal, diesmal laut. »So verdammt dumm!«

Doch es sollte nicht das letzte Mal sein, dass ihr dieser Gedanke durch den Kopf ging, dieser unaussprechliche, unglaubliche, aber nicht ganz und gar unmögliche Verdacht, der sich ihr so unangenehm aufdrängte. So verrückt er auch sein mochte – nein: war, mit Sicherheit war! –, er wollte einfach nicht schwinden.

 KAPITEL 3 

Meredith Mitchell streckte und räkelte sich unter dem Federbett und genoss schamlos den Luxus samstagmorgendlicher Faulheit. An diesem Tag musste sie ausnahmsweise nicht aus dem Haus eilen, um sich mit dem Zug von Islington nach Whitehall zu quälen und dort frustriert über einem Schreibtisch des Foreign Office zu schwitzen. An diesem Tag konnte sie einfach liegen bleiben, während aus dem Radiowecker leise Musik an ihr Ohr drang, und sich an dem angenehmen Gedanken erfreuen, dass sie nicht nur an diesem Tag zu Hause bleiben durfte, sondern auch noch die gesamte folgende Woche.

Der Kurzurlaub würde alles andere als unausgefüllt sein. Meredith hatte mehrere kleine, aber wichtige Besuche geplant. Zuerst zum Friseur für einen richtig schicken neuen Schnitt. Zum Zahnarzt; die Vorsorgeuntersuchung war längst überfällig. Da war der geplante Einkaufsbummel schon interessanter. Sie würde neue Kleider kaufen, sich Zeit nehmen und sich Restaurants ansehen. Es würde einfach …

Rassel, kratz, klick.

Erschrocken und mit unangenehm pochendem Herzen setzte sich Meredith auf. Prompt rutschte das Federbett zu Boden und setzte ihre nackten Glieder der kühlen Zugluft aus. Sie schwang die Beine über die Kante und ließ sie baumeln, während sie angestrengt lauschte. Bestimmt gab es eine ganz einfache Erklärung. Ein Vogel vielleicht, der sich durch den Schornstein ins Haus verirrt hatte. Das wäre nicht das erste Mal.

Doch das Geräusch kam von der anderen Seite der Schlafzimmertür, draußen vom schmalen Korridor. Es war eine kleine Mietwohnung, und sie gehörte nicht Meredith, sondern einem Kollegen aus dem FO, der zurzeit in Südamerika war. Sie mochte vielleicht vollgestellt und lieblos eingerichtet sein, aber sie war praktisch, und Meredith hatte das große Glück, allein in ihr zu leben. Jedenfalls bis zu diesem Augenblick.

Irgendjemand war an der Wohnungstür und hatte sie gerade geöffnet, und jetzt stand er im Begriff einzutreten.

Meredith hörte ein dumpfes Geräusch, als ein schwerer Gegenstand auf dem Boden landete, und dann hörte sie das Murmeln einer männlichen Stimme. Es war acht Uhr fünfundvierzig an einem Samstagmorgen. Ob der Einbrecher geglaubt hatte, die Wohnung sei leer?

Meredith stand leise auf. Sie tastete mit den Zehenspitzen nach den Pantoffeln, während sie in ihren Morgenmantel schlüpfte. Das Telefon war draußen im Flur. Unwahrscheinlich, dass der Einbrecher ihr genügend Zeit ließ es zu benutzen, selbst wenn sie bis dorthin kam. Die beste Möglichkeit war noch, so schnell wie möglich aus der Wohnung zu verschwinden und draußen Hilfe herbeizurufen.

Die Stille auf der anderen Seite der Tür verriet, dass der Einbrecher in einem der Zimmer verschwunden war und es nur noch Augenblicke dauern konnte, bis er das Schlafzimmer durchwühlen würde. Meredith öffnete die Tür. Jawohl, der Korridor war leer, bis auf eine große Canvas-Reisetasche, die merkwürdigerweise bereits bis zum Platzen gefüllt war. Die Tür zum Wohnzimmer stand weit auf, und Meredith hörte, wie sich jemand dort drin bewegte und weiter vor sich hinmurmelte. Klopfenden Herzens schlich sie um die Tasche herum und streckte die Hand nach dem Türgriff aus. Während sie noch in der Bewegung war, schwang die Wohnzimmertür ganz auf, und eine dunkle Gestalt versperrte ihr den Weg. Sie sah sich einem schmutzigen, verschwitzten jungen Mann in einer Lederjacke, Jeans, Turnschuhen und einem Achtundvierzig-Stunden-Bart gegenüber.

Meredith stieß einen Schrei aus. Dann ließ sie die Hand wieder sinken, und ihr Herz rutschte aus dem Hals wieder an seine normale Stelle zurück. Mit einer Stimme, die sich zu einem entrüsteten Keifen steigerte, fragte sie: »Was um alles in der Welt hast du hier zu suchen? Du solltest in Südamerika sein!«

»Das ist immer noch meine Wohnung«, antwortete Toby schlicht. Er packte seine Canvas-Tasche und schleuderte sie in das Wohnzimmer. »Ich bin nach Hause geschickt worden, persona non grata

»Das sieht dir wieder mal ähnlich«, entgegnete sie resigniert.

Sie folgte ihm ins Wohnzimmer. Er hatte seine Jacke ausgezogen, dann folgten die Turnschuhe. Schließlich warf er sich auf das Sofa, legte die Füße mitsamt den schmutzigen Socken auf die Lehne und verkündete: »Ich bin total erledigt. Ich musste über Paris fliegen, die einzige Verbindung, die ich kriegen konnte. Es gab Streiks.« Er schloss die Augen. »Es war nicht meine Schuld, sondern eines dieser diplomatischen Spielchen. England hat einen der eigenen Leute heimgeschickt, also mussten sie auch einen von uns rauswerfen, und mich hat’s getroffen.« Er öffnete die Augen. »Gibt es zufällig Kaffee?«

»Nein! Ich war noch im Bett! Du hast mir eine Heidenangst eingejagt! Du hättest wenigstens die Klingel benutzen können!«

»Wozu? Ich hatte einen Schlüssel. Ich könnte wirklich eine Tasse Kaffee vertragen.«

Meredith widerstand dem Impuls zu erwidern, dass er sich doch seinen eigenen Kaffee kochen solle, wenn er schon so darauf pochte, dass die Wohnung ihm gehörte. Wahrscheinlich war er nach seiner Reise wirklich vollkommen erledigt. Grollend ging sie in die Küche. Als der Kaffee in die Glaskanne lief und die Luft mit seinem Aroma erfüllte, kam ihr ein unwillkommener Gedanke. »Du hast doch wohl nicht vor, hier zu bleiben, oder? Du hast mir diese Wohnung vermietet!«

»Ich konnte ja schließlich nicht wissen, dass ich sie selbst brauche, oder?« Es gelang ihm, sich vom Sofa hochzuschwingen und zum Küchentisch zu schleppen, wo er sich erwartungsvoll in einen Stuhl fallen ließ.

Meredith kochte innerlich vor Wut, während Toby sich durch einen Berg Cornflakes futterte. »Toby, du kannst nicht hier bleiben. Ich habe nächste Woche frei, und ich habe mir so viel vorgenommen …«

»Ich muss aber! Wo soll ich denn sonst hin? Ich muss mich am Montagmorgen im FO melden. Mach du nur, wozu du Lust hast. Ich bin dir nicht im Weg«, fuhr er auf seine optimistische Art und Weise fort. »Du kannst weiter im Bett schlafen, und ich nehme das Klappsofa im Wohnzimmer. Ich hab immer noch einen Riesenhunger. Besteht rein zufällig Aussicht auf ein gekochtes Ei?«

»Koch es dir selbst.« Es gab für alles Grenzen.

Im Badezimmer schwärte ein Stapel zerknitterter Socken und Unterhosen unter dem tropfenden kalten Wasserhahn. Meredith kehrte in die Küche zurück. »Es wird nicht funktionieren, Toby. Du bist unsauber und schlampig. Du hast deine schmutzige Wäsche in die Wanne gelegt, und ich wollte mir gerade ein Bad einlassen. Die Wohnung ist zu klein für uns beide.«

»Es wird schon gehen. Ich bringe das Zeugs nachher in den Waschsalon.«

Später, als Meredith sich anzog, überfiel laute Rockmusik ihre Ohren. Das Telefon läutete, und sie hörte, wie Toby an den Apparat ging.

»Was? Wer?«, rief er über den Lärm hinweg, bevor er brüllte: »Es ist für dich!«

Meredith stapfte nach draußen und nahm ihm den Telefonhörer aus der Hand. »Hallo?«

»Was um alles in der Welt ist bei dir los?«, platzte Alan Markbys Stimme in ihr Ohr. »Wer war das?«

»Oh, Alan. Warte mal. Toby! Dreh die Musik leiser, ich verstehe kein Wort!« Doch Toby hatte sich im Badezimmer eingeschlossen, und sie musste es selbst tun. Eine gesegnete Ruhe trat ein. Sie kehrte zum Telefon zurück und erklärte Markby in knappen Worten, wo das Problem lag.

»Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass er bei dir wohnt?«

»Sein Posten ist aufgelöst worden, und nun ist er für unabsehbare Zeit zurück in London, und er hatte keine Zeit, entsprechende Arrangements zu treffen.« Sie blickte sich kurz um, dann zischte sie leise: »Es ist sehr ärgerlich, aber die Wohnung gehört nun einmal ihm, und er hat sich selbst eingelassen! Ich kann ihn nicht einfach so rauswerfen, also was bleibt mir übrig?«

»Sag ihm, er soll sich ein Hotelzimmer suchen, das bleibt dir übrig! Und wenn du schon dabei bist, nimm ihm den Schlüssel weg. Er hat einen Mietvertrag unterschrieben! Du bezahlst eine großzügige Miete, und im Mietvertrag steht sicher kein Wort davon, dass du die Wohnung mit ihm teilen musst. Halt ihm den Vertrag unter die Nase. Es ist schließlich nicht deine Schuld, wenn er rausgeworfen wurde!«

»Aber ich kann ihn nicht rauswerfen, es sei denn, er geht freiwillig. Ich meine, ihn trifft doch schließlich keine Schuld!«

»Meredith!«, drang Markbys Stimme streitlustig aus dem Hörer. »Glaub nicht, dass ich eifersüchtig bin oder misstrauisch oder sonst was. Aber er nutzt deine Gutmütigkeit nur aus! Wenn du ihn bei dir wohnen lässt, wirst du es bereuen!«

Toby stieß die Badezimmertür auf und erschien platschnass mit einem Handtuch um die Hüften. »Was dagegen, wenn ich deine Seife benutze? Ich dachte, jetzt, wo ich wieder zurück bin, könnten wir vielleicht ein paar Freunde anrufen und heute Abend eine kleine Party veranstalten.«

Merediths Hand verkrampfte sich um den Hörer. »Ich brauche niemanden, der mir erzählt, was ich bereits weiß«, sagte sie wütend in die Muschel.

Am folgenden Sonntagnachmittag saß Ursula in Oxford in dem kleinen Hinterzimmer, das sie zu ihrem persönlichen Arbeitszimmer umgewandelt hatte. Sie wollte eigentlich die Berichte über den Skelettfund bei der Grabung abschließen, doch sie saß vor dem Fenster und starrte leeren Blickes hinaus in den Garten.

Sie hatte den schrecklichen Verdacht, der ihr am Vortag gekommen war, noch immer nicht verdrängen können. Sicher war er absurd, oder nicht? Wie konnte sie Dan so etwas überhaupt zutrauen? Weil, so sagte sie sich, weil ihr Verdacht einem nagenden Gefühl persönlicher Schuld entsprang, ein solches Desaster geradezu provoziert zu haben.

Sie hatte sich selbst mitten ins Unrecht gesetzt und sich in eine Bredouille gebracht, aus der es keinen Ausweg gab. Ursula schob wütend ein frisches Blatt in die Schreibmaschine. In Augenblicken wie diesen geriet sie in Panik. Gefangen, voller Reue, hasste sie sich selbst, hasste Dan, sehnte sich danach, frei zu sein. Am meisten von allem hasste sie ihre eigene Tatenlosigkeit, wollte etwas gegen das alles unternehmen – nur was?

Damals hatte alles so ganz anders ausgesehen, und sie hatte nicht den geringsten Zweifel daran gehabt, dass sie das Richtige tat. Dan und Natalie waren bekannt für ihre unsichere, sturmgepeitschte Ehe, ein Rätsel für jeden Außenseiter. Genau wie ihr Haus, das nur zur Hälfte eingerichtet war, wirkte auch ihre Ehe unvollkommen und nachlässig. Und doch waren beide für sich genommen überaus sorgfältig. Natalie in ihren Büchern und Dan bei seiner Arbeit. Es hatte Ursula nicht weiter überrascht, dass Dan unglücklich war, und im Nachhinein betrachtet, hatte sie sich wahrscheinlich geschmeichelt gefühlt, dass er ausgerechnet sie ins Vertrauen zog. Heute jedenfalls konnte sie die Eitelkeit in ihren Handlungen sehen: Natalie hatte Dan enttäuscht, doch sie, Ursula, würde die Wunde schon heilen.

Sie hatte ihren Irrtum bald genug bemerkt. Dans ständiges Gejammer stellte sich als geübte Methode emotionaler Erpressung heraus, bis zur Perfektion geschliffen im Umgang mit seiner Ehefrau und nun gegen Ursula eingesetzt. Er verlangte all ihre Zeit und Aufmerksamkeit, war sowohl eifersüchtig als auch besitzergreifend und, wie sie vermutete, nicht immer ganz ehrlich. Oder jedenfalls besaß er das Talent, die Dinge stets so darzustellen, dass er im bestmöglichen Licht erschien. Ein Streit war niemals Dans Schuld, sondern stets die der anderen Person. Eine Verspätung hatte ihre Ursache immer darin, dass Dan durch andere aufgehalten worden war. Wenn er bei der Ettikettierung einen Fehler machte, lag das am schlechten Licht im Bauwagen und an Ursulas unleserlicher Handschrift. Und so weiter.

Ganz ohne Zweifel praktizierte Natalie die gleiche Art von emotionaler Erpressung gegenüber Dan, und die beiden lebten in einer ständigen gegenseitigen Folter. Zu spät war Ursula bewusst geworden, dass kein Außenstehender jemals wissen kann, wie es in einer Beziehung zwischen zwei Menschen wirklich aussieht, ganz gleich, wie diese Beziehung nach außen hin erscheinen mag.

Und an dieser Stelle hatte Ursula für sich entschieden, dass sie nichts damit zu tun haben wollte. Sich von Dan zu trennen war jedoch eine ganz andere Sache, insbesondere, weil sie Arbeitskollegen waren.

Ursula kritzelte Männchen auf ihren Notizblock. Natalie. Hatte Dan die Wahrheit erzählt? Oder hatte sie erneut eine Version zu hören bekommen, die durch Dans Filtermechanismen gelaufen war, um die Realität an seine Vorstellungen anzupassen? Selbst jetzt noch bemühte sie sich, fair zu bleiben und einzuräumen, dass er möglicherweise die Wahrheit gesagt hatte. Natalies Mutter lebte in Bamford. Ursula hatte das Haus gesehen. Amy Salter war des Öfteren krank, und Ursula wusste, dass Amy ihre Tochter regelmäßig anrief und sie bedrängte, zu Besuch zu kommen, damit sie ihrer »kranken Mutter« helfen könne. Es ergab Sinn.

Aber nicht die unfertigen Korrekturausdrucke. Nicht die Brieftasche mit den Kreditkarten, und nicht die Autoschlüssel.

Und was hatte er überhaupt gemeint, als er sagte er könne die Dinge ändern? War das wieder nur sein dummes Gerede, oder hatte er bereits etwas getan? Wusste er, dass sich etwas verändert hatte? Ursula sah ein, dass sie nicht mehr zum Arbeiten kommen würde, und wenn sie sich noch so sehr bemühte. Sie räumte ihre Notizen weg und ging nach unten, wo sie den Kopf in das Arbeitszimmer ihres Vater streckte. »Dad?«

»Was ist denn, Darling?«, murmelte ihr Vater, ohne von seiner eigenen Arbeit aufzublicken.

»Ich muss für ein paar Stunden raus. Ist es in Ordnung, wenn ich den Wagen nehme? Du brauchst ihn doch nicht mehr heute Abend, oder?«

»Wagen?« Er hob den Kopf, drehte sich um und sah seine Tochter zerstreut an. »Ach ja, der Wagen … sicher, nimm ihn nur.«

»Ich komme nicht allzu spät nach Hause.«

Er war bereits wieder in seine Bücher vertieft. Ursulas Familie bestand ausschließlich aus Akademikern, und sie waren eine große und glückliche Familie gewesen. Doch dann war Ursulas Mutter gestorben, und ihre Schwestern hatten geheiratet. Irgendwie war sie einfach dageblieben und hatte weitergemacht; zu Hause, wo es komfortabel und bequem und außerdem auch billiger war, hatte sie in einer lockeren Beziehung mit ihrem Vater zusammen gewohnt. Und vielleicht war sie – trotz ihrer neunundzwanzig Jahre und all ihrer beeindruckenden Qualifikationen – niemals wirklich erwachsen geworden.

Das alles rief sie sich ins Gedächtnis zurück, während sie den Wagen rückwärts auf die Straße setzte und dann in Richtung Bamford losfuhr. Sie war eine vorsichtige Fahrerin, und sie benötigte eine ganze Stunde, obwohl die Strecke größtenteils über die Autobahn führte. Bamford war ein Ort sonntagabendlicher Stille. Eine Glocke rief die Gläubigen zur Abendandacht, und Menschen eilten allein oder zu zweit zur Kirche oder Kapelle. Die Pubs waren noch geschlossen.

Ursula parkte in der leeren Seitenstraße, ein paar Dutzend Yards unterhalb von Amy Salters Haus, und blieb beobachtend hinter dem Steuer sitzen, unsicher, was sie als Nächstes tun sollte. Es waren kleine Reihenhäuser, deren Fassaden direkt an den Bürgersteig grenzten, mit abgenutzten Eingangstreppen aus Stein. Sie waren ausnahmslos in gutem Zustand, mit frisch gestrichenen Türen und glänzend polierten Messinggriffen. Hinter den Fenstern hingen Tüllgardinen, und in den Dielenfenstern standen Fruchtschalen oder Blumen, genau in der Mitte zwischen Tüll und Glas. Die Häuser waren der Inbegriff von altmodischer Respektabilität. Ursula konnte wohl kaum zur Tür gehen und klopfen und sich geradewegs nach Natalie erkundigen; womöglich würde sie auf diese Weise nur unnötige Aufregung verursachen oder würde am Ende gar noch beschuldigt, bösartige Gerüchte in die Welt zu setzen.

Und was, wenn Natalie tatsächlich im Haus war? Wenn sie selbst öffnete? Was sollte Ursula sagen? Wie konnte sie ihr in die Augen blicken?

Sie trommelte nervös auf dem Lenkrad. Unversehens öffnete sich die Tür des Salterschen Hauses, und Amy Salter, schick angezogen und offensichtlich in blühender Gesundheit, trat heraus. Sie fummelte in ihrer Handtasche und schloss dann hinter sich die Tür, bevor sie zielstrebig die Straße hinunterging, ohne, wie Ursula bemerkte, zum Abschied ins Haus zu rufen.

Sobald Amy um die Ecke gebogen und außer Sicht war, sprang Ursula aus dem Wagen, marschierte entschlossen zu der grün gestrichenen Tür, und betätigte den Messingklopfer in Form eines Fuchskopfes. Das Geräusch echote auf eine Weise, wie man es nur hören kann, wenn ein Haus leer ist. Nichtsdestotrotz versuchte sie es ein zweites Mal; sie bückte sich sogar, hob die Zeitungsklappe und rief: »Natalie?« Nichts. Ursula trat zum Frontfenster und presste die Nase gegen die Scheibe, doch die Tüllgardine verwehrte den Blick in den dahinterliegenden Raum.

Plötzlich flog im ersten Stock des Nachbarhauses ein Schiebefenster auf, und ein Frauenkopf erschien im Fensterrahmen. »Wollten Sie zu Mrs. Salter, Liebes?«

»Äh, ja …« Ursula blickte nach oben und schirmte die Augen ab.

»Sie wird wohl zur Abendmesse gegangen sein, in die Allerheiligenkirche. Das tut sie immer, regelmäßig wie ein Uhrwerk, außer, wenn sie sich nicht ganz wohl fühlt.«

»Oh. Ich verstehe. Äh … Mrs. Woollard, das ist Mrs. Salters Tochter – sie ist nicht zufällig hier, schätze ich? Eigentlich wollte ich nämlich zu ihr.«

»Sie meinen Natalie? O nein, Liebes. Sie ist ganz bestimmt nicht hier. Ich kann mich nicht einmal erinnern, wann ich sie das letzte Mal gesehen habe.«

»Oh. Danke.«

Das Fenster schloss sich krachend. Ursula trat den Rückzug zu ihrem Wagen an. Wenn man wie Dan auf einen Schwindel aus war, dann war es jedenfalls nicht klug, es in einer Straße wie dieser zu versuchen, wo die Nachbarn jeden Schritt des anderen zu kennen schienen.

Aber war es überhaupt ein Schwindel? Und wenn ja, was konnte sie dagegen tun?

Und dann, während der Nachhausefahrt, fiel es ihr wie aus heiterem Himmel ein. »Meredith! Natürlich!«

Es war später Sonntagabend, und Meredith räumte die Wohnung auf. Toby war gerade ausgegangen. Solange er in ihrer Wohnung war, konnte sie nur hilflos beobachten, wie das Chaos ringsum anwuchs. Während sie wütend vor sich hinmurmelte, klopfte sie das Kissen auf, sammelte Zeitungspapier ein, das überall auf dem Boden verstreut lag, wusch Tassen und Teller ab, reinigte das Badezimmer und jagte den altersschwachen Staubsauger umher.

Schließlich warf sie sich aufs Sofa und verkündete laut: »Das lasse ich mir nicht länger gefallen!«

Wenigstens die Party am Samstagabend hatte sie ihm ausgeredet, wenngleich die Idee nur verschoben worden war. Seine Freunde, so hatte er klargestellt, erwarteten von ihm eine Feier. Selbstverständlich hatte sich die Kunde von seiner Rückkehr wie ein Lauffeuer durch die Metropole verbreitet, und den ganzen Tag über hatte das Telefon nicht stillgestanden.

Noch während sie dem Gedanken nachhing, klingelte es erneut. Es war unmöglich, den schrillen, impertinenten Ton zu überhören. Meredith riss den Hörer von der Gabel und fauchte: »Er ist nicht da! Er ist nach unten in den Pub gegangen!«

»Meredith? Ist dort Meredith Mitchell? Ich hoffe, ich habe dich nicht aus dem Bett gerissen. Ich bin es, Ursula Gretton.«

Meredith fuhr hoch. »Oh, tut mir leid, Sula. Bist du in London? Ich dachte, du hättest diesen Monat irgendeine Grabung geplant?«

»Hab ich auch – ich rufe von zu Hause aus an. Bei der Grabung gibt es Probleme, und privat habe ich auch welche. Meredith, hast du noch Beziehungen zu diesem Chief Inspector in Bamford? Ich weiß, dass er noch dort arbeitet.«

»Alan Markby, ja. Wir sind Freunde, das ist alles.« Meredith unterbrach sich, als ihr der heftige Wortwechsel einfiel, den sie erst letzten Samstagmorgen mit Alan geführt hatte. »Wenigstens hoffe ich, dass er noch mit mir redet.«

»Kann man mit ihm reden? Hört er zu, oder unterbricht er seine Gesprächspartner und fängt dann an, endlos Fragen zu stellen?«

»Was ist denn passiert?«, fragte Meredith, deren Neugier plötzlich erwacht war.

Doch damit hatte sie Ursula in die Defensive gedrängt. »Nichts! Na ja, vielleicht doch. Ich bin nicht sicher. Ich brauche einen Rat, und dann ist mir dein Freund in Bamford eingefallen. Ian hat bereits mit ihm zu tun gehabt, wegen der Probleme bei der Grabung, und ich dachte, vielleicht könnte ich inoffiziell mit ihm reden. Ich möchte wahrscheinlich nur … Bestätigung, schätze ich.«

»Wer ist Ian? Was für Probleme?«

»Ian Jackson, Kurator des Bamford Museum und Leiter der Grabung. Wir haben diesen Sommer über verdammt hart gearbeitet, und jetzt ist alles in Gefahr.« Meredith hörte, wie Ursula seufzte. »Ich habe versprochen, morgen Nacht im Bauwagen an der Grabungsstätte zu schlafen. Wir wollen uns abwechseln, solange es nötig ist. Gott allein weiß, wie lange das so geht! Meine Nächte im Caravan zu verbringen ist außerdem das Letzte, was ich jetzt noch gebrauchen kann. Ich frage schon überall herum, ob nicht jemand Lust hat, mir Gesellschaft zu leisten, aber keiner ist scharf darauf.«

»Halt, Augenblick mal!« Meredith schoss ein Gedanke durch den Kopf. »Caravan? Du musst in einem Caravan schlafen und möchtest jemanden, der dir Gesellschaft leistet? Ich bin dabei!«

»O nein!« Ursula klang gestresst. »Deswegen habe ich nicht angerufen, wirklich nicht. Du hast deine eigene Arbeit und deine eigenen Probleme.«

»Ich habe eine Woche Urlaub, aber ich habe Probleme, glaub mir! Die Vorstellung, dass ich sie für ein paar Tage hinter mir lassen kann, ist geradezu wunderbar!«

»Aber hier draußen wird es bestimmt nicht wunderbar. Die Umstände sind ziemlich unangenehm, und es ist kein richtiger Wohnwagen. Es ist ein schmutziger, alter Anhänger – voll mit unserem Arbeitszeug.«

»Im Augenblick«, antwortete Meredith grimmig, »würde ich wahrscheinlich sogar auf einer Parkbank schlafen.«

 KAPITEL 4 

»Noch etwas Kaffee?«, fragte Ursula. »Einen Likör oder einen Tropfen Brandy?«

»Nein, danke. Ich schlafe sonst ein.«

Merediths Angst einzuschlafen war wohlbegründet. Toby war gegen Mitternacht zurückgekommen und hatte bis ein Uhr nachts seine Rockmusik laufen lassen. Meredith war früh aufgestanden, um herzufahren. Gegrilltes Lamm mit Pfefferminzsauce und Kompott mit Sahne als Nachtisch hatten ihr den Rest gegeben. Jetzt saßen sie und Ursula im hübschen Garten der Familie, und die warme Sonne wirkte auf Meredith wie ein Schlafmittel. Erneut zwang sie sich dazu, sich auf das Thema der Unterhaltung zu konzentrieren.

»Ich könnte dir die eine oder andere Geschichte über uneingeladene Gäste erzählen«, murmelte sie.

»Bestimmt sind deine Gäste nicht wie unsere New-Age-Typen. Die sind verdammt hartnäckig. Und das Gesetz ist so kompliziert. Sie haben vom Land Besitz ergriffen, das ist das Problem. Selbstverständlich halten sie sich unbefugt dort auf, aber das ist eine zivilrechtliche Angelegenheit, und die Polizei ist nicht scharf darauf, unbarmherzig gegen sie vorzugehen. Zu dem Konvoi gehören auch kleine Kinder, und die Sache könnte in Gewalt enden. Andererseits könnte die Grabung zum reinsten Desaster werden.«

»Ich fühle mit dir, glaub mir!« Vor Merediths geistigem Auge erschien Toby, ausgebreitet auf dem Klappbett, die leeren Bierdosen im Mülleimer. Sie erzählte Ursula von ihrem Mitbewohner. »Obwohl meine Lage nicht ganz mit deiner übereinstimmt. Aber Toby ist nun einmal da, und er plant ganz offensichtlich zu bleiben.«

»Jede Wette, dass das deinem Polizisten gar nicht gefällt.«

»Mir gefällt es noch viel weniger! Außerdem ist Alan nicht ›mein Polizist‹! Und ich mag Toby eigentlich ganz gerne. Er ist nur unglaublich schlampig und laut.«

»Dann haben wir also beide unsere Probleme.« Ursula verstummte und spielte mit ihrem Kaffeelöffel. »Ich hätte dich nicht mit meinen Problemen belästigen sollen. Du bist den ganzen Weg von London hierher gekommen. Ich hab jedem gesagt, ich würde heute zu Hause meine Berichte schreiben. Ich konnte die anderen nicht ertragen, ganz besonders Dan.«

»Dafür sind Freundinnen da.« Meredith beobachtete sie. »Ich war so froh, aus dieser Wohnung zu kommen, dass dieser Besuch eine richtige Rettungsleine war! Aber falls du deine Meinung geändert hast und nicht mehr über dieses andere Problem sprechen willst … du hast doch noch etwas auf dem Herzen, oder nicht? Und es belastet dich eine ganze Menge mehr als die Grabung.«

»Ja«, gestand Ursula beinahe unhörbar leise. »Ich habe meine Meinung nicht geändert. Ich muss mit jemandem darüber reden, und du bist der einzige Mensch, mit dem ich reden kann.« Sie schüttelte unglücklich den Kopf. »Ich war so dumm!«

»Das hast du schon mehrfach gesagt. Wenn es eine Herzensgeschichte ist, lass dir Zeit. Das ist das einzige Heilmittel.«

»Nein, ich habe keinen Liebeskummer. Und Zeit könnte sogar ziemlich wichtig sein.«

Meredith lauschte, während ihre Freundin die ganze Geschichte erzählte.

»Vielleicht ist die ganze Aufregung unnötig«, sagte sie schließlich, nachdem Ursula geendet hatte. »Verheiratete Paare streiten sich eben hin und wieder, und der eine Ehepartner kann sich durchaus vorübergehend oder auch für immer vom anderen verabschieden. Es ist eine peinliche Angelegenheit, und wenn die Leute Fragen stellen, antwortet man eben mit Ausreden. Dan hat gesagt, seine Frau sei zu ihrer Mutter nach Bamford gefahren. Die Tatsache, dass du ihn der Lüge überführt hast, bedeutet nicht notwendigerweise, dass etwas Schlimmes geschehen ist.«

»Das weiß ich selbst. Aber sie ist seit mehreren Tagen verschwunden, und wenn das ihre Handtasche war, dann hat sie weder ihre Kreditkarten noch ihre Wagenschlüssel dabei. Und vergiss nicht die Korrekturausdrucke! Ganz gleich, wie wacklig ihre Ehe sein mag, sowohl Natalie als auch Dan lieben ihren jeweiligen Beruf. Natalie würde ihren Verleger niemals im Stich lassen.« Sie zögerte. »Du könntest nicht zufällig ein paar Worte mit deinem Polizisten über die Sache wechseln?«

»Es ist nicht sein Gebiet. Er ist in Bamford, meilenweit entfernt. Die Sache geht ihn nichts an.«

»Aber vielleicht fällt ihm etwas ein!«

»Er ist keine Briefkastentante!«, sagte Meredith verärgert, als sie sich Alans Reaktion ausmalte. »Ich denke, du solltest zuerst versuchen, noch einmal mit Dan zu reden. Sag ihm, dass du dir Sorgen machst. Schlimmstenfalls lacht er dich aus.«

»Er würde nicht lachen. Er würde die Fassung verlieren. Er hasst es, wenn ich über Natalie spreche. Außerdem gehört er nicht der Sorte Mensch an, mit der man reden kann. Er erzählt Lügen!«, schloss Ursula düster.

Ironisch erinnerte sich Meredith, dass sie selbst auch schon viel zu häufig ähnliche Fehler wie Ursula begangen hatte, daher konnte sie sich ausmalen, wie eine intelligente Frau wie Ursula auf einen Mann ...

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